Guten Abend, meine Damen und Herren, liebe Literaturinteressierte. Mein Name ist Sarah Pöringer und ich freue mich sehr, Sie heute hier im Stifterhaus begrüßen zu dürfen. Uns erwartet ein Abend voller literarischer Reisen. Geschichten, die uns nach Armenien, Pakistan oder Kalifornien führen, ebenso wie Gedichte, die der japanischen Kultur, ihrem Geist und ihrem Lebensstil nachspüren. Lassen Sie mich mit unserer heutigen Gästin beginnen. Ich freue mich sehr, dass Marianne Jungmeier heute bei uns ihr Buch mit dem bezeichnenden Titel Kontinentaltrift vorstellen wird. bei uns ihr Buch mit dem bezeichneten Titel Kontinentaltrift vorstellen wird. Kontinentaltrift beschreibt die langsame Bewegung, Aufspaltung und Vereinigung von Kontinenten. Ein treffendes Bild, wie ich finde, für das Reisen selbst, denn wer reist, will in Bewegung sein. Ihr Buch, das zwölf Reisestories versammelt, erschien im März dieses Jahres im Otto Müller Verlag. Bitte begrüßen Sie mit mir ganz herzlich Marianne Jungmeier. Marianne Jungmeier ist gebürtige Linzerin und studierte Medien und Film, Kulturwissenschaft sowie Journalismus. Für ihre literarische Arbeit und ihre umfangreiche Reisetätigkeit erhielt sie zahlreiche Stipendien des Bundes und des Landes Oberösterreich. Sie unterrichtet kreative Schreiben, moderiert und kuratiert. Zuletzt erschien 2024 Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens. Marianne Jungmeier bereiste unter anderem Armenien, Island, Schottland, Brasilien, Pakistan, Nepal und die USA und genau dorthin nimmt sie auch ihre LeserInnen mit. Kontinentaldrift ist eine Liebeserklärung an Menschen und Lebenswelten rund um den Globus. Vor allem ist das Buch aber eine Einladung zuzuhören und sich auf andere Kulturen und Orte einzulassen. Ja, kommen wir nun zu unserem zweiten Gast. Ich freue mich sehr, heute Abend auch Leopold Federmeyer begrüßen zu dürfen. Er stellt uns seinen Lyrikband »Ein Schrein auf dem Kaufhausdach« vor, der im Herbst 2025 in der Edition Tandem erschienen ist. Herzlich willkommen, Leopold Federmeyer. Leopold Federmeyer wurde in Wels geboren und lebt als Schriftsteller und literarischer Übersetzer in Wien und Hiroshima. Er studierte Publizistik, Germanistik und Geschichte in Salzburg und verbrachte längere Zeit in Frankreich, Italien, Lateinamerika und anderen Ländern. 2012 erhielt er den österreichischen Staatspreis für literarische Übersetzungen. Zuletzt erschien von ihm 2023 Hiroshima Capriccios. Mit einem Schrein auf dem Kaufhausdach legt Leopold Federmeyer einen besonderen Lyrikband vor. In über 100 Shinto-Gedichten versucht er der japanischen Kultur, ihrem Geist und ihrem Lebensstil auf die Spur zu kommen und verbindet darin Beobachtung des Alltags mit eigener Lektüre und persönlichen Erinnerungen. Und nun lassen Sie mich nun auch unsere heutige Moderatorin sehr herzlich begrüßen. Schön, dass du auch da bist. Marlene Gölz, herzlich willkommen. Marlene Gölz wurde in Linz geboren und studierte Kunstgeschichte in Wien und Berlin. Ihr Debütroman Himmelfahrt erschien 2025. Diesen hat sie auch hier bei uns im Stifterhaus vorgestellt. Das war es von meiner Seite. Ich wünsche uns allen einen anregenden Abend mit Leopold Federmeyer, Marianne Jungmeier und Marlene Gölz und darf nun das Wort übergeben. Vielen Dank. Applaus Ja, herzlich willkommen auch von mir. Klappt das mit dem Mikro? Habe ich das richtig eingeschaltet? Okay, danke. Ja, vielen Dank für die Einladung. Ich freue mich sehr, hier zu sein. Schön, dass Sie gekommen sind. Wir haben heute Abend das Vergnügen, abseits touristischer Hotspots auf eine literarische Reise zu gehen. Und zwar mit den neuesten Büchern von Marianne Jungmeier und Leopold Federmeyer, die nicht nur daraus lesen, sondern uns auch von ihren Erfahrungen in den jeweiligen Ländern und von ihrem Schreiben berichten werden. Der Ablauf wird folgendermaßen aussehen. Ich werde Ihnen eine kurze Einführung zum jeweiligen Buch geben und dann folgen Lesepassagen und Gespräche dazwischen. Beginnen wird eben Marianne Jungmeier. Bitte noch einmal einen Applaus für sie. Wie gesagt, ihr Buch trägt den Titel Kontinentaldrift Reisestories. Kontinentaldrift, auch Kontinentalverschiebung, beschreibt die langsame Bewegung, Aufspaltung und Vereinigung von Kontinenten. Hypothesen zur Kontinentaldrift gab es bereits im 18. Jahrhundert, jedoch führte erst die Arbeit des Geologen Alfred Wegener zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einer allmählichen Abkehr vom Fixismus hin zum Mobilismus. Wir kennen auch das Wort driften, gleiten, treiben, was auf dieses Buch übertragen die Art des Unterwegsseins beschreiben könnte, kontrolliert und doch zulassend. Der Band versammelt Erzählungen, die in unterschiedlichsten Ländern, welche die Autorin bereits dort spielen. Heute werden wir Auszüge aus Armenien, London, Portugal und Nepal hören. London, Portugal und Nepal hören. Insgesamt sind zwölf Storys im Buch versammelt, was der durchschnittlichen Anzahl von Songs einer LP gleicht, die man fortlaufend oder auch einzeln hören kann. Die Anordnung ist perfekt austariert. Der farbenprächtige und doch leise Soundteppich sowie die Erzählstimme der Reisenden, die aus der Ich-Perspektive berichtet, verbinden die einzelnen Geschichten und Orte miteinander. Es ist kein atemloses Erzählen in Kontinentaldrift, wir verpassen keine Flüge, wir hetzen nicht um den Erdball, sondern viel eher reisen wir mit einer kontemplativen Haltung zur Welt. Reisen ist das einzig Taugliche gegen die Beschleunigung der Zeit, heißt es in Thomas Manns Zauberberg. taugliche gegen die Beschleunigung der Zeit, heißt es in Thomas Manns Zauberberg. Wir erhalten informative, teils mit Fußnoten gespickte Einblicke in kulturell sehr unterschiedlich geprägte Städte, Länder und Kontinente, durch die Brille der Erzählerin und ihrer Beziehung zu den Einheimischen, an deren Alltag sie teilhat, jedoch auch ein höchst atmosphärisches Gefühl für diese Orte, ihre Landschaften, Wohnungen, Gerüche und Geschmäcker. Zuweilen und höchst zurückhaltend brechen Emotionen durch, etwa wenn es der Ich-Erzählerin zu kalt ist. Sie sich fragt, wie lang werde ich es ihr aushalten. In der wenig möblierten Residency in Ohio etwa, die Zitat nicht gerade ästhetically pleasing ist oder wenn eine Freundschaft zu einer Mitreisenden zu zerbrechen droht. Doch nie geraten das Innen und Außen in eine Schieflage. Der Erzählfluss ist ruhig, die Sprache klar und poetisch, die Lektüre selbst wird zur Reise. Was bleibt, sind kostbare Souvenirs, nachhaltige Eindrücke und Bilder, die sich einbrennen, wie das, der, Zitatitat Flammen und Sonnenblume oder Sätze wie Immer gebe ich vor, dazu zu gehören, im Leben wie auf Reisen. Ich würde dich bitten, mit dem ersten Lesepart zu beginnen. Sehr gerne. Danke, liebe Marlene, für die schöne Einführung und danke an Stifterhaus für die Einleitung. Ich freue mich sehr, den Band hier vorzustellen. Und beginnen werden wir in Armenien, wie schon angekündigt. Ich kann vielleicht noch kurz zum Buch sagen, dass das Buch generell, ich habe versucht, das anzulegen wie eine Zugfahrt. Also man kann sich vorstellen, man reist durch eine Landschaft, eine sehr vielfältige und hat immer unterschiedliche Eindrücke. Wenn man beim Fenster rausschaut, sieht verschiedene Landschaften, dann kommt wieder mal ein Tunnel, dann kommt kurz vielleicht ein Wasserfall, dann kommt eine Wüste. Genau, und in diesem Erzählfluss, wie du so schön genannt hast, beginnen wir mit Armenien. Die Geschichte heißt Schwarzer Kaffee. Und ich starte gleich hier. Ich treffe Lilith in einem Land, das es nicht gibt. In einem Märchen, das nur in den Köpfen jener existiert, die daran glauben. Wir treffen uns in seiner Hauptstadt, die nach dem heiligen Stephanus benannt ist, dem Proto-Mehrtürer des Christentums. Dies hat er mit den Armeniern gemein. Als Armenierin trägt Lilith ihren Nationalstolz und die damit einhergehende Verwundung mit erhobenem Haupt. Ihre Herkunft ist ebenso magisch wie die Stadt Stepanakert, mit ihren weiß getünchten Baumstämmen, den sorgsam angelegten, sauber gekehrten Bürgersteigen und den pastellfarbenen Häusern. Sie erinnert mich an die italienische Riviera mitten am Kaukasus. Sie erinnert mich an die italienische Riviera mitten am Kaukasus. Glänzende Schaufenster, knorrige Nadelbäume, Männer in feinen Anzügen und Frauen in Satin-Kleidern, zumindest im Stadtkern, wo alles glitzert und brilliert. Als ich Lilith kennenlerne, hat sie für zwei Wochen ein kleines ebenerdiges Häuschen in einer Seitengasse der Promenade gemietet. Ein gemeinsamer Freund hat den Kontakt hergestellt. Unbedingt musste ich nach Arzach, diesen Ort, den es nicht gibt. Die armenische Exklave in Aserbaidschan. Es ist sie nur abends. Eine Laterne zeichnet einen warmgelben Lichtkreis vor Liliths Tür. Als erstes fällt mir das schwarze Wu-Tang-Clan-T-Shirt auf, dann das Dinosaurier-Tattoo auf ihrem Oberschenkel, ihr Gesicht ist blass und ihre Augen dunkel. Badev Can, sagt sie, willkommen. Sie umarmt mich und drückt mir ein Küsschen auf die Wange, dabei sehen wir