Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie sehr herzlich zur heutigen Veranstaltung begrüßen. Vorgestellt werden heute zwei Debütromanen, nämlich die Forelle von Leander Fischer, erschienen im Wahlstein Verlag und das Palais muss brennen von Mercedes Spannnagel, erschienen im Verlag Kiepenheuer und Witsch. Ich begrüße Mercedes Spannnagel sehr herzlich, herzlich willkommen. Leander Fischer kann leider heute ganz kurzfristig an der Veranstaltung nicht teilnehmen. Ich begrüße aber sehr herzlich die Moderatorin des heutigen Abends, die Literaturwissenschaftlerin, Literaturvermittlerin und Autorin Mag. Silvana Cimenti ebenfalls herzlich willkommen. Bereits vor einiger Zeit hatten sich Mercedes Spannhagel und Leander Fischer vereinbart, uns ein bisschen zu überraschen und die Texte des jeweils anderen zu lesen. Nun kann Leander Fischer leider nicht da sein und Mercedes Spannhagel hat sich bereit erklärt, dass sie nun beide Texte lesen wird, auch in ein Gespräch eintritt mit Frau Magistrat Cimenti. Es ist ein bisschen improvisiert, aber trotzdem sehr anregend. Beide Romane, die Forelle und das Palais muss brennen, haben ja gleich nach Erscheinen viel Aufmerksamkeit erregt und wurden viel diskutiert. Sowohl Leander Fischer als auch Mercedes Spannnagel haben bereits sehr früh Texte veröffentlicht, in Zeitschriften, Anthologien. Beide wurden auch schon mit Preisen ausgezeichnet. Mercedes Spannhagel unter anderem mit dem Rauriser Förderpreis 2017, Leander Fischer mit dem Deutschlandfunkpreis des Ingeborg Bachmannpreises 2019. Und beide setzen sich in ihren Debütromanen auf ganz unterschiedliche Weise kritisch mit gesellschaftspolitischen Fragestellungen auseinander. Mehr darüber werden wir aber in den folgenden Einführungen, Lesungen und im Gespräch erfahren. Ich wünsche uns, wie gesagt, einen anregenden Abend und übergebe das Wort an Silvana Cimenti. Kennen Sie Rudolf Murr, das Forschungszentrum Österreichisches Deutsch oder die Gesellschaft für österreichisches Deutsch? Vermutlich nicht. Vielleicht ist Ihnen aber das österreichische Wort bzw. Unwort ein Begriff, dessen Wahl auf eine Idee von eben diesem Rudolf Murr zurückgeht. dessen Wahl auf eine Idee von eben diesem Rudolf Murr zurückgeht. Seit 1999 gibt es jährlich wiederkehrend die Möglichkeit, Wörter, Aussprüche und Sätze vorzuschlagen, sie zu nominieren, die sich dann einer Online-Wahl stellen müssen. Fast immer spiegeln die Sieger der jeweiligen Kategorie die politischen Verhältnisse im jeweiligen Jahr wieder oder rücken Themen, die das Geschehen im Land jeweiligen Jahr wieder oder rückend Themen, die das Geschehen im Land bestimmt und geprägt haben, in den Mittelpunkt. Das österreichische Wort des Vorjahres war Ibiza. Das Unwort psoffene Geschichte, die Relativierung eines des heimlich auf der Paläaninsel aufgenommenen Videos, geäußert vom damaligen Vizekanzler Österreichs Heinz-Christian Strache, der mit Zack, Zack, Zack ebenfalls den Unspruch des Jahres 2019 beisteuerte. Ein bewegtes politisches Jahr, das nicht nur aufgrund des Ibiza-Untersuchungsausschusses in die Gegenwart hineinwirkt, sondern auch abseits der Politik Spuren hinterlässt, womit wir beim ersten Debüt des Abends, das Palais muss brennen, von Mercedes Spannagel werden. In ihm beschreibt die 25-jährige Autorin, die Maschinenbau in Wien studiert, eine Familie, deren rechtskonservative Mutter Österreich als Bundespräsidentin vorsteht. konservative Mutter Österreich als Bundespräsidentin vorsteht. Das Revoltieren ihrer beiden Töchter Luise, die sich selbst Lu nennt, und Yara ist also von Anfang an mehr als das übliche Aufbegehren gegen elterliche Werte vor und Lebenseinstellungen, spielt sich Familie in diesem Fall ja nicht nur in den eigenen vier Wänden ab, sondern zuweilen in den Wohnzimmern von Herrn und Frau Österreicher, wird also medial begleitet. Revolution, das ist in Luhs Fall die Anschaffung eines Mopses, den sie Marx nennt und der durch die Namensgebung kommunistisch aufgeladen gegen die Windhunde der Mutter in Position gebracht wird. Revolution, das ist auch das Versenken von Gewehren einer Jagdgesellschaft, an der die Mutter teilnimmt, in einem Swimmingpool. Das ist Drogenkonsum und die Verweigerung jedweder Etikette bei einem von der Mutter organisierten Essen zu folgen, bei dem Luise mit einigen Elitesprösslichen bekannt gemacht werden sollte. Luise mit einigen Elitesprösslichen bekannt gemacht werden sollte. Im Fall von Yara, ihrer Schwester, zeigt sich das Aufbegehren im heimlichen Abbruch des Kunstgeschichtestudiums und der Aufnahme einer Karriere als Tätowiererin und natürlich auch im Konsum diverser Suchtmittel. Immer ist es aber ein Aufbegehren, das sich selbst nicht ganz so wichtig nimmt oder dem die Konsequenz, so es sie denn einmal gegeben hat, abhandengekommen ist. Natürlich steht man links, hält die Ideale des Sozialismus hoch, zumindest im Gespräch mit seinesgleichen, nennt sich selbst Kind von Nazis, bevor es andere tun und lässt die eigene Vergangenheit im Plattenbau nicht unerwähnt. Doch das Geld, das die Mutter nach Hause bringt, scheint in diesem Fall auf gut österreichisch mascherlbefreit zu sein, wird von den beiden gerne ausgegeben, den Verlockungen des Kapitalismus ist nur schwer zu widerstehen. So ist es dann nur zuverständlich, dass Mutter, als sie Luise Lu im Frack mit weiblicher Begleitung beim österreichischen Ball der Bälle erblickt, meint, das Schlimmste hinter sich zu haben und nicht damit rechnet, dass nur wenige Minuten danach ihre politische Karriere in Österreich beendet sein wird. Denn während des Opernballs wird in den Nachrichten ein Video gezeigt, in dem die Bundespräsidentin darüber spricht, Schmiergeldzahlungen annehmen zu wollen. Ibiza lässt grüßen. Und sowohl Lu als auch Yara sind nicht ganz unbeteiligt daran, hat doch ein Geliebter der letztgenannten Schwester das Video aufgenommen, hatten doch beide zugestimmt, an einer Protestaktion in Form eines Videos gegen die Mutter teilzunehmen, beziehungsweise zumindest dahinter zu stehen. Doch an eine solche Bloßstellung, eine politische Vernichtung, hatten sie nicht gedacht. Denn, so Mayant Lou, noch bevor sie vom Inhalt des Videos erfährt, Zitat, ich sagte, dass ich sicher meine Probleme mit meiner Mutter als Bundespräsidentin und an und für sich hätte, aber ich könne sie doch da nicht so bloßstellen. Was folgt, ist der beinahe schon obligatorisch gewordene Gang von an sich selbst oder den Umständen gescheiterten österreichischen Politpersönlichkeiten ins Ausland, nach Russland. Ein Jobangebot kommt da zumeist im gerade richtigen, rechten Moment. An wen Sie in diesem Augenblick denken, bleibt auch Ihnen überlassen. Lu und Yara bleiben zurück, sich selbst überlassen. Und es stellt sich die Frage, wen die Lebensrevolte in Zukunft treffen wird, wenn sich das Feindbild Nummer 1 davongestohlen hat. Dass das exzessive Feiern etwa eine sich nun stärker auftuende Leerstelle auf Dauer zu füllen weiß oder zumindest als sinnstiftendes Element wahrgenommen werden kann, darf bezweifelt werden. als sinnstiftendes Element wahrgenommen werden kann, darf bezweifelt werden. Das Palais muss brennen, ist aber viel mehr als die bloße Aufarbeitung oder Hereinnahme nach wie vor aktueller politischer Verwerfungen in diesem Land. Dieses Debüt als gelungene Anlass, Prosa abzutonen, greift nämlich viel zu kurz. Wenn die Autorin in einem Interview meint, sie habe beim Schreiben vordergründig an Barbara Rosenkranz gedacht, die sich 2010 der Wahl zur Bundespräsidentin stellte und an deren zehn Kinder, die allesamt germanische Namen wie Mechthild, Sonnhild oder Alvine tragen, weist sie damit auf eine weitere inhaltliche Stärke des Romans hin. Das Palais muss brennen erzählt nämlich auch von einem Mutter-Tochter-Konflikt, einer mehr als belasteten Beziehung und die Autorin schafft es, von diesem Konflikt ausgehend größere Fragen in den Leseraum zu stellen. Wie weit darf der Schutz der Mutter, des eigenen, obwohl wenig geliebt, missachtet gehen? Inwieweit können familiäre politische Brandings