Guten Abend im Stifterhaus, meine sehr geehrten Damen und Herren. Der heutige Abend stellt einen Sonderfall im Programm des Oberösterreichischen Literaturhauses im Stifterhaus dar, denn heute Abend stellen wir Ihnen kein Buch vor, findet keine Verlagspräsentation statt und werden weder neue Texte von Mitgliedern einer Autorinnenvereinigung präsentiert, noch handelt es sich um einen Gedenktag für einen großen Dichter oder eine große Dichterin. Bliebe noch, was auch immer fester Bestandteil unseres Programms ist, die Möglichkeit, dass wir Ihnen eine Publikation des Stifterhauses vorstellen oder aufgrund eines bestimmten Anlasses einen Themenabend vor uns haben. Aber auch all das ist nicht der Fall. Denn der heutige Abend ist ein Kooperationsabend mit der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und steht im Zeichen einer Ringvorlesung, die dort im aktuell laufenden Wintersemester 2025-26 im Studienbereich der Literaturdidaktik stattgefunden hat. Titel dieser Ringvorlesung war Literatur in unruhigen Zeiten. Der Untertitel lautete Aktuelle Vermittlungskonzepte für Schule und Hochschule. Mit drei der Vortragenden möchten wir heute ins Gespräch kommen und in einer Diskussion nicht nur eine Rückschau auf die Inhalte dieser Ringvorlesung halten, sondern auch den Bogen bis ins Heute spannen. Denn dass die Zeiten auch heute wieder unruhig sind, das ist, glaube ich, unbestritten. Ich darf unsere drei Gäste ganz herzlich im Stifterhaus begrüßen. Herzlich willkommen Boris Blacher, Christian Angerer und Thomas Schlager-Weidinger. Danke fürs Kommen. Boris Blahack, geboren 1970 in Regensburg, studierte Germanistik, Geschichte und Musik in Regensburg, Leicester und Brünn und promovierte über Franz Kafkas Literatursprache. Im Auftrag des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war er an Hochschulen in mehreren Ländern tätig, unter anderem in Polen, der Slowakei und der Tschechischen Republik. Heute lehrt er an der Universität Regensburg und an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Thema seiner Vorlesung war Vorahnung und Herbeisehnen der Katastrophe zur Vermittlung literarischer Epochenstimmungen am Beispiel von Franz Kafka und Jakob van Hodes. Unser zweiter Gast, Christian Angerer, wurde 1960 in Linz geboren, studierte Germanistik, Geschichte und Pädagogik in Salzburg und promovierte mit einer Arbeit über Robert Walser. Mehr als zehn Jahre, nämlich von 2004 bis 2017, leitete er den von ihm mit begründeten Hochschullehrgang Pädagogik an Gedächtnisorten, der sich mit der Holocaust Education befasst. Christian Angerer lehrt Literaturwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz. Der Titel seiner Vorlesung lautete »Die literarische Erinnerung an die nationalsozialistischen Konzentrationslager«. Und zu guter Letzt darf ich Ihnen Thomas Schlager-Weidinger vorstellen, der einigen vielleicht auch in seiner Funktion als Schreibender bekannt ist und schon oftmals eigene Texte bei uns im Stifterhaus vorgetragen hat. Er wurde 1966 in Gmunden geboren, studierte in Salzburg Geschichte und Religionspädagogik. Seine 2008 an der Südböhmischen Universität Budweis verfasste Dissertation trug den Titel Franz Jägerstetter und sein Gewissen Begriff Bildung und Bewährung. Seit 2012 ist er Professor an der Pädagogischen Hochschule der Diözese Linz und Thema seiner Vorlesung im Rahmen der Ringvorlesung war. Zwischen innerer und äußerer Immigration, deutsche Lyrikerinnen zwischen den Kriegen, ein Beispiel von Mascha Kalecko, Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Wir haben uns den Abend so vorgestellt, dass es zuerst eine Einführung von Boris Plagg geben wird und danach gehen wir ins Gespräch. Ich bitteerst eine Einführung von Boris Plagg geben wird und danach gehen wir ins Gespräch. Ich bitte um die Einführung. Vielen herzlichen Dank für die freundlichen Worte. Vielen herzlichen Dank für die freundlichen Worte. Unsere Gegenwart ist, wie auch schon angesprochen wurde, wie lange nicht mehr geprägt von multiplen Krisen, die Unsicherheit, Ängste, Spannungen, Spaltungen und Gewalt auslösen und verstärken. Politische, religiöse und ethnische Konflikte, die sich in militärischen Auseinandersetzungen, Flucht und Vertreibung sowie der Neuetablierung autoritärer politischer Systeme und der Zurückdrängung sicher geglaubter demokratisch-freiheitlicher Standards äußern. Vor diesem Hintergrund lag es nahe im Herbst und Winter 2025-26 im Rahmen einer internationalen Ringvorlesung, die den Titel Literatur in unruhigen Zeiten trug, an der privaten pädagogischen Hochschule der Diözese Linz eine Rückschau und Nachlese zu tätigen. Darüber, wie Menschen in der Vergangenheit mit ähnlichen und zum Teil unvergleichbar größeren Herausforderungen umgegangen sind und ihre persönliche Auseinandersetzung mit den Krisen ihres unmittelbaren Umfeldes in literarische Form gebracht haben. Dadurch sollten nicht zuletzt auch Denkanstöße für unseren persönlichen Umgang mit der multiplen Krise der Gegenwart gewonnen werden. umgang mit der multiplen krise der gegenwart gewonnen werden literarische zeugnisse aus der zeit vor und zwischen den weltkriegen der ns-zeit sowie der kommunistischen ära in osteuropa ermöglichen ein authentisches hineinversetzen in stimmungen des vergangenen jahrhunderts geprägt durch diskriminierung flucht und exil Internierung sowie inneren und äußeren Widerstand gegen die bedrückenden Umstände der Zeit. Dabei boten die Beiträge österreichischer, deutscher und tschechischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zur Ringvorlesung neben literaturwissenschaftlichen Ausführungen auch Anregungen zur didaktischen Umsetzung der betrachteten Literatur in Schule und Hochschule. Im Folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über die Konzeption, die Schwerpunkte und die Beiträge der Ringvorlesung geben. Ausgangspunkt war, dass es in sieben komplexen menschlichen Gegeneinanders periodisch wiederkehrende Analogien oder Kontinuitäten zwischen vergangenen Epochen und der Gegenwart gab und gibt. Sie sehen diese sieben Komplexe hier aufgelistet. Ich möchte sie der Reihe nach abhandeln. Zunächst das Thema Zensur. Hier sehen Sie schon eine Karikatur aus dem frühen 19. Jahrhundert, die versinnbildlicht, wie man sich das vorzustellen hat. Die Flügel des freien Wortes an der Feder werden beschnitten. Auf der Feder sitzt dann auch noch der Zopfträger, der Beamte des autoritären Staates. Mit Gewichten beschwert er diese Feder und hindert den Dichter am freien Wort. Wir können hier schon viel früher als im 20. Jahrhundert ansetzen, im 16. Jahrhundert veröffentlicht die katholische Kirche den Index der verbotenen Bücher und bedroht die Leserschaft sogar mit Exkommunikation. Sollte man sich diese Werke doch zu Gemüte führen, machen wir einen kleinen Sprung ins 19. Jahrhundert. Nach dem Wiener Kongress sorgen die Karlsbader Beschlüsse von 1819 für eine allgemeingültige Präventivzensur, um demokratisch-freiheitliches Schrifttum im Deutschen Bund während der Restauration einzudämmen. Wieder ein Sprung über ein Jahrhundert. 1933 findet die nationalsozialistische Bücherverbrennung jüdischer, marxistischer und pazifistischer Literatur in 22 deutschen Universitätsstädten statt. Das ist natürlich im kollektiven Gedächtnis verblieben. Und auch nach dem Zweiten Weltkrieg im sogenannten besseren Deutschland, in der DDR, gab es 40 Jahre lang Zensur, Zensur regimekritischer Literatur. Das wurde auf unterschiedliche Art gehandhabt, durch Berufsverbote, durch journalistische Kampagnen gegen einzelne Autorinnen und Autoren und weit verbreitet war dann auch so etwas, was wir Selbstzensur nennen. Leider sind diese Zeiten nicht vorbei. Wir müssen nur in den Osten schauen, vor allem mit Blick auf Belarus und Russland, sehen wir, dass hier natürlich auch massiv in den literarischen Betrieb eingegriffen wird, vor allem queere Literatur, die allzu liberale Literatur wird verboten, wird aus Bibliotheken und Schulen entfernt. In Belarus wurde 2022 unter anderem George Orwells 1984 verboten. Vermutlich hätte die Lektüre die Weißrussen allzu sehr an die eigene Gegenwart erinnert. Aber nicht nur im Osten, wir wissen auch im Westen von uns aus gesehen, haben wir einen mächtigen, autoritär denkenden Menschen, der auch dafür sorgt, dass er eine Art der Weichenzensur, es verschwinden eben vor allem aus Schulbibliotheken, Es verschwinden eben vor allem aus Schulbibliotheken, verschwindet Literatur, der eine eher linke Ausrichtung hat oder eben vielleicht queer geprägt ist. Also auch hier haben wir solche Tendenzen. Wir müssen aber gar nicht weit weg gehen, schon in unseren unmittelbar östlichen Nachbarländern, etwa in der Slowakei, in Polen im Moment nicht. Aber wer weiß, ob das nicht wieder zurückkommt. nicht, aber wer weiß, ob das nicht wieder zurückkommt, aber auch in Ungarn gibt es Zensur von staatlicher Seite, sei es um ein unbeflecktes nationales Geschichtsbild zu verbreiten, sei es um zumindest vorgeschobene Bevölkerungsgruppen vor irgendwelchen unliebsamen Tendenzen zu bewahren. Literarisches Echo finden wir bereits bei Johann von Wolfgang Goethe oder bei Nestreu, die sich zum Teil lustig machen über die Zensoren, zum Teil auch der Meinung sind, dass Zensoren oder Staaten, die zensieren, eigentlich ihre Kleinheit, ihre Minderbemitteltheit, auch ihre Schwäche zum Ausdruck bringen. 