uns zum ersten Mal. Sie riecht nach Orangenblüten, in ihrer Hand ein kurzgerauchter Joint. Badev Cez, sage ich formal und küsse sie auch auf die andere Wange. Daran wird sie mir später sagen, habe sie erkannt, dass ich Ausländerin bin. Vorhaiches, obwohl ich offenbar ohne Akzent gegrüßt habe. Armenierinnen küssen einander nur auf eine Wange. Ihre Großmutter erzählt sie und bittet mich herein, stammte von einem Königsgeschlecht aus dieser Region ab, diesem Märchenland, das man auch die armenische Schweiz nennt, in dem die Geldflüsse der Diaspora die Straßen und Hotels erhalten. Der Highway zwischen Armenien und Arzach ist in einem so guten Zustand wie keine andere Straße in dieser Gegend. Also, sage ich zu Lilith, bist du eine richtige armenische Prinzessin? Und sie nickt, königlich. Lilith ist ein Kind jener, deren Großeltern aus dem Osmanischen Reich fliehen konnten oder mussten, je nachdem. Es ist nicht möglich, von Armenien ohne Genozid zu erzählen. Die geplante und nahezu vollendete Auslöschung des armenischen Volkes, der erste systematisch entworfene Völkermord in der europäischen Welt, ist Teil der nationalen Identität. Dieses Land zu bereisen, ohne darüber Bescheid zu wissen, ist wie durch Deutschland und Österreich zu fahren und nicht zu wissen, dass man dort Millionen von Menschen aufgrund ihrer jüdischen Religion, ihrer Gesinnung, Ethnizität, sexuellen Orientierung, mentalen wie physischen Beeinträchtigung und politischen Ausrichtung getötet hat. Alles an Lilith ist Gegenwart. Ihre Sprache, ihre Tochter, die sie allein großzieht, ihre Flüche, ihre depressive Verstimmung. Lilith hat karminrot gefärbte Dreadlocks, die bis zu ihren Hüften reichen. Sie verfilzt sie mit einer kleinen Häkelnadel, nach der sie alle paar Stunden schimpfend sucht. Nachdem wir uns ein paar Monate kennen, erzählt sie mir, sie trage diese Frisur nur, weil sie sich sonst die Haare ausreißen würde, eines nach dem anderen, weil es sie beruhige. Die kahlen Stellen lassen sich schwer verbergen, sagt sie. Meine Therapeutin nennt das Trichotillomanie, doch Lilith glaubt nicht an Psychotherapie und auch nicht an psychische Erkrankungen. Das sind Erfindungen des Westens, sagt sie. Alle Menschen sind gesund und alle Menschen haben Probleme. Alles an Lilith ist Gegenwart, doch der Völkermord ist in ihre verfilzten Haarsträhnen geflochten wie eine Schnur, eine Lebenslinie vom Herzen ausgehend. Alles und jede berührend, auch mich. Wir sitzen in ihrem gemieteten Zuhause. Sie schenkt mir schwarzen Kaffee ein, stellt ein Körbchen Lavasch, armenisches Brot auf den Tisch, dazu selbstgemachten Hummus, der besser schmeckt als jeder Hummus, den ich jemals gegessen habe, cremig, süßlich mit einer leichten Tahini- und Zitronennote, einem Bund aus Basilikum, Minze, Petersilie, Dill und Lauch, von dem man abbeißt wie von einer Karotte, weißen Hartkäse in Cellophane verpackt. Im Hintergrund läuft russischer Rap. Is, sagt sie, der Tisch übersät mit Zuckerkörnern, die sie mit seiner Hand fortwischt, in der anderen das Telefon. Ich muss noch kurz wen anrufen. Sie zischt ihrer Tochter auf Englisch zu, sie solle die Lautstärke des Computers herabdrehen, spricht auf Französisch mit südlichem Akzent, nein, Magribin weiter, erzählt am Telefon jemandem von einem Mann. Die Beziehung muss vor kurzem zu Ende gegangen sein. Ich setze mich. Das Plastik des Tisches bricht an den Rändern, am Herd fehlen Knöpfe, eines der Fenster ist zersprungen. Das Häuschen, in dem die beiden wohnen, während Lilith ein Kunstfestival organisiert, in dem ich ein paar Nächte auf einer Couch schlafe, hat einen kleinen Garten mit einem stattlichen Walnussbaum. Ein voller Mond steigt zwischen seinen Zweigen empor. ein Ölgemälde der Landschaft um Ani. Auf dem Küchentuch das armenische Alphabet in Form von Paradiesvögeln. 36 Buchstaben, darunter mehrere Us und Ms. Lilith kommt zurück und flüstert, einen Moment. Sie lauscht, schiebt das Piercing in ihrer Unterlippe hin und her. Die Stimme sagt hörbar, lass Tom be, lass gut sein. Lilith dreht sich zur Seite, Tränen in den Augen. Am nächsten Morgen trinken wir Kaffee, der so stark ist, dass ich davon Herzklopfen bekomme. Ich schmiere Butter auf ein Stück Fladenbrot für nur, schneide Sterne aus einer Gurke und Käse in kleine Herzen und lausche den Telefonaten, die Lilith in ihrer geheimnisvollen Muttersprache führt. Ist sie nicht für Festivals und Konferenzen in Arzach oder Tiflis, arbeitet sie in Yerevan von zu Hause aus, ohne Sponsoren oder Mitarbeiterinnen. Mother in Residence nennt sie ihren Beruf, arbeitet in Mutterschaft auf unbestimmte, nein, auf Lebenszeit. Beruf, arbeitet in Mutterschaft auf Unbestimmte, nein, auf Lebenszeit. Drei Monate später treffen wir uns in Yerevan. Der Herbst ist ins Land gezogen, vorbei die lauen Nächte in ihrem kleinen Garten bei frischem Rotwein aus den Bergen, leicht und fruchtig wie Riebiselsaft. Nagorno-Karabach nennt die internationale Gemeinschaft die Gegend, in der wir uns im Sommer sahen Auf Russisch heißt das Schwarzer Garten Und so ist es dort, fruchtbar, grün, gebirgig und menschenleer Ich treffe Lilith an der U-Bahn-Haltestelle Barikamuzun Das bedeutet Freundschaft auf Deutsch Sie schreibt mir, sie warte auf mich am Ausgang zur Marshallchall Bagramian, einer der Hauptverkehrsadern der Stadt. Als ich die Treppen hochsteige, sehe ich, dass es mindestens fünf Ausgänge gibt in einem Labyrinth aus winzigen unterirdischen Läden. Nach 20 Minuten finde ich sie endlich, rauchend, vor einem Supermarkt in ein Gespräch vertieft. In einem aufgelassenen Office-Gebäude hat man ein Stockwerk für die Kunstzweck entfremdet. Das ehemalige Großraumbüro ist mit Glasscheiben unterteilt. Milchiges Licht fällt durch die Fenster herein, die Luft riecht abgestanden und schal. In jedem Kubus eine Installation, viele der Türen sind geschlossen. Lilith lässt ihre Zigarette in eine leere Bierflasche fallen, ich folge ihr durch die Gänge. Vor einer der letzten Kojen hängt ein enormer Teppich. Das Motiv darauf ist eine Internetseite. Hervortritt ein hochgewachsener Mann. Wir alle küssen uns auf eine Wange. Aramast macht Kaffeesatzlesungen, sagt Lilith und fügt hinzu, er ist Spürkahai, Diaspora, aber er lebt seit Jahren hier. Möchtet ihr Kaffee? fragt er und hebt eine Braue. Aramasts Akzent ist sehr amerikanisch. Auf seiner nackten Kopfhaut spiegelt sich das Licht der Neonlampen. Das Innere seines Kubus ist mit Augen bemalt, weiße Ellipsen mit Punkten. Hunderte stauen uns an, während wir uns an einen winzigen Tisch setzen. Aramast bietet uns getrocknete Aprikosen und Mandeln an, die aromatischen Nüsse knacken in meinem Mund, feiner Marzipangeschmack breitet sich aus. Auf der kleinen Herdplatte brodelt und zischt der Kaffee. Seit Jahren meide ich Wahrsager, doch Aramast nimmt meine Tasse ohne zu fragen in die Hand, als ich fertig getrunken habe. Ich sehe einen langen Weg, der seinen Ausgang erst finden muss. Aber am Ende steht Harmonie, siehst du? Auf einer Seite der Tasse hat sich ein Kreis aus schwarzen Körnern gebildet. Lilith nickt mit ernstem Gesicht. Genau, das war jetzt mal ein Ausschnitt aus Armenien. Dann reist man noch mit der Ich-Erzählerin durch Armenien und lernt das Land kennen. Und die Lilith noch besser. Und jetzt würden wir nach London reisen, wenn Sie möchten. Und zwar besuchen wir dort Gabriel, das ist ein Freund der Ich-Erzählerin und die Story heißt Toasties und Drag. Und ich habe die ausgewählt vorzulesen, weil die ist ein schöner Kontrast zu Armenien, finde ich. Sein Name ist kaum erkennbar auf dem Papier unter der Klingel. Ich drücke auf den Knopf einmal, zweimal, blicke nach oben, sehe den grauen Aprilhimmel in den Fenstern des einstöckigen Hauses, sehe die Rollläden und Regale, die ich bei meinem letzten Besuch montiert habe. Seit Gabriel in Tottenham lebt, ist es einfach, ihn zu besuchen. Sein Haus liegt an der Zugstrecke. Seit ich ihn kenne, 15 Jahre schon, ist er wahrscheinlich fünfmal umgezogen. Immer weiter hinaus, von Hackney Downs nach Finsbury Park und schließlich Tottenham. Nicht, weil er es wollte, sondern weil die Mieten in London kaum leistbar sind. Eines der Fenster rattert nach oben. Bokertorf, Motec, ruft Gabriel. Bokertorf heißt guten Tag auf Hebräisch, Motec so etwas wie Schatzi. Kurz darauf öffnet er die Tür, drückt mich an sich. Welcome to London, darling. Gabriel ist my brother from another mother. Er trägt einen kleinen runden Bauch vor einem aufrechten Körper, eine prominente Nase, die er von seiner irakischen Mutter geerbt hat und immer, wirklich immer, monumentalen Schmuck, Ringe aus Amethyst und Pyrite, Ketten aus neongrünen Holzperlen, goldene Tropfen an den Ohren. Er kleidet sich in Röcke, Brautkleider und kümmert sich nicht um Normen. Gabriel und ich, wir teilen nicht nur die Liebe zur Freiheit, sondern auch die Körper- und Kleidergröße, weshalb ich mir T-Shirts, Hosen und Jacken von ihm ausleihen kann. Bei Gabriel habe ich eine Zahnbürste im Bad, Pantoffeln im Gang und ein Zuhause in dieser Stadt, die ich schon geliebt habe, als ich noch ein