Musik Wir sollten mit meinem Geburtsdatum beginnen. Ohne meinen Geburtstag wäre ich heute nicht hier. Also mein Geburtsdatum ist der 1. Oktober 1925. Es ist nicht schwer nachzurechnen, wie alt ich bin. Es war das Jahr 1939. Ich war damals Grundschüler. Ich ging auf eine sehr gute Schule. Eine Schule, in der polnische Traditionen und Patriotismus wichtige Werte waren. Es war eine Zeit, in der man sich noch an General Pilsudski erinnerte, der dafür sorgte, dass Polen nach den Teilungen unabhängig wurde. Ich war damals aktives Mitglied einer Pfadfinderorganisation. Wir hielten uns an Gott, glaubten an die Ehre und liebten unser Heimatland. Das war positiver Patriotismus. Ich legte damals einen Eid ab. Ich schwöre feierlich, dass ich treu sein werde und dienen werde. Meine Heimat Polen und Gott. Und dass ich stets dem Nächsten helfen werde. Das waren die Regeln der Pfadfinder, nach denen ich mich richtete. Nach dem Einmarsch der deutschen Einheiten in Warschau entstanden verschiedene Widerstandsgruppen. In der Gegend, in der ich damals lebte, gab es eine Gruppe, die sehr intensiv im Widerstand tätig war. Das war der Verband für bewaffneten Kampf, aus dem später die Heimatarmee wurde. Wir bekamen im Rahmen dieser Widerstandsgruppe einen Befehl. Wir hatten eine sogenannte kleine Sabotage durchzuführen. Da ging es zum Beispiel darum, Aufschriften auf Mauern und kaputte Häuser zu malen. Das waren Häuser, die keine Bewohner mehr hatten. Das war sehr wichtig. Diese Häuser waren verlassen. Denn wenn die Deutschen Aufschriften auf bewohnten Häusern gefunden hätten, wären die Bewohner bestraft worden. Wir waren in der Nacht unterwegs und malten Aufschriften wie, wirapo-Gefängnis in Warschau, in dem während der Zeit des Nationalsozialismus mehr als 100.000 polnische Patrioten und politische Häftlinge inhaftiert waren. Ein Drittel dieser 100.000 Menschen wurde umgebracht. Und zwar dort, wo früher das Warschauer Ghetto stand. Also auf den Ruinen des Warschauer Ghettos wurden sie erschossen. Die übrigen zwei Drittel der Häftlinge wurden deportiert und kamen in NS-Konzentrationslager. Muzyka Ich war sehr jung, als ich ins KZ kam. Sie brachten mich nach Auschwitz-Birkenau. Am 5. Oktober 1943. Das erste, was mich unglaublich erstaunte, als ich nach Auschwitz-Birkenau kam, waren die Kapos. Die waren für die Neuankömmlinge zuständig. Diese Menschen waren ebenfalls Häftlinge, und zwar jüdische. Trotzdem arbeiteten sie für die Wachleute. Und das in einer Zeit, in der das Warschauer Ghetto schon beseitigt worden war. Und der Holocaust an Extremität zugenommen hatte. Das zweite, was mich als jungen Menschen unglaublich schockiert hat, das war die Aufnahmeprozedur im Lager. Es wurden Nummern eintätowiert. Ich habe auch so eine Nummer. Dadurch hat der Mensch aufgehört, als Mensch zu existieren. Er wurde auf eine Lagernummer reduziert. Ich habe meine Nummer auf einer sehr untypischen Stelle tätowiert. Üblicherweise hat man oberhalb des Handgelenks die Nummer eintätowiert. Ich habe sie hier unten am Oberarm links. Meine Nummer lautet 156.569. Ich habe gefragt, warum ich hier die Tätowierung bekomme und nicht am Handgelenk, wie alle anderen Häftlinge. Ich bekam darauf keine Antwort, wie auf überhaupt keine Frage. Keine Antwort. Mittlerweile