Welt-Bilder | 05.2 | Das Welt-Bild des frühen und hohen Mittelalters I - 13.11.2012

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by dorftv

Univ. Prof. Dr. Walter Ötsch
Vorlesung „Themen und Theorien der Kulturwissenschaften I“ an der Johannes Kepler Universität Linz im Wintersemester 2012

5. Stunde – Teil 2, 13.11.2012
Das Welt-Bild des frühen und hohen Mittelalters I

1. Objekt-Konzept

Keine Subjekt-Objekt-Unterscheidung

Das subjectum = das „Unterliegende“, bei Aristoteles das hypokeimenon: im ontologischen Sinn der Träger einer Eigenschaft.
Das objectum ist der Gegenentwurf zum „Unterliegenden“ = etwas Vorgestelltes (antikeimenon)

Erst im 17./18. Jhdt wird das Objekt zum Gegenstand, der dem Subjekt gegenübersteht.

Ein „Objekt“ in der Antike und im Mittelalter

existiert nicht für sich alleine als Einzel-Objekt: Philosophie des Universalismus:
Universalien (Gattungsbegriffe) vor oder in Einzel-Dingen: System-Objekte, universalia sunt realia
kann nicht auf Materielles (in unserem Verständnis) reduziert werden.

Antike und mittelalterliche „Objekte“ sind reichhaltiger:

Dinge sind zweckhaft. Sie besitzen einen inneren (ihnen wesentlichen) Zweck, – unabhängig davon, was Menschen mit ihnen anstellen.
Dinge sind werthaft. Sie besitzen einen inneren (ihnen wesentlichen) Wert, – unabhängig davon, was ihre Werthaftigkeit für Menschen ausmacht.
Dinge sind symbolhaft. Sie stellen in innerer (ihnen wesentlichen) Verbindungen zu anderen Dingen, – unabhängig davon, ob Menschen fähig sind, diese symbolischen Zusammenhänge zu erkennen.

(ad 1): Die Zweckhaftigkeit der Dinge

enteléchia oder Teleologie, nach Aristoteles zurück
Die Welt ist ein sinnvolles Ganzes, das hierarchisch geordnet ist. Alle Dinge sind auf einen Zweck gerichtet .
Konzept des „natürlichen Ortes“
Spärenmodelle
Dionysios Aeropagita: eine Hierarchie von Sphären hin zu Gott
Ordo-Konzepte der Gesellschaft: die soziale Sphäre als natürlicher gesellschaftlicher Ort.
Essenz und Existenz bzw. Potenz und Akt bei Thomas von Aquin: Die Dynamik der Dinge im Spannungsfeld von Potenz und Akt

(ad 2): Die Werthaftigkeit der Dinge

Jedes Ding besitzt einen inneren (intrinsischen) Wert.
Konzept der bonitas intrinseca
Ding und Wert bilden eine organische Einheit.
Erkenntnistheorie und Ethik sind nicht getrennt.

(ad 3): Die Symbolhaftigkeit der Dinge

Dinge sind Zeichen, Kennzeichen, Symbole, – sie weisen auf anderes hin.
Jedes Stück Holz, jede Pflanze und jedes Tier ist Teil eines symbolischen Ringes, der alles Erschaffene umschlingt.
Das Wort Symbol (im Lateinischen symbolum) geht auf das altgriechische Wort symbolon zurück, wörtlich „Zusammengefügtes“. Ein symbolon ist ein Erkennungs-Zeichen, das aus zwei Teilen besteht. Ein Ring wird in der Mitte auseinandergebrochen und an zwei Personen verteilt. Jede besitzt die Hälfte des Rings. Treffen sie sich wieder, dann können sie die beiden Bruchstücke aneinander legen.
Jeder Teil ist ein Erkennungs-Zeichen für den anderen, das Symbol beweist ihre Einheit. Aneinander gefügt ergeben sie ein Ganzes.
Dinge sind symbol-geladene Materie. Sie formen ein riesiges Netzwerk geknüpft aus symbolischen Fäden.
Die Welt ist ein endloses Band von Anziehung und Abstoßung, von Sympathie und Antipathie, von Ähnlichkeit und Unähnlichkeit.
Konstruktionen von Zusammenhängen nach den Prinzipien von Sympathie und Antipathie, Ähnlichkeit und Unähnlichkeit.
Nach diesen Prinzipien kann man tausende Dinge verweben.
Personen, Ereignisse und Orte sind symbolformenden Strahlen ausgesetzt. Ern Ding bleibt nur dann ident, wenn sich Ähnlichkeit und Unähnlichkeit, Sympathie und Antipathie in ihm die Waage halten. Jeder Gegenstand wird von dynamische Spannungen in einem Schwebezustand gehalten.

