Guten Abend, meine Damen und Herren, liebe Literaturinteressierte, ich begrüße Sie ganz herzlich hier bei uns im Stifterhaus. Mein Name ist Sarah Püringer und ich freue mich, dass wir heute nach dem Auftakt letzte Woche nach der Osterpause gemeinsam diesen Abend begehen dürfen. Besonders freut es mich, dass wir heute erstmals im Rahmen einer Verlagspräsentation den Braumüller Verlag bei uns zu Gast haben, der seinen Sitz in Wien hat. Ich darf den Geschäftsführer und Verlagsleiter Bernhard Borowanski ganz herzlich willkommen heißen. Er wird uns auch gleich zu Beginn einen Einblick in die Programmatik und Geschichte des Verlags geben und anschließend auch mit unserer Gästin ins Gespräch treten. Schön, dass Sie heute Abend hier sind. Herzlich willkommen. Ja, das führt mich auch direkt zu unserer Lesenden des heutigen Abends. Herzlich begrüßen möchte ich die Schriftstellerin Iva Prochaskowa, die ihren Roman Die Spur der Kälte vorstellen wird, der letztes Jahr erschienen ist. Ihr Kriminalroman führt uns nach Prag und begleitet Kommissar Holliner in einem Fall, der weit über klassische Ermittlungsarbeit hinausgeht und der eine Atmosphäre latenter Bedrohung kreiert. Herzlich willkommen Iva Prochaskova hier im Stifterhaus. Iva Prochaskova wurde zunächst als vielfach ausgezeichnete Kinder- und Jugendbuchautorin bekannt. Ihre Werke wurden in zahlreichen Sprachen übersetzt. Heute widmet sie sich vor allem der Literatur für Erwachsene, insbesondere dem Kriminalroman und lebt als Freischriftstellerin und Drehbuchautorin in Prag. Heute leider nicht anwesend sein kann Bastian Kresser, der seine im Oktober 2025 erschienenen Romanverformung vorgestellt hätte. Leider ist er krankheitsbedingt verhindert. Bernhard Borowanski wird aber einspringen und zu Beginn zwei seiner Werke vorstellen und etwas darüber erzählen. Ja, und bitte wundern Sie sich auch nicht, wenn es heute bei uns etwas anders aussieht, wenn es noch ein bisschen leer wirkt oder vielleicht auch hier und da noch nach frischer Farbe riecht. Wir sind gerade in der Umgestaltung. Also bei uns wird Anfang Mai eine neue Ausstellung eröffnen zu Rainer Maria Rilke und seine Linzer Episode. Genau, das war es von meiner Seite. Ich wünsche uns einen anregenden Abend und darf das Wort übergeben. Vielen Dank. Ich habe es durchschaut. Meine Damen und Herren, ich freue mich sehr, dass wir heute hier sein können und ein bisschen über unser Verlagshaus reden können. Das werde ich kürzer halten. Warum werde ich das kürzer halten? Weil ich Sie allein zwei Wochen dazu beschallen könnte. Wir haben 1783, mehr oder weniger nicht wir, aber die Vorgänger, den Verlag gegründet. 1783 ist richtig alt. Das ist ein altehrwürdiges Haus. Das ist mir irgendwie doch noch zu hoch. Ich werde das nochmal kurz da niederlegen, weil ich da irgendwie Sie alle nicht sehe. Und haben eine bewegte Geschichte hinter uns. 1783, was war das für eine Zeit? Das war die Zeit, als Mozart seine Heidenquintette geschrieben hat. Es war die Zeit der Klandestinenliteratur, nicht in Österreich. Schon in Leipzig, in Berlin, aber nicht in Österreich. In Österreich kam dann Metternich, also da war alles sehr kontrolliert, gut überwacht. Alle waren brav, alle haben eher, wie soll ich sagen, die richtige Handhabung von Pferden oder wie man sich im Haushalt richtig verhält oder Rechtstexte oder Arzt, wie soll ich sagen, Ärzte-Literatur und damit meine ich nicht Romane, sondern tatsächlich hat man damals sehr viel veröffentlicht zum Thema Operieren. Wien war ja die Hochburg der Medizin. Und da haben dann auch so Leute veröffentlicht wie der Vater von Schnitzler. Aber keine literarischen Werke, sondern halt Medizin, medizinische Literatur. Was will ich sagen? Wir waren im Verlag sehr, sehr lange, ich würde sagen, bis in die mittleren 1900er Jahre, also Mitte des 20. Jahrhunderts, ein Wissenschaftsverlag, der lange keine bahnbrechenden Werke, außer eben in der Medizin herausgebracht hat, dann ist es dann doch passiert. Und zwar der Oswald Spengler, der Ihnen sicher allen was sagt. Der erste Band von Oswald Spengler, der ist bei Braunmüller erschienen. Aber nicht deswegen, weil damals die Entscheidungsträger so innovativ waren, sondern den hat einfach damals niemand anderer genommen. dann ein Weltbestseller. Bis mehr oder weniger in den ersten Weltkrieg hinein, als dann im Endeffekt alles da niederlag, war auch der Braunmüller Verlag bankrott. Es gab nur mehr einen Boten, der im Verlag übrig geblieben ist und der war auch dann der erste Mitarbeiter nach dieser Zeit. Aber im Endeffekt musste der Verlag neu aufgebaut werden. Er konnte seine Rechnungen nicht zahlen, der Braunmüller Verlag, und ist so in den Besitz meiner Familie gekommen, nicht meiner eigenen, aber der meiner Frau. Die Mutter, sprich meine Schwiegermutter, hat den Verlag dann übernommen. Und dann war es sehr lange ein Schulbuchverlag und ein Wissenschaftsverlag, bis Schwiegermutter gesagt hat, die Brigitte, eine großartige Frau, ich will nicht mehr, ihr müsst jetzt unternehmen. Und meine Frau, die stand sie, hat gesagt, nein, ich will nicht. Ich habe zwei Kinder, ich habe einen schwierigen Mann, ich will nicht. Und dann hat die Schwiegermutter gesagt, das geht nicht. Er fragte einen verrückten Mann, ein Buchwahnsinniger, ob er es nicht mit dir macht. Und dann haben wir uns entschieden, meine Frau und ich, dass wir den Verlag übernehmen. Und die Brigitte fand das großartig und hat gesagt, ja, macht es einmal. Und wir haben gesagt, nein, das geht leider so nicht. Wenn wir zwei miteinander das machen, dann musst du weg. Weil zu dritt übernehmen wir das sicher nicht. Und tatsächlich hat sie nach einem weiteren Jahr sich entschieden, den Verlag zu verlassen. Wir haben ihn ihr abgekauft, das heißt, wir haben die Schulden übernommen und haben alles umgebaut, was sie sicher alles nie zugelassen hätte. Und so ist es daraus geworden, und jetzt sind wir in der heutigen Zeit angelangt, ein literarischer und ein Sachbuchverlag daraus geworden. Und da haben wir sehr schnell gesehen, wie schwierig es durchaus mit der Literatur ist, dass wir uns da breiter aufstellen müssen. Wir haben also zur Literatur und zur Belletristik auch noch das Sachbuch dazugenommen und die Themen, die uns immer fasziniert haben, dann in Angriff genommen und begonnen, das Programm zu erweitern. Da sind großartige Leute dabei. Einer davon war Wendelin Schmidt-Dengler, ein ganz großer Germanist, den Sie sicher kennen, der damals das sehr unterstützt hat, dass wir das Programm ändern und kein Schulbuchverlag mehr sind, sondern mehr in die Literatur gehen. Und er hat damals gesagt, Frau Wansky, ich unterstütze euch überall, aber ihr müsst irgendwas übersetzen. Nehmt doch die tschechische Literatur. Und wir nichts ahnend haben gesagt, na gut, machen wir halt Tschechien. Und haben dann aber sehr schnell gesehen, dass das gar nicht so leicht ist. Und ich hatte damals eine großartige Frau, die mich da an der Hand genommen hat, das war die Christa Rothmeier, eine der wichtigsten Bohemistinnen in Österreich. Und die hat mich dann so ein bisschen zart in die tschechische Literatur eingeführt. Das waren großartige Reisen. Da mache ich schon eine kleine Überleitung. Da mache ich schon eine kleine Überleitung. Wir sind dann, nachdem wir vielleicht ganz kurz noch, bevor ich zum ersten Autor komme, im Sachbuch mussten wir, nachdem es ja viele, viele Verlage damals gab und zu der Zeit, wo ich begonnen habe im Buchhandel, waren Buchhändler und Verlage Gatekeeper. Es ging nur über einen Verlag an Informationen, über ein Buch, über einen Buchhändler an Informationen heranzukommen. Heute, seit den 90er Jahren, wissen wir, es gibt noch andere Möglichkeiten, das Internet. Und das hat natürlich wahnsinnig viel verändert. Damals war es für uns noch leichter, an Leute wie Anton Pelinka heranzukommen, den Hans Bürger vom ORF. Da haben wir ganz, ganz großartige Sachbuchautoren gewinnen können und haben so ein akzeptables und wirklich großartiges Sachbuchprogramm aufbauen können. In der Literatur, jetzt komme ich nochmal auf die Literatur, war es ein bisschen schwieriger, Wendelin Schmidt-Dengel hat gemeint, unbedingt tschechische Literatur. Und dann kam eben die besagte Christa Rothmeier, die gemeint hat, wir fahren jetzt mal nach Prag. Ich kannte Prag nur so als Tourist. Spannende Stadt, schöne Stadt. Und dann gingen wir auf einmal in Vierteln in Prag, wo ich mich alleine nie hingetraut hätte. Ich habe aber irgendwie das Gefühl gehabt, die Christa weiß, was sie tut. Und die Christa hat sich aber auf mich verlassen. Wir haben uns gegenseitig gestützt und sind da durch diese durchaus schwierigen Viertel gegangen. Was hat sie mir dort gezeigt? Sie hat mir Autoren und Autorinnen vorgestellt aus dem Samistad. War mir damals überhaupt kein