habe ich eine Vermutung dazu, das ist meine ganz private Ansicht. Ich glaube, dass hier jene Häftlinge tätowiert worden waren, von denen man annahm, dass sie sich zur Arbeit in der Rüstungsindustrie eigneten. Und ich wiederum eignete mich für die Arbeit in der Rüstungsindustrie, da ich bereits einige Jahre in einer Autowerkstatt gearbeitet hatte. Eine ehemals polnische, die später vom deutschen Militär übernommen worden war. Diese Werkstatt befand sich auf dem Gelände des Warschauer Ghettos. Nach ungefähr einem Monat in Auschwitz-Birkenau wurde ich als Teil eines großen Häftlingstransports nach Österreich gebracht. Wir wurden in Viehwaggons transportiert, konkret nach Mauthausen. Ich kam also vom Pawiak-Gefängnis nach Auschwitz, wurde von dort nach Mauthausen gebracht, kam danach ins KZ Gusen I und schließlich in das KZ Gusen II, wo ich letztendlich die Befreiung erleben durfte. Aber gehen wir zurück zu meiner Ankunft im Lager Gusen I. Ich kam in das Kommando Messerschmidt, das war die Rüstungsindustrie. Hier wurden Häftlinge dazu gezwungen, Vorrichtungen zu produzieren, um andere Menschen zu töten. Das heißt, ich als Häftling habe in der Rüstungsindustrie Werkzeuge hergestellt, die andere Menschen umgebracht haben. Und das ist die eigentliche Tragödie jener Häftlinge, die im KZ in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten. Später kam ich dann in das Kommando Bergkristall. Im Kommando Bergkristall wiederum wurden die ersten Düsenjäger der Welt hergestellt. Kein Land der Welt hatte damals düsenangetriebene Flugzeuge, Jagdflugzeuge. Die wurden nicht nur in Bergkristall hergestellt, sondern auch an anderen Orten. Und das Ganze hat so funktioniert. Die Teile wurden in verschiedenen Rüstungslagern hergestellt. Zusammengesetzt wurden sie dann wieder an einem anderen Ort. Das war das System der Produktion in der Rüstungsindustrie während des Krieges. Wenn ein Betrieb zerstört oder übernommen wurde, konnte an einem anderen Ort weiter produziert werden. Um 5 Uhr morgens war Tagwache. Dann gab es Frühstück, schwarzen Kaffee, sonst nichts. Dann mussten sich die Häftlinge am Appellplatz versammeln. Und zwar alle Häftlinge. Wenn auch nur ein einziger fehlte, dann mussten alle so lange in Habachtstellung stehen, bis auch der letzte Gefangene gefunden wurde. Dann wurden wir eingeladen. In kleine Waggons der Schmalspurbahn, die uns vom Lager nach St. Georgen zum Stollensystem Bergkristall brachte. Bei den kleinen Waggons waren die Seiten und Ränder ungefähr eineinhalb Meter hoch und die Häftlinge standen so nahe aneinander, dass sie sich nicht bewegen konnten. Diese Schmalspurbahn fuhr sehr, sehr langsam, weil sie so beladen war. Sie wurde auf beiden Seiten von deutschen Soldaten mit Gewehren im Anschlag eskortiert. Das heißt also, es konnte niemand abspringen. Und wenn jemand abgesprungen war, dann wurde er sofort erschossen. Ich würde sagen, es hat in etwa eine Stunde gedauert, bis die Bahn beim Eingang des Stollens ankam. Eine Stunde vom Lager bis zur Arbeitsstelle. Eine Schicht dauerte zwölf Stunden. Und je nachdem gab es ein Mittagessen oder es gab keines. Und Bergkristall, was war das? Das Ganze waren Produktionslinien in einem endlos langen Korridor. Das war ein Stollenunterhalt des Berges. Also das alles war