Guten Abend im Stifterhaus, meine sehr geehrten Damen und Herren. Ich freue mich, Sie zur Auftaktveranstaltung für 2026 hier begrüßen zu dürfen. Ich hoffe, Sie hatten alle frohes Weihnachtsfest, hoffentlich im Kreise der Familie. Für das neue Jahr wünsche ich Ihnen natürlich das Allerbeste, vor allen Dingen Gesundheit, viele interessante Leseerfahrungen und ganz, ganz viele Besuche bei uns im Stifterhaus. Das Jahr 2026 starten wir mit zwei Gästen, die beide in der Steiermark beheimatet sind. Während unsere heutige Autorin heute ihre Premiere im Stifterhaus feiert, ist der Moderator des heutigen Abends zu unserer aller Freude mit steter Regelmäßigkeit hier auf der Bühne zu erleben. Bitte begrüßen Sie mit mir unsere heutigen Gäste Nava Ebrahimi und Klaus Kasperger. Danke fürs Kommen. Wo stelle ich das jetzt hin ohne Pult? Nava Ebrahimis jüngster Roman, den uns die Autorin heute in ihr vorstellen wird, trägt den Titel und Federn überall und ist Ende August 2025 im Luchterhand Verlag erschienen. Ende Oktober letzten Jahres wurde der in Teheran geborenen und bereits als Kind mit ihrer Familie nach Deutschland emigrierten Autorin dafür der Peter Horvath Literaturpreis zuerkannt. Zudem bescherte ihr und Federn überall einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Stichwort Preise. Nava Ibrahimi, die seit 2012 mit ihrer Familie in Graz lebt, wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. So wurde ihr 2017 der Debütpreis des österreichischen Buchpreises, 2019 der Morgensternpreis des Landes Steiermark, 2020 der Roter Horn Literaturpreis und 2021, wie Sie vermutlich wissen, der Ingeborg Bachmann-Preis bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur verliehen. Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt im Vorjahr hielt Naba Ibrahimi eine vielbeachtete Eröffnungsrede, die auch publiziert wurde. Sie druckt den Titel Drei Tage im Mai. Darin heißt es unter anderem, Zitat, beinahe täglich scheint es, verschieben sich Grenzen. Grenzen des Sagbaren, Grenzen des Machbaren. Grenzen des Sagbaren, Grenzen des Machbaren. Beinahe täglich bauen wir menschlich ab, senken wir unsere ethischen Standards, gewöhnen wir uns an neues Leid. Heute ist der 25. Juni und ich fürchte mich davor, einen Text vom 12. Mai vorzutragen und zu sehen, wo wir uns seitdem hin entwickelt haben. Zitat Ende. Heute haben wir den 8. Januar 2026 und ich denke, Sie werden mir zustimmen, wenn ich mit einem Blick auf die politischen Entwicklungen unserer Welt die von Nawa Ebrahimi beschriebene Grenzverschiebung hin zum Vorhin Undenkbaren als nach wie vor nicht an ein Ende gelangt bezeichne. Die meisten von Ihnen wissen sicherlich, dass man bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur nur auf Einladung teilnehmen kann. Wer also hatte die spätere Preisträgerin 2021 eingeladen? Sie kennen die Antwort natürlich schon, unser heutiger Moderator Klaus Kasperger. Viele von Ihnen werden den gebürtigen Gmundner und heutigen Leiter des Literaturhauses Graz und des Franz-Nabel-Instituts für Literaturforschung der Universität Graz im Stifterhaus bereits erlebt haben. Der Mitbegründer der Reihe Grundbücher der österreichischen Literatur seit 1945 tritt in seiner Rolle als Gesamtmoderator regelmäßig hier auf. regelmäßig hier auf. 2023 wurde Klaus Kastberger mit dem österreichischen Staatspreis für Literaturkritik bedacht. 2024 wurde ihm das Ehrenzeichen des Landes Steiermark für Wissenschaft, Forschung und Kunst zuerkannt. Ganz allgemein gilt er als eine der wichtigsten Stimmen im Diskurs zur österreichischen zeitgenössischen Literatur und das vor allem dann, wenn es darum geht, die gesellschaftliche Bedeutung von Literatur öffentlichkeitswirksam zu benennen. Ich wünsche uns einen interessanten Abend und darf unsere Gäste auf die Bühne bitten. Vielen herzlichen Dank für die Einführung. Sie entnehmen der Einführung von Stefan Kögelberger, dass wir uns relativ gut kennen. Es liegt daran, dass ich deine Literatur über die Maßen schätze und dass wir in der gleichen Stadt leben seit einiger Zeit, in Graz. Es ist auch so, dass wir uns mit diesem Buch schon einmal versammelt haben auf einer Bühne, nämlich bei der primären Vorstellung, das war damals bei den O-Tönen, Ende August, also die Erstlesung aus diesem Buch in Wien im Museumsquartier, wo ich dich auch moderieren durfte. Das ist jetzt ein halbes Jahr her. Man weiß ja nie so genau, wie diese Bücher dann laufen letztendlich, was da alles passiert. Was ist in diesem letzten halben Jahr mit dir und mit diesem Buch passiert? Wie würdest du das einschätzen? Ja, also vielen Dank für die Einführung und für die Einladung, überhaupt heute Abend hier zu sein. Genau, und jetzt zu deiner Frage. Ja, was ist passiert? Also es war, das letzte halbe Jahr lief eigentlich so rasant, dass ich ehrlich gesagt noch gar keine große Zeit hatte, darüber nachzudenken. Aber also ich kann schon, also was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich viele Lesungen hatte und viele LeserInnen getroffen habe, die sich mit ganz unterschiedlichen Charakteren, also es sind ja sechs Charaktere in dem Roman, die ziemlich gleichberechtigt sind und ich fand es interessant, dass eigentlich kann man sagen, für jeden, was dabei ist und war, das habe ich natürlich nicht beabsichtigt, aber es ist auf jeden Fall total interessant, wie unterschiedlich stark Menschen auf die einzelnen Charaktere reagieren. Und ganz besonders stark auf die Figur Sonja. Die werden Sie gleich auch kennenlernen. Die etwas tut, das ziemlich kontrovers ist. Ich werde es jetzt noch nicht sagen, aber Sie werden es gleich hören. Und ich fand es total interessant, wie unterschiedlich Menschen das bewerten. Je nachdem, in welcher Lebenslage sie selbst auch sind. Also das war interessant. Ich habe viel schöne Resonanz bekommen. Ich habe auch ein bisschen ein, zwei Verrisse habe ich auch bekommen. Es spaltet, glaube ich, so ein bisschen. Also das ist vielleicht das, was mich überrascht hat, dass manche sehr stark negativ darauf reagieren. Aber ja, mit negativer Kritik rechne ich natürlich immer in gewisser Weise. Das gehört dazu, wenn man veröffentlicht. Also mit negativer Kritik rechne ich natürlich immer in gewisser Weise. Das gehört dazu, wenn man veröffentlicht. Also zumindest bereite ich mich schon innerlich darauf vor. Ich fand es nur interessant, dass es sowohl im Guten wie im Schlechten ein bisschen polarisiert auch. Das fand ich bemerkenswert. Wie bekommst du die Publikumsreaktionen mit, indem da Fragen gestellt werden oder beim Signieren oder sprechen dich die Leute dann nachher an bei diesen Lesereisen? Wie spielt sich dieser Kontakt ab? Schreiben sich die Leute E-Mails, Leser und Leserinnen oder wie ist das? Oder wenden sie sich an den Verlag? Wie funktioniert die Kommunikation mit dem Publikum? Nicht nur mit der Kritik, sondern mit dem normalen Lesepublikum. Wie spielt sich das ab? Ja, eigentlich auf allen Ebenen, aber am intensivsten würde ich schon sagen, Nachlesung beim Signieren. Also selbst wenn Publikumsfragen zugelassen sind, trauen sich viele ja nicht oder wollen nicht so viel Zeit und Raum für ihre persönliche Frage in Anspruch nehmen. Ja, es gibt auch andere. Genau, es gibt auch andere, die nehmen sich gerne Zeit und Raum. Es gibt auch andere, die nehmen sich gerne Zeit und Raum. Aber ganz viele kommen wirklich beim Signieren und nutzen dann die Gelegenheit, schnell was zu sagen oder was zu fragen. Und das sind eigentlich fast die intensivsten Begegnungen, weil da wirklich dann die Menschen auch ihren persönlichen Bezug mitteilen. Also sagen, zum Beispiel die Szene, die ich gleich vorlesen werde, dazu habe ich im persönlichen Gespräch ganz viel erfahren. Fand ich auch wirklich interessant. Das sind dann natürlich tendenziell eher positive Rückmeldungen. Also stellt sich jetzt niemand in der Schlange an und lässt sich signieren, um mir dann zu sagen, wie schlecht er dieses Buch fand. Ich habe es nicht gekauft. Genau, ich stehe nur in