Begriff. Also klandestine, geheime Literatur auf Matrizen veröffentlicht, heimlich, untereinander getauscht, weitergereicht. War mir komplett fremd, aber war eine unfassbar spannende Welt. Und ich werde die Gesichter nie vergessen. Die Christa hat mich da mitgenommen und hat mich diesen Leuten vorgestellt, die alle skeptisch waren. Was macht dieser Österreicher da? Wer ist das? Warum bringt sie den mit? Kann man dem trauen? Das sieht man alles in diesen Blicken. Und da wurde dann aber vertrauend gefasst. Wir haben dann dort großartige Schriftsteller und Schriftstellerinnen finden können, die die Christa in der Regel alle übersetzt hat. Und dann haben wir aber gesagt, jetzt wollen wir ein bisschen mehr in die Belletristik reingehen, wir wollen es ein bisschen breiter verkaufen, wir müssen das probieren. Und der Mirko Kretsch, der unter anderem die Iva Prochaskowa, die heuteetristik reingehen, wir wollen es ein bisschen breiter verkaufen, wir müssen das probieren und der Mirko Kretsch, der unter anderem die Iva Prochaskova, die heute auch da ist, übersetzt, hat sie uns vorgestellt und wir haben uns sofort verstanden und haben jetzt einen schönen Weg schon hinter uns, über den wir nachher gemeinsam sprechen werden. Bevor ich aber auf die Iva näher eingehe und wir uns da hinsetzen und nachher so, ich würde sagen, 40, 45 Minuten sprechen oder wieder lesen werden, möchte ich Ihnen einen anderen Schriftsteller kurz vorstellen. Das ist der Bastian Kresser, der sich alle lieb grüßen lässt, sich entschuldigt, dass er heute nicht da sein kann. Er ist eigentlich nie krank und ist gestern mit Schüttelfrost aufgewacht und hat mich eher erstaunt und verwundert angerufen, dass er sich irgendwie nicht bewegen kann und ob es denn denkbar wäre, dass ich das irgendwie ohne ihn gestalte heute. Und ich habe gesagt, unter einer Bedingung, er muss die Lesestelle aussuchen. Ich habe eine kurze Lesestelle, Er muss die Lesestelle aussuchen. Ich habe eine kurze Lesestelle, weil ich Ihnen vier Bücher jetzt nicht vorstellen möchte, aber doch sagen möchte, wie sie entstanden sind. Der Bastian Kreußer ist 1981 geboren, hat Anglistik und Amerikanistik studiert, ist eigentlich ein Historiker und seine Texte sind immer irgendwie historisch angehaucht. Sie werden gleich sehen, warum. Und seine Texte sind immer irgendwie historisch angehaucht. Sie werden gleich sehen, warum. Er hat begonnen, mit dem Michael Kühlmeier zu veröffentlichen. Michael hat schon länger veröffentlicht. Michael Kühlmeier ist ein Freund und hat mir den Bastian Kresser vorgestellt, weil sie haben gemeinsam Gedichte übersetzt. So haben die zueinander gefunden. Und die Paula, die leider verstorbene Tochter von der Monika Helfer und von Michael Kölmeier, war seine Freundin. Also die haben sich sehr gut verstanden. Das heißt, die sind fast Familie. Und wenn der Michael Kölmeier sagt, schau dir den an, dann schaue ich mir den an. Und man hat sofort gesehen, was dieser junge Mann für eine Kraft hat. Ganz großartig. Sein erstes Buch war die andere Seite. Und da drin hat er versucht, wir müssen jetzt alle, oder wir haben zumindest das Gefühl, dass wir das müssen, Zäune aufstellen. Und er hat praktisch mal versucht, von der anderen Seite das zu beleuchten. Was sind das für Gedanken? Was sind das für Mechanismen, die da wirken? Und wir haben es uns getraut, die andere Seite zu nennen, obwohl es einen ganz großen Schriftsteller gibt, der diesen Titel schon vergeben hat. Wir haben es einfach gewagt und getan und das war sein Debüt bei uns. Danach ging es historisch weiter, er hat die Klopfzeichen geschrieben, das ist ein Geschwisterpaar, das im Endeffekt das Tischelrücken erfunden hat und im Endeffekt man mit dem Jenseits Kontakt aufnehmen konnte, das ist eine Bewegung, die aus England zu uns gekommen ist, das hat er mehr oder weniger erforscht und hat daraus einen Roman gemacht, das war ein erster Achtungserfolg. und hat daraus einen Roman gemacht. Das war ein erster Achtungserfolg. Dann kam sein drittes Buch bei uns. Und ich sage Ihnen, das Buch ist der Wahnsinn. Es geht nämlich um einen Mann, der wahrscheinlich der größte Hochstapler aller Zeiten war, ein Österreicher, der zweimal, nein einmal auf jeden Fall den Eiffelturm verkauft hat, der ihm aber nicht gehört hat, ein zweites Mal fast, der Al Capone über den Tisch gezogen hat, das ganze amerikanische Finanzsystem aus den Angeln gehoben hat und wahrscheinlich in der damaligen Zeit der meistgesuchte Mann der Welt war. Als man ihn dann mit 35 Jahren, er war 35-jährig, endlich verhaften konnte, wusste man nicht sicher, ob man den richtigen hat. Er hatte nämlich 150 Aliasse und Namen und war ein Meister der Täuschung. Wie damals niemand. Heute kann man ja mit wirklich vielen Möglichkeiten sehr viel erreichen. Das war damals unmöglich, also er war ein wahrer Meister. Begonnen hat er seine Karriere mehr oder weniger damit, dass er die rumänische Schachtel verkauft hat, ein Gerät, das angeblich Geld vervielfältigen kann. Und er hat damals schon immer gut investiert, hat sich auf eine Schiffsreise begeben und hat dann das dort Menschen vorgeführt und hat die so in den Wahnsinn getrieben, dass die nach der Schiffsreise, als man in New York wieder angelegt hat, unbedingt diese Maschine kaufen wollten. Und er hat es so gestaltet, dass nicht mehr viel Zeit war bis zum Ausstieg aus dem Schiff und hat ihnen dann tatsächlich um ein Vermögen um 70.000 Franc diese Schachtel verkauft, bis die halt dann draufgekommen sind an Land endlich, weil sie sich hoch verschuldet haben für diese Schachtel, die sie unbedingt haben mussten, dann festgestellt haben, das ist alles Fake, war er schon auf dem nächsten Schiff und hat schon die nächste Schachtel verkauft. Also ein faszinierender Mann. Und die Lesestelle, die da Bastian unbedingt wollte, dass ich sie lese, beginnt auf Seite 94. Es ist natürlich so, dass Bastian Kresser die Geschichte vom Graf Lustig nicht lückenlos vorgefunden hat. Da sind viele Lücken dazwischen. Und eine Lücke, und das ist ihm meisterhaft gelungen, noch eine wichtige Information, diese Geschichte hat der Michael Kühlmeier ausgegraben, dem Graf Lustig, und hat sie dem Bastian geschenkt. Und er hat gesagt, du, ich sage etwas anderes, wenn du willst, kannst du sie haben. Und der Bastian hat zugegriffen und gesagt, die mache ich. Und ich habe es nicht bereut, dass wir da Ja gesagt haben, weil er hat es großartig umgesetzt. Und hat eben ein paar Lücken gefunden im Leben vom Graf Lustig, die er dann erfunden hat. Aber so erfunden hat, so großartig formuliert und geschrieben hat, dass man sie nicht widerlegen kann und man sofort abnimmt, dass das stattgefunden hat. Und die Stelle, die ich Ihnen vorlesen soll, das sind jetzt nur vier Seiten, ist eine Stelle, wo der junge Graf Lustig, damals noch Kind, abgehauen ist zu Hause. Er sollte eigentlich nach Wien kommen, er sollte dort Geigenunterricht nehmen, er war ein Talent. Sein Vater hat diese Karriere für ihn vorgesehen und er hat entschieden, er will das nicht. Er haut ab und ist in Paris wieder irgendwie aufgewacht. Er haut ab und ist in Paris wieder irgendwie aufgewacht und war aber damals schon ein Meister der Täuschung, ein Talent im anderen Menschen an der Nase herumführen und wurde als Taschendieb gefasst, kam ins Verlies, würde ich einmal sagen, ins Gefängnis, und da hat ihn eine Bordellbesitzerin, die eine sehr intelligente, gewiefte Frau war, hat ihn dort beobachtet und gesagt, der junge Mann interessiert mich, und hat ihn da rausgeholt und hat ihn zu sich genommen und war von seinen Fähigkeiten, andere Leute zu täuschen, und hat ihn fasziniert und hat ihm mehr oder weniger signalisiert, jetzt kommst du zu uns, jetzt lernst du mal wirklich, was Tricks sind und hat ihn aufgenommen. Und jetzt ist er gerade bei ihr in diesem Bordell und sie sagt zu ihm, komm, ich zeige dir jetzt einmal, wie Menschen funktionieren. Und sie sind praktisch jedem Freier, der da reingekommen ist, durchgegangen, was man an seiner Haltung und seinem ganzen Tun alles erkennt. Meine erste Lektion. Es war mit Sicherheit ein seltsames Bild. Ein Zwölfjähriger, er war erst zwölf, der gemeinsam mit einer alternden Bordellbesitzerin auf dem Sofa in einer dunklen Ecke saß und mit ihr die vielen Freier, die über den Tag hinweg das Etablissement betraten, inspizierte und sie ihr Aussehen und ihr Verhalten analysierte. Bei jedem Einzelnen gab Ladam, das war die Besitzerin, mir zuerst etwas Zeit und stellte mir dann stets simpel anmutende Fragen. Ist er reich? Und beinahe jedes Mal musste ich mir schmerzhaft eingestehen, dass meine Menschenkenntnis, von der ich zuvor so überzeugt gewesen war, weitaus schwächer ausgeprägt war, als ich vermutet hätte. Das Problem ist, dass du deine Ziele, wie du sie nennst, überhaupt nicht