WEBVTT

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00:00:00.000 --> 00:00:31.839
 Einen schönen guten Abend. Ich darf Sie alle recht herzlich zum zweiten Vortragsabend in unserer Reihe Alte Vorurteile, Neue Gefahr von den Anfängen des Antisemitismus bis heute begrüßen.

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00:00:32.799 --> 00:00:40.880
 Es ist eine gemeinsame Veranstaltung der Volkshochschule Linz mit der Johannes Kepler Universität, mit den beiden Geschichteinstituten.

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00:00:42.119 --> 00:00:47.500
 Dieses Jahr haben wir beschlossen, dass wir uns dem Thema Antisemitismus widmen.

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00:00:48.100 --> 00:01:06.719
 Letzte Woche war Clemens Kaps von der Johannes Kepler Universität und zwar vom Institut für Sozialwirtschafts- und Umweltgeschichte bei uns zu Gast. also von religiös motivierten Anti-Judaismus und ist gekommen bis in die Weimarer Republik,

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00:01:06.799 --> 00:01:10.000
 bis in die 20er Jahre zum rassisch motivierten Antisemitismus.

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00:01:11.099 --> 00:01:14.400
 Wir haben versprochen, dass wir heute weitermachen bei den 30er Jahren.

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00:01:16.000 --> 00:01:20.599
 Dazu darf ich recht herzlich bei uns Frau Professorin Regina Fritz auch an der Uni Wien begrüßen.

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00:01:20.959 --> 00:01:21.599
 Herzlich willkommen.

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00:01:30.959 --> 00:01:38.280
 begrüßen. Herzlich willkommen. Die Verfolgung und Ermordung, also wir machen weiter bei den Jahren 1933 bis 1945. Die Verfolgung und Ermorden der jüdischen Bevölkerung in den Jahren 1933 bis

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00:01:38.280 --> 00:01:44.280
 1945 ist das Thema heute. Moderiert wird der Abend heute von Professor Markus Gräser vom

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00:01:44.280 --> 00:01:46.640
 Institut für Zeitgeschichte und neuere Geschichte.

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00:01:47.260 --> 00:01:49.060
 Auch von dieser Stelle ein herzliches Willkommen.

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00:01:54.420 --> 00:01:57.239
 Dorf TV nimmt den heutigen Abend wieder auf.

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00:01:57.519 --> 00:02:05.920
 Der Vortrag von letzter Woche ist bereits

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00:02:05.920 --> 00:02:07.739
 online, also falls wer letzte Woche

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00:02:07.739 --> 00:02:09.199
 nicht da war und

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00:02:09.199 --> 00:02:12.460
 nachsehen möchte, unter www.dorf.tv.at

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00:02:12.460 --> 00:02:13.860
 kann man

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00:02:13.860 --> 00:02:15.300
 ihn bereits ansehen.

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00:02:16.379 --> 00:02:17.740
 Ja, ich bedanke mich bei Ihnen

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00:02:17.740 --> 00:02:19.199
 nochmal fürs zahlreiche Kommen.

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00:02:19.520 --> 00:02:21.800
 Schön, dass Sie wieder da sind und

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00:02:21.800 --> 00:02:33.479
 gebe nun das Wort an Markus Gräser.

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00:02:37.500 --> 00:02:37.620
 Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, auch von mir ein herzliches Willkommen.

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00:02:42.699 --> 00:02:46.479
 Ich freue mich, dass Sie auch in dieser Woche wieder an unserer vierteiligen Veranstaltungsreihe teilnehmen, die sich in diesem Winterhalbjahr mit dem Thema

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00:02:46.479 --> 00:02:51.960
 Antisemitismus beschäftigt. Und ich freue mich, Ihnen heute Regina Fritz vorstellen zu können,

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00:02:52.060 --> 00:02:57.560
 eine geschätzte Kollegin vom Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, die in

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00:02:57.560 --> 00:03:05.280
 ihrem wissenschaftlichen Werdegang die Thematik Judenverfolgung, Shoah, zu ihrem Gegenstand gemacht hat.

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00:03:12.539 --> 00:03:23.280
 Frau Fritz hat nach einem Studium in Wien und Berlin eine Dissertation verfasst, die sich mit der Geschichtspolitik in Ungarn nach 1945 mit Blick auf die Shoah und die Judenverfolgung beschäftigt.

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00:03:23.259 --> 00:03:23.860
 mit Blick auf die Shoah und die Judenverfolgung beschäftigt.

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00:03:30.360 --> 00:03:30.460
 Und sie ist auch bis heute, glaube ich, eine der wenigen Expertinnen im deutschen Sprachraum,

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00:03:35.500 --> 00:03:36.000
 die sich intensiv mit der Situation in Ungarn und mit den ungarischen Jüdinnen und Juden beschäftigt hat.

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00:03:42.199 --> 00:03:45.939
 Was, da wir Historiker immer darauf angewiesen sind, uns auch mit der Sprache der Quellen auseinanderzusetzen, ja auch gar keine einfache Sache ist, das alles auch in

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00:03:45.939 --> 00:03:51.580
 ungarischer Sprache bewältigen zu können. Frau Fritz hat dann eine ganze Reihe von Stationen

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00:03:51.580 --> 00:03:58.060
 absolviert, wie das in einer akademischen Karriere so üblich ist und sie war, bevor sie nach Wien

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00:03:58.060 --> 00:04:09.819
 gekommen ist, Assistentin am Historischen Seminar der Universität Bern. Sie hat aber in diesen Jahren auch an einem großen Projekt mitgearbeitet,

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00:04:09.819 --> 00:04:16.339
 das jetzt gerade auch abgeschlossen worden ist, nämlich das sogenannte Mauthausen Survivor Projekt.

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00:04:17.060 --> 00:04:26.519
 Es gibt inzwischen vier umfängliche Bände, in denen eine Forschergruppe über viele Jahre hinweg mit Oral History,

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00:04:26.660 --> 00:04:31.860
 das heißt mit Zeitzeugeninterviews der Überlebenden aus Mauthausen gearbeitet hat,

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00:04:32.540 --> 00:04:36.920
 um bestimmte Aspekte des KZ-Lebens oder Sterbens,

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00:04:37.160 --> 00:04:42.779
 die man nur auf die Art und Weise in Erfahrung bringen kann, dann zusammenzustellen.

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00:04:42.779 --> 00:04:46.639
 Das ist wirklich eine große und auch sehr innovative

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00:04:46.639 --> 00:04:53.779
 Form der Geschichtsdarstellung geworden und ich kann Ihnen diese jetzt insgesamt vier Bände nur

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00:04:53.779 --> 00:05:01.600
 ans Herz legen. Frau Fritz ist also bei uns in Österreich die Spezialistin für die Thematik

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00:05:01.600 --> 00:05:09.019
 der Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden. Das ist ein großes Thema und ich äußere jetzt schon meinen Respekt dafür,

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00:05:09.160 --> 00:05:13.100
 dass das in einem Vortrag von einer Stunde dargestellt werden kann.

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00:05:13.379 --> 00:05:18.699
 Sie wissen alle, wie komplex und natürlich auch belastend diese Thematik ist.

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00:05:19.319 --> 00:05:21.540
 Ja, nochmals herzlich willkommen, liebe Regina.

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00:05:22.079 --> 00:05:23.899
 Ich darf dich um deinen Vortrag bitten.

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00:05:24.100 --> 00:05:30.100
 Sie wissen, wir bekommen erst einen Vortrag und im Anschluss daran werde ich mit Frau Fritz hier oben sitzen

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00:05:30.100 --> 00:05:37.639
 und Sie können mit uns diskutieren, Fragen stellen und damit leiten wir dann diesen Abend aus.

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00:05:37.839 --> 00:05:55.980
 Bitteschön. Vielen herzlichen Dank für diese freundliche Vorstellung

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00:05:55.980 --> 00:05:58.060
 und natürlich auch für die Einladung,

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00:05:58.139 --> 00:06:02.660
 für die Möglichkeit, hier heute vortragen zu dürfen,

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00:06:02.759 --> 00:06:08.779
 hier in Linz im Rahmen dieser sehr wichtigen Reihe an der Volkshochschule.

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00:06:09.459 --> 00:06:13.500
 Ich möchte gerne meinen Vortrag mit einer Stimme beginnen.

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00:06:14.319 --> 00:06:19.360
 Und zwar mit einem Bericht aus dem März 1933,

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00:06:20.560 --> 00:06:25.139
 also aus den ersten Wochen der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland.

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00:06:26.300 --> 00:06:46.699
 Die Stimme gehört dem Journalisten Walter Güssling, der am 10. März 1933 in seinem Tagebuch festhielt, was er am 9. bzw. am 10. März 1933 in München wahrgenommen hatte, und zwar am Tag der NS-Machtergreifung in Bayern,

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00:06:46.879 --> 00:06:52.800
 nachdem eben wenige Wochen zuvor, wie Sie wissen, Adolf Hitler zum Reichskanzler ernannt worden war.

60
00:06:53.459 --> 00:07:00.339
 Und das ist ein etwas längeres Zitat, aber ich glaube, dass sich sehr vieles an diesem Zitat kulminiert.

61
00:07:01.399 --> 00:07:07.800
 10. März. Hinter uns liegt eine Nacht des Grauens. Es war schließlich nicht anders zu erwarten.

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00:07:08.879 --> 00:07:12.759
 Die Arbeiterzeitungen zerstört, das Gewerkschaftshaus gestürmt,

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00:07:12.939 --> 00:07:16.720
 hunderte von kommunistischen und sozialdemokratischen Führern in Haft.

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00:07:17.120 --> 00:07:20.139
 Es ist furchtbar, aber man ist daran schon irgendwie gewöhnt,

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00:07:20.579 --> 00:07:24.300
 zumal wenn man die Woche nach dem Reichstagsbrand in Berlin miterlebt hat.

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00:07:24.879 --> 00:07:25.399
 Aber dass blutgierige Verbrecher die Wohnungen friedlicher, unpolitischer Bürger stürmen, zumal wenn man die Woche nach dem Reichstagsbrand in Berlin miterlebt hat.

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00:07:29.740 --> 00:07:30.360
 Aber dass blutgierige Verbrecher die Wohnungen friedlicher, unpolitischer Bürger stürmen,

68
00:07:32.399 --> 00:07:32.800
 dass Menschen verschleppt, misshandelt werden,

69
00:07:35.480 --> 00:07:35.939
 dass diese Banden nichts, aber auch gar nichts heilig ist,

70
00:07:38.160 --> 00:07:39.420
 das hat es bisher in Deutschland nicht gegeben.

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00:07:43.420 --> 00:07:44.019
 Wir versuchen heute wenigstens einen Überblick über die Ereignisse der Nacht zu gewinnen.

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00:07:51.779 --> 00:08:23.360
 Eine Schreckensmeldung jagt die andere. Ich kann es schließlich nicht mehr ertragen und gehe. Aber ich soll keine Ruhe haben. Es ist eine der angesehensten Anwälte Münchens,

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00:08:23.360 --> 00:08:30.160
 der zugunsten eines verhafteten Freundes das Polizeipräsidium aufgesucht hatte, um dort zu intervenieren.

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00:08:31.019 --> 00:08:37.120
 Nachdem er zuerst unmenschlich verprügelt worden war, hetzte man ihn in dem geschilderten Zustand durch die Straßen.

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00:08:38.120 --> 00:08:40.279
 Ich weiß seit heute, was sein Pogrom ist.

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00:08:46.779 --> 00:08:52.419
 ist. Walter Güssling beschreibt hier einen Moment, in dem sich die Welt innerhalb kürzester Zeit für ihn und für viele seiner Mitbürgerinnen und Mitbürger verändert hat. Seine Schilderung macht

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00:08:52.419 --> 00:08:58.639
 sichtbar, dass nationalsozialistische Erfolgung nicht erst mit Deportation und Konzentrationslagern

78
00:08:58.639 --> 00:09:07.179
 begann. Sie begann mit Hetze, mit der Aufhebung von Recht und Schutz, mit Verhaftungen, Einschüchterung und mit Gewalt.

79
00:09:08.379 --> 00:09:14.799
 Und was in diesen Szenen sichtbar wurde, war nicht nur individuelle Brutalität, sondern ein

80
00:09:14.799 --> 00:09:20.820
 gesellschaftlicher Vorgang, nämlich die öffentliche Markierung einer Gruppe als recht und schutzlos

81
00:09:20.820 --> 00:09:25.460
 und die symbolische Auslöschung einer alten Ordnung.

82
00:09:27.960 --> 00:09:28.519
 Denn diese Gewalt, und das ist hier ganz wesentlich,

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00:09:32.940 --> 00:09:34.320
 geschah nicht im Verborgenen, sondern ganz öffentlich für jedermann sichtbar.

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00:09:36.299 --> 00:09:41.019
 Durch diese öffentlich vollzogene Gewalt sollte Rechtlosigkeit demonstrativ hergestellt werden.

85
00:09:42.700 --> 00:09:46.419
 Sie richtete sich also nicht allein gegen die unmittelbar Betroffenen, gegen

86
00:09:46.419 --> 00:09:52.320
 Jüdinnen und Juden, aber auch gegen politisch Andersdenkende oder andere Gruppen, die verfolgt

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00:09:52.320 --> 00:09:59.039
 wurden, sondern ebenso an die Mehrheitsgesellschaft, an alle, die zusahen. Als Botschaft an die

88
00:09:59.039 --> 00:10:06.399
 nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft, wer zur nationalsozialistischen sogenannten Volksgemeinschaft gehört und wer aus

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00:10:06.399 --> 00:10:11.360
 hier ausgeschlossen werden sollte, wer also öffentlich gedemütigt und misshandelt werden

90
00:10:11.360 --> 00:10:17.500
 darf. Ein Vorgang, den wir auch auf jener zeitgenössischen Fotografie erkennen können,

91
00:10:18.200 --> 00:10:27.000
 die dieses oben beschriebene Ereignis auch festhält. Und es ist diese Fotografie, da sehen wir genau diese Szene, die in diesem

92
00:10:27.000 --> 00:10:33.039
 Tagebucheintrag auch beschrieben ist. Sie zeigt den jüdischen Anwalt Michael Siegel, wie am

93
00:10:33.039 --> 00:10:39.100
 herrlichsten Tag durch die Straßen getrieben wird. Menschen sehen zu, fahren mit ihren Fahrrädern

94
00:10:39.100 --> 00:10:47.539
 an ihm vorbei. SS-Männer üben die Gewalt aus, Polizei und staatliche Institutionen bieten offenbar keinen Schutz mehr.

95
00:10:49.179 --> 00:10:56.220
 Für die Verfolgten war das ein radikaler und auch oft traumatischer Bruch und auch das wird in dem Tagebucheintrag sehr deutlich.

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00:10:56.220 --> 00:11:02.580
 Nicht nur, weil sie Gewalt erlebten, sondern weil die vertraute Welt zerbrach.

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00:11:02.580 --> 00:11:03.259
 sondern weil die vertraute Welt zerbrach.

98
00:11:07.759 --> 00:11:12.759
 Es waren Nachbarn, Kollegen, Bekannte oder auch vertraute Institutionen, auf die man bisher vertraut hatte, die nun zu Verfolgern, zu Profiteuren

99
00:11:13.279 --> 00:11:17.080
 oder auch zu schweigernden Zuschauern und Zuschauerinnen werden konnten.

100
00:11:18.080 --> 00:11:23.600
 Und genau auf diese verschiedenen Perspektiven möchte ich in meinem Vortrag fokussieren,

101
00:11:24.240 --> 00:11:25.960
 auf die Perspektive der Verfolgten,

102
00:11:26.559 --> 00:11:34.120
 auf jene der Verfolger und auf jene der Umstehenden und auch die der untersten Behörden, also auf

103
00:11:34.120 --> 00:11:40.220
 lokaler Ebene. Denn die nationalsozialistische Verfolgung der europäischen Jüdinnen und Juden

104
00:11:40.220 --> 00:11:45.720
 wurde zwar durch politische Entscheidungen, Gesetze und Institutionen ermöglicht und vorangetrieben,

105
00:11:46.279 --> 00:11:48.700
 sie vollzog sich aber mitten in der Gesellschaft.

106
00:11:50.419 --> 00:11:55.639
 Insgesamt ist das Thema, wie schon auch von Markus Gräser erwähnt, natürlich zu groß

107
00:11:55.639 --> 00:12:03.139
 und die Forschung dazu zu umfangreich, um das in einer Stunde erschöpfend eigentlich behandeln zu können.

108
00:12:03.620 --> 00:12:06.600
 Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden

109
00:12:06.600 --> 00:12:09.279
 war eben ein europaweiter Prozess,

110
00:12:09.940 --> 00:12:12.399
 der sich über mehr als zwölf Jahre erstreckte.

111
00:12:14.059 --> 00:12:16.139
 Das heißt, in einer Stunde kann man das wirklich nur

112
00:12:16.139 --> 00:12:18.299
 in sehr groben Linien nachzeichnen.

113
00:12:18.879 --> 00:12:22.679
 Stattdessen möchte ich auf zwei Fallbeispiele genau fokussieren,

114
00:12:23.299 --> 00:12:24.899
 die sehr unterschiedliche Phasen

115
00:12:24.899 --> 00:12:28.039
 der nationalsozialistischen Judenverfolgung sichtbar machen

116
00:12:28.039 --> 00:12:31.379
 und gleichzeitig auch meine Forschungsschwerpunkte bilden.

117
00:12:32.080 --> 00:12:37.659
 Erstens richte ich den Blick auf den März 38 in Österreich,

118
00:12:38.259 --> 00:12:39.899
 auf den sogenannten Anschluss

119
00:12:39.899 --> 00:12:42.500
 und die unmittelbar einsetzende Gewalt,

120
00:12:43.580 --> 00:12:48.399
 Demütigungen, Verhaftungen und Enteignungen jüdischer Österreicherinnen und Österreicher.

121
00:12:48.980 --> 00:12:54.000
 Das ist eben eine Phase, in der die nationalsozialistische Politik vor allem noch auf Entrechtung,

122
00:12:54.779 --> 00:13:00.019
 Beraubung und erzwungene Auswanderung bzw. Vertreibung abzielte.

123
00:13:00.559 --> 00:13:11.399
 Der Zweite Weltkrieg hatte noch nicht begonnen und auch die späteren Vernichtungsstätten und die systematische Deportation der europäischen Jüdinnen und Juden waren noch nicht etabliert.