abgelegt werden? Und gesteht ein Aufbegehren, ein Kampf gegen sie, ihnen immer einen ungebührlich großen Raum im eigenen Leben zu? Manif manifestiert sich in der und durch die Abwehr ja auch immer erst und immer wieder das andere. Der Leser, die Leserin wird sich aber auch damit auseinandersetzen müssen, inwieweit er sie selbst bereit ist, Sippenhaftung an Namen festzumachen, wie oft kritisches Hinterfragen dem Wunsch nach einfacher Orientierung geopfert wird, man sich leichtfertig Schwarz-Weiß-Zeichnungen bedient. Das Palais muss brennen, beleuchtet in rasantem Ton die Irrungen und Wirrungen einer Anfang-20-Jährigen, ihr Schwanken, ihr Aufbegehren, ihre Haltungslosigkeit, ihr Festhalten an Idealen. Die Geschichte einer, die sich auf so viele andere übertragen lässt. Mercedes Spannagel, bitte. Hallo, ich habe schon beide Bücher dabei. dabei. Ich fange an, aus Das Palais muss brennen zu lesen. Wie jetzt alle schon gehört haben, geht es um die Töchter einer Bundespräsidentin. Sie heißen Luise und Yara und ich lese ein Stück. Das Licht war golden, ich war nervös. Ich wäre lieber ohne großartig romantische Hintergedanken in einer Rooftop-Bar gewesen, um den Sonnenuntergang zu verfolgen. Aber wir standen im Schatten des Gebäudes der juridischen Fakultät, während ich sinnloserweise Freunde von Freunden kennenlernen musste. Alle Männer ähnelten TT. Sie trugen V-Ausschnitt-Pullover in verschiedenen Farben, als würden sie mit einem Gruppenkostüm eine LGBTQ-Fahne darstellen. Dabei waren sie alle latent bis offen homophob. TT hatte nach dem Strafrechtsseminar dazustoßen wollen, aber er hatte kurzfristig abgesagt. Jo war auf der Demo gegen die Bundespräsidentin, ich war unentschlossen. Eine Studentin, die mir am Nachmittag beim Lernen in der Bibliothek bereits aufgefallen war, stieß mich an und lachte und sagte, du hast es wohl heute auch nicht aus deinem Nachthemd geschafft. Ich trug ein blau-weiß gestreiftes Hemdkleid von Polo Ralph Lauren. Ich sagte, dass Schlafen ein Protest gegen den Kapitalismus sei. Sie lachte weiter, sie sagte Prost und ich bin Zeff. Ich stieß mit ihr an. Ich dachte, dass ich nun eigentlich bereit wäre, mich dem wütenden Lynch-Mob auf der Demo zu stellen, aber ich blieb. Und du gehst heute noch zum Sport und hast gleich die schwarze Sport-BH-Hosen-Kombi angezogen und darüber einfach ein lila Organza-Kleid? Oder was sagt das aus? Seth lachte und wiegte sich in ihrem durchsichtigen Kleid. Ich bin Leichtathletin. Sie hatte ein paar Strähnen ihrer braunen Haare mit einer Spange am Hinterkopf festgeklemmt und ich fand Frauen unseriös, die mit offenen Haaren Sport machten, aber sie konnte ich mir gut dabei vorstellen und ich fand die Vorstellung auch sehr okay. Ich lauschte Sefti nun mit einer Abhandlung begann. Sie beobachte eine positive Entwicklung an der juridischen Fakultät, weg von den Handtaschen, denen eine pseudo-bedeutungsvolle Aussagekraft zugeschrieben werde. bedeutungsvolle Aussagekraft zugeschrieben werde. Michael Kors werde genau wie Louis Vuitton bloß von Leuten getragen, die dazugehören wollten, aber keinen Geschmack besessen. L'Enfant seien schnöselig, aber zeitlos. Jutebeutel seien nur in Ordnung, wenn auf ihnen drauf stehe. My other bag is Chanel. Hin zu der transparenten Bibliothekstasche, bei der es natürlich auch Unterschiede gebe. So werde die eine Marke eher von Wirtschaftsunistudentinnen getragen, während sie persönlich Bukowski präferieren würde, weil das noch einmal eine Meta-Ebene aufmachen würde. Und sie übertrieb natürlich maßlos, aber sie war unglaublich charmant. Alle hörten ihr zu, nickten und lachten. Oft warf sie mir Blicke voll Energie und Freude zu. Das konnte kein Zufall sein. Ich sagte danach zu ihr, du hast die dunkelsten Augen, die ich je gesehen habe. Das macht mir Angst. Seth lachte mit dem in den Nacken gelegten Kopf, dann schaute sie mich an, lächelte und fragte, wovor hast du noch so Angst? Knoblauch, Kirche, Tageslicht vor meiner Mutter und Nazi-Blut. Sef sagte, ein linksliberaler Vampir also. Sef nach ein paar Spritzern. Wetten wir, dass ich schneller laufen kann als die Windhunde deiner Mutter? Ich, maximal bist du schneller als mein Mops Im Lichtkegel der Laterne vorm Palais schwirrten Falter Einige mir unbekannte Fahrzeuge parkten auf dem Schotter Ich wunderte mich darüber Die Gänge des Palais waren beleuchtet, aber leer. Der Teppichboden verschluckte den akustischen Beweis unserer materiellen Existenz. Als wir um irgendeine Ecke bogen, sahen wir plötzlich vor uns einen Mann. Sein Hinterkopf war mir nicht unbekannt, aber der Rest war unscharf. Aufgrund von alkoholinduzierter Irrationalität versteckten wir uns, bis der Mann in einem Raum verschwand. Seth war enttäuscht, dass wir bisher keine Windhunde gesichtet hatten. Daraufhin zeigte ich ihr schwachen Trost mein Zimmer. Sie lag neben mir. Eines ihrer dunklen Beine lag auf dem Leintuch, das andere lag unter dem Leintuch. Sie drehte den Kopf zu mir und schaute mich an, ein Blinzeln eher. Ich sah ein Stück ihrer Zunge. Ich antwortete ihr, dass heteronormatives Aufwachsen und Apathie Gründe dafür seien, dass ich vor ihr nie meinem Interesse an Frauen nachgegangen sei. Ich sagte, manchmal mache ich mir wenig Gedanken, das mit dir ist einfach passiert. Ich sagte, manche Dinge passieren mir. Ich erzählte, dass es mit meiner Geburt begonnen habe, dass es mir passiert sei, in diese dysfunktionale Familie geboren worden zu sein, dass ich mich irgendwann gefragt hatte, warum es keine normale Familie hatte sein können, dass wir nach außen hin auf den Status einer Akademikerfamilie bestanden und trotzdem passten wir nie so ganz in das Umfeld, in dem wir uns bewegten. Es war für uns immer ein Klassenkampf. Das ständige Kämpfen hat uns alle auf unsere Art und Weise radikalisiert und voneinander entfernt. Wir haben uns genug vorzuwerfen. Seth fragte, ob ich weinen würde. Ich sagte, ein bisschen vielleicht. Ganz langsam ran mir eine Träne die Wange hinunter und nichts hielt sie auf. ran mir eine Träne die Wange hinunter und nichts hielt sie auf. Ich sagte, früher habe ich immer weinen müssen, wenn ich meine Mutter gesehen habe, dann habe ich die gesellschaftliche Idee von Familie hinter mir gelassen. Ich sprach vom sozialen Aufstieg meiner Familie durch die Politik, während sich Seth zwischen meine Beine legte, ihr Ohr an meinem Bauch und ich nicht sicher war, ob sie meinen Worten lauschte. Sie hat sogar einen Studienabschluss, das ist in der Partei gar nicht so häufig. Jetzt als Bundespräsidentin ist sie nah dran am Gefühl der Zugehörigkeit. Sef fragte in Richtung meines Schambereichs, ist sie jetzt ein glücklicher Mensch? Unwahrscheinlich. Und du? Ich? Ich lachte. Ich richtete mich ein wenig auf, wischte mir über die Augen, damit ich nicht mehr nur verschwommen sah, was Seth mit ihrer Zunge machte. Ich hatte früh eine Abscheu in mir. Ich hatte früh eine Abscheu in mir, ich hatte früh Revolution in mir, ich war anti-autoritär und verwahrlost, ich war verwöhnt, ich war schwierig von Anfang an. Es war einer der wärmsten Oktoberanfänge nach Christus in Wien. Ich hatte meinen weißen Praderegenhut tief ins Gesicht gezogen, als ich da so unter der Sonne auf der Liege lag und auf der Liege neben mir. Unsere Handrücken berührten sich, während wir die Arme entspannt baumeln ließen. Davon bekam ich Gänsehaut. Sef hatte gemeint, sie wolle noch einmal in diesem Jahr die Sonne auf ihrer ganzen Haut spüren. Deshalb hatte sie sich bis auf den String ausgezogen. Unsere Nippel schauten nun als stiller Protest in den Himmel. Wir waren allein, aber auch dann waren wir gegen die Sexualisierung des weiblichen Körpers. Der Mangosaft war süß, den Wodka schmeckte man kaum. Weiter hinten auf dem Rasen trainierte Ferdi die Windhunde, Sef nannte ihn einen blonden Hitler. Sef erzählte, dass sie während der Schulzeit in einen ähnlichen Jungen verliebt gewesen sei und auch er, da sei sie sich sicher, habe sie sehr gemocht, dass er in ihrer Klasse gewesen sei, dass sie damals noch kein Bewusstsein besessen habe für etwaige