der Hand, um mir zu sagen, wie schlecht es ist. Also ja, das sind schon, also natürlich freue ich mich über eine positive Rezension in der Süddeutschen auch, aber diese kleinen persönlichen Begegnungen, da spüre ich halt wirklich, dass der Roman was auslöst, was in Bewegung setzt und Nachhalt. Und das sind ehrlich gesagt so die schönsten Momente dann. Also bei dieser primären Lesung da im August in Wien, da war so meine Einleitung damals, dass ich das eigentlich in deinem bisherigen Werk eher außergewöhnlich fand. Und ich habe auch die These aufgestellt, und das glaube ich nach wie vor, dass das so ein typischer bundesdeutscher Roman ist eigentlich. Er spielt, wir werden darüber reden, auch in Emsland. Und ja, es hat wenig, bis auf einen Aspekt, eigentlich keinen Migrationshintergrund, dieses Buch. Auch keinen Migrationsvordergrund. Ja, oder in gewisser Weise haben alle einen Migrationshintergrund, dieses Buch, auch den Migrationsvordergrund. Ja, oder in gewisser Weise haben alle einen Migrationshintergrund. Es ist nur die Frage, wie weit man zurückgeht in der Genealogie. Ja, meine Frage heute geht ein bisschen in eine andere Richtung. Also diese Lesetouren führen ja durch Österreich, aber auch durch Deutschland. Hast du festgestellt, dass die Reaktionen in Österreich und in Deutschland, in der Schweiz vielleicht auch, oder dass die anders sind, dass das Buch anders gelesen wird, vom deutschen Publikum und vom österreichischen Publikum. Mittlerweile bist du ja eine Österreicherin, seit du den Bachmann-Preis gewonnen hast. Vorher warst du in Graz immer die Deutsche. Ja, ich bin Grazerin. Du bist Grazerin jetzt. Die Reaktion, also klar, für Österreich ist natürlich das Emsland noch mal weiter weg oder abstrakter aber auch in Deutschland ist das Emsland nicht sehr bekannt es wundern sich eigentlich alle ähnlich, wieso ich im Emsland gelandet bin da gibt es eigentlich keine so großen Unterschiede, aber ich wundere mich ja auch dass ich im Emsland gelandet bin. Da gibt es eigentlich keine so großen Unterschiede. Aber ich wundere mich ja auch, dass ich im Emsland gelandet bin. Es ist, glaube ich, wirklich so zweierlei. Einerseits muss ich mich, glaube ich, mit jedem neuen Buch herausfordern. Und ich glaube, ich spiele auch gern mit den Erwartungen, die so an mich herangetragen werden. Also ich fand es schön, dass sich die Leute dann fragen, wieso eine deutsche Iranerin, die in Graz lebt, einen Roman schreibt, der im Emsland spielt. Warum genau? Um sozusagen Erwartungen zu hintergehen? Ja, ein bisschen schon. zu hintergehen. Ja, ein bisschen schon. Es ist natürlich auch so, dass ich, ich kann jetzt da nur für mich sprechen, aber für mich ist es schon so, dass ich auch mit jedem neuen Roman etwas Neues herausfinden will. Also im abstrakten, aber auch im ganz konkreten Sinne. Ich will auch etwas Neues lernen und erfahren und muss mich vielleicht auch neu beweisen, weil das ist ja so ein bisschen das, was so der Beruf der Schriftstellerin, das ist schön und aber auch schwierig gleichermaßen manchmal, dass ich mich irgendwie ein wenig festhalten kann. Also ich habe kein Bürogebäude, ich habe keine KollegInnen, ich habe keinen Chef. Also es gibt jetzt nicht so viel, worin sich mein Beruf manifestiert, außer natürlich inzwischen Gott sei Dank Bücher. Aber es ist immer sozusagen, ich bin Schriftstellerin, ist immer so ein sehr wackeliges Gebilde. Und mit dem ersten Roman, da habe ich ja was Autobiografisches, vielleicht sogar verarbeitet, kann man sagen. Mit dem zweiten Roman habe ich dann schon etwas Fiktives, aber schon noch mit Iranbezug geschrieben. Und ich glaube, mit dem dritten Roman musste ich mir irgendwie beweisen, dass ich einen deutschen Provinzroman schreiben kann. Jetzt müssen wir erklären, was dieses Emsland ist, wo das überhaupt ist, dieses Emsland und wie du auf das gekommen bist, wo das liegt und wodurch sich dieses Emsland auszeichnet eigentlich. Also das Emsland liegt westlich von Osnabrück an der deutsch-holländischen Grenze. Genau, ganz weit oben an der holländischen Grenze, also es ist wirklich Grenzgebiet auch. Und als ich entschieden habe, den Roman dort spielen zu lassen, war ich selbst noch nie dort gewesen. Ich bin dort gelandet, weil etwas, was das Emsland heute in Anführungsstrichen auszeichnet, ist die Hühner-Geflügelindustrie. Also es gibt dort sehr große Betriebe mit teilweise 500.000 geschlachteten Hühnern täglich. So große Betriebe gibt es in Österreich, glaube ich, gar nicht. So viele Hühner gibt es in ganz Österreich nicht, wahrscheinlich. Naja, das glaube ich schon, aber ich glaube, so große Betriebe gibt es nicht. Aber auf jeden Fall war ja der erste Impuls für diesen Roman, war ja wirklich eine Krankheit, die Masthähnchen befällt. Und dann bin ich im Emsland gelandet. Und ich dachte ja, als ich angefangen habe zu recherchieren, Stichwort Herausforderung, dass das eine Herausforderung jetzt für mich ist, einen Roman zu schreiben, der in der langweiligsten Gegend Deutschlands spielt, weil es wirklich so ist, dass es übers Emsland, aus dem Emsland, es gibt keinen bedeutenden Film, keine bedeutende Literatur, es gibt irgendwie kein Kulturgut, kein Kulturwerk, das irgendwie das Emsland beinhaltet. Es gibt nur in Warten auf Godot sagt einer von beiden, ich möchte gerne mal durchs Emsland spazieren. Weil es im Französischen original ist, ist das eine Gegend in Südfrankreich. Eine rückständige katholische Gegend. In der deutschen Übersetzung haben sie dafür das M im Emsland gesagt. Warst du mit dem Buch im Emsland auch? Ja, war ich, genau. Und das musst du uns noch erzählen. Wie waren die Reaktionen dort? Also ein bisschen zwiegespalten. Also die Menschen im Emsland sind sehr zurückgenommen, sehr zurückhaltend und das Interesse war natürlich sehr groß. Es, sehr zurückhaltend. Und das Interesse war natürlich sehr groß. Es waren sehr viele Menschen da. Sie haben mir nicht so viele Reaktionen gegeben. Ich weiß es nicht so ganz. Also ich glaube, es überwog so eine Freude, dass jemand mal was über das Emsland schreibt, dass jemand mal ihren Ort thematisiert, endlich. Aber es war, also er kommt ja jetzt nicht nur gut weg, dieser Ort, deswegen hatte ich, ehrlich gesagt, schon so ein bisschen Bauchgrummeln, als ich dorthin gefahren bin. Aber unterm Strich sind sie, glaube ich, froh, dass jemand endlich mal das Emsland thematisiert. Und du hast keinen Literaturpreis aus Emsland bekommen, da gibt es gar keinen wahrscheinlich. Da muss man erst einen gründen dann wahrscheinlich. Ja, also es ist kulturell eher auch wirklich sehr dünn besiedelt. Also du hast einen fiktiven Ort erfunden dort, Lassarem. Und dort steht eben auch dieser Geflügelbetrieb und da ist auch alle Figuren sind irgendwie mit diesem Geflügelbetrieb verbandelt, einfach deshalb, weil alle mit diesem Geflügelschlachtbetrieb eigentlich verbandelt sind. Und ja, ich weiß nicht, es gibt sechs Personen, lesen wir einfach einmal, oder die erste, den Beginn des Romans, wo man mit dieser ersten Person eigentlich dann gleich konfrontiert wird. Oder muss man noch was vorneweg sagen zu dieser ersten Person? Das Buch ist auch so aufgebaut, die Handlungszeit ist ein Tag, also von morgens bis abends, also ein halber Ulysses sozusagen. Also bei Ulysses sind es 24 Stunden, hier sind es, keine 12 Stunden, aber von morgen bis abends eben. Und es ist so aufgebaut, dass all diese Kapitel immer den Namen einer dieser sechs Personen tragen. So weiß man auch immer, von welcher Perspektive das erzählt ist. Und das, glaube ich, ist ganz wesentlich für das Buch, auch dann beim Lesen, dass diese Perspektiven dann immer so aufeinander bezogen sind. Das wird dann oft sehr staccatoartig fast, weil das sehr schnell wechselt. Dann gibt es wieder längere Passagen. Aber das ist sozusagen die Struktur des Ganzen. Und eigentlich könnte man sagen, das ist ein typischer Gesellschaftsroman, also es ist auch eine neue Gattung in deinem Werk eigentlich, also dass sozusagen eigentlich