„Ganz normale Männer“ – so nannte der Historiker Christopher Browning 1993 sein Buch über ein Polizeibataillon, das am Holocaust mitwirkte. Es bestand aus ganz gewöhnlichen Leuten, nicht aus Monstern. 20 Jahre später zeigte der Soziologe Stefan Kühl: Nicht nur die Männer waren „ganz normal“, sondern auch die Organisationen, die die Verbrechen ermöglichten, funktionierten nach den Logiken ganz normaler Organisationen.

Genau diese Idee greifen der österreichische Wirtschaftswissenschaftler Leonhard Dobusch und die deutsche Kommunikationswissenschaftlerin und Medienkritikerin Nadia Zaboura auf. Beim re:publica-Festival im Mai 2026 argumentieren sie in ihrer Medienkritik, dass nicht nur rechtsextreme Medien zum Aufstieg autoritärer Bewegungen beitragen, sondern auch ganz normale – als seriös geltende – Medien. Unter dem Titel „Ganz normale Medien und ihr Beitrag zum Comeback des Faschismus“ analysierten sie bewusst keine Boulevard- oder Alternativmedien, sondern Qualitätsmedien, die anderen als Vorbild dienen – und das ohne Rosinenpicken, anhand der erstbesten Beispiele, die sie gefunden haben. 

Umstritten – ein Wort mit vielen Bedeutungen 

Ein zentrales Beispiel für Bewertungsverlagerung sei der inflationär genutzte Begriff „umstritten“. Er verschleiere klare Sachverhalte. So habe die Tagesschau Friedrich Merz' rassistisch konnotierte „Stadtbild“-Äußerungen als „umstritten“ gerahmt – für Said Idris Hashimi, Überlebender des rassistischen Anschlags von Hanau, stellen diese Aussagen eine reale Bedrohung für Menschenleben dar. Allein auf der Tagesschau-Website findet sich der Begriff über 3.000 Mal, etwa auch zu israelischen Siedlungen im Westjordanland – obwohl der Internationale Gerichtshof diese eindeutig als völkerrechtswidrig einstuft.

Ein zweites Muster ist die Auslagerung eigener Kritik an externe Stimmen, etwa durch die Floskel „Kritiker sagen“. So berichtete die New York Times über die staatliche Einmischung der italienischen Regierung in eine Futurismus-Ausstellung lediglich über den Umweg „Critics Complain That Italy’s Government Is Interfering in the Arts" ("Kritiker beschweren sich, dass Italiens Regierung sich in die Künste einmischt"), obwohl der Artikel selbst belegte, dass das Kulturministerium Fachleute abgesetzt und durch eigene Ernannte ersetzt hatte.

Auch die ARD-Tagesthemen würden rechtspopulistischen Medien wie Bild und Nius unkommentiert eine Bühne geben, um eine angebliche Mehrheitsmeinung im Land zu konstruieren.

Hinzu komme der Verzicht auf journalistische Einordnung durch falsche Gleichsetzungen: Im US-Wahlkampf habe die New York Times Steueranreize für Wohnungsbau und Massendeportationen als gleichwertige politische Vorschläge dargestellt. Schlagzeilen wie „guter Deal oder schlechter Deal“ würden zudem unbewusst das Framing von Donald Trump übernehmen. Studien von 2004 und 2021 zeigen: Solche Verzerrungen entstehen gerade aus dem Versuch, neutral zu wirken.

Zweierlei Maß je nach Akteur

Auch bei der Wortwahl gibt es klare Unterschiede: Bei Russlands Belagerung Mariupols in der Ukraine sprach die New York Times von „Hunger als Kriegswaffe“. Bei Israels Blockade humanitärer Hilfe für Gaza war die Sprache deutlich vorsichtiger – ohne völkerrechtliche Einordnung als Kollektivstrafe. Ähnlich bei Donald Trumps Drohungen gegen den Iran: Internationale Nachrichtenagenturen sprachen von einer „Sprache der Vernichtung“, die Tagesschau dagegen berichtete nur über gesetzte Fristen, ohne die Drohung selbst einzuordnen.

Transparenz statt Pseudoneutralität

Die Lösung liegt nicht in noch mehr falscher Neutralität, sondern in Transparenz über den eigenen Standpunkt. Schon 2010 sagte der Medienkritiker Jay Rosen: Es sei glaubwürdiger, offen zu zeigen, woher man kommt, als so zu tun, als gebe es einen neutralen „Blick von nirgendwo“. Der Medienstaatsvertrag und der Pressekodex stützen diesen Weg sogar rechtlich, da sie Menschenwürde und Völkerverständigung als oberste Gebote festschreiben. Die Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa brachte es im Februar dieses Jahres auf den Punkt: Wenn umstritten ist, was überhaupt wahr ist, dann ist Journalismus automatisch eine Form von Aktivismus.