Pseudo-Unterschiede zwischen Menschen, dass er ihr schließlich gesagt habe, dass das mit ihnen nichts werden könne, weil sie Muslimin sei. Ja, sagte ich und zog mir meinen Hut tiefer ins Gesicht. Was willst du? Man muss hier schon römisch-katholisch sein. du? Man muss hier schon römisch-katholisch sein. Seth zwickte mich in den Nippel. Ich schrie ein wenig. Mir schien, als schaute Ferdi aus der Ferne her. Ich sagte, dass Seth jetzt zeigen könne, was für eine große Leichtathletin sie sei. Der Wodka wirkte. Zwei halbnackte junge Frauen liefen lachend durch die Parkanlage und spielten Eva und Eva. Jetzt lese ich eine Stelle, die ich bisher noch nicht gelesen habe, weil sie aus dem hinteren Teil des Buches ist. Also nach der ganzen Geschichte, die am Opernball passiert. Nachdem ich von Jaras Zimmer wieder in mein Zimmer umgesiedelt war, blieb ich dort zwei, drei Tage. Ich ließ mir das Essen bringen. Sef war der Meinung, ich sollte andere Menschen nicht aufgrund meiner eigenen Unzulänglichkeit degradieren. Du musst da raus. Sie war streng mit mir. Ich war nackt und ich froh außerhalb des Bettes. Seth hielt die Champagnerflasche hoch, es war ein Dom Perignon. Sie lächelte breit, ich schwach. Meine Energie reichte bloß für den Mantel aus Kunstpelz. Es ist noch nicht einmal totes Tier, das auf meinen Schultern lastet, aber es ist trotzdem unheimlich schwer, oh mein Gott. Ich verschränkte die Arme und folgte Seth, die Marx und den Champagner trug. Ich war nervös, als wäre ich auf der Flucht, als wäre ich das arme Tier im Kunstpelz kurz vor dem Abschuss. Seth sagte, ich solle nicht so wehleidig sein. Wir trafen niemanden. Wir ließen in der Küche Gläser mitgehen, die gut in die Taschen meines Mantels passten und dann gingen wir das Risiko einer Blasenentzündung ein und setzten uns auf die Steinmöbel im Park. Marx wurde in eine Decke eingewickelt, sodass nur noch sein Kopf rausschaute. Er schloss zufrieden die Augen. Seth ließ den Korken nicht knallen. Ich hing schief auf dem Steinstuhl, stützte den Kopf an der kalten Lehne ab und schaute in einen weißen Himmel. Die Bäume waren nackt und schwarz und der Pelzmantel war verrutscht. Ich sah meinen Bauchnabel zu, wie er zufror und ich sagte, die Vögel sind alle weg. Und Sef sagte, die Bundespräsidentin auch, so gut wie. Der Nationalrat hat schon einen Antrag auf Einberufung der Bundesversammlung gestellt. Sef sagte, das Leben geht aber weiter. Dass ich mal wieder mit dem Sport machen solle, Yoga beispielsweise. Darauf erwiderte ich, dass Yoga für mich nicht als Sport zählen würde. Sie sagte, geh doch mal mit mir ins Leopold-Museum zum Yoga. Ich sagte, ich hätte schon mal wieder Lust, mir im Leopold-Museum verkümmerte Genitalien anzuschauen. Ich sagte, ich hätte schon mal wieder Lust, mir im Leopold-Museum verkümmerte Genitalien anzuschauen. Ich sagte, Schiele aus der Perspektive des nach unten schauenden Hundes zu betrachten, wäre sicher eine unglaublich bewusstseinserweiternde Erfahrung. Sef sagte, dass wir auch in der Albertina-Yoga machen könnten. Ich antwortete, dass ich sicher niemals neben Dürers Bunny Verrenkungen machen würde. Es gibt ein paar Dinge, die würde ich niemals machen. Sef nannte mich einen Trotzkopf. Ich sagte, dass mich außerdem die Paparazzi, die immer noch vor dem Tor kämmten, abschrecken würden. Sef fragte, gibt es keinen Hinterausgang? Ich schüttelte den Kopf. Überall Maschendrahtzaun um das Gelände. Ich nickte. Habt ihr eine Heckenschere? Ich lachte. Wir hatten gerade ein tolles Loch in den Maschendrahtzaun geschnitten, die Heckenschere wieder an ihren Platz im Gartenhäuschen gehängt und waren auf dem Weg zurück ins Palais, da kam uns Yara entgegen. Sie fragte, ob wir mitkommen wollten zur Mutter und den Windhunden. Ich sagte, okay, aber bitte mit zwei Kilometern Sicherheitsabstand. Vielleicht kommt sie jetzt zur Ruhe, sagte Yara. Ich denke, das würde ihr guttun. Sie ist wie so eine kleine gestresste Raupe nimmer satt. Ich sagte, dass der Unterschied zwischen der Mutter und der kleinen Raupe Nimmersatt der sei, dass die Raupe am Ende durch die Verwandlung zum Schmetterling an Freiheit gewinne, während die Mutter vielleicht eine Freiheitseinbuße durch Handschellen erwarte, falls man ihr nachweisen könne, dass sie doch fremde Gelder angenommen habe. Wir sahen hinter der lichten Hecke die Mutter in einem ausgewaschenen Sweatshirt und einer Jogginghose den Hunden Anweisungen geben. Valerian, Slalom um Hütchen gehen, Cassius, die Beine heben beim Gang über die Stöcke. Ich flüsterte, Damian, die Zeit zurückdrehen. Yara stieß mich an. Ich flüsterte, Damian, die Zeit zurückdrehen. Yara stieß mich an. Die Stimme der Mutter war gewohnt scharf, die Hunde hatten ihren eigenen Willen. Die Mutter hockte sich hin, zog am Halsband von einem der Hunde. Kastor, sagte Yara, wir hörten die Mutter sagen, na, Ferdinand hat euch nicht gut trainiert, bleibt alles an mir hängen. Dann schlug sie die Hände vor das Gesicht. Als Yara auf sie zuging und grüßte, stand sie schnell auf. Yara streichelte die Hunde, ich hielt mich zurück und winkte bloß, ich war auch wirklich nicht angemessen angezogen. Gehen wir zurück, sagte ich zu Sef. Ich will niemanden ärgern und bin heute auch nicht bereit, den Ärger über schlechte Entscheidungen in der Vergangenheit abzubekommen. Irgendein linkes Szenenlokal schmiss eine Party, um die politische Situation zu feiern. Wir trafen Lilly und ihren existenzialistischen More-Night-Stand in der Schlange davor. Bussi links, Bussi rechts. Lilly begrüßte mich mit. Zum Glück bist du endlich da. Sie lassen zwar niemanden mehr rein, aber vielleicht hilft es, wenn du sagst, wer du bist. Ich sagte, ich mag mich nicht so entblößen. Seth sagte, das ist wahrscheinlich die kapitalistischste Idee eines linken Lokals. Ich legte den Arm um sie und drückte sie. Ich sagte, ich hoffe, ich erlebe mit dir den Weltuntergang, so schön, wie du dich für Katastrophen immer anziehst. Auf dem Pullover von Lillys Typ, den man sah, weil er den Mantel trotz der Kälte lässig offen trug, stand Ronald Reagan sold more cocaine than your favorite rapper. Er schlug einen Ortswechsel zu einem Technokonzert vor. Auf dem Weg dorthin ließ ich mich über mit Sprüchen bedruckte Kleidung aus. Ich steigerte mich richtig hinein. Es ging um Keith Herrings Street Art Bild Crack is Whack. Es ging um die Unterstützung von lateinamerikanischen Drogenkartellen durch die CIA, die zur Überschwemmung der USA mit Koks führte. Es ging um Herrings Aids Tod und Reckons Meinung, dass HIV die Rache der Natur an Schwulen sei. Wir kamen zu dem Fazit, dass laut dem 40. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika Koks besser wäre als Kommunismus. Dann fragte mich der Typ, was meine erste Drogenerfahrung gewesen sei, und ich sagte, die psychedelischen Windows XP Bildschirmschoner. Zum Bass flackerten Zellkulturen über die großen Bildschirme neben dem DJ-Pult. Ich fühlte mich wie eine Wissenschaftlerin, die ohne Konzentrationsschwäche durch das Mikroskop auf kleinste biologische Gewächse schaute. Ich stellte mich in die Schlange fertiger Menschen vor den Toiletten. Es war dunkel, die Wände waren beschmiert und beklebt. Ein Sticker gab sich als Swarovski-Werbung aus und zeigte eine granatenähnliche Vase, in der ein Tuch steckte und die Überschrift lautete, for the anarchist who is everything. Ich dachte nicht viel. Als mich jemand am Handgelenk berührte, schaute ich auf, Jo. Schön, dich hier zu sehen, sagte er. Wie geht es dir? Jo hatte die größten Eulenaugen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Jo legte mir die Hände auf die Schultern und strich mir dann über die Arme, bis er meine Hände berührte. Er lächelte mich dabei an. Wir küssten uns. Was für ein Blödsinn. Wir küssten uns. Was für ein Blödsinn. Jo sagte, ich soll ihm meine Zunge zeigen. Also streckte ich sie ihm entgegen und er legte einen Teil darauf und er fragte mich, ob ich mit ihm tanzen wolle. Und ich schluckte das Teil und sagte, dass ich nicht mit ihm tanzen könne, weil Tekno egoistisch sei. Als ich