Musik Ankunft in Ebensee Und nun sind wir hier in Ebensee. Touristische Hochburg des österreichischen Tirols. Ein See, auf dem makellos reine Schwäne auf dem ruhigen Wasser gleiten. Ein Dorf aus kleinen Landhäusern, die wie Spielzeug verziert sind. Dort ein paar Männer in Lederhosen, Strickweste, mit Federn geschmückten grünen Filzhut. Welch ruhige Landschaft und welch ein Kontrast. Wir nämlich befinden uns auf der anderen Seite des Lebens. Diese Welt ist nicht die unsere und die Straße, die sich am Fuße des Berges entlang schlängelt, wird uns mitten in den Albtraum zurückführen. Der Weg zur Arbeit Vom Lager zum Steinbruch waren es nur zweieinhalb Kilometer, doch der Weg war schrecklich. Er führte an der Bergflanke entlang und wies in der ersten Hälfte einen steilen Anstieg auf, den wir im Laufschritt erklimmen mussten, wobei wir außer Atem kamen, aber dennoch darauf achten mussten, dass wir in der Reihe blieben und von den Kommandos hinter uns nicht überholt wurden, sonst riskierten wir von der SS-Eskorte am Ende der Kolonne getreten oder mit Gewehrkolben auf den Rücken geschlagen zu werden. Ohne ersichtlichen Grund traf die unerwartete und oft unverdiente schmerzhafte Liebkosung eines Ochsenziemers Schultern oder Kopf. Und man schätzte sich glücklich, wenn einem die Schäferhunde, die darauf abgerichtet waren, nicht ihre Reißzähne in die Waden rammten. Die Arbeit Das Spektakel war unbeschreiblich, die tunnelglichen Ameisenhaufen. Jeder war damit beschäftigt, entweder die Steine mit den Förderloren wegzubringen oder Holz heranzuschaffen, um die Stollen zu errichten. Man arbeitete Tag und Nacht, begleitet vom Gebrüll der Kapus, dem Geschrei der Häftlinge und dem Lärm der Presslufthämmer. Es war höllisch. Hier blieben Männer am Boden liegen, weil sie von den Kapus totgeschlagen worden waren. Dort war ein Verletzter mit zerschmetterten Schädel, der von einem Stein im Tunnel getroffen worden war. Anderswo brachten die Kameraden einen von Durchfall geplagten Häftling weg, bevor er von den Peinigern gesehen wurde. Auch wenn einem vorübergehend schlecht war, konnte man nicht mit der Arbeit aufhören, denn wenn man entdeckt wurde, wurde man zu Tode geprügelt. Das Lager. Das Lager ist wie eine Stadt mit allem, was zu einem gut organisierten Leben gehört. Einem Anfang und einem Ende. Den Beginn macht der am östlichen Rand gelegene Appellplatz, rund, riesig, schlammig, von Baracken umgeben. Das Ende kündigt sich schrittweise an. Zuerst im Revier. Ein Teil der Kranken kann die Arbeit wieder aufnehmen und kehrt von dort für eine mehr oder weniger lange Zeit in die Lagerbaracken zurück. Der andere Teil wartet hier auf das Ende, das meist schnell kommt und dennoch bisweilen in den Vernichtungsblocks beschleunigt wird. Der wirkliche Abschluss des Lagers befindet sich im nordwestlichen Winkel. Es ist das Krematoriumsgebäude mit seinem 25 Meter hohen, ohne Unterlass rauchenden Schlut. Hunger. Die Angst wurde jeden Tag größer und mit ihr der Hunger. Wie viele andere, auch sah ich mich gezwungen, das Gras zu essen, das im Lager wuchs und abgekocht wurde. Wenn wir Glück hatten und Maulwürfe oder Eidechsen fanden, verzerrten wir sogar diese, auch wenn sie oft mehr schlecht als recht gekocht waren. Hunger ist furchtbar, und niemand, der nicht wie wir erlitten hat, kann das glauben. Wie grauenvoll ist dieses Warten auf den Tod, dem ich dann doch immer wieder, wie durch ein Wunder oder aufgrund glücklicher Zufälle, entwischt bin. Überleben Auch die Fantasie hatte ihre Wichtigkeit und konnte als Betäubungsmittel wirken, um uns vor der Wirklichkeit zu schützen. Zu demselben Zweck verschloss ich mich, wenn sie mich bestraften. Die anderen weinten oder schrien, wenn sie geschlagen wurden. Und die Kabos hatten dann ihren Spaß daran, sie noch mehr zu schlagen. Ein Spektakel. Ich nahm die Bestrafung schweigend hin. Und sie hörten bald auf, mich zu schlagen, weil sie begriffen, dass sie sich abmühten, ohne auf ihre Kosten zu kommen. Und jeden Abend, auch wenn ich zuvor in meinem Leben nicht viel gebetet hatte, wandte ich mich vor dem Einschlafen an meinen Schöpfer und sagte, Herr, lass mich noch mehr leiden, aber lass mich meine Mutter wiedersehen. Diese Gefasstheit und diese Ergebenheit bedeuteten nichts anderes als Widerstand. Die Befreiung. Ich wurde hochgehoben und behutsam auf einen Lastwagen abgesetzt. Ich blieb stehen und hielt mich am Geländer fest. Wir kamen aus den Lagern heraus, durchquerten Ebensee und bogen nach links ab. Die Wiesen waren voller Blumen und die Obstbäume leuchteten in allen Farben. Wir kreuzten Kolonnen von Kraftfahrzeugen, Panzern, Panzerwagen, Artillerie. Pferde, die das deutsche Heer zurückgelassen hatte, grasten hier und dort in aller Ruhe auf den Wiesen. Gefangene Soldaten des gestangenen Heers bewegten sich zu Fuß in alle Himmelsrichtungen. Von Zeit zu Zeit große Haufen aufgestapelter Waffen, Gewehre, Maschinengewehre und Gürtel, überall Patronengürtel. Jede Patrone, ein Leben, das hätte ausgelöscht werden können. Endlich war alles zu Ende. Thank you.