Willkommen bei Literatur im Dorf, Silvana Steinbacher wünscht Ihnen einen angenehmen Nachmittag. Zu Gast ist heute Ursula Wiegele, die mit ihrem neuen Roman Nur die Laute der Vögel ein im wahrsten Sinn des Wortes handlungsarmes und im besten Sinn des Wortes handlungsarmes Buch vorgelegt hat. Ich möchte jetzt Ursula Wiegele auch ein wenig vorstellen. Sie ist in Graz, sie lebt in Graz und ich möchte mich heute mit ihr darüber unterhalten, wie eine Autorin sich einem Text nähert, wo es wenig passiert eigentlich. Also das ist ja eine große Herausforderung auch. Aber ich möchte mich nicht nur darüber mit ihr unterhalten, sondern auch über ihre anderen Werke, über ihre Liebe zu Italien und ihre Beschäftigung mit Musik und ich begrüße jetzt Ursula Wigertle ganz herzlich. Vögel handelt davon, dass ein gewisser Luca sich eine Auszeit nimmt und dort eigentlich nichts Bestimmtes tun muss oder vorhat. Also es ist so ein Eremiten-Roman eigentlich und er beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst, betrachtet die Natur und die Vögel, wie es im Titel schon angesprochen ist. selbst betrachtet die Natur und die Vögel, wie es im Titel schon angesprochen ist. War es von Ihnen so eine ganz bewusste Herausforderung, auch sich einem Thema zu widmen, in dem eigentlich wenig passiert? Ja, genau. Geboren wurde diese Idee in einem Küster-Residency in Lichtenstein. Da war ich in einem Turmhaus, in einem mittelalterlichen Turmhaus, das erste Mal ganz allein in einem Haus am Rande eines Dorfes in absoluter Ruhe. Nur ein paar Schafe waren Nachbarn. Und da habe ich am vorletzten Roman gearbeitet, aber da ist diese Idee gekommen, ich möchte so gern einen Rückzugsroman schreiben. Damals ist gerade der Ukraine-Krieg losgebrochen und es war auch sehr viel an Äußerem, was da auf alle eigentlich eingebrasselt ist. Und ich habe auch bei Personen in meinem näheren Umfeld bemerkt, wie überfordert sie und überlastet sie sind, auch durch diese Bilderflut. Ja, so ist das gekommen. Und warum ist es auf der Insel in Grado, in der Lagune von Grado, eben der Roman, an dem ich da noch gearbeitet habe, der endet dort. Und da gibt es dann den Satz, hier in der Lagune nur die Laute der Vögel. Und das war eigentlich dann nur die Laute der Vögel, der Vögel war schon der Arbeitstitel fürs Nächste. Ich habe das Gefühl gehabt, ich möchte einfach hierbleiben als Handlungsort, in dieser Ruhe. Und das Dritte, was dazugekommen ist, dass ich Luca, den Ich-Erzähler, schon gut kenne von meinem ersten Roman. Da ist er das erste Mal als sehr junger Gambist sozusagen auf die literarische Bühne getreten. Und das hat mich schon immer interessiert, was ist aus ihm geworden? Und so hat sich dann so das Ganze natürlich ergeben. Also es war so, die Annäherung war eine biografische, nur mit dem Unterschied, wenn ich Sie richtig verstehe, dass Sie ja sehr wohl dort gearbeitet haben. Aber der Luca hat nicht unbedingt irgendwelche Pflichten dort. Er kann sich ganz dem Nichtstun und dem Überlegen und dem Denken, das ist ja auch so sein Ziel, hingeben. Und Sie beschreiben ja, das finde ich recht schön, so die alltäglichen Vorrichtungen. Es gibt einen Fischer, der Lebensmittel bringt, aber sonst passiert auch nicht sehr viel. Nein, es passiert nicht viel. Die Idee war ja, durch die Beschreibung seiner einfachen Tätigkeiten und der Natur vor allem, den Text ganz dort zu verankern in dieser Ruhe. Ja, nicht einfach, gell? Ich meine, haben Sie das, war es teilweise so, dass Sie, ich denke mir, wenn man ein Buch schreibt, wo da passiert das und das und das hintereinander, dann ist das ja literarisch auch nicht so schwierig, als wenn man diese Ruhe beschreibt. Ja, ich war halt im Laufe dieser drei Jahre immer wieder dort und habe dann auch viel eingedampft. Das ist bei mir immer ganz wichtig. Ich möchte nichts, was nicht so wesentlich ist, im Text haben. Da bin ich sehr streng mit mir selbst. Im Text haben, da bin ich sehr streng mit mir selbst und ich habe dann auch zwei Handlungsstränge schließlich entfernt. Der