unterirdisch. Dort herrschte folgende Ordnung. Es gab einen Oberaufseher, der war in der Regel aus der SS. Und es gab etliche zivile Aufseher. Das waren Meister, zivile Meister. Die kamen meistens aus Österreich. Und dann gab es einzelne Gruppen, die für einzelne Produktionseinheiten zuständig waren. Und die Qualität der hergestellten Teile wurde wiederum überprüft durch andere Häftlinge. Das bedeutete also, wenn etwas Schlechtes produziert wurde, ein Bauteil eine schlechte Qualität hatte, dann war dafür nicht derjenige verantwortlich, der dieses Stück gefertigt hatte. Nicht jeder kam zu Tode, der es hergestellt hatte, sondern derjenige, der die Kontrolle durchgeführt hatte, war dafür verantwortlich. In diesem System kontrollierten Häftlinge die Arbeit anderer Häftlinge. Jede schlecht ausgeführte Arbeit, jeder Fehler wurde sofort mit dem Tod bestraft. Dieses Arbeitssystem funktionierte bis zum 2. Mai 1945, dem Tag an dem die Alliierten Berlin einnahmen. Bis zum 2. Mai mussten wir in diesem System arbeiten. Danach wurde die SS-Wachmannschaft von österreichischen paramilitärischen Einheiten abgelöst. Diese paramilitärischen Einheiten haben die Häftlinge sogar zur Flucht angeregt. Aber alle hatten Angst. Die Häftlinge hielten die Aufforderung für eine Provokation und zögerten. Denn jede Flucht aus dem Lager hatte zuvor den Tod durch ein Erschießungskommando zur Folge gehabt. Die Befreiung durch die Amerikaner erfolgte drei Tage nachdem die SS-Leute abgezogen waren. Am 5. Mai kamen zwei Panzerfahrzeuge der amerikanischen Armee. Die Wachmannschaft wurde entwaffnet. Die Amerikaner warfen alle diese Waffen auf einen Haufen, übergossen das Ganze mit Benzin und zündeten es an. Danach fuhren sie nach Gusen I und Gusen II. Und im Lager Gusen II, ich möchte das mit einer biblischen Bezeichnung vergleichen, begann das letzte Gericht. Das bedeutete, dass sich diese verängstigten Häft gingen in die Nachbarorte, um Lebensmittel zu suchen. Und die Restlichen, die im Lager blieben, bildeten Gruppen. Sie machten sich auf die Jagd nach Kapos und Funktionshäftlingen. Sie suchten die Häftlinge, die sie früher gequält hatten. Eigentlich war es kein Gericht, es war Lünchjustiz. Nur so kann man das bezeichnen. Sie wurden auf jede mögliche Art und Weise umgebracht, wenn sie ergriffen wurden. Ich weiß, das wird in der Geschichte kaum beschrieben. Es wird kaum irgendwo erwähnt. Aber so war es. Ich war dabei. Und ich habe danach Fotodokumentationen und amerikanische Berichte gesehen und gelesen. Ich denke, dass sich die österreichische Bevölkerung aus der Nachbarschaft sehr gut an diesen Tag erinnern kann. Ich meine die ganz alten Österreicher. Um 17 Uhr war die Befreiung und gegen 20 Uhr, da war es schon fast dunkel, sind diese gesünderen Häftlinge, von denen ich erzählt habe, die um Lebensmittel gegangen waren, zurückgekommen und haben alles mitgebracht, was man nur essen konnte. Und sie hatten das alles der Bevölkerung weggenommen. Da waren Kühe dabei, da war Brot dabei, da waren Kaninchen dabei, alles was man essen konnte. Ich denke, dass die Bevölkerung den Tag der Befreiung noch sehr lange in Erinnerung hatte. Ich spreche von Gusen, Gusen 2. Ich war dort. Und ich kann sagen, am Abend hat dieses von der SS-Mannschaft verlassene Lager