124
00:13:13.059 --> 00:13:25.399
 Zweitens werde ich auf die deutsche Besetzung Ungarns im Jahr 1944 und die Verfolgung sowie Ermordung der ungarischen Jüdinnen und Juden in einer sehr späten phase der nationalsozialistischen herrschaft nach

125
00:13:25.399 --> 00:13:31.279
 kriegsausbruch eingehen das ist beispiel zeigt die enorme geschwindigkeit und die radikalität

126
00:13:31.279 --> 00:13:36.980
 der deportationen im letzten kriegsjahr aber eben auch und das ist hier glaube ich dann ganz

127
00:13:36.980 --> 00:13:42.440
 wesentlich das zusammenspiel deutscher stellen mit den behörden eines besetzten kollaborationsstaates

128
00:13:42.440 --> 00:13:46.259
 und auch natürlich teen der Gesellschaft,

129
00:13:46.259 --> 00:13:52.419
 der Ungarischen in dem Fall, und macht die Handlungsspielräume lokaler behördlichen

130
00:13:52.419 --> 00:13:58.360
 Instanten sichtbar. Das ist eben ein Zeitpunkt natürlich, als die systematische Ermordung der

131
00:13:58.360 --> 00:14:02.899
 europäischen Juden im vollen Gange war. Die ungarischen Jüdinnen und Juden war eine der

132
00:14:02.899 --> 00:14:06.299
 letzten verbliebenen großen jüdischen Gemeinden, die deportiert wurden.

133
00:14:08.500 --> 00:14:14.980
 Wie wir an Walter Güsslings eingangs zitierten Bericht vom März 1933 bereits deutlich sehen konnten,

134
00:14:15.600 --> 00:14:21.820
 begann die nationalsozialistische Judenverfolgung nicht erst mit Gesetzen und Verordnungen.

135
00:14:22.480 --> 00:14:28.840
 Gewalt, Einschüchterung und öffentliche Demütigung waren von Anfang an Teil der neuen politischen Ordnung.

136
00:14:30.320 --> 00:14:35.360
 Das zeigt die neueste Forschung zur frühen Phase der nationalsozialistischen Herrschaft eindeutig.

137
00:14:35.360 --> 00:14:42.120
 Ich habe zwei Publikationen mitgenommen, die genau diese Aspekte derzeit eingehen, behandeln.

138
00:14:43.580 --> 00:14:48.840
 Dabei war diese Gewalt nicht in jedem einzelnen Fall einfach von oben angeordnet,

139
00:14:48.840 --> 00:14:55.759
 wie beispielsweise der deutsche Historiker Michael Wild herausarbeiten konnte, gestalteten Parteianhänger,

140
00:14:55.879 --> 00:15:04.840
 SA-Männer, lokale Funktionäre und andere Akteure den politischen Umbruch vor Ort, da es sehr eigenmächtig mitgriffen,

141
00:15:04.279 --> 00:15:12.279
 den politischen Umbruch vor Ort, da ist sehr eigenmächtig mit, griffen legislative Maßnahmen vor, verschärften sie oder schufen durch Gewalt Tatsachen,

142
00:15:12.480 --> 00:15:16.279
 auf die dann staatliche und parteiliche Stellen anschließend reagierten.

143
00:15:17.200 --> 00:15:24.279
 Diese Dynamik von Initiative an der Basis öffentlicher Terror und nachträglicher staatlicher Regelung

144
00:15:26.919 --> 00:15:31.919
 Basis öffentlicher Terror und nachträglicher staatlicher Regelung war für die nationalsozialistische Herrschaft charakteristisch in vielerlei Hinsicht und nicht nur im Deutschen Reich, wir sehen das

145
00:15:31.919 --> 00:15:39.220
 eben auch dann in Österreich und auch in anderen europäischen Ländern. Ein besonders eindrückliches

146
00:15:39.220 --> 00:15:46.019
 Beispiel dafür ist eine Fotografie und zwar diese, die wir auch auf dem Cover von Hermann Becks Buch sehen können,

147
00:15:47.019 --> 00:15:51.700
 die heute zu einem der bekanntesten oder bekannteren Bildern der frühen nationalsozialistischen

148
00:15:51.700 --> 00:15:56.860
 Verfolgung gehört. Vielleicht haben Sie sie auch schon gesehen. Sie wird häufig in Schulbüchern

149
00:15:56.860 --> 00:16:25.639
 abgedruckt oder auch in Überblicksdarstellungen. Und hier sehen wir die Originalaufnahme. Viele Menschen verbinden diese Fotografie unmittelbar mit den Nürnberger Gesetzen von 1935, weil wir hier eben einen jüdischen Mann sehen und eine nichtjüdische Frau, die einer sexuellen Beziehung bezichtigt und eben, wie wir hier auch sehen, öffentlich gedemütigt werden.

150
00:16:26.700 --> 00:16:35.159
 Die Aufnahme entstand in Cuxhaven, das ist in Norddeutschland vor der örtlichen NS-Kreisleitung

151
00:16:35.159 --> 00:16:42.159
 und zu sehen sind der Kinobesitzer Oskar Dankner, ein aus Galicien stammender jüdischer Migrant,

152
00:16:42.879 --> 00:16:46.379
 der 1922 nach Deutschland gekommen war

153
00:16:46.379 --> 00:16:49.519
 und Adele Edelmann, seine Mitarbeiterin.

154
00:16:50.559 --> 00:16:54.759
 Und im Hintergrund um sie herum sehen wir noch das Rollkommando der Marina SA,

155
00:16:55.500 --> 00:17:01.779
 die hier sie aufgegriffen hat und durch diese Tafeln, die ihnen umgehängt wurde,

156
00:17:01.779 --> 00:17:05.759
 eben diese öffentliche Amprangelung sozusagen inszeniert.

157
00:17:07.940 --> 00:17:15.599
 Wie erwähnt, wird ja diese Fotografie oft mit dem Jahr 1935 in Verbindung gebracht,

158
00:17:15.779 --> 00:17:20.539
 und zwar, weil in diesem Jahr auch die Nürnberger Gesetze verabschiedet wurden,

159
00:17:21.380 --> 00:17:25.420
 die eben Eheschließungen und auch sexuelle Beziehungen zwischen

160
00:17:25.420 --> 00:17:29.000
 Jüdinnen und Juden und Nicht-Jüdinnen und Nicht-Juden verbot.

161
00:17:32.059 --> 00:17:39.259
 Tatsächlich entstand aber das Bild bereits am 27. Juli 1933, also mehr als

162
00:17:39.259 --> 00:17:44.000
 zwei Jahre vor den Nürnberger Gesetzen. Es zeigt daher nicht die Umsetzung

163
00:17:44.680 --> 00:17:47.240
 eines bereits geltenden Gesetzes,

164
00:17:47.680 --> 00:17:51.700
 vielmehr dokumentiert es den Versuch lokaler Nationalsozialisten,

165
00:17:51.700 --> 00:17:55.500
 ihrer eigenen rassistischen und antisemitischen Ideologie

166
00:17:55.500 --> 00:18:01.740
 mit Gewalt Geltung zu verschaffen und eine eben als sogenannte Rassenschande

167
00:18:01.740 --> 00:18:04.539
 diffamierte Beziehung öffentlich zu bestrafen,

168
00:18:09.299 --> 00:18:10.339
 obwohl ein entsprechendes Reichweitesgesetz zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht existierte.

169
00:18:16.480 --> 00:18:24.359
 Also wir sehen hier sehr stark, wie sozusagen diese Initiative von unten auch umgesetzt wird und dann, wie wir dann zwei Jahre später sehen, auch legalisiert wird in Form von gesetzlichen Maßnahmen.

170
00:18:24.359 --> 00:18:25.880
 legalisiert wird in Form von gesetzlichen Maßnahmen.

171
00:18:30.400 --> 00:18:36.119
 Antisemitische Gewalt entstand also nicht nur in Ministerien und Behörden, sondern auch auf der Straße, in Städten und Gemeinden, in Betrieben und in Nachbarschaften.

172
00:18:36.380 --> 00:18:43.079
 Das bedeutet natürlich nicht, dass es sich um unkontrollierte oder vom Regime unabhängige Gewalt handelte.

173
00:18:43.799 --> 00:18:48.200
 Die nationalsozialistische Führung schuf mit ihrer antisemitischen Ideologie

174
00:18:48.200 --> 00:18:53.160
 und ihrer Politik den Rahmen, in dem solche Übergriffe möglich

175
00:18:53.160 --> 00:18:55.680
 und vielfach auch erwünscht waren.

176
00:18:56.779 --> 00:19:00.859
 Zugleich versuchte sie, Gewalt phasenweise zu lenken, zu begrenzen

177
00:19:00.859 --> 00:19:05.779
 oder in rechtliche und administrative Verfahren zu überführen.

178
00:19:06.500 --> 00:19:13.119
 Und gerade dieses Zusammenspiel von lokaler Initiativen, öffentlichem Terror und staatlicher Regelung

179
00:19:13.119 --> 00:19:20.839
 trug zur fortschreitenden Radikalisierung bei, ein Aspekt, über das eben die Forschung gerade in den 80er, 90er Jahren

180
00:19:20.839 --> 00:19:26.380
 sehr leidenschaftlich diskutiert hat, natürlich vor allem in Bezug auf die Frage,

181
00:19:26.880 --> 00:19:30.920
 ob der Mord an den europäischen Jüdinnen und Juden von Anfang an intendiert war.

182
00:19:31.000 --> 00:19:33.119
 Das ist natürlich dieser Frage auch inhärent.

183
00:19:33.819 --> 00:19:37.380
 Und vielleicht kennen Sie sozusagen diese zwei Positionen,

184
00:19:38.119 --> 00:19:40.700
 nämlich die Intentionalisten und die Funktionalisten,

185
00:19:40.700 --> 00:19:45.960
 die genau diese Fragen sehr leidenschaftlich, wie gesagt, in den 90er Jahren diskutierten.

186
00:19:45.960 --> 00:19:53.240
 Die Intentionalisten, die wirklich eine direkte Beziehung zwischen Ideologie, Planung und politischer Entscheidung sahen,

187
00:19:53.279 --> 00:20:00.740
 sozusagen wirklich einen direkten Weg vom Parteiprogramm der NSDAP nach Auschwitz sozusagen.

188
00:20:01.539 --> 00:20:06.920
 Eine zentrale Position von Hitler und eben die Vorsätzlichkeit betonend.

189
00:20:07.460 --> 00:20:12.119
 Und die Funktionalisten, die eher von einer Radikalisierung ausgingen,

190
00:20:12.180 --> 00:20:16.380
 Hans Mommsen hat eben diesen Begriff der kumulativen Radikalisierung geprägt

191
00:20:16.380 --> 00:20:24.339
 und die sozusagen unterstrichen, dass die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden

192
00:20:24.339 --> 00:20:28.099
 das Ergebnis einer Reihe lokaler Initiativen war,

193
00:20:28.460 --> 00:20:37.539
 eines chaotischen Systems und dass man dabei abzielte, darauf die örtlichen Probleme zu lösen.

194
00:20:39.019 --> 00:20:47.299
 Mittlerweile gibt es eine Annäherung dieser beiden Positionen und man geht von einem Wechselspiel zwischen Intention und Zufall aus.

195
00:20:47.880 --> 00:20:53.880
 Das heißt, man geht davon aus, dass die Bürokratie die zentrale Rolle spielte,

196
00:20:54.000 --> 00:20:57.180
 welche der Vernichtung gleichgültig gegenüberstand,

197
00:20:57.180 --> 00:20:59.559
 aber von einem Führer gelenkt wurde,

198
00:20:59.960 --> 00:21:04.119
 der seinerseits von den stärksten Überzeugungen getrieben wurde.

199
00:21:04.519 --> 00:21:09.440
 Also so ein Kompromiss zwischen Radikalisierungstheorie und der Bedeutung der Ideologie.

200
00:21:10.619 --> 00:21:17.220
 In den Jahren 1933 bis 1938 wurde die Verfolgung zunehmend systematisiert.

201
00:21:18.140 --> 00:21:25.539
 Bereits im April 1933 begann mit dem Boykott jüdischer Geschäfte und Kanzleien eine öffentlich inszenierte Ausgrenzung.

202
00:21:26.160 --> 00:21:36.599
 Es folgten zahlreiche Maßnahmen, die Jüdinnen und Juden aus dem Staatsdienst, aus Berufen, aus der Kultur, aus der Bildung und im öffentlichen Leben Schritt für Schritt verdrängten.

203
00:21:37.480 --> 00:21:43.680
 Wie erwähnt, mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 wurde dann die Entrechtung auch rechtlich festgeschrieben.

204
00:21:43.680 --> 00:21:44.579
 wurde dann die Entrechtung auch rechtlich festgeschrieben.

205
00:21:48.779 --> 00:21:55.099
 Jüdinnen und Juden verloren auch dabei wesentliche staatsbürgerliche Rechte und wie gesagt, Ehen und Beziehungen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Menschen wurden verboten.

206
00:21:56.380 --> 00:22:00.400
 Kehren wir aber noch einmal zur Fotografie von Michael Siegel zurück.

207
00:22:01.880 --> 00:22:04.880
 Seine Geschichte zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt,

208
00:22:07.480 --> 00:22:13.720
 zurück. Seine Geschichte zeigt einen weiteren wichtigen Aspekt, die ich auch unterstreichen möchte, auch weil sie in der jüngsten Forschung auch zunehmend akzentuiert wird. Jüdische Menschen

209
00:22:13.720 --> 00:22:18.940
 waren nicht bloß passive Opfer dieser nationalsozialistischen Verfolgung. Sie

210
00:22:18.940 --> 00:22:25.420
 versuchten vielmehr, unter den sich rasch verändernden und zunehmend gewaltsamen Bedingungen zu handeln,

211
00:22:25.960 --> 00:22:32.720
 Rechte einzufordern, einander zu unterstützen und die noch vorhandenen rechtlichen Möglichkeiten zu nutzen.

212
00:22:33.000 --> 00:22:37.859
 Und diese Möglichkeiten waren natürlich 1933 ganz andere als beispielsweise 1944.

213
00:22:39.779 --> 00:22:50.859
 Diese Perspektive wurde in der Geschichtsschreibung lange weniger stark berücksichtigt. Im Mittelpunkt standen stattdessen oft die Täter, die Institutionen, Gesetze und vor allem auch die Strukturen der

214
00:22:50.859 --> 00:22:55.839
 Verfolgung. Und natürlich ist diese Forschung unverzichtbar, denn ohne sie lassen sich die

215
00:22:55.839 --> 00:23:00.940
 Dimensionen und die Funktionsweisen des nationalsozialistischen Terrors nicht verstehen.

216
00:23:02.099 --> 00:23:07.259
 Zugleich kann sie aber den Blick darauf verengen, was die Verfolgten selbst taten.

217
00:23:08.059 --> 00:23:13.380
 Seit mehreren Jahren hat sich die Forschung deshalb stärker den Erfahrungen jüdischer Menschen und

218
00:23:13.380 --> 00:23:19.480
 ihren Handlungsspielräumen zugewandt. Und hier sehen Sie auch einige dieser Bücher und Sie sehen

219
00:23:19.480 --> 00:23:28.500
 dabei auch, dass der Fokus auch sehr stark auf das Leben und Lebenswelten sozusagen in den Ghettos und in den Konzentrationslager liegt,

220
00:23:28.500 --> 00:23:37.799
 weniger sozusagen auf den Alltag im Deutschen Reich sozusagen noch in den 30er Jahren möglicherweise,

221
00:23:37.940 --> 00:23:42.920
 aber auch da beginnt die Forschung jetzt zunehmend, diese Aspekte auch herauszuarbeiten.

222
00:23:42.900 --> 00:23:44.200
 zunehmend diese Aspekte auch herauszuarbeiten.

223
00:23:50.400 --> 00:23:55.400
 Und hier geht es natürlich darum, die Erfahrungen sozusagen und das Leben und das Handeln der Verfolgten sichtbar zu machen.

224
00:23:56.259 --> 00:23:59.240
 Und natürlich nicht darum, ihre Möglichkeiten zu überschätzen

225
00:23:59.240 --> 00:24:02.220
 und ihnen Verantwortung für Überleben zuzuschreiben.

226
00:24:02.900 --> 00:24:07.160
 Ihre Handlungsspielräume waren durch Gewalt, Erträchtung und Verfolgung

227
00:24:07.160 --> 00:24:11.579
 ja zunehmend eingeschränkt, aber eben nicht gänzlich verschwunden.

228
00:24:12.539 --> 00:24:16.000
 Menschen suchten Rechtsbeistand, unterstützen Angehörige und Gemeinden,

229
00:24:16.160 --> 00:24:18.859
 organisierten Hilfe, bemühten sich um Ausreise

230
00:24:18.859 --> 00:24:23.339
 oder versuchten, ihren Alltag unter diesen neuen Bedingungen aufrechtzuerhalten.

231
00:24:23.960 --> 00:24:27.819
 So ging auch Michael Siegel im Auftrag eines Mandanten,

232
00:24:27.940 --> 00:24:31.700
 nämlich Max Uhlfelder, der ebenfalls jüdische Abstammung war,

233
00:24:32.099 --> 00:24:35.440
 zur Hauptpolizeiwache, um eine Anzeige aufzugeben.

234
00:24:35.640 --> 00:24:39.180
 Der Michael Siegel, den wir eingangs gesehen haben auf der Fotografie.

235
00:24:40.000 --> 00:24:43.740
 Und zwar, weil er am Vorabend NS-Sturmtruppen die Fenster

236
00:24:43.740 --> 00:24:47.579
 des Kaufhauses und seinen Mandanten zerstört hatten.

237
00:24:48.640 --> 00:24:50.119
 Das heißt, er wollte hier intervenieren.

238
00:24:51.180 --> 00:24:55.119
 Darin zeigt sich, dass er, wie viele andere Menschen zu diesem frühen Zeitpunkt,

239
00:24:55.119 --> 00:24:58.059
 noch davon ausgehen konnten oder zumindest hofften,

240
00:24:59.019 --> 00:25:05.200
 dass Behörden, Angesetze an Verfahren und Formen staatlicher Ordnung gebunden sein,

241
00:25:05.559 --> 00:25:09.059
 eine Hoffnung, wie wir gesehen haben, auch sehr rasch zerschlagen wurde.