eine ist nach Basel gegangen, wo Lukas eine Ausbildung gemacht hat und der andere war Siena, was mir schon sehr liegt, aber ich habe dann das Gefühl gehabt, es zerfranst ein bisschen. Ich möchte lieber mehr in der Lagune sein, das Konzentrierter sozusagen beschreiben, was dort ist. Also im Schreibprozess reduzieren Sie dann bereits? Immer, immer, immer. Sind das schmerzhafte Abschiede? Ja, zum Teil schon. Zum Teil ist es schon ein kleines Opfer, aber ich weiß immer, warum ich dieses Opfer mache. Also ich überarbeite irrsinnig oft und das ist eigentlich meistens ein Reduzieren. Also zum Beispiel, wie ich in diesem Turmhaus war in Lichtenstein, da habe ich keinen Drucker gehabt und da hat man das Kulturamt nur einmal ausgedruckt. Also da musste ich mit dem Überarbeiten ein bisschen anders tun. Und da habe ich dann die ganzen Ausdrucke so von der Decke nach unten, habe ich so Textfahnen gemacht. Und das war eigentlich sehr wohlduend für mich, weil da habe ich es richtig gespürt. Ich bin da vorgestanden, habe es angeschaut und habe gespürt, also da ist was zu viel weg damit. Dann habe ich es rausgeschnitten und wieder zusammengewickelt. Ja, oder da kommt was dazu und so. Also die Fähigkeit, dass ich das, wenn ich am Computer so oder weiter blättere sozusagen, am Bildschirm, da fehlt mir der Bezug, dass ich dieses Gefühl hätte. Ich brauche das ganz dringend auf Papier und muss das spüren. Aber Sie sprechen vom Computer, aber Sie arbeiten ja auch mit Bleistift. Ja, ja, ja, ja. Aber das ist dann, wenn schon einmal alles digitalisiert ist. Ah, ich habe mir gedacht, das passiert umgekehrt. Also, wenn sie anfangen, dass das dann mit dem Bleistift passiert. Nein, ich schreibe mit Bleistift. Ich schreibe mit Bleistift. Ungefähr beim letzten, bei Nur die Laute der Vögel, habe ich ungefähr in acht Heften und auf acht Blogs geschrieben. Und dann kommt da der Zeitpunkt, wo ich sage, jetzt muss ich es einmal digitalisieren. Und dann werden die Ausdrücke dann halt geordnet. Das mache ich dann schon so. Aber ich arbeite dann wieder mit Bleistift weiter. Das hilft Ihnen? Oder haben Sie da irgendwann einmal das Gespür gehabt, das ist besser, wenn ich jetzt mit dem Bleistift arbeite? Ja, ich habe es gar nicht anders probiert. Das gefällt mir nicht. Also ich brauche immer das Papier und das Handschriftliche und das Gegenüber, das nicht ein Bildschirm ist. Das Handschriftliche und das Gegenüber, das nicht ein Bildschirm ist. Jüngere Autorinnen sind ja ganz anders aufgewachsen mit dem Bildschirm. Das war bei mir nicht so. Also bei nur die Laute der Vögel, es passiert ja nicht gar nichts, sondern es sind ja auch Rückgriffe. Zum Beispiel das Verhältnis zum Vater. Er überlegt sehr viel. Auch der Tod der Mutter, der irgendwie etwas Mysteriöses und auch seine ganz intensive Beziehung zu Maria, das ist so seine Bezugsperson in der Kindheit. Also das kommt immer wieder. Das ist ganz eine wichtige Person, die Maria. Eben, die habe ich im ersten Roman kennengelernt und die wollte auch wieder eine Bühne haben. Das spüren Sie dann so, wer jetzt wieder auftreten will, oder? Ja. Also wenn wir schon gerade dabei sind, Sie haben ja zum Beispiel dieser Bogdan, der ja auch eine Rolle spielt in dem Roman. Der ist ja schon in zwei Romanen aufgetreten bei Ihnen und jetzt wieder. Ja, im dritten hat er sogar die Hauptrolle, dass er der Protagonist, im ersten ist er einer der beiden. Und ich habe schon einmal Spaß gemacht, dass ich gesagt habe, ich muss ihn sterben lassen, weil sonst will er noch einen Roman von mir. dass ich gesagt habe, ich muss ihn sterben lassen, weil sonst will er noch einen Roman von mir. Ja, ich bin gewissen Figuren sehr treu und sie mir auch. Da gibt es eine sehr nette Geschichte von Ihrem Sohn. Ich weiß nicht, ob Sie die erzählen wollen. Ja, mein Sohn, als er klein war, wollte er immer von mir am Abend eine Geschichte hören. Und ich habe dann halt Geschichten erfinden müssen. Aber wenn ich ein Kapitel fertig gehabt habe, dann wollte er, dass ich ihm das