sehr junger Mensch war. Das Gebäude, in dem er lebt, beherbergt zwei Wohnungen. Einst für eine Familie gedacht, ist es nun aufgeteilt. Im Erdgeschoss lebt Sue mit ihren Katzen, eine steile, mit Teppich ausgelegte Treppe führt hinauf zu Gabriels Wohnung. Ich bin gerade erst aufgestanden, sagt er jetzt. Sein Gesicht faltig vom Schlaf. Hast du Hunger? Ein langer Gang verbindet die Zimmer seiner schlurfartigen Wohnung. In einem Decken hohen Regal Stiefel, Sneaker, Sandalen in Regenbogenfarben sortiert. Sie ist das Einzige, das wir nicht teilen, die Schuhgröße. Selbst Männer finden wir beide gut. Allerdings wählt Gabriel besser aus als ich, weil er kein Recovering People Pleaser ist. Ich wasche mir die Hände unter Grace Jones' strengen Blick, werfe meine Jacke über das Treppengeländer und meinen Rucksack dazu. Langsame, entspannte Musik kommt aus den Lautsprechern über die ganze Wohnung verteilt. Eine sanfte Frauenstimme singt. I'm so mature, I got me a therapist to tell me there's other men. Ein Duft nach Brot in der Luft. Hast du gebacken? Ein bisschen. Was magst du trinken? Hast du Saft? Wie war dein Flug? Gabriel sitzt in der Küche, die ein grünes Elysium ist, samt Efertuten an den Wänden, einer Sammlung Hyazinthen am Fenster, Sukkulenten zwischen den Gläsern und eine Armee Avocado-Pflanzen auf dem Kühlschrank. Am Herd Bleche mit Focaccia und Süßwerk. Sind das Scones? Ich greife nach dem buttrig duftenden Gebäck. Damit wir was zu essen haben. Aber ich bin nur drei Tage hier. Wie läuft's mit den Vorbereitungen? Heute hat endlich der Make-up Artist zugesagt. Gabriel organisiert diesen Monat eine Dragshow in Dalston. Genauer gesagt, wir eröffnen ein künftig monatlich stattfindendes Pop-up-Café samt Toasties und Dragshow. Meine Aufgabe ist es, Käsetoasts, British Tea und G&T für die Gäste zuzubereiten. Darüber hinaus bin ich der Moral Support. Gabriel kuratiert das Programm. Sein Programm ist Nächstenliebe. Seit ich ihn kenne, hilft er Menschen, die keine Stimme haben. Mit einer Adaption von Warten auf Godot für das Southbank Center oder einer Adaption von Rites of Spring für das Royal Opera House. Seine Künstler und Künstlerinnen sind ausgebildete Tänzerinnen, Schauspieler, Sängerinnen und Rapper. Sie sind die Besten in ihrem Fach und sie alle haben ein Extrakromosom. Was gibt's Neues? Ich nehme einen Bissen. Ich sollte morgen Rückmeldung vom Arts Council bekommen, sagt er. Wir haben für eine UK-Tournee eingereicht. Sämtliche große Städte. Manchester, Glasgow, Edinburgh, Bristol. Habt ihr das nicht schon gemacht? Er schüttelt den Kopf und bröselt Tabak in ein Paper. Wir haben international getourt, aber hier bislang nicht. Und wie viel hast du angesucht? 50.000 Pfund, nicht schlecht. Seine Zigarette glimmt auf. Ihr Geruch mischt sich unter jenen der Scones. Das ist in Wirklichkeit nicht viel. Wir müssen Zugtickets und Hotels bezahlen, Verpflegung für die Künstlerinnen und ihre Betreuer, brauchen Make-up-Artists in jeder Stadt, Kostüme, Perücken. Aber verdienst du auch irgendwas dabei? Er sollte die Miete zahlen. Aber verdienst du auch irgendwas dabei? Er sollte die Miete zahlen. Gabriel verlangt keine Gagen und verrechnet kein Honorar. Er arbeitet 80-100 Stunden die Woche. Noch nie ist er einer geregelten Arbeit nachgegangen, hat keine Schule abgeschlossen, war nie in einer Firma oder Organisation beschäftigt. Ich war Designer, sagt er, Choreograf, Tänzer, Artistic Director, Nanny, Koch und Everybody's Bitch. Ist ein Meister in seinem Fach, ein Advokat, Bodhisattva oder Engel in Menschenform, je nachdem, woran man glaubt. Bis zu diesem Apartment hat er Guardianships bewohnt. Komplexe in der Londoner Innenstadt, die bis sie abgerissen und durch teure neue Gebäude ersetzt werden, von Guardians, Wächtern, zu einem günstigen Mietpreis benutzt werden können. Gabriel hat in einer Kirche, einem Theater, einem Lagerhaus gelebt, in einer Bank, einer Post. Er braucht keine Sicherheiten wie andere. Häufig sagt er, hör auf immer über alles nachzukrübeln, als wäre das so einfach. Danke. Vielen Dank für die schönen Lesestellen. Ich glaube, wir haben jetzt einen sehr guten Eindruck bekommen über......darüber bekommen, wie bunt und sinnlich diese Erzählungen sind. Wir riechen diese Orte, wir schmecken sie. Bevor wir jetzt auf die beiden Geschichten eingehen ein bisschen, wollte ich dich fragen, so grundlegende Dinge, damit wir uns ein bisschen vorstellen können, wie du zu deinen Ideen kommst und wie sich dein Reisen und dein Schreiben gestaltet. wie du zu deinen Ideen kommst und wie sich dein Reisen und dein Schreiben gestaltet. Du hast bereits 2016 mit Sommernomaden Storys herausgebracht, in denen es um Reisen geht. Wann ist dir ein Schluss gefallen, nach Romanen und Gedichtbänden wieder einen Erzählband zu schreiben, übers Reisen? Also im Gegensatz zu meinen Kolleginnen plane ich ja meine Veröffentlichungen nicht so. Also ich denke jetzt nicht so, alle drei Jahre schreibe ich einen Roman, sondern ich arbeite an dem, was sich gerade, was dringlich ist, was sich anbietet, was in meiner Erfahrung und meinem Leben auftritt. Und da ich viel auf Reisen bin, gerne, habe ich das irgendwann verbunden, also schon beim ersten Erzählband, Reiseerzählband. Und es war irgendwie naheliegend, dass ich wieder einen mache, weil ich ja schon wieder in den letzten zehn Jahren eben viel auf Reisen war. Und davon abgesehen habe ich, genau habe ich das so gemacht, dass ich auch einfach ein Projekt daraus gemacht habe, aus meinen Reisen. Und dann auch Reisen unternommen habe, um zu recherchieren. Also da fließt dann Leben und Recherche und verschiedene Projekte ineinander. reisen und dann auch Reisen unternommen habe, um zu recherchieren und also das ist dann, da fließt dann Leben und Recherche und verschiedene Projekte ineinander. Genau, aber es war jetzt eigentlich fast ein bisschen ein Aufarbeiten der letzten acht Jahre. Das wäre meine nächste Frage gewesen, also stand zu Beginn das Reisen und dann erst die Idee, vielleicht auch ein bisschen genauer zu recherchieren oder war der Plan, ich muss dort und dahin reisen, um das machen zu können, aber es war umgekehrt? Also du bist gereist, du liebst das Reisen immer schon, nehme ich an, und daraus sind dann die Geschichten entstanden. Ich glaube, es ist eigentlich beides. Weil ich zum Beispiel, ich war 2023 ein halbes Jahr in den USA und habe dann an einer Uni unterrichtet, kreatives Schreiben. 2023 ein halbes Jahr in den USA und habe dann an einer Uni unterrichtet, kreatives Schreiben und ich habe Freunde in Mexiko und hatte jemanden gekannt in Kanada und habe mir dann gedacht, naja, wenn ich schon da bin, dann könnte ich auch noch nach Mexiko schauen und nach Kanada schauen, weil man ist ja schon dort und dann habe ich versucht, das zu organisieren und bin aber zum Beispiel Mexiko, also natürlich wollte ich diese Freunde besuchen, aber ich bin da schon auch mit dem Hintergedanken hingefahren, ich möchte euch darüber schreiben, weil ich Mexiko interessant finde. Und Kanada auch, wobei da war ich dann nur drei Tage und da ist dann keine Geschichte draus geworden, weil es zu kurz war. Das ist auch auffällig, also die Aufenthalte an den jeweiligen Orten, die sind unterschiedlich lang, also entweder besuchst du Freunde, Freundinnen oder es ist über ein Residency-Programm. Du sagst, okay, du hältst dich so lange wo auf, wie es dir halt gefällt vielleicht oder was tut sich sonst so auf, also du lässt dich da durchaus auch treiben auf deinen Reisen. Nein, eher weniger. Oder eher weniger. Weil das eigentlich nicht möglich ist. Also man muss ja einen Rückflug buchen. Und genau, ich habe ja auch andere Sachen zu tun. Also ich kann ja nicht nur reisen. Und es kommt natürlich auch immer auf die Finanzen an. Und natürlich will ich auch niemandem zur Last fallen. Also Mexiko, also ich finde drei Wochen ist so irgendwie schon so eine Mindestdauer, um ein bisschen reinzuschnuppern in ein Land. Also viel erfährt man da nicht, aber so ein bisschen kann man reinschnuppern. Und wie ist das mit den Augen der Autorin zu reisen? Der Blick ist ja trotzdem vielleicht ein bisschen ein anderer. Wenn ich dann über bestimmte Orte schreiben will oder auch vielleicht über Begegnungen oder über Personen, die man trifft. Wie kann man sich das Schreiben da vorstellen? Machst du dir Notizen? Machst du Tagebucheinträge? Schreibst du die Erzählungen zum Teil, wenn du unterwegs bist oder im Nachhinein am Schreibtisch? Also während ich reise, schreibe ich eigentlich nie über das, was gerade passiert. Meistens arbeite ich an irgendeinem anderen Projekt, das ich abgeben muss, während ich unterwegs bin. Aber ich mache viele Fotos. Ich mache tatsächlich auch ganz wenig Notizen. Also ich mache so am Handy Notizen tatsächlich, obwohl ich immer versuche, ohne Handy zu sein. Aber da schreibe ich mir manchmal Sachen auf, aber ich mache sehr viele Videos und Fotos und habe ein sehr gutes Gedächtnis und kann mir dann anhand meiner Fotos und Videos die Erinnerungen wieder abrufen an die Orte und an die Stimmungen. Und