ausgesehen wie ein Militärlager im Mittelalter. Überall waren Lagerfeuer. An den Lagerfeuern saßen Grüppchen von Häftlingen. Mit allem, was von der örtlichen Bevölkerung mitgenommen worden war. Sie kochten, sie rösteten, sie nutzten jede mögliche Art der Zubereitung. Sie müssen wissen, am 2. Mai, als die SS-Wachmänner das Lager verlassen hatten, da nahmen sie alles mit, was nicht nid- und nagelfest war, auch sämtliche Vorräte aus dem Essensmagazin. Das heißt also, zwischen dem 2. Mai und dem 5. Mai gab es kein Essen im Lager. Drei Tage ohne Essen. Da, wo die SS Kaninchen gezüchtet hatte, gab es vielleicht zwei, drei Tiere, aber das war's. Und deshalb also saßen sie am Abend um die Lagerfeuer, diese Grüppchen, und haben gekocht und gebraten. Aber das Ganze hatte eine schreckliche Folge. Ich hatte mich am Abend niedergelegt und als ich in der Früh wieder aufwachte, sah ich wieder die Grüppchen der Menschen, die bei den Lagerfeuern gesessen hatten. Aber sie saßen nicht mehr. Sie lagen leblos neben den erloschenen Feuerstellen. Nach dem extremen Hunger konnten ihre Körper nicht mit dem Essen umgehen. Außerdem war da die psychische Belastung. Von der Erniedrigung, von der Folter bis hin zur Euphorie durch die Befreiung. Das war zu viel. Der Körper konnte das nicht verkraften. Keiner der Geschwächten überlebte diese Nacht. Statistiken besagen, dass vom Zeitpunkt der Befreiung bis zur Heimkehr der Überlebenden mehr als 2000 Menschen umkamen. Gestorben waren sie durch den Überschuss an Essen und die zu große psychische Belastung. Es gab mehrere Faktoren, aber ich gehe auf die zwei wesentlichsten ein. Das erste, das war die Moral, die Einstellung. Als ich im Gefängnis war und dann später im Lager, habe ich mir gedacht, ich muss meinem Pfadfindereid treu bleiben. meinem Pfadfindereit treu bleiben. Und ich habe mir eingeredet, ich habe mir ganz fest eingeredet und jeden Tag eingeredet, ich muss überleben. Ich muss nach Polen zurückgehen. Ich muss zu meiner Familie. Ich muss weiterleben. Ich muss gemäß meinem Pfadfindereit meiner Heimat dienen. Ich muss anderen Menschen helfen. Und ich habe mir das wie ein Gebet immer und immer wieder vorgebetet. Ich kehre wieder, ich kehre wieder, ich kehre wieder. Ich glaube, wenn ein Mensch sich etwas ganz, ganz fest einbildet, das geht dann schon ins Metaphysische hinein, dann ist es die Kraft der Suggestion, die einem unglaublich hilft. Das ist meine Überzeugung. Das hat mir als Abwehrmechanismus gedient, in dieser schrecklichen Hölle. Und der zweite Faktor, das ist ganz eigenartig, war die Veränderung meines Gesundheitszustands. Als ich verhaftet wurde, sagte meine Familie, wenn er mit seinem Gesundheitszustand zwei Monate überlebt, ist das alles. Ich hatte metabolische Probleme, ich hatte Magengeschwüre. Metabolische Probleme. Ich hatte Magengeschwüre. Und dieser extreme Hunger im Lager hatte zur Folge, dass all meine Darmprobleme einfach verschwunden sind. Es ist eigenartig, aber so war es. Das heißt also, auf der einen Seite war es die Suggestion, das Einreden, ich muss das überleben, ich muss in mein Vaterland zurück. Das hat mir geholfen, alle Erniedrigungen und die schwerste Arbeit zu überleben. Und zweitens war da die Veränderung meiner Gesundheit. Eigenartig, aber wahr. Nein, nicht