Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie sehr herzlich zur heutigen Veranstaltung hier im Stifterhaus begrüßen. Es ist eine Veranstaltung des Oberösterreichischen Painglubs und ich begrüße sehr herzlich den Präsidenten des Oberösterreichischen Painglubs, Dr. Thomas Duschlbauer. Er wird den heutigen Abend moderieren. Herzlich willkommen. herzlich willkommen. Die Veranstaltung hätte schon im April stattfinden sollen und musste leider wegen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie verschoben werden. Schön, dass es heute geklappt hat. Der Abend steht unter dem Titel Facetten der Angst. Die Autorinnen Christine Schadenhofer und Claudia Thaller werden zu diesem Thema jeweils aus Prosa-Werken lesen, die im heurigen Jahr erschienen sind. Christine Schadenhofer aus ihrem Roman Treu und Kassandra erschienen im Verlag Nina Reuter und aus ihrem Erzählband Claudia Thaller aus ihrem Erzählband Ich habe gesehen erschienen im Verlag Am Rande. Ich begrüße Christine Schadenhofer und Claudia Thaler ebenfalls sehr herzlich. Herzlich willkommen im Stifterhaus. Der PEN-Club hat zum Thema des Abends den Experten für Angststörungen, aber auch Schmerzstörungen, dem Psychologen Dr. Hans Murschitzki eingeladen. Er wird einen Beitrag zum Thema Ängste bringen und auch Herrn Dr. Murschitzki begrüße ich sehr herzlich. Das Thema Angst ist ja leider heute aktueller denn je und es gibt, wie der Titel des Abends schon sagt, nicht nur viele Ursachen und Gründe für Ängste, sondern auch viele Facetten der Angst. Wir werden heute mehr darüber hören. Ich wünsche uns einen anregenden Abend und übergebe das Wort an Herrn Dr. Duschlbauer. Vielen Dank. Wie gesagt, die Veranstaltung hätte ja bereits im April stattfinden sollen. Das heißt, das ist jetzt keine Trittbrett-Veranstaltung zu dem Thema, dass momentan sehr viele Ängste sozusagen umgehen oder Ängste auch geschürt werden. Und ich möchte jetzt gar nicht weiter auf das Thema der Pandemie eingehen, denn Ängste begleiten uns das ganze Leben. Wir haben Todesängste, wir haben vielleicht manchmal Überlebensängste. Ich habe vielleicht oder sehr sicher meistens immer etwas Lampenfieber, was ja auch eine gewisse Angst ist. Es ist etwas eventuell Konstruktives, Motivierendes, wobei ich glaube, dass es durchaus ein verzichtbarerandteil des Lebens sein könnte, die Angst. Und wir werden sehr viele Facetten heute Abend eben, wie gesagt, noch kennenlernen. Ich darf mit unserem PEN-Mitglied, der Frau Schadenhofer, beginnen. Und sie schreibt in ihrem Band auch, dass quasi nichts real ist. Und das ist eine eigentlich sehr postmoderne Erkenntnis, die durchaus etwas Beängstigendes hat, weil man natürlich mit dieser Realität oder Nicht-Realität spielen kann. Ich erzähle das jetzt, weil ich mich bei meinem Sohn dafür auch schon persönlich entschuldigt habe. Als Erziehender bin ich mit ihm einmal in den Wald gegangen und war Schwammerl suchen. Und er hat die ganze Zeit geratscht und mich irgendwie aus meiner meditativen Laufbahn da immer wieder herausgeholt, bis ich ihm erzählt habe, dass er ganz still sein soll und aufpassen soll, weil es diesen gefährlichen Augenpilz gibt. Wenn man diesen Augenpilz sieht, erblindet man sofort. Und er war dann wirklich ganz still und wollte möglichst schnell den Wald verlassen und ist dann nie wieder sozusagen dann willig gewesen, mit mir in die Natur hinaus zu gehen, bis ich ihm erklärt habe, dass das quasi heute, würde man sagen, Fake News gewesen ist. Und das zeigt eben, wie leicht es eben ist, wenn man vom Wissen, quasi vor dem Wissen bewahrt wird oder umgekehrt sehr vielleicht vor dem Wissen ganz bewusst verschließt, dass das wie eine Währung eventuell wirkt, die Angst, die man eintauschen muss gegenüber dem Wissen. Und wir werden diesbezüglich eben sehr viel auch noch aus dieser fachlichen Sicht dazu hören. Das heißt, wer nichts weiß, muss eventuell mit der Angst leben, lebt in Abhängigkeit, ist gewissen Mächten ausgeliefert und genau dieses Thema behandelt auch die Frau Schadenhofer in ihrem heuer erschienenen Werk, wo es sehr stark um das Thema Macht, wo es um Abhängigkeit geht, aber auch um die Abhängigkeit vom Wort oder durch Worte, was ja ein Thema ist, das uns als Literaten, Literatinnen natürlich auch sehr stark betrifft. In dem Sinn darf ich Sie bitten, uns daraus vorzulesen. Der Roman Troy und Cassandra ist der Versuch, Muster zu entschlüsseln, die anfällig machen für die Angst. Es sind dies Muster, die in den Zellen der Kindheit angelegt werden und wachgerufen werden durch Schlüsselreize, deren wir uns selten bewusst sind. während wir uns selten bewusst sind. Damit bleibt die Angst auf der Stufe der Instinkte und unbeherrschbar für den Verstand. Die Angst unterwirft ihren Träger. Sie macht ihn verletzlich und angreifbar. Sie macht ihn zum Opfer seiner selbst und manchmal auch zum Opfer anderer. Treu und Kassandra ist die Geschichte einer Abhängigkeit. Eine Abhängigkeit vom Wort. Einer Wortsucht, die die Realität ersetzt zugunsten der Sätze. Einer Gier nach Aufsetzen und Nebensetzen, nach beiläufigen Weglassungen und Unverzichtbaren. Einer Sehnsucht nach Konstruktion, einer Entlarvung der Destruktion. Der Macht des Wortes zu entkommen ist fast unmöglich, denn stets unterliegt das Wort dem Gefühl, da es sich aus ihm nähert, an ihm wächst und schließlich an ihm zugrunde geht. Alles beginnt mit dem Wort und alles endet damit. Was Sie da erzählen, haben Sie mir doch schon erzählt, sagt die Analyse. Und sie sieht mich an. Ich brauche heute ausnahmsweise nicht in den Perser-Teppich sprechen oder gegen die Buchrücken des Freud-Kompendiums. Ja, es hat sich dauernd wiederholt, die ganze Zeit über, die ich mit Zoi gesprochen habe. Und es war mir nicht neu. Was er tat, haben früher viele mit mir gemacht. Und ich glaube, es ist nicht richtig. Und ich glaube, es ist nicht richtig. Väter gehen nicht davon aus, dass Kinder vorsätzlich fehlen, Liebende nicht vom schlechten Charakter des Geliebten. Wer einen anderen liebt oder auch nur schätzt und mag, sucht nicht nach Zeichen des Hintergehens. Er argwöhnt nicht. Er prüft den anderen nicht ununterbrochen auf Wertigkeit, er geht vom Wert aus. Er fühlt keine Stiche im Selbstbewusstsein, wegen zuckender Wimpern, fallen gelassener Worte. Er sucht nicht aktiv nach Fehlern, sammelt sie, ordnet sie feinsäuberlich in Klarsichtfolien ein, um bei Bedarf Beweisketten für seine Verdächtigungen zu schmieden. Er erfällt keine Urteile und legt sich keine Urteilsbegründungen zurecht, um im Falle des Falles gerüstet zu sein. Er verletzt nicht absichtlich, durch spöttische Worte, wenn seinem Einspruch nicht stattgegeben wird. Er geht davon aus, dass der andere grundsätzlich gut ist, wertvoll und nicht minderwertig, ehrlich und nicht unehrlich, unschuldig und nicht schuldig. Was glauben Sie, warum wurden Sie immer wieder mit Beschuldigungen konfrontiert, fragt die Analyse. konfrontiert, fragt die Analyse. Ich glaube, manche