eine ganze Dorfgemeinschaft hier geschildert wird eigentlich, genau. Und das erste Kapitel, das ist eben Rocher, nach einer dieser Figuren, genau. Genau, das ist einer der Figuren und sie kommt eben am Vortag, also später am Montag, sie kommt eben sonntags schon dort an und ist gegen ihren Willen dort. Sprühregen empfängt mich ansonsten nicht viel, kein Bahnhofsgebäude, kein Bahnhofs Vorplatz, nur je eine Haltestelle in beide Richtungen und eine Fußgängerbrücke über die Schienen. Wie immer bin ich falsch angezogen. Richtig für Köln-Ehrenfeld, falsch für hier. Ich trage einen Wollmantel ohne Kapuze. Doch es gibt beides, schlechtes Wetter und schlechte Kleidung. Kapuze. Doch es gibt beides, schlechtes Wetter und schlechte Kleidung. Ich stelle mich im Wartehäuschen unter, um in meinem Telefon nachzusehen, wo ich bin. Die Stadtmitte, der Marktplatz liegt eine Stunde zu Fuß entfernt. Die Pension ist noch ein Stückchen weiter weg. Die Route für Fußgänger unterscheidet sich nicht von der der Autos. Das verheißt nichts Gutes. Ein Güterzug donnert an mir vorbei und nimmt die Papiertüte mit dem Müll mit, die ich auf meinem Rollkoffer abgelegt habe. Das Brotpapier und die Müsli-Riegelverpackung und die Zeitungsseiten und die leere Wasserflasche verteilen sich auf dem Gleisbett. Ich blicke mich um, aber da ist niemand mehr, vor dem ich für meinen Müll Rechenschaft ablegen muss. Die Handvoll Menschen, die mit mir ausgestiegen ist, ist längst weg. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauche ich laut Navigation eine Stunde und elf Minuten zur Pension. Ich glaube ihr nicht. Auf der anderen Seite, hinter Gleis 3, wo ist Gleis 2, meine ich eine Bushaltestelle zu erkennen. Ich trage meinen Rollkoffer, halb gefüllt mit Büchern, die Treppe zur Fußgängerbrücke hinauf und auf der anderen Seite der Gleise wieder hinunter. An der Bushaltestelle sitzen zwei Mikra-Kids und hören über ihre Handys Musik, die klingt wie ein akustischer Flumi. Ich suche nach den Fahrplänen, finde jedoch nur einen DIN-A4-Blatt großen Aushang für eine Linie, für die 1330. Aus der 30 hat jemand mit Edding eine 12 gemacht und aus der 12 hat jemand eine 18 gemacht. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Bus nur einmal stündlich fährt und wenn er pünktlich war, habe ich ihn gerade verpasst. Ist der um 16.05 Uhr schon weg? Ja, antworten die Jungs im Chor. Ich frage mich, weshalb sie dann hier herum sitzen, aber noch mehr frage ich mich, was ich jetzt tun soll. Warten oder zu Fuß gehen? Der Weg führt an einer Autostraße entlang, auf einem schmalen Fußgängerstreifen, auf dem ich meinen Rollkoffer hinter mir herziehe. ich meinen Rollkoffer hinter mir herziehe. Im Sekundentakt fahren Autos an mir vorbei, Auto nach Auto nach Auto, alle fahren in dieselbe Richtung und fast immer sitzt darin eine Person allein. Manche drehen sich nach mir um, halb zumindest, fragen sich, was mit mir nicht stimmt, dass ich zu Fuß gehen muss, kein Auto besitze. Der Sprühregen sickert allmählich durch meine Kleidung. Mehr und mehr spüre ich das Gewicht meines Mantels und die Kälte, die von unten an mir raufkriecht. Hoffentlich werde ich morgen nicht krank sein. Mit einem schweren Kopf werde ich Nassim nicht helfen können. Um Gedichte zu übersetzen, braucht man einen leichten Kopf, vor allem, wenn von den übersetzten Gedichten so viel abhängt. Angeschlagen würde ich ihm sicher nicht helfen können, noch weniger als vermutlich ohnehin schon. Und mit jedem Auto, das mich überholt, je länger ich gehe, desto unsinniger erscheint mir das alles. Dass niemand anhält, um mich mitzunehmen. Dass man so lebt. Dass ich hier bin. Typischer Beginn von so Gesellschaftsablos. Ein Fremder, eine Fremde kommt in das Dorf irgendwie. Das ist ein ganz klassisches Muster. Also wenn in einer Figur große Anteile von dir drinstecken, dann in dieser Roschi. Dann in dieser Figur, genau. Das ist nach wie vor so, oder? Das empfindest du nach wie vor so? Die Roschi ist selber eine Schriftstellerin, eine Autorin. Und die kommt warum in dieses Dorf? Es war von dem Nassim die Rede schon. Genau, Nassim ist eine Figur auch. Er ist Lyriker, ist aus Afghanistan geflohen und hat eben Asyl beantragt in Deutschland. sie kommt, um ihm zu helfen, seine Gedichte zu übersetzen, weil er eigentlich will er eine Verbindung zu ihr aufbauen, aber er schiebt vor, dass er glaubt, dass er bessere Chancen auf Asyl hat, wenn seine Gedichte übersetzt sind und er den Beamten wirklich verklickern kann, ich bin Lyriker, ich bin ein Mann des Wortes, ich bin gebildet. Und deswegen überredet er Roshi, die so ein bisschen gegen ihren Willen das dann macht, die so ein bisschen gegen ihren Willen das dann macht, weil sie eben zu höflich ist, um abzulehnen und es nicht schafft, ihm Nein zu sagen. Aber eigentlich hat sie überhaupt keinen Bock aufs Emsland und eigentlich will sie sich auf ihren Roman konzentrieren. Ich glaube, ich habe ihr wirklich so all meine negativen Charaktereigenschaften umgehängt. Sie ist ein bisschen abweisend, ein bisschen von oben herab, sie weiß nicht genau, soll sie es machen oder nicht, sie macht es dann nur aus Mitleid vielleicht. Ja, weil er eben Persisch mit ihr spricht und sie kann auf Persisch einfach noch schlechter Nein sagen als auf Deutsch. noch schlechter Nein sagen als auf Deutsch. Der Nassim, es gibt dann keine Textstelle mit ihm, aber das ist eine wichtige Figur, weil er eigentlich auch dazu beiträgt, dass am Ende sich da so das ganze Ensemble der Figuren versammelt, das wollen wir nicht spoilern. Aber in dem Part kommt er im Radio vor, also am Rande kommt er vor. Ja, am Rande kommt er vor und er hat eine Krankheit, er sieht nicht gut. Er hat so eine seltsame Augenkrankheit, einen Tunnelblick. Also er sieht sehr, sehr exakt in der Mitte des Sichtfeldes, aber am Rand nicht. Das ist eigentlich ein ähnliches Phänomen wie das Morbus Kittahara von dem Christoph Ransmeier. Das ist eine oberösterreichische Sache. Also auch dort ist es so, dass sich das Gesichtsfeld bei Morbus Kittahara von dem Christoph Ransmeier, das ist eine oberösterreichische Sache, also auch dort ist es so, dass sich das Gesichtsfeld bei Morbus Kittahara immer einschränkt. Bei ihm ist es stabil, aber er tut sich sehr schwer eigentlich so mit alltäglichen Verrichtungen, wenn man halt diesen seitlichen Blick, die Peripherie braucht auch. Er ist immer im Stock unterwegs. Also das ist diese Rosche. Und dann gehen wir vielleicht gleich zu dieser Stelle, wo du es erzählt hast, dass die Leute besonders stark reagieren drauf. Da geht es um die Sonja. Müssen wir noch kurz erklären, wer diese Sonja eigentlich ist? Ja, schon. Also Sonja war eigentlich von den sechs Figuren auch die erste, die in meinem Kopf entstanden ist. Weil ich habe ja eben schon gesagt, dass das eigentlich alles anfing mit dieser Krankheit, die Masthähnchen befällt. Und diese Krankheit nennt sich Wooden Breast, also verholzte Brust. Da habe ich so vor sieben, acht Jahren das erste Mal von gehört. Da verholzt eben das Brustfilet von den Masthähnchen. Also man glaubt, dass es daher kommt, dass die Industrie die Masthähnchen so gezüchtet hat, dass sie eben besonders schnell wachsen. Also das ist ein Fakt, dass sie das gemacht hat. Aber man glaubt, dass das eine Ursache sein könnte, weil eben auch bei den Züchtungen darauf Wert gelegt wurde, dass das Brustfleisch besonders fett und groß wird, weil man das vor allem mit Gewinn verkaufen kann. Und vermutlich deshalb ist eben dieses Syndrom aufgetaucht, Wundenbreast. Als ich das gehört habe vor ein paar Jahren, wusste ich eigentlich schon, das werde ich mal literarisch verarbeiten, weil ich das gleich so metaphorisch fand. Verholzte Brust. Und eben ziemlich schnell kam dann auch die Idee zu Sonja, weil als ich von dieser Krankheit erfahren habe, habe ich mich auch gefragt, weil ich eben wusste, dass das manuell aussortiert werden muss. Es gab noch keine maschinelle Lösung dafür die ersten Jahre. Da habe ich mich ziemlich schnell