mehr seit meiner Rückkehr nach Polen. Ich dachte nicht wieder zurück, denn ich war viel zu beschäftigt. Und ich sage Ihnen warum. Ich bin erst am 22. Juli 1945 wieder nach Hause, nach Warschau zurückgekehrt. Das heißt, ich war insgesamt 600 Tage in Haft und im KZ. Es ist unglaublich, aber ich habe es dann nachgerechnet. Und es war tatsächlich so. Für mich war das also ein Zeichen der Zeit. Ich kam nach Polen und wusste nicht, was ich tun soll. Ich hatte kein Vermögen mehr, ich hatte überhaupt nichts. Das Einzige, womit ich nach Warschau zurückkam, war eine amerikanische Uniform. Denn ich war ganz kurz nach der Befreiung in der amerikanischen Armee gewesen. Als ich nach Warschau kam, da gab es kein Haus. Meine Mutter war im Warschauer Aufstand gestorben. Mein Bruder fiel im Verteidigungskampf um Warschau. Die übrigen Familienmitglieder waren zerstreut in ganz Polen. Das Schicksal hatte jeden woanders hingeschlagen. Die einzige, die noch übrig war, war meine Schwester. Und als ich zu ihr in die Wohnung kam, als ich sie gefunden hatte, machte sie die Tür auf und sagte, Mein Herr, zu wem wollen Sie? Ich hatte mich in diesen 600 Tagen Haft dermaßen verändert, dass mich meine eigene Schwester nicht erkannte. Meine Schwester nahm mich auf und die nächsten eineinhalb Jahre habe ich versucht, irgendwie zu überleben, mit sehr viel Arbeit. Der Mann meiner Schwester war ebenfalls in Kriegsgefangenschaft geraten und war dort gestorben. Sie hatte nur eine kleine Tochter. Und dann war noch ich. Und wir hatten eben einander und wir versuchten einander zu helfen, wo es nur ging. Meine Schwester nähte, ich versuchte mich mit irgendwelchen Arbeiten über Wasser zu halten. Nach eineinhalb Jahren wurde ich in den aktiven Militärdienst berufen. Das heißt, ich wurde dann für zwei Jahre Soldat in der polnischen Armee. Während dieser zwei Jahre Dienstzeit wurde ich Unteroffizier. Nach der Entlassung stand ich wieder mit leeren Händen da und ich fragte mich, was kann ich tun? Ich habe kein Geld, ich habe gar nichts. Meine Familie ist zerstreut in ganz Polen. Natürlich hat mir die Familie moralisch geholfen, aber existenziell hatte niemand was. Und während der Militärzeit habe ich an meinen Pfadfindereit gedacht. Genauso wie im Lager. Und ich redete mir ein, du musst das Gymnasium fertig machen. Du musst deine Ausbildung fertig machen. Du musst studieren. Du musst einen Beruf erwerben. Genauso wie im Lager. Wie ein Mantra. Du musst überleben. Und so verließ ich das Militär. Und ich habe die ganze Zeit gearbeitet. Nebenbei lernte ich. Ich machte den Gymnasialabschluss, ich habe ein Studium abgeschlossen und bin Diplomingenieur geworden. In der Zeit nachher habe ich dann eine internationale Sachverständigenprüfung für motorisierte Fahrzeuge abgelegt. Ich habe eine Familie gegründet. Ich habe verschiedene Funktionen bekleidet. Und dann, im Jahr 2000, habe ich aufgehört zu arbeiten. Warum im Jahr 2000? Nun ja, es hieß im Jahr 2000 würde die Welt enden. Also wozu arbeiten, wenn das Ende der Welt bevorstand? Als die Welt dann doch nicht unterging, kehrte ich trotzdem nicht in die Arbeit zurück. Aber ich habe eine neue Tätigkeit gefunden. Im Verband der ehemaligen KZ-Häftlinge. Und das tue ich bis heute. 