fühlten sich mir unterlegen, antworte ich, eigentlich alle, die mich umgaben. Sie wehrten mich ab. Als Kind hatte ich keine Chance, ihnen zu entgehen, auch wenn ich mich noch so klein gemacht habe, unsichtbar und still. Viele Menschen haben das Kind gejagt. Die Menschen, die es liebte, die Menschen, denen es vertraute, die Menschen, denen es zugeordnet war, denen es unterstand, von denen es abhängig war. Es gab zahlreiche Jäger, deren Gemeinsames war, dass ihnen das Kind zu sehr sichtbar war und zu aufrichtig. Sie empfanden sein Dasein als laut und anmaßend, fühlten sich von dem Kind bedroht. Dies hätten sie niemals zugegeben, nicht einmal vor sich selbst. Ich möchte ihnen keine Schuld geben. Möglicherweise haben sie nur dem Instinkt nachgehandelt. Vielleicht waren sie nur vorsichtige Wächter eines Schreins mit unbekanntem Inhalt und Jäger aller, die diesen bedrohen hätten können. Jedenfalls haben sie den geringsten Duft eines möglichen Makels gewittert und sie haben heimtückische Fallen gestellt. Wenn sich das Kind auch noch so sehr bemühte, fehlerlos zu sein, um ihrem grundsätzlichen Argwohn zu entkommen, ihre Anschuldigungen gar nicht erst entstehen zu lassen, interpretierten sie jede auch noch so kleine Abweichung als Ausdruck seiner Ungehörigkeit und Bestätigung ihres Verdachtes einer grundsätzlichen charakterlichen Minderwertigkeit, einer Entweihung des Schreins. charakterlichen Minderwertigkeit einer Entweihung des Schreins. Das Kind begann sich zu verbergen, denn schon seine stille Anwesenheit gab ihnen die Möglichkeit, Fallen zu stellen und Indizien gegen es zu sammeln. Und konnten die, von denen das Kind abhängig war, von deren Liebe es lebte und deren Macht es untergeordnet war, keinen Fehler anempfinden, haben sie einen Makel erfunden oder aus Harmlosigkeiten konstruiert. Sie haben das Kind gestellt, aus dem Hinterhalt heraus, hinterhältig, wie man einen Verbrecher stellt und sie haben es vor aller Augen mit der Anklage konfrontiert. Sie haben den Beweis gegen das Kind geführt und aus allem, was es jemals gezeigt hatte, eine Beweiskette konstruiert, die seine Schuld unwiderlegbar nachweisen sollte. Sie haben keinen Einwand gelten lassen und keine Erklärung. Sie quittierten das Flehen des Kindes und Verständnis mit bohrenden Nachfragen, begleitet von einem spöttischen Lachen, Fangfragen, die es weiter in ihre Fänge trieben, in ihr Netz aus fadenscheinigen Argumenten, in dem es sich schließlich verhedderte und chancenlos kleben blieb. Sie machten das Kind zu einer Täterin, einem bösen Tier, das Ursache all ihres Unglücks war. Das Kind verfiel in eine Starre, ähnlich jener, die das Kaninchen befällt, wenn die Schlange den Kopf erhebt. Eine eisige, atemlose Stille, die den Tod simuliert, um ihm zu entgehen. Es war das einzige Mittel, das ihm zur Verfügung stand gegenüber der Meute, eine Flucht war unmöglich. Doch das Totstellen half nicht. Es machte sie nur noch wütender, denn es verhinderte, dass sie das Kind mit einem finalen Schlag endgültig zur Strecke bringen konnten. Es war wie bei den Hunden. Legt sich einer auf den Rücken und bietet den anderen die Kehle, darf er nicht getötet werden. So sind die Regeln gegen die nicht einmal Rudelführer verstoßen dürfen. Der Unterlegene allerdings hat die Ehre für immer verloren, muss stets mit eingekniffenem Schwanz und gesenktem Haupt am Rande des Futterplatzes stehen und die Demütigungen still ertragen. Die Jäger haben das Kind mit falschen und frei erfundenen Anschuldigungen, mit Argwohn und Verdächtigungen jahrelang systematisch verfolgt. Sie haben das Kind eine Lügnerin genannt, all seine Einwände und Erklärungen unehrlich und das über es Bekannte und Zusammengereimte wurde hinausgetragen, damit alle Welt gewarnt sei vor seiner Bösartigkeit und sich nicht blenden lassen würde von dem Kind. Am Ende des Schauprozesses wurde vom Kind ein Geständnis verlangt und eine Entschuldigung für etwas, das es nicht getan hatte. Oder die Sache wurde so stehen gelassen, dass er sich auf jeden Fall schuldig fühlen musste, vor allen und entschuldigen. Dass es auf jeden Fall in Zukunft darauf achten würde, ihnen nichts mehr von sich zu zeigen, kein Wort mehr zu sagen, dass es sich von vornherein klein machen und totstellen würde, sein sein Verbergen vor ihnen, um ihnen keinen Anlass zu geben, diese Hetzjagd zu wiederholen. Das Kind entschied früh, immer unabhängig zu bleiben, sich nicht zu zeigen, nicht zu vertrauen, immer auf dem Sprung zu sein, um rechtzeitig das Weite zu suchen und dem Schmerz und der Schmach zu entgehen. Denn mit diesen Anschuldigungen ging ein furchtbares Gefühl einher. Das Gefühl kam als Welle, wenn sie das Kind stellten. Das Gefühl kam wie ein Schlag, wie das schlagartig einsetzende Bewusstsein nicht liebenswert zu sein, im Gegenteil verachtenswert zu sein. Das Gefühl kam wie ein Trauerfall, wie die einschießenden Tränen, wenn man vom Tod des Geliebten Nachricht erhält. Es kam wie ein Dolchstoß ins Herz, von wo aus sich der Schmerz mit rasender Geschwindigkeit über Blut und Nervenbahnen ausbreitet, hineinfährt in die kleinsten Kapillaren, in die sensibelsten Endungen und in die hintersten Winkel des Geistes. Es kam wie ein Aufbäumen gegen einen tödlichen Schlag, dem das Kind nicht ausweichen konnte. Irgendwann mussten sie nichts mehr tun oder sagen, um dieses Gefühl im Kind auszulösen. Es geschah von selbst, schon bei ihrem Anblick. Es geschah in einem vorauseilenden Gehorsam des Körpers, der in Erwartung der Schläge in geduckte Starre verfällt, eine Art Lähmung, die, so hofft er, schmerzlindernde Wirkung haben würde, Eine Art Lähmung, die, so hofft er, schmerzlindernde Wirkung haben würde. Eine Starre, die jedoch der Körper nicht lange halten kann, die sich zwangsläufig in einem Tremor der Muskelfasern ausschütten muss, der in einem allgemeinen körperlichen Alarmzustand mündet und eine Fluchtpanik auslöst. Durch die sämtliche Mobilisierungsstoffe in die Nervenbahnen gepumpt werden, woraufhin der gesamte Körper rebelliert, sichtbar für alle und sich kein Gedanke mehr fassen lässt als dieser, weg. Durch das solche Art ausgelöste Flattern der Stimmbänder wurde die Verteidigungsrede, die das Kind zur Erklärung seines Verhaltens führen wollte, die es führen musste, um sich seine Daseinsberechtigung zu erkämpfen, zu einem Gewimmer. Schließlich stand da ein stimmloses, zitterndes Kind, das sich von jenen, die es am meisten liebte, von jenen, denen es angehörte und angehören wollte, als ehrlose Lügnerin beschimpfen lassen musste. Sie machten die Wehrlose zu einer Ehrlosen, die vor aller Welt enttarnt werden müsste, vor der alle Welt gewarnt werden müsste, vor der niemals Achtung und Respekt haben könnte und für die niemals jemand Liebe empfinden könnte. Ein unnützer Anhang, ein wertloser, schmutziger Palast, den es am besten abzustoßen galt, jedenfalls aber wegzusperren, auszuklammern aus der Gemeinschaft, einzugittern in ein abgesondertes