Welche Rolle haben Mädchen in der Geschichte gespielt und welche Rolle sollten sie in der Zukunft spielen? Im Linzer Lentos Kunstmuseum fordert die Philosophin und Künstlerin Elisabeth von Samsonow unsere Wahrnehmung heraus: Sie erhebt das „Mädchen“ zur revolutionären Schlüsselfigur unserer Gegenwart. 

„Ich halte den Horizont des Mädchens für einen der bedeutendsten sozialen, ökonomischen und politischen Horizonte, die die Gegenwart hat. Wahrscheinlich ist es sogar der letzte revolutionäre Horizont, der noch nicht ausgelöst wurde, aber der darauf wartet, ausgelöst zu werden“, betont Elisabeth von Samsonow im Rahmen der Ausstellung Mädchen sein* im Kunstmuseum Lentos in Linz. „Mädchen“ sei hier nicht nur eine Bezeichnung für Alter oder Körper, sondern  eine symbolische Rolle, die lange übersehen wurde. Genau dadurch hat der Begriff eine besondere Sprengkraft behalten.  

Familie, Symbolik und das Mädchen als Beobachterin 

Von Samsonow beschreibt die Familie als eine Art Bühne, auf der Macht und Bedeutung verteilt werden. Der Vater wurde historisch mit Öffentlichkeit, Stimme und Autorität in Verbindung gebracht. Die Mutter blieb im Schatten dieser Symbolik. In dieser Schieflage taucht das Mädchen als Figur auf, die viel erkennt, aber selten handeln darf – ein „Family Spy“, wie Elisabeth von Samsonow sagt: eine, die alles mitbekommt, die Verhältnisse prüft, beobachtet und innerlich kommentiert. Diese Position – oft als Nachteil empfunden – war in Wahrheit lange ein Schutz: Das Mädchen konnte den Blick von außen bewahren und beobachten, wie Rollen funktionieren und wo sie reißen. 

Eine Revolution, die anders beginnt 

„Mädchen“ ist für Elisabeth von Samsonow keine biologische Kategorie, sondern eine Haltung. „Es ist eine Position, und es ist wichtig zu verstehen, dass diese Position in dem Moment, wo sie symbolisch wird, nicht nur an diesen Mädchen hängt, die dann wirklich ausschauen wie Mädchen“, betont Samsonow. Diese Position kann sich verteilen: auf Frauen, queere und trans Personen, auf alle, die nicht selbstverständlich im Zentrum der Ordnung stehen. Revolution bedeutet in diesem Sinn nicht, dass Mädchen einfach die bestehenden Machtplätze übernehmen, sondern dass sich die Regeln ändern: weg von Hierarchie, Dominanz und Konkurrenz, hin zu Zusammenhalt, Solidarität und Fürsorge. Und damit schließt sich der Kreis zum „Family Spy“: Wer lange am Rand stand, und alles beobachten musste, erkennt oft schneller, wo etwas nicht stimmt, wo Rollen brüchig werden und wie es anders weitergehen könnte. Genau daraus, so von Samsonows Vorschlag, kann heute eine neue Art von Handeln entstehen.

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Verfasst von Rijalda Licina-Besic am 04.03.2026