vorlese. Und das war eben bei meinem ersten Roman Cello stromabwärts. So das erste Mal der Fall. Und eines Tages sitzt er am Computer, da ist er schon Volksschule gegangen, und ich habe ihm eine Datei aufgemacht und er hat dann so mit einem Finger da was geschrieben und er hat mir dann gezeigt, da ist dann gestanden, Figuren vom Celloroman. Und da sind alle Namen dann aufgelistet gewesen. So hat er mitgelebt. So hat er mitgelebt. Und soviel ich weiß, haben Sie ja dann gesagt, der Bogdan, der wird jetzt einmal wegkommen. Ja, ja, ja. Und das hat er uns recht traurig gemacht. Ja, das geht nicht. Weil er irgendwie schon eine Art Familienmitglied ist bei uns. Wie sehr sind Sie eigentlich im Literaturbetrieb verankert? Ich weiß nicht, was Sie meinen, verankert. Also ich bin sehr zurückgezogen. Dieses Buch ist ja nicht, es gibt ja so diesen Begriff des Page-Turner zum Beispiel, dass man also unbedingt bis zur nächsten Seite lesen muss und so. Und da fällt das ja so irgendwie so nicht hinein, dass man so diese Handlung im normalen Sinn des Wortes unbedingt folgen muss. Nein, also ich schreibe eigentlich immer das, was ich selbst gern lesen würde. Ja. Da bin ich ganz egoistisch. Und ich habe vor ein paar Jahren von Fabio Andina, Tage mit Felice gelesen. Und das habe ich sehr geliebt, dieses Buch, weil das handelt in einem Dessiner Bergdorf, wo nicht viel passiert. Und das hätte ewig so weitergehen können. Da war ich dann eigentlich sehr traurig, bis das Ende war. Es ist auch nicht so dick und ich habe dann immer gesucht, sowas ähnliches wieder und dann habe ich mir gedacht, eigentlich sollte ich selber sowas schreiben, sowas ganz ruhiges. Aber es gibt sehr wohl auch bei Ihren anderen Romanen, bei den vorangehenden fünf Romanen, gibt es ja wohl auch welche, die eine Handlung haben. Ja, schon. Aber was für mich wichtig ist, also ich möchte, ich könnte zum Beispiel keine Dystopie schreiben, ich will das nicht. Da sträubt sich alles in mir und ich denke, es ist so schlimm. Das ist jetzt ein Thema, das sehr viel behandelt wird. Ja, es geht so zu in der Welt. Und wir sind eh alle so belastet. Und ich habe für mich halt, also wir andere das machen, das ist ihre Sache. Ich will da nicht irgendwas so als Norm irgendwie festsetzen, um Gottes Willen. Aber ich für mich habe entschieden, dass ich kein Buch sozusagen hinausgeben möchte, das so stimmungsmäßig nach unten zieht. Also wenn was Dramatisches ist, dann muss auch ein Gegenpol da sein oder wenn Kälte da ist, muss auch eine Person da sein, die den Text durchwärmt oder so. Also das ist für mich ganz wichtig. Und ich habe jetzt heute gerade einmal nachgedacht, gibt es eigentlich irgendeinen Begriff, der über allem steht, was ich bis jetzt geschrieben habe und ich vermute, das ist der Begriff Resilienz. Also das merke ich, dass mir immer wieder wichtig ist, dass seelische Kräfte dann da sind, die Situationen gemeistert werden oder dass über etwas hinweggekommen wird. Naja, die Resilienz ist ja eigentlich, weil Sie es ansprechen, es geht so zu auf der Welt. Das ist etwas, was von uns ja sehr verlangt wird. Dass wahrscheinlich nicht alle, nehme ich mal an, aufbringen werden. Ist tragisch. Aber ich möchte jetzt auch noch etwas sagen, noch ein bisschen ausführlicher zu ihrem Werk und ihrer Person kommen. Also Ursula Wiegele ist 1963 in Klagenfurt geboren, hat als Wanderst, unter anderem eben Malvenflug und Im Glasturm. Und zu ihren Auszeichnungen zählen unter anderem der Frau Aver Literaturpreis und der Literaturförderungspreis der Stadt Graz. Und vielleicht wäre es jetzt ganz gut, wenn Sie ein bisschen was lesen aus diesem Buch, von dem wir gesprochen haben. Wir werden dann nachher auch noch drüber reden. Ja, ich lese einen kleinen Abschnitt aus dem ersten Kapitel, wo Luca auf der Insel schon angekommen ist und der alte Fischer Matteo, der ihn hingebracht hat, schon weggefahren ist und er hat schon Vögel beobachtet und schaut, wo bin ich da jetzt, auf einmal ganz allein. Dort, wo früher die Stelzenläufer an Land