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BESTOFF 13 - Presserundgang

von narrenkastl / am 29.10.2013

VORWORT
Die Ausstellung BEST OFF zeigt auch heuer einen Querschnitt aktueller Arbeiten von Studierenden der Kunstuniversität Linz. Wie jedes Jahr wurde eine erfolgreiche Absolventin unserer Universität als Kuratorin beauftragt. Mit Ella Raidel konnten wir für diese Aufgabe eine international erfolgreich agierende Künstlerin gewinnen. Unterstützt wurde sie in ihrer kuratorischen Arbeit von Julia Hartig, bei der Ausstellungsgestaltung von Clemens Bauder. Die Auswahl der gezeigten Arbeiten begleitete der taiwanesischen Künstler Hongjohn Lin (Taipeh University of Arts) und Catherine Hug (Kunsthalle Wien). Gemeinsam wählten sie aus über hundert Einreichungen 35 spannende Positionen aus, welche sich auf subtile Weise in die seit Jahren ungenutzten Raumfluchten der ehemaligen Großbetriebsprüfung des Finanzamts einfügen. Die Ausstellungsräumlichkeiten im Brückenkopfgebäude thematisieren deutlich die seit Jahren ungenutzt vor sich hinträumenden Örtlichkeiten im Zentrum der Stadt, um deren Nutzung wir seit Jahren mit der öffentlichen Hand ringen. Die Präsentation von BEST OFF möge ein letzter Anstoß für die von allen unbestrittene, notwendige Erweiterung der Kunstuniversität in den beiden Brückenkopfgebäuden und der Adaptierung dieser Räumlichkeiten entsprechend des fertig ausgearbeiteten Siegerprojekts des ArchitektInnenwettbewerbes durch Architekt Krischanitz sein, um so mehr als diese Raumreserve bereits in den 50er und 60er Jahren von der Kunstschule der Stadt Linz genutzt wurde.
Rainer Zendron, Vizerektor der Kunstuniversität Linz

BESTOFF13
Best Off – der Titel, den die Kunstuniversität Linz für ihre Jahresausstellung gewählt hat, legt die Vermutung nahe, es handele sich hierbei um die besten Arbeiten, um das Best of der Studierenden des Jahres 2013 – wäre da nicht das zweite „f“. Die dezente Abweichung verleiht dem Ausstellungstitel eine offenere Lesart. Die Studierenden könnten demnach ihre Arbeiten im off (space) präsentieren, auf dem Weg des take off sein, auf dem Weg zum Erfolg, better be off, sich dem Ganzen fern halten oder tatsächlich die Besten sein, so verspricht es zumindest die phonetische Bedeutung. Eine kleine Verschiebung der Zeichen erzeugt eine Fülle neuer Interpretationsmöglichkeiten. Der unhörbare Unterschied zweier Begriffe hat auch Jacques Derrida in seiner Theorie der differ()nce, mit a oder e thematisiert. Beide Begriffe haben im Französischen eine unterschiedliche Bedeutung: differenzieren oder aufschieben. Ihre Aussprache ist gleich. Nur in der schriftlichen Niederlegung der Begriffe wird der Unterschied deutlich. Das systematische Spiel mit den Differenzen der Sprache stellt die Bedeutung der Begrifflichkeit in Frage. Demnach gibt es keine absolute Wahrheit, sondern nur ein Spiel der Signifikanten, das sich den Umständen gegeben wandeln kann. Die minimale Intervention und Verschiebung von Begriffen, Realität oder Wahrnehmung könnte zum Prinzip der Bestoff13 erklärt werden. Die ausgewählten Arbeiten beschäftigen sich auf subtile Weise mit Alltag, gesellschaftlichen, historischen oder räumlichen Kontexten und versuchen diese zu brechen, offenzulegen oder zu manipulieren. Obwohl die Werke aus unterschiedlichen Instituten und Semestern stammen, intervenieren sie alle in Realitäten und eröffnen durch eine Verschiebung in der Wahrnehmung neue Perspektiven.