Terrain, wo es nicht länger stören könnte. Es manifestierte sich schließlich die generelle Einsicht für wertlos gehalten zu werden, wertlos nicht nur im Sinne des Helotentums als zugeordnetes Eigentum, das selten pariert, wie es gewünscht wird, im Gegenteil aufmuckt und gegen die Fesseln rebelliert, dennoch vom Teller des Herrn frisst und auf seinen Strohballen schläft, vielmehr wertlos im Sinne der inneren Instanzen, dem angeborenen Bedürfnis gut zu sein und liebenswert dem Wunsch anzugehören. und liebenswert dem Wunsch anzugehören. Die Erfahrungen, die das Kind mit der Umwelt und mit dem Körper machte, mündeten schließlich in einer Strategie des kompletten Verschwindens. Eines Verschwindens aus der Gesellschaft und dem Leben, an dem eine Teilnahme nicht möglich ist, ohne ein Gesehenwerden. Nur selten durchbricht jemand die Schutzmembranen, die das Innere umgeben. Er bricht sie auf, wie Treu sie aufgebrochen hat. Ich musste sie ihn aufbrechen lassen und dieses Aufbrechen fühlte ich als eine Attacke gegen mein Inneres. Treu hat meinen Schutzmantel durchschnitten und ich musste es zulassen. Ich sah die Schnitte größer werden und meine Angst wuchs, die Angst erneut angegriffen und endgültig vernichtet zu werden. Applaus Herrn Dr. Hans Moschitzki begrüßen. Wir haben sozusagen diesen fachlichen Beitrag auch dazwischen. Und ja, jetzt gehen wir das mal runter. Diesen fachlichen Beitrag auch dazwischen von jemandem, der sich wirklich seit langer, langer Zeit beruflich, fachlich in seiner Karriere auch mit dem Thema Angst beschäftigt als Psychologe und auch von jemandem, der schon etliche Fachbücher, Ratgeber zu diesem Thema geschrieben hat. Und er wird auch im Anschluss an die Lesung dann von der Frau Thaller ebenfalls dann noch einmal auf die Bühne kommen. Bitte. Schönen guten Abend. Ich bringe das Thema Angst in drei kurzen Teilen. Der erste Teil ist, was ist Angst eigentlich? Angst ist eine Grundemotion des Menschen zur Sicherung des Überlebens und ist so normal wie Traurigkeit, Ärger, Überraschung und Freude oder auch, wenn man es körperlich spürt, so normal wie Schmerzen. Angst, sagt man, aber eigentlich müsste man unterscheiden zwischen Angst und Furcht. Ich möchte das jetzt nicht zu weit ausführen, sondern nur konkretisieren. Wenn Sie heute hier oder sonst wo mit Maske gehen, dann haben Sie eine konkrete Furcht, dass ich Sie oder Sie mich anstecken können. dass ich sie oder sie mich anstecken können. Das heißt, Furcht ist eine gegenwartsbezogene Angst, dass hier und jetzt etwas passieren kann. Wenn jemand eine Hundephobie hat, dann fürchtet er sich, dass der Hund, der jetzt da ist, ihn jetzt beißen könnte und nicht in einem halben Jahr irgendein Hund. Furcht ist also immer gegenwartsbezogenes Angsthaben, was zu einer konkreten Flucht- und Vermeidungsreaktion führt. Wenn es angemessen ist, ist Flucht und Vermeidung sinnvoll. Wenn es krankhaft wird, wenn die Furcht krankhaft wird, dann spricht man von einer Phobie, dann ist es ein Vermehrungsverhalten. Und Angst im engeren Sinn ist sozusagen eine zukunftsbezogene Befürchtung, nicht in der Gegenwart, sondern was in der Zukunft passieren könnte, diese Was-wäre-wenn-Szenarien. Wenn Sie es auf Covid-19 übertragen, kann man sagen, naja, jetzt haben wir zwar keinen Coronavirus in uns und wir sind auch, wenn man noch jüngere Menschen sind, nicht arbeitslos. Aber vielleicht werden wir nach vielen Jahren das alles heimzahlen müssen, dass wir bei der Krankenkasse Zusätze zu zahlen haben oder die Pensionen sich nicht mehr finanzieren lassen. Das sind zukunftsbezogene Ängste oder von Jüngeren, sie werden den Arbeitsplatz verlieren. Das heißt, Angst ist bezogen auf Unsicherheit angesichts einer potenziellen Bedrohung in der Zukunft. Das kann sein, muss nicht sein, soll aber mobilisieren. Was kann ich im Hier und Jetzt tun? wer nur im Grübeln erstarrt, kriegt eine krankhafte Angst. Das sind die Leute mit generalisierter Angststörung. Wann wird Angst krankhaft? Wenn sie zu lange andauert, wenn man darunter leidet oder wie es im Diagnoseschema heißt, wenn die schulische, berufliche, soziale, familiäre, partnerschaftliche und private Funktionsfähigkeit beeinträchtigt ist. Wenn man also seine Möglichkeiten nicht mehr verwirklichen kann, am sozialen Leben nicht mehr teilnehmen kann. sozialen Leben nicht mehr teilnehmen kann. Darf ich Ihnen jetzt abschließend zu diesem Punkt sagen, auch ich bin ein Mensch, der Angst hat. Aber es ist normal, man schaut, dass man es kalkulieren kann. Ich werde am Donnerstag nachts bis zum 20. nach Venedig fahren mit meiner Frau. Alle sagen, das traust du dich. Wissen Sie, was ich darauf sage? Aus der Sicht der Deutschen ist Venedig und Italien nicht gefährlich. Wien ist viel gefährlicher. Ich war am Samstag in Wien. Ich habe zwei Töchter in Wien und war Geburtstagsfeier mit ihnen. Wir leben hier. Wir fürchten uns nicht vor dem, was in der Nähe ist. Bei der Angst haben wir immer Angst vor der Ferne und denken, woanders ist es bedrohlicher. Übrigens werde ich leider, aber so ist es, die ganzen zehn Nächte und zehn Tage mit Maske tagsüber in Venedig spazieren. Das wird ein Erlebnis werden nach fünfmal Venedig bis jetzt. Aber ich wollte nach Venedig, im April schon. Ich hätte hier absagen müssen, weil ich wäre im April in Venedig gewesen. Mein Motto war, du musst wohin fahren, wo sich was rührt, wo nicht so viele Leute sind. Das heißt, hier haben sie schon ein Prinzip, was ich selbst sehe. Die Angst überwinden Sie dann am besten, wenn der Wunsch, die Neugierde, das Ziel attraktiver ist, als das, was Sie fürchten. Aber bei gleichzeitiger Klugheit. Danke für den ersten Teil. Dankeschön. Ja, unser nächster Beitrag von Claudia Thaller stammt ebenfalls aus einem Buch, das dieses Jahr bereits erschienen ist und es zeigt ebenfalls diese vielen Facetten der Angst. Und auch hier dringt dieses Moment sozusagen der Psychologie immer wieder durch, das auch beruflich bedingt ist bei der Autorin. Und es beschreibt auch das, was Sie gesagt haben, dieses Thema, das Was wäre, wenn, sozusagen dieser Entwurf in die Zukunft, der uns eventuell verängstigt. Und es tritt auch so etwas auf, wie diese Ambiguität, also gerade wenn etwas vielleicht besonders schön ist, dass Ängste dadurch wieder hervorgerufen werden, dass dieser angenehme Zustand eventuell wieder beendet sein könnte. Also vielleicht ist es dieses Thema der Angst, das als Germanizismus ja auch in den angelsächsischen Sprachen, im angelsächsischen Raum Einklang gefunden hat, etwas wofür die Philosophie beispielsweise eben auch steht und wo das sehr intensiv aufgegriffen wurde, wie auch jetzt bei der Claudia, die auf die Bühne bitten darf. Einen schönen guten Abend. Ich lese als erstes einen Teil eines Textes aus diesem Buch. Der Titel ist, warum hast du es nicht gleich gesagt? Ich bin auf dieses Thema gestoßen durch Vorfälle in Großbritannien vor einigen Jahren, die mich als Psychologin in der Jugendwohlfahrt