gegangen sind, ist jetzt nichts anderes mehr als Wasser zu sehen. Viele der kleinen Inseln mit Salzwiesen erscheinen nur bei Ebbe und verschwinden dann wieder, hat Matteo gesagt. Ich schaue nach links und nach rechts, auch andere Bahräne sind nicht mehr zu sehen. Land unter. Matteo erzählte mir, dass er auf einer der größeren Inseln hier seine Kindheit verbracht habe. Dort wohne heute niemand mehr. Die alten Behausungen der Fischer seien verwaist, mit wenigen Ausnahmen. Auf der Insel Anfora gäbe es nun ein Restaurant für Fischspezialitäten und eine renovierte Schule dort beherberge mittlerweile eine kleine Pension. Er selbst wohne schon seit Jahrzehnten in Grado, aber hin und wieder bleibe er über Nacht in der Schilfhütte seines Freundes hier in der Nähe. Es ist Abend geworden. Ein fast runder Mond erhellt die Wolkenbänke am Himmel. Jetzt sind es gerippte Gebilde, die sich auf der Meeresoberfläche spiegeln. Feuchtkühl ist die Luft. Mich beginnt es zu frösteln. die aus der Dunkelheit hervortreten, jedes Knistern und Glucksen bekommt auf einmal großes Gewicht. Solange es hell war, habe ich nicht bemerkt, wie allein ich bin auf der Insel. Immer wieder schaue ich hinüber zu den Lichtern am Festland und jenen in Grado. Das gibt mir Sicherheit, nicht verloren zu sein. Ich gehe ins Haus und mache die Gaslampen an. Dann schließe ich Fenster und Läden, setze mich in der Küche zum Tisch. Auch meine Zweifel nehmen der Platz. Ob ich es aushalten werde, allein auf der Insel? Nicht einmal Fotos kann ich mir mehr ansehen auf meinem Handy. Ich stehe wieder auf, hole ein Trinkglas aus der Kredenz, fülle das Glas mit Wasser, schütte es aber gleich darauf in die Abwasch. Aus dem tiefen adhesischen Brunnen hier komme bestes Trinkwasser zutage, hat Matteo gesagt. Ich kann das nicht glauben und nehme lieber eine Mineralwasserflasche aus der Kiste im Vorraum. Dann heize ich den Badeofen ein. Festlandschweiß. Dieses Wort stammt von Dane. Beim Duschen werde ich mir den von der Haut waschen. Also das, was ja da gegen Ende auch angesprochen worden ist, also was Sie gelesen haben, ist ja so diese Vorrichtungen, die Sie beschreiben, die sehr schön sind, finde ich. Also wie gesagt, Grado ist der Schauplatz und soviel ich weiß, haben Sie ja auch eine ganz besondere Beziehung zu Grado. Was macht diese Hinwendung aus? Naja, ich bin als Kind immer in Lignano gewesen. Warum? Ich stamme aus einer Villaha-Bahnbeamtenfamilie und in Lignano gab es für die Villaha-Eisenbahner vergünstigte Quartiere. So sind wir nach Lignano gefahren. Und Lignano, das ist ja wirklich so hingepflanzt, so ein touristischer Ort. Also ich bin dann lange da nicht mehr hingefahren. Also ich bin dann lange nicht mehr hingefahren. Ab 14, 15 Ich war doch nie bei der Atmosphäre. Also später zu Recherchen bin ich da wieder hingefahren. Das hat mir dann schon gefallen. Aber Grado ist halt so ein Ort, der hat so eine Atmosphäre, weil da gibt es diese ganz alte Stadt. Ja, ich kann es nachvollziehen. Und dann dieses K&K, diese Meile mit den Hotels und Villen aus der K&K-Zeit, das finde ich schon sehr schön. Und da bin ich immer wieder, immer wieder und in den letzten Jahren natürlich sehr oft. Aber auch Gesamtitalien, gell? Es ist, das Land lieben Sie sehr. Ja, das Land liebe ich heiß. Also ich war, also wie gesagt, als Kind nur in Lignano. Und ich habe halt Klavier gelernt. Und l'italiano è la lingua della musica. Also die Vortragsbezeichnungen und so, also das hat mich schon immer so fasziniert, die Sprache und ja später, ich wollte dann halt unbedingt in Rom studieren, weil wie ich mit 18 Jahren das erste Mal in Rom war, da, es war wie ein Déjà-vu. Ich habe gedacht, das kenne ich. Und ich habe mich so zu Hause gefühlt. Wahrscheinlich vom Lateinunterricht her. Das Forum Romanum und so. Also es war wunderbar. Und dann halt Florenz und so. Und die ganz große Liebe ist dann ein Brand zu Siena. Das ist die Stadt, die nicht so stolz ist wie Florenz und so mittelalterlich. Und ja, ich war halt so sommerweise. Der