Augenbrei mit Sollbruchstellen

Der Professor für zeitbasierte Medien Christoph Nebel gibt einen historischen Überblick über die Entwicklung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, stellt die Nachhaltigkeit des Formats in Frage und liefert Vorschläge, um das Fernsehen wieder relevant zu machen.

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Fernsehen hat die Lebensweise der Menschen beeinflusst. Die Ausgangslage von Christoph Nebels Recherche sind mindestens 50 Jahre deutschsprachiges Fernsehen. Der Start der weltweit ersten regulären Fernsehstation war „Paul Nipkow“ im Jahre 1934 in Berlin-Witzleben, also dem Deutschen Fernseh-Rundfunk. Eine sogenannte „Test-Karte“, welche ein Hakenkreuz zeigte, war das erste Bild, welches man sah. Die Fernsehapparate waren zu teuer für einen einzelnen Privathaushalt. Daher gab es Fernsehstuben, wo man sich traf, um gemeinsam fernsehen zu können. Das Programm war überschaubar, doch das junge Fernsehen wurde für Propaganda, Verbreitung von rechten Ideologien und als Manipulations-Maschine verwendet.

Am Wohnzimmerkamin kam die Familie wärmesuchend zusammen, um miteinander zu sprechen und Nachrichten auszutauschen. Später bekam der zentrale Raum zum Nachrichtenaustausch und Geschichten erzählen allerdings Konkurrenz vom Fernseher. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Fernsehen zum Mittelpunkt der Familie geworden ist. Im Gegenteil, was der Apparat repräsentiert und verkörpert, ist Dezentralisierung. Was sich ebenso durch das Fernsehen geändert hat, ist die Anordnung von Wohnzimmermöbeln. Früher stand das Fernsehgerät irgendwo in einem Eck, im Hintergrund, damit man sich auch ohne noch gut unterhalten kann.

In einem heutigen Musterwohnzimmer dagegen dreht sich alles um den riesigen Flachbildschirm.

Wohin sind nun die vom Fernseher verdrängten Wohnzimmertische migriert? Diese zentralen Objekte wanderten wiederum in die Fernsehstudios. Sämtliche Diskussionen über Kultur, Politik, Gesellschaft wurden am „runden Tisch“ im Fernsehen übertragen. Mit der Zeit wurden in Fernsehstudios Bürotische ebenso beliebt. Man kann vermuten, dass mit Möbelstücken wie Tischen und Sofas eine gewisse Zentralität, wie in einem Wohnzimmer ohne TV, einhergeht.

Doch auch wenn die Zuseher*innen vor dem Empfangsgerät nie direkt von den Moderator*innen angesehen und damit angesprochen werden, geht die Aufmerksamkeit nicht verloren. Bei webbasierten Inhalten über Social Media wird ein direkter Augenkontakt mit den Zuschauer*innen aufgebaut. Christoph Nebel erklärt in seinem Vortrag dabei die Erforschung von sogenannten Distanzzonen, also zwischenmenschlichen Entfernungsbereichen, die wir als angenehm oder - bei Über- oder Unterschreitung - als unangenehm empfinden. Herkömmliche Fernsehgeräte sind dabei nie so nahe am Zusehenden wie Laptop, Tablets und Smartphones. Daraus folgert Nebel, dass klassisches Fernsehen mittlerweile nicht mehr funktionieren kann, da webbasierte Formate viel näher an den Nutzer*innen dran sind und diese mit einem direkten Blick adressieren.

Nebel schlägt stattdessen vor, Fernsehendungen direkt aus echten Wohnzimmern und Arbeitsplätzen wie zum Beispiel Alten- und Pflegeheimen zu übertragen. Er spricht sich ebenfalls für die Verwendung von solarbetriebenen Flutlichtern und anderen Alternativen wie Akkus aus, wenn kein Sonnenlicht vorhanden ist sowie für einen erhöhten Einsatz von Sprachdolmetscher*innen für Moderator*innen. Auch fordert Nebel, dass Inhalte, die sich in Mediatheken befinden, leichter zugänglich und auffindbar gemacht werden müssen. Dafür schlägt er die Einrichtung eigener Redaktionen für diesen Zweck vor.

Des Weiteren sollen generierte Bilder im Fernsehen für Informationsvermittlung genutzt werden anstatt nur als Lückenfüller dienen. Und zu guter Letzt setzt Nebel sich natürlich für mehr Formate ein, in denen das Publikum direkt angesprochen wird, sodass Situationen mit Augenkontakt geschaffen werden.

Zu Nebels vollständigem Vortrag geht es hier.

Autorin: Marie-Therese Jahn
Verfasst am: 20.04.2023