zurückfand, waren da nur Lilly und ihr Typ, die sich rhythmisch bewegende Masse, das Scheinwerferlicht, Nebel, Zellen. Lilly erklärte mir auf meine Frage hin, dass Seth mich mit einem Typ gesehen habe und darauf hingegangen sei. Von da an ging es bergab. Wir verließen das Konzert und wollten noch in eine Bar. Wir waren gerade im Begriff, in die U-Bahn zu steigen, als sich eine alte Frau an uns vorbeidrückte. Lilly sagte, ja, ja, gehen Sie nur vor, Sie haben weniger Zeit übrig als wir. Ich fragte, gehört die nicht eigentlich schon ins Bett? Die alte Frau drehte sich zu mir um und fragte, sind sie etwa meine Mutter? Im Waggon lehnte ich den Kopf an die Haltestange, schaute in all die wächsernen Gesichter und jammerte über das asoziale und aggressive Verhalten in den Öffis. Lilly mir gegenüber sagte, ach Lu, als würdest du dich besser verhalten. Ein Mann torkelte durch die U und plapperte irgendetwas vor sich hin, aber dann fing er an zu schreien, als bliebe ihm nichts anderes übrig. Seine Stimme zitterte. Ich liebe Wien und wer liebt mich? Das nahm mich ziemlich mit. Ich begann zu heulen, aus dramaturgischen Gründen. Dann dachte ich daran, dass ich Seth verloren hatte und musste tatsächlich weinen. Als wir wieder an der kalten Nachtluft waren, beruhigte ich mich ein wenig, fühlte mich aber nicht fähig, schneller als drei kmh zu gehen. Wir kamen zu einer Treppe und ich musste mich setzen. Über mir am Geländer baumelte im Licht der Straßensaterne eine Engelsfigur mit Holzkopf, die goldenen Lametta-Haare standen ihr zu Berge. Lilly sagte, was soll das, Weihnachten ist wirklich schon lang vorbei. Ich sagte leise, schau, wie die Haare zerzaust sind, ist auf dem Weg heim, kleiner durchgefickter Engel, ich sagte noch leiser, vom Wiener Wind durchgefickt. Lilly sammelte mich vom Boden auf und sagte, dass sie mich noch nie etwas derart zärtlich habe sagen hören. Die beiden stützten mich, bis wir die Bar erreichten. Es war eine von diesen absichtlich schlecht Beleuchteten, deren Kargheit nur im Dunklen wirkte. Lilly und der Existenzialist Jean-Paul hatten mich, so betäubt wie ich war, auf den Stuhl gesetzt und mir ein Glas Wasser bestellt. Der Stuhl war eine Strafe. Die beiden saßen mir gegenüber, die Ellbogen auf der Tischplatte, schauten mich mit ungemütlichen Blicken an und über ihnen an der Wand hing als ultraviolett leuchtender LED-Schrift zu Kill Me. Bin ich ein guter Mensch? fragte ich. Nein. Versuche ich mich zu bessern? Auch nein. Lilly klopfte mit der Faust auf den Tisch, dass mein armes Herz von den Schwingungen aus dem Konzept gebracht wurde. Sie sagte, sei verdammt nochmal nicht so wehleidig. Schau, sagte ich und hielt ihr mein Handy hin. Nichts Neues von Seth. Jo hatte geschrieben, dass er mich vermissen würde, dass er nachgedacht habe, dass wir endlich einmal über eine gegenseitige Vergabe von Exklusivrechten sprechen sollten. Ich sah die Bewegung von Lillys Kopf in Aurora Borealis Farben. Mir war ein wenig schlecht. Ich trank. Ich schrieb eine Nachricht an CEF. Lilly nahm mir das Handy weg. Lilly und Jean-Paul holten mir ein Uber, weil ich nicht mehr zu retten war. Ich schlüpfte zum Uber-Fahrer ins Auto und sagte, hallo, ich bin die Tochter der Ex-Bundespräsidentin, und er fragte, und weiter. Danke. Applaus Vielen Dank, Mercedes Spannagel, für die Lesung. Manche Dinge passieren einfach, heißt es im Buch. Und über dieses Zitat möchte ich einsteigen in eine Frage, die sich mit dem Entstehungsprozess des Buches auch beschäftigt. Als im Mai des Vorjahres sozusagen diese Ibiza-Affäre zum Bruch der Regierungskoalition geführt hat, wie weit war die Figur der Luise schon gediehen? Ist Ibiza dem Buch passiert, als Glücksfall auch? manche Dinge kann man sich auch gar nicht ausdenken, oder war das vielleicht auch der Anlass, die Figur der Luise so zu konstruieren, wie sie sich denn jetzt auch darstellt in dem Buch? Also tatsächlich ist Ibiza passiert und niemand hat sich das gedacht und ich habe schon viel früher eben angefangen daran zu schreiben und natürlich, es war von vornherein klar, ich schreibe über eine rechte Bundespräsidentin. Es ist wichtig, dass es eine Bundespräsidentin ist und die hat zwei Töchter und wie gehen diese Töchter damit um? Das war von vornherein da. Dann ist natürlich auch klar, es muss einen Bruch geben. Eine Geschichte kann nicht irgendwie gleich aufhören oder nicht ganz. Also es war klar, aufhören oder nicht ganz. Also es war klar, es muss etwas passieren mit dieser Bundespräsidentin über den Verlauf des Buches. Und da war davor aber noch nicht die ganze Handlung klar. Also Ibiza hat dann wohl geholfen, das ein paar Dinge zu klären. Man muss ja dann auch nicht immer alles erfinden. Es war klar, sagen Sie, dass es eine Bundespräsidentin sein muss. Es war klar, dass sie auch, wenn man an Barbara Rosenkranz eben denkt, dass sie auch rechtskonservativ sein muss. Man bekommt auch, wenn man das Buch liest, einen Einblick in die rechte Szene. Wie hat sich die Recherche in diesem Bereich für sie dargestellt? Wie hat sozusagen diese Hereinnahme für sie funktioniert? Es wird zum Beispiel, nur um das jetzt auch dem Publikum kurz zu erklären, es gibt natürlich die Schmissträger, es gibt die Burschenschaftler, es gibt die Kinder, mit denen sie auch in Kontakt steht, von Parteikollegen der Mutter. Also auf jeden Fall jetzt auf den Schmiss bezogen. Es gibt, finde ich, manchmal Erlebnisse im Leben, mit denen man dann so konfrontiert wird und auf die man dann auch nicht wirklich reagieren kann. beispielsweise so eine Situation, dass ich mit einem konfrontiert worden bin, der mir gesagt hat, schau da über meine Augenbraue ein Schmiss. Und ich glaube, vielleicht ist auch dann das Schreiben, also in der Szene, wo das thematisiert wird, ist dann so ein bisschen, in der Situation wusste ich nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ich fand es ziemlich blöd, ich fand diesen Typ ziemlich blöd. Und das kann ich dann im Nachhinein durchschreiben, kann ich da mehr daraus machen. Und für die Figur der Bundespräsidentin habe ich mir auch einige Dokumentationen angeschaut. Es gibt eine Dokumentation über den Ausstieg von Frauke Petry aus der AfD, den Ausstieg von Frauke Petry aus der AfD, die sehr spannend auch für mich war, um da zu sehen, wie verhält sich in dem Sinn vielleicht eine gescheiterte Figur oder ist es wirklich gescheitert oder wie viel ist gestellt auch irgendwie, das waren dann für mich so ganz spannende Punkte. Ich habe andere gesehen über das Aufwachsen in wirklich rechtem Milieu, das mich sehr mitgenommen hat, weil es dann oft vielleicht sogar sehr sektenartig ist und man dann da auch gar nicht rauskommt. Also man kommt als Kind einfach da rein und entweder man sagt dann ja dazu und wächst dann halt eben so auf und übernimmt es oder man versucht vielleicht sich dagegen zu stellen und mir war in dem Buch dann wichtig, dass es mir sehr nahe gegangen und ich wollte keine so sehr ernste Geschichte daraus machen. Ich wollte Figuren, die klar schon gefangen sind auch in diesem familiären Umfeld ein wenig, auch nicht komplett Nein sagen zu allem, aber doch stark genug sind, um irgendwie zumindest den Mund aufzumachen. Eine dieser Figuren, die auch für komik oder komikhafte Elemente sorgt, ist ein Hund, ein Mops, der Marx genannt wird. Es gibt eine sehr schöne Erklärung im Buch selbst, warum es denn gerade ein Mops sein muss. Aufgrund seiner Nase oder seiner nicht vorhandenen Nase ist er näher dran und kann nicht auf Abstand gehalten werden. Ich nehme an, das war aber nicht der einzige Grund, sozusagen einen Mops geradeaus zu erwähnen, als eine doch zentrale Figur in diesem Buch. Also der Mops ist natürlich auch in dem Sinn wichtig, weil die Bundespräsidentin ihn natürlich hasst und das weiß Luise, dass ein Mops eine Hunderasse ist, die für die Mutter auf keinen Fall irgendwie in Frage kommt. Außerdem das Zitat von Borio, ein Leben ohne Mops ist möglich, aber sinnlos. Das führt dazu, dass ich eine Mops-Sympathisantin bin, aber sehr vielen Leuten auch begegne, die Möpse