gefragt, wie ist es, wenn dein Job darin besteht, den ganzen Tag an so einem Fließband zu stehen und Hähnchenfilets einzudrücken. Und so ist dann die Idee zu Sonja entstanden. Es ist eben Sonjas Job. Und weil mir auch ziemlich klar war, ziemlich schnell, dass jemand, der so einen Job macht, das nicht freiwillig macht, also schon natürlich in gewisser Weise freiwillig, aber weil er keine anderen Optionen hat. Und Sonja ist eben alleinerziehende Mutter, also wirklich alleinerziehend, weil der Vater nach Portugal abgedüst ist. Und wir erleben sie mit ihren beiden Kindern morgens. Guten Morgen, Hase, steh auf und hol Leonie, wir frühstücken, sagte sie zu ihrem Sohn, der auf den Küchenfliesen saß und die Mähne seines Plüschlöwen kämmte. Luca ließ Kamm und Löwen fallen, rannte los und öffnete die Tür zu Leonies Zimmer. Sogleich fluteten die Geräusche des Videospiels wieder die Wohnung. Frühstück ist fertig, schrie Luca gegen den Lärm an. Sonja war aufgestanden, hatte die Couch zusammengeklappt und war direkt ins Bad gegangen. Sie hatte ignoriert und ignorierte jetzt weiter, dass die Große sich offenbar den Bäcker gestellt hatte, um vor Schulbeginn heimlich zu zocken. Ausgerechnet das Spiel, glaubte sie herauszuhören, dass sie ihr verboten hatte, weil Leonie zu jung dafür war. Heute konzentrierte sie sich auf das Bewerbungsgespräch, morgen auf Leonie. Steht schon alles auf dem Tisch, hörte sie diese aus ihrem Zimmer rufen. Sonja ignorierte das ebenfalls und drehte stattdessen das Radio laut. Sie steckte zwei Scheiben Brot in die Schlitze des Toasters und lauschte auf, als die Worte afghanischer Lyriker fielen. Natürlich, Afghanen die Gedichte schrieben, musste es auch geben, das war ihr nur nie in den Sinn gekommen. Letzte Woche erst hatten sie morgens von einem syrischen Seifenproduzenten und seiner sechsköpfigen Familie berichtet, der Investoren suche, um eine neue Seifenproduktion im Emsland aufzubauen. Sechs Kinder, wie machten die das nur? Sie nahm eine Tasse aus dem Schrank, löffelte Instant-Kaffee hinein und übergoss diesen mit heißem Wasser. Zwei Kinder reichten ihr komplett, mehr würde sie nie im Leben schaffen. Und gab es eigentlich kein anderes Thema mehr als Flüchtlinge? Einerseits hatte sie es satt, andererseits wollte sie wissen, was einem afghanischen Lyriker in dieser Gegend passieren konnte. Sie drehte das Radio lauter. Der Moderator nannte den Namen des Flüchtlings, doch das, was Sonja davon verstand, vergaß sie gleich wieder. Der Lyriker sei sehbehindert, so der Moderator weiter, er lebe seit einem Jahr in Deutschland, seit einem halben Jahr in Lasseren und gehe vormittags regelmäßig mit dem Blindenstock eine Runde spazieren. So auch gestern Vormittag. Doch gestern, der Toast sprang hoch. Sie legte je eine Scheibe auf die beiden Teller. Luca kam angerannt, setzte sich und kratzte mit dem Messer an der Butter herum. Sie setzte sich ebenfalls und rührte den Kaffee um. Das Fahrrad ist sehr schnell gefahren, hörte sie nun eine Männerstimme mit Akzent sagen. Wenn er wirklich erst seit einem Jahr hier war, sprach er ziemlich gut Deutsch. In kurzen Sätzen, als hätte er sie sich vorher zurechtgelegt, aber fast fehlerfrei, erzählte er nun, wie er an der Kreuzung Nanzener Straße und Bundesstraße gestanden sei und gerade habe losgehen wollen, als ihm etwas den Stock aus der Hand gerissen habe. Sonja kannte diese Schnelle. Genau dort hatte sie Leonie einmal gewaltsam die Beere einer Eiber aus dem Mund pulen müssen. Leonie hatte sie einfach nicht ausspucken wollen und sich mit Händen und Füßen gewehrt. Ein Fußgänger war stehen geblieben und sogar die Autos waren langsamer gefahren und alle hatten sie misstrauisch beäugt. Ich habe das Fahrrad ganz kurz gesehen, dann war der Blindenstock weg, aus der Hand gerissen. Mit viel Gewalt, sagte der Afghane. Er wirkte betroffen. Sonja verstand nicht. Wieso brauchte er einen Blindenstock, wenn er das alles sehen konnte? Ich habe dem Fahrrad hinterher geguckt, dann war es schon weit weg, sehr weit weg. Da wusste ich, der Fahrer wird nicht anhalten, er ist weitergefahren. Luca versuchte die kalte Butter auf dem warmen Toast zu verteilen und flüsterte die Flüche, die er bei seiner großen Schwester aufgeschnappt hatte. Aus seinem Mund klang sie fast niedlich. Seufzend ließ er das Messer fallen. Wo ist die Wurst, fragte er. Im Kühlschrank. Luca sprang auf. Kühlschranktür erst anheben, dann zudrücken, sagte Sonja mechanisch. Wir in der Redaktion sind schockiert über die Rücksichtslosigkeit des Fahrers oder der Fahrerin und offenbar war die Person auch viel zu schnell unterwegs am Fußgängerübergang, sagte der Moderator. Fahrerin? Es musste ein Mann gewesen sein. Sonja konnte sich nicht vorstellen, dass eine Frau so eiskalt weiterfuhr. Leonie kam aus ihrem Zimmer und ohne den Blick vom Handy zu heben, griff sie in die Packung mit der Fleischwurst. Sie steckte sich mehrere zusammengerollte Scheiben in den Mund und beschwerte sich kauend, kannst du mal normale Fleischwurst kaufen oder sind wir Moslems? Schwein könnt ihr bei der Uroma haben, sagte sie und behielt für sich, dass der Geruch der Hähnchenfleischwurst auch bei ihr neuerdings leichte Übelkeit verursachte. Rasch nahm sie einen Schluck Kaffee. Setz dich bitte ordentlich hin und gib mir dein Handy. Sie streckte Leonie die Hand entgegen. Leonie reagierte nicht. Gib mir dein Handy. Leonie reagierte weiterhin nicht. Sonja lehnte sich über den Tisch und zerrte ihr das Handy aus der Hand. Dabei warf sie ihre fast volle Kaffeetasse um. Leonie lachte schrill auf, schlug sich jedoch sofort auf den Mund, als bereue sie es. Der Kaffee bildete ein See auf dem weißen Küchentisch, während im Radio jetzt eine jüngere Frau sprach, die sicher aus der Gegend stammte. Ich habe die Szene von der anderen Straßenseite aus beobachtet und bin dann gleich zu ihm rübergerannt, sagte sie etwas kurzatmig, als sei sie noch immer aus der Puste. Sie habe dem Fahrradfahrer hinterhergerufen, aber die Person habe Kopfhörer getragen und sei stur weitergefahren. Sie glaube, es sei eine Frau gewesen, fügte sie etwas ungläubig an. Die Augenzeugin schloss mit der Bemerkung, unglaublich, wie rücksichtslos die Menschen geworden sind. Das stimmte, es stimmte total. Das stimmte, es stimmte total. Ensonja stieg besorgnis auf, ein ungreifbares Unwohlsein, das sich für einen Augenblick in ihr ausbreitete wie der Kaffee auf dem Tisch. Verdammt, hör gefälligst auf zu lachen und hol was zum Aufwischen, schrie sie Leonie nun zeitverzögert an. Leonie machte keine Anstalten aufzustehen, stattdessen sah sie dem Kaffee dabei zu, wie er über die Tischkante ran und auf den Boden tropfte. Sonja fixierte ihre Tochter. Wir sprechen uns noch, ab morgen werden hier andere Seiten aufgezogen. Sie stand auf, riss mehrere Blätter Küchenrolle ab, kontrollierte routinemäßig, ob Luca die Kühlschranktür richtig geschlossen hatte, hatte er, und saugte mit dem Knäuel den Kaffee auf. Der Moderator wies auf eine Spendenaktion von Möllring für einen neuen Blindenstock hin. Außerdem erzählte er etwas von einem Gedichtband, den der Afghane bald gemeinsam mit einer deutsch-iranischen Schriftstellerin veröffentlichen werde, der Name Sonja ebenfalls sogleich vergaß. Es folgte Musik. Tina Turner, What's Love Got To Do With It. Sonja drehte das Radio leiser, setzte sich wieder und klopfte mit den Fingernägeln rhythmisch auf die leere Kaffeetasse. Klar, dass der Möllring sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, seine Frömmigkeit unter Beweis zu stellen. Stattdessen sollte er dem Afghanen lieber einen Job anbieten und irgendjemand sollte den Afghanen und generell alle Flüchtlinge dazu verpflichten, ihn anzunehmen. Wieso konnte er auf Kosten des Staates spazieren gehen und Gedichte schreiben, die eh niemand las? Er könnte prima in der Zerlegung arbeiten, so wie sie. Ja, wieso nicht, ein Blinder oder Halbblinder oder was auch immer er war, wäre ideal für ihren Job. Blinde konnten besonders gut tasten, hieß