Was Feminismus in Europa von Lateinamerika lernen kann Im Wiener Veranstaltungsraum Depot wurde am 16. März 2026 nicht nur über Feminismus gesprochen, sondern auch über Macht, Gewalt, Solidarität und die Frage, wie politische Kämpfe miteinander verbunden werden können. Moderiert von Stefanie Klamuth diskutierten die Journalistin Sophia Boddenberg und die Pädagogin, Aktivistin und Forscherin Marcela Torres. Gewalt als Ausgangspunkt, Solidarität als Praxis Ein zentraler Ausgangspunkt vieler feministischer Mobilisierungen in Lateinamerika sei laut Boddenberg die Bewegung „Ni Una Menos“ gewesen, die Femi(ni)zide sichtbar gemacht habe. Doch schnell sei klar geworden, dass es nicht nur um patriarchale Gewalt im engeren Sinn gehe: „Die feministischen Kämpfe richteten sich auch stark gegen den Neoliberalismus und die ökonomische Gewalt“, betonte Boddenberg. Frauen und queere Menschen seien oft diejenigen, die die Folgen von Kürzungspolitik, Prekarisierung und staatlichem Rückzug besonders stark tragen. Auch beim Thema Femizide wurden Unterschiede zwischen Europa und Lateinamerika sichtbar. Während in Europa meist der „Femizid“ – die Tötung von Frauen durch (Ex-)Partner – im Fokus stehe, wird in Lateinamerika der Begriff „Femi(ni)zid“ breiter gedacht: als Folge von Staatsversagen, Straflosigkeit, ökonomischer Gewalt oder Rohstoffausbeutung. Boddenberg verwies etwa auf Femi(ni)zide im Kontext von Umweltkämpfen: Frauen, die sich gegen die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen wehren, werden häufig selbst zur Zielscheibe, weil sie als Frauen sichtbar politisch auftreten und bestehende Machtverhältnisse herausfordern. Die Gewalt richtet sich damit nicht nur gegen ihr Engagement, sondern ist auch geschlechtsspezifisch motiviert. Es gibt nicht den einen Feminismus Marcela Torres machte deutlich, dass über „Feminismen“ im Plural gesprochen werden müsse. Ihre eigene Politisierung begann in Kolumbien mit Fragen sozialer Gerechtigkeit, Krieg und Friedensprozessen, zum Feminismus sei sie „eher in der Diaspora“ gekommen. Für sie ist entscheidend, patriarchale Gewalt nie isoliert zu betrachten, sondern stets zusammen mit Kolonialismus, Rassismus und kapitalistischer Ausbeutung. „Es geht nur dieser Kampf zusammen“, sagte sie. Gerade darin liege eine zentrale Stärke lateinamerikanischer Bewegungen. Kritik am weißen Feminismus Ein wichtiger Teil der Diskussion drehte sich um hegemoniale Stimmen innerhalb feministischer Räume. Boddenberg erzählte von einer Begegnung mit einer Mapuche-Frau – einer Angehörigen einer indigenen Gemeinschaft im Süden Argentiniens – die ihr sagte: „Wir sind es so leid, dass die weißen Frauen uns aus der Küche befreien wollen.“ Was aus westlich-urbaner Perspektive als Symbol weiblicher Unterdrückung gelesen werde, könne in anderen Kontexten ein Raum von Wissen, Gemeinschaft und kultureller Reproduktion sein. Das machte deutlich: Feministische Perspektiven lassen sich nicht verallgemeinern, ohne andere Erfahrungen unsichtbar zu machen. Entschleunigung als Widerstand Sowohl Torres als auch Boddenberg plädierten dafür, feministische Kämpfe stärker mit anderen sozialen Bewegungen zu verbinden – mit Arbeitskämpfen, Umweltbewegungen, antirassistischen Initiativen oder Kämpfen um Wohnen und soziale Sicherheit. Boddenberg sprach von der Notwendigkeit, „gemeinsame Räume“ zu schaffen, in denen Unterschiede nicht verdrängt, sondern Gemeinsamkeiten politisch gemacht werden. Torres warnte zugleich vor politischer Beschleunigung: „Organisationsräume brauchen Zeit.“ In einer Gegenwart, die von Druck und Tempo geprägt ist, werde Entschleunigung selbst zur politischen Strategie. Hier gehts zum vollständigen Beitrag!Verfasst von Rijalda Licina-Besic am 15.04.2026