242
00:25:09.980 --> 00:25:13.160
 Siegel wurde nicht trotz seiner Intervention misshandelt,

243
00:25:13.559 --> 00:25:19.160
 sondern gerade, weil er es gewagt hatte, sich einzusetzen und gegen das Unrecht vorzugehen.

244
00:25:20.200 --> 00:25:27.460
 Was wir hier also sehen, ist das, was früher ein legitimer Gang zu einer Behörde oder der Versuch gewesen wäre,

245
00:25:27.539 --> 00:25:31.359
 einem Freund, einem Angehörigen oder einem Mandanten beizustehen,

246
00:25:31.700 --> 00:25:38.579
 unter der nationalsozialistischen Herrschaft als Provokation behandelt und mit Gewalt bestraft werden konnte.

247
00:25:39.980 --> 00:25:46.000
 Fünf Jahre später, im März 1938, begegnet uns diese Erfahrung auch in Österreich.

248
00:25:47.400 --> 00:25:52.940
 Der Anschluss Österreichs brachte zahlreiche politische, wirtschaftliche und soziale Umwälzungen mit sich

249
00:25:52.940 --> 00:26:00.500
 und veränderte das Leben der hier Lebenden, etwa 186.000 bis 200.000 Jüdinnen und Juden, fundamental.

250
00:26:01.720 --> 00:26:06.880
 Durch eine Vielzahl an antijüdischen Maßnahmen wurden sie aus dem gesellschaftlichen

251
00:26:06.880 --> 00:26:14.059
 Leben gedrängt und zwar in einer Geschwindigkeit, die selbst die im Deutschen Reich lebenden

252
00:26:14.059 --> 00:26:22.039
 Jüdinnen und Juden bis dahin nicht gekannt hatten. Dort hat man eben diese Maßnahmen fünf Jahre lang

253
00:26:22.039 --> 00:26:26.240
 schrittweise quasi eingeführt und in Österreich wurden sie in wenigen Wochen umgesetzt.

254
00:26:27.660 --> 00:26:33.119
 Gleichzeitig erlebten die Jüdinnen und Juden in Österreich eine Welle ungehemmter antisemitischer Gewalt.

255
00:26:34.220 --> 00:26:37.539
 Noch in der Nacht, bevor die Wehrmacht die Grenze zu Österreich überquert hatte,

256
00:26:38.279 --> 00:26:41.079
 begannen die Gewalttätigkeiten gegen Jüdinnen und Juden.

257
00:26:41.240 --> 00:26:46.400
 Viele Juden wurden verhaftet, auf offener Straße misshandelt und gedemütigt,

258
00:26:47.000 --> 00:26:51.920
 jüdische Geschäfte wurden geplündert und verwüstet. Ältere Männer wurden dazu gezwungen,

259
00:26:52.400 --> 00:26:57.839
 bis zur Erschöpfung Estesierübungen zu machen oder sie wurden angehalten, Schaufenster zum

260
00:26:57.839 --> 00:27:04.000
 Beispiel von jüdischen Geschäften zu beschmieren. NSDAP-Mitglieder und SA-Männer drangen in

261
00:27:04.000 --> 00:27:09.819
 Privatwohnungen ein, verschleppten Vermögenswerte und demolierten Einrichtungsgegenstände.

262
00:27:10.759 --> 00:27:26.259
 Eines jener antijüdischen Demütigungsaktionen, die den öffentlichen Raum der ersten Märzwochen in Wien, aber auch andernorts in Österreich prägten und zum sogenannten Sinnbild der Anschlusspropagrome wurden, waren die sogenannten Reibpartien.

263
00:27:27.339 --> 00:27:31.759
 In deren Rahmen wurden jüdische Männer und Frauen in aller Öffentlichkeit gezwungen,

264
00:27:31.759 --> 00:27:37.740
 von den Gehsteigen und von den Wänden politische Parolen oder antisemitische Schmierereien zu entfernen.

265
00:27:38.660 --> 00:27:44.220
 Und eines dieser Reibpartien möchte ich hier kurz mit Ihnen diskutieren.

266
00:27:44.220 --> 00:27:44.400
 möchte ich hier kurz mit Ihnen diskutieren.

267
00:27:48.079 --> 00:27:48.900
 Sie fand in Wien-Erdberg in der Hagenmühle Gasse 30 statt,

268
00:27:51.119 --> 00:27:52.259
 drei Tage nach dem Anschluss.

269
00:27:55.339 --> 00:27:58.440
 Und zwar aufgrund eines Volksgerichtsprozesses nach 1945 wissen wir relativ viel über dieses Ereignis

270
00:27:58.440 --> 00:28:01.640
 und vor allem auch über die Akteure und Hintergründe

271
00:28:01.640 --> 00:28:03.319
 dieses Gewalterereignisses.

272
00:28:04.299 --> 00:28:09.279
 Eines der Opfer, Rudolf Stern, den wir auch hier auf dieser Fotografie sehen,

273
00:28:09.380 --> 00:28:16.000
 der genau dieses Ereignis sozusagen festhält, er ist hier mit der Nummer 5 gekennzeichnet,

274
00:28:17.720 --> 00:28:24.019
 schilderte das Geschehen in einer eiderstaatlichen Erklärung vor dem Volksgericht.

275
00:28:24.019 --> 00:28:25.440
 in einer eiderstattlichen Erklärung vor dem Volksgericht.

276
00:28:30.059 --> 00:28:34.599
 An einem der ersten Tage nach der Nazimachtergreifung erschien in unserem Geschäft eine Figur mit Hakenkreuzbinde am Arm und forderte mich auf,

277
00:28:34.700 --> 00:28:37.799
 mich mit Kübel und Reitbürste zu versehen und ihm zu folgen.

278
00:28:38.920 --> 00:28:43.099
 Andere Handlanger der Nazis erschienen gleichzeitig in sämtlichen jüdischen Geschäften

279
00:28:43.099 --> 00:28:46.480
 unserer Umgebung mit gleichen Einladungen.

280
00:28:46.920 --> 00:28:51.279
 Als ich vor dem Realgymnasium Wien 3, Hegenmüllergasse ankam,

281
00:28:51.740 --> 00:28:57.180
 sah ich dort meine Freunde Heinrich Scherater, er hat das selbst quasi hervorgehoben in seiner Erklärung,

282
00:28:57.720 --> 00:29:06.119
 und Heinrich Safirstein, Söhne von Kaufleuten aus den Häusern Schlachthausgasse 16 und Erdbergstraße 156,

283
00:29:06.579 --> 00:29:09.720
 sowie die Herren Löwenherz, Neumann und Halpern.

284
00:29:10.420 --> 00:29:12.180
 Auch sie hatten Kübel und Bürsten.

285
00:29:12.900 --> 00:29:17.940
 Im Gänsemarsch wurden wir durch die Reihe der spalierstehenden, interessierten Zuschauer in die Häuser geführt,

286
00:29:17.940 --> 00:29:23.920
 um unsere Kübel mit Wasser zu füllen, was wir im Laufe der darauffolgenden Arbeit häufig wiederholten.

287
00:29:24.759 --> 00:29:29.779
 Die kleinen Neros jener Zeit und die hunderte von Zuschauern kamen gut auf ihre Rechnung,

288
00:29:30.380 --> 00:29:36.039
 während der Sternjud, der Scharatejud und so weiter nach der Reihe auf der Straße niederknieten

289
00:29:36.039 --> 00:29:41.900
 und jene mühselige Arbeit begannen, die mit Ölfarbe auf dem Straßenbelag gemalten Parolen

290
00:29:41.900 --> 00:29:44.720
 für die unterdrückte Volksabstimmung abzureiben.

291
00:29:44.740 --> 00:29:46.099
 Straßenbelag gemalten Parolen für die unterdrückte Volksabstimmung abzureiben.

292
00:29:52.099 --> 00:30:00.400
 Die Akten erlauben auch Einblicke in die Gruppe derjenigen, die diese Aktionen initiierten und durchsetzten. Es handelte sich um lokale Mitglieder der NSDAP und SA, vielfach bereits in der

293
00:30:00.400 --> 00:30:06.680
 Verbotszeit als sogenannte illegale Aktiv, wie beispielsweise auch Josef Brettschneider,

294
00:30:06.680 --> 00:30:14.859
 der quasi hier vor dem Volksgericht angeklagt wurde und in dessen, also quasi im Kontext seines Verfahrens

295
00:30:14.859 --> 00:30:18.099
 auch diese eidesstattliche Erklärung verfasst wurde.

296
00:30:18.599 --> 00:30:26.859
 Er war 1911 geboren, 1929 der HJ beigetreten und zwei Jahre später dann der NSDAP.

297
00:30:27.480 --> 00:30:32.680
 Und er war in der Umgebung als lokaler Nazi bereits vor 1938 bekannt.

298
00:30:34.019 --> 00:30:40.160
 In den Aussagen ist bereits vor 1938 auch von regelmäßigen Treffen

299
00:30:40.160 --> 00:30:45.680
 der lokalen NS-Anhängern im nahegelegenen Gasthaus Haas die Rede,

300
00:30:45.880 --> 00:30:49.700
 das einer der Zeugen als Gasthaus zum Rittenreich auch bezeichnet.

301
00:30:50.380 --> 00:30:54.019
 Und auch das ist ganz typisch, das sehen wir in sehr vielen anderen Volksgerichtsakten,

302
00:30:54.539 --> 00:30:58.380
 diese Vernetzung, die sozusagen wirklich vor Ort lokal stattfindet,

303
00:30:58.599 --> 00:31:10.039
 in vielen Fällen in Gasthäusern organisiert sich die lokale NS-Szene bereits vor 1938 und plant von hier aus Aktionen und setzt sie dann auch um.

304
00:31:11.140 --> 00:31:21.519
 Ein unverzichtbares Element dieser öffentlich inszenierten Reitpartien waren aber auch die Umherstehenden, die Zuschauer und natürlich auch die Passantinnen.

305
00:31:26.160 --> 00:31:26.480
 natürlich auch die Passantinnen. Zeitgenössische Quellen wie Tagebücher, Erinnerungsberichte,

306
00:31:33.000 --> 00:31:34.039
 aber auch Fotografien bezeugen, dass die Zuschauermenge keineswegs nur passiv beobachtete.

307
00:31:38.740 --> 00:31:50.059
 Teile der Bevölkerung verhöhnten die Opfer, beteiligten sich an der Beschimpfung oder drängten sich um das Geschehen. Einige griffen auch aktiv ein, indem sie einen Kreis bildeten und sich an den Hand hielten.

308
00:31:50.059 --> 00:31:53.500
 Das sehen wir hier sehr genau, wenn wir auf die Zuschauermenge hinten schauen,

309
00:31:54.299 --> 00:32:03.940
 wie sie sich an den Hand halten und damit auch jegliches Entkommen der Gedemütigten zu verhindern suchten.

310
00:32:05.359 --> 00:32:08.180
 Manche schauten schweigend zu, ohne einzugreifen.

311
00:32:10.099 --> 00:32:17.019
 Andere gingen daran auch vorbei, sahen vielleicht kurz zu und drehten sich dann wieder weg,

312
00:32:17.019 --> 00:32:20.019
 wie zum Beispiel auch die Nicht-Jüdin Anna Margo,

313
00:32:21.319 --> 00:32:25.460
 die auch dieses Volksgerichtsverfahren gegen Brettschneider angestrengt hatte.

314
00:32:26.099 --> 00:32:32.440
 Sie war mit einem jüdischen Mann verheiratet und erinnerte sich dann in ihrer Befragung

315
00:32:32.440 --> 00:32:36.039
 an eines dieser sogenannten Reimpartien.

316
00:32:36.460 --> 00:32:39.539
 Ich sah Menschen versammelt und habe mich auch hingestellt.

317
00:32:39.539 --> 00:32:45.579
 Da sah ich WSA-Leute, Dr. Kawa, das war ihr Hausarzt, beim Haus herausgezehrt haben.

318
00:32:46.140 --> 00:32:48.799
 Ich sah, dass der Dr. Carver bleich und blutig war.

319
00:32:49.339 --> 00:32:50.660
 Er blutete an der rechten Wange.

320
00:32:51.119 --> 00:32:55.440
 Ich ging dann weg, weil ich nicht wollte, dass er, also der Dr. Carver, mich sieht.

321
00:32:56.619 --> 00:33:02.099
 Anna Margos Reaktion, die sich aus persönlicher Betroffenheit und Scham vom Geschehen abwandte,

322
00:33:02.099 --> 00:33:03.700
 war nur eine von vielen.

323
00:33:04.539 --> 00:33:08.000
 Andere gingen aus Gleichgültigkeit oder aus Einschüchterung vorbei.

324
00:33:08.680 --> 00:33:13.279
 Nur vereinzelt sind Reaktionen des offenen Protests oder der Hilfe überliefert.

325
00:33:13.380 --> 00:33:18.980
 Aber was wir auf jeden Fall sehen, dass diese Ereignisse über den Ort hinaus Wirkung zeigten oder wirkten.

326
00:33:20.539 --> 00:33:27.559
 Die spontanen, nicht zentral gesteuerten antisemitischen Exzesse und der Terror in Österreich nach dem März 1938

327
00:33:27.559 --> 00:33:32.599
 stellten das nationalsozialistische Machtapparat vor eine Herausforderung.

328
00:33:32.599 --> 00:33:39.440
 Einerseits begrüßte es den öffentlich wirksamen Ausbruch des Antisemitismus unter anderem als Herrschaftsinstrument,

329
00:33:39.980 --> 00:33:48.460
 das in der Lage war, revolutionäres Gewaltpotenzial zu kanalisieren und andererseits versuchte es, ihn in geordnete Bahnen zu lenken

330
00:33:48.460 --> 00:33:50.200
 und unter seine Kontrolle zu bringen.

331
00:33:50.759 --> 00:33:56.180
 Schließlich stellte er das Monopol auf legitime Gewaltanwendung infrage,

332
00:33:56.279 --> 00:34:00.839
 wie auch Gerhard Botts in seiner großen Monografie zum Anschluss herausgearbeitet hat.

333
00:34:02.039 --> 00:34:04.660
 Insbesondere die sogenannten wilden Arisierungen,

334
00:34:06.380 --> 00:34:13.340
 also die wirkürliche Besetzung und Plünderung jüdischer Wohnungen oder auch Geschäftslokale stießen auf missfallende

335
00:34:13.340 --> 00:34:19.320
 NS-Behörden, da dadurch ja dem Staat auch erhebliche Vermögenswerte verloren gingen oder

336
00:34:19.320 --> 00:34:29.360
 entzogen wurden. So war also der Staat zunehmend darum bemüht, jüdische Vermögenswerte von oben kontrolliert auf behördlichen Wegen anzueignen.

337
00:34:29.920 --> 00:34:41.980
 Und dazu wurde dann im April 1938 eine Verordnung über die Anmeldung des Vermögens von Juden über 5.000 Reismark eingeführt

338
00:34:41.980 --> 00:34:47.099
 und im Mai dann die sogenannte Vermögensverkehrsstelle eingerichtet,

339
00:34:47.920 --> 00:34:52.940
 die jüdische Klein- und Mittelbetriebe prüfte und ihre Arisierung

340
00:34:52.940 --> 00:34:56.699
 beziehungsweise Liquidierung organisierte und auch überwachte.

341
00:34:57.500 --> 00:35:00.619
 Was wir hier auch gut sehen, dass antisemitische Ideologie

342
00:35:00.619 --> 00:35:06.980
 und wirtschafts- und sozialpolitische Interessen eng aneinandergriffen, ein Aspekt,

343
00:35:07.199 --> 00:35:11.300
 auf das eben nicht zuletzt Gutz Ali beispielsweise oder Christian Gerlach in ihren Forschungen

344
00:35:11.300 --> 00:35:18.280
 vielfach hingewiesen haben. Als Reaktion auf die massive Gewalt, die mit dem Anschluss und

345
00:35:18.280 --> 00:35:25.360
 den folgenden Ereignissen einherging, verließen 60.000 Jüdinnen und Juden etwa Österreich.

346
00:35:29.019 --> 00:35:36.780
 Viele versuchten bereits in der Nacht vor dem Anschluss einen Weg zu finden, um das Land zu verlassen und bestiegen bereits am 11. März um Mitternacht einen Zug Richtung Prag.

347
00:35:37.340 --> 00:35:44.579
 Aber der Großteil der Reisenden wurde dann aufgrund fehlender Visa an der tschau-slowakischen Grenze

348
00:35:44.579 --> 00:35:45.780
 an der Einreise gehindert

349
00:35:45.780 --> 00:35:47.900
 und musste nach Wien wieder zurückkehren.

350
00:35:49.059 --> 00:35:53.340
 Auch an der Grenze zu den anderen Nachbarländern wurden strenge Kontrollen eingeführt,

351
00:35:53.340 --> 00:35:58.300
 sodass es ohne einen ausländischen Pass fast unmöglich wurde, das Land zu verlassen.

352
00:35:59.519 --> 00:36:05.960
 Während die Nationalsozialisten im März 1938 die Emigration noch zu unterbinden suchten,

353
00:36:06.840 --> 00:36:11.599
 förderten sie die Flucht von Jüdinnen und Juden ab Mai 1938 aktiv,

354
00:36:11.599 --> 00:36:17.500
 unter der Voraussetzung, dass die Emigrationswilligen ihr Vermögen in Österreich zurückließen.

355
00:36:18.400 --> 00:36:22.519
 Und so standen die verschiedenen antijüdischen Maßnahmen, Drohungen, Verhaftungen,

356
00:36:23.059 --> 00:36:26.639
 antisemitische Gewaltakte oder auch KZ-Verschickungen,

357
00:36:27.139 --> 00:36:31.739
 zum Teil auch damit in Zusammenhang den sogenannten Auswanderungsdruck zu erhöhen.

358
00:36:31.739 --> 00:36:39.119
 Das heißt, man hat jemanden in Konzentrationslager eingeliefert und aus dem KZ wieder entlassen,

359
00:36:39.239 --> 00:36:43.119
 wenn er ein Visa vorweisen konnte, ein Einreisevisa in ein anderes Land.

360
00:36:43.119 --> 00:36:44.420
 vorweisen konnte, ein Einreisevisa in ein anderes Land.

361
00:36:48.500 --> 00:36:53.260
 Um die erzwungene Emigration zu beschleunigen, wurde im August 1938 im Palais Rothschild die sogenannte Zentralstalle für jüdische Auswanderung

362
00:36:53.260 --> 00:36:57.980
 eingerichtet unter der Führung von Adolf Eichmann, die die Vielzahl

363
00:36:57.980 --> 00:37:02.219
 an Institutionen und Ämter, die für eine Emigrationsbewilligung

364
00:37:02.219 --> 00:37:05.440
 konsultiert werden mussten, unter einem Dach zusammenfasste.