1933 hat die Bücherverbrennung auch ein literarisches Echo ausgelöst, unter anderem eine große Solidarisierungswelle mit all denen, die verbrannt wurden, egal ob man diese Literatur nun geschätzt hat, persönlich geschätzt hat oder nicht. Und das Ganze gipfelt vielleicht in der Forderung von Oskar Maria Graf, verbrennt mich auch, denn er war nicht auf der Liste der verbotenen Bücher und er empfand das als Schande, als genehm im Jahre 1933 zu gelten. Ein Jahr später wurde er dann auch verbrannt, also seine Literatur. Der zweite Punkt, Haft, Gefangenschaft und Internierung. Hier haben wir natürlich die sowjetischen Straf- und Arbeitslager, genannt Gulag zu erwähnen, Straf- und Arbeitslager, genannt Gulag zu erwähnen, 1922 eingerichtet, bis Anfang der 60er Jahre in Betrieb. In unserem kollektiven Gedächtnis ist natürlich das Netz der Konzentrationslager des Dritten Reiches verewig eingemeißelt, man kann es nicht anders sagen. Und wenn wir nach China sehen, da haben wir dieses Straflagersystem des Lao-Gai seit 1956 und das gibt es sogar immer noch. Da ist noch kein Bruch eingetreten. Sehen wir wieder in die Gegenwart, dann haben wir einerseits Unterstellungen, dass auch Putin inzwischen den Gulag wieder eröffnet hätte. Washington wirft China vor, Konzentrationslager zu halten. Gleichzeitig träumt Trump von einer Wiederbelebung von Guantanamo und von etwas, was er Alligator Alcatraz nennt, also Gefängnisse übelster Sorte, die Konzentrationslagern ähneln. In der Literatur gab es auch kurz nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten ein Echo in dem Roman Die Prüfung von Willi Bredl, der erste Roman, der tatsächlich auch ein authentisches Erleben der Lagerhaft verarbeitet. Auch die Literatur aus dem Ghetto Theresienstadt gehört hier zu diesem Widerhall. Kommen wir gleich zum Punkt 3, Vertreibung, Flucht und Emigration. Solche Vertreibungs- und Wanderwellen gibt es natürlich bereits seit dem Mittelalter. Zunächst waren vor allem religiöse Gründe Auslöser für solche Bewegungen. Im 13. bis 15. Jahrhundert wurden die Juden aus den meisten deutschsprachigen Ländern vertrieben. Sie zogen dann weiter nach Polen und ins Baltikum, wo man ihnen erlaubte, glücklich zu sein und Erfolg zu haben. Im 17. und 18. Jahrhundert wurden Huguenotten, also Protestanten aus dem französischen Königreich, ausgewiesen. Hier gingen wiederum viele nach Deutschland, auch in die Niederlande, nach Großbritannien. Die Familiennamen in manchen Regionen erzählen eine Geschichte davon. Ein 19. Jahrhundert ist vor allem die politische Verfolgung ein Fluchtgrund, das politisch, demokratisch, liberal und national gesinnte Bürgertum verlässt, frustriert den Deutschen Bund, weil man einfach das, was man sich nach den napoleonischen Kriegen erhofft hat, nicht in diesem restaurierten Deutschen Bund durchsetzen kann. Viele gehen in die USA oder generell nach Übersee. Und in all dieser Zeit gibt es natürlich auch die wirtschaftliche Not als Emigrationsgrund. Meistens ging man dann auch in die Vereinigten Staaten. Der Nationalsozialismus hat natürlich auch für eine große Emigrationswelle gesorgt. Politisch Verfolgte, vor allem Mitglieder der SPD und der KP, wanderten aus. folgte, vor allem Mitglieder der SPD und der KP wanderten aus, polit-ethnisch Diskriminierte, vor allem Juden hier natürlich und generell weltanschaulich unerwünschte, etwa Pazifisten, gewisse Schriftstellergruppen, Künstler und Wissenschaftler, auch Filmemacher wie Fritz Lang, den Sie hier in der Mitte des Slides sehen. Schon während des Zweiten Weltkriegs gibt es dann gewaltige Bevölkerungsverschiebungen, die wir hier in Österreich, auch in Deutschland, gar nicht so wahrgenommen haben. Denn zunächst mal wurden ja viele Polen und Balten vertrieben und verschoben. Da haben die Sowjetunion und NS-Deutschland Hand in Hand gearbeitet. Das Polen wurde ja geteilt, das Baltikum ging zunächst an die Sowjetunion. Und hier gab es eben zu Bevölkerungsumsiedlungen, auch Volksdeutsche wurden aus verschiedenen kleinen Sprachinseln dann nach Polen umgesiedelt. Und zweiter, Polen mussten dafür ihre Häuser räumen. Das Gleiche gilt also hier auch für das Baltikum. Als dann die russische Armee 1944, 1945 sich näherte, sind dann auch eben viele nach Westen geflohen. Nicht nur Deutsche, sondern auch Balken. Wieder in unserem kollektiven Gedächtnis verankert ist natürlich die Vertreibung der deutschsprachigen Bevölkerung aus Osteuropa, 12 bis 14 Millionen in den Jahren 1944 bis 1948, zum Teil Floman vor Ankunft der sowjetischen Armee, zum Teil wurde man dann später zwangsumgesiedelt. Ganze findet sein Spiegelbild in der, wie man es nennen will, Flüchtlings-, Migrations- oder Asylkrise des Jahres 2015 folgende, ausgelöst durch den syrischen Bürgerkrieg, aber auch durch die Gewaltherrschaft der Taliban und des IS in Syrien, Irak und Afghanistan. Generell ist in diesen Ländern sowieso eine humanitäre Krise zu beobachten. Menschen haben die Perspektiven verloren und politische und wirtschaftliche Instabilität, vor allem in den nordafrikanischen Staaten, ist auch heute nicht gegeben. Das alles führt dazu, dass Menschen ihre Heimat verlassen und ein besseres Leben an anderen Orten suchen. Menschen ihre Heimat verlassen und ein besseres Leben an anderen Orten suchen. Wenn wir uns jetzt die Gegenwartspresse ansehen, dann sehen wir auch, wie das alles bewertet wird, nämlich negativ. Es wird von Zerreißproben, Notstand, Krise, Druck, Überforderung, Mangel und Kosten gesprochen. Blicken wir wieder zurück ins 20. Jahrhundert, dann haben wir hier natürlich auch ein literarisches Echo. Sehr bekannt ist hier der Roman Transit von Anna Segers geworden, der 2018 auch wohlgemerkt in die Gegenwart transponiert, verfilmt wurde. Hier geht es also um dieses In-der-Luft-Schweben von Flüchtlingen, die also aus Deutschland über Frankreich nach Spanien und Übersee fliehen wollen und eben in Frankreich eigentlich keinen Status haben und alle warten auf ihr Transit und ihr Ausreisevisum. Ja, dann zum Thema Exil. Deutsche Exilliteratur in Paris gibt es bereits im Vormärz ab 1835. Hier haben sich die restaurationskritischen Dichter des jungen Deutschland niedergelassen, die eben nicht zufrieden mit der Wiederherstellung der alten Zustände von vor Napoleon, also die damit nicht zufrieden waren und Freiheitsrechte eingefordert haben. 1835 wird ihre Literatur in den deutschen Ländern offiziell verboten und sie werden auch polizeilich gesucht. Also hier sind etwa Heinrich Heine und Ludwig Boerne zu nennen. Exilliteratur entsteht dann vor allem reichhaltig während der NS-Zeit. Die Themen, die hier vor allem behandelt werden, sind Flucht und Heimatverlust, die Auseinandersetzung mit der politischen Situation in Deutschland, die weiter kritisiert wird. Und dann geht es um Fragen der Identität und des Fremdheitsgefühls. Hier sehen Sie den ganzen Reigen bekannter Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie sehen hier auch, dass diese Exilaufenthalte gewechselt haben, zum Beispiel Bertolt Brecht, der zunächst in Dänemark, dann in Schweden, dann in Finnland, dann in USA ein Exil findet oder Arnold Zweig, der zunächst in die Tschechoslowakei geht, dann in die Schweiz und dann nach Palästina auswandert. Unten links die vier Schriftsteller haben den Zweiten Weltkrieg nicht überlebt und haben sich aus Verzweiflung selbst das Leben genommen. Besonders dramatisch ist sicher der Selbstmord von Walter Benjamin, der schon Fuß auf spanischem Boden hatte, also eigentlich schon draußen war, dann aber von Grenzbeamten festgehalten wird und dann aus Verzweiflung und Angst dann doch noch ausgeliefert zu werden, sich das Leben nahm. Im Ausland bilden sich dann Zentren deutscher Exilliteratur. Es werden sogar Verlage gegründet. Es wird in Prag zum Beispiel deutsche Exilliteratur weitergedrückt, auch in Amsterdam und weitere wichtige Zentren finden wir in Mexiko und in den USA. Der Blick in die Gegenwart zeigt wieder, dass gerade unsere deutschsprachigen Länder ein Exilländer für flüchtige oder vertriebene Literaten sind. Die Herkunftsregionen sind schwerpunktmäßig der Iran, die Türkei, Belarus und Russland. Und gewisse Exilzentren haben wir also in Berlin, in Wien und auch in Paris und London. Werfen wir wieder einen Blick auf das literarische Echo. Hier müssen wir natürlich Mascha Kaleckow, von der heute noch die Rede sein wird, nennen, die ihr ganzes Leben, das ja ein einziges Exil war, immer vor allem auch damit gehadert hat, dass sie die Sprache einfach in ihrem Umfeld braucht. Das ist das Problem, das viele dieser Exildichter haben, die auch sagen, Musiker, die können ihre Musik überall schreiben oder ein Regisseur kann überall einen Film drehen, aber ich brauche einfach die Sprache. Das ist das Problem vieler dieser im Exil lebenden Autorinnen und Autoren. Kommen wir zum nächsten Punkt, Dissens