kennst, mein kleiner Gauner, stellte der Darm fest, während wir die Männer beobachteten, die sich an der Bar mit den Frauen des Hauses unterhielten, manche ungezungen, manche verkrampft und mich mit hochrotem Kopf. Du hast keine Ahnung, wer sie sind oder was für ein Leben sie führen, geschweige denn, ob sie reich genug sind, um von dir bestohlen zu werden. Das stimmt nicht, widersprach ich trotzig und meinte, dass ich genau wisse, wer ein prall gefülltes Portemonnaie mit sich trage und wer nicht und was die Uhren und den Schmuck betreffe, hier bedürfe es keiner großen Menschenkenntnis. Einen reichen Mann erkenne man schon aus weiter Ferne. Ladane verpasste mir einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf. Bötti, so Dummerchen, sagt sie. einen kleinen Klaps auf den Hinterkopf. Petit, so Dummerchen, sagt sie. Ich lernte, dass es einen großen Unterschied machte, ob jemand tatsächlich reich war oder nur vorgab, es zu sein. Jeder konnte, wenn er nur lange genug darauf sparte, eine teure Taschenuhr stehen oder den Lohn eines gesamten Monats in ein Portemonnaie stecken und dann im Café, im Restaurant vor einer Zigarettenverkäuferin oder einer Prostituierten damit zu prahlen. Im Gegensatz zu einem reichen Menschen war sich jedoch derjenige, der seinen Monatslohn oder eine teure Taschenuhr mit sich trug, dessen ständig bewusst. Diejenigen, die nur diese oder eine kostbare Uhr besaßen, waren darauf aus, das schöne Objekt in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Ihre Gedanken kreisten andauernd darum und selbst wenn meine Handgriffe perfekt waren und für mein Ziel unbemerkt blieben, registrierten sie beinahe im selben Moment den Verlust. Es war nicht meine Berührung, die wahrgenommen wurde, sondern das Fehlen der Kostbarkeit, mit der sie sich zu etwas Besserem machen wollten. Das wiederum erhöhte die Gefahr, dass sie mich und mein Tun bemerkten oder zumindest sofort eingrenzen konnten. Wo und wann ihnen das Geld, die Uhr, der Schmuck abhandengekommen war und ihnen im Nachhinein bewusst wurde, ob sich jemand, ich, verdächtig verhalten hatte. Ein wirklich reicher Mensch, erklärte mir Ladan, ist sich seines Reichtums nicht mehr bewusst. Die goldene Taschenuhr ist nur eine von vielen. Das volle Portemonnaie, ein Teil von ihm. Wenn es verschwindet, denkt er zuerst, er selbst hätte es verlegt, da dies auch schon vorgekommen ist. Sie griff sachte mit Daumen und Zeigefinger nach meinem Kinn. Ihre langen Fingernägel bohrten sich in meine Haut. Wenn du erkennen kannst, wer jemand wirklich ist, dann siehst du auch all seine Schwächen. Dann und nur dann werden dir alle Türen offenstehen. Von Ladam lernte ich, auf Details zu achten, Kleinigkeiten zu erkennen, die viel mehr aussagen als der erste Eindruck. Hatte ich früher mein Augenmerk auf blank geputzte Schuhe gelegt, achtete ich nun auf den Zustand der Schuhsohlen. Menschen mit genügend Geld trugen keine Schuhe ab. Dann wanderte mein Blick weiter zu den Socken, einem Kleidungsstück, auf das die wenigsten ausgenommen die wahrlich reichen Wert legten. was die wenigsten ausgenommen, die wahrlich reichen Wert legten. Die Hose, wie scharf waren die Bügelfalten, wie abgenutzt sah der Gürtel aus oder was noch mehr über den Menschen aussagte, wie ausgeleiert war das Gürtelloch. Wurde es selbst gestochen oder war der Gürtel in der richtigen Größe gekauft worden? Anschließend überprüfte ich den Zustand des Hemdkragens. Dort war es am schwierigsten, den Schmutz wieder loszuwerden. Achte auf die Zähne, versuchte mir Ladan einzuschärfen. Die Rasur, die Frisur, die Ohren. Die Ohren, fragte ich entgeistert. Sie lachte heiser. Die allermeisten, auch hier sind die wahnreichen, eine Ausnahme vergessen bei der Körperpflege auf ihre Ohren. Montre-moi les oreilles d'un homme et je te dirai qu'il est vraiment. Zeig mir die Ohren deines Mannes und ich sage dir, wer er in Wahrheit ist. Ich lernte zu erkennen, wie jemand ging, wie er stand, wie und ob er seinen Gegenüber betrachtete und wie er sprach. Ich registrierte die Lautstärke, die Tonlage, die Intonation, die Wortwahl. La Dame hatte eine Art, die mir das Lernen unglaublich einfach machte. Ich konnte mir alles merken, was sie mir beibrachte und schaffte es binnen kürzester Zeit, die kleinen Details mit selbstverständlich zu identifizieren. Sie hat mir eine lange Stelle ausgesucht, merke ich gerade. Als ich ihrer Meinung nach genug Fortschritt gemacht hatte, gingen wir zur nächsten Frage über. Lektion 2. Was will er? Anfangs war mir nicht klar, was Ladam damit meinte. Denkst du, ich habe es so weit gebracht, weil ich besser im Bett war als andere? Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte, ganz besonders, da ich damals noch keine konkrete Vorstellung davon hatte, was hinter den verschlossenen Türen des Etablissements genau vor sich ging. Ich wusste zwar, dass die Männer hier waren, um mit den Frauen zu schlafen, was dies jedoch im Detail bedeutete, hatte ich mich bisher noch nicht getraut zu fragen. Erfolg ist nur dann möglich, wenn du dein Gegenüber lesen kannst, sagte der Dame. Jeder hier drinnen, aber auch da draußen sehnt sich nach etwas. Die einen wollen gehört werden, andere lechzen nach Anerkennung, wieder andere wünschen sich, wie Kinder behandelt zu werden und wieder andere trachteten danach oft ohne es selbst zu wissen, missbraucht, benutzt, misshandelt oder gedemütigt zu werden. Ich war geschockt. La Dame bemerkte, dass sie zu weit gegangen war und tätschelte mir den Kopf, sprach jedoch unbeirrt weiter, wenn du es schaffst, dein Gegenüber zu lesen, zu begreifen, wer er ist und wer er vorgibt zu sein, wenn es dir gelingt, die Sehnsüchte eines Menschen zu erkennen, zu spüren, gibt zu sein, wenn es dir gelingt, die Sehnsüchte eines Menschen zu erkennen, zu spüren, ob er oder sie gespiegelt, bewundert, angehimmelt, bestätigt, erniedrigt oder gar wie ein Stück Dreck behandelt werden will, dann ist dir diese Person hörig und du kannst mit ihr machen, was du willst. Gib deinem Gegenüber das Gefühl, von dir verstanden zu werden, gib ihm, was er braucht und nimm es ihm wieder weg, bevor er sich daran gewöhnt hat. Rumänische Schachtel. Man wird dich vermissen, wird sich nach dir sehnen, wird dafür zahlen, in deiner Nähe sein zu dürfen. Die Menschen werden zu Marionetten, die sich fühlen lassen, die sich führen lassen, Entschuldigung, verstehst du? Sie griff erneut nach meinem Kinn und zwang mich dazu, ihr tief in die Augen zu schauen. Ihre Fingernägel bohrten sich in meine Haut. Verstehst du das, Victor? Dieses Mal verstand ich. Eine Stelle, die er erfunden hat, die aber zeigt, dass schon mit zwölf Jahren dieser Bursch mehr oder weniger ein unfassbares Talent hatte. Und das hat sich dann nachher auch nochmal bestätigt, indem er eben diese Taten gesetzt hat, die wir alle kennen. Und davon handelt dieses großartige Buch, das vor drei Jahren erschienen ist. Das aktuelle Buch, die Verformung, da ist er wieder einen ganz anderen Weg gegangen. Er hat den historischen Boden mal verlassen und hat sich in die Jetztzeit begeben. Darüber werde ich jetzt, weil er mir so eine lange Stelle ausgesucht hat, nicht ausführlicher sprechen. Es geht darum, und das ist ein schwieriges Thema, wie leicht geraten wir in den Sog von religiösen Gruppen, von Preppern, die sich auf den Untergang der Welt vorbereiten. Ein junger Mann, der eine Auszeit braucht, der hat einen Burnout, kommt zu einem Mann, der ihm das Messerschmieden beibringt. Er kann sich dabei sehr gut erholen, er kommt zu einem Mann, der ihm das Messerschmieden beibringt. Also er kann sich dabei sehr gut erholen, er kommt zu sich wieder, er arbeitet mit diesem Stahl und merkt aber, dass dieser Mann sehr zurückgezogen lebt, dass er einen Bunker unter der Erde hat, dass er einen Störsender auf seinem Gelände hat. Er wird noch immer nicht stutzig. Er hat seine Freundin, die er auch hat und die er dann mal dahin einlädt. Sag du, der ist ein bisschen eigenartig. Irgendwie, bist du sicher? Ja, das ist ein Freund, mach dir keine Sorgen. Das ist ein toller Mann, ein interessanter Mann. Und will da jetzt nicht zu viel verraten. Sie deckt dann ganz eigenartige Dinge auf. Und er muss ihr dann leider recht geben. Die beiden recherchieren dann. Es kommt dann ganz anders, als wir jetzt vermuten, aber wieder eine ganz andere Geschichte und ich freue mich schon auf sein nächstes Buch. Er schreibt natürlich schon wieder, aber das vielleicht mal ganz kurz zu Bastian Kresser, den ich für ein ganz großes Talent halte, der eine unfassbare Kraft hat und der uns noch viele schöne Bücher bescheren wird. Ich bedauere es sehr, dass er heute nicht hier sein kann, aber Sie werden ihn sicher irgendwann einmal noch erleben. Vielleicht haben wir in Linz irgendwann einmal die Chance und ich soll Ihnen