365
00:37:06.880 --> 00:37:10.860
 Während in Wien der bürokratische Prozess der Auswanderung optimiert wurde,

366
00:37:11.360 --> 00:37:15.699
 sank aber im Ausland die Bereitschaft, jüdische Flüchtlinge aufzunehmen.

367
00:37:16.639 --> 00:37:19.940
 Zu groß war die Angst, die mittellosen Flüchtlinge,

368
00:37:20.260 --> 00:37:23.920
 deren Enteignung durch die NS-Behörden eben zu einer Voraussetzung gemacht wurde,

369
00:37:23.980 --> 00:37:29.679
 damit sie das Land verlassen, könnten die öffentliche Fürsorge zu stark belasten

370
00:37:29.679 --> 00:37:34.840
 und eben auch gesellschaftliche oder auch innenpolitische Spannungen hervorrufen.

371
00:37:35.119 --> 00:37:38.099
 Also die Angst sozusagen vor einem wachsenden Antisemitismus.

372
00:37:39.440 --> 00:37:47.500
 Viele Staaten erließen Einwanderungsverbote oder erschwerten die Einreise durch Visapflicht und strenge Grenzkontrollen.

373
00:37:48.619 --> 00:37:54.980
 Nach dem Wiener Vorbild entstanden dann später vergleichbare Zentralstellen in Berlin, Prag und Amsterdam.

374
00:37:55.480 --> 00:37:58.039
 Also das wurde zu einem Modell sozusagen.

375
00:37:59.300 --> 00:38:03.699
 Und mit Kriegsbedingungen verengten sich dann aber die Möglichkeiten der Ausreise nochmal.

376
00:38:04.659 --> 00:38:09.239
 Grenzen wurden geschlossen, Visa und Transportwege immer schwerer zugänglich,

377
00:38:09.880 --> 00:38:12.860
 während durch die deutsche Eroberung im Osten und Westen

378
00:38:12.860 --> 00:38:18.960
 die Zahl der unter nationalsozialistischer Herrschaft geratenen Jüdinnen und Juden massiv anstieg.

379
00:38:20.400 --> 00:38:27.880
 Als das nationalsozialistische Regime im Oktober 1941 die Auswanderung von Jüdinnen und Juden aus dem Deutschen Reich grundsätzlich verbot,

380
00:38:28.340 --> 00:38:33.800
 endete diese Politik der entzwungenen Emigration als vorrangige Verfolgungsstrategie.

381
00:38:34.599 --> 00:38:43.539
 Mit dem Überfall auf Polen im September 1939 gerieten etwa zwei Millionen polnische Jüdinnen und Juden unter nationalsozialistische Herrschaft.

382
00:38:43.539 --> 00:38:44.219
 polnische Jüdinnen und Juden unter nationalsozialistischer Herrschaft.

383
00:38:52.320 --> 00:38:53.780
 Vor allem im sogenannten Gouvernement wurden sie ab 1940 in Ghettos gesperrt.

384
00:38:54.659 --> 00:38:57.300
 Moment.

385
00:39:03.599 --> 00:39:14.320
 Hier sieht man ein bisschen sozusagen einen Teil der großen Ghettos, insgesamt gab es 400 Ghettos auf polnischem Gebiet und im Gesamteuropa 1150, so ungefähr nach neuesten Schätzungen.

386
00:39:15.500 --> 00:39:17.960
 Diese Ghettos waren Orte extremer Not.

387
00:39:19.219 --> 00:39:27.619
 Sie kennen sicherlich die Berichte oder auch Fotografien der Überbelegung, Hunger, Krankheiten und auch eine sehr hohe Sterblichkeit,

388
00:39:28.280 --> 00:39:29.739
 die eben den Alltag prägten.

389
00:39:30.360 --> 00:39:32.719
 Aber, und auch darauf weist, wie gesagt,

390
00:39:32.800 --> 00:39:36.460
 die neueste Forschung auch verstärkt in Orte des jüdischen Lebens,

391
00:39:37.260 --> 00:39:38.920
 Orte der Kultur, der Bildung.

392
00:39:39.480 --> 00:39:42.019
 In einigen Ghettos gab es sogar ein Archiv,

393
00:39:42.800 --> 00:39:45.619
 wo man versucht hat, sozusagen das jüdische Leben festzuhalten.

394
00:39:46.260 --> 00:39:50.179
 Einerseits das jüdische Leben, das verloren gegangen ist durch die Verfolgung,

395
00:39:50.300 --> 00:39:53.440
 aber auch das jüdische Leben im Ghetto selbst zu dokumentieren.

396
00:39:53.440 --> 00:39:58.400
 Und das sind natürlich heutzutage ganz wertvolle Quellen für uns Historiker.

397
00:39:59.340 --> 00:40:04.380
 Zugleich dienten diese Ghettos der Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft.

398
00:40:04.380 --> 00:40:04.760
 Gleich dienten diese Ghettos der Ausbeutung jüdischer Arbeitskraft.

399
00:40:09.480 --> 00:40:09.579
 Manche Ghettos entwickelten sich zu ganz wichtigen Standorten für Werkstätten,

400
00:40:13.440 --> 00:40:14.000
 Betriebe, die dann für die deutsche Kriegswirtschaft produzierten.

401
00:40:16.599 --> 00:40:17.599
 Ein ganz bekanntes Beispiel ist ja Lodz, Schlitzmannstadt,

402
00:40:19.800 --> 00:40:21.280
 wo Chaim Rumkowski, sozusagen der Judenrat,

403
00:40:32.619 --> 00:40:40.219
 wirklich ganz stark seine Politik so darauf ausgerichtet hat, mithilfe der Zuführungsstellung von Arbeitskraft das Leben dieses Ghettos möglichst lange zu erhalten und dafür auch sehr fatale Kompromisse eingegangen ist mit den nationalsozialistischen Behörden.

404
00:40:40.219 --> 00:40:44.940
 Und seine Politik, wie wir wissen, war nicht erfolgreich.

405
00:40:49.820 --> 00:40:50.639
 1944 ist Litzmannstadt dann liquidiert worden, also das Ghetto.

406
00:40:58.480 --> 00:41:16.139
 Eine entscheidende Radikalisierung brachte der deutsche Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941. Drückten Einsatzgruppen von SS und Polizei vor, die zunächst vor allem jüdische Männer und kommunistische oder kommunistisch geglaubte Funktionäre und andere als politische Gegner diffamierte Menschen ermordeten.

407
00:41:17.119 --> 00:41:31.300
 Sehr rasch weiterte sich aber dann diese Gewalt auch auf jüdische Frauen, Kinder und auch auf ältere Menschen aus. Und ganze jüdische Gemeinden wurden dabei ermordet bei Massenerschießungen.

408
00:41:32.239 --> 00:41:36.780
 Was wir hier sehen, ist, dass dieses systematische Massenbord bereits hier begonnen hat

409
00:41:36.780 --> 00:41:40.679
 und nicht erst mit der Einrichtung der sogenannten Vernichtungslager.

410
00:41:41.639 --> 00:41:47.480
 Viele dieser Verbrechen fanden unmittelbar vor Ort statt, in den besetzten Gebieten Osteuropas.

411
00:41:48.239 --> 00:41:55.880
 Timothy Snyder hat genau deswegen diese Teile Europas als Bloodlands bezeichnet,

412
00:41:58.000 --> 00:42:07.099
 die Gebiete, die von nationalsozialistischer, aber auch von sowjetischer Gewalt besonders betroffene Regionen Osteuropas.

413
00:42:07.880 --> 00:42:14.019
 Damit hat er eben den Blick auch auf die Massenerschießungen und die lokalen Tatorte im besetzten Osten gerichtet,

414
00:42:14.900 --> 00:42:26.500
 womit eben auch deutlicher wurde, dass der Holocaust nicht allein in institutionell organisierten Vernichtungsstätten stattfand, sondern eben mitten in Dörfern, in Städten, in Landschaften,

415
00:42:26.960 --> 00:42:32.800
 oft unter den Augen oder mit Wissen, teilweise auch unter der Beteiligung der lokalen Bevölkerung.

416
00:42:33.880 --> 00:42:39.380
 Im Herbst 1941 setzte zugleich eine neue Phase der Verfolgung im Deutschen Reich ein.

417
00:42:40.099 --> 00:42:44.239
 Seit September mussten Jüdinnen und Juden im Reich den gelben Stern tragen.

418
00:42:44.239 --> 00:42:45.380
 Seit September mussten Jüdinnen und Juden im Reich den gelben Stern tragen.

419
00:42:51.039 --> 00:42:51.519
 Diese öffentliche Kennzeichnung verschärfte ihre Ausgrenzung und erleichterte ihre Kontrolle,

420
00:42:54.739 --> 00:42:55.599
 bereitete auch die beginnenden Deportationen vor.

421
00:43:00.579 --> 00:43:04.139
 Ab Oktober 1941 wurden Menschen aus dem Reich dann systematisch in Ghettos, Lager und in andere besetzte Städte im Osten deportiert.

422
00:43:04.139 --> 00:43:04.900
 in Lager und in andere besetzte Städte im Osten deportiert.

423
00:43:12.440 --> 00:43:15.619
 Die Wannsee-Konferenz im Januar 1942 diente dann nicht dem erstmaligen Beschluss der Vernichtung, was auch eine Zeit lang unter Historikern diskutiert wurde.

424
00:43:16.159 --> 00:43:19.820
 Der Massenmord hatte zu diesem Zeitpunkt schon längst begonnen.

425
00:43:20.920 --> 00:43:30.719
 Hier koordinierten vielmehr Vertreter der Ministerien, Partei, SS und Polizei die europaweite Deportations- und Vernichtungspolitik.

426
00:43:31.559 --> 00:43:37.119
 In den folgenden Monaten wurden die Ghettos dann zunehmend liquidiert, wie man das nannte.

427
00:43:37.659 --> 00:43:42.719
 Ihre Bewohnerinnen und Bewohner wurden in Vernichtungsstätten deportiert und ermordet.

428
00:44:05.659 --> 00:44:06.300
 Dämmertumstätten deportiert und ermordet. Hier beispielsweise in Treblinka oder im Belzec Sobibor, sozusagen die Lager der sogenannten A Zeit bestehende Häftlingsgesellschaft.

429
00:44:11.519 --> 00:44:12.059
 Die große Mehrheit der Deportierten wurden unmittelbar nach der Ankunft ermordet.

430
00:44:16.619 --> 00:44:16.840
 Nur kleine Gruppen jüdischer Gefangenen mussten unter Zwang arbeiten,

431
00:44:20.360 --> 00:44:21.159
 und zwar vor allem bei Arbeitenden, die mit dem Mordprozess in Verbindung standen.

432
00:44:29.800 --> 00:44:48.599
 Aber auch sie wurden regelmäßig ermordet und durch neue Arbeitsgruppen ersetzt und entsprechend gering ist die Zahl der Überlebenden oder war die Zahl der Überlebenden. So sind zum Beispiel aus Belzec nur drei Überlebende bekannt aus Sobibor und Treblinka, auch nur einige Dutzend Menschen, die und zwar hatten sie überlebt, weil ihnen im Zusammenhang mit den Aufständen in Sobibor und Treblinka 43 die Flucht gelungen war.

433
00:44:48.900 --> 00:44:53.320
 Die geringe Zahl von Zeuginnen und Zeugen trug wesentlich dazu bei,

434
00:44:53.739 --> 00:44:59.539
 dass diese Orte nach 1945 lange weniger präsent waren als Auschwitz.

435
00:45:01.139 --> 00:45:11.260
 Auschwitz war im Jahr 1940 zunächst zur Inhaftierung polnischer politischer Gegner, Widerstandskämpfer und Angehöriger der polnischen Intelligenz errichtet worden.

436
00:45:11.260 --> 00:45:23.039
 Mit dem Ausbau des Lagerkomplexes und insbesondere dann mit der Einrichtung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ab 1941 wandelte sich dann die Funktion dieses Lagers.

437
00:45:23.019 --> 00:45:23.679
 wandelte sich dann die Funktion dieses Lagers.

438
00:45:27.239 --> 00:45:27.360
 Auschwitz wurde zunehmend zu einem zentralen Ort der Deportation,

439
00:45:30.719 --> 00:45:32.199
 Zwangsarbeit und Ermordung europäischer Jüdinnen und Juden.

440
00:45:34.820 --> 00:45:36.260
 Und hier sehen wir natürlich auch noch die anderen Lager,

441
00:45:42.960 --> 00:45:43.280
 die wichtigsten Lager sozusagen in Europa und quasi auch wichtige Deportationswege.

442
00:45:46.000 --> 00:45:53.840
 Und sie zeigen, glaube ich, auch nochmal unterstreichen, auch nochmal diese Bedeutung, die Auschwitz im Zusammenhang mit der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden gespielt hat.

443
00:45:54.699 --> 00:46:00.559
 Seine größte Bedeutung als Ort der Vernichtung gewann Auschwitz dann im Jahr 1944.

444
00:46:01.900 --> 00:46:16.179
 In diesem Jahr trafen dort Deportationszüge aus zahlreichen Teilen Europas ein, den besetzten Polen, dem Deutschen Reich, aus dem Protektorat, Böhmen und Meeren, aus der Slowakei, Frankreich, Niederlande, Belgien, Italien und Griechenland.

445
00:46:16.820 --> 00:46:24.099
 Und die größte Gruppe unter den 1944 Deportierten bildeten die ungarischen Jüdinnen und Juden.

446
00:46:27.199 --> 00:46:34.920
 1944 Deportierten bildeten die ungarischen Jüdinnen und Juden. Nach der deutschen Besetzung Ungarns im März 1944 wurden innerhalb weniger Wochen etwa 437.000 Menschen aus der ungarischen

447
00:46:34.920 --> 00:46:41.159
 Provinz nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Die meisten von ihnen wurden unmittelbar nach ihrer

448
00:46:41.159 --> 00:46:47.239
 Ankunft ermordet. Damit wurde Auschwitz-Birkenau zum zentralen Tatort der Vernichtung

449
00:46:47.239 --> 00:46:48.659
 der ungarischen Jüdinnen und Juden.

450
00:46:49.599 --> 00:46:53.659
 Um zu verstehen, wie diese Deportationen in einer derartigen Geschwindigkeit

451
00:46:53.659 --> 00:46:59.059
 und Ausmaß innerhalb von sechs Wochen möglich wurden,

452
00:46:59.260 --> 00:47:01.519
 müssen wir auf die politische Situation in Ungarn

453
00:47:01.519 --> 00:47:05.719
 und auf die deutsche Besetzung des Landes im März 1944 zurückblicken. Die Deportation der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn und auf die deutsche Besetzung des Landes im März 1944 zurückblicken.

454
00:47:06.880 --> 00:47:12.659
 Die Deportation der jüdischen Gemeinschaft in Ungarn und der von ihm annektierten Gebieten begann

455
00:47:12.659 --> 00:47:17.880
 zu einer Zeit, als die überwiegende Mehrheit der europäischen Jüdinnen und Juden bereits

456
00:47:17.880 --> 00:47:23.579
 ermordet worden war. Zu einem Zeitpunkt, als sich die militärische Niederlage, und ich glaube,

457
00:47:23.639 --> 00:47:25.000
 das ist auch hier ganz wesentlich,

458
00:47:25.559 --> 00:47:28.159
 des Deutschen Reiches bereits deutlich abzeichnete.

459
00:47:29.880 --> 00:47:35.900
 Schon kurze Zeit nach der Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen führte die neu eingesetzte ungarische Kollaborationsregierung

460
00:47:35.900 --> 00:47:40.199
 jedoch in Zusammenarbeit mit deutschen Stellen zahlreiche Maßnahmen ein,

461
00:47:40.820 --> 00:47:47.239
 die in den deutsch kontrollierten Ländern Europas teilweise bereits seit Jahren angewandt worden sind.

462
00:47:48.320 --> 00:47:54.300
 Doch war mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Ungarn das Schicksal der Juden noch nicht notgedrungen entschieden,

463
00:47:54.440 --> 00:47:55.599
 und das ist ganz wesentlich.

464
00:47:56.400 --> 00:47:59.820
 Denn die Erfahrungen aus anderen europäischen Staaten hatten gezeigt,

465
00:48:00.039 --> 00:48:06.699
 dass die Durchführung der Ghettoisierung und der Deportation ohne Mitwirkung einheimischer Organe nicht möglich war.

466
00:48:07.260 --> 00:48:14.079
 So rettete zum Beispiel das bewusste Wegschauen von Polizei und Küstenwache einige tausend Juden in Dänemark das Leben,

467
00:48:14.619 --> 00:48:17.300
 die auf diese Weise nach Schweden fliegen konnten.

468
00:48:18.380 --> 00:48:28.519
 In den rumänisch besetzten Gebieten wurden Juden Opfer systematischer Verfolgung, aber die rumänische Führung zog ihre frühere Zustimmung

469
00:48:28.519 --> 00:48:35.960
 zur Deportation der Juden im rumänischen Kernland 1942 wieder zurück. Und auch in Frankreich weigerte

470
00:48:35.960 --> 00:48:41.099
 sich das Kollaborationsregime zunächst, die einheimischen Juden aus dem Deutschen Reich, also

471
00:48:41.099 --> 00:48:45.059
 die einheimischen Juden dem Deutschen Reich zu übergeben,

472
00:48:51.059 --> 00:48:53.659
 während aber die französische Polizei bei der Verschleppung ausländischer Jüdinnen und Juden bereitwillig kollaborierte. Und auch das ist ganz wesentlich, das sehen wir in sehr vielen Ländern,

473
00:48:54.219 --> 00:49:01.940
 dass vor allem auch als erster Schritt staatenlose und ausländische Juden deportiert werden in den einzelnen Ländern.

474
00:49:03.440 --> 00:49:09.159
 Bei seiner Arbeit in Ungarn war das Sondereinsatzkommando unter der Führung von Adolf Eichmann,

475
00:49:09.159 --> 00:49:13.780
 das nach Ungarn gekommen war, um diese Deportation und auch die Ghettoisierung zu organisieren,

476
00:49:14.519 --> 00:49:18.639
 also auf die ungarische Verwaltung, Gendarmerie und Polizei angewiesen.