und Widerstand. Im NS-Staat gab es die sogenannte innere Emigration. Wir sprechen ja auch von nicht systemkonformer Literatur. Man zieht sich ins Private zurück, man verweigert sich dem NS-System, also man macht nicht mit. Man schreibt scheinbar unpolitisch, Kritik muss dann eben zwischen den Zeilen versteckt werden. Hier haben Sie einige der Vertreterinnen und Vertreter dieser Gruppe, die natürlich keine literarische Gruppe im eigentlichen Sinne ist. Es war Hans Faller da, Ernst Jünger, Erich Kästner, der Expressionist Gottfried Benn und Richarder Huch. Hier müssen wir auf jeden Fall einen Blick nach Osteuropa auch werfen. wir auf jeden Fall einen Blick nach Osteuropa auch werfen. In den sozialistischen Staaten des Warschauer Paktes hat sich eine eigene Kunst der Verbreitung regimekritischer Literatur etabliert. Wir kennen sie als Samistat. Man hat hier wirklich sehr einfallsreich mit einfachsten Mitteln und natürlich vom Layout her nicht besonders ansprechend, regimekritische Literatur vervielfältigt, hektografiert, mit der Maschine abgeschrieben und unter dem Tisch weitergegeben. Also man hat das gelesen und dann an irgendjemand anderen weitergegeben. So wurde unter anderem Franz Kafka bis ins Jahr 1963 in der Tschechoslowakei gelesen. Anders ging es nicht. Dann wurde er als sozialistischer Autor legitimisiert. Das Ganze betrifft auch Musik. Man hat sogar alte Röntgenaufnahmen benutzt, um Schallplatten raubzupressen, etwa die Musik der Rolling Stones und Ähnliches. Vier bekannte Persönlichkeiten möchte ich nennen. Alexander Solzhenitsyn, Nobelpreisträger, der 1974 ausgebürgert wird. Sein Buch der Archipel Gulag hat natürlich dieses Gulag-System schonungslos zur Schau gestellt. Dann Wolf Biermann, Liedermacher, der ebenfalls ausgebürgert wird, als er eine Westreise unternommen hat, hat man ihn nicht mehr einreisen lassen. Er ist eben der, der sagt, ich bin ein Sozialist, ich bin ein Kommunist. Ihr, ihr Schergen der DDR, ihr seid es nicht, ihr habt den Sozialismus verraten. Dann ist Václav Havel zu nennen, den viele von Ihnen wahrscheinlich eher als Politiker kennen, aber er ist ein begnadeter Dramatiker und Dichter gewesen. Er hat die Charta 77 unter anderem mit unterzeichnet, musste dafür dann auch ins Gefängnis, er saß immer wieder im Gefängnis und wurde dann der erste Staatspräsident der freien Tschechoslowakei, später der Tschechischen Republik. Und last but not least möchte ich noch Hertha Müller nennen, Rumänien-Deutsche Autorin im sozialistischen Rumänien, die einige Romane auf Deutsch tatsächlich noch im Sozialismus dort veröffentlicht hat, aber sehr unter Druck stand, das auch beobachtet und bespitzelt wurde, 1987 dann in die Bundesrepublik ausreist und 2009 den Nobelpreis gewonnen hat. In der Gegenwart, wenn wir wieder die Analogien herstellen, scheint das Internet vor allem die großen totalitären Systeme zu beunruhigen, weil es eben doch ein Raum ist, der nicht ganz unter Kontrolle zu bringen ist. Wir haben zwar jetzt bei den Iran-Konflikten mitbekommen, man kann es einfach abschalten, doch es gibt immer findige Menschen, die hier eine Lösung finden, um das Internet dann eben doch zu benutzen. Lösung finden, um das Internet dann eben doch zu benutzen. Ein literarisches Echo, zumindest in Deutschland bekanntes, das wäre das Lied Ermutigung von Wolf Biermann, dass er, Sie sehen den Zeitungsbericht unten links, zur Feier von 25 Jahren Mauerfall dann im Bundestag singen durfte. Und er hat es den Vertretern der Partei Die Linke bzw. PDS ins Gesicht geschleudert. Er hat gesagt, das ist die Strafe für euch, dass ich jetzt hier sitze und dieses Lied, das ich damals nicht singen durfte, euch vorsingen und ihr müsst zuhören. Der vorletzte Themenkomplex wäre dann der, Krieg, Besatzung und Okkupationen umfasst. Hier haben wir im 20. Jahrhundert zunächst mal die Annexion des Sudetenlandes durch NS-Deutschland und das München-Abkommen. Da haben wir eben den Fall, dass die Betroffenen Tschechen oder Tschechoslowaken nicht gefragt wurden, sondern andere darüber verhandelt haben und dieses Gebiet einfach an Hitler übergeben haben, in der Hoffnung, dass dann Ruhe wäre. Wir wissen, es war nicht der Fall. Und die Analogie zu diesem Ereignis wurde relativ schnell nach der Okkupation der Krim durch Russland aufgegriffen. Der ehemalige Finanzminister Schäuble hat zum Beispiel, der deutsche Finanzminister Schäuble, hat Parallelen zwischen Krim und Sudetenland-Annexion gezogen und auch andere Zeitungen haben also die Analogie erkannt. Ähnliches haben wir, wenn wir zurückblicken, im Punkto Anschluss Österreichs an NS-Deutschland zu verzeichnen. Sie kennen die Geschichte als Österreicherinnen und Österreicher am besten, ich muss sie Ihnen nicht erzählen. Jedenfalls ist auch hier relativ schnell auf ukrainischer Seite eine Analogie hergestellt worden, nämlich zu den russischen Scheinreferenten in Danetsk, Luhansk, Kherson und Saporizhia, die noch nicht mal ganz in russischer Hand waren und dann trotzdem in einem Scheinreferenten in Danetsk, Luhansk, Kherson und Saporizhia, die noch nicht mal ganz in russischer Hand waren und dann trotzdem in einem Scheinreferendum für die Angliederung an Russland gestimmt haben. Ähnlich verlief das ja 1938 in Österreich auch. Um nochmal zurückzugehen, dieser berühmte Wahlzettel, der die Wahl leicht gemacht hat. So dürfen wir uns das in den vier östlichen, ehemals oder noch aktuell ukrainischen Provinzen vorgestellt haben. Wahlzettelabgabe unter militärischer Bewachung. Ja, wie sich die Bilder gleichen, sehen Sie selbst. Der Erste und Zweite Weltkrieg hat massive Zerstörungen durch Kriegshandlungen herbeigeführt und unten sehen Sie ein Bild aus Mariupol von den Russen in Schutt und Asche gelegt, wie sich die Bilder leider gleichen. Auch die totalitären Tendenzen in Osteuropa sind längst wiederbelebt. Man möchte es nicht glauben, dass inzwischen Josef Stalin wieder ein offiziell gefeierter Held der russischen Nation ist und ihm wieder Denkmäler errichtet werden. Dabei hat sicher jede russische Familie in der Großelterngeneration ein Opfer des Stalinismus zu beklagen. des Stalinismus zu beklagen. Ein Dauerbrenner in diesem Bereich des Krieges, der Besatzung und Okkupation ist natürlich der Nahostkonflikt. Sie sehen hier die einzelnen Stationen, die ich nicht einzeln vorlesen will. Seit der Staatsgründung Israels 1948 bis momentan halten wir bei dem Terrorangriff der Hamas auf Israel und dem folgenden Gaza-Krieg von 2023 folgende. Hier haben wir auch ein interessantes literarisches Echo aus den 80er Jahren, wohlgemerkt noch vor der ersten Intifada geschrieben. Erich Fried veröffentlicht sein israelkritisches, lyrisches Buch Höhere Israel. kritisches, lyrisches Buch Höhere Israel und er als Jude kann es sich leisten, Kritik an Juden zu üben und er wirft eben dem Staat Israel vor, ähnlich zu handeln, die Palästinenser so zu unterdrücken, wie man als Jude selbst von den Deutschen einstmals unterdrückt wurde. Also das ganze Buch ist ein Appell, die Palästinenser gleichberechtigt zu behandeln. Und schließlich der letzte und vielleicht schmerzvollste Themenkomplex, das ist der des Völkermords, des Genozids. Nur im 20. Jahrhundert haben wir eine ganze Anzahl von Ereignissen, die inzwischen als Genozid anerkannt wurden, also etwa der Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika am Anfang des Jahrhunderts 1915-16, der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich, wohlgemerkt von der Türkei nicht anerkannt als Völkermord. Viele andere Staaten haben das gemacht. Über den Völkermord an den europäischen Juden muss ich, glaube ich, nicht lange reden, das ist leider allzu bekannt. Und 1994 haben wir in Ruanda einen Völkermord an der Tutsi-Minderheit, in kürzester Zeit über eine halbe Million Tote. kürzester Zeit über eine halbe Million Tote. Wenn wir im 20. Jahrhundert weitergehen, oder im 21. Jahrhundert, haben wir dann einige Massaker, sage ich jetzt einfach mal, die in ihrer Bewertung noch umstritten sind, aber Merkmale eines Genozids haben. Seit 2003 etwa das Massaker an den Massalit in Darfur im Sudan. Sack an den Massalit in Darfur im Sudan, seit etwa 2009 die Internierung der Uiguren in China, zumindest sprechen die Uiguren selbst von Völkermord, und auch das Vorgehen Israels im Gazastreifen ist in diesem Punkt umstritten. stritten. Der bekannteste literarische Nachhall des Genozis ist sicher Paul Celans Todesfuge, in dem eben, ich habe hier auch eine Fuge mit den einzelnen Stimmen hier in unterschiedlichen Farben eingefärbt, in dem also hier auch eine Art Chor von Stimmen aufgebaut wird. Gerade jetzt mit Blick auf die Schule wieder, ist das so schlimm. Der Text ist natürlich etwas, was man auch chorisch umsetzen kann. Gut, das waren diese sieben Punkte. Jetzt möchte ich nur kurz noch die Vorträge nennen im Rahmen der Ringvorlesung, soweit sie noch nicht genannt wurden. Der Vortrag meines lieben Kollegen Christian Angerer wurde schon genannt, mein eigener auch. Marion Wiesinger, Leiterin des PEN-Clubs Österreich, hat einen Vortrag zum Thema gegen das Verstummen, Schreiben als