weil du vorher auch angesprochen hast, das Reisen als Autorin, natürlich reise ich dann schon auch so, dass ich quasi schaue, was könnte eine Geschichte sein? Also wo könnte was sein, wo ich eine Geschichte draus basteln könnte? Das ist interessant, weil es greift ja ins eigene Leben. Es ist dein Alltag, es ist dein Leben. Genau, ich setze mich dann natürlich auch Situationen aus, die ich persönlich vielleicht nicht machen wollen würde. Aber dann denke ich mir, naja, aber eigentlich wäre das jetzt interessant, weil dann könnte ich darüber schreiben. Also zum Beispiel bin ich in Brasilien damals, das ist nicht in dem, sondern im ersten Erzählband bin ich, da habe ich im Flugzeug nach Brasilien eine Frau kennengelernt, die ist neben mir gesessen. Und wir haben uns dann unterhalten und das war irgendwie recht nett. Und dann hat sie mir erzählt, sie wohnt da im Dschungel. Und dann haben wir Kontakte ausgetauscht. Also wir haben uns auf Französisch unterhalten, also Portugiesisch kann ich leider nicht. Und dann habe ich die halt angerufen und gefragt, ob ich sie besuchen kann. Und dann habe ich sie halt besucht und bei ihr daheim dann gewohnt und war da bei ihr im Dschungel. Und da habe ich dann eine Geschichte draus gepasst. Und die war so Teil einer sehr interessanten Kirche, die es nur in Brasilien gibt. Und da habe ich dann auch so ein Ritual mitgemacht. Okay, also eine interessante Verquickung. Kannst du sagen, wie lange du an dem Buch gearbeitet hast? Das ist doch über einen gewissen Zeitraum entstanden. Trotzdem würde man das nicht meinen beim Lesen, weil der Erzählton ein ähnlicher ist, auch wenn sich die Geschichten doch natürlich atmosphärisch unterscheiden. Ja, also generell glaube ich, sind es acht Jahre, in denen das entstanden ist. Ich habe schon einen großen Teil, also wahrscheinlich, was sind zwölf Storys und ich glaube, ich habe wahrscheinlich schon acht oder so in den letzten eineinhalb Jahren geschrieben, zwei Jahren geschrieben. Und ein paar waren eben ältere. Also Armenien ist zum Beispiel die älteste, zweitälteste ist Pakistan, weil da war ich 2020. Und die habe ich dann einfach quasi schon mal aufgehoben und die restlichen habe ich dann in den letzten zwei Jahren geschrieben, genau. schon mal aufgehoben und die restlichen habe ich dann in den letzten zwei Jahren geschrieben, genau. Und die schreibst du dann in Oberösterreich? Idealerweise, ja. Da ist es am ruhigsten und da schaue ich auf meine Hasel und bin dann halt nicht vor Ort, also ich bin dann ja quasi im Kopf in meinen Geschichten und das ist sehr schön. Und da sind die dann entstanden. Danke für deine Antworten. Vielleicht noch ganz kurz zu den beiden Geschichten. Du hast zwei Erzählungen gewählt, in denen sehr starke Charaktere vorkommen. Die Hauptfiguren dominieren vielleicht hier mehr als in anderen Erzählungen, ist mein Eindruck. Und du verwebst das natürlich mit den sozialen Umständen, in denen sie leben. Also Lilith in Armenien, christlich geprägt, konservativ, hat natürlich ein ganz anderes Umfeld, verhält sich auch anders, wenn man es vergleicht zum Gabriel. Was sie verbindet, ist eine gewisse prekäre Lebenssituation. Beide sind ja im kreativen Bereich tätig, was, wie wir alle wissen, nicht so einfach ist manchmal. Lilith beschreibt sich als Mother in Residency, was ich ganz lustig finde, und ist Kuratorin und Gabriel eben organisiert Festivals und so weiter. Wie sehr war es dir wichtig, dieses Prekariat zu thematisieren, das wahrscheinlich ja dich als Autorin ja auch zuweilen trifft? Oder wie wichtig ist diese staatliche Unterstützung oder wie wichtig sind Stipendien? Weil alles, was die beiden wollen, ist ja im Grunde nur ihrer Arbeit nachzugehen. Ja, aber das ist ja ein strukturelles Problem und ein institutionelles Problem, das wir in Österreich auch haben, dass wir Autorinnen ja Arbeit machen, die quasi unbezahlt ist und trotzdem wollen alle Bücher lesen und wir wollen sie auch schreiben, aber ich habe die Figuren jetzt nicht so ausgewählt, dass ich mir also ich habe mir nicht vorüberlegt, ach ich möchte prekäre Lebenssituationen schildern, sondern das ist einfach ein Teil der Realität und ich wollte einfach verschiedenste Lebensentwürfe eigentlich zeigen in dem Buch und die zwei sind halt jetzt leben prekär, aber es gibt ja auch andere Lebensentwürfe in diesem Buch sozusagen. Aber ja, es ist natürlich für mich als Autorin auch ein Thema. Und wie du richtig sagst, in der ganzen Kulturszene ist es ein Thema. Natürlich, dass das sehr prekär ist alles. Und das sollte man auch nicht aussparen, finde ich, in Literatur. Also man kann über alles schreiben. Man kann ja auch über Menschen schreiben, die sehr wohlhabend sind, aber ich finde ja auch, dass das ist jetzt vielleicht auf einer Meta-Ebene, aber man braucht schon so einen gewissen Grad an, glaube ich, an Leiden, um vielleicht Kunst zu machen, weil das ja auch was anstoßt in einem. Und ich glaube nicht, dass man dafür jetzt prekär leben muss, aber sozusagen, ich finde schon, es hilft der Entscheidung, Bücher zu schreiben, wenn man sich diese Frage immer wieder stellen muss, so will ich das wirklich? Also weil es ist wirklich eine Entscheidung, dafür zu sagen, okay, ich verdiene wirklich wenig Geld, aber und habe keine Eigentumswohnung oder so, aber dafür mache ich etwas, das ich liebe und das mich glücklich macht und wo ich auch das Gefühl habe, das kann anderen etwas geben. Okay, vielleicht gehen wir über zu den nächsten beiden Erzählungen, die doch wieder ganz anders sind. Genau. Ich lese jetzt noch zwei kurze Ausschnitte, auch um wieder ein bisschen sozusagen die Bandbreite dieses Buchs zu zeigen. Die nächste Geschichte heißt Teflon und die spielt in Portugal. Da geht es um Freundschaft. Das ist so das zentrale Thema. Und dann enden wir in Nepal, so wie das Buch auch in Nepal endet. Teflon. Denke ich an wie, sehe ich sie mit einem Mann am Dach eines Hauses in Kuritschiba. Sehe wie der Wind mit ihren langen, blonden Haaren spielt und sich die Lichter der Stadt auf ihre makellose Haut legen. Wie dieser Mann sie küsst und obwohl er nicht wichtig für unsere Geschichte und nicht richtig für sie war, erinnere ich mich an dieses Bild. Vielleicht, weil sie mir davon erzählt hatte, weil es vor uns stattfand, weil es die illusorische Natur der Zeit relativiert. Heute Morgen hat mich mein Telefon mit einem Video darauf hingewiesen, dass ich vor sieben Jahren in Brasilien war, hat mich an die Sanddünen von Joaquina, das tiefe Blau des Atlantiks, die stark kontrastierenden Lichtstimmungen am Strand von Ubatuba, den Makakenschädel auf einem Baumstumpf am Rande der Mata Atlantica erinnert. Und an wie. Wie und ich, wir kennen uns aus Brasilien. Haben beide den Atlantik überquert, wir aus Leipzig, ich aus Wien kommend Haben uns auf der anderen Seite der Welt getroffen Wie war mir Nachbarin, Kontrollettischwester, Ayahuasca, Muse Wir haben Erlebnisse geteilt, an die wir uns für den Rest unseres Lebens erinnern werden Wie ist einer dieser Menschen, die gut darin sind, in Kontakt zu bleiben? Darin sind wir uns ähnlich, haben uns sieben Jahre lang gegenseitig besucht, einander Postkarten geschickt, aus dem Blauen, aus einem Himmel, in dem wir einander verbunden waren. Postkarten von Ausstellungen mit politischen Nachrichten oder nackten Frauen, weil wir beide Was ich schön finde, ist Wiesin für Ästhetik. Er kommt von ihrem Beruf als Designerin, ist an ihrem Äußeren erkennbar, das stets perfekt kuratiert ist. Von der Zusammenstellung der Farben ihrer Kleidung bis hin zu den Ohrringen und Broschen, mit denen sie ihren Körper schmückt. Wies Körper ist größer als meiner, nimmt einen anderen Raum ein, physisch wie auch emotional. Wie liebt Berührung Sinnlichkeit und Nähe? Darin unterscheiden wir uns. Denn obwohl ich Menschen mag, bin ich nicht allzu gut darin, Nähe zuzulassen. Man könnte darüber nachdenken, was Nähe bedeutet, offen und gleichzeitig in sich selbst verankert zu sein, andere berühren zu können, gesunde Grenzen zu haben. Denke ich an wie, nehme ich ein Drücken an meinem Herzen wahr, einen tiefsitzenden Seufzer, eine Unfähigkeit auszuatmen. Es ist eigenartig, wie sich Beziehungen formen, verändern und wie sie vergehen. Es ist eigenartig, wie nahe wir uns waren, wie fern wir uns heute sind und dass beides zugleich existieren kann. Es ist eigenartig, dass wir und ich nach sieben Jahren erneut zusammen verreist sind und diese Reise das Ende unserer Freundschaft bedeutet hat. das Ende unserer Freundschaft bedeutet hat. Ich erinnere mich an unsere Aufregung, wieder gemeinsam unterwegs zu sein, wo wir doch in Brasilien die perfekten Travel Companions gewesen waren. Wir passierten eine Gewitterzelle, aus der es Blitze regnete und erreichten Lissabon in der Dunkelheit. Wie bezahlte den Taxifahrer mit der App, trug den Preis in unsere Kostenaufteilung ein, für die sie eine andere App hatte. Wie hatte Apps für alles? Zugfahrt, Airline, Shopping, Stadtplan mit Empfehlungen, Musik. Alles teilbar, alles online einsehbar. Alles, was wir jemals brauchten, war