ganz, ganz liebe Grüße von ihm ausrichten. Das zu Bastian Kresser. Wir haben jetzt eine halbe Stunde ein bisschen verwendet auf dem Verlag. Wir haben über Bastian Kresser kurz gesprochen. Jetzt würde ich dich, liebe Iva, bitten, dass du zu mir kommst und wir es uns da gemütlich machen. Und wir haben uns geschworen, wir haben auf jeden Fall Spaß da oben auf der Bühne, bitte. Und wenn wir da Spaß haben und wir ein schönes Gespräch schaffen, dann werden Sie sich auch wohlfühlen und Sie werden es gleich sehen. Diese Frau hat viel zu erzählen. Guten Tag. Wie haben wir uns kennengelernt? Über einen Übersetzer, ich habe es schon anklingen lassen, über den Mirko Kretsch, ein ganz toller Typ, der in Berlin lebt und der nach der Christa Rothmeier der Nächste war, der uns Tipps gegeben hat und eines Tages, wir vermuten, es war 2017, warst du es. Und ich denke, sie ein bisschen vorzustellen, wäre jetzt doch nützlich, damit Sie mal wissen, mit wem wir es da überhaupt zu tun haben. Ich habe mir seit meiner Schulzeit angewöhnt, immer Schwindelzettel zu haben. Das Gute jetzt ist, dass Sie sie mir nicht wegnehmen. Und deswegen, ich darf die Jahreszahl sagen, 1953 bist du in Olmütz geboren und weißt du, was in dem Jahr noch passiert ist? 1953? Der Generalissimo Stalin ist gestorben und schon warst du auf der Welt und das war ein glücklicher Moment für meine Geburt das ist natürlich großartig, das ist ein Detail, das ich heute hier erfahren habe ich hätte es eigentlich wissen können, das ich heute hier erfahren habe. Ich hätte es eigentlich wissen können, aber ich danke dir sehr, dass du mich darauf hingewiesen hast. Du warst bei deiner Großmutter, bist dann im 56. Jahr zu deinen Eltern gezogen, nach Prag. Ja. Dann ist dein Vater Jan 1971 gestorben, ein Schriftsteller, ein großartiger, spannender Mann, der dich wahrscheinlich beeinflusst hast, ohne dass du das auch so sehen kannst, aber das Besondere war, er war, kann man sagen, auf der roten Liste, er war eigentlich in Prager Fröding tätig, einer der führenden Persönlichkeiten, die Karta 77 wurde unterschrieben. Also im Endeffekt Auflagen, die er euch da gegeben hat, die fast nicht stellbar waren. Du durftest nicht studieren. Du warst irgendwann in der Situation, dass du im Endeffekt nichts mehr tun konntest, denn Ivan, dein Mann, ein großartiger Mann, den ich sehr schätze, einen Humor, den ich liebe, und die zwei sind ein großartiges Paar, der Ivan und du, ihr habt es dann irgendwann beschlossen, ihr könnt das eigentlich in der Tschechoslowakei nicht mehr leben, ihr könnt das nicht mehr für euch darstellen und habt Anfang der 80er Jahre beschlossen, die Tschechoslowakei zu verlassen. Das war aber ein Riesenprojekt. Erzähl uns davon. Mich hat das wahnsinnig berührt, als ich die Geschichte vor drei Jahren zum ersten Mal gehört habe. Wir haben natürlich darüber schon längere Zeit gesprochen. Also ich kannte keinen Menschen in der Tschechoslowakei, der nicht flüchten wollte. Das war schon eine Sehnsucht nach der Freiheit von vielen jungen Leuten. Und mein Mann war eigentlich erfolgreich. Er hat Theaterregie gemacht und gespielt als Schauspieler. Er hat sogar ein Theater gegründet, was damals eine fast unmögliche Sache war. Aber es war eine Gruppe von jungen Menschen, die dieselbe Sehnsucht hatten, nicht in einem steinernen Theater zu spielen, aber frei, irgendwie alternativ. Und sie haben dann zusammen ein Zirkuszelt nähen lassen und in diesem Zirkuszelt haben sie gespielt. Und das hatte den Vorteil, dass sie immer im Rahmen der Republik eigentlich reisen konnten und ihr Publikum sich aussuchen sollten. Also sie sind immer zu den jungen Menschen gefahren. Aber natürlich, so ein Theater war sehr populär, hatte Erfolg. Und da sind dann auch Menschen gekommen, die schon auf der schwarzen Liste waren. Das war Václav Havel, Pavel Kohut und andere. Und zwischen ihnen saßen im Publikum natürlich auch die Leute von Stasi, also die Spitzeln. Und sie haben gesehen, wie die anderen Leute auf diese Dissidenten reagierten. Und das war der Anfang vom Ende. Also das Theater wurde verboten und all die Mitglieder hatten ein Verbot bekommen, in Prag zu spielen, zu arbeiten. Mein Mann musste in die Region, in ein Regionaltheater gehen. Und dann hatten wir beide Probleme. Ich konnte sowieso nichts publizieren und machen. Und unsere ältere Tochter ist in die Schule in der Zeit gegangen. Und da haben wir gesehen, auch in der Schule gab es Probleme damit, wessen Tochter sie war. Also damals haben wir entschieden, wir müssen weg, aber es dauerte drei Jahre, bis wir den Weg gefunden haben. Wie? Ihr habt versucht, Urlaub zu nehmen, nach Jugoslawien zu kommen. Auch das war auch nicht so ganz selbstverständlich. Wir mussten also fragen, ob wir da hin können. Dann haben wir eine Bewilligung bekommen von der Geheimpolizei. Dann haben wir diese notwendige Summe von Geld bekommen. Das war damals auch notwendig. Das war lächerlich klein, aber ohne das konnte man nicht ausreisen. Und dann sind wir eigentlich über Slowakei, das war noch ein Teil von unserer Republik, über Ungarn nach Jugoslawien. Und da habe ich einen Freund gehabt. Es war ein jugoslawischer Schriftstellereller und ich habe ihn angerufen und wir wollen unbedingt heute Nacht nach Österreich. Und er hat gesagt, komm zu mir, wir werden einen Plan machen. Und dann hat er gefragt, kennt ihr jemanden in Deutschland, der bereit wäre, hierher zu kommen? Und ich habe gesagt, ja, Otto Philipp. Otto Philipp ist ein Schriftsteller, der ist gebürtiger Deutscher, aber aus der Tschechoslowakei, aus dem schlesischen Teil. Und er wohnte offiziell schon damals in München. Ich habe ihn angerufen und habe gesagt, Otto, wärst du bereit, hierher zu kommen und uns zu helfen? Er hat gesagt, ja, ich habe Pantoffeln, ich schaue Fernsehen, aber natürlich, ich habe noch nichts getrunken, also ich fahre. Ich weiß nicht, wie lange es dauerte aus München bis dahin, das war drei, vier Stunden vielleicht und dann hatten wir einen Plan, es war im Winter, viel Schnee, die Autos waren schmutzig und die Kennzeichen auch, also tschechoslowakische Kennzeichen, weißer Hintergrund und schwarze Zahlen und Buchstaben, wie die Deutschen, ja, sehr ähnlich, also wir haben das irgendwie mit dem schmutzigen Schnee beschmiert, Otto Philipp ist vor uns gefahren, aber es war in Ordnung, sein Passwort, deutsches Passwort und so. Und dann hat der slowenische Soldat eigentlich die Schranke aufgehoben und Otta Philipp hat vorgetäuscht, dass er nicht, dass sein Auto protestiert, dass es streikt und nicht weiterfahren kann. Und mein Mann hat ziemlich schnell und robust um ihn gefahren, ist gefahren und der jugoslawische oder slowenische Soldat wusste in dem Moment nicht, was passiert ist. Er hatte ein Gewehr, Maschinengewehr und ist hinter uns gelaufen. Aber, und mein Mann hat gesagt, alle auf den Boden. Wir waren auf dem Boden unter den Sitzen. Nur er ist so gefahren, bis wir auf der österreichischen Seite waren. Da kam schon der Österreicher und hat gefragt, was wir wollen. Ich habe damals sehr wenig Deutsch gesprochen. Ich habe gesagt, wir wollen einfach ein politisches Asyl. Und er hat das irgendwie dem Soldaten übersetzt und er war noch unentschieden, was er tun soll. Gäste macht wieder, Tschechoslowaken, nur Probleme mit ihnen und ist zurück in seine Heimat gegangen. Und für uns hat mit diesem Augenblick ein neues Leben angefangen. Der nächste Tag war Silvester 1983. Wahnsinn. Eine spektakuläre Flucht. Aber jetzt beginnt es für mich erst. Was für mich das Großartige ist, Sie werden sich wundern, warum sie so gut Deutsch spricht. Das hat einen Grund, meiner Meinung nach. Man kommt nach Österreich, du hast kein Deutsch gesprochen. Und dann kommen natürlich die Ratschläge. Da gibt es Communities, tschechische, tschechoslowakische Communities. Da gibt es Installateure, da gibt es Automechaniker. Alles kann man im Dunstkreis dieser Community, alles erledigen. Und ihr habt es dem aber widersagt und gesagt, nein, wir wollen das nicht. Ich hatte Glück. Also ich wollte, in der Tschechoslowakei durfte ich eigentlich nicht publizieren. Ich habe geschrieben, also ich habe schon von meinem Vater eigentlich gelernt, kann man sagen, wie man schreiben soll. Er hat mit mir darüber gesprochen. Ich wollte schreiben, ich habe auch zwei Bücher geschrieben, aber es war eigentlich unmöglich, sie zu publizieren. Dann hat ein Freund von mir, noch in der Tschechoslowakei, er arbeitete in dem größten, damals eigentlich einzigen Kinderbuchverlag Albatros, und er hat gesagt, weißt du was, probiere einfach ein Buch für Kinder zu schreiben. Die Zensur, die Kontrolle, die politische Kontrolle ist nicht so streng, was die Kinderliteratur betrifft. Vielleicht könnte ich das in dem Albatros durchsetzen. Und das ist wirklich gelungen. Es