es, oder nicht? Vermutlich viel besser als sie. Wieso bloß kam niemand auf die Idee? Sie ließ das Display von Leonies Handy aufleuchten. Jetzt war sie schon so lange wach und doch wieder spät dran. Sie rief nach Luca und Leonie, die sich unbemerkt vom Tisch entfernt hatten, keiner von beiden antwortete. Ins Bad, ihr beiden, sofort schrie sie und stellte erst dann fest, dass Luca bereits dort war und sich die Zähne putzte. Mit großen Augen sah er sie an. Sie ging weiter zum Kinderzimmer, wo Leonie an ihrem Schreibtisch stand und in aller Seelenruhe einen Haufen Zettel zu einem Stapel zusammenschob oder zählte oder etwas in der Art. Sie blieb in der Tür stehen. Du musst los und du hast noch nicht einmal Zähne geputzt. Du schreibst heute eine Mathearbeit, verdammt. Leonie antwortete nicht. Sie hob nicht einmal den Kopf. Sonja ging auf sie zu und griff nach ihrem Oberarm. Leonie wimmelte sie ab wie eine Stubenfliege, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Fick dich. Hatte sie richtig gehört? Was hast du gesagt? Leonie hantierte weiter mit den Zetteln herum. Antworte mir gefälligst. Wieder keine Reaktion. Sonja hatte genug. Sie riss ihr die Zettel aus der Hand und schmiss sie auf den Boden. Leonie bückte sich, um sie aufzusammeln. Fick dich. Wie bitte? Sie packte Leonie am Oberarm, zerrte sie hoch und bohrte ihr mit ihrer ganzen Wut und mit voller Absicht, ihr wehzutun, die Fingernägel ins Fleisch. Leonie wiederum antwortete mit einer Kraft, die sie nicht kannte. Sie schüttelte Sonjas Hand ab und trat ihr einmal heftig auf den Fuß. Sonja wich zurück, erschrocken und für einen Moment lang offensichtlich machtlos. Doch das durfte nicht sein. Leonie, guck mich an, sagte Sonja sehr eisern. So, stellte sie sich vor, klang Autorität. Und tatsächlich, Leonie guckte sie an. Sie sah ihr direkt und so hasserfüllt ins Gesicht, dass Sonja wünschte, sie hätte ihr das lieber doch nicht befohlen. nicht befohlen. Erst jetzt spürte sie den Schmerz am rechten Fuß. Fick dich, sagte Leonie nun eindeutig. Sonja gab ihr eine Ohrfeige. Stille breitete sich aus und Sonja vergaß kurz, in welcher Beziehung sie zu diesem Menschen stand. Sie musste erst sich selbst und diese Szene zurecht rütteln, stand. Sie musste erst sich selbst und diese Szene zurecht rütteln, damit er wieder einfiel. Es war ihr Kind, das sich gerade die Wange hielt und die Spuren betrachtete, die ihre Fingernägel auf dem Oberarm hinterlassen hatten. Vier dunkelviolette Halbmonde. Wie die Storchenbisse, die Leonie bei ihrer Geburt übersät hatten, im Gesicht und sogar an den Armen. Da musste der Storch wohl mehrmals zupacken, hatte die Hebamme gescherzt und ihr Leonie auf die Brust gelegt. Ein kleines, rosa Bündel, vermeintlich unschuldig, hilflos und bereit, Liebe zu empfangen. Aber selbst der Storch war offenbar nicht mit ihm fertig geworden. Und es war auch nicht dazu bereit, etwas zu empfangen. Dafür war es viel zu gierig. Es forderte alles ein, jetzt und sofort. Sonja kam mit Milch und Liebe kaum hinterher. Dabei war sie voller guter Absichten ins Muttersein gestartet. Die zeige ich dem Schularzt und dann kommt das Jugendamt, schrie Leonie. Sonjas Brustkorb hob und senkte sich schwer, ihr Herz darin drohte zu explodieren. Was war das nur für eine besonders perfide Art von Monster, das sie selbst geschaffen hatte? Sie rannte aus dem Zimmer, zog den Schlüssel aus dem Schloss, steckte ihn von der anderen Seite wieder hinein und drehte ihn zweimal um. Leonie rüttelte an der Klinke. Spinnst du? Lass mich raus, sofort, ich schreibe gleich eine Mathearbeit. Sonja trat einen Meter zurück und erstarrte. Leonie trommelte mit den Fäusten gegen die Tür. Sie besaß so viel Kraft, dass der Schlüssel bei jedem Hieb beinahe aus dem Schloss fiel. Was sollte sie als nächstes tun? Wenn sie die Tür jetzt öffnete, würde sie das Tier bändigen können? Leonie schien abzulassen, jedenfalls wurde es plötzlich still. Aus dem Zimmer drang kein Laut mehr. Sonja trat näher heran, näher, ganz nah und legte ein Ohr an die Spannholzplatte. Ein jähes Poltern durchriss die Stille. Die Tür bebte in den Angeln und krachte gegen ihre Ohrmuschel. Sonja wich zurück. In ihrem Ohr erklang ein Piepton. Leonie trat ein weiteres Mal dagegen, wieder mit voller Wucht. Sie legte es offensichtlich darauf an, das Holz zu zerschmettern. Sonja sah nun alles klar. Sie hatte gar keine andere Wahl gehabt, als ihre Tochter einzusperren. Geh ruhig zum Jugendamt, sagte sie laut und mit fester Stimme. Dein Vater will dich sowieso nicht, niemand will dich. Du bist ein Kotzbrocken und nur ich allein auf der Welt halte dich länger als einen einzigen Tag aus, weil ich allein dich 24 Stunden lang aus mir herausgepresst habe und ich alleine auf der Welt dafür verantwortlich bin, dass ich dich da nicht wieder hineinkriege. Sie war überzeugt davon, das in diesem Moment aussprechen zu müssen. Ja, was sagen die Leute zu dieser Szene? Was hast du da für Reaktionen erfahren? Also erstmal, die Sonja als Figur, aber speziell diese Szene, berührt viele Menschen. Und viele, aber halt hauptsächlich Frauen, muss ich sagen, gut, weil hauptsächlich Frauen Romane lesen, aber bis jetzt waren es nur Frauen, die mir gesagt haben, dass sie das zwar schrecklich finden, aber dass sie es so gut nachvollziehen können. Also diese Grenzen, an die Kinder, vor allem pubertierende Kinder bringen können, das ist etwas, was offenbar viele Menschen kennen. Also ich glaube, ein, zwei männliche Kritiker haben, oder ich glaube auf Amazon, ich weiß nicht, irgendwo, aber das waren wirklich interessanterweise Männer, die geschrieben haben, sie finden das total unglaubwürdig. Aber von Frauen habe ich tendenziell wirklich eher die Rückmeldung, dass sie, dass diese, das ist natürlich eine schlimme Grenzüberschreitung, die Tochter einzusperren, aber so vom Impuls her, dieses Gefühl oder die Angst, jetzt wirklich die Kontrolle über das Kind zu verlieren, das können viele nachvollziehen. Wir haben jetzt den Nassim kennengelernt, wir haben die Sonja kennengelernt und diese Roschi. Es fehlen uns noch drei andere Figuren. Vielleicht können wir die auch noch kurz vorstellen, wer diese drei anderen sind. Ja, also die zweite Figur, die auch wirklich im Entstehungsprozess dazugekommen ist, das war Anna. Anna ist Anfang 40 und sie ist Ingenieurin und soll eine Kamera, eine intelligente Kamera entwickeln, die eben den Job quasi von Sonja ersetzen wird, weil es eben eine Kamera ist, die diese Wundbrest automatisch aussortiert, die eben diese Verhärtung erkennt durch bildgebendes Verfahren und dann aussortiert. Und sie ist wahnsinnig ehrgeizig und ist eben als Frau in einer ganz krassen Männerdomäne. Also Industrieanlagenbau ist wirklich einfach noch sehr, sehr männlich. Und sie muss sich permanent beweisen, hat es bis jetzt geschafft, jeden sexistischen Spruch zu ignorieren und sich irgendwie durchzubeißen. Aber irgendwie geschwinden ihre Kräfte und jetzt passiert halt etwas, was sie nicht mehr so gut verkraften kann, eben durch einen Manager, der eben auch in dieser Geflügelindustrie, in diesem Geflügelunternehmen als Prozessoptimierer arbeitet. Er hat diese Anna beauftragt und das war eben, als ich Wooden Breast hörte, kam wirklich dann Sonja, also diese Fließbandarbeiterin, dann, weil ich eben wusste, dass die Industrie ganz besessen daran arbeitet, die Erkennung zu maschinisieren, kam sofort so eine Frau, die eben diese Kamera installieren, also entwickeln und installieren soll. Die stehen natürlich alle unter großem Druck, alle auf ihre Weise. Also die Sonja, unter welchem Druck sie steht, haben sie ja gerade schon ein bisschen mitbekommen. Dann die Anna, die muss eben sich behaupten in dieser Männerdomäne. Dann funktioniert auch, wie es in der Technik so ist. Anfangs funktioniert alles, dauert alles, bis es läuft. Und dann dieser Merkhausen, der Manager, der diese Rieseninvestition beauftragt hat, der steht unter Druck, weil sich das rechnen muss. Und es funktioniert