gutes Internet. Ich bin versiert im Reisen, aber nicht so sehr in Lifehacks. Also ließ ich mich treiben. Mit wie an meiner Seite ging das? Sie hatte alles im Griff, wie meinen großen Rucksack, den sie neben der Bordsteinkante abstellte. Sie klingelte an der richtigen Adresse. Heute denke ich, dass meine Passivität seinen ersten Riss in unsere Freundschaft brachte. in unsere Freundschaft brachte. Von Carla nahm ich zuerst wogende Brüste in einem sehr knappen Top war, einen wehenden Kimono über Very Short Shorts, zuletzt fächernde Hände. Carla, die uns mit der Werbe einer Opernsängerin begrüßte oder eines RuPaul oder beiden zusammen. Niemand ist charmanter als Carla. eigentlich brasilianisch. Brasilianisches Portugiesisch verhält sich zum europäischen wie Wasser zu Eis. Das Grundelement ist dasselbe, doch brasilianisch legt sich in den Mund wie ein stückreife Mango. In Carlas ätherischem Gesang, der Zischlaute und Vokale betonte und die Konsonanten in Honig tauchte, traten wir ein. Die Wohnung gab den Charakter ihrer Bewohnerin ebenso wieder wie ihre Gesten. Hohe Wände, alte Holzböden, eierschalenfarbene Fliesen. Eine opulente Glastür mit schwarzen Eisenverstrebungen trennte Vorraum, Küche und Wohnzimmer. Stilvolle Glaslampen hingen in Fäden von der Decke. Vom Gang aus betrat man das Bad und zwei Zimmer, eines davon teilten Vi und ich. Betrat man das Bad und zwei Zimmer, eines davon teilten Vi und ich. Es hatte ein Doppelbett, eine Kleiderstange und eine türkisfarbene Wand. Ich öffnete das Fenster, lauschte dem Gespräch eines vorbeispazierenden Paares und den Spielfilmsounds aus der Nachbarwohnung. Carla war in Brasilien unsere Nachbarin gewesen. Jetzt saßen sie und Vi an einem hübschen mit Century-Tisch in Cognacbraun vor ihnen Bier, eine Flasche Cachaca, Chips, Dips und Salsas, eine aufgeschnittene Avocado. Zwischen ihnen, Kichern, ein Telefon, auf dem sie Fotografien betrachteten, neien Männer auf Tinder. Ich ließ mich auf das Sofa fallen, das mit einem gehäkelten Deckchen geschmückt war. Magst du ein Bier? fragte Carla und ich schüttelte den Kopf. Cachaça? Why not? Sie stand auf, reichte mir ein kleines gerilltes Glas mit dickem Boden. Wir stießen an. Auf uns, sagte V und ich nickte. Auf uns. auf uns. Wies Körper neben mir war ein warmes Schiff in einem Meer aus Dunkelheit. Im Schatten des Morgens fand ich Stille und indirektes Licht, das sich an Mauern brach. Vor den Fenstern die Dacher der Stadt in weiches Rosé getaucht, die glänzenden Verstrebungen einer großen Brücke am Horizont. Direkt vor mir im Innenhof ein Schornstein aus roten Ziegeln. Karlas Wohnung lag im dritten Stock auf einem Hügel, von dem aus man das Meer, den Teju sehen, nein, sogar die Americas hinter dem Atlantik erahnen konnte. Ich öffnete das Küchenfenster und lehnte mich hinaus in die frische Morgenluft. Karlas Unterhosen wellten an einer Wäscheleine im Wind. Ob sie hier schon einmal welche verloren hat, fragte ich mich, so weit oben, so exponiert. Unten bewässerte eine alte Frau Oleander in Töpfen. Ich fand eine Aeropress und Kaffee, auf dem das selber stand. Aus dem Dschungel also kamen die Bohnen vielleicht dem brasilianischen. Kochendes Wasser eingefüllt wartete ich, öffnete Kästen und Schubladen. Immer will ich wissen, was die Menschen in ihren Regalen aufbewahren, wie sie leben, was sie mögen. Ich fand Reis, Bohnen, Nudeln, eine Packung verschimmelter Champignons und eine hässliche gelbe Keramik in Kohlform am Herd. Am ersten Morgen gingen wir in ein Café down the road. Wir sprachen Englisch, da ich sonst kein Wort verstand. Wie und ich folgten Carla über eine lange Treppe zwischen den Häusern hinab. Stufen, Straßen, Steine, alles war uneben, er forderte genaues Hinsehen. Zu unseren Füßen grüne Blätter, die die Bäume aufgrund der anhaltenden Hitze verfrüht fallen gelassen hatten kaugummi zigarettenstummel der dünne baumwollstoff ihrer geblümten latzhose schmiegte sich an carlos kurvigen körper ist nicht weit sagen sie eine 80er jahre brille auf der nase kala erzählte von den second hand läden der nachbarschaft von der gentrifizierung die auch verlies aber nicht halt machte. Die Mieten waren teurer geworden, die Alteingesessenen wurden verdrängt. An den Rändern der Treppe sah ich Fenster auf Bodenhöhe, dahinter Bewegungen, Gesichter. Wohnungen, die zur anderen Seite des Hügels öffneten. Weiches Licht lag in den Blättern der Akazie über uns, durchlässiger und strahlender als anderswo. Vielleicht liegt es an den Fliesen, die die Häuser überziehen wie eine zweite Haut. Vielleicht an den Wolken, die über dem Atlantik entstehen und über der Stadt vergehen. Vielleicht am Einfallswinkel der Sonnenstrahlen und dem Neigungsgrad der Anhöhen. Das Licht reflektierte von den Marmorplatten der kleinen Tische. Wir bestellten Sauerteigbrote, Pastel de Nata, kleine Blätterteigtörtchen mit Vanillecreme und Galau, Milchkaffee aus dem Inneren des Lokals, plätscherte Gitarrenmusik. V beugte sich zu Carla. Selfie! Ich suchte ein Genen zu unterdrücken und hielt mein Gesicht in die Kamera. Carlita, hast du dich eingelebt? Fragte wie und biss von ihrem Törtchen ab. Es ist, was es ist. Und was ist es? Sie zog an der Haut ihres Unterarms. Meine Haut ist zu dunkel. Und dann öffne ich den Mund. Sprich brasilianisch und sie behandeln dich wie einen Menschen zweiter Klasse. Im 21. Jahrhundert? Diese Dinge ändern sich nicht. Carla war der Inbegriff von Lebenslust. Ich kannte niemanden, der üppiger lebte als sie. Ihren Körper begriff sie als Leinwand, trug dunkle Lidstriche und knallrote Lippen und drehte ihr Haar in opulenten Schwüngen nach oben. Sie unterstrich jeden Satz mit einer Geste, war für die große Bühne gemacht, dafür bewundert, vergöttert zu werden. Vielleicht liegt es an der Geografie, schlug ich vor, da sind diese Berge, auf der anderen Seite nur Wasser und dann lange nichts. Kaleb ließ geräuschvoll Rauch aus und schüttelte den Kopf. Ich bleibe, bis ich meine Aufenthaltsgenehmigung für Europa bekomme. Wie lange dauert das noch? Zwei Jahre in der Werbeagentur, dann gehe ich nach Berlin oder London, New York, Meodeus, aber nicht Leipzig, wie? Du kannst es dir nicht vorstellen. Diese Kälte, diese Deutschen. Genau, das war jetzt Portugal. Also es ist kein deutsches Bashing, aber man kann schon damit aufhören. Und jetzt komme ich noch zum Schluss, ganz kurz, lese ich an in Zeiten des Lichts, das ist die Story über Nepal, wo ich in den letzten Jahren viel war und habe versucht, mit dieser Geschichte so ein bisschen die Atmosphäre Kathmandus einzufangen. Und auch ein bisschen das Magische, das dort so liegt in Nepal. In den Häusern Kathmandus gibt es weder Heizung noch Isolierung. Hat es draußen 8 Grad, hat es drinnen 8 Grad. Bis die Sonne hinter den höchsten Bergen der Welt emporsteigt, muss man den Körper bewegen, um nicht zu frieren, draußen wie drinnen. Deshalb warte ich in Fließhose, Thermojacke, Wollmütze und dicken Socken unter Decken, bis ein erstes Licht auf die staubbedeckten Brokatvorhänge meines Einzimmerapartments fällt, bis der Schimmer des Wasserkochers am Nachttisch erlischt und ich mir die glühende Wärmflasche wieder unter die Jacke stecken kann, bis ein herber Duft durch den Raum zieht und ich aufstehen will, weil es ein Versprechen von Tee gibt. Hinter den silbern schimmernden Vorhängen verbergen sich Fenster, so belegt, dass man nicht hinaussieht Alles hier ist staubig Aus diesem Grund nennt Emilia die Stadt, das man du Ich mache ein paar Schritte vor die Tür, blinzle in das Leuchten Atme tief ein, trotz der schlechten Luft, die wie eine Glocke über dem Tal sitzt Außer zur Monsunzeit, wenn Regentropfen die Abgase der Mopeds, Autos, Busse und den Rauch der allgegenwärtigen Feuer der hiesigen Müllverbrennung fortspülen. Der Blick ist atemberaubend, fällt über die flachen Dächer bis an die umliegenden Hügel. Quadrate aus flatterndem Rot, Grün, Blau und Gelb im grauen Häusermeer. Die goldene Spitze des Stupas von Bodanath glitzert einen Steinwurf entfernt in der Morgensonne. Wenn die Luft klar ist, so wie heute, schimmern die Gipfel des Himalaya weiß am Horizont. Bodanath ist ein kleiner Stadtteil, der zwischen dem Flughafen und dem an die Stadt grenzenden Wald liegt, doch konzentriert und verdichtet sich hier die Atmosphäre. Man spürt es in der Luft, in den Poren der Haut, an den Rändern des eigenen Geistes. In den Ritzen der Ziegel, einfache kleine, mit Mörtel aneinandergeklebte, keinem Erdbeben standhaltend. Im Lärm, der diesen Teil der Erde erfüllt. Eine Dichte, immer an der Grenze zum Bersten, eine Andeutung, die Grenzen dieser Realität auseinanderbrechen zu lassen, wenn man Augen und Ohren dafür hat. Es heißt, manche würden verrückt, wenn sie ins Kathmandu-Valley kämen, ihr Nervensystem könne diese Atmosphäre nicht verarbeiten, sich nicht an sie angleichen, sie würden den Verstand verlieren. Bei mir ist es umgekehrt. Jedes Mal, wenn ich hier ankomme, stellt sich in mir die Antwort auf eine Frage ein, die ich seit Anbeginn der Zeit in mir trage. Zu Hause. Endlich bin ich zu Hause. Dankeschön. Ja, ich