dauerte sechs Jahre. Ich habe das Buch geschrieben und sechs Jahre hat er gekämpft, bis es gelungen ist, dass wirklich dieses Buch erschienen ist. Aber dann, es war wahrscheinlich ein bisschen Zufall und Irrtum, dann hat man begriffen, dass ich die Tochter von Jan Prochaska bin, dass ich gerade ein Buch, obwohl es nur ein Kinderbuch war, publiziert habe und dann kam die Nachricht, kein weiteres Buch. Es war wirklich ein Verbot. Und ich wusste, dass ich in Österreich schreiben will, dass ich nicht eine Putzfrau sein will, wie es damals mein eigentlich Job war. Es war ein guter Job, ich will damals mein eigentlich Job war. Es war ein guter Job, ich will mich nicht beklagen. Der Job hat mir viele Geschichten mitgebracht, weil ich mit den Leuten auf der kleinen Seite, wo heute meine Geschichten abspielen, ich habe mit ihnen gesprochen, die Geschichten erfahren und das war natürlich so eine Quelle für mein Erzählen, aber trotzdem wollte ich schreiben und ich habe ein bisschen, aber wirklich sehr wenig, Christine Nöstlinger gekannt. Christine Nöstlinger war in Prag um mit Johannes Gelberg, der damals im Belz Verlag in Deutschland arbeitete, sie wollte sich in Prag mit ihm treffen. Und ich war irgendwie dabei. Das war ein Zufall. Und dann plötzlich sind wir emigriert und Christine hat das aus der Presse erfahren. Und wir waren in Treiskirchen in einem Flüchtlingslager und da kam ein Telegramm. Liebe Iva, wir haben nicht geduzt natürlich, aber das kam einfach so spontan, liebe Iva, ich weiß alles, wenn du etwas brauchst, wende dich an mich. Und das war natürlich die erste und sehr wichtige Botschaft in Österreich, dass auch hier also man Freude hat. Und Christine hat mir dann wirklich geholfen. Sie hat dafür gesorgt, dass ich und mein Mann so etwas wie eine Unterstützung bekamen. Und wir konnten dann mit dieser finanziellen Unterstützung Goethe-Institut Kurse bekommen. Und dort haben wir Deutsch gelernt. Und ein Verband der österreichischen Schriftsteller hat mir eine Schreibmaschine gekauft. Das war natürlich toll. Also für mich das Faszinierende, ja, da gab es natürlich viel Hilfe, aber dass ihr praktisch sagt, wir wollen Deutsch sprechen, wir wollen uns hier integrieren, wir wollen diese Sprache ordentlich lernen, das ist für mich der Schlüssel. Weil das ist etwas, was wir selbstverständlich annehmen, dass man sich hier integrieren muss, dass man Deutsch können muss. Das habt ihr freiwillig gewählt, weil eigentlich hättet ihr euch irgendwo hinsetzen können und da wären genug Zivilgesellschaften gewesen, die euch das Leben erleichtert haben, nein. Ihr habt beide Nein gesagt, und seid in diese Kurse gegangen, habt dafür Geld aufgetrieben, mit Hilfe von der Christine Nöstlinger, und das ist für mich das Grandiose, diese spektakuläre Flucht, und dann zu sagen, wir wollen uns hier integrieren, wir wollen Deutsch lernen, und wir sagen alles, was irgendwie da von der alten He was irgendwie da an, von der alten Heimat noch da ist, das können wir hier nicht brauchen. Es ging auch um die Kinder, weil wir mit zwei Kindern gekommen sind und wir wollten, dass sie nicht in einem tschechischen, engen Ghetto sozusagen erwachsen, aber in der offenen Gesellschaft. Genau. Und die haben es natürlich schnell gelernt, Deutsch. Als etwas älterer Mensch sagt man, okay, ich brauche vielleicht zwei Wochen länger. Aber damit bist du da mal ins Deutsche, ins Österreichische eigentlich reingekommen. Ihr seid ja dann von Österreich weiter. Es war eben das Theater meines Mannes. Er wollte unbedingt wieder ein Theater haben und Regie machen. Und da, ich weiß nicht mehr über wen, hat er eine deutsche Schauspielerin kennengelernt, die lebte damals in Lindau und sie wollte ein Theater gründen, aber für Kinder und Jugendliche und das hat mir gefallen, weil ich eigentlich in diese Richtung schon früher geschrieben habe und ich habe gesagt, ich könnte die Dramaturgie dieses Theaters machen und dann haben sie also so eine Lücke gefunden und das war in Konstanz am Bodensee, wo zwar ein großes Theater ist, aber nicht für Kinder. Und da war damals wirklich keine Bühne für Kinder und Jugendliche. Also wir haben dort ein Theater gegründet und in drei Jahren, die wir dort verbracht haben, eine Menge von Premieren gehabt. Es war ermüdend, es war wirklich sehr anstrengend, weil Konstanz keine große Stadt ist. Es ist zwar eine Universitätsstadt, aber das Publikum war begrenzt und wir mussten viele, viele Theaterreisen machen nach München, ich weiß nicht wohin, um uns zu ernähren. Und bei einer Reise wurden wir eingeladen nach Bremen, also wirklich am Norden, wo ein Theaterfestival war und ich weiß nicht eigentlich, wer uns gefunden hat. Und wir haben uns vorgestellt mit unserem Paradestück. Und das war so eine Ballade, die wir gespielt haben. Ich habe es geschrieben, auch Texte zu den Liedern. Es war mit vielen Liedern. In unserem Ensemble waren zwei sehr talentierte Schauspieler, die wirklich musikalisch waren. Und wir haben diese Ballade dort vorgezeigt. Und da war der Direktor des Bremer Kindertheaters und er ist gleich nach der Vorstellung zu uns gekommen, hat meinen Mann umarmt und hat gesagt, Ivan, du bist aus der Tschechoslowakei, ich stamme eigentlich aus Magdeburg, das ist auch Osten, wir verstehen uns sehr gut, wir müssen zusammenarbeiten. Er hat meinem Mann eine Stelle angeboten, in einem Jahr, es dauerte natürlich, wir mussten unsere Verpflichtungen in Konstanz schließen und noch ein Jahr warten, aber wir sind dann wirklich umgezogen und sieben glückliche und sehr schöpferische Jahre in Bremen verbracht. Ihr seid dann 1995 zurückgekehrt. Da sprechen wir nach der Lesestelle drüber. Wir werden jetzt die erste Lesestelle haben. So zehn Minuten haben wir besprochen. Du hast vier Bücher bei uns gemacht. Du warst vor uns. Es gab ein Leben vor uns, ich kann es kaum glauben. Und du warst hoch dekorierte Kinderbuchautorin, hast eigentlich alle Preise, die man in Deutschland und in Österreich und in der Schweiz gewinnen kann, gewonnen, hast dich dann entschieden, irgendwann einmal nicht mehr für Kinder zu schreiben, weil deine Kinder sind erwachsen geworden und hast dann begonnen, für Erwachsene zu schreiben. Du hast dann, ich glaube glaube es waren zwölf, bei uns wäre es ein Tatort, dort war es eine andere Krimiserie, die sehr viel mit Astrologie zu tun hatte, da wurden Fernsehserien gemacht, die sehr erfolgreich waren und man hat dich gebeten, doch Bücher zu schreiben. Den Kommissar hast du übernommen, aber es ist nichts, was schon verfilmt ist. Das sind ganz neue Geschichten, die du da geschrieben hast. Sie sind zuerst im Tschechischen erschienen. Du schreibst in Tschechisch, werden wir nachher auch noch ganz kurz darüber sprechen. Das war notwendig. Nach der Rückkehr habe ich wieder Tschechisch gedacht und dadurch auch Tschechisch. Da werden wir noch drüber sprechen. Es sind dann bei uns, der erste Fall, der Mann am Grund, ist erschienen im Jahr 2018 bei uns, nachdem du ihn 2014 herausgebracht hast. Dann aber wolltest du ein anderes Buch machen. Ein Verleger liebt es, wenn endlich ein Kommissar da ist, dass es auch weitergeht mit diesem Kommissar. Nein, diese Autorin kommt und sagt, ich will ein anderes Buch jetzt schreiben, ich will einen Thriller schreiben, die Residentur. Ich dachte, um Gottes Willen, was sage ich der? Wie können wir sie davon abbringen? Ich habe aber dann sehr schnell verstanden, dass wir sie nicht abbringen können davon, weil, und das ist das Besondere an diesem Buch, wir werden dann noch ein bisschen darauf eingehen, im Endeffekt hat sie in dem Buch den Ukraine-Krieg vorweggenommen. Es geht um den Ukraine-Krieg da drinnen, den sie bereits 2019 hat sie das geschrieben. 18 eigentlich. 