477
00:49:19.340 --> 00:49:25.000
 Auch weil man zu dem Zeitpunkt nicht so viele militärische Kräfte beispielsweise in Ungarn binden wollte.

478
00:49:25.599 --> 00:49:26.099
 Entschuldigen Sie.

479
00:49:27.639 --> 00:49:35.619
 Wie schon erwähnt, befinden wir uns schon sehr kurz eigentlich vor Kriegsende.

480
00:49:35.800 --> 00:49:38.960
 Das heißt, Militär wird woanders benötigt.

481
00:49:40.019 --> 00:49:41.380
 Und auch das ist wesentlich.

482
00:49:41.679 --> 00:50:10.219
 Das Sondereinsatzkommando unter Eichmann bestand aus lediglich etwas über 100 Personen, wobei in dieser Zahl auch die Sekretäre und sogenannte Spezialisten für Deportationen waren, die sich seit Jahren an der Verfolgung der Mordung der Juden in Europa beteiligt hatten.

483
00:50:11.940 --> 00:50:37.820
 Das heißt, hier war man auf Hilfe angewiesen und das Sondereinsatzkommando sollte eben auch nur den ungarischen Behörden beratend zur Seite stehen. Und das sehen wir auch in sehr vielen Dokumenten, wo entweder niemand quasi aus dem Sondereinsatzkommando bei einer ganz wichtigen Besprechung auch über Ghettoisierung anwesend war oder wenn, dann eben nur mit einer Person repräsentiert.

484
00:50:44.920 --> 00:50:48.159
 dass die ungarische Exekutive, allen voran das Innenministerium sowie die Gendarmerie und Polizei bereit war, mit den deutschen Behörden zu kooperieren.

485
00:50:48.579 --> 00:50:53.360
 Mehr noch, durch ihr Drängen trugen ungarische Akteure der Judenverfolgung maßgeblich

486
00:50:53.360 --> 00:50:57.280
 zur Beschleunigung der Ghettoisierungs- und Deportationsmaßnahmen bei.

487
00:50:57.980 --> 00:51:02.019
 So konnte das Eichmann-Kommando aufgrund der maßgeblichen ungarischen Unterstützung

488
00:51:02.019 --> 00:51:05.059
 einen großen Teil seiner Ziele innerhalb weniger

489
00:51:05.059 --> 00:51:12.460
 Wochen erreichen. Vom 5. April 1944 an unterlagen ab dem Alter von sechs Jahren alle in Ungarn

490
00:51:12.460 --> 00:51:17.980
 lebenden Juden und Jüdinnen der Kennzeichnungspflicht durch einen gelben Stern an der Kleidung.

491
00:51:18.860 --> 00:51:27.059
 Gleichzeitig begannen die ungarischen Behörden mit der Beschlagnahme von Radios, Telefonen, Autos und schließlich des gesamten jüdischen Vermögens.

492
00:51:27.980 --> 00:51:32.219
 Am 16. April 1944 verpflichtete die ungarische Regierung per Verordnung

493
00:51:32.219 --> 00:51:36.420
 alle Juden dazu, ihre Vermögenswerte anzumelden.

494
00:51:36.579 --> 00:51:41.039
 Und gerade diese Enteignung als Aspekt war hier natürlich eine ganz wesentliche,

495
00:51:41.039 --> 00:51:43.940
 weswegen auch die ungarische Regierung ein großes Interesse hatte,

496
00:51:44.679 --> 00:51:50.199
 die Jüdinnen und Juden zu deportieren, weil er damit Zugriff auch auf dieses Vermögen erhoffte.

497
00:51:51.219 --> 00:51:54.079
 Durch die Erweiterung der Definition, wer als Jude galt,

498
00:51:54.659 --> 00:51:59.840
 traf der schrittweise Ausschluss aus dem wirtschaftlichen Leben auch zahlreiche Konvertiten.

499
00:51:59.980 --> 00:52:03.199
 Und darauf wollte ich auch kurz zu sprechen kommen, weil auch das ein Aspekt ist,

500
00:52:03.300 --> 00:52:07.940
 auf das die Forschung in den letzten Jahren auch zunehmend fokussiert.

501
00:52:08.539 --> 00:52:19.360
 Konvertierte also die von den antijüdischen Bestimmungen auch lange, jetzt zum Beispiel Ungarn, ausgenommen gewesen waren und dann durch die neuen Bestimmungen nun darunter fielen.

502
00:52:19.980 --> 00:52:29.280
 Viele wandten sich mit verzweifelten Briefen an das Innenministerium und auch an kirchliche Repräsentanten und baten um Ausnahmeregelung.

503
00:52:29.460 --> 00:52:46.800
 Und einen solchen Brief habe ich hier noch mitgenommen von Iboja Gerece aus dem Komitat Pest, also in der Nähe von Budapest, in Neukirch, hat sie gelebt, die seit ihrer Kindheit im christlichen Glauben aufwuchs. Sie schreibt einen Brief an einen Priester.

504
00:52:47.820 --> 00:52:50.300
 Nachdem der Radio wurde jetzt mein Fahrrad abgeholt

505
00:52:50.300 --> 00:52:52.699
 und ich musste es der Polizei aushändigen.

506
00:52:53.239 --> 00:52:55.059
 Nun fordern sie auch noch die Schreibmaschine,

507
00:52:55.579 --> 00:52:57.900
 die wir im Sommer für meinen Verlobten gekauft haben.

508
00:52:58.500 --> 00:53:01.079
 Tagtäglich kommen Polizisten wegen irgendetwas vorbei

509
00:53:01.079 --> 00:53:02.980
 und sprechen in einem Ton mit mir,

510
00:53:03.099 --> 00:53:05.239
 als ob ich der letzte Gauner oder der Bandit wäre.

511
00:53:06.000 --> 00:53:09.260
 Gestern drohte ein Polizist, er würde mich internieren lassen,

512
00:53:09.679 --> 00:53:12.539
 wenn ich nicht innerhalb von zehn Minuten den Stern annähe.

513
00:53:12.980 --> 00:53:16.400
 Ich ging zu seinem Vorgesetzten und bat ihm um Nachsicht,

514
00:53:16.679 --> 00:53:20.000
 bis ich meine Sache geklärt habe, da ich ja keine Jüdin sei.

515
00:53:20.619 --> 00:53:23.320
 Alles vergeblich, obwohl das auch die ganze Stadt weiß.

516
00:53:24.300 --> 00:53:28.719
 Ehrlich gesagt, nie hätte ich mir träumen lassen, dass einmal so etwas passieren würde.

517
00:53:29.099 --> 00:53:30.639
 Ich kann es noch immer nicht begreifen.

518
00:53:31.000 --> 00:53:35.860
 Aber wenn es nun einmal so ist, warum trifft es mich, obwohl ich mit Juden doch nie etwas zu tun hatte?

519
00:53:37.659 --> 00:53:48.420
 Am 7. April 1944 gab das Innenministerium die streng geheim gehaltene Anordnung heraus, die Juden in Ungarn vom Rest der Bevölkerung abzusondern

520
00:53:48.420 --> 00:53:51.239
 und in regionale Sammellagern unterzubringen.

521
00:53:52.099 --> 00:53:57.320
 Und gerade diese Ghettoisierung in Ungarn zeigt ganz eindrücklich

522
00:53:57.320 --> 00:54:00.960
 die Handlungsspielräume, die dabei einzelne Behörden hatten.

523
00:54:01.739 --> 00:54:07.579
 Es fehlten zentrale Direktiven, und das ist nicht nur typisch für Ungarn, sondern auch für viele andere

524
00:54:07.579 --> 00:54:14.639
 Länder bei zahlreichen Fragen der Ghettoisierung und so hatten örtliche Entscheidungsträger einen erheblichen

525
00:54:14.639 --> 00:54:22.340
 Handlungsspielraum und konnten eben die verordnete Ghettoisierung radikaler oder auch gemäßigter umsetzen.

526
00:54:24.059 --> 00:54:29.119
 Dabei hatte auch die örtliche Bevölkerung in mehreren Komitaten Einfluss auf die Entscheidung,

527
00:54:29.360 --> 00:54:32.300
 wo das Ghetto eingerichtet wurde.

528
00:54:32.460 --> 00:54:37.420
 So wurde beispielsweise von zahlreichen Nichtjuden Wohnungen von Juden beansprucht,

529
00:54:37.519 --> 00:54:40.719
 die eigentlich in den Bereich der Ghettos gefallen wären.

530
00:54:41.139 --> 00:55:06.500
 Oder es gab Klagen von nichtjüdischen Personen, deren Häuser im Bereich der Ghettos gefallen sind, dass man sie also davon dass das Ghetto außerhalb der Wohnbezirke,

531
00:55:07.239 --> 00:55:12.519
 in vielen Fällen in stillgelegten Fabriken oder Wirtschaftsgebäuden eingerichtet wurde,

532
00:55:13.000 --> 00:55:18.440
 wo dann eben auch schlechtere Lebensbedingungen herrschten und lagerähnliche Bedingungen.

533
00:55:20.079 --> 00:55:38.780
 Und diese Handlungsspielräume sehen wir auch daran, dass nicht alle Gettos beispielsweise abgesperrt waren. Es gab welche, die man auch verlassen durfte. Es gab auch Ghettos, wo wirklich nur sogenannte Judenhäuser, auch in Wien haben wir dieses Beispiel, Sammelwohnungen und so weiter eingerichtet wurden.

534
00:55:48.000 --> 00:55:52.380
 Und in Ungarn gab es auch Ortschaften, wo die jüdische Bevölkerung bis zur Deportation in ihren Häusern weiter wohnen durfte, so zum Beispiel in der südungarischen Stadt Hodmesü Vasharhej.

535
00:55:52.760 --> 00:56:03.159
 Dort gelang es dem stellvertretenden Bürgermeister Pal Berecz, die Ghettoisierung bis zur Deportation der örtlichen Jüdinnen und Juden unter dem Vorwand hinaus zu zögern,

536
00:56:03.219 --> 00:56:06.119
 dass er keine geeignete Stelle für das Ghetto finden könne.

537
00:56:07.500 --> 00:56:12.300
 Das heißt, hier sehen wir ganz eindeutig diese Handlungsspielräume auf lokaler Ebene.

538
00:56:13.340 --> 00:56:19.579
 Besonders in den von Ungarn annektierten Gebieten war die Situation in den Ghettos katastrophal,

539
00:56:19.579 --> 00:56:25.659
 wo die örtliche jüdische Bevölkerung oft unter lagerähnlichen Bedingungen untergebracht wurde,

540
00:56:25.760 --> 00:56:31.219
 nicht selten unter freiem Himmel. Und dieser provisorische Charakter der Ghettos lässt

541
00:56:31.219 --> 00:56:37.860
 erkennen, dass zahlreiche Bürgermeister in Ungarn sie als kurzzeitige Übergangsstationen in die

542
00:56:37.860 --> 00:56:43.820
 Deportation ansahen. Allerdings, und auch das ist hier wesentlich, stand bei dem deutschen Einmarsch

543
00:56:43.820 --> 00:56:45.579
 im März 1944 noch nicht fest,

544
00:56:46.079 --> 00:56:49.739
 ob und in welchem Ausmaß die Juden in Ungarn deportiert werden.

545
00:56:49.860 --> 00:56:51.400
 Ich habe das eingangs schon erwähnt.

546
00:56:53.280 --> 00:57:02.440
 Und dass sozusagen die Endlösung, die sogenannte Endlösung der europäischen Judenfrage auch Ungarn einschließen sollte,

547
00:57:02.920 --> 00:57:17.519
 darüber hat man zwar schon auf der Wannsee-Konferenz, ist man sich sozusagen schon einig gewesen, also schon im Januar 1942, aber zwischen 1942 und 1944 hatten sich die Rahmenbedingungen geändert.

548
00:57:26.420 --> 00:57:27.139
 Und hier geht es natürlich auch um die Kriegsproduktion.

549
00:57:51.300 --> 00:57:51.920
 Jüdinnen und Juden im Reich eingesetzt werden sollten.

550
00:58:00.239 --> 00:58:06.559
 Und in den Dokumenten, die uns vorliegen, wird quasi in den Dokumenten aus April beispielsweise noch in erster Linie von der Deportation dieser 100.000 Jüdinnen und Juden,

551
00:58:06.619 --> 00:58:08.360
 arbeitsfähigen Juden gesprochen.

552
00:58:10.000 --> 00:58:18.980
 Erst Ende Mai und Anfang Juni ändert sich dann hier sozusagen auch die Sprache

553
00:58:18.980 --> 00:58:23.880
 und hier dürfte irgendwann die endgültige Absprache getroffen worden sein,

554
00:58:23.880 --> 00:58:26.679
 zwischen den Deutschen und der ungarischen Regierung,

555
00:58:27.219 --> 00:58:29.099
 alle Juden in Ungarn zu deportieren.

556
00:58:29.699 --> 00:58:34.760
 Und wir wissen, dass diese Deportationen dann im Sommer 1944 eingestellt wurden,

557
00:58:34.860 --> 00:58:36.300
 aber auf ungarischen Druck hin.

558
00:58:36.820 --> 00:58:38.400
 Im Winter wurden sie wieder aufgenommen.

559
00:58:39.860 --> 00:58:44.820
 Auf jeden Fall begann diese erste Deportationswelle dann am 15. Mai 1944,

560
00:58:46.739 --> 00:58:52.900
 wobei die Mehrheit der Deportierten in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau kam, wo drei Viertel, also 320.000

561
00:58:52.900 --> 00:59:00.599
 der Deportierten sofort nach ihrer Ankunft vergast wurde. Das Ausmaß dieser Deportationen wird nicht

562
00:59:00.599 --> 00:59:10.480
 nur in Statistiken, in Transportlisten, behördlichen Dokumenten sichtbar. Es zeigt sich auch in scheinbar kleinen Quellen, in Briefen, in Postkarten oder kurzen Nachrichten,

563
00:59:11.019 --> 00:59:14.579
 die mitten von Entrechtung, Ghettoisierung und Deportation entstanden sind.

564
00:59:14.579 --> 00:59:17.260
 Und eine solche Quelle habe ich Ihnen mitgenommen.

565
00:59:17.400 --> 00:59:30.400
 Ich habe vor einigen Jahren eine umfangreiche Quellenedition zur Verfolgung und Ermordung der ungarischen Jüdinnen und Juden erarbeitet und in Zusammenhang mit dieser Quellenrecherche auch dieses Dokument gefunden.

566
00:59:31.019 --> 00:59:40.699
 Es ist ein Brief und zwar von den Schwestern Ilona und Olga Itzkovic aus der kaparte ukrainischen Bereksa,

567
00:59:40.780 --> 00:59:45.460
 also Berechove, heute gehört das zu Ukraine, aber damals war es eben ungarisch besetzt.

568
00:59:46.800 --> 00:59:53.460
 Und es ist ein Brief, den sie an ihren Bruder im April 1944 adressieren, der sich im Arbeitsdienst befand.

569
00:59:53.940 --> 00:59:56.599
 Es war also ein militärischer Dienst, aber eigentlich ohne Waffen.

570
00:59:58.800 --> 01:00:03.920
 Und darin informieren sie ihn über ihren Umzug in das örtliche Ghetto.

571
01:00:04.579 --> 01:00:07.940
 Und sie schreiben, bis 50 Kilo dürfen wir an Gepäck mitnehmen.

572
01:00:08.079 --> 01:00:11.699
 Und auch das ist zum Beispiel etwas, was wir bei vielen anderen Ghettos sehen.

573
01:00:12.639 --> 01:00:19.619
 Manchmal durften die Personen, die in die Ghettos kamen, alles mitnehmen, was sie tragen konnten, was sie tragen wollten.

574
01:00:20.280 --> 01:00:24.340
 Manchen Ghettos waren 50 Kilo erlaubt, in anderen Ghettos noch weniger.

575
01:00:24.340 --> 01:00:26.099
 In manchen Ghettos waren 50 Kilo erlaubt, in anderen Ghettos noch weniger.

576
01:00:28.320 --> 01:00:28.440
 Und das hat natürlich auch wesentlich dazu beigetragen,

577
01:00:30.960 --> 01:00:31.739
 wie dann diese Lebensbedingungen an diesen Orten waren.

578
01:00:37.019 --> 01:00:37.699
 Wir alle drei werden uns starken Mutes fest in unserem Glauben und gesund auf den Weg machen.

579
01:00:41.420 --> 01:00:41.860
 Sollten wir uns auf unergründlichen Ratschluss des Schicksals hin nicht mehr wiedersehen,

580
01:00:43.579 --> 01:00:44.099
 wünschen wir dir, dass du glücklich bist.

581
01:00:47.500 --> 01:00:48.219
 Ich hoffe, wir werden noch Augenzeugen unseres beiderseitigen Glücks.

582
01:00:50.380 --> 01:00:50.780
 Glaube, Liebe, Hoffnung halten uns jetzt am Leben.

583
01:00:52.500 --> 01:00:52.940
 Mut und Ausdauer ist unsere Losung.

584
01:00:56.519 --> 01:00:57.619
 Bis zum Wiedersehen, wir küssen dich in heißer Liebe und denken an dich.

585
01:01:00.239 --> 01:01:03.159
 Den Brief platzierten sie an einer öffentlichen Stelle. Es war keine Zeit mehr, um sie zu verschicken,

586
01:01:03.239 --> 01:01:06.179
 was ja auch zeigt, wie schnell hier diese Ghettoisierung

587
01:01:06.179 --> 01:01:08.059
 umgesetzt wurde und sie legten

588
01:01:08.059 --> 01:01:10.039
 ein Begleitschreiben dazu und zwar

589
01:01:10.039 --> 01:01:12.199
 dieses, lieber Unbekannter,

590
01:01:12.659 --> 01:01:14.119
 ich bitte dich darum, diesen Brief

591
01:01:14.119 --> 01:01:15.739
 an meinen Bruder Elamir Itzkovic

592
01:01:15.739 --> 01:01:17.860
 nicht zu zerreißen, er ist jetzt

593
01:01:17.860 --> 01:01:20.500
 an der Ostfront, seine Lagernummer K673,

594
01:01:21.079 --> 01:01:21.940
 sondern ihn mit den

595
01:01:21.940 --> 01:01:23.860
 beiden Zetteln ihm nach seiner

596
01:01:23.860 --> 01:01:27.019
 Heimkehr zu übermitteln oder ihn in dieses

597
01:01:27.019 --> 01:01:31.539
 Versteck zurückzulegen. Die Ohrringe und den Ring, das haben sie wahrscheinlich, also wahrscheinlich

598
01:01:31.539 --> 01:01:38.199
 mal dazugelegt, kannst du behalten. Wenn du diese Bitte erfüllst, soll der Herr dich dafür segnen und

599
01:01:38.199 --> 01:01:42.980
 wenn du es nicht tust, so soll er dich strafen. Gott soll uns alle schützen. Es grüßt Olga

600
01:01:42.980 --> 01:01:49.800
 Itzkovic. Die biografischen Recherchen ergaben, dass Elamir Itzkovic den Brief seiner Schwester nie erhielt.