tätig sehr, sehr betroffen gemacht haben. Das heißt, es gibt einen Auslöser für diesen Text und den Teil, Musikuntermalung, und den Teil, den ich lesen werde, der ganze Text, die ganze Geschichte ist zu lang. Es wird schon klar, worum es da geht, was da der Auslöser war. Warum hast du es nicht gleich gesagt? Die Frage saust durch die Luft, bahnt sich ihren Weg zu mir, schlägt auf mir auf. Schau mich an! Wie kann ich aufschauen, wenn Sätze auf mich einschlagen? Ich bin doch schon geschlagen worden. Warum denn noch einmal? Unglaubwürdig! Der Ausruf trifft mich von der linken Seite unerwartet. Ich drehe meinen Kopf ein wenig nach rechts. Von dort drohen keine Sätze, nein, nur Blicke. Alles Fantasien. Der Ruf kommt aus dem Saal hinter mir. Es trifft auf meinem Rücken auf, geht durch ihn und durch und bleibt in meinem Magen stecken. Ich krümme mich. Ich fühle, wie mir schlecht wird. Dürfen die hinter mir überhaupt mitreden? Mitschreien? Das sind doch die Zuhörer. Ja, der Richter weist sie zurecht. Soll ich es noch einmal sagen, dass ich es gleich gesagt habe? Soll ich noch einmal sagen, dass ich es gleich gesagt habe? Soll ich noch einmal sagen, dass ich es nochmals gleich gesagt habe und noch einmal gleich gesagt habe? Mein Sagen bewirkte nichts und bewirkt nichts. Ich höre mich flüstern. Ich habe es gleich gesagt. Lauter! Das Wort schlägt in meinem Wagen grober ein. Nicht schlagen! Nicht schlagen! Das war jetzt laut. Hier schlägt dich keiner. Werde nicht hysterisch. So kommen wir nicht weiter. Vertagt. Die Sozialarbeiterin nimmt mich bei der Hand. Im Heim werden sie mich fragen, wie es war. Und ich weiß nie, wie ich ihnen das sagen soll, das mit den auf mich einschlagenden Sätzen. Ich drehe mich aus der Hand der Sozialarbeiterin und schaue zurück. In den Saal. War sie da, meine Mutter? Wollte sie mir endlich einmal zuhören? Ich sehe sie nicht. Die Sozialarbeiterin mustert mich. Er könnte auch sie zu dir sagen, der Herr Richter. Immerhin mit 14. Versteht mich diese mir nach den Buchstaben zugeteilte Frau? Oder gibt sie es nur vor? Erzählen. Alle wollen, dass ich rede. Jetzt wollen sie alle, dass ich rede. Jetzt, da alles vorbei ist. Da sie glauben, dass alles vorbei ist. Der Ton der Therapeutin ist freundlich. Ihr Gesicht ist freundlich. Sie ist verständnisvoll, geduldig. Das ist ihr Beruf. Sie muss so sein. Hinter ihrer beruflichen Geduld spüre ich eine berufliche Ungeduld. Sie will wissen. Ich bin ein interessanter Fall für sie. Ich eigne mich gut für eine Falldarstellung unter Experten. Mit mir kann sie sich profilieren. Ich bin ein interessantes Objekt der wissenschaftlichen Begierde. Wieder bin ich ein Objekt. Wie stellt sie sich das vor, erzählen? Es sind doch keine Worte passiert. Es waren Taten. Eine Tat nach der anderen. Die Taten sind mir passiert. An mir passiert. Auf mir passiert. In mir. Durch mich hindurch passiert. Sie sind steckend geblieben in meinem Körper. Das tut doch weh, steckend gebliebene Taten mit eigener Kraft aus dem eigenen Körper herauszuziehen. Wissen Sie das nicht, die Therapeuten mit ihrer geheuchelten Einfühlsamkeit? Tat auf Tat auf Tat, immer gleich und doch nicht gleich. Es gibt nicht so viele Variationen, denkst du. Du kennst doch schon alle, denkst du. Und dann kommt einer und macht mit dir, was noch keiner gemacht hat. Und das zuvor Erlebte fällt in sich zusammen. Wird zu einem Vorspiel für noch nicht gekannte Brutalitäten. Und was erzählst du jetzt? 1400 missbrauchte Kinder in R. Behörden sahen weg. Was ist das für eine Zahl? Wo haben so viele Menschen Platz? Wo können sich so viele Menschen verstecken? Jahrelang verstecken. Ein Mensch, ja. Ich, ja. Aber ich habe mich nicht versteckt. Ich war da. Immer war ich da. Sie haben mich nicht gesehen, obwohl ich da war. Sie haben mich nicht sehen wollen. Absichtlich. 1.400 waren wir, wenn wir das gewusst hätten. 1.400, das ist mehr als, ich weiß nicht was, als ich weiß nicht was, mehr als zwei Eltern, mehr als zehn Lehrer, mehr als 20 Sozialarbeiterinnen, mehr als 30 Richter, mehr, mehr, viel mehr als alle Peiniger. Wenn wir das gewusst hätten. Von zweien, da habe ich schon gewusst ich meine ich habe es gesehen ich meine ich habe es sehen müssen dass es schlimmer ist zu sehen als selbst zu leiden das habe ich nicht gewusst zu sehen zu müssen, sie waren noch jünger als ich. Diese Bilder, die bleiben dir tief im Kopf. Von mir, von mir habe ich ja keine Bilder, wenn sie es mit mir gemacht haben. Von mir habe ich, habe ich, was habe ich denn von mir? Ein Bündelkörper und alles ist eingeschlossen in meinem Körper. Fest zugeschlossen ist mein Körper. Wenn sich einer nur nähert meinem Körper, schreie ich. Die Erzieherin, die weiß das. Sie nähert sich nur mit ihrer Stimme. nur mit ihrer stimme von 1402 was macht denn das zusehen in unserem kopf festgehalten haben sie mich die arme nach hinten gedrückt schreien dachte ich lauter schreien als die beiden den mund haben sie mir zugepresst die augen zu machen dachte ich es war zu spät. Die Bilder waren schon im Kopf und ihre Schreie. Ich habe sie nicht wieder gesehen. Ob sie mich wiedererkennen würde? Ob sie gesehen haben, dass ich sie gesehen habe? Diese Erniedrigung auch noch angeschaut zu werden. Zusammen sind wir drei. Drei von 1400. Und wer von den 1397 hat mich gesehen? Und ich weiß es nicht. Und hat mein Schreien im Kopf? Sie erkennen die beiden wieder. Spricht er mit mir? Ja, er schaut mich an, der Herr Richter. Wieso sagt er plötzlich Sie? Da, rechts vorne sitzen Sie. Sie sehen schrecklich aus. Sie sind so dünn. In Ihrer Dünnheit sehen sie sich ganz ähnlich. Damals habe ich sie nur von der Seite gesehen, ihren nackten Rücken. Doch ein Gesicht habe ich gesehen. Kurz habe ich es gesehen. Es schaute zu mir, bevor es anfing zu schreien. Das Gesicht kann auch mich gesehen haben. Ich schaue in die Gesichter rechts vorne. Sie schauen geradeaus, teilnahmslos. Der Richter hat auch mich gefragt und nicht sie, ob sie mich wiedererkennen. Ich müsste die beiden bitten, sich flach auf den Boden zu legen und zu mir zu schauen. Also, erkennst du sie? Die Frage donnert auf mich herab. Er ist also wieder beim Du. Das stellt wohl die Machtverhältnisse besser dar. Was immer ich sage, es kann falsch sein. Und was bewirkt mein Sagen? Es kann falsch sein. Und was bewirkt mein Sagen? Wenn ich Nein sage, mache ich dann die beiden unglaubwürdig? Aber unglaubwürdig sind wir sowieso. Ja, wir. Ich schaue noch einmal hinüber zu den beiden, da schaut eine zu mir. Es ist der Blick vor dem Schrein. Bitte schrei jetzt nicht, flüstere ich. Bitte, lauter! Ich lasse das Donnern an mir abprallen. Warte, bis es verheilt ist. Ich schaue nicht den Richter an. Ich schaue das eine dünne Mädchen an, das mich anschaut und sage klar und deutlich, ja. Das dünne Mädchen bricht auf der Bank zusammen. Es ist das erste Mal seit dem Ende meiner Schrecken, dem körperlichen Ende meiner Schrecken, dass ich etwas spüre. Es fühlt