2019 hat sie das geschrieben. Und sie hat gesagt, du Bernhard, 18, 19 ist es im tschechischen erschienen, wir müssen das jetzt bringen, das brennt mir unter den Fingernägeln, da passiert was, das wird ein Desaster, was wir dann zwei weitere Jahre später dann leider gesehen haben. Und deswegen haben wir diesen Fehler eingeschoben. Im Endeffekt steht zu dem Zeitpunkt 2020 schon alles drinnen, was danach passiert ist. Und deswegen wird sie auch sehr, sehr oft eingeladen von sehr vielen Veranstaltern, weil es da eben schon vorab drinnen steht und weil nicht nur du, aber vor allem du in dem Fall in dem Buch das schon gesehen hast. Dann, endlich, ging es weiter mit dem Holländern. Aus dem wirst du jetzt auch eine Stelle lesen. Und zur Frankfurter Buchmesse, wo wir heuer den Schwerpunkt tschechische Literatur haben, Endlich ging es weiter mit dem Holländer. Aus dem wirst du jetzt auch eine Stelle lesen. Und zur Frankfurter Buchmesse, wo wir heuer den Schwerpunkt tschechische Literatur haben, kommt dann der dritte Holländer. Und wir haben eine riesige Lesereise miteinander vor, bis zur Frankfurter Buchmesse und wollen sie jetzt endgültig im deutschsprachigen Raum durchsetzen. Und jetzt bitte ich dich einmal um die erste Lesestelle aus deinem zweiten Holländer. Auf dieser zweiten Folge. Ganz genau, bitte. mal um die erste Lesestelle aus der zweiten Folge. Vielleicht werde ich zuerst einfach die Stelle lesen und erst dann etwas erklären oder darüber sprechen. An, kommst du jetzt? Gleich. Nimm Tisch 7. Da habe ich dir Bürofuzzis hingesetzt, sagte Wanda's Stimme. Die sind zu viert. Sieht so aus, als ob sie auf die Kacke hauen wollen. Bin in einer Minute da. Vor der Tür eilten Schritte davon. Ann zog zum letzten Mal die Nadel durch den Saum, machte einen Knoten und biss den Faden durch. Sie testete, ob die gepflegte Stelle hielt. Der rote Netzoverall kontrastierte effektvoll mit ihrer Haut und verdeckte genau so viel, dass sie sich nicht völlig nackt vorkam. Er sah attraktiv aus, aber es war billiger Krempel. Das Ding war gerissen, kaum dass sie es sich übergestreift hatte. Morgen würde sie sich einen besseren besorgen. Sie konnte billigen Krempel nicht leiden. Sie kam sich darin selber billig vor. vor. Eilig zog sie ihre Wimpern nach und fuhr sich mit dem blutroten Lippenstift über den Mund. Die Stelle, wo die Strähne abgeschnitten war, verbarg sie unter dem Haarband. Perfekt. Sie verließ die Umkleide und während sie auf ihren hohen Absätzen in den Barraum ging, justierte sie ihren Gesichtsausdruck nach. Was den Knottek, das arme Würstel, in den siebten Himmel beförderte, war für die Gäste der Niveaubar nicht genug. Das hatte Wanda ihr gleich als erstes verklickert. Oben, unten, ohne heißt nicht, dass du nackig Cocktails servierst. Und das war's dann. Die wollen was Außergewöhnliches erleben. Da muss alles zusammenspielen. Make-up, Gang, Parfüm, Innotation, Intonation, Gesichtsausdruck. Gib den Bestien das Gefühl, dass jedes Hintenschwenken und jedes Augenzwinken ein persönlicher Extrabonus ist. Sie lieben Bonny, deswegen gehen Sie hierher und nicht in eine normale Kneipe. Anne wusste genau, was hohe Ansprüche waren. Ihre waren ebenfalls hoch und sie zögerte nicht, für ihre Befriedigung auch etwas zu tun. Sie tröte nicht für ihre Befriedigung auch etwas zu tun. Fleißig büffelte sie Rechtsvorschriften und Gesetzestexte, bereitwillig ging sie mit André Knotek spazieren, machte ihm das Essen warm, diskutierte mit ihm über die Moral von Hänsel und Gretel, spielte mit ihm Mensch ärgere dich nicht und wenn er mal zu Geld kam, half sie ihm gern, es wieder loszuwerden. Es waren kleine Beträge, aber er verlangte auch fast nichts dafür. Ihm genügte es, wenn er ihr die Haare zerstrubbeln durfte, sich ein wenig an sie drücken, ihr an den Stellen Küsschen geben, wo sie ihm das erlaubte. Immer tat er nur das, was sie zuließ. Ein 45-jähriger Mann, der sich wie ein braver Schuljunge benahm. Bevor ihm der Unfall passiert war, musste er interessant gewesen sein. Etwas von seinem früheren Sexappeal steckte nach wie vor in ihm. Die Bar fühlte sich gerade erst. Ann war jetzt die zweite Woche hier und kämpfte immer noch gegen das Lampenfieber. Beim Einstellungsgespräch hatte der Manager mit ihr sachlich ja fast schon unverschämt gesprochen. Eine Vietnamesin hatten wir hier noch nicht, bemerkte er und musterte sie aus fast zwei Metern Körperhöhe. In ihren Stiefeln mit dem flachen Absatz fand er sie viel zu klein. Das braucht Stöckel, so hoch wie es geht. Sie begriff, dass es ein Befehl war. Er legte ihr nahe, sich den Kunden nicht als Ann vorzustellen, sondern als Anitschka. Ihre Probezeit laufe bis Weihnachten. Sollte sie sich nicht bewahren, dann adieu. Interessentinnen gäbe es mehr als genug. Ann bezweifelte das nicht. Wander hatte ihr geflüstert, dass in einer Stunde bis zu 1000 Kronen Verdienst drin seien. Der Manager gab ihr zu verstehen, dass sie noch viel mehr Geld machen könne, falls sie das wolle. Ohne zu zögern hatte sie ihm gesagt, dass sie das wolle und dass sie dafür alles Nötige tun werde. Und das hatte sie dann auch. Tisch sieben stand in der hinteren Ecke. An ihm saßen drei Männer. Der vierte war offenbar auf dem Klo. Am leeren Stuhl hing sein schwarzer Schal. Während Anne zum Tisch ging, checkte sie das Trio mit Blicken ab. Zwei um die 50, ein Jungspund. Gut gekleidet, kultiviert, Geschäftspartner oder Herr Kollegen aus derselben Firma, schätzte sie. Guten Abend, meine Herren, grüßte sie mit einem Lächeln, das sie in den letzten Tagen gründlich einstudiert hatte. Darf ich Ihnen gratulieren? Zu was? fragte einer der 50-Jährigen. Am Handgelenk trug er eine Rolex, Rosé-Gold, das sie sich in die beste Bar von Prag ausgesucht haben. Wer sagt, dass es die beste ist, übernahm der zweite 50-Jährige die Konversation. In seinen Augen ein fröhliches Funkeln, er wollte sich amüsieren. Ann lächelte noch ein paar Millimeter breiter. Mein Name ist Anitschka und ich werde heute Abend für Sie sorgen. Sie machte mit ihren einleitenden Phrasen weiter und ließ den Blick von einem zum anderen wandern. Wanda hatte ihr erklärt, dass es wichtig sei, jedem am Tisch die gleiche Aufmerksamkeit zu widmen. Keiner dürfte das Gefühl haben, von ihr vernachlässigt zu werden. Darf ich Sie im Namen des Hauses auf unseren Original-Begrüßungs-Cocktail Nivo einladen? Ich bin offen für alles, was Sie uns anbieten, liebe Anitschka, versicherte ihr der mit den funkelnden Augen. Ich würde lieber bei den bewährten Eröffnungen bleiben, verkündete die Rolex. Für mich einen Jack Daniels. werden Eröffnungen bleiben, verkündete die Rolex. Für mich einen Jack Daniels. Blieb noch der Jüngste des Trios. Bis jetzt war er ihrem Blick ausgewichen. Sein Gesichtsausdruck ließ ahnen, dass er nicht aus eigenem Antrieb hergekommen war. Die älteren Kollegen hatten ihn offensichtlich überredet. Was ist denn an dem Niveau-Cocktail so originell? fragte er. Das Rezept ist eine Kreation unseres Barkeepers, erläuterte sie mit einem Versprechen in der Stimme. Alles, was hier angeboten wurde, musste begehrenswert und exklusiv wirken. Basis ist ein schwedischer Wodka und frisch gepresster Limettensaft. Mehr verrate ich nicht. Wäre das was für sie? Endlich erwischte sie seinen Blick. Ihr fiel auf, dass er sehr jung war, süß, mit einem Augenbrauen Piercing. Es war ihm peinlich, hier zu sein. Er schaute ihr direkt in die Augen, damit sie nicht dachte, dass ihn ihr nackter Körper interessierte. Na gut, sagte er, um einen ungezwungenen Tonfall bemüht. Ich probiere es mal. Anne wollte gerade gehen, als hinter ihr eine weitere Stimme ertönte. Sie gehörte dem Vierten, dem Besitzer des schwarzen Schals. Habe ich was verpasst? Was wird denn hier geboten? Der gut bekannte Bariton, der gut bekannte Duft. Eine Verwechslung war ausgeschlossen. Anne spürte, dass sich ihr Magen heftig verkrampfte. Durch den Kopf schossen ihr diverse Einfälle, wie sie sich retten konnte, aber praktisch alle unausführbar. Als sie hier angefangen hatte, war ihr klar gewesen, dass so etwas passieren konnte. Sie hatte allerdings nicht erwartet, dass es so schnell gehen würde. Angestrengt schluckte sie, beruhigte ihre Atmung und drehte sich um. Er stand vor ihr, in seinem besten Anzug, dezent umgeben von Duft nach Derm. Das lockige Haar fiel ihm leger in die Stirn. So unerwartet diese Begegnung auch für ihn sein mochte, er ließ sich nichts anmerken. Er schaute sie an, als sähe er sie zum ersten Mal im Leben. Anitschka, offeriert uns einen Cocktail aufs Haus, teilte ihm der Mann mit dem Funkeln in den Blick, vergnügt mit. Willst du einen? Das überlasse ich Anitschka. Sie soll mir bringen, was sie selbst für passend hält, antwortete er. Ich bin mir sicher, dass sie dabei richtig liegt. Er fuhr sich mit der Hand über den schmalen, sorgfältig gestutzten Schnurrbart und dann machte er eine Geste, die seine Begleiter nicht sehen konnten. Sie war vielsagend, Daumen nach unten. Er ließ sie kein bisschen im Unklaren darüber, was die Folgen dieser Begegnung wären. Ich gebe mir Mühe, säuselte sie, bin gleich zurück. Sie schenkte dem Grüppchen ein strahlendes Lächeln und machte eine elegante Drehung auf den hohen Absätzen. Als sie zur Bar ging, war ihr Körper unter dem Netzstoff des Overalls mit einer Gänsehaut überzogen. Dass die heutige Nacht Konsequenzen haben würde, daran gab es keinen Zweifel. Die Frage war nur, wie schnell sie eintreten würden und ob sie ihnen zu vollkommen könnte. Ich bin stolz auf dich. Zehn Minuten. Ja, wir haben das verabredet. Zehn Minuten. Ja, das ist die Mitte. Oder nicht Mitte, es ist ziemlich am Anfang, aber schon in der Geschichte. Sag uns was über die Spur der Kälte, um was geht es eigentlich? Es spielt, natürlich haben wir wieder unseren Hauptermittler, aber da spielt ein Lottoschein eine Rolle. Ja, da spielt ein Ehepaar eine große Rolle. Dieser Mann, er