denke, das ist eigentlich auch ein schöner letzter Satz von deinem Lesepart. Es geht viel um Freundschaft, um Gastfreundschaft, um Beziehungen, wie sie sich verändern. Also nicht nur Geld ist keine Konstante, sondern auch Beziehungen können manchmal keine sein. Vielleicht eine letzte Frage. Wie ist es mit Gefährten, Gefährtinnen zu reisen, die dann nachher vielleicht keine mehr sind, oder im Abstand betrachtet, ziehst du dann Resümee, oder erkennst du dann die möglichen Bruchstellen, so wie es in der einen Geschichte ist, was ja die Ausnahme ist, muss man sagen? Also ich meine, ich reise ja grundsätzlich alleine, um deine Frage zu beantworten. Also stellt sich die Frage nach den Gefährten nicht so sehr. Ja. Also das ist kurz beantwortet, aber ich reise tatsächlich absichtlich alleine. Und mit Nepal hast du ein Zuhause gefunden, wie du hier schreibst? Ich habe mehrere Zuhause in dieser Welt gefunden. Ja genau, Nepal ist eines und Südindien ist ein anderes. Dieser Satz, hier bin ich zu Hause, ist nicht der letzte Satz dieser Erzählung. Ich möchte noch darauf hinweisen, dass du, finde ich, ein großes Talent für das Ende hast. Also die Erzählungen enden alle, jede einzelne irrsinnig schön. Oft ist es ein offenes Ende, oft ist es abgerundet, aber ich will das jetzt nicht feilbieten und verraten, deshalb eine große Empfehlung, dieses Buch im Anschluss vielleicht zu kaufen. Danke, Marianne. Das stimmt zu, ja. Vielen Dank. Dankeschön. Vielen Dank. Dankeschön. Ja, und nun dürfen wir Leopold Federmeyer begrüßen. Bitte. Leopold Federmeyer, er wurde von Sarah Püringer bereits kurz vorgestellt. Ich beginne mit dem Anfang. Anfang. Schild und Schwert im Dienst des Unsichtbaren reitet die Sonne den Tag. Diesen Haiku stellt Leopold Federmeyer aus einem Lyrikband ein Schrein auf dem Kaufhausdach Shinto-Gedichte voran, in dem er sich ebenso behutsam wie spielerisch und präzise der japanischen Kulturen, die am Geist annähert, ohne Klischees zu bedienen. Es ist sein vierter Band aus der sogenannten Japan-Tetralogie. Als ob man ihn auf seinen Spaziergängen begleiten und den Zauber im Alltag aufflackern sehe, so ist die Lektüre dieses Buches das über 100 in Japan entstandene Gedichte Als ob man ihn auf seinen Spaziergängen begleiten und den Zauber im Alltag aufflackern sehe, so ist die Lektüre dieses Buches, das über 100 in Japan entstandene Gedichte unterschiedlicher Form versammelt. Zitat, und dann entdeckst du dort, wo du alles zu erkennen glaubtest, doch wieder ein Fleckchen, das du nicht kanntest. Wir begegnen Alltäglichem, Verkäuferinnen, Schulkindern, beobachten Lastwagen und SUVs, wandern auf Berge und vorbei an selbstgezimmerten Holzbänken oder einem verwilderten Denkmal, beobachten Tiere wie Reihe, Heuschrecken oder Enten und immer auch die Pflanzenwelt, Blätter, Bambus, Schilfrohre, aber auch Sauerranfer. Auch popkulturelle Zitate finden sich, Auch sauer ranfahren. Auch popkulturelle Zitate finden sich. Kraftwerk etwa lässt grüßen, wenn wir fahren, fahren, fahren auf der Autobahn. Was nun hat es mit dem Schrein auf dem Kaufhausdach auf sich? In Japan gibt es mehr als 80.000 Shinto-Schreine. Man muss diese Heiligtümer nicht eigens aufsuchen, sondern begegnet ihnen unweigerlich. Zuweilen sogar in Eingriffsgalerien, eingeklemmt zwischen Spielhalle und buddhistischem Tempel. Der Shintoismus ist die älteste autochtone japanische Religion, naturnahe und polytheistisch, doch ohne Dogmen. Die Schreine, die der Verehrung von Kami dienen, sind von unterschiedlicher Größe und werden von den Bewohnern gepflegt und verehrt. sind von unterschiedlicher Größe und werden von den Bewohnern gepflegt und verehrt. Kami sind die Gottheiten oder göttlichen Kräfte des Shintoismus, die in Naturerscheinungen wie Berge, Tiere, Pflanzen präsent oder mit ihnen identisch sein können. Die Vorstellung der Allgegenwärtigkeit von Kami ist tief verwurzelt in der japanischen Kultur, der Leopold Federmeyer in seinen Gedichten nachspürt, und zwar auf eine Weise, Kultur, der Leopold Federmeyer in seinen Gedichten nachspürt, und zwar auf eine Weise, als ob er dem Japan so vertraut ist, alles, was er darüber wüsste, abgestreift hätte. Er versteht es, dem ureigenen Blick seiner Intuition und Sprache ebenso konzentriert wie unverstellt zu folgen. Er fängt alltägliches, vermeintlich unspektakuläres, oft auch flüchtiges ein, hebt es heraus und bringt es zum Strahlen. Zitat Ratio. Schweißperlen geschmückt der gerötete Kopf, nasse Stirnfransen und die Schultern beschwert von der roten Schultasche, die den Rumpf überragt wie Flügel, läuft er einen irrationalen Weg, schreibt zackige Linien, Folgen von Buchstaben, abbrechend, neuansetzend, weitermachend, auf der Suche nach was? Nach nichts. Nach dem Schmetterling und den anderen Schmetterlingen, die plötzlich da sind. Bitte, Leo, um deine Lesung der Gedichte. Danke schön. Ich beginne mit einem Gedicht, das heißt Verbündet. Auch ein bisschen mit dem Hintergedanken zu sagen, was Shintoismus ist oder auch warum das Buch Shinto-Gedichte als Untertitel hat. Mehr muss ich nicht sagen, früher wurde eh schon vieles gesagt. Verbündet. Shinto und Buddhismus, zwei Verbündete. Ach ja, der arme Verwandte und der Reiche, der Alte und der Alterslose, der Schlichte und der Schlaue, der Unschuldige und der Mächtige, etwas und scheinbar nichts, das Schmucklose, das Überladene, das Tellurische, das in sich ruht und das Ätherische, das sich herablässt. Der Landmann, der tut, was er muss, und der Städter, der es sich richtet. Die Verbindung, die Vermischung, das Wuchernde und das Formvollendete. Das Formvollendete und das Wuchernde. Die reine Form mitten im Chaos, der Spiegel, der dich zeigt und die Lotusblume, die den Himmel zeigt. Und ich bin immer der, der gern der andere wäre. Die Vertauschung, dass ich bin, was ich nicht bin und nicht bin, was ich bin. Ein Gedicht, das heißt oder, beziehungsweise besser ausgesprochen Oder, was nicht mein Dialekt ist, aber ich habe das tatsächlich oft im Kopf, also das Oder so auszusprechen, Oder. also das Oder so auszusprechen, oder. Auf einer Holzbank im kühlen Schatten, während rings die Sonne senkt, sitze ich von zarten Winden umspült oder umspielt. Gar schöne Spiele spielen die Alten, Erlkönig und Vater. Und denke an den Tenno, den längst nicht mehr göttlichen, sein müdes Winken im TV und diadrett uniformierten Teenager. Mecciateno. Denke an meine Tochter und ihre Freundin, spüre das Lüftchen jetzt launisch wie nur wer, nämlich wir. Denke zuletzt oder zuvorletzt, es ist, selbst wenn ich vergehe, nicht alles verloren. Und der Wind, der Wind blättert die Seite um. Und blättert die Seite um. Ich schreibe selten, wo ich was geschrieben habe. Ich schreibe auch fast nie Widmungen und solches Zeug rundherum. Aber in dem Fall doch. Tokio, Garten, mitten in der Welt, Sommer 2022. Das Buch hat ein Glossar, das ich auch selbst geschrieben habe. Das wurde mir vom Verlag nicht nahegelegt, aber sie haben gefragt, wie wäre es damit. Ich habe dann Spaß daran gefunden und finde, dass das selbst ein eigener Text geworden ist. Natürlich schon als Glossar, das heißt mit Bezug auf verschiedene Seiten. Und zum Beispiel bei diesem Gedicht steht dann, habe ich da was geschrieben? Doch, oder? Nein? Na ja, egal, dann füge ich das hinzu. Mit Tenno weiß wahrscheinlich jeder, Kaiser wird auch manchmal genannt in Japan. Und Mecha-Tenno ist einfach Jugendsprache. Foei-Tenno könnte man sagen auf Oberösterreichisch oder Österreichisch. Foei, also Mecha-Mecha ist so. Und das habe ich tatsächlich gehört. Allerdings glaube ich, selbst im Fernsehen oder ich weiß nicht wo, nicht live, da habe ich Schülerinnen gesehen in einer Bahnhof, kleinen Bahnhofstation und da ist der Zug des Tenno vorbeigefahren, das ist ein Sonderzug natürlich, nach Pankow, ein Sonderzug und ich habe da gehört, ja, Mitschimitsch und Tenno, die waren ganz begeistert und haben natürlich das Handy gezückt und so. Also solche Dinge gehen dann in die Gedichte ein, ich glaube, das ist bei jedem Dichter so, besonders bei solchen wie Erwin Heitzinger. Das nächste, das ist ein bisschen kompliziertes Schema, habe ich mir da gemacht. Das ist ein bisschen kompliziertes Schema, habe ich mir da gemacht. Ja, das heißt Dach überm Dach. Dach überm Dach. Das letzte Bauernhaus mit Reißstrohdach, künftig Vergangenheit, anwesend nur noch in meinem Gedicht. Anwesenheit anwesend nur noch in meinem Gedicht. Dachte ich und dann kamen die Handwerker, räumten den Inhalt fort, trugen die Wände fort, ließen das Skelett stehen, schickten sich an, dachte ich, das Strohdach abzusaugen. Aber nichts, sie krümmten ihm keinen Halm, sondern begannen, die Leere zu füllen mit zeitgemäßerem Stoff, schützenden Wänden, durchscheinendem Glas und schneiderten dem alten Strohdach ein Kleid, das ihr Dach nennen werdet. Jetzt ist es für immer in Sicherheit, genau wie die Hausbewohner, aber einsam, kein Mensch kann es sehen, eine Freude dem Auge Gottes, das alles sieht, seinem allein, das endlich vollendete Kunstwerk. Wie aber, wenn sich dieser Vorgang vereinzelt über