Platz ist ja auch traumhaft, gell? Ja, ja. Und von daher, ja, das ist einfach, die Sprache ist so schön und die Kunst. Die sprechen Sie auch gut, nehme ich an. Naja, ich verstehe gut. Mein Problem ist, dass ich keine Praxis habe. Also wenn ich zehn Tage unten bin, dann kommt es wieder. Aber in den letzten drei Jahren, da habe ich ja nur geschaut, dass ich so zurückgezogen bin wie der Luca und nicht rede. Also das sinkt immer ab wieder. Ja, eine Sprache muss man leider sehr pflegen. Aber es ist so, auf Italienisch man kann irgendein Werbesprospekt vorlesen und das klingt wie Musik. Bei der deutschen Sprache nicht so, also überhaupt bei den romanischen Sprachen und das Italienisch ist halt wirklich meine große Liebe. Also in diesem Fillerer Eisenbahner Haushalt, da habe ich ein ganz anderes gehört, weil das ist ja ganz in der Nähe zum Grenzbahnhof Daviseo, wo dann die Züge immer verspätet übergeben wurden, weil die Italiener schon wieder gestreikt haben. Also in meiner ganzen Kindheit habe ich immer gehört, die Wallischen streiken schon wieder. Also immer sehr die Wallischen. Und dann sowieso sind, Achtung, die Papagali am Strand und das andere, was halt ganz stark da war in meiner Familie, dass die Italiener halt feige Verräter sind aufgrund der zwei Weltkriege, wo sie dann die Seite gewechselt haben und so weiter. Also das war das eine. Vielleicht ist da auch so ein Ort Widerstand gegen diese Erzählung in mir entstanden. Aber auf der anderen Seite, meine Oma, meine Villacher Oma, die hat sich aus dem eigentlich draußen gehalten, weil ihre Schwester Fanny, die ist in sehr jungen Jahren in Pontafel, also heute Pontefa, dort beruflich gewesen und hat sich dort in einen Süditaliener verliebt. Und das wurde dann nicht gern gesehen und die beiden sind durchgebrannt. Und sie hat dann in Reggio di Calabria eine große Familie gegründet. Und meine Oma war immer dort und hat eigentlich sehr Positives immer erzählt und auch so, ja, das war eigentlich also da war nichts diese diese Aversion, die ich so mitgekriegt habe. Also diese Aversion, die bearbeiten Sie ja auch in Ihrem Roman Arigato. Ja. Also es ist ja, heuer ist der 50. Jahrestag des großen Erdbebens in Friaul. Also ich kann mich da noch, ich weiß nicht ob, ich kann mich noch erinnern, wir sind da gerade in der Schule gesessen, ja, und haben das auch ein wenig gespürt. Beim Herbstbeben. Ja. Oder auch schon beim Maibeben. Das weiß ich jetzt nicht mehr genau. Nein, im Mai können sie nicht in der Schule gesessen sein, weil das war am Abend und dann aber im Herbst da waren sie in der Schule. Wahrscheinlich, ja. In Villach war es natürlich auch ganz schlimm und wir haben dann halt gepackt, dass wir im Zelt vielleicht dann übernachten und so. Ja, das kann ich mir vorstellen, dass es da ganz schlimm war. Ja, das war sehr schlimm. Das hat mich sehr hergenommen. Und dann waren wir im September eben wieder in Lignano, in das Eisenbahnerquartier mit meiner Cousine, Tante, Cousin, meiner Schwester. Und da war dann das zweite große Beben. Achso, das haben Sie dort erlegt. Ja, aber ich kann mich noch genau erinnern, ich bin da so gegangen und der Boden war so, aber dort ist ja Sand. Also dort war es nicht arg, aber das Schlimme war, dass nach Hause fahren, wie kommen wir nach Hause? Es war das Kanaltoll und weiter unten sind die Felsbrocken heruntergefallen, die Straße war nicht passierbar. Und meine Cousine hat am Villacher Gymnasium unterrichtet und musste zu den Nachprüfungen. Wie kommen wir wieder nach Villach? Weil meine Eltern haben uns beide, meine Schwester und mich, über die Grenze gebracht mit dem Pass, weil wir waren bei ihnen eingetragen. Und wir mussten da eigentlich wieder nach Davies und da konnte man nicht, wir konnten nicht über das damals noch hochgefährliche Jugoslawien, ohne Papiere, das ist nicht gegangen. Also das hat mich schon sehr beeindruckt. Und dann, wie es weggekäumt wurde, also dass die Straße frei war, die Fahrt durch diese zerstörten Orte. Aber in Arrigato, das ist aus der