wirklich sehr furchtbar finden. Sie selbst haben aber keinen Mops? Ich habe keinen, sonst würde ich hier sitzen. Das würde ich mir nicht entgehen lassen. Und das bedeutet, ein Mops polarisiert. Und das ist genau das, was Luise da macht. Sie provoziert die Mutter. Sie provoziert die Mutter. Sie haben gerade vorhin auch gesagt, es ist ein Buch, das sich selbst auch nicht ganz ernst nehmen kann, weil der Ton des Buches manchmal sehr einfach, rasant, schnell daherkommt. Zum einen hat man den Eindruck, darin spiegelt sich die Hauptfigur auch wieder, die sich oftmals auch hinter dem Humor versteckt in ihrem Tun. Das ist aber auch etwas, das den Leser sofort in den Bann zieht. Man ertappt sich dabei, dass man lächelt. Da sind teilweise auch wirklich so Schenkelklopfer-Elemente drinnen. Wie bewusst ist das sozusagen auch eingesetzt in Bezug jetzt auf den Rezipienten? Also ich hoffe doch, oder es ist in dem Sinn, man sollte sich schon auch in dem einen oder anderen irgendwie wiedererkennen können. Natürlich ist das sehr überspitzt, aber es ist doch so, dass es einfach um privilegierte Kinder geht und das sind nicht die einzigen, also es gibt ja die tatsächlich oder es gibt, oder viele sind privilegiert und viele versuchen auch etwas zu machen, viele versuchen sich politisch zu engagieren und das ist genau das wo fängt das politische Engagement an und wie ernst nimmt man sich dabei und geht man einmal auf eine Demo für Fridays for Future und fliegt dann in den Urlaub, wie passt das alles zusammen? Das heißt, so ernst ist das Buch dann auch. Wenn ich das jetzt weiterführe, steht Lou und ihre Thematik einfach auch stellvertretend für viele andere Themen, die derzeit auch virulent sind. Ja, genau, oder halt der Umgang auch damit, dieses sehr viel Reden und dann weniger Handeln. Wo wir bei vielen Themen sind, und diese Frage drängt sich leider auch auf bei einem Debüt, was ist das nächste Thema, das sozusagen so virulent für Sie ist, dass Sie sagen, das ist der Stoff schon für mein nächstes Buch. Gibt es da schon etwas, womit Sie sich beschäftigen oder das Sie derzeit beschäftigt? Ein Corona-Buch, auch wenn das alle gerade so sehr beschäftigt. Man muss noch schauen, wie sehr das dann sich noch entwickelt, dass man dann ein Buch schreiben kann, wo die Leute keine Masken tragen und so weiter. Aber ich lasse das mal außen vor und gehe mal von einer Welt davor aus und es soll weiter, möchte ich mich versuchen damit zu beschäftigen, das über das zu schreiben, was ich wahrnehme, wie ich so die Menschen sehe in meinem Umfeld oder überhaupt. Und vielleicht, nachdem ja in diesem Buch die Protagonisten handlungsunfähig sind, vielleicht im nächsten Buch kommen mehr Taten. Wir dürfen gespannt sein. Wir freuen uns jedenfalls schon sehr darauf und ich bedanke mich an dieser Stelle für die Lesung aus das Palais muss brennen. Sie könnten aber gleich sitzen bleiben. Ich würde jetzt einfach wieder meinen Platz wechseln. Wenn wir jetzt nämlich zu Leander Fischer kommen, beziehungsweise zu seinem Buch Die Forelle. Zu seinem Buch Die Forelle. Versuchen Sie mit mir eine kleine Zeitreise. Denken Sie an Ihre Schulzeit zurück oder an den Besuch in einer Buchhandlung. Versuchen Sie das Gefühl zu reproduzieren, das Sie hatten, als Sie das erste Mal Ulrich Blenzdorfs bekanntestes Werk, die neuen Leiden des jungen Weh, in den Händen hielten. Woran haben Sie, noch bevor Sie eine einzige Zeile gelesen hatten, gedacht? Ganz ohne hellseherische Fähigkeiten zu haben, nehme ich Ihnen allen jetzt die Antwort ab. Natürlich an Goethes Die Leiden des jungen Werter. Die Aufnahme eines bekannten Buches in den Titel des eigenen Werkes, das Ausstellen der Referenz sozusagen, kann einerseits als gewagtes Unterfangen betrachtet werden, andererseits als Dienst am Kunden, an der Leserin, dem Leser. Die inhaltliche Messlatte wird mit einer eben solchen Vereinnahmung gleich mitgeliefert. Das, womit es zu vergleichen, in Verbindung zu bringen ist, muss nicht erst erlesen werden, sondern darf, bevor es sich inhaltlich manifestiert, ein Lesefeld abstecken, aufspannen. Will heißen, sozialgeschichtliche, kulturhistorische Eckpfeiler setzen, innerhalb derer oder von denen ausgehend neue Schreibenswege beschritten werden. Keine gewagte These lässt jedoch auch den Einwurf, um jetzt bei oben genannten Beispielen zu bleiben, man könne die neuen Leiden auch ohne die alten Rezipien gelten. Die dadurch in Kauf genommene Leerstelle beschneidet das Werk aber um eine wesentliche, eine zentrale Komponente. Und das gilt für alle Bücher, die sich eines solchen Zitats bedienen. die sich eines solchen Zitats bedienen. Womit wir bei Leander Fischer und seinem Debütroman Die Forelle und bei der ersten oder einer der ersten Assoziationen wären, die man beim Anblick des Buches des Buchtitels hat. Verstärkt wird die Hereinnahme dieser Assoziation als eine Interpretationsgrundlage durch den 1992 in Vöcklerbruck geborenen Autor selbst, der im Videoporträt zum Ingeborg Bachmann-Preis, an dem er im Vorjahr teilgenommen hat und bei dem er mit dem Deutschlandfunkpreis ausgezeichnet wurde, sagt, man schreibe auch immer im Angesicht einer Bibliothek, müsse die Topoi kennen, um sich danach an ihnen abzuarbeiten. Hören wir nun also gemeinsam die erste Assoziation. Da schoss sie vor ein, die launische Forelle vorüber wie ein Pfeil. Ich stand am Ende, starb und sei in Wieselruhe. Sie haben es vermutlich schon nach wenigen Takten erkannt. Die Forelle, eines der bekanntesten Kunstlieder Franz Schuberts, die Vertonung eines Gedichtes von Christian Friedrich Daniel Schubert. In ihm wird von einer Forelle erzählt, die nur durch eine List des Fischers, die Trübung des Wassers, gefangen werden kann. Ein Umstand, der den Beobachter dieses Unterfangens in Rage geraten lässt und ihn in Strophe 4, nicht mehr von Schubert vertont, generell vor solcherlei List durchaus übertragbar auf die Bedrohung, die von Männern auf Frauen ausgehen kann, verschleiert warnen lässt. Eine Figurenzeichnung gut versus böse par excellence. In Leander Fischers Forelle 2.0 sind die Rollen ebenso klar verteilt, der Ton jedoch ein anderer, die Felder, die mit aufgespannt werden, weiter, die Verweise, Übertragungen vielschichtiger. Obgleich sich durchaus Parallelen ziehen ließen, etwa in Bezug auf die mit eingeschriebene Kritik an den herrschenden politischen Verhältnissen. Ja, ich möchte fast meinen, durch in Leander Fischers Debüt wird das Lied Schuberts zur Oper. In der Hauptrolle Sigi Herrmann, ein Musikschullehrer mit ehemals großen Aussichten, der sich von Ernstl Thalinger in die Kunst des Fliegenbindens und Fliegenfischens einweihen lässt, sich von ihm emanzipierend zum wahren Erben wird, zum Fliegenbindepapst. Ihm gegenüber auf der anderen Seite stehen Bauernschädel, Bierdümpel, Saubroleten, der örtliche Fliegenfischverein, also mit Volki, dem Ockmann an seiner Spitze, der das zur Perfektion getriebene Nachahmen der Köder mit Argwohn beobachtet und das Zurückwerfen der Fische durch die beiden nach erfolgten Biss, die Erhebung des Weges zum Ziel, als Angriff auf seine eigene Fisch- bzw. Lebensweise deutet. Sigi versus Volki mitsamt Anhang auf beiden Seiten, das bedeutet Revierkämpfe von Männern, die augenscheinlich in der Midlife-Crisis sind, die die Absurdität nächtlicher Fangbuchkontrollen bzw. deren Ertragen als Beweis ihres nicht vorhandenen Kontrollverlustes deuten und durch Drohungen aller mit diesem Sigi-hilft-nur-Haus-Anzünden überschüssiges Testosteron in die Ohren ihrer Mitmänner entladen. Sigi versus Volki, das ist ein wenig so wie 80-60 München gegen den FC Bayern. Oder auf österreichische Verhältnisse ungemünzt Rapid Wien gegen die Bullen aus Salzburg. Also Herzblut, echte Leidenschaft versus ästhetikbefreite Gewinnoptimierung. Die Forelle 2.0, das ist aber auch Gesellschaftskritik. Wenn Fischer sich an Themen wie Übertourismus oder Umweltzerstörung durch Kraftwerke abarbeitet, indem er Sigi & Friends auf nächtliche Baustellensabotage schickt oder wenn über die Schmisse in den Gesichtern auf historische