die Jahre schon oft wiederholt hätte? Wozu die mächtigen Ziegeldächer höher als das Haus selbst? Das habe ich manchmal gefragt. Was ist darunter, da oben? Leere? Neue Vermutung? ein Kunstwerk, das den anderen gleicht, das Land vollheimlicher Vollendung. Das nächste ist eine Ballade, vielleicht nicht ganz typisch für den Gedichtband, aber es ist auch eine kleine japanische Geschichte, die ich da erzählen möchte. Ballade vom Belfried. Wer braucht denn heute eine Glocke? Jeder trägt eine Uhr bei sich wer braucht noch eine uhr jedes maschinchen nennt die zeit aufdringlich sekunde um sekunde aufdringlich wie die ausgewanderten die ewigen 15 aus aufrechten die zeigen wollten wozu sie es gebracht und den zurückgebliebenen die schwere Glocke schickten übers Meer, damit sie endlich pünktlich wären, immer zu pünktlich. Punkt. Und sie, die Dörfler, hatten nichts Besseres zu tun, als einen Belfried zu errichten, am Eingang oder Ausgang ihres Dorfs, fast schon in seiner Mitte, damit die Glocke gut zu hören sei und später eine Tafel zum Gedenken an jene punktgenauen Aufrechten, weil jeder selbst am Arm die Uhr und schließlich sein Maschinenchen mit sich führte. Punkt. Das Denkmal ist verwildert, die Glocke stumm, recht so. Was beide jetzt bezeichnen, ist das immerwährende Exil. Als hätten sie den Betrachter aus seiner fernen Heimat an den noch ferneren Ort gerufen. Präsente ruft der und zwar pünktlich. Es ist die, also erkennt man vielleicht nicht so, aber die Geschichte von japanischer Auswanderung, die es auch gab so in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts. Jetzt findet man so etwas nicht mehr, also Auswanderung in einem kollektiven Sinn irgendwie, aber diese Leute aus einem Dorf in der Präfektur Hiroshima sind in die USA ausgewandert. Übrigens viele auch nach Brasilien, andere nach Peru und so weiter. Also ich will diese Geschichte jetzt nicht erzählen. Es ist richtig, was du gesagt hast. Es ist schon so, wenn man Gedichte schreiben will, muss man das alles vergessen, was man weiß. Ja, ich war mir nicht sicher. Ich habe mich getraut, das zu sagen, aber es ist ja auch eine Kunst, mit so einem Wissensschatz da wieder zurückzugehen oder quasi mit den Augen eines Kindes oder fast unbelastet sich Dingen zu nähern. Ja, ich glaube, das trifft. Ja, aber noch eins, das nächste, noch ein paar. Lektion. Noch ein paar. Lektion. Das Tor entpuppt sich als Erdloch, der Steinwall als Durchlass, wo sich die Vögel vergraben, die Menschen fliegen lernen, die Maulwürfe auf der Veranda trippeln. Jeder kann hier nicht herein. Jeder darf hier nicht herein. Jeder muss hier durch. Ich bin ein Maulwurf auf dem Weg zum Himmel und werde gefallen sein. sein. Das lese ich nochmal. Lektion. Das Tor entpuppt sich als Erdloch, der Steinwall als Durchlass, wo sich die Vögel vergraben, die Menschen fliegen lernen, die Maulwürfe auf der Veranda trippeln. Jeder kann hier nicht herein. Jeder darf hier nicht herein. Jeder muss hier durch. Ich bin ein Maulwurf auf dem Weg zum Himmel und werde gefallen sein. Das Haus. Das Haus. Das Haus will gewartet sein, um gewärtigt zu werden von denen, die es bewohnen. Es braucht einen Wärter und einen Wartenden, der dem Bewohnern ihre Gegenwart gewährt. Ein Baumblatt ist heute getrudelt, der Wartende hat es gewärtigt. Morgen wird ein anderes fallen, bis niemand mehr kommt, sie alle zu kehren. Die Harke verwittert dort bei der Hausbank, die unbesetzt geblieben sein wird. Vanitas, ein sehr europäischer Titel, aber auch den Japanern recht vertraut. Vanitas, mit einem anderen Ausdruck. Vanitas, mit einem anderen Ausdruck. Sie sterben weg wie Seifenblasen und hinterlassen diese orangen Löcher im blauen Himmel, bis es Winter wird. Allein die Krähen machen weiter, Jahr aus, Jahr ein, mit ihrem schwarzen Gedröhn. Noch einmal, sie sterben weg wie Seifenblasen und hinterlassen diese orangen Löcher im blauen Himmel, bis es Winter wird. Allein die Krähen machen weiter Jahr aus Jahr ein mit ihrem schwarzen Gedröhn. mit ihrem Schwarzen getrönt. Ein Gedicht aus der Stadt Hiroshima, das meiste ist ländlich, mehr oder weniger, da auch die Shinto-Schreine zum Land gehören, zum ländlichen Japan. Aber es gibt sie auch auf dem Kaufhausdach zum Beispiel. Trotzdem ist die typische Umgebung selbst in der Stadt. Der größte Beschützer der Natur ist Shintoismus in Japan. Man darf nicht glauben, dass die immer überall die Natur verehren und so, das ist auch ein bisschen ein Klischee, aber dort, wo Shinto-Schreine sind, traut sich niemand, die wunderbaren großen Bäume anzurühren. Da kommt kein Bagger und keine Säge. Und ist es so, dass man denen begegnet, ohne sie extra aufzusuchen? Also da kommt man unweigerlich vorbei? Naja, sie sind schon fest an einem Ort. Wie so Martal quasi bei uns? Nochmal. Wie so Martal bei uns? Ja, die haben ganz unterschiedliche Größe. Es gibt schon auch so nationale Shinto-Schreine, die jeder Japaner kennt. Es gibt drei Hauptschreine. Ich habe in einem geheiratet vor fast 22 Jahren oder so, in Kyoto, und das sind riesige Areale, aber es gibt auch wirklich so Martal, wie du jetzt gesagt hast, so in der Größe und genau das ist das Faszinierende. Aber dass man sie sieht, natürlich man sieht sie schon. Ich habe den Blick dafür, den kann sich jeder im Laufe der Zeit aneignen. Natürlich braucht er ein bisschen Zeit. Und ich weiß schon, wo Shinto-Schreine sind in Japan, wenn ich die Natur sehe. Zum Beispiel sind bestimmte Bäume und auch höhere Bäume, weil das dort einfach besser gepflegt wird und anderes auch bewahrt wird und auch manchmal angepflanzt, aber das liegt schon weit zurück. Und da, ja, wenn man den Blick hat, sieht man überall sehr viele. 80.000 hast du gesagt, das wusste ich nicht. Also so groß ist mein Wissen auch wieder nicht. Das wäre meine Zahl. Ich glaube, es sind doch ein paar Tausend mehr noch. Ich habe mal einen Text geschrieben in einem anderen Japan-Buch, aber schon alt ist das. Der Text heißt 150.000 Getränkeautomaten. Also es gibt vielleicht 80.000, aber doppelt so viele Getränkeautomaten. Also es gibt vielleicht 80.000, aber doppelt so viele Getränkeautomaten. Die sind auch sehr nett und haben was fast Religiöses. Nächste Gedichtband dann? Ach, das ist eine Frage, die können wir dann besprechen. Der nächste. Ja, aber ich lese das aus der Stadt Hiroshima, die von sieben größeren Flüssen durchzogen wird. Landschaft bei Ebbe. Die Brückenköpfe duften nach Meer und wo ein Fluss war, sind Pfützen. Wohntürme, für alle Zeiten gebaut, spiegeln Vergängliches. Ein weißer Vogel, der den Reiern fast an die Flügel reicht, karikiert ihr Starksten. Hüpfend mit dem zu kurz geratenen Hals, umso heftiger ruckelnd, punktiert er den Schlamm, in dem ein Fischrumpf steckt, vom Tempeldach gefallen. Mit seiner Doppelnadel pickt er das Gewesene auf. Verfaulte Krebse, Fischaugen, die auf meine Augen treffen. Fluss oder Meer, Aale, Hybride, nicht Land, nicht Meer und beides doch. Späte Kamillenblüten brechen frech durchs Gras und applaudieren höhnisch nickend dem Getier. Kleine, blasslila Herbstfalter zum Glanz und Hohn jener Blüten rühren noch einmal kräftig die Luft um. Über dem Hügelgrün streckt eine unbekannte Statue auf dem Scheitel der Kuppel ihren Arm in die weiße Wolke, die das alles bedecken will, umsonst. die das alles bedecken will, umsonst. Weiter im Himmelblau? Christus oder Bodhisattva oder einer von den Unsrigen? Spielt es denn eine Rolle? Spielt keine Rolle. Der auf der Parkbank ein Saint Young Man projiziert seine Schlammschlacht auf den Universal Screen. Von jetzt an gilt definitiv, niemand hat recht. Bis in die Nacht hinein, mit ihrem Lichterfunkeln, duften die Brückenköpfe noch immer nach mehr. Saint Young Men, hier sind lauter ältere Semester, das ist eine Schande. Jüngere, also außer unsere Autorin, jüngere würden wahrscheinlich auch hierzulande die Manga Saint Young Man kennen. Das ist also in Japan und auch übersetzt ins Deutsche und in viele Sprachen und sehr berühmte Manga-Serie mit einem Duo als wie sagt man, Hauptfiguren. Der eine ist Christus nachempfunden, der andere den Buddha. Die kommen da sozusagen wieder auf die Erde. Und es ist wirklich ein sehr kluges Manga. Man darf nicht glauben, dass die alle dumm seien. Die Älteren denken das immer noch manchmal. Und auch witzig. Gute Sache. Das ist so eine kleine Anspielung. Ich glaube, das ist im Glossar da noch hinten. Ja, ich muss ein bisschen weiterkommen. Jetzt etwas ein wenig Europäisches, das natürlich bei mir auch immer mitschwingt, es muss mitschwingen. Wir sind das, was wir geworden sind. Wir können das nicht alles komplett abstreifen. Ich war ziemlich lang in Japan und trotzdem bin ich noch so ein oberösterreichischer Buhr in gewisser Weise. Aber dann habe ich natürlich auch studiert und Eichendorff gelesen. Und das Gedicht heißt Nach Eichendorff. Schön wär's, wenn wir ausruhen könnten Vom Wandern übers Land und den eigenen Überhebungen Wie ein Vogel vielleicht gar eine Lerche hohen Flugs nicht war. Die Täler ringsum neigen sich oder anders, die Berghänge weisen uns die kalte Schulter. Das