Perspektive eines 14-jährigen Mädchens geschrieben und das schildert diesen Schatten, der eigentlich auf dem Alpe Adria Raum liegt. Ja, das gibt es ja historisch wirklich ganz schön viel los. Aber sie versteht ja nicht alles so genau. Das war für mich der Grund, ich wollte da kein Geschichtsbuch machen, sondern nur was sie so hört und wie sie damit umgeht. Und wie sie damit umgeht. Ich habe natürlich sehr viel recherchiert, damit ich den ganzen Raum kenne und alles. Aber es sollte ja kein Geschichtsbuch werden. Aber für mich war halt wichtig, dass sie da die Verbindung hat zwischen Deutsch und Italienisch. Und sie ist ja schon eine sehr widerspenstige Person und resilient. Und was war für sie eigentlich, Und was war für Sie eigentlich, warum haben Sie da dieses 14-jährige Mädchen gewählt, um es aus Ihrer Perspektive zu beschreiben? Naja, ich hatte eigentlich vor, ein Kind sprechen zu lassen. Das wäre mein Wunsch gewesen. Und dann habe ich aber gemerkt, dass dann alles, was da politisch und historisch ist, das geht dann gar nicht über ein Kind. Ah, verstehe. Ja, ja. Und so war es dann eben ein 13-Jähriger, der dann 14 wurde. Und das hat mir gut gepasst, weil ich war, das war in meinem Alter. Also ich war in die 19, 16 Jahre. Ach so, Sie waren damals in diesem Alter. Und alles, was da in Villach sich abspielt, da musste ich nichts recherchieren. Das ist alles aus meiner Erinnerung geschöpft. auf Recherchereisen, weiß Gott wo. Rumänien, Norddeutschland, Italien, tief hinunter und so. Und dann habe ich gedacht, jetzt möchte ich eigentlich was machen, was näher ist. Wo ich nicht so weit fahren muss, wo ich möglicherweise öffentlich in einem Tag von Graz hin und zurück fahren kann. Ja, so praktische Überlegungen. Und dann war ich halt so ein bisschen im Friaul unterwegs. Und wie das zweite Mal im Friaul unterwegs war, in der Hoffnung, dass mir was anspringt, weil ich war beim letzten Roman so gerade gegen Ende und ich wollte nicht beenden, bevor ich nicht weiß, da gibt es was Neues, was mich ansieht. ausgestiegen, weil ich bin ja sonst immer weiter runter gefahren und beim Vorbeifahren habe ich so Türme gesehen und so und ich habe diesen Ort betreten und ich war so verliebt in dieses Wiederauferbaute Vincennes, es hat mich so berührt, das war ja ganz zerstört und das wurde auf Initiative der Bürger wieder aufgebaut, sie haben die Steine geordnet. Es war ja geplant, lassen wir das, und ein Stückchen weiter einen neuen Ort. Und ja, das war einfach toll. Ich meine, ich mache es halt öfter so, wenn es mir wo gut gefällt, dann wird das auch Handlungsart, dann habe ich viel Grund, dort wieder hinzufahren, oft. Aber das heißt, Sie haben auch bei einigen Ihrer Romane wirklich sehr recherchiert. Ja, aber wie? Immer parallel dazu. Und in Venzone eine ganz tolle Bibliothek, also eine öffentliche Bibliothek mit einer Riesenabteilung zum Thema Erdbeben. Ist das dann eigentlich eher so etwas wie eine notwendige Pflicht oder machen Sie das gern? Sehr gern. Das recherchieren auch? Sehr gern, ja. Das ist mir wichtig. Ich finde das einfach total wichtig, das recherchieren. Also ich möchte immer wissen, wo sind meine Figuren verortet? Und das muss schon stimmen. Also da bin ich sehr heikel. Ja, ich mag da nicht irgendwo was abschreiben oder so. Sie bezeichnen sich als, also damals als Wanderstudentin, ja, zwischen Österreich und Italien. Ja, ja, und in Österreich herum. Und in Österreich herum. Hält es Sie nicht lange an einem Ort oder hat es Sie damals nicht lange an einem Ort gehalten? Ja, da waren immer so mehrere Sachen, die da mitgewirkt haben, aber insgesamt war ich schon immer sehr interessiert, wieder was Neues kennenzulernen, aber letztlich, also ich habe Philosophie studiert und ich hatte so ein Ideal, dass ich irgendwo ein philosophisches System finde oder beziehungsweise einen Philosophen, damals hat es keine Frauen gegeben, der sowas Eigenes hat und das auch lebt und so und es war halt so, wenn ich schon drei Semester wo war, das hat sich alles so