Spurensuche etwa in die Zeit Kurt Waldheims gegangen wird. Dazwischen immer wieder das Klack, Klack, Klack, Klack der Spule, das Ziehen an der Schnur, Klack, klack, klack, der Spule, das Ziehen an der Schnur, Trockenübungen, Kupferdrähte, die eingebunden werden, gewickelt, Abstehendes, das gekürzt wird, Frauenhaare, die zu grenzen werden, Muster, die sich einer aus den Fugen geratenen Welt entgegenzusetzen versuchen und doch auch schon von ihr vereinnahmt wurden, wie sich etwa in der Verwendung exotischen Felles zum Binden spezieller Köder zeigt. Die Globalisierung lässt grüßen. Eingebettet ist das alles in eine ländliche Umgebung, die der Autor prototypisch für das Ganze, ergänzen Sie das Land selbst, zu verwenden weiß. Die Erhebung eines Fleischers Kurti zur heilbringenden Figur wird da beispielsweise thematisiert. Auch hier überlasse ich den Austausch die Ersetzung der Figur des Fleischers durch Namen von Sportlern, Politikern etc. ihnen. Oder etwa der Umgang einer Gesellschaft mit einer Fremden, Franzi, einer von außen kommenden, einer einer sektenhaft anmutenden Kommune Entkommenden. Sie war eine einzige Feindseligkeit, eine Provokation, ein Verhau. Alles fließt in diesem Buch, taucht auf, unter, kommt an anderer, unerwarteter Stelle wieder an die Oberfläche. Auf, unter, kommt an anderer, unerwarteter Stelle wieder an die Oberfläche. Schimpftiraden vermischen sich mit Endlossätzen, sprunghafte Übergänge wechseln sich ab mit Bildern, die ineinander übergehen und die wiederum von absurd-komischen Einschüben, etwa der Verbindung zwischen Jochen Rind und dem wiederkäuenden Almtier Rind, Rind, gerahmt werden. Wortströme sind es, die der Autor erzeugt, denen nicht zu entkommen ist, das Buch selbst der Köder, ganz ohne Haken. Schubert's eingangs erwähntes Gedicht wird erst durch die Musik Schubert's zum Leben erweckt. Leander Fischers Roman schafft diese Umformung auf rein textlicher Ebene. Die Textflächen, die an Jelinek oder auch die große Marianne Fritz erinnern, wandeln sich beim Lesen in körperhafte Klangstrukturen um. Man fühlt sich nicht nur mitgerissen, man meint Teil dieser Gemeinschaft zu sein, wenn auch nur still Beobachtender und lässt vielleicht sogar den Gedanken zu, für einen Moment nur, dass man das Fischen ja auch vielleicht einmal versuchen könnte. Sie alle werden nach der Lektüre dieses Buches, nachdem sie den Flüssen entstiegen sind, keine besseren Fischer, Fischerinnen sein. Sie werden keine Goldkopf-Nymphen und keine Lachmöwenfliegen binden können. keine Goldkopfnympfen und keine Lachmöwenfliegen binden können. Gew aber jetzt lese ich aus die Forelle. Und zwar lese ich eine Stelle, wo in der Anmoderation bereits erwähnte Franzi vorkommt. Franzis plötzlichem Auftauchen im Dorf war ein Brief an Kurti vorhergegangen. Ein Anwalt hatte ihn aufgesetzt und mehrfach darauf hingewiesen, dass Franzi gewillt war, sehr hart zu arbeiten, um endlich ein normales Leben zu haben. Vielleicht habe Kurti bereits etwas darüber in der Zeitung gelesen, der Friederikenhof. In dieser autarken Kommune im Burgenland sei Franzi großgezogen worden, wobei groß in dieser Causa relativ zu verstehen sei. Weder war ihr der eigene Geburtstag bekannt, noch ließ es sich irgendjemand ausfindig machen, der ihre Entbindung bezeugte. Einerseits habe es die Kommunenführerin Anna Früh vorgezogen, sich im Zuge der langsam einsetzenden Strafverfolgung mit Gefolgschaft Kind und Kegel nach Portugal abzusetzen. Andererseits sei auch den abtrünnigen oder zurückgelassenen, besser gesagt minderkriminellen, verantwortungsvollen, jetzt in Kronzeugenprogrammen aufgenommenen Subjekten nichts Näheres über Franzi bekannt. Sie kannten nur das Mädchen mit der Nummer 0815. Wie alle Babys, Kleinkinder und Jugendliche des Bauernhofs wurde sie im Verbund ausgebildet, alphabetisiert, gestillt, gewickelt und gezeugt. Infolge der freien Sexualität in der Kommune war die Suche nach einem Vaten schnell hinfällig und die Mutter war wohl, während sie Franzi aufzog, ebenfalls Erziehende dutzender anderer Kinder gewesen. Gesetzt den Fall, sie hätte sich nicht längst vom Konzept einer eigenen Tochter verabschiedet, hegte noch unter dem gelöschten Bewusstsein für bürgerliche Normalität so etwas wie eine Ahnung des Umstandes Mutter zu sein und hätte über Jahre während massiven Drogenkonsum und Psychoterror reichianischer Prägung ein Fitzelchen Erinnerung an Schwangerschaft und Geburt behalten, spekulierte man zusätzlich auf die äußerst unwahrscheinliche Möglichkeit, die Mutter hätte sich ein Gesichtsdetail oder eine andere Besonderheit am Körper des Neugeborenen bis heute eingeprägt oder Franzis Abstammung erwiese sich als mittels Zeugenaussagen anderer Kommunenmitglieder rekonstruierbar. ob die festgestellte Mutter hinreichend geläutert und wieder eingegliedert werden könnte in eine normale Gesellschaft, ob sie eher einer den sektenartigen Fängen der Kommune nie wieder entronnene Mitläuferin war, und wenn ja, ob sie sich jemals von den seelischen und körperlichen Qualen erholen und in der Lage sein würde, eine Tochter zu betreuen, oder ob sie eher eine Schwerverbrecherin war, die sich in den sadomasochistischen Strukturen des Friederikenhofs beteiligt, besonders hervorgetan und die steile Hierarchie hinaufgequälgeistert hatte, was sie wohl alsbald in einer Justizvollzugsanstalt vorsetzen könnte, sobald der Fall ad acta war, oder ob sie sich nicht eher selbst nach Portugal in eine Hippiekommune abgesetzt hatte. Jedenfalls konnte es Jahre dauern, bis der Prozess beendet war. Wie bedauerlich all diese Umstände und die Vorkommnisse rund um den Friederikenhof auch waren, inzwischen gehe es nicht mehr darum, die Schuldfrage zu klären. Dem Mädchen 0815, das man nun auf einen möglichst gewöhnlichen Namen getauft habe, oblag in der Kommune das Großziehen, Schlachten, Zerteilen und Zubereiten des Viehs. Niemand könne besser mit dem Beil als sie. Das innere Salzkammergut, weit weg von Wien und den nun anrollenden Verhandlungen, habe sie sich gesündesterweise selbst als Aufenthaltsort gewählt. Ora et labora hätten schon die alten Mönche als Weg in die Glückseligkeit beschrieben und man appelliere inständigst an Kurtis Gnaden, Gewissen und Bürgerpflichten. Im Zweifelsfalle bliebe dem Anwalt nur darauf hinzuweisen, dass Kurtis Flascherei ins Steuerregister eingetragen sei als lehrlingsausbildender Betrieb und nicht nur die ohnehin schon kulante interimistische Toleranzzeit zwischen der Ausbildung zweier junger Menschen ausgeschöpft hatte. Mit freundlichsten Grüßen versteht sich, aber man verstand sich gar nicht. Gesindel, sagte Rita, als sie mir davon erzählte, und ich, das arme Mädchen. Die meine sie selbstverständlich nicht. Dem Brief habe ein Attest einer Wiener Ärztin beigelegen. Unter Hinweis auf die bereits fertig ausgeprägten primären und sekundären Geschlechtsmerkmale und die regelmäßige Menstruation sowie die stattgefundene Defloration wurde Franzi auf 15 bis 18 geschätzt, kurzum auf lehrlingsfähiges Alter. Im Kuvert habe außerdem eine dringende Empfehlung der Arbeiterkammer gesteckt, die Franzi als die herkömmliche Gesellenkompetenz längst erlangte Fleischerin deklarierte. Das nächste Blatt, ein Auszug aus Kurtis Steuerregister, zudem ein handschriftliches Bewerbungsschreiben sowie Franzis Personalblätter in Kopie von einem Wiener Notar beglaubigt, ein Meldezettel, der eine Adresse im Dorf nannte, Marktgasse 5, direkt gegenüber dem ehemaligen Friseurladen und jetzigen Optiker, Sozialversicherungsnachweis, der sie im Dorfjargon als momentan asozial auswies, polizeiliches Führungszeugnis, was in diesem Land ja gar nichts zu bedeuten hatte, ein Staatsbürgerschaftsnachweis, alles erst vor einem Monat ausgestellt und wie dem Signet abzulesen war, tags darauf abgesegnet, eine Geburtsurkunde, jeweils in dem Feld der Kategorie Geburtsdatum mit einem Fragezeichen und einem gelben Einmerkerl versehen, das eine braune Filzstiftaufschrift trug, siehe ärztliches Attest. Naturgemäß legte die Dorfgemeinschaft ganz andere Reiter zur Beschreibung des Mädchens 0815 an. 0815 an. Zwar glaube ich nicht, dass Kurti und Riete ein Sterbenswörtchen über Franzis Herkunft verloren, in Gegenwart der Einheimischen. Auch hörte ich keinen Satz über den Friederikenhof in der Schlange, aber die Leute waren ja nicht blind. Die derbe, vernähte, asymmetrische, selbst hergestellte, an allen Säumen ausgebesserte Leinenjacke, Sprachbände. Auch das mit bunten Mandalas bepinselte Halstuch ließ Franzis Ansehen nicht gerade steigen. Schnell waren sich die Provinzler einig, sie war eine Wölfin, die noch nicht mal den Anstand besaß, sich in Wolle zu kleiden. Was stellt ihr euch denn an? in Wolle zu kleiden. Was stellt ihr euch denn an? Sie stiefelte in ihren kaninchengefütterten, eisenbeschlagenen Schuhen die Schlange entlang nach vorne. 