Welt-Bilder | 11.1 | Welt-Bilder der deutschen Romantik II - 15.1.2013

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by dorftv

Univ. Prof. Dr. Walter Ötsch
Vorlesung „Themen und Theorien der Kulturwissenschaften I“ an der Johannes Kepler Universität Linz im Wintersemester 2012

11. Stunde, 15.1.2013
Das Welt-Bild der deutschen Romantik II

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10. Das romantische Liebes-Konzept (Fortsetzung)

Die Individualität in der verschmelzenden Liebe jenseits sozialer Identität.
Die Liebe wird unbedingt. Sie löst sich von den Geboten der Tugendhaftigkeit und erhebt einen Unbedingtheitsanspruch, der sich auf die Unvergleichlichkeit des / der Geliebten bezieht.
Man kann nur eine einzige Person in dieser Weise lieben. Die Liebe als exklusive Zweier-Beziehung, abgeschottet gegen den Rest der Welt (Identität nach innen und paarbildende Differenz nach außen).
Die romantische Liebe will alle Unterschiede zwischen den Partnern zu einer Einheit ohne Entfremdung verschmelzen.
Die Liebe sprengt die soziale Ordnung.
Gegen die aufklärerische Idee einer Kontrolle der Gefühle, der Herrschaft der Vernunft über die Gefühle: die Liebe kommt aus einer „mysteriösen Tiefe“.
Die Liebe als machtvolle Anziehung, als treibende Kraft jenseits des bewussten Wissens.
Liebesfähigkeit = Empfindungsfähigkeit = Leidensfähigkeit.
Die Ehe als „Seelengemeinschaft“, als lebenslange freundschaftliche Bindung.
Die Liebe ist ewig. Sie bedarf keiner juristischen Sicherungen.
Die Liebe hebt die Zeit auf.
Die Einzigartigkeit der Liebe lässt die Bedingungen der Außenwelt irrelevant werden.
Eine wechselseitige Hingabe zu Verschmelzung, Selbstfindung und Steigerung des Ich:
„Sie waren ganz hingegeben und eins und doch war jeder ganz er selbst, mehr als sie es noch je gewesen waren.“ (Friedirch Schlegel)
Sexualität als Moment der Identitätsfindung.
Eine Autonomie-Konstruktion: man kann sein Leben, auch in dieser Hinsicht, selbstbestimmt in die Hand nehmen.

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11. Das romantische Lebensprogramm von Selbstverwirklichung

Das romantische Ideal der individuellen Selbstverwirklichung
Ein Leben in Harmonie, Phantasie und künstlerischen Aktivitäten
Die Ideale der Französischen Revolution von „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ wurden begrüßt, aber nicht politisch gedeutet.
„Freiheit“ ist nicht Emanzipation des Staatsbürgers
„Freiheit“ = Freiheit der Person
„Gleichheit“ ist nicht Abschaffung des Adels oder gleiche Rechte für das einfache Volk
„Gleichheit“ = weitgehende Angleichung an den Adel, Zugang zu Machtpositionen
„Revolution“: vor allem im privaten Bereich
Die deutschen Idealisten sind bürgerliche Intellektuelle mit einem Sendungsbewusstsein.
Vereint durch die deutsche Sprache als Kulturraum. Politisch war das Gebiet in hunderte Einzelstaten aufgesplittert.

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12. Soziale Hintergründe der deutschen Romantik

Die Romantik ist eine Sache bürgerlicher Eliten, einer kleinen Minderheit.
Eine Massenwirkung kommt erst viel später.
Ein bürgerlicher Wunsch – gegen die Herrschaft des Adels und der Kirche – nach einem autonomen Leben ohne Zwänge und Bevormundungen.
Für Meinungs- und Denkfreiheit einer Elite.
Die Lebensumstände und Rechte des „gemeinen Volkes“ werden kaum thematisiert.
Die deutschen Romantiker kommen v.a. aus dem gebildeten Beamtenfamilien, auch Pfarrerkinder, auch Adelige
Ihre Eltern waren gebildet, offene Familien mit vielen Kontakten
Die deutschen Romantiker bilden eine eigene Subschicht
Auch intensive Geschwisterkontakte
Die Französische Revolution als das prägende Schlüsselerlebnis der deutschen Romantiker
1789/90 waren viele führende Romantiker 18-22 Jahre alt
10 Jahre intensive Auseinandersetzung.
Zuerst stürmische Begeisterung, dann Ernüchterung und Abkehr.
Die meisten Romantiker sind an Universitäten, ein Zentrum war Jena
Ein intellektueller Aufbruch mit intensiven Auseinandersetzungen