wiederholt. Ich wusste so. Also auch auf der Uni, oder? Ja, aber wie? Ich wusste so, wie sie denken. Und es war mir dann irgendwie langweilig. Und es waren auch so praktische Überlegungen. Nach Innsbruck bin ich dann gegangen, weil über Innsbruck konnte ich leicht auf die Gregorianer, weil das wird dann anerkannt und ich wollte ja unbedingt nach Rom. Ich wollte ja einfach länger in Rom sein. Das ist Ihnen gelungen? weil das, was ich ungemacht habe, wurde halt dann in Innsbruck anerkannt, weil das Innsbrucker Institut nur so ein Teil ist von dem römischen, oder damals war halt, also immer mehrere Überlegungen. Und das war eigentlich schon immer sehr schön, ja. Aber Sie sind gewandert und gewandert, aber schließlich haben Sie es dann auch abgeschlossen, gell? Ja, ja, ja. Und inwieweit würden Sie meinen, beeinflusst auch Ihr Philosophiestudium Ihre literarische Tätigkeit? Das ist schwierig. Naja, vielleicht es war eine wunderbare Denkschule. Die Philosophie. Ich lese überhaupt keine philosophischen Texte mehr. Das ist mir viel zu langweilig. Tut mir leid, wenn ich das sage. Aber es ist so. Ich bin durch die Philosophie von der Literatur weggekommen. sehr gestört, weil in Innsbruck da war nur Sprachanalyse angesagt. Und da fängt man wirklich alles an zu herumanalysieren und zerfleddern und so. Und ich kann mich noch erinnern, ich habe in Innsbruck habe ich da von Peter Handke gehabt, Nachmittag eines Schriftstellers, so das kleine Bücherl. Und dann lese ich das und dann denke ich mir, was will der da? Schreibt er, ich ging hinaus in die reine Natur oder so, ja wahrscheinlich war es so und ich habe ja vorher in Salzburg gelebt und da gibt es keine reine Natur und das war nur mehr denken, denken, denken und das hat mich dann schon wirklich begonnen zu stören. Und dann habe ich ja meinen Philosophen gefunden, das war der Theodor Wiesengrund Adorno, den ich grenzenlos verehrt habe. Der war aber schon tot, ja. Aber das war dann so der Kipppunkt, weil seine Sprache ist für Sprachanalytiker einfach der Sündenfall. Und da ist so wieder irgendwie das Künstlerische, Poetische und Philosophische hat sich da verbunden. Und ja, das war ein schöner Übergang dann wieder zurück zur Literatur. Also Sie haben angesprochen, glaube ich, dass man auch das Denken lernt. Also es war so vor ein paar Jahren, habe ich das gehört, ich weiß nicht, ob das jetzt auch noch zutrifft, aber da haben die Chefs von Firmen, die auch gar nichts mit Philosophie zu tun gehabt haben, die haben also sehr gern Philosophieabsolventen eingestellt, weil sie der Meinung waren, dass die sehr gut vernetzt denken können. Das war damals oder ist immer noch, ich weiß es nicht. Naja, für mich war die Philosophie sicher auch so eine Suche, eine Suche, nachdem sie mich eigentlich von aus dem Weltbild der Religion irgendwie hinausgebracht hat, habe ich auf diesen Wegen halt was gesucht. Eine Basis und so. Und natürlich, auf der Uni ist alles so wichtig. Und für mich war das dann ganz schlimm, wie ich dann fertig war und gemerkt habe, das interessiert niemanden. Also das hat wirklich niemanden interessiert damals, was ich da gemacht habe. Und wenn man studiert, da behandelt man ethische Themen und politische, Neomarxismus und so. Und man denkt, das ist doch, was die Gesellschaft so braucht. Und dann, das hat wirklich niemanden interessiert. Das war sehr hart für mich. In der Literatur nicht, unendlich. Sie haben ja auch Orgel sehr bald zu studieren begonnen. Ja. Und es kommt ja auch, zum Beispiel, Luca spielt Gambe. Ja. Und das wirft ihm ja seine Freundin mit, die davor mit ihm gebrochen hat, vor, weil sie meint, es muss die Kunst zu tun haben, so ähnlich schreiben sie es, die Kunst muss zu tun haben mit dem Leben, ja direkt mit dem Leben. Und die Gambe würde sich da in irgendeiner Form nicht eignen. Würden Sie dem zustimmen? Naja, also ich verhandle da ja etwas, was mich auch über Jahre beschäftigt hat, weil ich war ja früher auch so eher Literatur und Musik und das muss alles immer so die Menschen