Widerstandsform in der Zwischenkriegszeit gehalten. Winfried Garscher vom Dokumentationszentrum des österreichischen Widerstands hat über Wien 1938 bis Oslo 1942 Ruth Meyers Tagebuch referiert. Der Vortrag meines lieben Kollegen Thomas Schlager-Weidinger wurde schon genannt. Dann hatten wir einen Gast aus Deutschland, Frau Astrid Winter von der Universität Würzburg, hat über das Jahr 1968 in der Tschechoslowakei gesprochen, zwischen Verbot und Freiheit, nonkonforme Literatur im tschechoslowakischen Sozialismus. Eine Kollegin von der Prager Karlsuniversität hat dann über Kinder, Tamara Putschkova, hat über Kinder- und Jugendliteratur aus dem und über das Ghetto Theresienstadt referiert. Und unser Gastgeber Stefan Kögelberger war so freundlich, einen Vortrag zum Widerstand eines Literaten über Thomas Mann zwischen 1930 und 1945 zu halten. Es gab dann noch neben diesen online gestreamten Vorträgen einige Präsenzveranstaltungen, die zum Teil ich gehalten habe, zum Teil auch fortgeschrittene Studierende unserer Hochschule. Eine der Referierenden sitzt sogar hier unter uns, was mich sehr freut. Also einmal haben wir natürlich die Zeit der absoluten Apokalypse des Dreißigjährigen Krieges und die literarische Ausformung in einem Vortrag behandelt. in einem Vortrag behandelt. Dann haben unsere drei Studierenden einen lokalen Schriftsteller im Dritten Reich verfolgt, nämlich Richard Billinger, der ein illustres Leben zwischen Verfolgung, Anpassung und Förderung aufzuweisen hatte. Sehr spannender, auch gut frequentierter Vortrag, das hat mich sehr gefreut. Dann habe ich mich noch in einem Vortrag mit dem Vormärz und der Frage der Zensur etwas näher beschäftigt und schließlich vor Weihnachten noch einen Vortrag zum Thema Schreiben im autoritären Überwachungsstaat, Hertha Müllers literarische Verarbeitung von Totalitarismuserfahrungen gehalten. Ja, meine Damen und Herren, vielen Dank zunächst mal für Ihre Aufmerksamkeit. Das wäre es jetzt erstmalliche Einführung und auch den Blick über die literarischen Grenzen hinaus, auch in die Geschichtswissenschaft und vor allem auch für den Blick vom Gestern zum Heute. So haben wir uns das auch vorgestellt in der weiteren Diskussion. Sie sehen mich ja gar nicht. Ja, ja, das ist irgendwie ganz ungewiss. Hallo. Wir möchten also auch ein bisschen von der Vergangenheit ins Heute kommen in diesem Gespräch. Wenn Sie nur am Heute interessiert sind, dann ist das gut und schlecht gleichermaßen, denn zum einen werden Sie was darüber hören, Literatur, Heute, unruhige Zeiten, zum anderen müssen Sie bis am Schluss da bleiben, weil wir uns sozusagen annähern. Und beginnen möchte ich gleich mit dir, Boris. wir uns sozusagen annähern. Und beginnen möchte ich gleich mit dir, Boris. Also das Thema deiner Vorlesung war Franz Kafka und der Berliner Jüriker Jakob van Hodes. Die haben jetzt auf den ersten Blick, außer dass sie beide jüdisch sind und beide in den 1880er Jahren geboren sind, nicht wahnsinnig viel miteinander zu tun. Inwiefern gibt es dennoch Überschneidungen, vor allem mit Blick auf die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auf den Ersten Weltkrieg? Ja, wir haben uns ja vorgenommen, unsere Antwort mit entsprechenden Zitaten auch zu illustrieren. Ich möchte zunächst von Franz Kafka ein ganz... Bitte? Es ist zu leise. Es ist zu leise, dann gehe ich näher ran. So besser? Gut. Ja, ein kurzes Zitat aus Franz Kafkas Stadtwappen. Anfangs war beim babylonischen Turmbau alles in leidlicher Ordnung. Ja, die Ordnung war vielleicht zu groß. Man dachte zu sehr an Wegweiser, Dolmetscher, Arbeiterunterkünfte und Verbindungswege. Jede Landsmannschaft wollte das schönste Quartier haben. Dadurch ergaben sich Streitigkeiten, die sich bis zu blutigen Kämpfen steigerten. Alles, was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen zerschmettert werden wird. Was vielleicht noch ein Zitat von Van Hottis, ein bekanntes Gedicht, Weltende, das den Expressionismus einleitet. Dem Bürger fliegt vom Spitzenkopf der Hut, in allen Lüften halt es wie Geschrei. Dachdecker stürzen ab und gehen in zwei und an den Küsten, liest man, steigt die Flut. Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen an Land, um dicke Dämme zu zerdrücken. Die meisten Menschen haben einen Schnupfen. Die Eisenbahnen fallen von den Brücken. Ja, was Franz Kafka und Van Hoddis verbindet, so viel zu deiner Frage, wirklich auf den ersten Blick nichts. Der eine ist einer, der in einer norddeutschen Großstadt Berlin lebt, der andere ist in einem Umfeld, das sehr von ethnischer Heterogenität geprägt ist. Was sie aber verbindet, ist, dass sie sozusagen seismografisch die Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg, in diesen fünf Jahren etwa vor dem Ersten Weltkrieg, aufnehmen und literarisch verarbeiten. Allerdings ganz unterschiedlich dieses bild vom babylonischen turm das kraft eigentlich erst kurz nach dem ersten weltkrieg entwirft scheint eine art zusammenfassung dessen zu sein was er vor dem ersten weltkrieg bereits gefühlt hat man hat kraft ja immer ein desinteresse an den politischen ereignissen seiner zeit nachgesagt, aber nur deswegen, weil sich in seinen Tagebüchern nichts darüber fand. Aber er hat das ganz subtil in seiner Literatur verarbeitet. Wenn man sich zum Beispiel seinen Amerika-Roman, also der Verschollene von 1912, 13 ansieht und zwischen den Zeilen liest, dann merkt man, dass das eigentlich eine Parabel auf einen deutsch geführten Vielvölkerstaat ist, der von seinen auseinanderstrebenden Ethnien in seinem Bestand bedroht wird. Dieser Karl Rossmann, der Hauptheld, ist ja ein Prager Deutscher, er wird tatsächlich so genannt im Roman und er stößt in Amerika auf lauter Exponenten karkanischer Völker, so darf ich das sagen. Also er trifft dort auf Rumänen, Italiener, Tschechen, Slowaken, Ruthenen, Ungarn und die haben alle eine verheerende Auswirkung auf sein Leben. Sie bedrohen ihn, sie verleumden ihn, sie beschimpfen ihn, sie bestehlen ihn, werden sogar gewalttätig ihm gegenüber. Und er sucht dann eben den Schutz der Landsmannschaft von deutschsprachigen Chargen im Roman, die wahrscheinlich auch nicht zufällig aus allen Ecken des deutschen Sprachrahmens kommen. Also die decken so die deutsche Ethnie, wenn man so will, ab. Nur bei denen fühlt er sich wohl. wenn man so will, ab. Nur bei denen fühlt er sich wohl. Wohlgemerkt, nicht zufällig, findet genau parallel zur Verfassung des Romans der Erste Balkankrieg statt. Dann danach auch der Zweite. Also 1912, 1913 greifen Montenegro, Serbien, Bulgarien und Griechenland das Osmanische Reich an und teilen dann Makedonien, also den europäischen Restbestand des Osmanischen Reiches unter sich auf. Und das war sozusagen die Blaupause für die K&K-Monarchie, die Kafka also hier der Presse entnehmen konnte. Es gibt aber auch Nachweise, dass Kafka tatsächlich auch physisch am eigenen Leib diese Krisenstimmung erlebt hat. Als er 1911 in Paris ist, erlebt er eine offene deutschenfeindlichkeit auf der Straße. Er spricht dann tschechisch, lieber mit Max Broth, um nicht für einen Deutschen gehalten zu werden. Und das wieder vor dem Hintergrund einer aktuellen Krise, nämlich der deutsch-französischen Marokko-Krise, die gerade im Hintergrund schwelte. Also das fließt dann in die Figur des Franzosen Delamarche im Roman ein. Der ist chauvinistisch, der beschimpft den Karl Rossmann als Deutschen. Also es ist relativ deutlich, dass Kafka nicht nur Gehörtes und Gelesenes, sondern auch Selbsterfahrenes hier verarbeitet. Für Kafka dürfte diese Stimmung vor dem Ersten Weltkrieg sehr unangenehm gewesen sein, weil er war ja praktisch eine Minderheit innerhalb einer Minderheit, also eine jüdische Minderheit in einer Prager deutschen Minderheit, die einer immer aggressiveren tschechischen Mehrheit gegenüberstand. Und eigentlich konnte nur die Monarchie den Schutz für seine Ethnie leisten. Und tatsächlich nach Gründung der Tschechoslowakei kommt es in Prag auch laufend zu antisemitischen Ausschreitungen von tschechischer Seite, wohlgemerkt nicht von deutscher. Anders ist es jetzt bei Van Hoddis, der andere Stimmung in seiner Zeit aufnimmt und zwar auch diesen Umbruch vorhersieht, aber andere Wünsche sozusagen formuliert. Also die Zeit kurz nach 1900 ist eine wahnsinnig technisierte, eine beschleunigte Zeit. Das Individuum verliert immer mehr den Überblick, man ist überfordert. Die technischen Neuerungen nehmen Rasen zu und gleichzeitig schwindet auch das Vertrauen in die Technik, als zum Beispiel 1912 die Titanic sinkt, das Unsinkbare, das Undenkbare geschieht hier. Und die Generation von Van Hoddis, also wie gesagt, norddeutsche Großstadt, wünscht sich vor allem einen Umbruch in der Gesellschaft. Also diese alte bürgerlich-kaiserliche Gesellschaft, die soll weg. Man wünscht sich etwas Liberaleres und deswegen sehnt man sich eine Katastrophe herbei. Katastrophe jetzt wahrscheinlich nicht im buchstäblichen Sinne, sondern irgendein Ereignis, das dazu führt, dass es jetzt zu einer anderen Gesellschaft kommt. Und das fließt eigentlich in diesem Gedicht Weltende zusammen, dass er auch nicht ganz