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13. Romantische Idyllen und patriachale Ordnung

Die deutsche Romantik wurde auch von Frauen getragen.
Bekannt wurden u.a. Sophie Nerau, Henriette Herz, Rahel von Varnhagen, Sophie von La Roche, Johanna Schopenhauer, Karoline Böhmer (verheiratete Schlegel)
Sie brachen bewusst mit der Tradition und wollten selbständiger werden.
Eine eigenständige Berufstätigkeit stand noch außerhalb der Erwartungen und Möglichkeiten.
Aufwertung der sozialen Position im Haushalt durch Gesprächspartnerinnen und selbstbewusste Mütter
Frauen wurden Hauptabnehmerinnen der schöngeistigen Bücher und Zeitschriften
Eine Bildungskultur im Hause
Programmatik wechselseitiger (scheinbar gleichberechtigter) Ergänzung versus de-facto-Patriarchat:
Durch die Liebe zur Frau findet der Mann zu sich selbst.
Die Persönlichkeit des Mannes wird durch die Frau gesteigert.
„Die Geliebte ist dem Geliebten funktional zugeordnet. Sie ist seine Erlöserin, die ihn aus allen Widrigkeiten der inneren und äußeren Zerrissenheit zur Einheit mit sich selbst läutert.“ [Saase, S. 53].
Ein männlich geprägter Erlösungs-Mythos: die Frau wird erhöht, um sie den höheren Zwecken des Mannes zu unterwerfen.
Der Mann wird als zerrissene Gestalt geschildert, der durch die Frau erlöst wird.
Das Schema der romantischen Liebesgeschichten besteht aus zwei Grundmotiven:
die problematische Existenz des Mannes, den es irgendwie nach Erlösung verlangt, und
die Erlösung, die ihm dann durch eine Frau zuteil wird.
Fichte Naturrecht :

„Im Begriff der Ehe liegt die unbegrenzteste Unterwerfung der Frau unter den Willen des Mannes.“
Die Frau ist Teil eines Binnen-Verhältnis in der Ehe. Der Mann repräsentiert die Ehe nach außen. Die Frau ist dieser Repräsentanz untergeordnet, weil sie mit dem Manne in Liebe verschmolzen ist.
Heinrich von Kleist, Brief an seine Braut Wilhelmine von Zenge vom 30.5.1800:

„… dass der Mann nicht bloß der Mann seiner Frau, sondern auch noch ein Bürger des Staates, die Frau hingegen nichts als die Frau ihres Mannes ist; dass der Mann nicht bloß Verpflichtungen gegen seine Frau, sondern auch Verpflichtungen gegen sein Vaterland; die Frau hingegen keine anderen Verpflichtungen hat, als Verpflichtungen gegen ihren Mann; dass folglich das Glück des Weibes zwar ein wichtiger und unerlässlicher, aber nicht der einzige Gegenstand des Mannes, das Glück des Mannes hingegen der alleinige Gegenstand der Frau ist; dass daher der Mann nicht mit allen seinen Kräften für seine Frau, die Frau hingegen mit ihrer ganzen Seele für den Mann wirkt.“
[Frage zu diesem Zitat]

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14. Der gespaltene Bürger des 19. Jahrhunderts

agiert in zwei Welten, räumlich und zeitlich getrennt:

private Binnen-Sphäre:
empfindsamer Umgang mit geliebten Menschen, romantische Liebes-Beziehungen zu Frau und Kindern, Regeln von Empathie und Gefühl, als kompensatorische Welt, Sphäre der Erziehung, die dem Mann seine Einzigartigkeit verleiht.
öffentliche Außen-Sphäre:
unpersönliche Regeln der gesellschaftlichen Rationalität (Fabrik, Börse, Politik, …), eine kalkulierende Vernünftigkeit, Erwerbskampf nach Regeln der Konkurrenz und der individuellen Klugheit, Sphäre der öffentlichen Behauptung und Durchsetzung gegen andere, der Mann als funktioneller Teil von Gesellschaft, Politik und Wirtschaft.
[Frage zu romantischen Idealen und der wirklichen Lebenspraxis]
Wie geschieht die Integration in der Lebenswirklichkeit?