sich an wie Mitleiden. Danke. Jetzt kommt der zweite Teil, nämlich woher kommt die Angst? Jetzt kommt der zweite Teil, nämlich woher kommt die Angst? Man fragt sich immer, was ist die Ursache? So einfach ist die Sache nicht. Man vertritt heutzutage bei allen psychischen Erkrankungen ein sogenanntes bio-psycho-soziales Krankheitsmodell. Das heißt, es gibt genetisch biologische Faktoren, psychologische Faktoren, also die mit dem Einzelmenschen zu tun haben. Und das dritte sind die sozialen Faktoren, ob das jetzt die Kindheit ist oder die gegenwärtige familiäre oder berufliche Umwelt. Alles ist eingeschlossen mit sozial, lebensgeschichtlich. Also hängt das je nach Angststörung mit unterschiedlichen Prägungen zusammen, wo halt jemand den stärksten Schaden erlitten hat. Dort ist er halt am sensibelsten und wird dann auch in späteren Phasen wieder so reagieren, was halt bedroht war, welche Ängste er halt erlebt hat. Übrigens 40 Prozent geht man im Schnitt davon aus, so genau kann man es nicht sagen, macht den genetischen Anteil aus. Vielleicht hat man gesagt, die Depressionen werden am ehesten vererbt. Hat die Mutter das schon gehabt, dann neigen sie auch dazu. Man geht auch heutzutage bei Angststörungen davon aus, dass es eine genetische Komponente gibt. Das ist aber nicht das Ganze, sondern die sogenannte Epigenetik bestimmt, wie sich das Ganze entwickelt. Sonst dürfte es ja nicht so sein, dass die Kinder, die beide die gleichen leiblichen Elternteile haben, so unterschiedlich sind. Die einen haben viel Angst und die anderen haben wenig Angst. Also da spielen so viele Faktoren mit, dass man nicht immer sagen kann, nur die Genetik, nur die Eltern oder die Person ist schuld. Es ist ein Wechselspiel, wie sich das dann entwickelt. Übrigens habe ich gelesen, bei körperlichen Erkrankungen, jeder von uns hat acht bis zehn tödliche Erkrankungen in sich, die aber nur ausbrechen, wenn die Gene angeschaltet werden. Und es gibt Leute, die haben bis zum Lebensende zum Glück nichts davon erlebt. Die wüssten gar nicht, zu welchen körperlichen oder psychischen Erkrankungen sie neigen würden. Und so kann es ihnen auch bei Ängsten gehen. Wenn Sie glückliche Umstände haben, kriegen Sie möglicherweise nicht mal eine Angststörung, auch wenn Sie das als elterliches Modell gehabt haben. Aber es hat sich halt gut angefühlt, mutig zu sein. Wenn Sie aber dann bestimmte Belastungen haben durch Beruf oder familiären Stress als alleinerziehende Mutter, als alleinerziehender Vater oder als alleinversorgender Vater, zu schauen, wie es die ganze Familie durchbringt, dann wird Angst in vielen Situationen zum Problem, wie Sie es jetzt heutzutage auch sehen, nicht Covid-19. Problem, wie Sie es jetzt heutzutage auch sehen, nicht Covid-19. Aber wenn Sie eine einfache Erklärung haben wollen, um Ängste als Bedrohungsreaktionen zu verstehen, habe ich das in meinem letzten Buch, wenn Angst das Leben bestimmt, zusammengefasst. Auf der Basis von berühmten Psychologen, einer davon heißt Abraham Maslow, habe ich ein Konzept entwickelt, dass Angst die Reaktion auf die Bedrohung von fünf zentralen Grundbedürfnissen ist. Ich habe das immer ausprobiert, bei meinen Patienten zu schauen, welches dieser Grundbedürfnisse es bedroht. Und ich finde es, bei jedem ist mindestens eines dieser Grundbedürfnisse so bedroht, dass man damit nicht umgehen kann und dann aus der normalen Angst eine Angststörung wird. Das erste ist das Grundbedürfnis nach Gesundheit und Wohlbefinden. Wenn hier jemand Todesängste hat, Krankheitsängste, ob das jetzt Covid-19 ist oder ich kenne es von früher mit HIV Ängsten, geht es immer um Bedrohung von Leib und Leben der eigenen Person, aber auch der anderen. Weil wenn man krank wird oder stirbt, kann man seine Träume nicht mehr verwirklichen und das ist ein ganz normales Bedürfnis, gesund sein zu wollen, im Rahmen dessen, was uns sozusagen unsere Biologie bestimmt hat, ob wir jetzt 80 werden oder 60, aber innerhalb dieses Rahmens wollen wir das Maximum aus unserem Leben machen und nicht krank oder dahinsichend leben müssen. Wenn Leib und Leben, das können Sie übrigens auf Covid-19 übertragen, wenn Leib und Leben gesichert ist, wenn wir uns nicht mehr davor fürchten, weil es vielleicht eine Impfung gibt, dann werden sich schon jetzt und in Zukunft viele fürchten, wie sicher ist meine sozioökonomische Existenz? Was wird das für Folgen haben bezüglich sozialer Sicherheit in unserem Staat? Was wird das für Folgen haben bezüglich ökonomischer Absicherung? Das heißt, wenn man nicht mehr stirbt, kann man ökonomisch erledigt sein, langzeitarbeitslos, in Konkurs gehen, wenn man selbstständig ist. Und das Dritte ist, wenn man jetzt gesund ist und ökonomisch abgesichert ist, dann kommen eigentlich erst die psychologischen Faktoren. Und daher ist der dritte Punkt Bindung und Geborgenheit. Sobald Sie das bedroht erleben, werden Sie Angst haben. Trennungs- und Verlustängste sind ein Musterbeispiel dafür. Trennungs- und Verlustängste sind ein Musterbeispiel dafür. Wenn also jemand Angst hat, im Rahmen von Covid-19 Angehörige nicht nur anzustecken, sondern irgendwie zu verlieren, dann drückt das die Bedrohung des familiären Wohlbefindens aus. Es gibt nicht nur ein gesundheitliches Wohlbefinden, ein ökonomisches Wohlbefinden, sondern auch ein familiäres Wohlbefinden, ein ökonomisches Wohlbefinden, sondern auch ein familiäres Wohlbefinden. Und wir haben alle das Gefühl, wir möchten diese Zeit überleben in Gesundheit. Oder wie geht man mit den Alten um? Trennung. Das heißt, es ist auch Aber das ist genau wieder ein Thema. Bindung und Geborgenheit wird bedroht bei vielen im Rahmen von Covid-19. Und das vierte ist Selbstwert und Sozialprestige. Ich hatte verschiedene Auer-Piloten, die waren schon was. Wirklich geschafft. Ich denke immer daran, welcher von denen wird jetzt seinen Job verloren haben. Das heißt, der war was. Der wird schon nicht verhungern. Aber sein Selbstwert, was er ist als Pilot, ist bedroht. Sein Sozialprestige. Oder wenn ein Geschäftsführer, der wer war, jetzt abstürzt, weil es um seinen Firmenkonkurs geht, ist er der Mr. Nobody, der Loser. Und das Fünfte, das ist so, in der Psychologie sagt man, so Meta-Ebene, so was oben drüber ist, über allem drüber schwebt, ist Autonomie und Kontrolle. Wenn Autonomie und Kontrolle bedroht sind, fürchten wir uns. Sie sehen das ja, was die Covid-19-Leugner aufführen. Es ist alles nur staatlich gelenkt, um die Menschen zu disziplinieren. Es mag in China stimmen, weil da gibt es ja zentrale Überwachungen, die benutzen sicher Covid-19 als Aufhänger, aber das kann man bitte doch nicht so verallgemeinern. Also Sie sehen, viele, die gegen diese Restriktionen kämpfen, fühlen sich letztlich in ihrer Autonomie, in ihrer Freiheit bedroht und die unterschätzen wieder die Bedrohung von den anderen Aspekten. und die unterschätzen wieder die Bedrohung von den anderen Aspekten. Abschließend möchte ich Ihnen dazu