ohne Ironie ist, denn wir haben zwar Naturkatastrophen, aber auch eben den Schlupfen, den alle haben, das sich auf engstem Raum miteinander verknüpft. Also man könnte sagen, beide, so unterschiedlich sie waren, antizipieren die krisengeschüttelte Stimmung der Zeit, während der eine sie aber eigentlich begrüßt und irgendein reinigendes Gewitter herbeisehnt, vermutlich nicht so etwas, was dann wirklich im Ersten Weltkrieg geschah, hat der andere natürlich latent Angst davor, weil es für ihn existenziell bedrohlich ist. Um das richtig einzuordnen, auch Jakob von Van Hodes hat sich nur in der Literatur dazu geäußert, denn bei Kafka ist ja die Nachrede, er hat sich nie in Tagebüchern und so weiter geäußert, sondern nur über seine Literatur. Ist das korrekt? Ist das bei Van Hodes ähnlich? Ja, das könnte man so sagen. Gibt es den berühmten Tagebucheintrag bei Kafka oder wie geht es in Deutschland? Hat Russland den Krieg erklärt? Nachmittags Schwimmschule, da wird das abgehandelt. Nur interessant ist, dass dann Kafka, obwohl er diesen Krieg natürlich nicht will, sich dann seltsamerweise, als er ausgebrochen ist, zum Patrioten mausert und also tatsächlich einrücken möchte. Er ist ja für eine Versicherungsanstalt tätig, als unabkömmlich eingestuft, als er darf nicht. Er empfindet das als Schande, als Makel, weil eben Verwandte einrücken und das Vaterland verteidigen. Ganz ähnlich bei Thomas Mann im Übrigen, auch die Ausmusterung ein Makel. Das bringt uns vielleicht zu einer Frage, die mit dem Ersten Weltkrieg einhergeht. Es gibt im Ersten Weltkrieg natürlich die Kriegsgegner, unter denen Literaten und Literatinnen zu nennen wären. Karl Graus, Stefan Zweig, Bertha von Suttner, Heinrich Mann. Es gibt aber auch eigentlich ziemlich viele Kriegsbefürworter, Thomas Mann, Gerd Hauptmann, Frank Wedekind, ganz kurz sogar Hugo von Hoffmannsthal, die erwarten sich allesamt ein reinigendes Gewitter, die Krise und danach steht die Kultur wieder. Und dann gibt es eben diese Gruppe, die sich gar nicht äußert, wie Franz Kafka oder wir haben Christian Angerer hier, Robert Walser, über den du promoviert hast. Wie schätzt sich das ein? Also es sind natürlich immer persönlich, jeder Mensch steht in seiner Zeit und in seinen Verhältnissen und trifft eine Entscheidung. Aber muss ein Schriftsteller da immer gegen den Krieg sein oder wie ist das? Wie kommen so viele dazu, zu sagen, na gut, der Krieg, das ist eine gute Idee. Warum, was glaubst du, Thomas, was könnte die Ursache gewesen sein? Es hängt immer auch von einer politischen Positionierung ab, von einer weltanschaulichen. Also das korreliert. Du hast einen wesentlichen Punkt natürlich erwähnt, also gerade Erster Weltkrieg, wenn man deutschsprachigen Literaten anschaut, 1870, 1871, der deutsch-französische Krieg ist doch schon eine Zeit lang zurück. Krieg in den Kolonien existieren zwar, aber sehr erfolgreich und doch ein Stückchen weiter weg. Also es war schon eine Stimmung, die man sagen kann, Europa braucht jetzt etwas, Deutschland oder Österreich braucht jetzt etwas Reinigendes, etwas Spannendes, also etwas, wo eine Dynamik reinkommt. Und dann hängt es eben davon ab, wie bin ich auch sozialisiert. Also bei Tucholsky wäre zum Beispiel zu erwähnen, da ist einer, der aus dem linken Lager kommt, Tucholsky, der im Ersten Weltkrieg an der Ostfront dient und dieses, wer auch nicht freiwillig jetzt sich meldet, aber als Deutscher eben teilnehmen muss und seine Konsequenzen daraus zieht. Also das, glaube ich, spielt ganz viel zusammen. Also wie ist jetzt die Positionierung, das Weltbild, das Menschenbild? Was ist der Zeitgeist, den man nicht unterschätzen darf? Also natürlich auch medial, also wie gehypt wird jetzt so dieser Erste Weltkrieg. Und dann gibt es eben die Äußerungen und das, glaube ich, verbindet die Literaten. Es ist etwas, das verarbeitet werden muss, ob das jetzt in eine Zustimmung geht oder ob in eine Ablehnung, aber es ist ein Prozess der Auseinandersetzung da. Aber es ist ein Prozess der Auseinandersetzung da. Was sicher auch eine Rolle spielt, denke ich mir zumindest, ist, dass dieser industrialisierte Krieg ja zum ersten Mal stattfindet. Die technischen Voraussetzungen, Krieg war ja bis zum Ersten Weltkrieg nicht in dieser Dimension vorhanden in der Welt. Diese modernen Waffen und so weiter haben ja ein unglaubliches Zerstörungspotenzial erst entfesselt im Ersten Weltkrieg. Darf ich noch etwas ergänzen? Diese Vorbereitung auf den Krieg, es war ja so, dass zumindest im Deutschen Reich gab es dieses wilhelminische Festspiel, das war eine eigene Literatursorte für die Bühne, in der der Krieg eben auch glorifiziert, aber auch verharmlost wurde. Also Generationen von Schulkindern haben sozusagen gelernt, dass der süße Tod fürs Vaterland eigentlich nur ein Stolpern auf der Bühne ist und dann steht man wieder auf. Und das haben Generationen so gelernt und man sieht da mit Hurra, mit einem Gewehr und sieht den Gegner vielleicht auch noch, was ja gar nicht der Fall war, der ist einfach zerrissen worden, ohne einen Schuss abgegeben zu haben. war, der ist einfach zerrissen worden ohne einen Schuss abgegeben zu haben. Das hat natürlich Generationen den Krieg als etwas harmlos, harmlos ist vielleicht übertrieben, also etwas was man einfach übersteht als echter Mann und da waren wohl auch die Literaten des frühen 20. Jahrhunderts auch nicht ganz frei von Gehirnwäsche oder Beeinflussung. Aber auch wie Thomas gesagt hat, der letzte Krieg war lange aus. Der letzte Krieg war 40, 50 Jahre her. Und wir sind jetzt, naja gut, wir haben 70 Jahre fast. Und es war natürlich auch immer eine Selbstüberschätzung. Ich meine, die hat es natürlich gegeben. Also der Krieg ist kurz. Wir werden bis Weihnachten wieder... Also das war im Grunde genommen noch nicht eine Konfrontation mit der Realität. Das war dann diese schmerzvolle Erkenntnis, die natürlich dann auch zu einer Veränderung des Denkens geführt hat bei einigen. Aber da musste man durch. Das war eine harte Erfahrung. Das ist gut, dass du es erwähnst. Also nicht, dass man jetzt glaubt, alle, die ich vorhin genannt habe, wären ihr Leben lang Kriegsbefürworter geblieben. Also eigentlich haben die meisten nach relativ kurzer Zeit erkannt, dass das doch nicht so eine gute Idee ist im Schützengraben. Der Erste Weltkrieg, bekannt als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in der Geschichtswissenschaft. Warum? Weil er eben quasi den Nährboden legt, auch für den Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Dazwischen allerdings eine kurz für friedliche Zeit, in die wir kommen möchten, die Zwischenkriegszeit in Deutschland, die Zeit der Weimarer Republik in Österreich, die Zeit der Ersten Republik. Thomas Schlager-Weidingers Vortrag im Rahmen dieser Ringvorlesung druckt den Titel Zwischen innerer und äußerer Emigration, deutsche Lyrikerinnen zwischen den Kriegen, ein Beispiel von Mascha Kalecko, Kurt Tucholsky und Erich Kästner. Vielleicht kannst du uns was zu den dreien sagen. Wie haben diese drei Schriftstellerinnen auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten reagiert? Machtübernahme der Nationalsozialisten reagiert? Ja, es gibt eben so diese drei klassischen Emigrationspositionierungen. Also von der Inneren haben wir schon gehört, dann die Äußere. Dann gibt es eine, die kann man umschreiben so mit Finale oder Mortale, also der Freitod wie Stefan Zweig oder Tucholsky. Und dann gibt es natürlich noch eine, da gibt es keinen Namen dafür, das ist diese Zwangsverfrachtung in den Konzentrationslagern, wo natürlich der Schriftsteller auch nicht aufgehört hat, Schriftsteller zu sein, aber natürlich wesentlich eingeschränkt war, sich damit auseinanderzusetzen. Die Autoren hat es aber auch gegeben. Auch hier drei Zitate, um das vielleicht authentisch gleich rüberkommen zu lassen. Mascha Kalecko, 1938, einen Text von ihr. Also Mascha Kalecko, 1907 wird sie geboren. Über die Mutter ist sie mit Österreich-Ungarn eben Staatsbürger, mehr oder weniger hat sie die. Sie geht aber dann nach Berlin und muss eben aufgrund ihrer jüdischen Herkunft 1938 Deutschland verlassen. Deutschland verlassen. Wir haben schon gehört, es war ganz schlimm, weil sie natürlich eine war, die ein großes Heimweh nach der deutschen Sprache gehabt hat. Sie flieht mit ihrem Mann und ihrem Sohn nach New York, bleibt dort bis 1960 und kommt nie wirklich an. Dann geht sie nach Jerusalem, auch dort erlebt sie ein zweites Unbeheimatetsein. Und von Mascha Kalecko stammt folgender Text. Also als Beispiel jetzt dieser äußeren Emigration. Wenn ich Heimweh sage, sage ich Traum. Denn die alte Heimat gibt es kaum. Wenn ich Heimweh sage, meine ich viel, was uns lange drückte im Exil. Fremde sind wir nun im Heimatort. Nur das Weh, es blieb, das Heim ist fort. Zieht sich durch ihre gesamte Lyrik, also wenn sie von Heimat schreibt und sie thematisiert das in sehr, sehr vielen Gedichten, dann ist es genau dieses Gefühl des Unbehausten, die Heimat verloren zu haben, das Nicht-Beheimatung-Finden. Die Hoffnung war ja als Jüdin, dass sie das vielleicht auch in der eigenen Religion