[Frage zur Magie des mittelalterlichen Christentums]

2. Das Zeichen-Konzept

Semiotik (von seimeion = „Zeichen, Signal“): die Wissenschaft von den Zeichen: Bilder, Gesten, Formeln, Sprachen, Geld, …
Der Zeichenbegriff der strukturalistischen Sprachwissenschaft (Ferdinand de Saussure): ein Zeichen ist die Beziehung (Verbindung) zwischen Bezeichnetem (Signifié, Signifikat) und Bezeichnendem (Signifiant, Signifikant).
Im frühen und hohen Mittelalter sind Zeichen keine rein sozialen Konventionen, unabhängig von dem, worauf sie hinweisen, sondern direkt an Realität „gekoppelt“.
Das Zeichen berührt gleichsam das Bezeichnete (ich spreche vom „berührenden Raum“ des Mittelalters).
Worte sind von Dingen zu unterscheiden (ein Wort ist kein Ding), können aber prinzipiell von Dingen nicht getrennt werden, weil sie etwas ähnlich-gleiches „sind“. Wort und Ding, Zeichen und Bezeichnetes „berühren“ einander, sie sind magisch verbunden. Sie sind teilweise „ident“ und besitzen einen gleichen „Wesens-Kern“.

(1) die Magie der Sprache

durch Worte verzaubern
Das ausgesprochene Wort bzw. die Laute als Zeichen besitzen eine „innere“ Kraft, sie wirken wie ein Heilkraut oder eine Medizin.
Die Wirkung eines Fluches, die Wirkung eines Gebetes
Das Lautzeichen besitzt reale Wirkung: „Die magische Kraft des Namens bewirkt, dass das genannte Wesen mit dem Aussprechen oder Ausrufen des Namens selbst präsent ist.“ (Gloy 1995; S. 51).
Die mächtigste Waffe der Kirche war (und ist) die Exkommunikation. Die Bußexkommunikation versetzt den Sünder in den Büßerstand, die schwere Exkommunikation (anathéma) schließt ihn völlig von der Gemeinschaft der Gläubigen aus. Wer von der Kirche zurückgewiesen wurde, ist wie von einem ansteckenden „Fluchstoff“ behaftet, er ist eine Gefahr für andere Menschen.

(2) die Wirkung von Bildern

Ein Bild müsse, so wurde gesagt, von der Person der Substanz nach unterschieden werden. Es sei allerdings – durch eine Kraft-Übertragung (hypóthasis) – nach Sinn und Bedeutung der dargestellten Person gleich.
Dem Bild kommt jene Kraft und Gnade (cháris) zu, die der Heilige auf Erden hatte, und jetzt im Himmel, nahe bei Gott, immer noch besitzt.
Bilder werden zu magischen Berührungs-Zeichen, fast wie eine Reliquie.
Bilder stellen eine Sache nicht nur dar, sie „sind“ diese bereits auch.
Gott und die Heiligen sind im Bild gleichsam anwesend. Sie laden den Ort, an dem sie aufgestellt sind, magisch auf.

(3) die Zahlenmagie

Zahlen sind nicht nur Zeichen für Mengen und quantitative Relationen. Sie weisen auch auf symbolische Zusammenhänge hin.
Wenn man Zahlen wie im griechischen oder lateinischen Zahlenalphabet durch Buchstaben darstellt, dann besitzen Worte einen Zahlenwert. Verschiedene Worte mit dem gleichen Zahlenwert sind damit zeichenmäßig verbunden: ihre „innere“ Zahl ist ein Hinweis für eine Verbindung, die es „wirklich“ gibt.

http://www.walteroetsch.at/videos-von-vorlesungen/videos-zur-vorlesung-…

Videoproduktion: Alexander Grömmer und JKU
Video auf youtube: http://bit.ly/1SQo4NG

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