601
01:01:50.440 --> 01:01:54.360
 Er gilt seit Sommer 1944 im Arbeitsdienst als vermisst.

602
01:01:55.219 --> 01:02:00.199
 Und auch die anderen, alle in diesem Brief erwähnten Familienangehörigen,

603
01:02:00.199 --> 01:02:04.119
 kehrten nicht aus der Deportation aus Auschwitz-Birkenau zurück.

604
01:02:04.099 --> 01:02:05.019
 kehrten nicht aus der Deportation aus Auschwitz-Birkenau zurück.

605
01:02:09.260 --> 01:02:13.940
 Seine drei Schwestern Olga, Ilona Paula und auch seine Mutter Etel wurden vermutlich alle in Auschwitz-Birkenau kurz nach der Ankunft ermordet.

606
01:02:15.400 --> 01:02:21.219
 Die groß angelegten Selektionen in Birkenau überlebten lediglich 100.000 Jüdinnen und Juden aus Ungarn.

607
01:02:22.199 --> 01:02:25.260
 Und zwar von dieser ersten Deportationswelle,

608
01:02:25.639 --> 01:02:28.960
 die in der deutschen Kriegswirtschaft eingesetzt wurden.

609
01:02:29.739 --> 01:02:33.880
 Ein Teil der zur Arbeit selektierten Menschen erhielt eine Lagernummer tätowiert

610
01:02:33.880 --> 01:02:39.840
 und verblieb im Lagerkomplex Auschwitz, aber die meisten wurden nicht registriert,

611
01:02:39.840 --> 01:02:43.639
 sondern innerhalb weniger Tage in andere Lager weitertransportiert.

612
01:02:44.420 --> 01:02:48.760
 Und zwar wurde die Mehrzahl bei Rüstungsarbeiten unter Tage beschäftigt.

613
01:02:48.760 --> 01:02:53.539
 Zum Beispiel erreichte auch ein erster Transport mit 7.000 Personen

614
01:02:53.539 --> 01:02:57.739
 das Lagerkomplex Mauthausen im Mai und Juni 1944.

615
01:02:58.960 --> 01:03:01.960
 Ein kleiner Teil der Transporte aus Ungarn, das wissen wir wahrscheinlich,

616
01:03:02.500 --> 01:03:10.000
 wurde nicht nach Auschwitz geleitet, sondern gelangte direkt in das österreichische Durchgangslager Straßhof an der Nordbahn.

617
01:03:10.679 --> 01:03:16.460
 Die dort ankommenden 15.000 Jüdinnen und Juden wurden in Zwangsarbeitslagern in Raum Wien eingesetzt.

618
01:03:17.079 --> 01:03:25.219
 Wobei, und das ist hier besonders, die Familien meist nicht getrennt wurden. Die als arbeitsfähig eingestuften Männer und Frauen wurden in der Landwirtschaft, in der

619
01:03:25.219 --> 01:03:30.659
 Industrie oder auch beim Bau von Schützengräben eingesetzt, während die Kinder und die ältere

620
01:03:30.659 --> 01:03:36.619
 Personen in den Lagern bleiben durften. Ein großer Teil dieser jüdischen Zwangsarbeiter gelangte dann

621
01:03:36.619 --> 01:03:41.980
 erst nach der Evakuierung dieser Lager im Frühjahr 1945 in den nationalsozialistischen

622
01:03:41.980 --> 01:03:45.280
 Konzentrationslagerkomplex, zum Beispiel eben auch nach Mauthausen,

623
01:03:45.780 --> 01:03:48.139
 aber auch nach Bergen-Belsen oder Theresienstadt.

624
01:03:49.139 --> 01:03:51.519
 Mit der Befreiung der Lager im Frühjahr 1945

625
01:03:51.519 --> 01:03:54.219
 endete die nationalsozialistische Herrschaft.

626
01:03:54.719 --> 01:03:58.920
 Auschwitz-Birkenau war bereits am 27. Januar 1945

627
01:03:58.920 --> 01:04:01.400
 durch die Rote Armee befreit worden

628
01:04:01.400 --> 01:04:06.800
 und im April und Mai folgten dann die anderen Lager im Mauthausen.

629
01:04:07.659 --> 01:04:09.579
 Doch für viele kam diese Befreiung zu spät.

630
01:04:09.760 --> 01:04:15.000
 Sie waren zuvor auf den Todesmärschen oder in den Lagern ermordet worden oder starben in den letzten Kriegstagen

631
01:04:15.659 --> 01:04:20.860
 oder sogar noch Tage oder auch Wochen nach der Befreiung an den Folgen von Hunger und Krankheit.

632
01:04:22.019 --> 01:04:26.659
 Der Weg in den Holocaust war also komplex und verlief über Jahre hinweg über

633
01:04:26.659 --> 01:04:32.420
 Ausgrenzung, Entrechtung, über erzwungene Auswanderung, Enteignung, Ghettoisierung,

634
01:04:32.679 --> 01:04:38.800
 Zwangsarbeit, Aportationen und schließlich systematischer Massenmord. Ebenso unterschiedlich

635
01:04:38.800 --> 01:04:45.119
 waren die Erfahrungen der Verfolgten. Sie hingen davon ab, in welchem Land sie lebten, wann dieses unter deutscher

636
01:04:45.119 --> 01:04:51.199
 Herrschaft oder deutschen Einfluss geriet und ob ihnen der Flucht gelang. Alter Geschlecht,

637
01:04:51.460 --> 01:04:55.980
 soziale Stellung, Staatsangehörigkeit und familiäre Beziehungen konnten den Verlauf

638
01:04:55.980 --> 01:05:02.920
 der Verfolgung maßgeblich beeinflussen. Die nationalsozialistische Verfolgung war dabei

639
01:05:02.920 --> 01:05:06.900
 nicht allein das Werk einiger weniger Entscheidungsträger in Berlin.

640
01:05:07.739 --> 01:05:19.860
 Sie setzte die Mitwirkung zahlreicher Institutionen und Personen voraus, von lokalen Verwaltungen, Polizeibehörden, Unternehmen, Besatzungsbehörden und vielen weiteren Stellen.

641
01:05:21.360 --> 01:05:28.639
 Und sie wurden in vielen Teilen Europas durch Kollaboration, durch Wegsehen oder auch durch Gleichgültigkeit begünstigt.

642
01:05:29.900 --> 01:05:34.840
 Nach der Befreiung entschieden viele Überlebende den Weg in die Emigration zu wählen.

643
01:05:34.840 --> 01:05:40.320
 Sie querten nicht nochmal zurück, da sie erzwungenermaßen ohnehin vor einem Neuanfang standen.

644
01:05:40.780 --> 01:05:45.139
 Das soziale Umfeld aus der Zeit vor der Verfolgung gab es in vielen Fällen nicht mehr.

645
01:05:45.679 --> 01:05:50.360
 Berufswege waren unterbrochen worden, Familien und Freunde großteils ermordet worden.

646
01:05:51.059 --> 01:05:54.420
 Und auch die in ihre Heimatdörfer oder Städte zurückgekehrten,

647
01:05:54.639 --> 01:05:59.280
 Jüdinnen und Juden fanden ihre Wohnungen oder Häuser oft zerbombt,

648
01:05:59.599 --> 01:06:05.679
 geplündert oder von neuen Mieterinnen und Mietern oder auch Bewohnerinnen bezogen vor.

649
01:06:06.400 --> 01:06:12.639
 Und hier wollte ich noch gerne einen Auszug aus dem Roman von Imre Kertes mitnehmen,

650
01:06:12.940 --> 01:06:18.659
 dem Nobelpreisträger aus Ungarn, der diese Szene, finde ich, sehr gut beschreibt,

651
01:06:18.659 --> 01:06:26.199
 wie er aus der Deportation wieder heimkehrt und an seiner Wohnungstür klopft.

652
01:06:26.960 --> 01:06:31.300
 Es ist eine Frau, eine fremde Frau, die aufmacht.

653
01:06:31.860 --> 01:06:34.039
 Und er schreibt, sie fragte, wen ich suche.

654
01:06:34.679 --> 01:06:36.480
 Und ich sagte zu ihr, ich wohnte hier.

655
01:06:37.239 --> 01:06:38.820
 Nein, sagte sie, hier wohnen wir.

656
01:06:39.260 --> 01:06:40.840
 Und wollte die Tür schon wieder beschließen.

657
01:06:41.440 --> 01:06:44.679
 Was ihr aber nicht gelang, da ich den Fuß dazwischen gestellt hatte.

658
01:06:45.340 --> 01:06:47.599
 Ich versuchte ihr zu erklären, das sei ein Irrtum,

659
01:06:47.679 --> 01:06:50.440
 denn von hier sei ich weggegangen und es sei ganz sicher,

660
01:06:50.579 --> 01:06:51.480
 dass wir hier wohnten.

661
01:06:52.219 --> 01:06:54.300
 Sie hingegen versicherte mir, ich täuschte mich,

662
01:06:54.519 --> 01:06:56.599
 weil ohne jeden Zweifel sie hier wohnten.

663
01:06:57.780 --> 01:06:59.519
 Ich denke, die Szene macht hier sehr deutlich,

664
01:07:00.239 --> 01:07:01.980
 auch dort, wo Menschen überlebt hatten,

665
01:07:01.980 --> 01:07:05.900
 war eben eine Rückkehr in die Welt vor der Verfolgung kaum möglich.

666
01:07:07.019 --> 01:07:10.739
 Am Ende waren etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden ermordet worden.

667
01:07:11.239 --> 01:07:18.099
 Ganze Familien und Gemeinden, religiöse Traditionen, kulturelle Netzwerke und auch Lebenswelten wurden zerstört.

668
01:07:19.019 --> 01:07:55.639
 Vielen Dank. Applaus Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Regina, ich darf mich sehr herzlich bedanken für diesen Vortrag.

669
01:07:55.639 --> 01:08:01.780
 Ich glaube, es ist dir gelungen, diese furchtbare Komplexität auch sehr anschaulich zu machen,

670
01:08:02.340 --> 01:08:06.139
 mit Blick auf die Beispiele und auf die Fotografien, die du genannt hast.

671
01:08:07.039 --> 01:08:12.099
 Und ich denke, das ist ja auch ein Feld in der Forschung zum Nationalsozialismus,

672
01:08:12.239 --> 01:08:16.800
 in dem wir in den letzten Jahren oder vielleicht in den letzten ein, zwei Jahrzehnten

673
01:08:16.800 --> 01:08:20.140
 tatsächlich enorme Fortschritte gemacht haben.

674
01:08:20.340 --> 01:08:30.460
 Insofern, als wir im Unterschied zu vielen früheren Darstellungen weggekommen sind von der relativen Anonymität dieses Geschehens.

675
01:08:30.460 --> 01:08:37.319
 Das heißt, wir haben heute so viele Geschichten und Erfahrungen, über die wir als Historiker reden können,

676
01:08:37.739 --> 01:08:45.220
 sodass dieses Geschehen eigentlich in einer Plastizität vor uns steht, wie das vor zwei oder drei Jahrzehnten gar nicht möglich gewesen wäre.

677
01:08:45.220 --> 01:08:51.239
 Ich glaube, das ist immer wieder beeindruckend, wenn man sich heute mit dieser Thematik beschäftigt,

678
01:08:51.239 --> 01:08:57.699
 wo immer man hinleuchtet. Wir haben ausreichend Quellen, um tatsächlich auch einfach Schicksale

679
01:08:57.699 --> 01:09:05.779
 und Geschichten erzählen zu können. Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, wie immer gibt es die Gelegenheit, Fragen zu stellen,

680
01:09:06.560 --> 01:09:10.399
 Beiträge zu liefern zur Thematik des heutigen Abends.

681
01:09:10.560 --> 01:09:14.100
 Ich würde mich freuen, wenn Sie etwas sagen wollen, warten Sie bitte,

682
01:09:14.300 --> 01:09:19.500
 bis Katja Fischer mit dem Mikrofon bei Ihnen ist, weil dann können wir Sie alle sehr gut hören.

683
01:09:21.079 --> 01:09:28.060
 Wer möchte eine Frage stellen oder eine Bemerkung machen?

684
01:09:32.060 --> 01:09:33.539
 Bitte schön.

685
01:09:34.579 --> 01:09:48.260
 Es ist in Ihrem Vortrag bereits angeklungen, dass in den besetzten Ländern die lokalen Behörden durchaus mitgespielt haben bei diesen Deportationen.

686
01:09:49.300 --> 01:10:00.420
 Der Beweggrund war aber vielfach finanzieller Natur, ökonomischer Natur, weil die Deutschen

687
01:10:00.420 --> 01:10:06.439
 ja die besetzten Regierungen, Ländern mit hohen Tributzahlungen belastet hatten.

688
01:10:07.439 --> 01:10:15.579
 Und aus dem Vermögen der deportierten Juden konnten sie einen Teil dieser Abgaben leisten.

689
01:10:15.579 --> 01:10:22.340
 Und das ist ein Grund, warum es vielleicht unterstützt wurde.

690
01:10:23.699 --> 01:10:26.460
 Ja, also ich denke, dieser ökonomische Aspekt,

691
01:10:26.539 --> 01:10:28.239
 der hat natürlich eine große Rolle gespielt.

692
01:10:28.939 --> 01:10:31.560
 In Ungarn sieht man sehr deutlich, dass die Behörden,

693
01:10:32.279 --> 01:10:33.359
 und ich meine auch in Österreich,

694
01:10:34.460 --> 01:10:36.939
 versucht man ja dann genau dann einzugreifen,

695
01:10:37.060 --> 01:10:40.180
 wenn dieses Vermögen quasi unkontrolliert verloren geht.

696
01:10:40.180 --> 01:10:43.840
 Also dass hier auf behördlichen Wegen versucht wurde,

697
01:10:43.920 --> 01:11:05.800
 auf dieses Vermögen zuzugreifen. Aber was zum Beispiel die neue Forschung oder auch die Forschung natürlich zu Ungarn sehr deutlich gezeigt hat, ist, dass das Interesse an diesem Vermögen sehr groß ist, aber am Ende ist das alles viel zu chaotisch und es geht ihnen viel mehr Vermögen verloren, als sie sich das vorgestellt hätten.

698
01:11:07.920 --> 01:11:10.020
 Und hier spielen also jetzt gerade in den besetzten Ländern gibt es natürlich auch

699
01:11:10.020 --> 01:11:12.159
 unterschiedliche Akteure, die ein Interesse haben,

700
01:11:12.319 --> 01:11:13.739
 an diese Vermögenswerte

701
01:11:13.739 --> 01:11:15.520
 ranzukommen. Also jetzt

702
01:11:15.520 --> 01:11:18.020
 nicht nur sozusagen das besetzte

703
01:11:18.020 --> 01:11:19.899
 Land, Ungarn jetzt in dem Fall,

704
01:11:19.979 --> 01:11:21.979
 sozusagen das Kollaborationsregime,

705
01:11:22.100 --> 01:11:23.819
 die Regierung, sondern auch

706
01:11:23.819 --> 01:11:28.359
 deutsche Stellen versuchen an dieses Vermögen zu kommen.

707
01:11:28.539 --> 01:11:31.079
 Und da gibt es wirklich dann auch große Auseinandersetzungen.

708
01:11:34.600 --> 01:11:37.579
 Ich bin jetzt natürlich keine Wirtschaftshistorikerin,

709
01:11:38.840 --> 01:11:48.739
 aber wie weit dieses Vermögen dann zur Deckung von irgendwelchen Tributen genutzt worden wäre,

710
01:11:48.739 --> 01:11:53.239
 ist mir zum Beispiel jetzt im Zusammenhang mit Ungarn nicht als ein Argument,

711
01:11:53.399 --> 01:11:59.180
 bislang auch von Götz Ali und Christian Gerlach, die eigentlich genau auf solche Fragen ihren Fokus gelegt haben,

712
01:11:59.340 --> 01:12:00.739
 bislang nicht untergekommen.

713
01:12:00.739 --> 01:12:23.220
 Ja.

714
01:12:25.880 --> 01:12:26.859
 Ja, vielen Dank auf jeden Fall für den Vortrag.

715
01:12:30.260 --> 01:12:31.319
 Meine Frage bezieht sich konkret auf diese eine Quelle,

716
01:12:35.520 --> 01:12:39.539
 zu der damit Ihr Bruder da diesen Brief geschrieben hat. Wie hat die überlebt, diese Quelle?

717
01:12:41.800 --> 01:12:44.479
 Das ist eine sehr gute Frage.

718
01:12:44.899 --> 01:12:49.180
 Also offenbar hat es jemand gefunden und es nicht zerritzen und nicht weggeschmissen.

719
01:12:49.180 --> 01:12:56.720
 Und irgendwie hat die Quelle quasi den Weg ins Archiv gefunden.

720
01:12:56.899 --> 01:13:00.460
 Es befindet sich im jüdischen Archiv in Budapest.

721
01:13:00.979 --> 01:13:17.199
 Und es gibt sehr viele solche vergleichbaren Quellen, ganz viele Briefe, die auch zum Beispiel aus den Deportationszügen geworfen werden oder eben beiläufig irgendwo schnell niedergelegt werden in der Hoffnung, dass sie jemand findet und es weiterleitet.

722
01:13:25.420 --> 01:13:33.760
 gab es eben keine Möglichkeit, das einer überlebenden Familienangehörigen weiterzugeben. Und daher hat das irgendwie direkt den Weg quasi ins jüdische Museum dann gefunden, irgendwann nach 1945.

723
01:13:34.579 --> 01:13:37.600
 Andere befinden sich dann in Familienarchiven beispielsweise.

724
01:13:38.279 --> 01:13:42.380
 Aber ganz viele sind bestimmt auch verloren gegangen und einfach nicht übermittelt worden.

725
01:13:42.380 --> 01:13:46.939
 auch verloren gegangen und einfach nicht übermittelt worden.