letzte Glück bestünde darin, dass wir alledem nachträumen dürfen wie uns selbst. Wir alle dem Nachträumen dürfen wie uns selbst. Tod und Spiel. Auch da wird das Alteuropäische transportiert. Tod und Spiel in Rom, der akatholische Friedhof am Fuß eines Scherbenhügels, hier der nicht buddhistische zwischen Wohnblock, Fluss, Sand und Schilf. In der Ferne ein gut ausgeschilderter Boxclub, das Brüllen längst geschlachteter Rinder. In der Nähe der Wind, der Schmerz in der Brust und die Mitte bleibt zu erforschen. Wie weit? Der alte Mann dreht sich nach Norden, nach Süden, kratzt sich unter der Winterhaube am Kopf. Die Enkel zerren. Was war denn? Der Alte? Nichts, nichts. Das ist benachbart auf der gegenüberliegenden Seite. Beide Gedichte sind aus einer anderen Gegend in Japan, nämlich aus Hyogo, die größte Stadt ist Kobe. Die Japaner sagen immer, ich komme aus Hyogo. Sie sagen nie, ich komme aus Kobe. Das fand ich immer interessant. Hyogo, das Meer ist nah, das Meer ist fern. Lass es dort liegen. Ergeh dir den Körper der Landschaft unterm Kleid der tausenden Maschen der Großstadt. Das Observatorium am Horizont lass es dort stehen. Gesehen hast du schon alles, mehr nicht. Das letzte Mal, ja, oder? Das letzte Mal und ganz zum Schluss hast du auch noch eins gesprochen? Können Sie erklatschen. Ich denke, ich möchte noch das lesen, wo Roberto Bolaño vorkommt. Ich erwähne ihn. Das war ein chilenischer Dichter, der dann in Mexiko lebte und schließlich in Barcelona, dem ich mal begegnet bin. Und das war für mich eine sehr wichtige Begegnung. Aber ich beschreibe das jetzt nicht näher. Er spielt da einfach rein und hat mir geholfen, das Gedicht zu schreiben, nach seinem Tod natürlich. und hat mir geholfen, das Gedicht zu schreiben, nach seinem Tod natürlich. Namenlos. Roberto Bolaño, der als Greenhorn vor den Heschern Pinochets flog, sagte ein Vierteljahrhundert später in Wien, wo Mario Santiago ein paar Tage im Knast verbracht hatte, sinngemäß, ich bin kein Exilant, außer in dem Sinn, wie wir alle Vertriebene sind seit unserer Geburt. Im Internat, fortgeschickt und dort nicht angenommen. Verloren zwischen Klostermauern hatte ich das Gefühl, du gehörst nicht hierher. Du wirst dich gewöhnen, hörte ich sagen, aber jenes Gefühl ließ mich nicht los. Jetzt, da ich bald abtritten muss, ein paar Lebensjahre mehr hinter mir als Roberto. Aber was habe ich denn geschaffen und wie sieht die Zukunft meiner Tochter aus, wie die Zukunft der Welt? Kehrt das alte Gefühl zurück, du gehörst nicht hierher. War es nicht immer da? Hierher gehörst du noch weniger als damals das Kind dorthin zwischen die Klostermauern. Wo aber, Roberto, gehören wir hin? Wo bist du, wo bist du geblieben? Das Abendlicht fällt auf den Gartenbaum, dessen Namen ich nicht weiß, sein Anblick herzzzzureißend schön. Was, wenn niemand mehr da ist, ihn zu sehen und ihm einen Namen zu geben oder festzuhalten an der Namenlosigkeit. Ja, vielen Dank. Vielen Dank. Ich bin jetzt vermutlich der Partykiller, aber ich führe auch mein Maschinchen, die Uhr mit mir möchte. Das Maschinchen, ich meine damit meistens das Handy, das Smartphone. Ah ja, aber analog, ja, analoges Maschinchen. Ich möchte aber doch noch die eine oder andere Frage stellen. Ich war ganz verwundert und konnte es nicht glauben. Ich habe gelesen, ein Schrein auf dem Kaufhausdach, das war der erste Gedichtband von Leopold Federmeyer. Ich habe ihn dann gefragt, ob das denn wahr ist, weil ich es nicht glauben konnte, aber es ist so. Du bist Übersetzer, schreibst Romane, Essays, bist wahnsinnig belesen. Musste das alles auch darauf hinauslaufen? Warum so spät ein Gedichtband? Ja, ich wollte immer Gedichte schreiben, konnte es aber nie. Jedenfalls nicht sehr gut. Ein paar gibt es da in Schubladen, wo die dich vielleicht herzeigen können, aber die haben kein Buch ergeben. Aber du hast immer wieder mal welche geschrieben, versucht? Ich habe schon Versuche gemacht, auch so etwas wie einen Zyklus oder mehr zu schreiben, aber war da immer unzufrieden und habe das weggegeben, also weggeworfen. Ich glaube, das meiste habe ich nicht davon. Nur ein paar Sachen habe ich mir gedacht, na ja, nicht so schlecht. Und dann habe ich in Japan 2011 begonnen, Tokio-Fragmente zu schreiben. Das sind in der Strukturierung so kurze Texte, Fragmente. Dann später Hiroshima Capriccios. Capriccios sind auch mehr oder weniger kurze Capriccios. Also diese Untertitel, die gar keine Untertitel sind, sondern Teil des Titels. Das ist mir auch wichtig immer gewesen. Und auch, was du heute schon erwähnt hast, das Schönheit und Schmerz heißt Divertimenti. Und das ergibt mit diesem Buch, mit dem Gedichtbuch zusammen, eine Tetralogie, aber das sehe ich erst im Nachhinein so. Es war nicht von vornherein geplant. Es hat sich dann im Laufe der Zeit, habe ich gesehen, ja, das gehört zusammen alles. Alle diese vier Bücher haben sehr viel mit Japan zu tun. Es sind aber nicht Sachbücher oder sowas. Das ist weit entfernt, glaube ich. Und schon in den Tokio-Fragmenten habe ich Gedichte eingefügt. Ich bin viel natürlich durch die Stadt gelaufen, habe auch vor Ort geschrieben. Ich mache viele Notizen, besonders wenn ich so kürzere Stücke habe. Also lange Sachen würde ich auch nicht draußen irgendwo schreiben oder unterwegs. Und diese Gedichte sind immer irgendwie wichtiger geworden für mich und ich hatte in dem Kontext auch das Gefühl, die passen da, die stimmen, die passen da rein. Ich muss mich nicht schämen dafür. Man muss sich auch nicht gleich schämen, aber ich fand sie nicht zu übel. Und zuletzt, da spielen dann andere Faktoren auch noch hinein, aber da bin ich viel in der Natur draußen gesessen, also meistens bei oder vor, in der Nähe von Shinto-Schreinen und da ist dann dieses Ding, dieses Projekt, diese Idee entstanden und das habe ich gemacht und ich habe gewusst, das ist der Abschluss der Phytologie und etwas Ähnliches werde ich wahrscheinlich nicht mehr machen. Ich vermute auch keinen anderen Gedichtband mehr. Schade, aber ich vermute, das liegt dir sehr, das Gedichteschreiben. Je nachdem, was wieder in einem so aufkommt und was einen begeistert und entflammt. Aber es stand der Entschluss zu Beginn, jetzt ist es soweit, jetzt schreibe ich einen Gedichtband. Und das war auch ein sehr konzentriertes Schreiben daran, nehme ich an und ist es eine andere Art der Konzentration, Gedichte zu schreiben? Ja, es ist genau das. Es fordert eine ganz bestimmte Konzentration, die dann auch bei mir wirklich da ist, nicht ununterbrochen, auch nicht jeden Tag, aber doch sehr viel. Und das war ungefähr so zwei Jahre, wo ich immer wieder dieses Level gefunden habe. Und nur so entstehen zumindest bei mir Gedichte, nur dann. Ich kann mich nicht zu Hause vor den Schreibtisch setzen und sagen, heute mal ein Gedicht oder so. Das ist eine Lebensform für mich, Gedichteschreiben. Und bisher zumindest für mich verbunden mit meiner japanischen Existenz, also in Wien ist für mich, jetzt bin ich seit drei Jahren wieder viel mehr in Österreich, wohne in Wien in Wien nicht einmal eine Zeile Gedichte ist entstanden und das sage ich fast schon mit einem gewissen Stolz was ist das für eine Stadt in der man keine Gedichte schreibt okay vielen Dank für das Gespräch ich ja Okay, vielen Dank für das Gespräch. Wir werden noch ein Gedicht hören, versprochen. Zuvor muss ich aber auf den Büchertisch verweisen, der heute betreut wird von der Buchhandlung Neugebauer. Vielen Dank dafür. Nächste Woche findet am 9.6. die septime Verlagspräsentation bei uns statt mit Isabella Freier und Gregor Fink. Falls Sie Interesse haben zu kommen, wir würden uns freuen im Stifterhaus. Ja, das waren jetzt die sachlichen Anmerkungen und jetzt noch ein Gedicht und ja, vielen Dank fürs Kommen. Schulweg Traurig macht mich nur, dass du dich verlieben wirst, vielleicht an einem Freitag wie damals ich oder an einem anderen Tag. Dass ich den Weg sehe, den du jetzt gehst, durchs Zugfenster sehe, wie dir der Junge dort fast bewegungslos vor die Augen gleitet, der Junge mit den freundlichen Augen, wie er den Finger rührt, um eine Strähne aus der Stirn zu streichen, damit er dich sieht und du ihm in die Augen gleitest, eine Strähne aus deiner Stirn. in die Augen gleitest, eine Strähne aus deiner Stirn. Das werde ich nicht mehr erleben und nur dieses Nicht macht mich traurig, macht mich fast glücklich. Und ich lese es noch einmal, weil ich ja nur eins lesen darf noch. Schulweg, traurig macht mich nur, dass du dich verlieben wirst, vielleicht an einem Freitag, wie damals ich, oder an einem anderen Tag, dass ich den Weg sehe, den du jetzt gehst, durchs Zugfenster sehe, wie dir der Junge dort fast bewegungslos vor die Augen gleitet, wie dir der Junge dort fast bewegungslos vor die Augen gleitet, der Junge mit den freundlichen Augen, wie er den Finger rührt, um eine Strähne aus der Stirn zu streichen, damit er dich sieht und du ihm in die Augen gleitest, eine Strähne aus deiner Stirn. Das werde ich nicht mehr erleben und nur dieses Nicht macht mich traurig, macht mich fast glücklich. Vielen, vielen Dank.