Wir versammeln uns zur letzten Runde, zum letzten Tour. Ich lese einen kleinen Ausschnitt aus dem im Frühjahr erschienenen Roman Leirichs Zögern. Der Protagonist Gregor Leirich, ein Historiker, arbeitet an einer Uni, lebt allein, ein bisschen ein schrulliger Typ. Er fährt nach einem Vortrag, dass es in seiner Familie offenbar noch einen Bruder gibt, von dem er nichts gewusst hat. Bruder gibt, von dem er nichts gewusst hat und begibt sich auf die Suche dann nach dem und im Roman selber gibt es auch ein paar andere Ebenen, auch eben die Ebene des wissenschaftlich arbeitenden Historikers, der dann privat sozusagen konfrontiert wird, zu recherchieren. Aber ich habe einen kurzen Ausschnitt ausgewählt, der eigentlich zu seiner Berufssituation dazugehört. Kurz darauf rief mich Minkler vom Sozialforschungsinstitut aus Wien an und teilte mir lapidar mit, dass er für sein neues Projekt über Vertreibung und Exil das nötige Geld aufgetrieben hatte. Die Ausdehnung der Studie auf die Bundesländer aber, die er ursprünglich beabsichtigt gehabt habe und für die ich als Mitarbeiter vorgesehen war, sei aus finanziellen Gründen abgelehnt worden. Minkler geriet an dieser Stelle deutlich hörbar ins Stocken. Auf Deutsch gesagt, ich bin draußen, fragte ich. In dem Fall ja, sagte Minkler. Sie schreiben ja nicht, dass das Projekt nichts taugt. Sie schreiben, dass wir den Teil vorläufig aufschieben sollen, sagte Minkler. Sie schreiben ja nicht, dass das Projekt nichts taugt. Sie schreiben, dass wir den Teil vorläufig aufschieben sollen, sagte Minkler. Auf einem Zettel notierte ich mir ein paar seiner Absagephrasen. Damit ist noch nicht aller Tage Abend. Vorläufig auf Eis gelegt. Nächstes Jahr wieder ansuchen. Ich kann dich ja nicht zwingen, nach Wien zu ziehen, sagte er. Na eben, sagte er. Ich notierte, na eben. Tut mir leid, dass ich dir heute nichts Besseres berichten kann, sagte er. Und so, fragte er. Ich notierte, und so. Man schlängelt sich durchs Leben, sagte ich. Die Formulierung war ein Running Gag unserer Gespräche, den wir seit Jahren am Telefon abspulten und war einem Witz entnommen, in dem zuerst eine Schlange auf die Frage, wie geht's dir, antwortete, später ein Vogel. Die Punkte des Witzes sparten wir uns längst, wir rissen den Joke nur mehr an. Na dann, sagte ich, alles klar, sagte ich, meine Antworten kamen nicht sehr überzeugend. Es tut mir leid, wiederholte Minkler schließlich, neues Spiel, neue Chance, sagte er, vielleicht klinken wir uns demnächst ja in der Vertriebenenforschung ein. Dann bist du natürlich wieder an Bord, sagte er. Ich notierte, natürlich wieder an Bord und malte spontan ein kleines Schiffchen neben die Worte. Der Rest des Gesprächs gehörte Minkler. Ich spürte seine Erleichterung, dass ich nicht geflucht hatte oder wütend geworden war. Er war froh, wenigstens die Ressourcen für sein Team in Wien für die nächsten zwei Jahre gesichert zu haben. Mensch, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie mich das nervt, sagte er. Dieses ewige Ansuchen, sagte er. Ich notierte noch einmal ein Wort. Es war das letzte, das auf dem Zettel stand, als er auflegte. Mensch. Mir fiel unpassenderweise das Verb Minkelin ein, das ich aus meiner Kindheit kannte und schon lange nicht mehr gehört hatte. Minkelin meinte, dass etwas schlecht roch, faulig oder modrig war. Ich wusste nicht genau, in welchem Zusammenhang ich dieses Wort je gehört hatte. Ich sah einen abgeschalteten Kühlschrank vor mir, den jemand versehentlich geschlossen hatte. Beim Öffnen nach längerer Zeit minkelte es einen an. Ich stellte mir