Vergleich mit uns

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15. Romantische Malerei

Landschaftsmalerei ist früher kein höheres Genre.
Die Gattungshierarchie im 17. Jhdt. an der französischen Akademie
André Félibien 1776 Conférences: Gattungs-Hierarchie:
Von niedrigsten zu hohen Gegenständen:
Früchte, Muscheln, Blumen à Landschaftsdarstellung à lebende Gegenstände à die menschliche Figur à das Figurenensemble à eine bedeutsame Aktion, Historie à diese in allegorischer Einkleidung, wie Fabel, Mythos: Helden, Könige, Heilige.
Im 18. Jahrhundert emanzipieren sich die „niedrigen“ Gattungen.
Der Künstler wird schrittweise aus höfischen und kirchlichen Bindungen entlassen.
Das Beispiel von Mozart
Der Platz des Künstlers in der Gesellschaft wird fragwürdig.
Der Künster wird auf sich zurückgeworfen und stellt den Prozess seines Tuns in Frage.
Die Kunst verliert die Verbindlichkeit ihrer Inhalte und Darstellungsformen und gewinnt neue Ausdrucksmöglichkeiten.
Das traditionelle Konzept des Helden gerät schrittweise in Krise.
Vom “Helden” zum “Genie”
Themen aus der Gegenwarts-Erfahrung:

William Hogarth: ab 1735 privatbürgerliche Sozialeinrichtungen als Darstellungen christlicher charity.
Daniel Chadowiecki 1767: Der Abschied des [zum Tode verurteiten] Calas von seiner Familie als Demonstration exemplarischen Sentiments eines tagespolitischen Ereignisses.
Jean-Baptiste Greuze 1763 Der Gelähmte: das ganze Bild als einzige Gefühlsaufwallung. Nach Diderot ist nicht mehr die Darstellung der Geschichte das künstlerische Ziel dieses Bildes, sondern die Wirkung des dargestellten Sentiments auf den Betrachter.
Romantische Malerie als Gefühls-Malerei

Ein bewusster Bruch mit der historischen Tradition erfolgt in der Kunst der Französischen Revolution.

z.B. Jacques-Louis David 1793 Der ermordete Marat: als Märtyrerbild des Jakobiner David für die offizielle Gedächtnisfeier des Nationalkonvent. Der reale Marat springt den Betrachter an. Der Zettel weist aus dem Bild auf uns. Marat wirkt zugleich surreal, in der Pose des toten Christus.
Die „niedrige“ Genre Landschaft steigt im 18. Jahrhundert auf.

In der Romantik kommt der Landschaftsmalerei kommt der erste Platz zu.

Caspar David Friedrich:

Rückenansichten: man sieht mit der dargestellten Person mit.
Die zahlreichen Rückenansichten zeigen die Entzweiung zur Natur und zugleich die religiös-betrachtende Anschauung der Natur.
Rstille und unbewegte Figuren, versunken in die Betrachtung der Natur, manchmal (wie in der Frau vor untergehender Sonne) sogar im Anbetungs-Gestus.
Der Mönch am Meer [um 1808/09] verrichtet sein Gebet vor der Natur selbst. 3/4 des Bildes nimmt der Himmel ein. Am Strand steht einsam und allein ein Mönch.
eine weitgehend von zivilisatorischen Elementen freie Natur
eine mächtige Natur, die gewaltiger ist als alle Versuche der Menschen, sie zu unterwerfen.