15 Jahre mindestens waren Stahleinlagen darin. Jetzt, der Kommune entkommen, war sie nicht zu bremsen und trug quasi sieben Meilenstiefel. Ach, kacke, Samstag, ein siegessicheres Lächeln im verhärmten Gesicht. Unter der Woche kauft ihr doch auch nicht alle zwei Tage ein. Ihr verfilzten Haare flatterten hinterher, gerieten jemandem in den Griff, der sie halten wollte. Franzi drehte sich um und spuckte ihm ins Gesicht mit einer Gewalt, dass es ihn von den Füßen riss. Oder er hatte versucht, sich aus der Flugbahn zu beugen und war hinten übergestürzt. Das war nicht so genau zu sagen. Ein anderer versuchte, sie zu packen, woraufhin sie ihm das Knie über der fadenscheinigen Jeans in die Magengrube rammte und einfach weiterging. Herr Herrmann, auch schon wieder hier. Tun Sie mal einen Schritt und lass uns die andere Fremde vor. Habe die Ehre, Jugend vor Schierheit. Und sie trat flink vor Kurti hin. Stell mich ein. Ich habe heute leider kein Fleisch für dich und morgen auch nicht, da Franzi es immer wieder probierte. 19. Auch ein Polizeirat ist ein Mensch und ist verheiratet. Gerhard Bronner. Endlich hat's den Dreckskerl erwischt. Der Mann vor mir trug einen Trachtenjanker. Das Tagesthema in der Schlange war eine jener Geschichten, wie sie fast täglich zu vernehmen waren, an den Schwarzplätzchen im Dorf, am kiesgestreuten Kirchenvorplatz, auf Parkbänken, von denen der Lack abblätterte, unter dem einheimischen Geplapper, an den Tankstellen und Tandgeschäften, aber ganz besonders Wochenends vor Kurtis Fleischerei. aber ganz besonders Wochenends vor Kurtis Fleischerei. Wessen Frau mit wem, ob sie ein Flittchen oder nur eine verwirrte Hausfrau war, ob der Gehörnte es hätte wissen, ob er es hätte verhindern oder ob er sich jetzt einfach seinem Schicksal hätte fügen müssen. Ob der Galan auch Familie hatte, ob er bisher ein anständiges Bürschchen abgegeben hatte, ob er ein Schürzenjäger von jeher gewesen und wie es letztlich rausgekommen war. In flagranti, ein liegengelassenes Höschen, eine ungeahnte und im Vergessen ehelicher Pflichten gänzlich unerklärbare marianische Schwangerschaft. Es war wirklich wahnsinnig interessant. Diesmal hieß der Verführer Wolfsgruber und die Leute überstürzten sich in Beteuerungen seiner Trunksucht, wie verfallen er dem Kartenspielen war und erst dieses Kettenrauchen, was vor allem meine Frau vor mir immer wieder betonte, die in einer Tour einen Zahnstocher längs ihrer Lippen hin und her wandern ließ, das Hölzchen dabei stets ein bisschen kirschröter Strich zwischen ihren löwenzahngelben Beißerchen. Ich fragte mich, was wohl eine Wolfsgrube war, schaute in die Wiese hinter Kurtis Laden, dachte an das Verblühen zu Pusteblumen, an die schwarzen Flecken unter den Samen, an Himmel und Hölle und biblische Helden, umringt in Arenen von pöbelndem Volk und wilden Wüstentieren, die ganz langsam die Farbe wechselten, sich in nachtaktive, struppige, räudige, graue Märchentiere verwandelten und hörte wieder mit einem Ohr zu, um vielleicht den Vornamen aufzuschnappen. Daniel hätte ich fantastisch gefunden. Die ähnlichen Konsequenzen der Affären wurden wie immer ausgespart und privat ausgemacht, zwischen vier Wänden in Szene gestellt, selten wusste die Schlange davon zu berichten. Da stellte ich ein Selbst, aber war schon zum zweiten Mal Thema wie in echten Weltnachrichten. Einmal, wenn das Verbrechen aufkam und einmal, wenn sich die Justiz damit befasste. Sah der Ehemann auf Vergeltung, Auge um Auge, und saß der längst fraglos Schuldige auswärts an der Theke, ob reumütig oder voll Überschwang prallend, das war egal. So setzte der Schankmeister Harry einen Anruf ab, eine Telefonkette ging durch die Einfamilienhäuser im Dorf und hinter einer Hecke, einer Mauerecke, in einer Bushütte, irgendwo zwischen Wirtentür und Wohnhaft des Stechers, rotteten sich noch in selbiger Nacht die Ehemänner zusammen, um auf seinem Nachhauseweg den Herzensbrecher abzupassen, sich zumindest mit Rippen und Zähnen zu befassen, mit langen Messern zu hassen. Männer, bewaffnet mit Schneeketten den Hurenbock zu halten, mit Hämmern, um den Nagelmeister auf den Kopf zu treffen, mit Rohrzangen, um dem Nummernschieber zu zeigen, was sie von der bedürftige Hausfrau hilfsbereiter Handwerkervariante hielten. Die familiären Rächer warteten in laternenlosen Gassen, rauchten eine Kippe nach der anderen unter den Kapuzen ihrer schwarzen Parkas, erzählten sich Frauenwitze und standen sich die trittbereiten Beine in den Bauch, bis die fragliche Gestalt nach Hause gewankt kam oder über den Bergen die Sonne aufging. Gerissen sind die Schwerverbrecher, meinte ein Typ mit Bürstenschnitt hinter mir zu wissen. Der Wolfsgruber sitzt ja jeden Tag beim Wirten. Hätte man meinen können, hat sich schnell erledigt. Herr Rosenkavalier wusste aber natürlich genau, was ihm blüht. Viermal ist er ausgekommen. Oder besser, ist er gar nicht in die Falle gegangen, wusste, wo ihm die Klemme die Beine abschlägt. Und ich roch den derben Hanfgeruch der Säcke, aus denen der Kerl hinter mir tagtäglich Fichtenzapfenkerne schnappte und in die Volieren schmiss. Fast meinte ich, noch ein paar Samen an seinem Wollpullover haften zu sehen, aber dann knöpfte er den schwarzen Parker zu. Eine Skimaske gehörte außerdem zur obligatorischen Schlägermontur in Ehebruchsfällen. Niemand durfte seine Identität verraten oder über die der Kameraden spekulieren, weswegen keine sonderlich große Varianz an Frauenwitzen in den Warterunden herrschte, die zusätzlich Verwandte, Dorfbekannte, Freunde und selbst Weitsichtbekannte des Verbrechers aus ihrem Kreis auszuschließen hatten. Persönliche Sympathien hatten nichts zu suchen in diesem alteingesessenen Strafe-muss-sein-System, dessen Logik ausschließlich den Ehefrauen Beglücker aufzumischen, in etwa dem Tenor in Wien gleichkam, die kleinkriminellen Straßeneckendealer härter ranzunehmen, statt den Fehler etwa im System zu suchen. Aber die Leute fragt mich nicht, die Geschichte war ja schon wieder an mir vorbeigegangen in der Schlange. Sie verfuhren, wie sie immer verfuhren, stellten ihre Selbstjustiz sogar als Systemkritik hin, denn Ehebruch war erst kein Straftatbestand mehr, seit das Modernismusgespenst umging und Scheidungsanwälte aus Linz, Kommunenkinder aus Wien und Musikschullehrer aus Salzburg in ihrer wunderbaren Provinz einfielen. Viermal ist er einen Umweg nach Hause gegangen. Dann habe ich dem Wirt zufliert, einfach nicht mehr zu telefonieren. Der Wolfsgruber geht ja eh jeden Tag Karten spielen. Das schneiden die Leute eh ohne Telefonkette. Das schneien die Leute eh ohne Telefonkette. Der Typ hinter mir klopfte sich selber auf die Schulter, wo sich gerade eine Wespe niedergelassen hatte. Ah, verdammt, du Biest! Und er presste die Hand zur Faust, zerquetschte das Tier. Er streckte die Finger voneinander in seiner Handfläche Matsch, von dem sechs geknickte Beine abstanden, noch spastisch gerührt. Und genauso hat der Wolfsgruber den Stachel aufgestellt, nur gezuckt hat er dann nicht mehr. Hinter dem Typen stand Fredel, der Dorfscheriff, Stirnfransen bedeckt in seinen Mensurnarben. Habe ich alles durch Kirchenfenster gesehen Liegt ja am Weg Hat mir der Wirt erzählt am Vortag Von seiner genialen Eingebung So ein Spektakel lasse ich mir ja nicht entgehen Hab extra