Minklers Büro vor wie einen Kühlschrank, der schon eine Zeit lang vom Stromnetz genommen und abgeschaltet war. Minkler saß in seinem angeschimmelten Büro und minkelte genervt vor sich hin. Auf seinem Tisch lag ein Blatt mit der Überschrift, das ewige Ansuchen. Ich brach den Gedanken ab, kurz bevor die Moralpolizei einschritt. Über Familiennamen riss man keine Witze, vielleicht stammte diese meine schlechte Eigenschaft aus meiner Internatszeit. Dann war sie auch schon zur Stelle, die Polizei meines schlechten Gewissens. Ehe ich mich versah, sah ich mich nun doch einem Vernehmungsbeamten gegenüber sitzen, der mehr schäbige Diskriminierung und eine herabsetzende Äußerung über einen unschuldigen Wiener Historiker vorwarf. Zu meiner Verteidigung hatte ich eben nur das schwache Internatsargument vorzubringen. Dort hatten wir aus den Familiennamen der Zöglinge Spitznamen gemacht, die oftmals den Betroffenen nicht recht gewesen waren. Der Vernehmungsbeamte beugte sich über den Schreibtisch und sah plötzlich aus wie mein Deutschlehrer im Gymnasium. Der sah mich jetzt trocken an und sagte, lieber Gott, nimm mir alles, nur die Ausrede lass mir. Dann stellte er mir einen schriftlichen Verweis aus. Der Vormittag war fast vergangen, ich musste noch auf die Uni. Verweis aus. Der Vormittag war fast vergangen, ich musste noch auf die Uni. Aus Ärger über das Telefonat mit Minkler schlitterte ich prompt in die nächste Fantasie. Bei einem Kaffee in einem Schanegarten auf der Landstraße schlüpfte ich in die Rolle des Casting Directors für eine Studie eines sozialwissenschaftlichen Projekts mit dem Titel Sexualbiografien in der Fußgängerzone. Projekt mit dem Titel Sexualbiografien in der Fußgängerzone. Meine Aufgabe bestand darin, Forschungshypothesen über vermutetes Sexualverhalten von Passanten aufzustellen. Ich betrachtete die Kaffeetrinker in meinem Umkreis und versuchte anhand von Äußerlichkeiten Hypothesen über deren Sexualpraxis, Häufigkeit, Vorlieben, Devianzen anzustellen. Am Nebentisch saß eine junge Frau, die sich die Ohren zugestöpselt hatte und leichte rhythmische Bewegungen zu einer Musik machte, die ich nicht hören konnte. Mir fiel auf, dass sie ihre Finger mit dreierlei Nagellack lackiert hatte. Sofort war mir klar, dass jeder Versuch von den verschiedenen lackierten Nägeln auf die sexuellen Vorlieben ihrer Trägerin zu schließen, wahnwitzig war. Mein Versuch geriet zum reinen Desaster. Mein Projekt schlitterte von Anfang an in eine wissenschaftlich nicht haltbare Abhandlung über Äußerlichkeiten. Mir fiel ein, dass ich am Morgen von einer Studie gelesen hatte, die belegte, dass dicke Menschen häufig stigmatisiert und ausgegrenzt würden und dass ein Großteil der Deutschen dicke als unästhetisch betrachteten. Mein Forschungsansatz lief etwa in die gleiche ressentimentgeladene Richtung. Kurz streifte mich ein Blick der Frau. Vielleicht bemerkte sie, dass ich sie gemustert hatte. Nun musterte sie mich, als wolle sie sagen, hey Dicker, lass es gut sein. Ich frage dich ja auch nicht, mit wem du es treibst. Ich spürte, dass ich mich für meine alberne Fantasie genierte. In meiner Vorstellung saß ich nun an meinem Schreibtisch und zerriss auf der Stelle den Förderungsantrag für diese Sexualhistorien. Dieses ewige Ansuchen. Das Leben als ewiges Ansuchen, als ein Dauerbegehren, das gestillt sein wollte. wollte. Die Worte Minkling und zu Fleiß kamen zumindest auf die Kandidatenliste für die Ausstellung aussterbender Wörter. Auch dem Wort Mirpzahl, das ich vor ein paar Tagen aufgeschnappt hatte, wollte ich weiter nachgehen.