2006 starb meine Frau. Seitdem bin ich allein. Und ich wohne und lebe allein, ich koche allein, ich wasche allein, ich bügle allein, ich mache alles allein. Ich entscheide über mein Leben. Vollkommen allein. Und das, was ich zu meiner Lebensphilosophie gemacht habe, das klingt vielleicht eigenartig, aber ich denke mir immer, ein Lächeln im Gesicht verlängert mein Leben um fünf Minuten. Das ist der Grund, warum ich so fröhlich bin. Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Ich muss sagen, mir fällt es schwer zu sagen, was die jungen Leute heute anspricht, wie man mit ihnen reden soll. Denn zwischen meiner Zeit und der Zeit heute sind derartige Veränderungen passiert, dass die Lebensweise eine komplett andere ist. Und es ist für die Jugendlichen heute absolut unmöglich, mein damaliges Leben nachvollziehen zu können. Ich habe in der Schule mit einem Aberkuss gerechnet. Ich hatte Bleistifte und Tinte. Ein Telefon zu haben, das war Luxus. Da gab es vielleicht eines pro Dorf. Und heute? Heute haben wir wunderbare Raketen. Wir fliegen auf den Mond. Auf dem Mars gibt es Sonden, die alles erkunden. Und es ist wirklich ganz anders. Ganz anders als damals in dieser Welt von heute. Das heißt, die Mentalität der Menschen hat sich komplett verändert. Auch ich habe mich in dieser Zeit komplett verändert. Das heißt also, es fällt mir schwer zu sagen, was man den Jungen raten kann. Man müsste die ganze Jugend in eine Zeitmaschine packen, sie zurückschicken. 80 Jahre in meine Zeit. Dann könnten wir sprechen und sie wüssten, was ich meine. Dann würden Sie verstehen, wie es damals war. Ja, was soll ich Ihnen also sagen? Es gibt eine Sache, eine Sache, die sehr wichtig ist. Und zwar, dass jeder Mensch ein Mensch ist. wichtig ist. Und zwar, dass jeder Mensch ein Mensch ist. Und ich denke, dass es wichtig ist, dass jeder Mensch von klein bis groß Ziele im Leben hat und nach etwas strebt. Und wenn er sich ein Ziel gesteckt hat, dann muss er versuchen, Mittel zu finden, um dieses Ziel zu erreichen. Wenn Sie zum Beispiel Ingenieur werden wollen, dann müssen Sie ein Gymnasium machen. Dann müssen Sie für Bildung sorgen. Und Sie müssen sämtliche Hilfsmittel heranziehen, um dieses Ziel zu erreichen. So wie ich im Kz das ziel hatte zu überleben und in der zeit danach als ich das ziel hatte meine ausbildung nachzuholen um der gemeinschaft etwas zurückzugeben wie gesagt es fällt mir schwer zu sagen, auf welche Art und Weise man zu der heutigen Jugend sprechen soll. Aber ich denke, eines ist sehr, sehr wichtig. Ich glaube, es ist wichtig, ein Mensch zu sein, aufeinander Acht zu geben und Verständnis füreinander zu haben. Jeder Mensch ist anders. So wie es keine zwei gleichen Fingerabdrücke gibt, so gibt es auch keine zwei gleichen Menschen. Das Wichtigste ist es also, seine Ziele zu verfolgen und Verständnis für andere Menschen zu haben. Man kann verschiedener Meinung sein. Man kann miteinander darüber diskutieren. Aber im Grunde genommen sind wir eine menschliche Familie. Und es ist völlig egal. Man sollte keine Fraktion bilden, keine Parteien. Du bist rot, du bist grün, du bist groß, du bist klein. Das ist völlig unwichtig. Es ist wichtig, ein Mensch zu sein und in derselben menschlichen Familie zu leben. Thank you. © transcriptF-WATCH TV 2021 © transcript Emily Beynon