das Kirchenlicht brennen lassen Dass es dem Wolfsgruber ganz heimelig vorkommt Dass er keinen Verdacht schöpft Derweil hat der Erste schon hinter dem Buchsbusch gekauert in meinem Vorgarten. Der Zweite stand drüben auf der anderen Straßenseite. Ein richtiger Stangerl, gar keine Schlägerfigur. Deswegen hat er sich auch verstecken können hinter der Regenrinne. Mit dem Rücken hat er sich an die Hausmauer gedrückt. Der Dritte hat flach gelegen auf meinem Karpat. Meine Seelen, einen Aufhebens haben die gemacht. Als ob der psoffene Trotte noch so viel Misstrauen hätte aufbracht. Der vierte hat um die Ecke vom Haus gegenüber gestanden. Habe ich das Fenster gekippt für ein bisschen Frischluft. Habe mir eine angezunden und Popcorn in die Mikrowelle. Und kaum macht's bingen, höre ich auch schon die Penny-Absätze. Hätte ich gemeint, ich wär deppert. Aber der Wolfsgruber, der kam nicht allein. Das hat gehallert durch die ganze Gasse. Wie die überhaupt gehen hat können. Auf den Stilettdallen, am Kopfsteinpflaster. Und angezogen war die. Ein kleines Schwarzes bei der Kälte. Und der Lippenstift hat geleuchtet, besser als jede Laterne. Untergehakt war sie beim Wolfsgruber und als er die Kreuzung passiert jedenfalls, da sind alle aus der Deckung gesprungen. Eingesperrt haben sie ihn wie den Punkt in der Mitte von der Fünf am Würfel. Aber der Wolfsgruber war da auch ein Profi, nicht nur mit den Karten. Der hat schon einige Male einem das Messer angesetzt, wenn er nicht rausrücken wollte mit dem Einsatz. Eine Klinge, ich schwör's, lang wie meine Elle, hat er aus dem Lederjackenärmel gezogen. Rumgefuchtelt hat er aufs Bedrohlichste. Na servas, da ist den Vieren die Sausen gegangen. Fernwaffen haben's ja keine gehabt, weder Steinschleuder noch Glock. Und mit Schlagring und Eisenstange, da kann's dann scheißen gehen. Hat er angefangen zu lachen, der Wolfsgruber. Das hat wieder durch die ganze Gasse geheilt. Mir ist schon ganz schier geworden. Hab schon das Rapier gesucht. Überlegt, ob ich rausstarten soll. Und der Tussi an seiner Seite, der hat das erst gefallen. Hat sie richtig aufgegeilt, hat den Kopf vom Wolfsgruber genommen, so an den Wangen, zwischen die Handflächen, ist ihm durchs Haar gefahren. Und dann auf einmal hat sie ihn niedergestießen, voll eingeschädelt, eine gescheite Kopfnuss, hat das Messer weggetreten und ihm dreimal mit dem Absatz direkt in die Eier. Herrs, der hat gespieben bis zu Deppert. Und die vier haben erst geschaut. Na, was sie jetzt sagen, hat sie gesagt. Und da habe ich sie erst kennt. An der Stimme war die Franzi. Hat mir dann alles der Wirt erzählt am nächsten Tag. Wie sie den Wolfsgruber erst abgefüllt hat. Wie sie ihn nackert gemacht hat beim Kartenspielen, wie sie ihm spielerisch eingeflüstert hat, dass er eben mit den Karten Pech gehabt hat. Ein Techtel Mächtel dafür, was er sagt. Dann hat sie sich untergehakt und ihn abgeführt, diesen Verbrecher mit Köpfchen. Danke. An dieser Stelle wäre jetzt natürlich auch ein Gespräch geplant gewesen mit Leander Fischer. Mercedes Spanagl hat sich spontan bereit erklärt, nicht nur den Text ihres Autorenkollegen zu lesen, sondern sich auch diesen Fragen zu stellen. Wir werden jetzt einfach versuchen, nicht Leander Fischer zu imitieren oder Ihnen sozusagen diese Vorstellung zu geben, er säße hier. Nein, wir versuchen uns vielleicht jetzt einfach über zwei oder drei Fragen diesem Buch noch einmal anzunähern. Beginnen möchte ich aber doch mit einer ursprünglich geplanten Frage, denn vielleicht können Sie das aus Ihrer engen Bekanntschaft oder Freundschaft mit Leander Fischer auch beantworten. Es ist eine Frage, die der Herr Fischer vermutlich bei jeder seiner Lesungen hört, nämlich die Frage nach dem Thema des Fliegenfischens. Ich hätte sie ein wenig anders verpackt. Er hat damals auch im Videoporträt zum Bachmannpreis gesagt, wir müssen die Sachen erst selbst zustoßen, damit ich dann ausharren kann an einem solchen längeren Text. Die Frage wäre gewesen, wann ist ihm denn das Fliegenfischen zugestoßen? Also genau, Leander hat gesagt, dass es muss dann irgendetwas ihn packen, fesseln an einem Thema, damit es dann auch ein längerer Text wird. Und so hat er in Hildesheim literarische Schreiben studiert und hat da wohl als Bachelorarbeit schon etwas geschrieben. Das hieß ein bisschen so, glaube ich, so als Tristan Shandy das Fliegenfischen lernte. Und ich glaube, das ist so eine Art Vorarbeit zu sehen, denn er hat, glaube ich, gemeint, dass er dann irgendwie, das hat er gemacht als Bachelorarbeit, dann hat er sich anderen Themen, anderen Texten gewidmet und ist dann draufgekommen, dass er irgendwie immer wieder auf das Fliegen, Fischen zurückkommt und hat dann in diesem Roman alles, denke ich, dann auch so gesammelt, dass es wieder, wie so das Schreiben ja manchmal dann so ist, dass es wird dann ein gesamter Text, auch wenn man, also viele Ideen kommen dann zu einem zurück und verbinden sich dann zu diesem ursprünglichen, dieser Idee des Fliegenfischens. Und ich denke, dass die ganz generell kommt aus seinem persönlichen Umfeld, weil er im Salzkammergut aufgewachsen ist. Dieses viele Themen, das Sie erwähnen, das bringt mich schon sozusagen zu meiner nächsten Frage. Das, was wir jetzt gehört haben, kann nicht prototypisch für das Buch stehen. Da finden sich ganz unterschiedliche Schreibstile auch drinnen vereint, ganz unterschiedliche Herangehensweisen auch, wie man mit Sprache umgehen kann. Von Ihnen weiß ich zum Beispiel, dass ein Teil Ihres Buches im Zug entstanden ist, am Handy, bei einer Reise. Ich glaube, mit der Transsibirischen Eisenbahn war das. Eisenbahn war das. Vielleicht wissen Sie auch, wie sozusagen der Schreibprozess, wie sich der bei Leander Fischer gestaltet hat. Es ist ein sehr musikalisches Buch, will ich fast sagen. Es klingt, das Buch, vor allem deshalb, weil der Sigi auch Musiklehrer ist. Das heißt, man hört auch manchmal wirklich das Metronom im Hintergrund, das wird mit beschrieben. Auf der anderen Seite ist es aber auch das Rauschen des Flusses und vielleicht wissen Sie auch darüber etwas zu erzählen. Ja, also er könnte auf jeden Fall sicher viel mehr über Musik erzählen, weil das auf jeden Fall für ihn eine sehr große Rolle spielt und auch denke ich mal, dass er schreibt eben, aber für ihn ist es vielleicht wie ein bisschen Musik machen auch, einfach mit Worten und wir hatten einmal darüber geredet, weil er mit seinem Prolog beim Bachmannpreis gelesen hat letztes Jahr, dieses Sprachspielerische, was er in dem Roman vereint, dass er eben in diesem Prolog kommen, auch so konzentriert, so alle möglichen Stilmittel vor, die er dann eben auf diesen 800 Seiten dann irgendwie in größerer Breite ausführt. Sie haben es jetzt erwähnt, die 800 Seiten. Ich habe versucht, in meiner Einführung nicht darauf zu konzentrieren, aber natürlich ist es augenscheinlich, das Buch ist sehr dick. Und ich kann jetzt von meinem Leseeindruck sagen, es erschlägt einen nicht, aber es lässt einen auch nicht los. Es zieht einen gleich in seinen Bann. Man schwimmt wirklich förmlich mit. Wie ist es Ihnen beim Lesen ergangen? Ich fand es eben sehr schön, dieses Schwimmen, dieses, auch wenn man das eben so vergleicht, auch mit so einem Fluss oder so, auch so dieses, dass es so wirklich manchmal so gluckert, also so dieses, dass das Buch wahnsinnig viel Humor hat. dass das Buch wahnsinnig viel Humor hat. Und das hat mir einfach eine ziemliche Freude bereitet, einfach da zu lesen. Und dann sind das einfach so Kleinigkeiten, wie immer das gleiche Flinserl im Ohr des Strizzis. Das sind einfach so ganz schöne Momente. Ich würde meinen, Sie sollten dieses Lesevergnügen auch teilen. Ich habe da hinten einen Büchertisch gesehen. Nehmen Sie sich eine Forelle mit nach Hause. Essen lesen Sie am besten in einem Palais, das kann ich Ihnen nur raten. Ich bedanke mich bei Mercedes Spannagel für diese Doppelrolle, die sie heute auch eingenommen hat, ganz spontan. Herzlichen Dank dafür. Ihnen danke ich fürs Kommen und ich wünsche Ihnen ein gutes Heimkommen noch. Applaus