Als gemeinsame Plattform der Bestoff13 dienen die leerstehenden Räume eines Bürogebäudes. Die ehemalige Großbetriebsprüfung des Finanzamtes im Brückenkopfgebäudes West am Hauptplatz hat eine markante Geschichte. Das Gebäude wurde während des Nationalsozialismus errichtet, und der bürokratische Apparat des Finanzamtes hat allerorts Spuren hinterlassen. Lange Flure, schallgedämpfte Türen, zahlreiche Zimmer mit Türschildern, an denen noch die Namen derer zu lesen waren, die dort gearbeitet haben. Abdrucke und Schatten von Bildern an den Wänden, Aufkleber an den Fenstern, Ablagerungen der Zeit eines bürokratischen Alltags lassen den Raum als einen historischen erfahren. Leerstellen, die allerorts auf das Abwesende, die Vergangenheit des Gebäudes hinweisen. In diese vorgegebene Atmosphäre wurden die Arbeiten der Studierenden installiert, mit dem Ziel, die Räume in ihrem Zustand zu belassen, die Spuren nicht zu verwischen, sondern durch kleine Eingriffe die Inhalte zu verdeutlichen, die Raumordnung neu zu konfigurieren und damit zu neuer Sichtweise zu verhelfen. Mittels einer Inszenierung der Räume werden die BetrachterInnen durch die Ausstellung geleitet: die Werke interagieren mit dem Gebäude in Form von minimalen Interventionen. Architektonische Elemente werden neu gesetzt, Lichtkörper geschwenkt und manche Arbeiten fügen sich fast unscheinbar in das Szenario. Der erste Stock widmet sich Arbeiten, die sich subtil in die Architektur einfügen. Artefakte wie ein Brief, ein Säulenelement oder eine Glühbirne erzählen Geschichten, die sich so sehr an den Ort assimilieren, dass die Fiktion als Faktum angenommen werden kann, wie zum Beispiel die Arbeit von Jens Höffken. Der Brief einer Sekretärin beschreibt eine Szene unter schwierigen Arbeitsbedingungen im Prag von 1968, die sich im Botschaftsviertel zwischen zwei Häuserfronten abspielte. Ein Blick aus dem Fenster auf das gegenüberliegende Gebäude erweitert die Erzählung in die Gegenwart. Qu Jiannan’s A4 Blatt steht frei in einem großen Raum und lockt die Interessierten durch seine Einfachheit an näher zu treten, um dann den Satz darauf zu lesen, man solle gerade dies nicht tun. Die Inszenierungen erschaffen vielschichtige Beziehungen zwischen BetrachterInnen und Objekt, Gegenstand und Raum, subjektiver Wahrnehmung und Geschichte werden in dieser Dialektik präziser. Auch die Arbeiten im zweiten Stockwerk der Ausstellung operieren mit geringen Verschiebungen. Hentschel Ricos abgehängter Deckenraster erscheint beispielsweise als Bestandteil des Raumes und wirkt doch gleichzeitig höchst irritierend. Als Systemfehler bezeichnet er seine Arbeit, die durch eine geringe Abweichung, einen Fehler in unseren Ordnungs- und Wahrnehmungsprinzipien eine neue Perspektive eröffnet. Barbara Lindmayrs Gerinnung dringt radikal in die Architektur ein und zersetzt die monumental wirkende Empore durch das Ausfließen zähflüssiger Melasse. Täuschung und Humor sind die subtilen und subversiven Mittel, mittels deren Arbeiten den Raum von seiner schweren Historie erleichtern. Viele der Studierenden präsentieren durchdachte und ausgereifte Werkgruppen, Abschlussarbeiten, Kataloge und Ergebnisse von Recherchen oder Studienreisen, die bereits in anderen Ausstellungen zu sehen waren oder Auszeichnungen erhielten. Bei anderen handelt es sich oftmals um Fragmente, Ansätze für Arbeiten oder Arbeitsskizzen. Bestoff13 zeigt einen Querschnitt an Arbeiten eines Jahres, und versucht mit den räumlichen Gegebenheiten eines Leerstandes die besten Rahmenbedingungen für deren Präsentation zu schaffen.
Ella Raidel, Kuratorin

(Text: Ella Raidel)

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