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16. Das romantische Musik-Konzept

im 18.Jahrhundert: encyclopédie: Musik als „harmloser Luxus“, auf „letzter Rangstufe“ der nachahmenden Künste
Barocke Musikkomposition: ein eher mathematischer Zugang
Große Gefühle werden im Barock Göttern, Halbgöttern und sagenhaften Heroen zugeschrieben.
Die romantische Musik schreibt Gefühle allen Menschen zu.
In der Barockmusik: Nur zwei Lautstärken: crescendo und diminuendo.
Bis ins 18. Jahrhundert: Musik sollte „Affekte“ aktivieren (Typologie von Affekten), geschlossene Affekt-Charaktere. Jede Szene bildet nur einen Affekt ab. Keine konsistente psychologische Änderung und Entwicklung der Charaktere
Im 18.Jahrhundert: Erfindung der stufenlosen Nunancierung der Lautstärke
Ab 1781/82: die „Klassik“, die romantische Musik-Revolution, die „emotionale Revolution“
1781: Haydn Streichquartett opus 33
1782: Mozart Die Entführung aus dem Serail
Der neue Kompositionsstil stellt Gefühle dar, löst Gefühle aus und ist auf der Ebene von Gefühlen zu rezipieren.
Mozart zeichnet seine Opernfiguren als Individuen.
Es geht um das Innenleben der Akteure.
Konsistente plausible Charaktere, die sich entwickeln
Verdis Otello: Vom romantisch liebenden Ehemann und strahlenden Kriegshelden über den eifersüchtigen Ehemann, der die Gattin öffentlich demütigt und sich selbst blamiert, bis zum Mörder seiner Angebeteten.
Die romantische Musik kommt aus dem tiefsten Inneren.
Die Förderung einer „Kunst des Zuhörens“
im 18. Jhdt war es in der Oper laut, wie in einem Klub oder einem Wirtshaus (Essen, reden, Prostituierte, …)
im 19. Jhdt wird das „andächtige Schweigen“ zur Kulturnorm.
o Feldzug der Romantiker gegen die „Musikbanausen“
o Applaus nicht spontan, sondern zum richtigen Zeitpunkt
o keinerlei öffentliche Gefühlsäußerungen erlaubt
Die Musik wird zur „Hauptkunst des Jahrhunderts“
Musik als eine Art säkularisierter Religion, eine weihvolle Stimmung beim Konzert, Musikhören als feierlicher Akt
Es geht um das Sich-Hingeben an Gefühlen, Mitschwimmen mit den Gefühlen
Eine „aktive Passivität“: „ich war im Innersten tief und heilig erschüttert.“
Ideologie von Rührung und Tränen.
Nietzsche: Wie nach der neueren Musik sich die Seele bewegen soll: „Man soll schwimmen“, „schweben“
Wagner über die Entstehung des Rheingold 1853: Inspiration aus dem subjektiven Unbewussten: „ein somnambuler Zustand“, „als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke“. Dieses „Rauschen“ wird dann in Musik umgesetzt.
Wagner-Kult, Festspielhaus in Bayreuth – erstmals: man konnte sämtliche Lichter löschen und die Orchestermusiker samt Dirigenten in einen Orchestergraben versenken, sodass sie für die Zuseher unsichtbar wurden.
In der Oper geht es vor allem um die Musik, nicht um den Text.
Die Musik dient der Darstellung von Gefühlen, die Handlung folgt der Logik der Gefühle.
Die vertiefte Gefühls-Beziehung zwischen Mann und Frau als Hauptthema der romantischen Oper.
Eine Fülle von Liebes-Themen. Gezeigt wird eine tief empfundene Zuneigung.
Die Bösewichte in der romantischen Oper sind (in der Regel harmlose) Menschen ohne Gefühle.
Der Zwerg Alberich im Ring der Nibelungen verflucht in der ersten Szene des Rheingolds die Liebe und bemächtigt sich so des Rheingolds. Das Gold verleiht ihm verderbenbringende Macht. Daraus entwickeln sich alle Konflikte und Verstrickungen, die schließlich in der Götterdämmerung (dem letzten Teil der Trilogie) zum Untergang der Welt führen.
Die Moral von der Geschichte: die vormoderne Gefühlsarmut ist eine Gefahr für die Welt.
Gefühle in den romantischen Märchen
Das Beispiel von Hänsel und Gretel

http://www.walteroetsch.at/videos-von-vorlesungen/videos-zur-vorlesung-…

Videoproduktion: Alexander Grömmer und JKU
Video auf youtube: https://www.youtube.com/watch?v=Nd3X1W3sGuU&list=PLxR1evLJul6ZVUiQQNDR6…

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