kann, also sie setzt sich auch lyrisch, literarisch dann mit dem Judentum auseinander. Man kann die Texte durchaus auch so interpretieren, dass sie hier einen Zugang findet. Also diese jüdische Tradition, die im Grunde genommen fremd war oder an die sie gar nicht gedacht hat, wird aufgrund dieser Exilerfahrung für sie ein denkbarer Anker und sie findet in biblischen Vorbildern mehr oder weniger auch Leidensgenossen und Genossinnen. Zu Erich Kästner, also der Repräsentant der inneren Immigration, man hat ihn ja oft gefragt, warum bist du eigentlich geblieben, warum bist du nicht emigriert? Kästner, wissen wir, ein hoch angesehener Kinderbuchautor, Emil und die Detektive, das fliegende Klassenzimmer, verfilmt worden. Und Kästner gibt es zunächst einmal eine familiäre Bande, also so diese Mutter, die er nicht zurücklassen wollte, wo er gesagt hat, ich kann mich als Dichter nicht der Verantwortung entziehen, um mit Deutschland mitzuleiden. Also die authentische Erfahrung, die mache ich nur, wenn ich bleibe. des Dritten Reiches schreiben wird über das Dritte Reich, den er nie geschrieben hat, weil er es auch nicht schreiben konnte. Also er sagt, es lässt sich einfach nicht ausdrücken, was hier passiert ist. Von Erich Kästner, also drei Jahre später, über diese innere Emigration, schreibt er Folgendes. Ich bin ein Deutscher aus Dresden in Sachsen. Mich lässt die Heimat nicht fort. Ich bin wie ein Baum, der in Deutschland gewachsen. Wenn es sein muss, in Deutschland verdorrt. Wie der nächste Tucholsky,, der diese finale Form der Immigration, diese mortale Weg gewählt hat, ob es ein Selbstmord war, da wird gestritten, es gibt einige Argumente, dass man sagt, diese Tabletten, diese Überdosierung in Schweden hat zu diesem Selbstmord tatsächlich auch geführt. Kurt Tucholsky, der dieses nationalsozialistische Deutschland innerlich nichtarschen lässt, dass Deutschland so nach rechts driftet, diese Unmenschlichkeit, und er verlässt Deutschland ja relativ früh. gesehen und miterlebt hat, bekommt es auch ein Tucholsky mit, also die Literatur, für die sie gefeiert worden sind, was ihnen so wichtig war, wird verbrannt. Und Kurt Tucholsky schreibt 1935 folgendes Zitat, über den großen Knacks meines Lebens komme ich nicht weg, dass ich mich in der menschlichen Natur so schwer getäuscht habe. Ich hatte von Deutschland nie etwas anderes erwartet, wohl aber von den anderen. Nun mag ich nicht mehr. Vielleicht noch kurz zum Formalen, also was verbindet jetzt diese drei Autoren? Das ist sicherlich so etwas, was man im Nachhinein umschrieben hat mit neuer Sachlichkeit. Oder, wenn man ganz speziell jetzt an die Lyrik festmacht, die sogenannte Gebrauchsyrik. Es fällt auf, dass es mit der Weimarer Republik vor allem zu Beginn zu einer Ernüchterung und zu einer Versachlichung des Klimas gekommen ist. Durchaus auch politisch, also die Katastrophe des Ersten Weltkriegs, Versailler Vertrag, das ist abgeschlossen und es bildet sich so etwas aus wie erste demokratische Struktur. Und dann kommt es ja auch tatsächlich zu diesen sogenannten goldenen Zwanzigern, also wo man sieht, es kann auch in dieser neuen unbekannten politischen Form wie der Demokratie weitergehen. Und diese Ernüchterung und diese Versachlichung, vor allem auch noch dem Expressionismus, Und diese Versachlichung, vor allem auch nach dem Expressionismus, das ist ja der literarische Stil davor, der zeichnet sich ja gesagt hat, von der reinen Kunst soll es hingehen zu einer Gebrauchskunst. Und die Literatur ist lediglich so etwas wie ein Produktionsmittel. Produktionsmittel. Also die Texte, die in den 20er Jahren produziert worden sind, vor allem von Lyrikern, waren jetzt keine heere, hohe Kunst mehr, sondern war eben etwas, das mit Tageskritik zu tun hat, man reflektiert die Tageswirkung in einer einfachen, gut verständlichen, oft auch sehr ironischen Sprache. Also es ist eine sehr reduzierte und eine Lyrik mit wenig Pathos. Zeigen auch schon diese zwei bekannten und sehr, sehr sich gut verkaufenden Textsammlungen. Also dieses Alltägliche, diese Gebrauchslyrik bei Erich Kästner, der hat eine Gedichtssammlung, die in mehreren Auflagen erschienen ist, die heißt Lyrische Hausapotheke. Und so kann man sie auch lesen. Und Mascha Kalecko wird gerade noch vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wird das Buch noch herausgegeben, das lyrische Stenogrammheft. Also auch da merkt man schon im Titel etwas sehr, sehr Sachliches. Jetzt weiß ich nicht, wie viel ich schon gesprochen habe. Jetzt frage ich dich was. Und zwar, du hast es erwähnt, der Begriff der inneren Immigration ist ja ein umstrittener Begriff, nichtsdestotrotz. Also, wenn ich sage, es war noch ganz am Anfang in deiner Einführung, war Ernst Jünger zu sehen, der in die innere Immigration gegangen ist, Gottfried Penn ging in die innere Immigration. Also es sind schon Namen, wo es zumindest strittig ist, wie sehr sind die emigriert, wie sehr waren die Opportunisten, den Begriff geprägt hat meines Wissens nach der Schriftsteller Frank Thies. Und dieser Begriff hat auch dazu geführt, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich zwei Lager an Schriftstellern und Schriftstellerinnen gab, nämlich die aus der inneren Immigration, die gesagt haben zu den Exilanten, ihr habt euch da aus den Logen unser Leiden angesehen und die Exilanten, die ja wirklich geflohen sind, manchmal mit nichts am Körper als ihrer Kleidung, die waren dann plötzlich die Bösen und waren auch beleidigt und haben gesagt, ihr wart ja alle Kollaborateure in Wahrheit. beleidigt und haben gesagt, na ihr wart ja alle Kollaborateure in Wahrheit. Und das hat mich eigentlich seit meinen Studientagen verwundert, dass es da so eine, nicht Hass wäre übertrieben, aber so ein Gegeneinander gegeben hat zwischen diesen beiden Gruppen, weil ja eigentlich der Feind, wenn er denn einer war, ein Gemeinsamer war. Also das wäre eher etwas Verbindendes. Wie erklärt ihr euch das? Dass es da, ich habe Recht, und der andere sagt, ich habe Rechte. Warum ist das so? Warum war das kein verbindendes Element, die Überwindung des Feindes? Ich glaube, es geht um die Frage, und da sind vielleicht Schriftsteller, wie man sieht, du hast auch diesen Begriff des Seismografen, also seismografisch, die waren da natürlich relativ früh dran, wo es um die Frage der Verantwortung gegangen ist. die man sagt, indem ich den anderen ein anderes Verhalten vorwerfe, findet ja dann auch eine Entschuldigung statt. Und ich vermute, dass es auf dieser Ebene auch war. Weil es war schwierig und es war ja auch schwer, was tut man. Ich meine, jetzt aus der Vergangenheit ist es ja relativ leicht zu sehen, aber 1933, das war innerhalb von einem einzigen Monat, waren die Notverordnungen Hitlers heraus, das heißt, du musstest die eben, ich habe ein sehr, sehr gutes Buch da von Uwe Wittstock, Februar 1933, der Winter der Literatur. Also wer interessiert ist, hervorragend. Und der beschreibt eben, wie schnell die Leute damals reagieren mussten. Und dann ist jetzt eben so diese Zeit, man hat sich entschieden, man musste sich entschieden. Und dann nach 1945 war das dann schon so die Frage, war das richtig, was ich getan habe? Ja, ja. Und das ist eine harte Frage, also wenn man sich die Frage stellt. war das richtig, was ich getan habe? Und das ist eine harte Frage, wenn man sich die Frage stellt, und da gibt es durchaus Mechanismen, die da heißen, ich habe das eh gemacht, das sieht man ja sehr gut bei Kästner, der wird ja sehr, sehr oft immer wieder die Frage gestellt, warum bist du nicht geflohen, warum bist du nicht ins Exil? Kästner hat sich auch geäußert, ich glaube, gegenüber Thomas Mann. Also das ist eine, war ihm aber später dann peinlich irgendwie, Kästner. Später dachte er dann, naja, das war vielleicht doch keine gute Idee jetzt. Mit Mann anzuleben ist immer schwer. Ja, danke dir. Wir haben den Ersten Weltkrieg durch, wir haben die Zwischenkriegszeit, gut erklärt vor allem mit Blick auf die Machtergreifung Hitlers. Und dann kommen wir zum wahrscheinlich dunkelsten Kapitel der europäischen Geschichte, möchte ich sagen, zum Holocaust und damit zum Schwerpunktthema von Christian Angerer. Dein Vortrag hieß die literarische Erinnerung an die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Ja, ich denke, niemand wird mir widersprechen, wenn ich sage, was in den Konzentrationslagern geschehen ist, führt uns sehr nahe an die Grenzen menschlichen Begreifens. Also das kann man ja eigentlich fast nicht mehr nachvollziehen. Hannah Arendt hat es ja zum Beispiel ganz intensiv versucht. Nichtsdestotrotz gab es Überlebende des Holocaust, die natürlich unauslöschlich gezeichnet waren, Zeit ihres Lebens. Wie kann Literatur solche extremen Erfahrungen irgendwie aufgreifen? Was zeichnet Holocaust-Literatur aus, deiner Ansicht nach, oder deinen Forschungsergebnissen zufolge. Ja, das möchte ich gerne an einem Beispiel zeigen. Und da reicht das Vorlesen nicht, also das Gedicht sollten wir sehen. Das ist noch was anderes. Genau. Also es geht um die Ausdrucksmöglichkeiten der Holocaust-Literatur für extreme Erfahrungen und Gefühle. Und das Beispiel, das dann kommt, das ist ein berühmtes Gedicht von Dan Bargis. Hier ist es. Zu Dan Bargis. Dan Bargis stammte aus der Buku Wiener. Stammte aus der Buku Wiener. Er hat den Holocaust als Kind in einem Arbeitslager überlebt. 