726
01:13:49.739 --> 01:13:58.500
 Ja, gibt es dort an der Ecke?

727
01:14:00.640 --> 01:14:00.779
 Frau Fritz, Sie haben also darauf hingewiesen,

728
01:14:03.420 --> 01:14:04.439
 dass Sie ja doch einige Zeit in Ungarn auch geforscht haben.

729
01:14:07.739 --> 01:14:07.899
 Welchen Eindruck haben Sie da gewonnen? Und welche Kenntnisse, ja doch einige Zeit in Ungarn auch geforscht haben. Welchen Eindruck haben Sie da gewonnen und welche Kenntnisse?

730
01:14:11.420 --> 01:14:14.579
 Wie hat man sich in Ungarn mit dieser Thematik befasst in den letzten Jahrzehnten? Gibt es da Beiträge, die auch für die Forschung jetzt auch bei uns,

731
01:14:14.600 --> 01:14:17.699
 wenn ich das so sagen darf, wertvoll sind?

732
01:14:20.300 --> 01:14:30.640
 Ja, also sagen wir mal so, im Osten Europas war Ungarn wirklich quasi nach 1945 ein Land,

733
01:14:30.779 --> 01:14:34.739
 das sich relativ früh beginnt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen,

734
01:14:34.859 --> 01:14:38.500
 aber vor allem im Rahmen von Quelleneditionen.

735
01:14:39.579 --> 01:14:53.100
 Und Randolph Braham, ich weiß nicht, ob Sie den kennen, ein amerikanischer Historiker, hat auch eine sehr umfangreiche Monografie zur Verfolgung und Ermordung der ungarischen Jüdinnen und Juden geschrieben,

736
01:14:53.100 --> 01:14:55.539
 noch vor dem Systemwechsel.

737
01:14:56.359 --> 01:15:02.640
 In Ungarn selber beginnt dann die historische Forschung erst so richtig nach 89, 90.

738
01:15:03.300 --> 01:15:06.699
 Auch davor gibt es natürlich schon auch wichtige Werke,

739
01:15:07.039 --> 01:15:10.420
 aber dann gibt es wirklich nochmal einen starken Impuls.

740
01:15:11.840 --> 01:15:15.500
 In den letzten Jahren hat sich aus politischen Gründen

741
01:15:15.500 --> 01:15:18.899
 ist die Forschung in diesem Zusammenhang

742
01:15:18.899 --> 01:15:21.460
 jetzt gerade in Ungarn sehr stark zurückgegangen,

743
01:15:21.640 --> 01:15:23.239
 weil sie auch nicht finanziert wurde.

744
01:15:23.979 --> 01:15:27.960
 Aber es sind tatsächlich sehr viele, sehr wichtige Arbeiten entstanden,

745
01:15:28.159 --> 01:15:29.560
 aber vor allem auch im Ausland.

746
01:15:30.260 --> 01:15:34.960
 Es sind sehr viele Historikerinnen und Historiker an ausländische Universitäten gegangen

747
01:15:34.960 --> 01:15:40.819
 und haben dort quasi zum Holocaust in Ungarn gearbeitet

748
01:15:40.819 --> 01:15:45.899
 und wirklich auch mit sehr neuen, modernen Fragestellungen,

749
01:15:46.000 --> 01:15:48.159
 wie das sozusagen auch wirklich für die westliche Forschung

750
01:15:48.159 --> 01:15:48.800
 mittlerweile

751
01:15:48.800 --> 01:15:52.060
 sehr inhärent

752
01:15:52.060 --> 01:15:54.199
 ist. Genau. Also insofern

753
01:15:54.199 --> 01:15:56.119
 hat sich auf jeden Fall viel getan

754
01:15:56.119 --> 01:15:57.239
 und

755
01:15:57.239 --> 01:16:00.079
 ich hoffe vor allem, dass jetzt in den nächsten Jahren

756
01:16:00.079 --> 01:16:01.819
 sich da einiges tun wird. Also da

757
01:16:01.819 --> 01:16:03.960
 gibt es auch schon ein erstes Netzwerk

758
01:16:03.960 --> 01:16:06.739
 an jungen Forscherinnen und Forschern,

759
01:16:06.819 --> 01:16:15.039
 die sich vor wenigen Wochen erst gebildet hat und die sich jetzt quasi auch angenommen hat,

760
01:16:15.140 --> 01:16:21.520
 dieses Thema auch viel stärker in Ungarn bekannt zu machen und wieder die Forschung auch anzuregen.

761
01:16:21.979 --> 01:16:25.100
 Das Problem ist dort auch, es gibt eigentlich keine Lehrstühle mittlerweile,

762
01:16:25.279 --> 01:16:27.699
 die sich mit diesem Thema auseinandersetzen.

763
01:16:27.920 --> 01:16:30.359
 Also da ist jetzt wieder viel Aufholbedarf.

764
01:16:33.619 --> 01:16:36.340
 Und wenn ich eine Frage vielleicht anschließen darf,

765
01:16:36.439 --> 01:16:39.819
 wie schaut es da in der öffentlichen Erinnerungskultur aus?

766
01:16:39.819 --> 01:16:44.939
 Also gibt es sichtbare Zeichen der Erinnerung in Ungarn an dieses Geschehen?

767
01:16:44.939 --> 01:16:46.180
 Gibt es sichtbare Zeichen der Erinnerung in Ungarn an dieses Geschehen?

768
01:16:53.460 --> 01:16:53.579
 Ja, also ich finde auch eines der eindrücklichsten Mahnmale oder Denkmäler stehen in Budapest,

769
01:16:56.420 --> 01:16:56.539
 und zwar das sogenannte Schuhdenkmal an der Donau.

770
01:17:05.220 --> 01:17:07.539
 Ich weiß nicht, vielleicht kennt die eine oder andere unter Ihnen dieses Denkmal. mal, es sind sehr viele Jüdinnen und Juden dann gerade dann im Winter 1944, 1945

771
01:17:07.539 --> 01:17:09.479
 an der Donau von

772
01:17:09.479 --> 01:17:11.720
 dem

773
01:17:11.720 --> 01:17:13.479
 Veilkreuzland, also es war eben

774
01:17:13.479 --> 01:17:15.680
 eine faschistische Partei in Ungarn

775
01:17:15.680 --> 01:17:17.739
 erschossen worden und dort hat

776
01:17:17.739 --> 01:17:20.319
 man an der Donau, am Donauufer

777
01:17:20.319 --> 01:17:21.619
 Schuhe

778
01:17:21.619 --> 01:17:22.539
 quasi

779
01:17:22.539 --> 01:17:27.939
 aus Metall gegossen, aufgestellt, sozusagen leere Schuhe quasi aus Metall gegossen, aufgestellt, sozusagen leere Schuhe.

780
01:17:32.479 --> 01:17:41.600
 Nachdem, genau, also sozusagen auch symbolisch dieses Fehlen auch unterstreichen die Personen, die sozusagen nicht mehr da sind.

781
01:17:41.619 --> 01:17:43.000
 die sozusagen nicht mehr da sind.

782
01:17:48.800 --> 01:17:48.859
 Dieses Denkmal ist, ich glaube, 2014 herum,

783
01:17:50.439 --> 01:17:50.520
 wenn ich das richtig in Erinnerung habe,

784
01:17:51.579 --> 01:17:51.920
 ungefähr aufgestellt worden.

785
01:17:54.119 --> 01:17:55.720
 Es gibt ja in Ungarn auch ein Holocaust-Museum,

786
01:17:59.220 --> 01:17:59.300
 also wirklich auch ein institutioneller Versuch,

787
01:18:01.239 --> 01:18:02.180
 sich diesem Thema auseinanderzusetzen.

788
01:18:05.819 --> 01:18:05.979
 Das waren aber natürlich auch Anstrengungen,

789
01:18:11.380 --> 01:18:13.439
 die noch auch quasi in diesen sozialistischen Regierungsperiode auch unternommen wurden.

790
01:18:14.079 --> 01:18:17.380
 Unter der nationalkonservativen Regierung

791
01:18:17.380 --> 01:18:20.420
 gab es dann eher auch Denkmalsetzungen,

792
01:18:20.420 --> 01:18:22.880
 die aber dann sehr umstritten und sehr problematisch waren.

793
01:18:23.039 --> 01:18:28.520
 Also das war 2014, ich glaube, das Schuhdenkmal war 2004.

794
01:18:30.159 --> 01:18:35.779
 Aber 2014 gab es ein Denkmal, das aufgestellt wurde, das sogenannte Besatzungsdenkmal.

795
01:18:36.579 --> 01:18:45.359
 Das stellt Ungarn in der Figur des Erzengels Gabriel dar da mit einem abgerissenen Flügel.

796
01:18:45.880 --> 01:18:54.039
 Hinten ist der deutsche Reisadler, der sozusagen hinterhältig, hinterrücks Ungarn befällt,

797
01:18:54.039 --> 01:19:03.380
 womit natürlich auch gerade dieser Aspekt der ungarischen Kollaboration und Mitbeteiligung vollkommen ausgeblendet wird.

798
01:19:08.899 --> 01:19:14.020
 kommen, ausgeblendet wird und das hat dann auch zu sehr viel Kritik und zu einer sehr starken öffentlichen Auseinandersetzung in Ungarn geführt und das Positive daran war,

799
01:19:14.880 --> 01:19:20.199
 dass es ein Gegendenkmal aufgestellt wurde aus der Zivilgesellschaft heraus, eigentlich

800
01:19:20.199 --> 01:19:26.659
 schon bevor dieses Denkmal überhaupt aufgestellt wurde, als schon die Pläne dieses Denkmals bekannt wurden,

801
01:19:26.760 --> 01:19:31.399
 hat man versucht, diesen öffentlichen Platz zu besetzen.

802
01:19:31.399 --> 01:19:36.359
 Man hat dort Fotografien und andere Gegenstände platziert

803
01:19:36.359 --> 01:19:39.859
 und dadurch auch diese individuelle Erfahrung auch versucht, sichtbar zu machen.

804
01:19:40.479 --> 01:20:06.220
 Und auch die ungarische Kollaboration, in dem Dokumente beispielsweise dort aufgehängt wurden. Und das Interessante ist, also ich weiß jetzt nicht, wie es jetzt seit den Wahlen dort jetzt genau ausschaut, seitdem war ich dort nicht, aber noch vor kurzem bestand dieses Gegendenkmal und trat in gewisser Weise mit dem Denkmal, der dann tatsächlich auch aufgestellt wurde, in gewisser Weise in so einen Dialog.

805
01:20:06.359 --> 01:20:11.739
 Also es zeigt, finde ich, sehr stark auch diese sehr polarisierte Auseinandersetzung mit diesem Thema.

806
01:20:11.899 --> 01:20:17.800
 Also einerseits ein Teil der Bevölkerung, der wirklich diesen Kollaborationsaspekt sehr stark negiert

807
01:20:17.800 --> 01:20:22.000
 und sagt, das waren die Deutschen, wir waren besetzt, wir waren Opfer

808
01:20:22.000 --> 01:20:37.340
 und ein anderer Teil der Bevölkerung, die sehr stark diese Kollaboration hervorhebt und sagt, wir haben sehr stark dazu beigetragen, dass so viele Menschen deportiert und ermordet werden konnten.

809
01:20:39.020 --> 01:20:44.819
 Ja, gibt es noch Wortmeldungen? Da haben wir nochmal eine, aber erst da, okay.

810
01:20:42.100 --> 01:20:42.420
 Gibt es noch Wortmeldungen?

811
01:20:44.479 --> 01:20:44.659
 Da haben wir noch mal eine, aber erst da.

812
01:20:44.800 --> 01:20:48.039
 Okay.

813
01:20:51.079 --> 01:20:55.260
 Ich wollte nur sagen, wie kann das passieren, dass jetzt wieder so viel Gegenwind kein Zusammenhalt,

814
01:20:55.680 --> 01:20:57.079
 sondern mehr...

815
01:20:58.500 --> 01:20:59.800
 Jo, ihr seid schuld.

816
01:20:59.979 --> 01:21:06.619
 Ihr habt die Bankenkrise 2008 oder wann das war

817
01:21:06.619 --> 01:21:12.659
 und jetzt habt ihr 2015 den Ausländerhaus da reingebracht

818
01:21:12.659 --> 01:21:18.520
 oder so Sachen, was gerade nicht passieren könnte.

819
01:21:19.739 --> 01:21:25.359
 Ihr seid überrascht, wie es so in Richtung wird.

820
01:21:27.079 --> 01:21:31.359
 Ja, ich verstehe Ihre Frage sehr gut, weil das ist auch die Frage, die mich auch beschäftigt.

821
01:21:31.359 --> 01:21:48.000
 Ich glaube, sehr vieles, gerade auch wenn man diese frühen Jahre 1933 und die Gewalt und dieses Zuschauen und auch Geschehen lassen irgendwie betrachtetachtet auch vielleicht die internationale öffentliche...

822
01:21:51.319 --> 01:21:58.180
 Genau, also das ist auch ein ganz interessanter Aspekt, dieser Nachbarschaftsaspekt.

823
01:21:58.539 --> 01:22:03.220
 Das zeigen nämlich diese Volksgerichtsakten beispielsweise sehr deutlich,

824
01:22:03.939 --> 01:22:07.640
 die ich im Zusammenhang mit diesen Anschlussprogrammen auch angeschaut habe.

825
01:22:07.640 --> 01:22:17.960
 Es ist in sehr vielen Fällen die unmittelbare Nachbarschaft, die hier gegeneinander aktiv wird.

826
01:22:18.140 --> 01:22:23.260
 Also es sind Einzelne, wie gesagt in vielen Fällen sogenannte Illegale,

827
01:22:26.619 --> 01:22:26.720
 wie gesagt in vielen Fällen sogenannte Illegale, die sich schon vor 1938 vernetzen,

828
01:22:31.439 --> 01:22:41.720
 die auch schon in der Umgebung als Nationalsozialisten bekannt sind, die dann 1938 dann diese Situation nutzen und anfangen sozusagen ihre eigenen Nachbarinnen und Nachbarn gegen sie vorzugehen.

829
01:22:41.800 --> 01:22:45.920
 Und ich finde dann auch die Dynamik übrigens nach 1945 sehr interessant

830
01:22:45.920 --> 01:22:47.039
 vor den Volksgerichten.

831
01:22:47.720 --> 01:22:53.840
 In vielen Fällen sagen die Nachbarn ja zuerst gegen den Nachbarn der Angeklagte es aus

832
01:22:53.840 --> 01:22:56.659
 und mit der Zeit ziehen sie dann diese Aussagen zurück.

833
01:22:57.659 --> 01:23:01.020
 Und ich glaube, da geht es dann auch sehr stark um dieses Zusammenleben

834
01:23:01.020 --> 01:23:04.060
 und um diese Frage, wenn diese Personen jetzt freigesprochen werden

835
01:23:04.060 --> 01:23:08.600
 oder wieder zurückziehen in die Wohnung. ich muss mit denen ja wieder zusammenleben.

836
01:23:09.699 --> 01:23:14.600
 Also ich denke, diese Dynamiken sind auch sehr interessant und müssen auch noch beforscht werden,

837
01:23:14.699 --> 01:23:18.020
 denn sie wirken und haben natürlich gesellschaftlich sehr stark gewirkt.

838
01:23:19.979 --> 01:23:21.640
 Ja, jetzt haben wir dann da und dann Sie.

839
01:23:22.340 --> 01:23:28.920
 Sie haben erwähnt, dass in den besetzten Teilen Ungarn, Sie haben konkret Transkarpatien angesprochen,

840
01:23:29.579 --> 01:23:35.060
 die Situation schlimmer war für die Juden als im restlichen Ungarn, soweit es möglich ist.

841
01:23:36.000 --> 01:23:41.920
 Trifft es dann auch auf Siebenbürgen und die Teile Jugoslawiens zu,

842
01:23:42.239 --> 01:23:47.399
 beziehungsweise waren das dort die jeweiligen ungarischen Zivilverwaltungen

843
01:23:47.399 --> 01:23:52.279
 oder war das militärische Verwaltung oder auch die deutsche Armee, die da treibend diese

844
01:23:52.279 --> 01:23:55.159
 Situation schlimmer gemacht hat?

845
01:23:56.699 --> 01:24:04.680
 Ja, also es ist wie in vielen anderen europäischen Ländern, fokussiert sozusagen die Deportation

846
01:24:04.680 --> 01:24:05.939
 oder auch die Ghettoisierung

847
01:24:05.939 --> 01:24:11.460
 in einem ersten Schritt immer gegenüber Jüdinnen und Juden, die als fremd empfunden werden.

848
01:24:12.260 --> 01:24:17.380
 Das ist zum Beispiel auch in Frankreich der Fall, wo zunächst die ausländischen Jüdinnen

849
01:24:17.380 --> 01:24:22.340
 und Juden deportiert werden. Und in Ungarn sieht man das sehr deutlich, dass gerade in

850
01:24:22.340 --> 01:24:45.960
 diesen annektierten Gebieten, das sind Gebiete, die irgendwann zu Ungarn gehört haben, dann nach 1918 verloren gegangen sind und dann im Rahmen der sogenannten Wiederschiedsprüche oder auch durch Kriegshandlungen wieder an Ungarn zurückgefallen sind. genau richtig sagen, sind das eben auch in Siebenbürgen, Transkarpatien und so weiter Gebiete.

851
01:24:45.960 --> 01:24:53.199
 Und da sehen wir, dass dort als erster Schritt die Ghettoisierung beginnt und auch als es darum ging,

852
01:24:53.939 --> 01:25:02.159
 quasi die Behörden, also die ungarischen Behörden, zentralen Behörden in Budapest,

853
01:25:02.159 --> 01:25:02.239
 Behörden, zentralen Behörden in Budapest,

854
01:25:04.319 --> 01:25:04.699
 wo sie darüber zunächst verhandelt haben,

855
01:25:06.260 --> 01:25:07.939
 welcher Teil und wie groß

856
01:25:07.939 --> 01:25:10.119
 soll sozusagen die Personengruppe

857
01:25:10.119 --> 01:25:12.020
 sein, die deportiert wird, sprechen sie

858
01:25:12.020 --> 01:25:14.100
 zunächst über diese annektierten Gebiete

859
01:25:14.100 --> 01:25:15.420
 und die im Kernungarn,

860
01:25:15.960 --> 01:25:18.020
 die sind erst später, also Ende Mai,

861
01:25:18.140 --> 01:25:20.039
 Anfang Juni dann, ist dann auch von

862
01:25:20.039 --> 01:25:20.739
 ihnen die Rede.