konfrontieren mit dem, was nicht gut ist und so weiter. Also das hat sich bei mir schon gewandelt, weil so wie der Luca sagt, wir brauchen auch Orte der Ruhe, also wo man wieder zurückfließen kann. Ich habe eine liebe Freundin in Kärnten, die nennt das eben das Zurückfließen. Das finde ich einen irrsinnig schönen Begriff, weil wenn ich ständig nur in dieser Veräußerung bin und in dieser Erschlagen von dieser Bilderflut irgendwie wo bleibe ich? Wo bleibt mein Zentrum? Und also ich gehe gern in Konzerte für alte Musik und bin einfach dort und mache mir keine Gedanken, dass das jetzt nicht Widerstand ist. Naja gut, das ist ja auch alles das, was uns geprägt hat. Das darf man ja nicht vergessen. Sonst wären wir ja nicht dort, wo wir jetzt sind. Das hat uns ja alles beeinflusst. Ja, also das ist natürlich schon immer ein Thema. Also ich kann mich erinnern, wie ich mit meinem damaligen Freund in Rom war das erste Mal. Er hat mir, weil er das schon gekannt hat, mir Rom gezeigt und ich war halt so begeistert. Und er ist widerstrebend mit mir in die Vatikanischen Museen gegangen und hat gesagt, eigentlich mag er das gar nicht. Und ich war, hm, so schön und so. Aber das habe ich dann später wirklich verstanden. Das habe ich wirklich verstanden und das ist halt die Frage, ist etwas weniger wert, weil es unter Bedingungen entstanden ist, die wir heute nicht gutheißen würden. Also das war sein Argument, oder? Ja, das denke ich. Wir haben da so nicht drüber geredet. Aber ich glaube schon, dass das so war. Und ja, ich meine, es ist so viel durch Ausbeutung passiert. Das ist ja immer so etwas Widersprüchliches. Aber wenn es damals Mäzene gegeben hat, die so gelebt haben, weil sie andere ausgebeutet haben und die haben Künstler gefördert, dann ist diese Kunst ja nicht dann schlecht. Naja, auf keinen Fall. Ja, natürlich, es ist alles, das hat alles zwei Seiten. Und der Lina ist halt so. Ja, ja. Der hat das überhaupt nicht und das ist nur Betäubung. Ist aber eine recht schöne Gegenfigur, finde ich. Die kommt zwar nicht sehr, sehr viel vor, aber doch. Aber könnten Sie sich vorstellen, Sie haben ja das in Arrigato natürlich auch gemacht, also nicht gegenwärtig, aber könnten Sie sich vorstellen, dass Sie zur politischen Situation, ich weiß nicht, im Inland oder im Ausland gegenwärtig ein Buch schreiben könnten? Also Sie haben es schon angesprochen, eher weniger. Nein, das möchte ich nicht. Gibt es andere, die das besser finden? Haben Sie jetzt einen Plan schon wieder? Ja, ich arbeite schon wieder. Und recherchiere irrsinnig viel. Also es ist diesmal ein Buch, bei dem Sie recherchieren müssen. Wieder, ja. Das war ja das einzige, das erste, wo ich nicht recherchiert habe, wo Recherche sozusagen nur in der Natur stattgefunden hat, weil ich war vor allem von den beiden Letzten, die so rechercherintensiv waren. Ich habe immer, ich weiß nicht, wie eine Habilitation so viel gearbeitet. und dort wieder hin und so. Jetzt will ich einmal nicht in eine Bibliothek und nicht in ein Archiv gehen. Das war ja auch so. Also mit Hund und ja, das ist schon aufgegangen. Und ich habe jetzt gemerkt, ich habe mich in diesen Jahren von den Archiven und Bibliotheken erholt und bin jetzt schon wieder dabei. Möchten Sie sagen, welcher Themenkomplex oder nicht? Ja, es ist erst in der Entwicklung, aber es hat mit einer österreichischen Lyrikerin zu tun, der nachlasse ich jetzt sehr genau anschauen. Ja, dann wünsche ich Ihnen sehr viel Glück für das weitere Projekt, auch für dieses Buch natürlich. Ja, vielen Dank. Ich bedanke mich für das Herkommen, auch für das Anreisen. Also zu Gast war heute Ursula Wiegele. Wir haben vor allen Dingen auch über ihren neuen Roman »Nur die Laute der Vögel« erschienen, im Otto-Müller-Verlag gesprochen, aber nicht nur, auch über ihre anderen Werke, über ihre Italienliebe, über Ihre Beschäftigung mit Philosophie und jetzt zum Schluss eben auch über Ihre Beschäftigung im Sozialen. Silvana Steinbacher wünscht Ihnen noch einen schönen Nachmittag. Machen Sie es gut. you