1946 ging er nach Palästina und wurde dann Professor für mittelalterliche hebräische Literatur an der Universität Jerusalem. Seine Muttersprache war Deutsch. Geschrieben hat er seine Gedichte auf Hebräisch, zum Beispiel dieses, das Sie jetzt sehen. Mit Bleistift geschrieben im verplombten Waggon. Hier in diesem Transport bin ich Eva mit Abel, meinem Sohn. Wenn ihr meinen großen Sohn seht, kein Adamsohn, sagt ihm, dass ich... Der Titel versetzt uns unvermittelt in eine historische Situation des Holocaust, erweckt ein starkes Bild in unserer Vorstellung, macht es gegenwärtig. Wir sehen uns plötzlich in einem Deportationszug in ein Vernichtungslager. Dann katapultiert uns die Botschaft in eine dramatische Familiensituation hinein, dass ich, Eva, will über sich und ihren Sohn eine Nachricht hinterlassen an ihren zweiten Sohn. Und der Text bricht ab. Diese fragmentarische Nachricht aus einem Todestransport wühlt uns auf, wir fühlen uns angesprochen, dass ihr im Text sind ja wir als Lesende, dass es um familiäre Bindungen geht, also um Mutter, Eltern, Söhne, verstärkt die Gefühle beim Lesen und diese Gefühle sind zum Beispiel Ungewissheit, Angst, Verzweiflung, Schmerz, Mitleid. Ich möchte eine erste verallgemeinende Zwischenbilanz zur Frage, was vermag Holocaust-Literatur, wenn man sich diese starken Emotionen anschaut, ziehen. Holocaust-Literatur regt durch ästhetische Mittel unsere historische Einbildungskraft an. Sie spricht unsere Sinne an, stärker als Geschichtsdarstellung es kann. Sie verwandelt fremde Erfahrungen in innere Bilder und schafft dadurch einen emotionalen Bezug zum Vergangenen. Sie schärft die Wahrnehmung und fördert das Einfühlungsvermögen. Holocaust-Literatur bringt uns also extreme Erfahrungen, die jenseits unserer Begriffe liegen ästhetisch nahe. Der ungarische Holocaust-Überlebende und Autor, Nobelpreisträger, Autor des Romans eines schicksallosen Imre Kertés hat das so formuliert, vom Holocaust, dieser unfassbaren und unüberblickbaren Wirklichkeit, können wir uns allein mit Hilfe der ästhetischen Einbildungskraft eine wahrhafte Vorstellung machen. Zitat Ende. Ein zweiter Blick auf das Gedicht. Wir stutzen natürlich schon bei der ersten Lektüre. Eva, Abel, Kain, Adam, die Urfamilie der Menschheit aus dem Buch Genesis. Biblische Konnotationen stellen sich ein. Der Brudermord, die christliche Erbsünde. Das Gedicht eröffnet eine universelle Bedeutungsebene. Es spannt den Bogen vom ersten Mord der mythologischen Menschheitsgeschichte bis zum Höhepunkt des Mordens im Holocaust. Der Text irritiert uns auch durch dieses Verstummen mitten im Satz. Das zwingt zum genauen Nachlesen, quasi zum Nachbuchstabieren. zum Nachlesen, quasi zum Nachbuchstabieren. Und wenn wir das tun, entdecken wir, dass das Gedicht zwei Botschaften enthält, eine vollständige und eine unvollständige, je nachdem, wie wir die Verse reihen und wie wir das fehlende Satzzeichen ergänzen. Beginnen wir die Lektüre beim vierten Vers, dann lesen wir. Wenn ihr meinen großen Sohn seht, kein Adamsohn, sagt ihm, dass ichel, meinem Sohn. Doch die überlieferte Bleistiftnotiz nach Evas und Abels Ermordung endet fragmentarisch, so wie wir das Gedicht hier sehen. Was hätte Eva uns mitteilen wollen? Welche Botschaft wollte sie an kein richten, an den Brudermörder? Das bleibt offen. Der Text führt uns an die Grenzen, das ist sagbar. zweite verallgemeinernde Bilanz zur Holocaust-Literatur. Holocaust-Literatur ermöglicht eine starke Einfühlung, aber sie schafft zugleich durch ihre künstlerische Form auch ästhetische Distanz. Die Wahrnehmung der Form bringt uns zu Bewusstsein, dass wir es mit einer literarischen Darstellung zu tun haben. Also Holocaust-Literatur nimmt uns mit in ein Experiment. Mit Hilfe des Textes tun wir so, als ob wir vom vergangenen Schrecken uns eine Vorstellung machen könnten. Und dieses als ob, dieser Vorbehalt, dieser Konjunktiv, die ästhetische Distanz, erlaubt uns bei allem Schrecken auch ästhetischen Genuss an der literarischen Gestaltung zu finden. Und vor allem die ästhetische Distanz setzt unsere Reflexion in Gang. Beispiel dieses Gedichtes, wir denken mit diesem Gedicht über die Grenzen der Darstellbarkeit und über die Grenzen des Begreifens nach. extremen Emotionen, Erfahrungen aufgreift. Die literarische Darstellung fördert historische Empathie, wenn man das so nennen möchte, doch die ästhetische Distanz erlaubt uns zugleich den Rückzug aus einer übermäßigen Identifikation. Die literarische Gestaltung wirkt wie ein Filter für die übermächtigen Gefühle, Gestaltung wirkt wie ein Filter für die übermächtigen Gefühle, der uns vor Verletzung der Seele und auch vor der Lähmung des Nachdenkens bewahrt. Und so stärken literarische Texte über den Holocaust beides in einem, das Vermögen zur Einfühlung und die Bereitschaft zum Nachdenken. und die Bereitschaft zum Nachdenken. Und das sieht man, glaube ich, in sehr komprimierter Form und in sehr eindrucksvoller Form an diesem kleinen Gedicht von Dan Bargis. Absolut, also besser kann man es nicht exemplifizieren, finde ich. Wenn wir aber in Linz sitzen und du über ästhetische Distanz und NS-Literatur sprichst, dann muss der Name Heimrath-Becker fallen. Würdest du den nämlich auch hier dazuzählen, also zu ästhetische Distanz? natürlich in einem ganz breiten Spektrum fallen, was die Form betrifft, von sehr konventionell bis experimentell. Und Heimrat Becker ist beim experimentellen Pol anzusiedeln und das, was er macht, ich weiß nicht, ob er allen bekannt ist, aber Heimrat Becker hat Zitate zum Beispiel aus Täterdokumenten, aber auch aus historischen Darstellungen, reduziert und neu zusammengestellt, montiert zu Texten, die man eigentlich keiner Grundform der Literatur zuordnen kann. Es sind keine Erzählungen, keine Dramen und keine Gedichte, es sind experimentelle Texte. Es sind experimentelle Texte. Er hat das Nachschrift genannt. Also er verwendet bereits vorhandenes Material aus der historischen Zeit des Nationalsozialismus, um es neu zusammenzusetzen in sehr reduzierter, zugespitzter Form, um ihm eine neue Aussage zu verleihen. Und da ist unser Blick natürlich sofort auf die Form gerichtet, wenn wir diese Texte von Heimatbecker sehen. Da gilt dasselbe wie für das Gedicht von Dan Bargis. Also wir haben durch diese Texte von Heimatbecker diese Möglichkeit der Einfühlung. Sie haben teilweise eine sehr starke emotionale Wirkung. Und wir haben zugleich den zweiten Blick sozusagen, die ästhetische Distanz, wie ist das gemacht und dadurch können wir wieder einen Schritt zurücktreten und uns auch vor, wie gesagt, einer übermäßigen Identifikation mit diesen extremen Emotionen schützen. Aber vielleicht, falls Sie das wirklich nicht kennen, also unbedingt besorgen, Heimrat Becker, Nachschrift ist vergriffen, ich denke, ist vergriffen, aber... Das weiß ich gar nicht, es gibt zwei Bände, Nachschrift und dann circa zehn Jahre später Nachschrift zwei, wo diese Texte versammelt sind. Jetzt, vielleicht Christian Anger, bleiben wir noch bei ein paar Literaten, die im KZ waren oder im Ghetto. Ich nenne, du hast sie genannt, auch in deiner Vorlesung, Paul Celan, Tadeusz Sporowski, Primo Levi, mir ist dann auch noch Jean-Marie eingefallen, also alles Literaten, die sich später das Leben genommen haben, auch wenn es bei Primo Levi, glaube ich, gar nicht so eindeutig ist, ob es Selbstmord war. Jetzt gibt es die These, dass Literatur auch eine therapeutische Funktion erfüllt. Die gibt es gemeinhin, oder? Dass man sich was von der Seele schreibt und so weiter. Also das ist so ein populärer Spruch. Die Realität ist aber dann schon mächtiger als die Kunst scheinbar. ist aber dann schon mächtiger als die Kunst scheinbar. Also es sind relativ viele, die die KZs überlebt haben, aber dann irgendwann, auch manchmal spät, nicht mehr weiterleben wollten. Und vielleicht auch der Spruch ist mir eben dazu geraten, Adornos berühmtes Satz nach Auschwitz, Gedichte zu schreiben ist barbarisch. Konnten all die Genannten irgendwie dann nicht mehr, also hat Literatur nicht mehr gereicht, um weiterzuleben, die Kraft der Literatur? Das war nicht für alle gleich. Ja, klar. Es gab ja auch in den Konzentrationslagern bei schreibenden Menschen, wir müssen uns immer vor Augen halten, die, die geschrieben haben, sei es im Lager oder nach dem Lager, das war eine kleine Minderheit, die allermeisten haben nicht geschrieben. Die Konzentrationslager waren nicht dazu angetan, um originelle Dichter hervorzubringen. Aber die, die geschrieben haben, die haben das teilweise im Lager schon gemacht, um ihren Erfahrungen eine Form zu geben. Und das war ein Überlebensmittel. Und das Schreiben nach der Erfahrung der Konzentrations- und Vernichtungslager konnte zwiespältig sein. Also es gab das Bedürfnis, das zu verarbeiten und auch das weiterzugeben, was man erlebt hat. Das konnte auch dem Leben