863
01:25:21.920 --> 01:25:24.039
 Also das heißt, dass man

864
01:25:24.039 --> 01:25:25.699
 zunächst tatsächlich mit diesen

865
01:25:25.699 --> 01:25:29.439
 Jüdinnen und Juden beginnen will und auch beginnt tatsächlich, also wie gesagt,

866
01:25:29.539 --> 01:25:33.220
 dort beginnt man mit der Ghettoisierung, dort beginnt man mit den Deportationen

867
01:25:33.220 --> 01:25:36.880
 und die Situation ist dort auch in vielen Fällen katastrophal, auch weil ihnen

868
01:25:36.880 --> 01:25:48.899
 vielleicht die Praxis fehlt sozusagen und die Anzahl der Überlebenden auch entsprechend sehr gering,

869
01:25:49.039 --> 01:25:51.420
 wie auch bei diesem Brief sehr deutlich wurde.

870
01:25:52.840 --> 01:25:55.819
 Aber es sind auch dort trotzdem ungarische Behörden tatsächlich,

871
01:25:55.819 --> 01:26:03.460
 die hier auch an der Organisation der Deportation zunächst sich sehr stark hervortun.

872
01:26:03.460 --> 01:26:08.039
 zunächst sich sehr stark hervortun.

873
01:26:12.380 --> 01:26:12.939
 Ich möchte noch ganz kurz zu der Dame was sagen, die diese Frage gestellt hat.

874
01:26:18.859 --> 01:26:25.319
 Ist es nicht so, dass ein gewisser latenter Antisemitismus immer da ist und es dann nicht nur kleine Ereignisse sind, wo sich die Leute dann gegenseitig hochschaukeln.

875
01:26:26.000 --> 01:26:30.859
 Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung sagen, das war schon vor 2015,

876
01:26:31.520 --> 01:26:35.579
 bin ich hier in Oberösterreich gefragt worden, wie kannst denn du geboren sein?

877
01:26:35.659 --> 01:26:37.199
 Hat der Hitler deine Eltern vergessen?

878
01:26:38.239 --> 01:26:41.220
 Nein, hat er nicht. Er hat nur meine Großmutter und meine Mutter nicht gefunden.

879
01:26:42.760 --> 01:26:46.680
 Ich werde gefragt, wie kannst du jüdisch sein?

880
01:26:46.779 --> 01:26:49.260
 Du schaust überhaupt nicht, du schaust arisch aus,

881
01:26:49.739 --> 01:26:52.319
 weil ich blaue Augen habe und relativ helle Haare.

882
01:26:53.800 --> 01:26:57.760
 In Wien ist es mir passiert, dass Arbeitskollegen nicht wussten,

883
01:26:57.880 --> 01:26:58.800
 dass ich jüdisch bin.

884
01:26:59.699 --> 01:27:02.880
 Und erst als sie dann meinen Davidstern gesehen haben,

885
01:27:02.880 --> 01:27:06.680
 haben die ganzen Sex gefragt, seit wann bist du ein Jude?

886
01:27:07.619 --> 01:27:11.939
 Sage ich nur, seit Geburt. Und das ist halt immer schon so da.

887
01:27:12.619 --> 01:27:19.420
 Und es genügen dann Ereignisse, manchmal kleinere, manchmal große, wie zum Beispiel der 7. Oktober.

888
01:27:19.880 --> 01:27:27.439
 Und dann peitscht es das gegenseitig hoch. Und die Flüchtlingskrise hat noch zusätzlich

889
01:27:27.439 --> 01:27:31.399
 einen gewissen muslimischen Antisemitismus mit importiert.

890
01:27:31.840 --> 01:27:34.420
 Und der kommt jetzt zum latenten österreichischen,

891
01:27:34.520 --> 01:27:37.800
 der eh schon immer da ist und immer da sein wird, noch dazu.

892
01:27:38.699 --> 01:27:41.399
 Das ist halt das Problem, das wir haben.

893
01:27:41.760 --> 01:27:46.300
 Und wenn man zu den Leuten sagt sagt das ist aber eigentlich antisemitisch

894
01:27:46.300 --> 01:27:47.619
 ich bin doch kein Antisemit

895
01:27:47.619 --> 01:27:50.340
 ich doch nicht, wie kommst du auf die Idee

896
01:27:50.340 --> 01:27:52.199
 und wenn man zu den Leuten sagt

897
01:27:52.199 --> 01:27:54.680
 das was du über Israel sagst

898
01:27:54.680 --> 01:27:56.560
 ist antisemitisch

899
01:27:56.560 --> 01:27:57.680
 weil du meinst

900
01:27:57.680 --> 01:27:59.380
 die Juden die in Israel leben

901
01:27:59.380 --> 01:28:01.479
 nein, nein

902
01:28:01.479 --> 01:28:04.159
 und die Kritik wird wohl noch erlaubt sein

903
01:28:04.159 --> 01:28:07.079
 ja, gerechtfertigte Kritik ist erlaubt,

904
01:28:07.439 --> 01:28:12.260
 aber der Unterschied zwischen gerechtfertigter Kritik

905
01:28:12.260 --> 01:28:16.159
 und Verleumdung und Diffamierung Israels ist halt sehr groß.

906
01:28:17.260 --> 01:28:20.960
 Und ich denke mir, die Leute kennen Israel nur aus den Fernsehnachrichten

907
01:28:20.960 --> 01:28:23.640
 und machen sie dann selber zum Experten

908
01:28:23.640 --> 01:28:27.500
 und haben aber in Wirklichkeit nicht sehr viel Ahnung, wie die Situation wirklich ist.

909
01:28:28.520 --> 01:28:34.720
 Und das ist das Problem, dass einfach ein gewisser Antisemitismus immer da war und immer da sein wird.

910
01:28:34.979 --> 01:28:37.560
 Und ich kenne Juden in Wien, die packen schon wieder ihre Koffer.

911
01:28:38.079 --> 01:28:38.960
 Das ist das Problem.

912
01:28:41.119 --> 01:28:43.659
 Ich glaube, dazu muss ich gar nichts hinzufügen.

913
01:28:43.659 --> 01:28:45.939
 Ich glaube, dazu muss ich gar nichts hinzufügen.

914
01:28:49.939 --> 01:28:55.199
 Der Antisemitismus ist nach 1945 nicht verschwunden und die Herausforderungen,

915
01:28:55.300 --> 01:28:58.939
 die mit den zurückgekehrten Jüdinnen und Juden zu kämpfen hatten,

916
01:28:58.939 --> 01:29:02.340
 neben all dem Erleben, was sie erlebt haben,

917
01:29:02.420 --> 01:29:03.640
 und damit umgehen zu müssen,

918
01:29:04.119 --> 01:29:06.060
 das zeigt auch dieses Zitat

919
01:29:06.060 --> 01:29:07.880
 von Kertis auch nochmal sehr deutlich,

920
01:29:08.119 --> 01:29:08.479
 also dass

921
01:29:08.479 --> 01:29:11.380
 der Antisemitismus ja dann

922
01:29:11.380 --> 01:29:13.859
 auch in vielen Fällen nochmal verstärkt wurde,

923
01:29:13.939 --> 01:29:16.140
 dadurch auch, dass viele Personen

924
01:29:16.140 --> 01:29:18.060
 vom Holocaust profitiert haben

925
01:29:18.060 --> 01:29:19.640
 beispielsweise und

926
01:29:19.640 --> 01:29:21.979
 dann kam man sozusagen

927
01:29:21.979 --> 01:29:24.000
 als Überlebende zurück und man

928
01:29:24.000 --> 01:29:28.539
 hat quasi einen Anspruch vielleicht gestellt auf die Wohnung,

929
01:29:28.840 --> 01:29:30.399
 in der man jetzt aber eingezogen ist.

930
01:29:30.819 --> 01:29:36.060
 Und sozusagen auch dieses schlechte Gewissen in gewisser Weise, mit dem man dann auch konfrontiert war,

931
01:29:36.439 --> 01:29:38.520
 das hat hier sicher nochmal verstärkt gewirkt.

932
01:29:38.600 --> 01:29:44.699
 Aber ich glaube, dass die nächsten Vorlesungen ohnehin sich mit dem Antisemitismus nach 1945 beschäftigen werden.

933
01:29:45.340 --> 01:29:48.899
 Ja, vielen Dank. Das gibt mir Gelegenheit, an der Stelle schon darauf hinzuweisen,

934
01:29:49.060 --> 01:29:51.739
 dass wir den nächsten Vortrag in zwei Wochen haben.

935
01:29:52.239 --> 01:29:56.140
 Nächste Woche sind Herbstferien, da macht die Volkshochschule auch Herbstferien.

936
01:29:56.220 --> 01:30:01.659
 Aber in zwei Wochen wird Isolde Vogel vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes

937
01:30:01.659 --> 01:30:06.800
 genau diese Thematik aufgreifen, nämlich Antisemitismus in Österreich nach 1945.

938
01:30:07.840 --> 01:30:12.640
 Also genau diese Latenz oder manchmal vielleicht auch mehr als Latenz,

939
01:30:13.239 --> 01:30:17.720
 die wir im Grunde genommen in Österreich hatten, ähnlich wie in Deutschland auch.

940
01:30:17.720 --> 01:30:24.939
 Das heißt, bestimmte Dinge sind manchmal nicht mehr sagbar gewesen im öffentlichen Raum,

941
01:30:25.100 --> 01:30:26.619
 aber im privaten immer.

942
01:30:26.979 --> 01:30:29.199
 Und vieles war auch abbildbar.

943
01:30:30.340 --> 01:30:33.140
 Also das heißt, wir haben tatsächlich eine durchgehende,

944
01:30:33.199 --> 01:30:36.100
 leider eine durchgehende Geschichte des Antisemitismus,

945
01:30:36.260 --> 01:30:39.699
 die nicht irgendwie unterbrochen wird durch die Ereignisse,

946
01:30:39.699 --> 01:30:40.800
 sondern sie bleibt.

947
01:30:41.359 --> 01:30:44.939
 Und darüber wird in zwei Wochen Isolde Vogel zu uns sprechen,

948
01:30:45.100 --> 01:30:47.579
 auch anhand von vielen Bildzeugnissen.

949
01:30:48.380 --> 01:30:50.220
 Darauf hat sie sich ein bisschen spezialisiert.

950
01:30:50.220 --> 01:30:54.260
 Das heißt, wie im visuellen Bereich tatsächlich auch Antisemitismus

951
01:30:54.260 --> 01:30:56.760
 dann doch wieder abbildbar ist.

952
01:30:57.659 --> 01:31:00.199
 Vielleicht würde ich da noch kurz ergänzen,

953
01:31:00.460 --> 01:31:06.060
 dass nicht nur im Stillen zu Hause diese antisemitische Haltung geäußert wurde,

954
01:31:06.159 --> 01:31:10.239
 sondern gerade im Osten Europas gibt es ja nach 1945 auch noch weitere Pogrome.

955
01:31:10.859 --> 01:31:14.020
 Also das hört ja mit 1945 ja nicht auf, in Polen beispielsweise.

956
01:31:15.140 --> 01:31:20.979
 Aber auch in Ungarn gab es Pogrome mit Todesopfern auch.

957
01:31:21.260 --> 01:31:26.899
 Also die Gewalt ist weiterhin auch da und die Gewaltbereitschaft

958
01:31:26.899 --> 01:31:30.640
 und auch dieser christliche Antisemitismus

959
01:31:30.640 --> 01:31:36.260
 mit all diesen Vorstellungen des Ritualmords und so weiter,

960
01:31:36.380 --> 01:31:38.460
 das finden wir auch noch nach 1945.

961
01:31:40.579 --> 01:31:43.899
 Und was wir eben nach 1945 auch haben, sind Leute wie,

962
01:31:43.979 --> 01:31:46.479
 da ist dieses Kertes-Beispiel ja wirklich sehr gut,

963
01:31:47.180 --> 01:31:52.960
 die sich einfach während der Zeit der Verfolgung etwas angeeignet haben.

964
01:31:53.880 --> 01:31:58.260
 Und wir kennen da ja auch viele andere Beispiele. Es wurde ja Besitz versteigert.

965
01:31:58.460 --> 01:32:03.039
 Das heißt, die Nachbarn haben dann einfach ersteigert, was noch da war in der Wohnung.

966
01:32:03.039 --> 01:32:07.159
 Und da kann man einfach immer davon ausgehen, das haben sie gemacht,

967
01:32:07.300 --> 01:32:11.760
 weil sie im Grunde wussten, explizit oder implizit,

968
01:32:12.220 --> 01:32:15.020
 dass die Person nicht mehr zurückkehrt.

969
01:32:15.279 --> 01:32:17.199
 Das ist, glaube ich, immer das Entscheidende.

970
01:32:17.460 --> 01:32:22.380
 Das macht man eigentlich nur dann, wenn man sich sicher sein kann,

971
01:32:22.479 --> 01:32:25.060
 dass niemand mehr an der Tür klingelt und sagt,

972
01:32:28.359 --> 01:32:28.619
 das ist doch meine Wohnung oder das ist doch mein Wintermantel.

973
01:32:29.819 --> 01:32:30.300
 Wieso hast du den jetzt?

974
01:32:33.779 --> 01:32:33.880
 Das ist, glaube ich, immer das, was da das Erschreckendste daran ist,

975
01:32:38.640 --> 01:32:39.000
 weil in dem Moment ist greifbar, dass Sie eigentlich auch, was immer Sie wissen,

976
01:32:42.420 --> 01:32:45.640
 real wissen, aber Sie gehen davon aus, Sie kommen nicht zurück.

977
01:32:51.140 --> 01:32:56.060
 Ja, wir haben immer noch ein bisschen Zeit, wenn Sie noch etwas fragen möchten, wenn Ihnen noch etwas auf den Lippen liegt.

978
01:32:57.380 --> 01:32:58.020
 Bitte schön.

979
01:33:10.260 --> 01:33:16.359
 Haben Sie sich bei Ihren Nachforschungen auch mit der Rolle der Wiener Polizei befasst? Und zwar nämlich, es war ja bekannt, auch Eichmann, die hat nämlich insofern einen unter Anführungszeichen Vorteil gehabt,

980
01:33:16.460 --> 01:33:23.539
 die hatten aus der Monarchie noch immer exzellente Archive bzw. Karten, Identitätskarten in der Bevölkerung,

981
01:33:23.600 --> 01:33:25.119
 wo immer auch vermerkt war, die Religion.

982
01:33:26.560 --> 01:33:27.800
 Und da waren sie spezialisiert.

983
01:33:28.020 --> 01:33:30.920
 Und später dann hat sich das sehr ausgewirkt.

984
01:33:31.560 --> 01:33:34.979
 Sie haben ja dann, was ja heutzutage nicht vorstellbar ist,

985
01:33:35.060 --> 01:33:37.119
 sie führen einen Krieg, den sie gewinnen wollen.

986
01:33:37.279 --> 01:33:41.119
 Und große, wichtige Teile der Armee haben nichts anderes zu tun,

987
01:33:41.420 --> 01:33:44.159
 als zu unterstützen die Nachforschungen.

988
01:33:44.739 --> 01:33:48.180
 Also gerade in Griechenland zum Beispiel, an den ganzen Inseln und so weiter.

989
01:33:48.640 --> 01:33:52.300
 Und da war ein von Eichmann, der hat die Erfahrung gehabt damit.

990
01:33:52.619 --> 01:33:56.180
 Das war es. Haben Sie da irgendwas festgestellt? Das ist ja hochinteressant.

991
01:33:56.500 --> 01:33:59.340
 Wir haben jetzt die Ausstellung von einem Innenministerium,

992
01:33:59.800 --> 01:34:04.260
 die auch jetzt in Braunau war, interessanterweise, und die haben dann auch dort gesagt,

993
01:34:04.260 --> 01:34:06.039
 das ging auch über das DÖF, glaube ich.

994
01:34:06.859 --> 01:34:10.140
 Es war interessant, dass das jetzt zum Beispiel nach 81 Jahren

995
01:34:10.140 --> 01:34:12.319
 erst angesprochen wird, dieser Themenkreis.

996
01:34:13.579 --> 01:34:15.000
 Ist Ihnen da was aufgefallen?

997
01:34:16.699 --> 01:34:20.260
 Also ich habe nicht zur Polizei geforscht, muss ich sagen.

998
01:34:21.560 --> 01:34:24.579
 Aber tatsächlich gibt es da mittlerweile einige Arbeiten.

999
01:34:24.579 --> 01:34:25.039
 Also auch schon vor diesem vom Innenministerium Auftrag gegebene Projekt Aber tatsächlich gibt es da mittlerweile einige Arbeiten.

1000
01:34:29.640 --> 01:34:35.079
 Also auch schon vor diesem vom Innenministerium Auftrag gegebenen Projekt gab es Projekte zur Wiener Polizei oder zur Polizei allgemein

1001
01:34:35.079 --> 01:34:40.560
 und natürlich gerade auch zu diesen Kontinuitäten und zu diesem Wissenstransfer.

1002
01:34:43.359 --> 01:34:43.920
 Genau.

1003
01:34:45.819 --> 01:34:52.399
 Ja. Transfertransfer, genau. Ja, meine sehr geehrten Damen und Herren, ich sehe keine weitere Wortmeldung,

1004
01:34:52.479 --> 01:34:54.140
 wenn ich niemanden übersehen habe.

1005
01:34:54.779 --> 01:34:58.479
 Dann möchte ich an der Stelle unsere Veranstaltung für heute schließen

1006
01:34:58.479 --> 01:35:01.159
 mit einem herzlichen Dank noch einmal an Regina Fritz

1007
01:35:01.159 --> 01:35:06.720
 für den Vortrag und die Bereitschaft mit uns über das zu reden,

1008
01:35:06.720 --> 01:35:12.659
 was sie vorgetragen hat. Und ja, ich erinnere noch einmal daran, wir setzen fort in zwei Wochen mit

1009
01:35:12.659 --> 01:35:20.340
 dem schon erwähnten Vortrag von Isolde Vogel über den Antisemitismus in Österreich nach 1945. Ich

1010
01:35:20.340 --> 01:35:27.659
 würde mich freuen, wenn Sie auch in zwei Wochen alle wieder zu uns kommen. In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen guten Nachhauseweg.