sagen, was passiert, wenn man keine Angst vor Bedrohung hat, wenn man zu wenig Angst hat, dass diese Werte bedroht sein könnten, dann geht es einem so mit dem Trumpf, dem Boris Johnson und dem Bolsonaro. Also es ist schon normal und gesund, ein bisschen Angst zu haben. Und auch Furcht. Danke. Ich möchte Ihnen jetzt noch ein paar Gedichte vorlesen aus einem ebenfalls heuer erschienenen Buch. Es heißt Kardinalpunkte der Seele, Puntus Kardinales del Alma und ist eine Sammlung von Gedichten auf Spanisch und Deutsch, die ich mit meiner Kollegin Claudia Solis, sie ist heute da, verfasst habe. Ich beginne mit Gedichten von ihr. Zurück zur Asche. Erinnere dich, gestern bin ich geflohen, nie kehre ich zurück. Die Sonne und der Mond vermählen sich mit einem Tropfen von diesem und einem von jenem, bleiben machtlos vereint, heute, jetzt, in Zeiten der Dunkelheit. Bekenntnis einer gealterten Seele Gewiss war die Traurigkeit erfolgreich, und ich sage, dass sie gewann, weil die Augenblicke sie näherten. Und ich sage, dass sie gewann, weil sie die Schuhe steuerte, weil sie langsam und auf seltsame Weise den Sauerstoff aufnahm, weil sie beides wirkte zwischen ihren feinen, süßen Fingern, den Sand und jedes einzelnen Sonnenstrahl. Der Samen. Es war mal das Leben, dann ein Punkt und ein Komma, eine Pause. Ich machte aus meinem Leben kurze Punkte und Kommas. Ich habe selbst unbeschreibliche Pausen angeordnet, die gingen und ich in ihnen. Ich ging in mich mit tausenden Fragen, die sich auflösten in meinen Händen, auf meinen Schultern und in meinen Eingeweiden. Mein Spiegel reflektierte Augen voller Zweifel. Meine Welt war eine, die voller Ambition in mich drang. Ich ging. Ich suchte. Huldigung des Schmerzes, Antiphon zum Einzug. Das Vergangene ist schon vorbei. Die Vergangenheit am Beginn ihrer Reise kollidiert manchmal mit der Gegenwart. Manchmal führt sie in die Zukunft, manchmal bremst sie. Sie schreitet nicht fort, weicht nicht zurück, bleibt der beschnittene Geist. In mir ein Markt der Gewürze jeglicher Art. Blumen jeder Art, Gerüche jeder Art, Ängste jeder Art, Schweigen jeder Art. Es wurde Winter und ich starb im Winter. Es wurde Herbst und ich starb im Herbst. Und ich starb in mir und erschuf mich neu. Und dann kam der Winter, der Herbst, und ich starb wieder in jedem von ihnen und in mir selbst und ich erschuf mich neu. In meinem Raum fand ich Notizen, Figuren, fand meine eigene Gestalt und starb erneut. Alles endete in einem Gedicht. Die Lüge erwachte, die Wissenschaft der Macht, die Wissenschaft der Lüge. Die Grenzen öffneten meine Venen, mein Blut befleckte sich mit Schmerz. Und ich sah den Grund und ich sah den Abgrund. Und ich sah die Versuchung des Abgrunds. Ich selbst verwandelte mich in Abgrund und begann zu beten. Die Armen von hier werden ihre Nahrung dort finden. Die Armen von dort werden ihr Barmen hier finden. Reise in den Abgrund. Es war am frühen Morgen. Das heißt, es gab noch kein Licht. Ich reiste auf den Grund. Sein Herz schlug nicht mehr. Seine Oberfläche war unregelmäßig, mit alten Grenzen vielschichtig unvorhergesehen. Ich zog mich zurück. Mein Herz nicht. Ich flehte dich an, deine Wurzeln nicht zu vergessen, aber dich nicht in ihnen zu erwürgen. Ich bat dich, deine Fehler zu sehen, aber dich nicht an sie zu binden. Fern von dir sprach ich deine Sprache, deine Religion, deine Fortschritte, deine Ideen, deine Freuden, deine Gewohnheiten, deine Glaubenssätze. Ich fühlte mich in der Lage, mich an dich anzupassen und nicht zu singen, aufzuhören. der Lage, mich an dich anzupassen und nicht zu singen, aufzuhören. Deine Ideen sind nicht mehr deine, andere Ideen bemächtigen sich deiner. Es war damals, als ich dich nicht mehr erwähnen konnte. Nach meinem Traum verlor ich die Sprache und wieder spie ich die Realität. Registrierung der persönlichen Daten, Registrierung der Identität. Ich weiß, ich werde gehen und gehen und weitergehen, Tausende und Abertausende von Jahren. Zu Beginn war der Samen und im Samen kein Unabel. Der Samen setzte sich in Bewegung. Er reiste zum Abgrund und fand den Abgrund. Er reiste zu den Ebenen und fand Weiden, aber nicht die Seinen. Er reiste weiter in ein ständiges Werden. Im Verlauf seiner Reise verlor er seine Identität. Der Samen konnte nicht befruchten. Dann suchte er den Himmel und fand ihn nicht. Ich erlaubte, dass ich meine Seele beruhigte wie ein Kind in den Armen seiner Mutter. Es gab keine andere Versuchung mehr, es gab nichts mehr. Dann suchte ich die Mitte und fand die Mitte und darin den Samen, der mich befruchtet hat. Die folgenden Gedichte sind von mir. Kataleptische Brücke Wenn die Seele nicht weggehen kann, schützt sie der Körper. Das Äußere nimmt das Innere aus dem Geschehen durch präzises Beschneiden physischer Ressourcen. So kann sich die Seele hinlegen und muss nicht dabei sein bei all dem, was auf ihrem Bauch geschieht. Und wäre sie auch mitten in zwei, sie spürte nichts. Du und die Saabe. Jeder Mensch wird geboren in einem Fluss. Viele werden getragen, einige nicht. Die Saabe trägt sie nicht. Sie taucht sie unter. Und die vielen sagen, lernen Leben mit der Saabe. Ist leicht. Du musst nur den Atem flach halten, die Zahl der Züge drosseln, still sein wie ein Tier, dann zittern die Nasenflügel nicht, du musst wissen, er ist wachsam, der Saarwestrom, ein Jäger, der die Angst riechen kann. Fehler sind passiert, viele Fehler, den wenigen mit dem Saarwestrom. mit dem Saarwestrom. Lange mussten sie üben, manche schafften es nie. Denn da war grünes Fahnenkraut, das ihre Stirn streichelte und sanft über ihre Münder glitt, sodass sie sich hinreißen ließen und mitgerissen wurden. Da waren schillernde Fische, die sich kinderleicht fangen ließen, sie jedoch in die Zungen bissen, sodass sie nicht mehr sprechen konnten. Da waren die Schrauben der Schiffe, die ihre Glieder auf den Fels warfen, sodass sie sich erst aufsammeln und zusammenstellen mussten, um weitergehen zu können. Die übrigen kennen die Regel. Leg dich stumm auf den Rücken, dann schiebt die Saabe nicht zu. Danke. Mein dritter und letzter Beitrag. Ich werde oft gefragt, wie besiegt man eigentlich die Angst? Ich sage immer, die Angst muss man nicht besiegen. Die Angst ist ganz was Normales und kommt von alleine. Sie begleitet ihr Leben. Sie müssen nicht dagegen kämpfen es ist meine Erfahrung in 31 Jahren Tätigkeit als klinischer Psychologe und Psychotherapeut in der Nervenklinik Wagenjaure davon 19 Jahre in der Psychiatrie und 12 Jahre auf der Psychosomatik dass diese Leute umso mehr chronifizieren die gegen das, was sie gerade haben, kämpfen. Der ständige Kampf dagegen macht es schlimmer. Akzeptieren ist wichtig, auch auf Ängste bezogen. Wenn es ein Tod ist, schon der Freud hat übrigens gesagt, krankhafte Depression ist eine nicht akzeptierte Verlusterfahrung. Es ist so gewesen. Es wird eine krankhafte Traurigkeit im Sinne einer Depression, weil man nicht akzeptiert, was man verloren hat. Man kann es nicht