dann einen Sinn geben. Und zugleich war das Schreiben, das Wiederaufwühlen des traumatischen Erlebten, das sehen wir zum Beispiel bei Jorge Semprún, weil er es zum Thema gemacht hat, der Jahrzehnte gebraucht hat, um über seine Erfahrungen im Konzentrationslager Buchenwald zu schreiben. Er hat das dann erklärt in einem Buch mit dem Titel Schreiben oder Leben. Zusammengefasst, ich stand vor der Entscheidung, schreibe ich über diese entsetzlichen Dinge, die ich erleben musste und riskiere ich dadurch, dass ich das nicht aushalte? Oder schweige ich darüber, bis ich so weit bin, dass ich darüber schreiben kann? Es hat eben lange gedauert. Und die von dir genannten Autoren wie Jean-Marie, Paul Celan, Primo Levi sind Beispiele für Autoren, die diese tödliche Wirkung des Wiederaufgreifens dieser traumatischen Erfahrungen dann auch nach Jahrzehnten noch gespürt haben. Bei Primo Levi, wie gesagt, ist es nicht ganz eindeutig. Und die sich dann das Leben genommen haben. Also das Schreiben nach dem Holocaust war für die Überlebenden zwiespältig. Ganz kurz noch zu Adorno. Ich meine, das ist ja auch heftig diskutiert worden, weil es eine sehr arrogante Position war. Kann man nicht mehr schreiben. Er hat zum Glück auch zurückgenommen, also gerade in der Reaktion von Paul Celan, also der ihm eben doch bewusst gemacht hat, man kann schreiben, es ist nur die Frage, wie man schreibt. Also es war schon ein Stück weit auch eine Arroganz von außen, die der gesagt hat, eigentlich darfst du ja. Es war dann eigentlich ein Imperativ, man darf nicht, und wenn man dann doch drüber schreibt, dann ist man kein richtiger Lyriker oder Dichter. Arroganz finde ich hart. Bescheidenheit ist es nicht. Nein, bescheiden ist es nicht, aber wir müssen uns da ein bisschen bemühen, den Adorno auch zu verstehen, was er gemeint hat. ein bisschen bemüht, den Adorno auch zu verstehen, was er gemeint hat. Und ich denke, er hatte im Sinn, trotz dieser großartigen deutschen Kultur, der Literatur und der Kunst und der Humanismus und alles, trotzdem kam es zu diesem Menschheitsverbrechen. Und alles, was in dieser Tradition steht, hat eigentlich keine Existenzberechtigung. Er hat ja nicht gemeint, wir dürfen kein Gedicht über Auschwitz schreiben, sondern er hat gesagt, ein Gedicht zu schreiben nach Auschwitz ist barbarisch. Also allein diese Äußerungsform, diese kulturelle Äußerungsform hat ihre Berechtigung verloren. Natürlich war das sehr hoch angesetzt einmal und er hat es dann auch zurückgenommen und relativiert zumindest, und hat dann gesehen, vor allem durch die Werke von Paul Zählern und anderen, man kann auch über Auschw gesagt hast, eben auch hier wieder, es gibt nicht die Standardantwort, sondern es ist von der Person abhängig. Und von wie? Ja, genau. Kann ich und wie kann ich? Also das ist sehr individuell. Es tut mir leid, ich breche ungern meine Versprechen und ich habe versprochen, wir kommen noch ins Heute und wir müssen mit Blick auf die Uhr sehr schnell ins Heute vorpreschen. Wir müssen mit Blick auf die Uhr sehr schnell ins Heute vorpreschen. Vielleicht eine Frage an euch alle. Wir leben in einer Zeit, wo sich Populismus von links wie rechts bahnbricht politisch. Und ich sage mal, es schaut nicht so aus, wie wenn wir in die richtige Richtung gehen. Auf der ganzen Welt. Es ist ganz egal, wo man hinschaut. Jetzt meine Frage, einige Didaktiker hier am Podium, haben didaktische Konzepte irgendwie versagt, die, die wir hatten, also wir wählen ja teils auch unsere, also nicht so von der Demokratie begeisterten Präsidenten und Präsidentinnen, nein, eigentlich nur Präsidenten, glaube ich, das dürfte eine männliche Ausgeprägtheit sein, der Hang zum Faschismus zumindest, haben die didaktischen Konzepte versagt, haben die didaktischen Konzepte versagt, denn es gibt ja seit geraumer Zeit einen Rückgang oder das humanistische Bild in der Lehre, der ganzheitliche Mensch, das ist ja gar nicht mehr so aktuell. Wir bilden eher Spezialisten aus für dies und das und nicht mehr so wie Stifter. Das wollte die Ganzheitlichkeit im Menschen. Zurück zu Stifter. Genau, Stifterhaus. Ich muss leider verpflichtend immer auf Stifter zu sprechen kommen. Ist es so? Also haben didaktische Konzepte irgendwo, gab es da einen Fehler? Fehler, vielleicht ist es blöd, aber ihr wisst, was ich meine. Oder war die Literatur ungenügsam, die wir lesen? Woran liegt es, dass wir da sind, wo wir jetzt sind? Schwere Frage. Der Literaturunterricht daran schuld hat, das bezweifle ich, das hängt ja doch immer vom Lehrer ab. Ich glaube, es werden schon die richtigen Texte gelesen. Gerade solche Texte und gerade, oder gut, vielleicht hat es die Schule noch nicht so erreicht. Jetzt haben wir ja Schulklassen, die sehr heterogen sind, wo die Hälfte unter Umständen oder auch mehr eine andere Erstsprache spricht und zumindest deren Eltern kennen das gleiche Schicksal, auf der Flucht zu sein, im Exil zu leben, die eigene Sprache ist plötzlich wertlos. Das ist ja auch so ein Problem, dass man immer sozusagen Schüler zweiter Garnitur ist. Die anderen, die Bio-Österreicher oder wie Österreicherinnen, die können Deutsch und ich muss es erst lernen. Keiner interessiert sich für meinen Türkisch oder was auch immer. Also eigentlich wären diese Texte geradezu prädestiniert für die Schule, um für Verständnis zu sorgen. Es gibt wohl noch keine didaktische Richtung, die das vorantreibt. Ich glaube, es setzt früher an. Ich glaube schon, dass es eine Veränderung gegeben hat, die ich im Bildungsfokus und im Bildungsbegriff sehe. Schule entwickelt sich immer mehr zu einer Institution mit einem neoliberalen Vorzeichen. Das heißt, es geht um Standardisierung, es geht um Elementarisierung. Es gibt deutsche Oberstufenklassen, die Goethe in einfacher Sprache lesen. Also ich glaube, dass... Oder als Graphic Novel. Also dass Bildung zu funktional gedacht wird. Und gerade, wenn Bildung wieder, ich bin ein Verfechter von Humboldt, also diese ureigenste Frage, wozu Bildung eigentlich da ist. Es geht um eine Bildung des Selbst mit den ganz großen Fragen. Und zu den großen Fragen gehört eben die Frage nach Tod, nach Krieg. Für das hat man im Grunde genommen keine Zeit mehr. Alleine, was ich heute gehört habe wieder, dass man über Latein diskutiert, also finde ich es bezeichnend. Genau dieses neoliberale Vorzeichen davor, wir lernen eh ein bisschen Demokratie und ein bisschen KI. Also das heißt, ich glaube schon, dass hier Schule, Bildungsinstitutionen versagt haben, weil der Bildungsbegriff so funktional gehalten wird. Und wir müssen eigentlich wieder zurückzukommen und Bildung im humanistischen Geist wieder einzufordern. Die Sublimierung des Menschen irgendwo, oder? Ja. Und der sublimierte Mensch führt keinen Krieg. Das wäre eine ganz einfache Rechnung. Ja. Und welche Aufgabe hat die Literatur in Zeiten wie diesen, eurer Meinung nach? Also didaktisch haben wir es jetzt schon abgehakt, die Literatur, kann die noch was, holt man noch wen hinter dem Ofen hervor mit einem Gedicht? Oder muss man es auf TikTok dann präsentieren? Was muss Literatur heute machen? Ich glaube, die Literatur ist unverwüstlich. Auch junge Menschen heute haben eine Faszination für Gedichte, nicht alle natürlich, aber das bleibt. Und was Literatur kann, deutet sich ja an in dem, was hier zum Beispiel auf dem Podium schon besprochen wurde oder was in den Vorlesungen vorkam. Sie kann Erfahrungen aufgreifen, sie geht mit Emotionen um, sie vermittelt auch Emotionen, sie regt aber auch zum Nachdenken an. Und die ästhetische Gestaltung, die Form, die sie hat, ist da der Schlüssel eigentlich. Also es sind nicht so sehr die Inhalte, es ist die Form, die dann vieles öffnet, was Emotionen, aber auch was Reflexion betrifft. Und zur generellen Frage, ja, hat die Didaktik versagt? Das war natürlich ein bisschen pointig. Ja, natürlich. Es gibt ja auch die Frage, hat die Gedenkstättenpädagogik versagt? Und so weiter hat dieses und jenes Bildungsprogramm versagt. Natürlich ist das auch sehr kritisch zu sehen, du hast das ja dargestellt, also wenn das so eine neoliberale Färbung bekommt. Aber man kann, ich möchte auch zu Bedenken geben, wenn es all das nicht gäbe, was in der Bildung passiert, wäre es vielleicht nicht noch schlimmer. Und das wissen wir nicht. Aber es ist zu befürchten. Aber wir brauchen einen optimistischeren Schlusssatz. Also bitte Boris Plagg, um das gute Wort zum Tag. Du legst mir eine große Verantwortung auf die Schulter. Naja, man darf niemals aufgeben, das würde ich einfach sagen. Man muss es immer wieder versuchen mit der Literatur. Ja gut, die Zeit ist wirklich weit fortgeschritten. Wir hätten das gerne noch geöffnet, aber ich glaube, es ist Zeit zu schließen. Ich danke Ihnen vielmals fürs Kommen und würde mich auch freuen, wenn Sie noch das Literaturcafé aufsuchen und ein bisschen in Diskussion kommen. Im Stifterhaus geht es weiter am Dienstag, wenn Eva Grübel und Marlene Schachinger-Pusioll ihre neuen Romane vorstellen im ganz klassischen Format. Und ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und bei den drei Herren am Podium. Vielen Dank.