Julia Pühringer im Gespräch mit Katharina Weingartner: Österreichs Textilgeschichte und ihre kolonialen Wurzeln Welche Rolle spielte Österreich tatsächlich im kolonialen Wirtschaftssystem? Diese Frage stellt der Dokumentarfilm „STOFF – ein Spitzengeschäft“, der am 30. Jänner 2026 ins Kino kommt. In der Sendung „Perspektiven – Die Filmsendung“ spricht die Moderatorin und Filmjournalistin Julia Pühringer mit der Filmemacherin Katharina Weingartner. Die Doku wurde von Katharina Weingartner, Anette Baldauf, Chioma Onyenwe und Joana Adesuwa Reiterer realisiert und ist ein gemeinsames Projekt von Filmemacherinnen aus Österreich und Nigeria. Österreich hatte mit dem Kolonialismus wenig zu tun, da das Land keine eigenen Kolonien besaß – so lautet zumindest eine gängige Annahme in Österreich. Der Film widerspricht dieser Annahme und untersucht die engen wirtschaftlichen Verbindungen zwischen der Textilindustrie in Vorarlberg und Westafrika – insbesondere Nigeria. Er zeigt, dass Österreich – speziell Vorarlberg – wirtschaftlich stark von kolonialen Strukturen profitiert hat. Denn der Wohlstand der Textilindustrie beruhte auf globalen Handelsbeziehungen, die ohne Ausbeutung nicht möglich gewesen wären. „STOFF“ erzählt vom Handel mit Spitzen und Stoffen, die insbesondere in den 1980er Jahren von Vorarlberg nach Nigeria exportiert wurden. Dort wurden sie verkauft, das erwirtschaftete Geld gelangte – teilweise illegal – zurück nach Österreich. Diese Geschäfte machten viele Unternehmen sehr erfolgreich. Die Doku geht jedoch noch weiter in der Geschichte zurück: Sie zeigt, dass die Textilindustrie in Vorarlberg ohne Baumwolle aus den US-amerikanischen Südstaaten nicht denkbar gewesen wäre. Diese Baumwolle wurde von versklavten Menschen auf Plantagen produziert. Recherchen im Film belegen, dass einzelne Vorarlberger Familien direkt in diesen Handel eingebunden waren – als Baumwollhändler und in manchen Fällen auch als Besitzer versklavter Menschen. Die wichtigste Aussage des Films lautet daher: Österreich war nicht außerhalb kolonialer Ausbeutungssysteme, sondern wirtschaftlich direkt in sie verstrickt. Im Gespräch erklärt Katharina Weingartner, warum der Film statt klassischer Interviews auf sogenannte Soziodramen setzt: „Es gibt Psychodrama, es gibt Soziodrama. Soziodrama beschäftigt sich mit politischen sozialen Systemen. Es ist ein bisschen ähnlich wie die Familienaufstellung, aber geht eben nicht um das Private, das Individuelle, sondern um das System.“ Dabei stellen Menschen historische Machtverhältnisse und Abhängigkeiten körperlich dar. So werden Zusammenhänge sichtbar, die oft unsichtbar bleiben – etwa die Rolle von türkischen Gastarbeiter*innen des 20. Jahrhunderts in der Textilindustrie oder die Weitergabe von Ungleichheit über Generationen hinweg. Die nigerianischen Co-Regisseurinnen Chioma Onyenwe und Joana Adesuwa Reiterer erzählen ihre eigenen Geschichten und stellen Frauen im Handel sowie deren wirtschaftliche und kulturelle Stärke in den Mittelpunkt. Der Dokumentarfilm vermeidet es bewusst, Menschen als Opfer darzustellen, und lehnt – in den Worten der Regisseurin Katharina Weingartner – einen herkömmlichen Zugang ab: „Wir wollten auf keinen Fall diese Gewalt und den Rassismus reproduzieren, was ganz sicher passiert wäre, wenn wir einen konventionellen Weg gewählt hätten, also eine Talking-Heads-Doku.“ Hier gehts zum vollständigen Beitrag! Verfasst von Rijalda Licina-Besic am 18.02.2026