wurde schon erwähnt, dieser Knottek, Andrei, hatte einen Unfall und aus einem sehr klugen Mann, einem Ingenieur, Bauingenieur, wurde von einem Tag oder von einem Moment aufs andere ein Invalide und er hat zwar alles gelernt wieder, also er kann nicht sehr einfach, aber mit Anstrengung kann er sogar lesen, er kann sehr gut sprechen, gehen und so weiter, aber er benimmt sich wie ein Kind. benimmt sich wie ein Kind, obwohl seine Lust auf schöne Frauen nicht verloren gegangen ist. Und diese Anitschka, diese Vietnamesin, macht so etwas wie eine Pflegekraft bei ihm. Sie wurde engagiert von seiner Ehefrau und sie hat einen freien Eintritt in die Wohnung. Sie hat auch die Schlüssel von der Wohnung und wenn die Ehefrau nicht zu Hause ist, dann ist ihre Beziehung zu diesem Knottek ziemlich frei. Aber es hat Grenzen, weil sie, diese Vietnamesin, auch ziemlich autoritär ist. Vietnamesin, auch ziemlich autoritär ist. Am Anfang kauft Andrej und seine Ehefrau einen Lottoschein, wie jede Woche praktisch. Sie kaufen immer nur die billige, also zwei Reihen setzen sie und mit diesem Lottolschein beginnt eigentlich die Geschichte. Ich wollte, und das ist meine Methode, wie ich an das Erzählen rangehe, da ist zwar eine Linie, die sehr wichtig ist und die dann auch entscheidend ist, auch entscheidend ist. Aber was mir wichtig ist, ist die ganze Gesellschaft. Also es ist für mich kein Krimi-Roman, aber ein Gesellschaftsroman. Da sind die Studentinnen, die ihr Geld in einer Bar verdienen, die eigentlich ein bisschen verdächtig ist, diese Bar, weil neben der also sie servieren natürlich Getränke und so weiter, aber da gibt es auch andere Dienste, die nachher kommen. Das Mädchen kann sich entscheiden, ob es will oder nicht und diese Vietnamesin will es. Sie will unbedingt viel Geld verdienen. Als sie dann eines Tages tot aufgefunden ist, weiß man natürlich nicht, Kommissar Holliner weiß es nicht, ob er die Spur in der Milieu der Klienten diese Nachtwahl suchen soll oder diese Knottek mit seiner Ehefrau oder ob noch andere, also zum Beispiel dieser seltsame Mann, der jetzt sich mit diesem Schnurrbart vorgestellt hat, wer das eigentlich ist. Also da sind viele, viele Möglichkeiten und was mir am meisten bei dem Schreiben Spaß macht, sich eigentlich die Figuren und die Beziehungen auszudenken und dafür zu recherchieren. Das ist meiner Meinung nach das Besondere bei deinen ganzen Texten, dass es jetzt, ja, das ist halt ein Kriminalfall, das spielt in Prag, es gibt kaum Schriftsteller, Schriftstellerinnen, die ins Deutsch übersetzt sind, die Kriminalfälle in Prag ansiedeln. Man kriegt viel von der Stadt mit, aber das Besondere sind deine Figuren. Und die Interaktion dieser Figuren, das ist ein wichtiger Punkt. Wir hören nachher noch zum Abschluss eine zweite Lesestelle. Ich würde dir nur gerne noch die Frage stellen, du sprichst Deutsch, schreibst in Tschechisch. Jetzt kriegst du von deinem Übersetzer irgendwann den Text. Wie geht es dir dann? Mirko Kretsch kann sehr, sehr gut Tschechisch. Er hat Bohemistik studiert und er lebte auch, ich weiß nicht wie lange, aber in Prag, in Böhmen. Er kommt immer wieder hin nach Prag. Er versucht immer wieder, sein Tschechisch zu verbessern und seine Übersetzungsmöglichkeiten raffinierter zu machen. Und der Prozess seiner Arbeit ist so, dass er natürlich zuerst ganz alleine arbeitet, aber dann bekomme ich regelmäßig so eine Liste von Fragen von ihm. regelmäßig so eine Liste von Fragen von ihm, wo er wirklich ins Detail geht. Er fragt dann, da ist zum Beispiel eine Anspielung auf diese Bar, weißt du wirklich, ob dieser Mann dort gearbeitet hat? Ich habe gesagt, weißt du was, das ist nicht eine Bar in Wirklichkeit. Ich habe diese Bar erfunden, aber ich hatte vor meinen Augen oder im Kopf natürlich Beispiel von mehreren Nachtlokalen, die im Schatten liegen sozusagen. Und ich weiß, wer diese Klientel war. Ja, gut, dann werden wir das so machen. Also er macht sich wirklich Gedanken und sucht mit mir zusammen auch die besten, zum Beispiel mit den Namen ist das immer schwierig, also meine Namen sind nicht zufällig, ich versuche immer in dem Namen ein bisschen den Charakter der Figur abspielen zu lassen. Und das weiß er und deshalb suchen wir die Parallelen. Zum Beispiel in diesem Buch, das Schwierigste ist, die Ehefrau von Knottek arbeitet in einem Verlag. Dieser Verlag publiziert Kalender oder kleine Büchlein mit Sprichwörtern, mit Bauernregeln. Und ich habe am Anfang der Kapitel immer so eine Bauernregel, zum Beispiel 30. November schneit es am Andreastag verstummt der Nachtigallenschlag. Und das war so schwierig für Mirko, weil es auf Tschechisch natürlich ganz anders klang, aber es musste am 30. November sein, es musste ein Andreastag sein. Und bei uns in Tschechien viel stärker als hier, in Österreich oder in Deutschland, viel stärker als hier in Österreich oder in Deutschland, die Wichtigkeit oder die Rolle des Namenstags ist sehr wichtig. Also bei uns zum Beispiel, der Geburtstag wird nicht, in manchen Familien wird nicht so stark gefeiert als Namenstag. Also wenn jemand, Martin zum Beispiel, also der heilige Martin und dann ist das wirklich für die ganze große Familie ein Fest. Oder Václav, wie Václav Havel, also ein tschechischer Name. Und deshalb habe ich versucht, das mit diesen Sprichwörtern, Gedichten, kleinen Bauernregeln zu schmücken. Und da Mirko kriegt das hin und du bist da zufrieden und kannst dann, wenn du es dann in Deutsch liest, für dich auch so akzeptieren? Ich mache auch Vorschläge, wo ich meine, also niemals habe ich eine schlechte Stelle gefunden, niemals. Aber ich mache auch Vorschläge, wo ich es anders spüre und ich überlasse es dann ihm, ob er an mich hört oder nicht. Das ist schon seine Sache natürlich. Bei der Residentur, mit der haben wir ja auch die Bestsellerliste erreicht, da waren wir auf Platz 9 der Krimi-Bestenliste, ja auch die Bestsellerliste erreicht, da waren wir auf Platz 9 der Krimi-Bestenliste. Da wurde von dem einen oder anderen Kritiker angesprochen, dass nicht alles auserzählt ist, dass du sehr vieles offen lässt. Was hat es damit auf sich? Es ist ein Roman am Anfang, als ich angefangen habe, und der Anfang war die Annexion von Krim. Also das hat mich sehr betroffen. Ich war einmal auf Krim als Kind, ich hatte die ganze Atmosphäre und so weiter. Ich war einmal in Kiew und ich hatte in der Ukraine eine Freundin, die später in Prag wohnte und heute in Prag lebt. eine Freundin, die später in Prag wohnte und heute in Prag lebt. Also die Beziehung war schon hier und nicht nur das. Für mich war diese Annexion eigentlich eine Erinnerung an Prag und das Jahr 68, wo wir okkupiert waren. Ich habe das als 15-jähriges Mädchen erlebt. Und in einem russischen Verlag sollte damals mein Kinderbuch erscheinen. Aber ich habe noch den Vertrag nicht unterschrieben. Und nach der Annexion habe ich gesagt, nein, kein Buch von mir wird in Russland erscheinen. Und ich habe das der Agentur geschrieben. Und die Agentur wusste nichts Besseres, als es in die Welt zu trompeten. Also ich ging damals, gerade war diese Serie gedreht. Mein Mann war mit dem Team, mit der Crew auf dem Platz, ich fuhr gerade hin und plötzlich höre ich im Radio, Iva Prochaskova hat verboten, dass ihre Bücher in Russland erscheinen. Also das war, ich kann nicht nach Russland fahren, ich bin auf der schwarzen Liste und vor einer Woche, das sage ich jetzt nur als so ein interessantes Moment, vor ungefähr einer Woche hat mir ein belorussischer Verleger geschrieben und hat gesagt, ich möchte so gerne ein Buch von Ihnen haben, aber ich weiß, dass Sie in Russland, also dass Sie diesen Verbot gehabt haben, aber ich weiß, dass Sie in Russland, also dass Sie diesen Verbot gehabt haben, aber ich würde es auf Belarusisch verlegen, das ist nicht russisch und ich muss erklären und er hat mir einen langen Brief geschrieben, dass eigentlich Belarusisch nur mit Minderheit heutzutage gesprochen oder gesprochen schon, aber gedruckt wird, weil die Tendenz ist, das ganze Belarusische zu unterdrücken. Sie wollen eigentlich, dass die Presse und die Bücher alles auf Russisch erscheinen. Und es ist schon ein Unterschied, also zwischen Ukrainisch, Russisch, Belarusisch, Russisch, das sind die Nationalsprachen, die ausdrücken eigentlich den Charakter der Nation. Also ich werde es ihm geben, die Rechte. Nachdem du gut und lange geantwortet hast, werde ich dir jetzt keine weitere Frage stellen, sondern bitte dich um deine letzte Lesestelle. Und jetzt komme ich zu der Stelle, wo ich die Figur von André Knotek vorstelle. Ich versuchte, das sage ich nur ganz kurz, ich war einmal in Chemnitz auf Lesereise und dort habe ich eine wunderbare Bibliothekarin kennengelernt, und die hat mir diese Geschichte erzählt. Erzählt über ihren Ehemann, der ein Ingenieur