akzeptieren. Das gilt von der Angst. Angst ist eine zukunftsbezogene Befürchtung. Man kann es nicht akzeptieren, dass es so ist. Jetzt kämpfen wir immer dagegen. Das ist mein Lieblingsbeispiel. Gehen Sie so, wie wenn Ihre Angst der Schatten wäre. Aber gehen Sie so, dass Sie gehen und der Schatten geht mit Ihnen mit in der Sonne. Aber nicht, Sie laufen hinter dem Schatten nach. Also Sie bestimmen den Weg. Die Angst darf mitgehen. Das Gegenteil von Angst ist nicht keine Angst, weil das wäre verrückt und lebensgefährlich. Das Gegenteil von Angst ist meiner Meinung nach Mut, sich etwas zu trauen, ohne übermütig zu werden und verwegen und Vertrauen zu sich selbst, in seine Möglichkeiten. Und Vertrauen zu sich selbst, in seine Möglichkeiten. Aber auch in das Vertrauen bei anderen Menschen, wenn die eigenen Möglichkeiten erschöpft sind. Viele Menschen, die Ängste haben, wollen immer alles selbst schaffen. Sie wollen nicht von anderen abhängig werden, im normalen Bereich. Aber weil sie eine krankhafte Angststörung haben, werden sie abhängig von Medikamenten, wie Tränkebelasern, von ewig langen Psychotherapien, von Partnern. Sie werden sozusagen, je abhängiger sie werden, deswegen immer kränker, weil sie in sich die Kraft nicht finden. Weil sie immer gegen etwas kämpfen und die anderen müssen ihnen helfen. Deswegen werden sie abhängig. Mein Ziel ist also, die Selbstständigkeit, das Selbstvertrauen zu fördern. Und die Sache mit dem Mut ist auch natürlich leicht gesagt. Sei mutiger. Wissen Sie, Angst können Sie nur überwinden, wenn Sie eine Motivation haben. Ich sage immer, das, was Sie anzieht, muss stärker sein als das, was Sie abschreckt. Wenn es nicht so ist, werden Sie lieber aus Angst vermeiden. Ich sage Ihnen ein schönes Zitat, was dazu passt, gerade in diesem Rahmen passt es noch mehr. Rainer Maria Rilke, Zitat. Wenn die Sehnsucht größer als die Angst ist, wird Mut geboren. Ohne Sehnsucht machen wir uns nicht auf den Weg. Oder frei zitiert, Antoine de Saint-Exupéry hat gesagt, wenn du Menschen dazu bringen willst, ein Schiff zu bauen, musst du zuerst in ihnen die Sehnsucht nach der Ferne wecken. Wenn zu mir jemand kommt und sagt, er hat eine Flugangst, dann sage ich, ja, wo wollen Sie denn hinfliegen? Ist jetzt ein bisschen komisch in Zeiten von Corona. Wenn jemand sagt, ich fliege Ihnen überall hin, weil ich habe kein Geldproblem und ich kann alles machen, aber nehmen Sie mir zuerst die Angst, dann weiß ich, die Therapie wird sinnlos werden, weil er kein Ziel hat. Er oder sie hat keine Motivation. Also das, was uns anzieht, muss stärker sein. Ich bin ein Vertreter der Verhaltenstherapie, das sagt man Konfrontationstherapie, du musst dich der Angst stellen. Und das hat leider der Verhaltenstherapie, das sagt man Konfrontationstherapie, du musst dich der Angst stellen. Und das hat leider die Verhaltenstherapie früher zu buchstäblich genommen, als Kampf gegen die Angst. Heutzutage sehen wir das so, wir kämpfen nicht gegen die Angst. Wir kämpfen um ein lebenswerteres Leben, wo die Angst uns nicht mehr so bestimmt. Wir wollen etwas erreichen und nicht etwas besser vermeiden. Also daher lautet das Motto, für etwas kämpfen und nicht gegen etwas kämpfen. Dann sage ich nur noch ein kurzes Wort, weil es immer wieder gleich mit Angststörungen gleichgesetzt wird. Panikattacken sind meistens todesähnliche Erfahrungen. Aber eigentlich ist es so, dass die Leute zwar hinterher wissen, dass sie nicht sterben, aber sie haben immer wieder die gleichen Ängste, dass es doch sein könnte und dass wieder eine Panik kommt, auch wenn sie nicht sterben. Die Mehrzahl der Panikattacken, wenn es nicht der Substanz Einfluss war, wie Alkohol oder nicht geschlafen oder ein bisschen krank sein und sich dann übermacht zu haben, treten eigentlich in Nachstressphasen auf, die Leute Panikattacken haben. Die haben den größten Stress schon hinter sich, die haben auch keinen Burnout. Das war schon mal. In der Ruhephase kommt das eher heraus. Die Mehrzahl, nicht alle, aber die Mehrzahl der Panikattacken können Sie sehen wie eine Wochenendmigräne. Wer am Sonntag Migräne hat, müsste eigentlich überlegen, wie hat das Leben von Montag bis Samstag geändert. Und wer jetzt sozusagen immer gegen Panikattacken kämpft, müsste eigentlich überlegen, wie er den Ausgleich, wie bei Migräne, von Anspannung und Entspannung macht. Die Panikpatienten kriegen das meistens am Wochenende, am Abend, im Urlaub, so wie Leute in dieser Phase krank werden, körperlich krank werden. Das ist sozusagen der Stressabfall. Wenn ich also zusammenfassend darf, sagen, was macht die Angst krank? Dass die Leute immer dagegen kämpfen und es nicht akzeptieren und mit der Angst das tun, was ihr Leben bereichert. Sie konzentrieren sich, zuerst muss die Angst weg sein, es ist ein falscher Perfektionismus. Ich muss die Angst verlieren und dann mache ich alles. Und wissen Sie, so kenne ich das von der Psychiatrie, werden die Leute immer depressiver, weil sie warten, bis die Antidepressiva oder die Psychiater ihnen alle Ängste genommen haben und alle Depressionen genommen haben und dann machen sie alles mit Freude. Statt zu sagen, mach das, was dir jetzt aufgrund deiner Werte jetzt wichtig ist. Ob du jetzt Angst hast oder depressiv bist, ist zwar ein Unterschied, aber es geht eigentlich darum, was sind deine Grundwerte, was willst du im Leben erreichen. Und das ist das Wichtige, das Gute muss mehr werden und nicht nur das Schlechte weniger. Danke sehr. Ich lese noch einen Text aus diesem Erzählband, ich habe gesehen, und Sie werden jetzt den gesamten Text hören. Er geht auch über ein Thema, was im Moment sehr konträr, kontrovers diskutiert wird. Sag nicht, wohin du gehst. Ich wollte, sie hätte es mir nicht gesagt. Hätte sie nicht einfach auf Urlaub fahren können? Warum nicht in die Schweiz? Ich hätte mir nichts dabei gedacht damals. Mutter ist immer gereist. Warum sollte sie mit 88 nicht mehr reisen? Jetzt reise aus, aus der Schweiz, mit der Bahn, Basel-Wien, 20.33 Uhr bis 6.35 Uhr. Darauf bist du nicht vorbereitet. Darauf ist kein Kind der Welt vorbereitet und sei es noch so erwachsen. Freilich sterben die Eltern vor den Kindern. Das wissen die Kinder, auch wenn sie es verdrängen, nicht wahrhaben wollen, wie gebrechlich die Eltern werden. Aber Mutter war eben nicht gebrechlich. Und eine Mutter kann schon plötzlich sterben. Mit 88, das muss ein Kind aushalten. Und Unglücke gibt es auch. Auch das muss man aushalten. Aber das? Das ist eine Zumutung. Das ist grotesk. Das ist absurd. Die eigene Mutter steht vor dir. Sie ist bei Sinnen. Gut, ab und zu zittert sie und redet über sich selbst als eine Tote. Da brach es aus mir heraus. Nein, schrie ich, ich nicht, ich sicher nicht. Da kannst du dir jemand anderen suchen. Ich zitterte. Mutter blieb ganz ruhig. Ich wusste, dass es schwierig wird. Sie sagte es mehr zu sich denn zu mir. Und wenn du keinen Sohn hättest, wenn du mich nicht hättest, dann