aber nicht. Also alle stehen unter wahnsinnigem Druck. Genau, Merkhausen, den Manager, dann haben wir noch Justina, sie ist Anfang 50 und ist polnische Arbeitsmigrantin, kann man sagen. Durch die Fleischindustrie sind im Emsland viele osteuropäische Arbeitsmigrantinnen. Justyna hat eine nicht untypische Geschichte für polnische Frauen in ihrem Alter. Also sie ist nach dem Fall der Mauer oder nach dem Zusammenbruch des Warschauer Paktes eben in den Westen gegangen, um schnell und viel Geld zu verdienen. Und sie hat sich halt immer mit eher mit Putzjobs oder mit einfachen Jobs über Wasser gehalten. Genau. Das haben wir jetzt alle? Das haben wir alle, genau. Das ist natürlich spannend, dass diese sechs Personen so permanent miteinander zu tun haben. Also eine meiner Lieblingsszenen ist ja die Szene, wo der Merkhausen sich diese Ingenieurin herholt und ihr eine Standbauge hält, warum das nicht funktioniert. Und eine Zeit lang hat man das Gefühl, die lässt sich das gefallen. Aber im Zuge dieses Gesprächs wird die eigentlich immer stärker und macht ihm klar, was will er da eigentlich. Und das ist ganz normal, dass es am Anfang nicht funktioniert. Der Grund dafür, warum es nicht funktioniert ist, weil niemand an die Temperaturschwankungen gedacht hat irgendwie. Und das ist wirklich eine ganz tolle Szene, finde ich, weil einfach diese Prozessoptimiererin einfach die Oberhand gewinnt dann und ihm dann eigentlich das erklärt. Sie muss ja selber länger da bleiben eigentlich und sozusagen die Machtverhältnisse kehren sich eigentlich völlig um. Diese Sonja, die hat an dem Tag, wo das spielt, einen Termin bei den Chefs, weil sie einen anderen Job will und der Merkhausen, der muss das übernehmen, dieses Gespräch zu führen. Und der denkt den ganzen Tag daran, wie unangenehm es ihm ist, dieses Gespräch zu führen, weil er auch nicht der Profi ist für solche Gespräche, weil der Personalchef oder wer eigentlich zuständig ist, nicht da ist. Also der trägt den ganzen Tag diesen Gedanken mit sich, dass am Abend oder nach der Schicht dieses Gespräch da ist. Und so sind eigentlich alle Figuren so ineinander verwickelt. Und das ist sehr schön, diese Verwicklungen, weil ja die Figuren dann auch genau in den Szenen, wo sie mit anderen zu tun haben, ihre Kontur bekommen. Und es sind so ganz unterschiedliche soziale Stellungen, die da eine Rolle spielen. Aber es werden eigentlich alle Figuren sehr, sehr plastisch. Eine ganz spezielle Geschichte, ich glaube, die sollte man auch erzählen, weil sie auch so historische Hintergründe aufmacht, die eigentlich sehr außergewöhnlich sind. Ist dieses Verhältnis oder ist die Tatsache oder ist die Frage, warum dieser Merkhausen, also der Merkhausen ist dieser Chef, der Chef in diesem Betrieb, Möllriegel heißt der Betrieb, also der hat so ein spezielles Verhältnis zu Polinnen oder zu Polen. Genau, und das ist auch, glaube ich, etwas, was dir erst in der Recherche klar geworden ist, was in Emsland da mit den Polen passiert ist. Es gibt so einen speziellen historischen Hintergrund, den wahrscheinlich auch in Deutschland kaum jemand kennt. Ja, das war für mich total faszinierend, weil ich habe ja eben auch gesagt, ich dachte, als ich angefangen habe zu recherchieren und als ich mich entschlossen hatte, den Roman im Emsland spielen zu lassen, dachte ich halt wirklich, das ist die langweiligste Gegend Deutschlands und meine Herausforderung ist jetzt, einen spannenden Roman dort spielen zu lassen. Dann habe ich eben ein bisschen angefangen zu recherchieren und bin auf ein total interessantes historisches Kapitel gestoßen, das wirklich auch in Deutschland extrem unbekannt ist. Und da geht es eben darum, also das Emsland war ja so eine ganz, ja war eine reine Moorlandschaft eigentlich und deswegen haben die Nazis da relativ früh schon Strafgefangenenlager errichtet, also zwölf an der Zahl. Und im Laufe des Krieges dann sind dort immer mehr polnische Kriegsgefangene, Strafgefangene, also ganz viele Polen einfach hinverschleppt worden. Und eben nach dem Warschauer Aufstand auch knapp 2000 polnische Frauen. Soweit ich weiß, sind das wirklich die einzigen weiblichen Kriegsgefangenen, die in den Kriegen anerkannt wurden. Also Hitler musste sie irgendwie als Kriegsgefangene anerkennen, weil sie im Warschauer Aufstand gekämpft hatten. Und deswegen gab es dann im Emsland, hatten sie ein Lager freigeräumt, nur für weibliche polnische Kriegsgefangene. Und kurzum, also nach Ende des Zweiten Weltkrieges waren einfach sehr viele Polinnen und Polen im Emsland als displaced persons. Also viele wollten ja auch nicht mehr zurückgehen dann, weil die Rote Armee sich in Polen schon breit gemacht hatte. Und zusätzlich kamen mit den Briten, die über die holländische Grenze im März 1945 nach Deutschland reingekommen sind, kam noch eine polnische Panzerdivision dabei. Das waren Soldaten, polnische Soldaten der Exilregierung in London. Also es wird jetzt ein bisschen kompliziert, aber es waren auf jeden Fall polnische Soldaten, die dann über die holländische Grenze ins Emsland reingekommen sind und die auch nichts wussten von diesen weiblichen Kriegsgefangenen. Also es sind einfach polnische Soldaten, haben polnische Kriegsgefangene befreit, ohne dass die jeweils voneinander wussten. Also es war wohl auch eine ganz schräge Begegnung. Aber der Effekt war dann, dass wahnsinnig phasenweise an die 200.000 polnische Displaced Persons im Emsland waren und die Briten wussten nicht, wohin mit denen. Und dann haben sie eben vor allem einen Ort, Haaren an der Ems, der dann auch Vorlage ist für meinen Ort, mehr oder weniger über Nacht geräumt. Also die Haarener mussten ihren Ort verlassen, nur persönliche Gegenstände, aber die mussten alles in den Häusern lassen. Und dann sind dort 5000 Polinnen und Polen eingezogen in diesem Ort und der Ort war dann wirklich drei Jahre lang polonisiert. Also der hieß dann auch Maczkow und es gab ein polnisches Gymnasium, es gab polnisches Theater und die Harener durften wirklich, Haren ist ja so umgeben von einem Kanal und von der Ems, die durften wirklich nicht über die Brücken. Also es waren Soldaten stationiert, die darauf geachtet haben, dass die Harener nicht ihren Ort betreten. Und das war natürlich für mich dann, also wenn man sowas als Autorin, wenn man da so unfallhaft drauf stößt, denkt man erst so, wow. Und dann auch noch merkt, dieses historische Kapitel ist auch in Deutschland komplett unbekannt, dann denkt man erst mal so, wow, Wahnsinn, toll, das ist ja wie so ein Rohdiamant. Und dann dachte ich aber, okay, wie kriege ich das jetzt in einen Roman, der halt an einem Tag spielt. Aber ich konnte das natürlich nicht links liegen lassen, weil es natürlich auch total interessant ist, dass Amsland so eine starke Verbindung eigentlich zu Polen hat und ja heute auch ganz viele polnische Menschen dort arbeiten, wegen der Fleischindustrie, aber auch niemand davon weiß, also beide Seiten nichts davon wissen, das fand ich auch total faszinierend. Also du bringst die Geschichte über den Merkhausen rein, erzählst du die Geschichte eigentlich auch? Steht das im Buch drin? Ja, ist schon auch erzählt. Also der Merkhausen, der hat selber Reihen. Erzählst du die Geschichte eigentlich auch? Oder dieser polnische, steht das im Buch drin? Ja, ist schon auch erzählt. Also der Merkhausen, der hat selber eine Verbindung zu dieser Geschichte und ein unglaubliches Faible für Polinnen. Genau. Das passt irgendwie zusammen. Und die eine Polin, mit der er da irgendwie eben sein Verhältnis hat, ist diese Justina. Das passt irgendwie auch zu seiner historischen Grundausstattung und seiner Familie. Und von diesem Herrn Merkhausen haben wir jetzt noch eine Textstelle, die ihn irgendwie in ironischen Zusammenhängen sieht oder die einen anderen Tonfall noch einmal anspricht, vielleicht auch in dem Buch. Ja, also Merkhausen hat ein Faible für Polinnen und nachdem seine Ehe gescheitert ist, gesteht er sich das jetzt auch endlich ein und meldet