war und so weiter, alles wie in diesem Buch. Und nach einem Unfall auf der Baustelle, dass er sich wie ein Kind benimmt, und sie hat mir gesagt, weißt du was, er ist jetzt viel netter. Und er hat mir erzählt, alles was hier ist, eigentlich ist Wahrheit. Das war schon komisch, eine Lektorin in Prag hat gesagt, aber Eva, ich glaube nicht, dass nach so einem Unfall ein Mann sich so benimmt. Ich habe gesagt, es ist aber Wahrheit. Ich weiß das von seiner Ehefrau. Also ich versuchte, seine Gedankenprozesse zu zeigen. Redaktion Tamara Knotkova. Andrei entzifferte die Wörter auf der letzten Seite des Buches. Komplizierte Wörter. Sie bedeuteten seine Frau. Er hob den Blick zu ihr. Sie stand in der Kü versteckt, er sollte nämlich nicht wissen, wie sie aussah. Er blätterte bis zu der Stelle, wo das Bändchen eingelegt war, dann rückte er sich das Buch zurecht und stützte sich mit den Ellbogen auf den Tisch. Schneewittchen aber wuchs heran und wurde immer schöner, flüsterte er mit. Das kam ihm bekannt vor. Wahrscheinlich hatte er diese Wörter schon gelesen. Er ließ den Blick auf der Seite weiter nach unten rutschen. So antwortete der Spiegel, normale Spiegel konnten nicht sprechen. Der hier hatte Zauberkräfte. Die Königin fragte, wer die Schönste sei und der Spiegel antwortete Schneewittchen. Das brachte die Königin aus irgendeinem Grund zu Weißglut. Warum hatte sie ihn dann gefragt, wenn sie die Wahrheit nicht hören wollte? Weil sie wollte, dass der Spiegel sagt, Frau Königin, ihr seid die Schönste hier, hatte ihm Anitschka heute Morgen erklärt. Oder gestern? Oder vorgestern? In der Zeit konnte Andrei sich nicht orientieren. Es war unmöglich, sich da auszukennen. Genau wie mit Namen. Anitschka hieß in Wirklichkeit gar nicht Anitschka. Er hob den Blick vom Buch und versuchte, den richtigen Namen seiner Assistentin aus seinem Gedächtnis zu fischen. Anitta? Anja? An! Sie hieß An, aber das gefiel ihm überhaupt nicht. Anitschka passte besser zu ihr. Liebe, süße Anitschka, wann bist du wieder da? Sie könnte auch Schneewittchen heißen. Die zarte Haut, die langen Wimpern, die schwarzen Haare. Energisch kehrte sein Lustgefühl zurück, das er verspürt hatte, als er eine Strähne ihres Haars mit den Fingern greifen und abschneiden durfte. Wenn Anitschka hier nur gewesen wäre. Aber sie war nicht da. Er hatte nur die Haarsträhne von ihr und ein duftendes Höschen. Aber da kam er gerade nicht ran. Vor seiner Frau und vor Dobravka, das ist eine Therapeutin, die Dobravka, hielt er es versteckt. Anitschka wollte nicht, dass die beiden davon erfuhren. Hatte sie gesagt. Sie wären nicht damit einverstanden, dass er es hatte. Auch nicht damit, dass er ihr öfters Geld gab. Erneut senkte er den Blick zum Buch. Aber er war viel zu aufgeregt. Seine Augen konnten sich nicht am Text festhalten. Er musste ein Stück Papier nehmen und es unter die Zeile legen, die er gerade las. Da rief sie einen Jäger, buchstabierte er. Auch diese Stelle kam ihm bekannt vor. Ihm war so, als würde gleich etwas, etwas Schreckliches passieren, aber er konnte sich nicht erinnern, was. Das war sein Problem. Er spürte, dass er eine Sache im Kopf hatte, konnte sie aber nicht finden. Er schaffte es nicht, sie hervorzuholen, tastete nur immer um sie herum. Dabei fühlte er, was sie für eine Gestalt hatte, wusste, ob sie schön oder hässlich war, lustig oder traurig. ob sie schön oder hässlich war, lustig oder traurig. Manchmal nahm er solche verborgenen Sachen auch im Kopf von anderen Menschen wahr, vor allem in dem seiner Frau. Heute in der Kirche war Tamara traurig gewesen, aber sie hatte ihm nicht gesagt, warum. Oder hatte sie es ihm gesagt? Bring das Kind hinaus in den Wald, las er den Befehl der Königin und merkte, wie sich ihm die Herrchen an den Armen sträubten. Jetzt kommst! Es lief ihm kalt den Rücken hinunter, angesichts dessen, was der Jäger vorhatte. Es war schlimm, ganz schlimm. Er schob den Zettel unter die nächste Zeile, traute sich aber nicht hinzuschauen. Wenn er die schlimme Sache nicht lesen würde, dann würde sie auch nicht passieren. Sie würde im Buch verusholen konnte, wie seine Ingenieurkunst. Ihn würde ja mal interessieren, was Ingenieurkunst eigentlich war. Irgendwas mit Zahlen, mit Kraft, die nicht Kraft hieß, sondern er ließ seinen Blick durchs Zimmer schweifen und dachte nach. Er wusste, dass in der Schublade im schwarzen Schrank, den Tamara Sekretär nannte, ein wichtiges Dokument lag. Sie hatte es ihm gezeigt. Es war alt, aber immer noch gültig, so wie alte Fotos gültig waren, obwohl die Leute darauf sich gar nicht mehr ähnlich sahen. Auf dem Dokument stand Diplom und darunter André Knotek, Ingenieur für Energie, Elektrik oder Elektroenergie oder sowas ähnliches. Tamara hatte sich bemüht, ihm zu erklären, was die ganzen Wörter bedeuteten, aber ihm war das kompliziert vorgekommen. Viel zu kompliziert. Ein Ingenieur Knotek ging über sein Begriffsvermögen hinaus. Märchenfiguren taten das nicht. Die verstand er. Aber vor manchen hatte er Angst. Vor denen bekam er in sich drin ein flaues Gefühl, flau und beklemmend, bis er kaum noch Luft bekam und ihm die Tränen in die Augen schossen. Ach komm, das ist doch nur ein Märchen, tröstete Anitschka ihn immer. Sie glaubte, dass Märchen nicht wahr waren. Da irrte sie sich. Andrei spürte, dass Märchen sehr wohl wahr waren, das, wovon sie erzählen, was war passiert und konnte auch wieder passieren. Und vielleicht geschah es ja gerade eben, jetzt, im selben Moment, während er hier saß. Darin war die Zeit tückisch. Sie machte vieles auf einmal, aber nie verriet sie alles. Sein Blick landete wieder auf dem Buch. Der Jäger gehorchte und führte es hinaus, las er mit Mühe. Vor Aufregung verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen, in seinem Kopf hämmerte es, das Herz schlug Welt. Und als er den Hirschfänger gezogen hatte, das war die Stelle. Er konnte nicht weiter lesen. Er wusste, dass ein Hirschfänger ein Messer war und wozu der Jäger es mit hatte. Warum er es im tiefen Wald hervorgezogen hatte. Es war klar, was nun käme. Was käme, wenn er weiterlesen würde. Schnell klappte er das Buch zu. Sein Herz pochte immer noch wie verrückt, aber sein Kopf beruhigte sich allmählich. Das Schlimmste hatte er verhindert. Er stand auf und ging mit dem Buch zum Bücherregal, schob es hinein und presste die daneben stehenden Bücher fest dagegen. Diese Märchen würde er nicht mehr lesen. Er würde das Buch nie wieder aufschlagen, es nie wieder aus dem Regal nehmen. Er würde nicht zulassen, dass das Böse herauskäme. Iva Prochasko. Danke. Wir sind doch eine nette, überschaubare kleine Runde heute gewesen. Trotzdem, wer die Gelegenheit jetzt wahrnehmen will, das Buch oder ein Buch eines deiner Bücher sich signieren zu lassen, hat jetzt die Möglichkeit. Ich glaube, die Buchhandlung Neugebore ist heute da. Sehe ich das richtig? Da sehe ich nicken, ja. Ich freue mich sehr, dass ihr da seid. Vielen Dank für den Büchertisch. Wer jetzt Lust hat, gerne noch signieren lassen. Im nächsten Teil, der wird heißen, ein Lied für den Weg. Ja, ein Lied für den Weg. Haben wir heute beschlossen. Es war die Reise, es wird ein Lied für den Weg. Das ist der nächste Titel. Und dabei wird eine Klarinetistin vergiftet. Was der Lottoschein hier war, ist dort eine vergiftete Klarinetistin. Freuen Sie sich drauf. Es wird im Sommer, spätestens im September ist es dann da zur Frankfurter Buchmesse. Aber jetzt bedanke ich mich, motiviere Sie, weil Ostern ist zwar vorbei, aber das Sommer steht bevor. Sie brauchen Lesefutter. Sie brauchen Krimis. Also lassen Sie sich ein Buch signieren. Sehr gerne. Und übergebe an die Gastgeberin, der ich sehr danke, dass wir da sein dürfen. Genau, ich möchte zum Schluss auch noch kurz das Wort ergreifen und mich bei unseren Gästen bedanken. Herzlichen Dank an Iva Prochaskowa und Bernhard Borowanski vom Braunmüller Verlag. Einerseits für die Lesung, für das interessante Gespräch und die Einblicke sowie die Moderation. Der Büchertisch ist schon angeklungen, er befindet sich eben hinten und wurde in der Zusammenarbeit mit der Buchhandlung Neugebauer heute organisiert. Meine Kollegin Sandra Malitz betreut sie gerne, also ich werde mir mein Lesexemplar dann signieren lassen. Sie können auch die Chance ergreifen und vielleicht auch noch kurz ins Gespräch kommen mit unserer Gästin. Besuchen Sie uns auch gerne am Donnerstag wieder, wenn wir Norbert Strein zu Gast haben. Um 19.30 Uhr wird er seinen neuen Roman im ersten Licht vorstellen und mit Daniela Striegel ins Gespräch treten. Das war es von meiner Seite. Vielen Dank fürs Kommen. Sie können auch gerne noch den Abend ausklingen lassen bei einem Getränk bei uns im Literaturcafé. Und ja, ich wünsche Ihnen einen schönen Abend und bis bald wieder hier im Stifterhaus. Auf Wiedersehen.