WOHNBAU GERSTNERSTRASSE 2

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Created at 18. Feb. 2022

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by architektenfreund

WOHNBAU GERSTNERSTRAẞE 2
Julius Schulte, 1927

An der Ecke Ferihumer-/Gerstnerstraße in Linz-Urfahr realisiert die Bau- und Wohnungsgenossenschaft Familie 1927 einen modernen Großwohnbau (18 Wohnungen) nach Schultes Plänen. Das späthistoristisch gestaltete Bezirksgericht (E. F. Hillbrand, 1909) bildete damals den östlichen Rand der verdichteten Bebauung von Urfahr. Schulte stellt dieser Nachbarschaft ein explizit modernes Gebäude in reduzierter Formensprache und ursprünglich auffallender Farbigkeit gegenüber. Die nicht ganz rechtwinkelige Ecksituation nutzt er, um das fünfgeschoßige Wohngebäude mit einer dynamischen Geste in den Straßenraum „vorstoßen“ zu lassen, wobei das Halbrund zwischen den beiden Straßenfluchten vermittelt. Der Tradition entspricht die architektonische Abfolge von Sockelgeschoß, Hauptgeschoßen und horizontaler Attika. Die Rustika wird allerdings nur durch plastisch vor die Wand tretende, vertikale Reststreifen, die mit quadratischen Fenstern abwechseln, angedeutet. Das abstrahierende Zusammenspiel der architektonischen Einzelelemente führt zu einer fast grafischen Wirkung der Fassaden. Wie bei den gleichzeitig entstandenen Bauten in der Figulystraße entwickelt Schulte hier eine für Linz neue, ungewöhnlich moderne innerstädtische Wohnbautypologie. Um die Ecksituation im Inneren räumlich zu bewältigen, werden die sanitären Funktionen im Winkel zwischen den beiden Gebäudeflügeln auf engstem Raum konzentriert. So lassen sich die straßenseitigen Zimmer in durchlaufenden Fluchten aneinanderreihen. (Georg Wilbertz)

Georg Wilbertz

Der Architekturhistoriker kuratierte gemeinsam mit Andrea Bina die Ausstellung GEBAUT FÜR ALLE, die im Nordico Stadtmuseum Linz bis 18. April 2022 zu sehen ist. Seine Textbeiträge im begleitenden Buch umfassen u. a. die Biografie von Julius Schulte sowie elf Detailbeschreibungen seiner Bauwerke in Linz und Oberösterreich.

„Das Haus funktioniert heute in der gleichen Weise mit dem Stadtraum wie vor hundert Jahren. Es wirkt dynamisch, es wirkt sehr angemessen und es hat eine Größe und einen Maßstab, der für Linz eine fast prototypische Rolle hätte spielen sollen und – wenn man sich manche Dinge aus der Jetztzeit anschaut – vielleicht auch noch spielen sollte.“

 

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Kühne Schulte Gegenwart

Filmische Porträts

In nicht einmal zwei Jahrzehnten schufen Curt Kühne (1882–1963) als Stadtbaudirektor und Julius Schulte (1881–1928) als sein Mitarbeiter bzw. selbständiger Architekt wesentliche Bausteine der modernen Linzer Raumentwicklung auf dem Weg zur Großstadt. Unter den äußerst prekären Bedingungen der Zeit zwischen den Weltkriegen planten sie bedeutende Wohnbauten, Schulen und kommunale Einrichtungen für die Stadt, die bis heute in Betrieb und Nutzung sind.

Das afo hat für die Ausstellung Kühne Schulte Gegenwart (19.11.2021–18.2.2022) unterschiedliche Persönlichkeiten – Bewohner*innen, Architekt*innen, Expert*innen, Eigentümer*innen – zum Interview geladen, um anhand von zehn Beispielbauten zu erfahren, was sich rund ein Jahrhundert später von den „sozialen Stadtbausteinen“ der Zwischenkriegszeit lernen lässt: Wie sieht der private oder berufliche Alltag darin aus? Welche Qualitäten werden besonders geschätzt? Was bedeuten diese Bauten und Siedlungen für die Stadt und ihre Bewohner*innen?

Hinweis: Parallel zur Ausstellung im afo zeigt das NORDICO Stadtmuseum Linz bis 18.4.2022 Gebaut für alle. Curt Kühne und Julius Schulte bauen das soziale Linz (1909-1938).

Konzept und Interviews: Tobias Hagleitner

Ton, Kamera, Schnitt: Reinhard Zach

afo architekturforum oberösterreich, 2021

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