sich auf deutsch-polnische-liebe.de an. Gibt es das wirklich? Ich glaube nicht, also es gibt diverse Plattformen dieser Art, aber deutsch-polnische-liebe.de gibt es, glaube ich, nicht. Aber so ähnlich, es gibt einiges auf jeden Fall. Und dort lernt er eben Justina kennen, das ist besagte polnische Arbeitsmigrantin, die sich auch gerade im Amtland aufhält. Und Merkhausen hat irgendwie gleich das Gefühl, diese Justina, die ist es, die muss ich unbedingt kennenlernen. Die Seibert, von der hier die Rede ist, das ist die Anna, die Ingenieurin. Er hatte die Seibert in der Zerlegung abgeliefert und war auf dem Weg zurück ins Büro. Dabei blickte er mehrmals auf sein Handy. Nichts, keine Nachricht von Justina. Ah, es wird Justina ausgesprochen. Justina. Justina, da muss ich mich auch immer selbst dran erinnern. Justina, keine Nachricht von Justina. Und gleich das Meeting mit dem Alten und seinem Hundesöhnchen, das sich nur zu bellen traute, wenn es auf dem Schoß seines Herrchens saß und währenddessen gekrault wurde. Heute würde sich Gabriel sicher die Seele aus dem Leib kläffen, nachdem Merkhausen Bericht vom Testbetrieb erstattet hatte. Was für ein Wochenbeginn. Dann fiel ihm zu allem Überfluss ein, dass die Seibert am Morgen vielleicht etwas von seinem Telefonat mit Lünnemann mitbekommen haben könnte. Egal, selbst wenn, es war nur ein harmloses Geplänkel, so lief das halt in stressigen Zeiten, da musste sie durch. Sonst hätte sie halt Kindergärtnerin werden sollen. Aber die Seibert war eh ein harter Knochen. Und außerdem, er war der Kunde und sie musste liefern. Er hatte also gar keinen Grund, sich den Kopf zu zerbrechen. Es konnte ihm völlig egal sein, was sie von ihm hielt. Das sagte er sich seit dem Abendessen, an dem sie die Vertragsunterzeichnung gefeiert hatten, regelmäßig. Er klappte den Laptop auf und wollte seine Aufmerksamkeit gerade auf die Zahlen in der Excel-Tabelle richten, als sein Handy vibrierte. Eine Sprachnachricht von einer fremden Nummer mit einem an einem kahlen Zweig hängenden Ast als Profilbild. Hastig klickte er die Nachricht an. Mehrere Sekunden Stille, dann Hier ist Justina. Sogleich schoss ihm das Blut in die Adern. Ich finde die Stimme wichtig. Schick mir eine Sprachnachricht. Das war's, Ende der Nachricht. Kein Danke, kein Bitte, kein Wort zu viel. Diese Frau kam zum Punkt. Ein wenig verstörte es ihn schon, doch das war wohl eher die Gewohnheit, die Konvention. Er vertraute lieber seiner Intuition, die ihm sagte, dass sie nicht unangenehm herrsch war. Im Gegenteil, er fand ihre Direktheit auf seltsame Weise verletzlich, sexy geradezu. Und er mochte ihre Stimme. Sie war für eine Frau eher tiefer, aber weich. Und er liebte diesen Akzent einfach. Sie sprach fast fehlerfrei, aber versuchte nicht, ihre Herkunft zu vertuschen. Es schien ein wenig, sie sei stolz auf ihre Sprachfärbung, sie kostete sie förmlich aus. Allein wie sie das Haar am Wortanfang klangvoll hauchte, stellte ihm die Haare auf den Unterarm auf. Merkhausen räusperte sich, was sollte er jetzt antworten und wie? Sein Hochdeutsch erschien ihm im Gegensatz zu ihrer Melodie richtiggehend plump. Er hielt sich das Telefon vor den Mund und drückte die Aufnahmetaste. Eräusperte sich ein weiteres Mal. Ja, hallo, hier spricht Peter, Peter Merkhausen. Das ist also meine Stimme. Er machte eine Pause. Was sollte er jetzt sagen? Ich hoffe, sie gefällt dir. Pause. Deine Stimme gefällt mir jedenfalls sehr gut. Sie erinnert mich an meine Großmutter, an Babcia. Aber das ist eine längere Geschichte. Die kann ich ja mal bei Gelegenheit. Pause. Also ich würde mich wirklich sehr freuen, wenn du heute Abend Zeit für ein Glas Wein hättest. Pause. Wenn du hungrig bist, können wir selbstverständlich essen gehen. Es ist nur so, dass ich das Essen Montagabends ausfallen lasse für die Linie, weißt du. Obwohl ich nicht dick bin oder so, aber man achtet ja auf sich. Er deutete ein Lachen an. Also kein Problem, wir können uns trotzdem in einem Restaurant verabreden. Pause. Oder wir trinken heute Wein und gehen morgen essen, also falls der heutige Abend gut läuft. Dienstagabends darf ich ja essen. Also auf jeden Fall würde ich dich wahnsinnig gerne heute treffen. Heute Abend könnte ich früher Schluss machen, also mit dem Job. Sonst arbeite ich meistens länger. Nicht falsch verstehen, ich bin kein Workaholic oder so. Ich trage allerdings viel Verantwortung und im Betrieb ist gerade einiges los. Aber heute könnte ich mich früher freimachen. Freischaufeln meine ich. Pause. Er sollte jetzt lieber aufhören. Also dann, tschüss. Und weg war die Nachricht. Mist. Er hatte nicht bedacht, dass man sie, wie man mit einer Frau sprach. Er hörte sich die Nachricht an. Seine Stimme klang nicht gut. Sie klang herausgepresst. Er hätte einmal tief durchatmen sollen. Und, oh nein, er schlug die Hände vors Gesicht. Erinnert mich an meine Großmutter. Was war nur in ihn gefahren? Er hatte ihr von seinen polnischen Wurzeln erzählen wollen, um klarzumachen, dass er auf dieser Plattform nicht nach einer finanziell abhängigen, unterlegenen und ergebenen Osteuropäerin suchte, sondern nach Reminiscenzen an seine Kindheit. Aber war das viel besser? Wenn du hungrig bist? Sie kam doch nicht frisch aus Biafra. Was für ein Quatsch. Falls der heutige Abend gut läuft, gut laufen, gut laufen, das ließ eindeutig zu viel Interpretationsspielraum. Sie könnte das leicht missverstehen. Sollte er die Nachricht rasch löschen? Sollte er? Das war ebenso verräterisch, oder? Zu spät Die Häkchen färbten sich blau Sie hatte sie bereits abgespielt Sie hielt ihn vermutlich nun für einen Trottel Bestimmt brach sie den Kontakt augenblicklich ab Jetzt, wo er wusste, dass sie sie bereits abgehört hatte musste er sie sich mit diesem Wissen gleich noch einmal anhören. Oh nein, freimachen, er hatte freimachen gesagt. Es klopfte an der Tür. Wieder steckte Gabriel seinen Kopf herein. Merkhausen stoppte hektisch die Aufnahme, verdrückte sich jedoch erst, sodass Gabriel noch sein Verlegenes »Also dann, tschüss« mit anhören durfte. Gabriel lächelte vielsagend. »Kommst du? Wir warten schon.« Merkhausen blickte auf die Uhr. Er hatte die Zeit übersehen. Er ließ das Handy in die Tasche seines Jacketts gleiten und suchte unter Gabriels Blicken die Unterlagen auf dem Schreibtisch zusammen. Gabriel ging auf dem Gang voraus Richtung Sitzungszimmer. Merkhausen folgte ihm und betrachtete dabei emotionslos die Falte in dessen frisch ausrasiertem Nacken. Wie gerne träfe er heute Abend Justina. heute Abend, Justina. Ja, vielen herzlichen Dank. Viele Fragen sind offen. Die Frage, ob er mit dieser Sprachnachricht erfolgreich war, dann die Geschichte mit dem eingesperrten Mädchen ist noch offen. Die kann auch eskalieren nach vielen Richtungen. Es ist offen, ob es der Nassim schafft, seine Staatsbürgerschaft zu bekommen, wie die Rosche sich weiterentwickelt. Also überall sind Dinge aufgemacht und das werden wir es nicht verraten, wie das endet, oder? Nee, also sicher nicht. Aber das Interessante für mich ist ja, dass wenn ich anfange zu schreiben, ich auch selbst nicht weiß, wie es ausgeht. Also ich überrasche mich da dann auch wirklich selbst beim Schreiben. Ja, das ist ja auch dieses Phänomen, was viele Autoren und Autorinnen sagen, dass dann die Figuren plötzlich selbst so eine Eigendynamik bekommen und eigentlich machen, was sie wollen. Also sich selber ihr Recht verschaffen. Ja, das klingt immer so esoterisch, aber jetzt eben die Stelle mit Sonja, die ich vorgelesen habe, als ich anfing, diese Szene zu schreiben, wusste ich nicht, dass sie ihre Tochter einsperren wird. Aber es ist, und ich glaube, deswegen schreibe ich letztlich auch, um zu sehen, was passiert. Ich glaube, Juli C. hatte das mal, hat das in ihrer Poetikvorlesung, dass sie für einen Roman alles ganz genau, ich glaube für Schilf, ganz genau mit so einem riesigen Überblickplan an der Wand, ganz genau, was dann passieren wird, wer mit wem in welcher Beziehung steht und dann stand