könntest du es nicht tun? Mein Ton wollte provozieren. Mutter blieb ruhig. Dann müsste ich mir eine andere vertraute Person suchen. Mutter setzte einen Schlusspunkt stand auf. Es sollte Aufgabe der Eltern sein, sich Sorgen zu machen. Sie lächelte. Steif ließ ich mich umarmen, erwiderte die Umarmung nicht. Sie winkte mir vom Küchenfenster nach, wie immer. Ich sollte nächsten Sonntag anrufen, wie immer. Für mich war nichts mehr wie immer. Meine Mutter wollte sich umbringen. Mit wem konnte ich darüber reden? Freilich nannte sie es nicht umbringen. Sie sagte, begleiteter Freitod, konsequent bis zum Ende. Nach der ersten Öffnung sprach Mutter einige Sonntage nicht mehr davon. Ich dachte tatsächlich, sie habe ihr Vorhaben aufgegeben. Wie naiv. Im Gegenteil hatte sie zielstrebig ihre Vorbereitungen vorangetrieben. Gespräche mit der zuständigen Organisation in der Schweiz geführt, das genaue Datum vereinbart, Hotelzimmer in Basel bestellt. Für uns beide. Ich war außer mir. Wie konnte sie ein Datum fixieren, Hotelzimmer reservieren? Hatte ich jemals Ja gesagt? Niemals würde ich Ja sagen. Beihilfe zum Mord wäre das, schrie ich. Und was sie überhaupt habe, was sie mir verheimliche. Ich möchte nicht leiden. Sie sagte es ganz schlicht. Ich stachte sie an. Was maßte sie sich an? War sie Herrin über Leben und Tod? Ich habe deine Großmutter leiden gesehen, meine Mutter, unsäglich. Sie hat meinen Vater gebeten, sie zu erlösen. Weißt du, was er gesagt hat? Willst du einen alten Mann ins Gefängnis bringen? Daraufhin ist sie verstummt. Wie könne sie wissen, wann ihr Leiden beginnt? Ob nicht noch genügend Zeit sei? Und auf jeden Fall sei es zu früh für sie. Dachte ich es? Sagte ich es? Das eintönige Geräusch des durch die Nacht fahrenden Zuges beginnt mich einzuschläfern. Ich will noch nicht schlafen, noch nicht. Ich will alles durchdenken bis zum Ende. Und dann ihre Briefe abgeben und dann vergessen. Vielleicht. Wenn ich nicht mehr selbstbestimmt entscheiden kann, darf ich mich nicht mehr dazu entscheiden. Ich verstand es nicht. Man muss gesund sein, um sich für den Tod entscheiden zu dürfen? Der Wille ist es. Sie korrigierte mich sanft. Es geht um den Willen. Der Wille muss frei sein. Es muss mein Wille sein. Und ich muss fähig sein, die Kapsel mit dem Gift selbsttätig zu öffnen. Mir wurde übel. Da ging etwas vor sich, etwas Unaufhaltsames. Es lag nicht in meiner Macht, auch nur irgendetwas aufzuhalten. Mutter bat mich, nicht nur die notwendigen zwei Tage freizunehmen, sondern die ganze Woche. Es sei vielleicht besser für mich. Sie bemerkte nicht die Zumutungen in ihren Worten. Besser. Sämtliche Formalitäten würden selbstverständlich von der durchführenden Organisation und den Schweizer Behörden erledigt. Ich müsse ausschließlich ihren Leichnam identifizieren. Nein. Ich flüsterte, ich schrie nicht mehr. Nein, das kannst du nicht mit mir machen, das nicht. Das ist nicht Kindespflicht, das kann nicht meine Pflicht sein. Mutter ließ mir Zeit. Die Zeit arbeitete in mir für sie. Freilich maßte sie sich etwas an doch wer war ich mir anzumassen mich über ihre entscheidung zu setzen sie war ihre entscheidung gewiss sollte sie ein fremder begleiten und so begleitete ich sie. Wir reisten am Tag. Wien, Basel, 7.30 Uhr bis 16.27 Uhr. Acht Stunden, 57 Minuten, einmal umsteigen. Mutter war heiter. Ich war bedrückt. Das Zittern ihres Kopfes schien mir stärker. Es hatte sich kontinuierlich verstärkt in den letzten Wochen. Es schien sie nicht zu kümmern. Sie begann zu erzählen. Von ihrer Kindheit, ihrer ersten Liebe, ihren ersten Gehversuchen als Künstlerin, ihrem Scheitern. Heute, glaube ich, sie hatte geplant, diese Stunden des gemeinsamen Fahrens mit ihren Erzählungen zu füllen. Sie tat damit etwas für sich. Sie tat damit etwas für mich. Ihre gelassene Heiterkeit ging auf mich über. Eine Stunde vor der Ankunft in Basel verstummten wir. Im Hotelfoyer erwartete uns die Ärztin. Wir gingen nochmals die Zeiten durch. Um 8.30 Uhr würde Mutter abgeholt werden. Wir sollten uns zuvor verabschieden. Wo? Dachte ich plötzlich panisch im Frühstücksraum, im Foyer. Ich sollte dann in Ruhe auschecken. In Ruhe. Und eine halbe Stunde später ein Taxi nehmen. Es gebe einen angenehmen Warteraum für die Angehörigen. Ich würde dann hereingerufen werden. Es werde alles vorbei sein alles vorbei hilfe suchen schaut dich von einer frau zu anderen wie konnten sie so ruhig sein mutter und ich gingen bald schlafen jeder stellte den wecker auf 7 uhr zumindest einen kaffee wollten wir nehmen. An Essen war wahrscheinlich nicht zu denken. Ich schlief noch fest um sieben Uhr. Schämte mich, so gut geschlafen zu haben. Nicht einmal an einen schlechten Traum konnte ich mich erinnern. Um sieben Uhr vierzig klopfte ich bei Mutter. Sie übergab mir ihre wenigen Utensilien. Wir waren mit einem Koffer gereist. Im Frühstücksraum war es noch leer. Es gab eine Espressomaschine. Ich nahm einen Bissen von einer Banane. Dabei beließ ich es. Kurz nach 8 Uhr gingen wir in Mutters Zimmer, um uns zu verabschieden. Kurz nach 8 Uhr gingen wir in Mutters Zimmer, um uns zu verabschieden. Ich hing in Mutters Armen, kraftlos. Sie drückte mich. Sie hatte so viel Kraft. Dürfte ich weinen? Wein ruhig, mein Bub, mein lieber Bub. Mutter nahm ihren Mantel über den Arm, beide Handschuhe in der linken Hand. Sie war elegant gekleidet. Das war sie. Plötzlich war ich stolz auf sie. Ich stürzte ihr nicht hinterher. Ich hob nur leicht die Hand. Ich sah sie nur mehr verschwommen. Dieses Bild von Mutter in der Hotelzimmertüre werde ich mit hineinnehmen in mein Leben. Das Identifizieren war dann nicht so schlimm, es ging sehr rasch. Ich ging durch Basel, der Tag lag vor mir. Ich schaute mir die Stadt genau an, die frei gewählte sterbestadt meiner mutter ich würde nie wieder herkommen in diese stadt es ist gut dass ich für die rückreise den nachtzug gewählt habe ich spüre ich werde einschlafen ich hole mir noch einmal das bild von Mutter in der Türe des Hotelzimmers und ich gebe ihr und mir ein Lächeln. Danke. Applaus Danke noch für das Lächeln, danke auch für die Beiträge an diesem Abend, die auf der einen Seite dieses Nebeneinander der unterschiedlichen Facetten von Angst gezeigt haben, aber auch die Ebenen in der Persönlichkeit, wenn man es aus der Psychologie betrachtet, und letztendlich dann auch so etwas zu so einer Oszillation an diesem Abend beigetragen haben, zwischen dem Schrecken, dem Monströsen, der Angst auf der einen Seite und dem Faszinosum auch für uns Autoren, zwischen dem Leiden und der Leidenschaft, die damit verbunden ist. Und ich darf auch darauf hinweisen, dass die Bücher auch der Autorinnen noch käuflich erwerbbar sind und dass wir im Anschluss an diese Veranstaltung auch miteinander noch ins Gespräch kommen können. Keine Angst, die Autorinnen beißen nicht, aber sie wollen nicht auch nur spielen. Einen schönen Abend. Danke noch. Applaus auch nur Spiegel. Einen schönen Abend. Danke noch.