sie davor und dachte, jetzt muss ich das ja eigentlich gar nicht mehr schreiben. Und das ist wirklich ein bisschen so. Das ist ja übrigens auch, weil ich eben schon über die Zweifel am Schriftsteller-Dasein gesprochen habe, dieses, wenn so etwas Unvorhergesehenes passiert und ich mich nicht langweile beim Schreiben und merke, die Figuren haben so eine Art Eigenleben, dann ist das für mich auch wirklich der einzige Hinweis darauf, dass das irgendwie gut ist, was ich da mache. Also die Selbstzweifel sind ja immer da. Vor allen Dingen, wenn ich dann schreibe und dann in die Buchhandlung gehe und sehe, wie viele Bücher da liegen, dass ich mich frage, braucht jetzt jemand noch dieses Buch? Also es ist ein permanentes Kämpfen, auch mit den Selbstzweifeln eigentlich beim Schreiben. Aber wenn ich da sitze und merke, die Figuren tun was, was ich so nicht geplant habe oder wovon ich noch nicht wusste, dass sie das tun werden, merke ich, da ist irgendwie, vielleicht auch noch nicht mal ist es gut oder das tun werden, merke ich, da ist irgendwie vielleicht auch noch nicht mal ist es gut oder so, aber zumindest da ist eine Energie. Und diese Energie sagt mir, irgendwas habe ich da geschaffen, dass es eine Energie hat. Und das ist für mich immer so der einzige Hinweis darauf, dass ich weiterschreiben sollte. Also Sie merken, die Nava Ibrahimi hat ein ausgesprochenes Talent, über diese Produktionsvorgänge auch zu reden und sie hat das auch gemacht im Rahmen einer Grazer Poetik-Vorlesung, das Buch finden Sie da hinten auch, also wo du dir noch einmal überlegt hast, wie das eigentlich bei 16 Wörtern war und bei dem zweiten Roman, welche Mechanismen sich da in der Produktion abgespielt haben, also die Hintergrundfrage für diese Vorlesungsreihe, die heißt eigentlich Vorlesungen zur Kunst des Schreibens. Und wir laden da auch nicht nur Autoren ein, sondern auch Journalisten. Und die Frage ist immer, was tue ich eigentlich, wenn ich schreibe? Und du hast diese Frage wirklich dir sehr, sehr zu Herzen genommen und dann auch, glaube ich, einige Geheimnisse ausgeplaudert oder Hintergründe aufgemacht, die in diesen 16... Ja, ärgerlich eigentlich, aber man kann so eine Vorlesung nicht halten, so eine Geheimnis. Also du hast ein Geheimnis gelüftet irgendwie, das werden wir jetzt nicht verraten, aber das Buch liegt auch dort, die anderen Bücher liegen auch auf. Sollen wir abschließend noch irgendwas sagen? Ist noch was wichtig? Ob wir im Chor noch was sagen sollen? Nein, obend noch irgendwas sagen? Ist noch was wichtig? Ob wir im Chor noch was sagen sollen? Nein, ob du noch was sagen willst, um das Publikum restlos davon zu überzeugen, dass sie jetzt nach hinten laufen und das Buch kaufen und dann wieder vorkommen und du das unterschreibst und das signierst. Ist da noch was nötig? Ist was ungesagt geblieben, was dir wichtig ist? Nein, ich glaube... Bist du mittendrin? Gibt es noch Lesungen eigentlich? Oder ist das jetzt schon im Auslaufen? Nein, es gibt schon noch einige. Also ein Jahr läuft das normalerweise immer? Ja, schon. Genau, doch, doch. Also auch die Kolumne in der Süddeutschen, das hat irgendwie nochmal einen ziemlichen Boost gebracht, würde ich sagen. Also es sind noch einige Lesungen. Wo du regelmäßig eine Kolumne schreibst jetzt. Genau. Aber eins kannst du mir noch sagen, weil du sagst, es hat negative Kritiken gegeben. Was hat die Leute gestört? Also die professionellen Kritiker eher von Männern oder von Frauen oder ist es egal? eher von Männern oder von Frauen? Ist es egal? Also es sind eigentlich, genau genommen sind es zwei, die schon so richtig Richtung Verriss gehen eigentlich. Also ich glaube, manche fanden es zu viel. Ah ja? Also es ist schon auch wirklich so, wenn, also manchmal, also manche finden das ja im positiven Sinne, dass es einfach sehr viel behandelt. Das habe ich nicht so geplant, aber dadurch, dass die sechs Figuren sehr unterschiedlich sind und ich ja glaubwürdig und wahrhaftig aus deren Perspektive das Leben schildere, sind natürlich zwangsläufig, weil jeder hat mit anderen Dingen zu kämpfen. Und manche zählen dann auf, welche Themen quasi vorkommen, wobei ich nicht in Themen denke. Und dann klingt es tatsächlich sehr, sehr viel, muss ich dann auch selbst eingestehen. Aber manche empfinden das, glaube ich, gerade als Kunstfertigkeit dieses Romans, dass da so viele Themen drin sind, ohne dass es so überfrachtet wirkt. Und für manche, das ist, glaube ich, so der Hauptkritikpunkt, das ist, manche fühlten sich, glaube ich, schon überfordert mit den Themen. Dass es zu viel sei. Das kam schon vorher. Aber eher wenig. Also die meisten fanden es super. Nein, aber Ich denke gerade, von der Figurenzahl ist ja nicht zu viel. Für einen Gesellschaftsroman sind sechs Figuren ja eigentlich eh schon wenig. Da wäre noch Platz für etwas anderes. Und vor allem, ich kenne mal, ich tue mir ja schon wie die Enten. Bei der siebten Figur kriege ich alles durcheinander irgendwie. Aber sechs Figuren und vor allem sechs Figuren Ich kenne mal, ich tue mir ja schon wie die Enten, also bei der siebten Figur bekomme ich dann alles durcheinander irgendwie, aber sechs Figuren und vor allem sechs Figuren, die so unterschiedlich sind und die auch so in verschiedenen Beziehungen hängen und Hintergründen. Es ist immerhin ein halbes Jahr her, seit ich das gelesen habe und ich habe das jetzt nicht ein zweites Mal lesen müssen, sondern ich habe das sofort wieder präsent gehabt, diese Figuren. Also man kann sich diese Figuren wirklich gut merken, finde ich. Und was sie dann auch noch bekommen, wenn sie sich das Buch kaufen und wenn sie es bis zum Ende lesen. Und du hast auch anderswo einmal gesagt, das wäre für dich auch so ein Antrieb des Schreibens gewesen. Du hast gesagt, du hast gewusst, am Ende müssen sich diese Figuren alle in einer Szene, in einem Ensemble treffen. Und sozusagen, wie es dazu kommt, das ist auch noch eine lange Geschichte. Und es ist tatsächlich so, am Ende dieses einen Tages kommen alle zusammen und die Hühner spielen dann auch noch eine Rolle. Also es gibt dann wirklich im Theater so ein Schlusstableau, wo alle wieder noch einmal da sind und sich in ihrer ganzen Pracht darstellen. Ja, das hatte ich tatsächlich schon fast wie so eine Vision vor Augen von Anfang an. Es gibt im Ganzen auch so einen Bogen und ich glaube, das könnte durchaus hilfreich sein, wenn man weiß, also dorthin muss ich kommen, oder? Weil das könnte ja auch freigelassen werden, wie das dann irgendwie endet. Nee, das war für mich der große Bogen. Ja. Jetzt eine allerletzte Frage. Ist das nächste Buch schon im Kopf? Oder kannst du schon was sagen dazu? Es zeichnet sich so ganz langsam ab am Horizont, aber das ist wirklich noch sehr schämenhaft. Also es ist wieder ganz was anderes. Ich überlege mir gerade, wie ich jetzt, welche Erwartungen ich jetzt brechen könnte. Ja, es werden immer weniger natürlich. Ja, freuen Sie sich, wir freuen uns alle. Ja, ich hoffe, dass du auch mit dem nächsten Buch wieder im Stifterhaus sein wirst. Da mache ich mir eigentlich keine Gedanken darüber, das hier zu sein. Wir danken Ihnen ganz herzlich für die Aufmerksamkeit. Und für uns war es toll, dass du hier warst. Danke, ich freue mich auch sehr. Danke schön. Bitte, danke. Ah ja, Dr. Stefan. Ich mag nur die nächste Veranstaltung ankündigen und mich auch bedanken bei Klaus Kasperger und Nava Ebrahimi, die einen sehr kunstvoll verwobenen Roman hier für uns alle doch verständlich aufgedröselt haben. Diese Kritik, auf die angespielt wurde, die kenne ich auch und das sage ich dir dann, wäre das geschrieben, aber das ist ein vollkommener Blödsinn. Also das ist ein vollkommener Blödsinn gewesen. Wie gesagt, Klaus hat es erwähnt, hinten gibt es das Buch zu kaufen, Nava Ebrahimi signiert gerne. Bei uns geht es weiter am Montag mit der Gruppe Neue Mundart. Das ist im Übrigen ganz lustig meistens, wenn Sie gern herzhaft lachen, dann kommen Sie doch vorbei. Einen schönen Abend noch. Vielen Dank.