... Musik... Grüß euch und Grüß Gott, die, die ich nicht duzen darf. Es sind ja nicht so viele. Die Judith hat sich schon angekündigt. Viele von euch wissen eh, dass ich seit 2015 mit einem Flüchtlingsverein, Verein für Betreuung von Flüchtlingen aktiv bin, ehrenamtlich. Und seit 2015 entstehen immer wieder Texte, die mit meiner Arbeit zu tun haben. So auch heute natürlich. Die ersten zwei sind Texte, die damit zu tun haben, dass Menschen es unter Anführungszeichen geschafft haben. Es geht um das Flüchtlingslager auf Lesbos. Der dritte ist der, naja, ihr wisst, werdet schon hören. Man kommt ihr nicht an, dieser Feuchtigkeit, dieser Nässe. Man kommt dir nicht an, alles ist feucht, zumindest feucht. Du kriegst die Feuchtigkeit nicht weg, selbst wenn es am Tag halbwegs warm ist draußen. Wenn du dich in die Sonne stellst, irgendwo unten am Meer zum Beispiel oder weiter hinten bei den Olivenbäumen, Irgendwo unten am Meer zum Beispiel oder weiter hinten bei den Olivenbäumen. Du spürst die Wärme zwar, solange du in der Sonne stehst, aber kaum, dass die Sonne hinter einer Wolke verschwindet, spürst du sie wieder, diese Feuchtigkeit. Sie kriecht wieder aus deinem Hemd heraus, aus deiner Hose, aus deinem Haar, aus deinem Bart. Du kannst nichts tun gegen sie, sie ist unsichtbar, unhörbar, du spürst sie nur, diese Feuchtigkeit und wenn du sie am Tage manchmal vergisst, sie ist da, sie bleibt da und in der Nacht, wenn du dann in deinen Schlafsack kriechst, der schon stinkt und der schon so schwer ist von der Feuchtigkeit und von der Nässe und vom Dreck. Dieser Schlafsack, den du tagsüber draußen auf das Zelt hängst, das auch nass ist, du hängst ihn trotzdem drauf, weil du hoffst, dass er trocken, trockener wird, wenn die Sonne auf ihn scheint. Aber dann musst du ihn wieder hineinlegen in das Zelt und den, der auch in diesem Zelt wohnt, in eurem Zelt, auch in diesem Zelt schläft, bitten, auf ihn aufzupassen, dass ihn niemand stiehlt, diesen verdammten Schlafsack, während du dich um das Essen für euch beide anstellst, in dieser Stunde, die du dort stehst und wartest auf das Essen, besser gesagt auf die Verpflegung, denn Essen kann man das, was sie dir dort meist geben, nicht nennen. Dieses kalte, klebrige Zeug, das du nicht essen willst, weil es so eigenartig fremd riecht und schmeckt, das du aber essen musst, weil du essen musst, dich ernähren musst, damit du nicht krank wirst. Du brauchst dieses Essen, damit du halbwegs Kraft hast. Kraft, dich zu wehren, zu wehren gegen diese Feuchtigkeit, diese Kälte, diese Unmenschlichkeit. Ja, und die Leute kommen also da nach Lesbos in Flüchtlingsbooten. Ich habe gerade letzte Woche wieder mit einem jungen Menschen geredet, der gesagt hat, wieder mit einem jungen Menschen geredet, der gesagt hat, dass er zu 30. in einem Schlachtboot übers Meer gefahren ist von der Türkei nach Lesbos. Das Schlachtboot ist für zwölf Leute zugelassen gewesen. Und das ist natürlich für manche tödlich. Man kennt das Bild von den Schwimmwesten am Strand von Lesbos. Aber diese zwei Menschen, über die ich da jetzt geschriebenreck, den schleppst du herum in dieses Zelt. Er ist überall, da kannst du noch so vorsichtig sein. Den bringst du nicht weg. Du hast ihn an den Füßen, er klebt an den Schuhen, er klebt an deinem Rock. Den bringst du nicht mehr weg. Du brauchst nur kurz hinausgehen vor das Zelt und schon stehst du in diesem Dreck. Am Weg zur Toilette nichts als Dreck. überall wo du hingehst nur Dreck, Morast, der kleben bleibt an deinen Schuhen, deinem Rock. Du kriegst ihn nicht weg, wie du den Dreck nicht wegkriegst in dir selbst, den Dreck in dir, der wächst und wächst. Noch sieht man ihn nicht, aber du spürst ihn, diesen Dreck, und du weißt nicht, was du tun sollst mit all dem Dreck in dir, der wächst und wächst. Noch sieht man ihn nicht, aber du spürst ihn, diesen Dreck. Und du weißt nicht, was du tun sollst mit all dem Dreck. Du kriegst ihn nicht los. Den auf dem Boden nicht und den in dir nicht. Er klebt an deinen Schuhen und an deinen Füßen und an deinem Rock. Der eine. Und klebt an deiner Gebärmutter. Der andere. Du kriegst sie nicht weg. Wärst du doch nicht auf die Toilette gegangen, damals in der denkt, dieser Dreckskerl. Und du kannst dich nicht wehren gegen seinen Blick, der dich verfolgt, dich verfolgen wird, egal wohin du Sicherheitsmann, der da mitten in der Nacht über dich hergefallen ist, hinter der Toilette. Nie wirst du ihn vergessen. Zyklus, den ich Schwimmen genannt habe. Es war dunkel geworden. Sie waren schon länger unterwegs und fast überfallsartig war stockfinstere Nacht. Der Außenmotor lief weiter auf Höchstgeschwindigkeit. Die Menschen im Schlauchboot hielten sich ängstlich aneinander fest. Die, die auf den Außenwülsten saßen, klammerten sich an den Schnüren an den Außenseiten der das Boot begrenzenden, prall gefüllten Gummiwülste fest. Plötzlich erstarb das Tränen des Motors. Das Boot glied noch einige Zeit mit hoher Geschwindigkeit durch das Wasser, dann wurde es langsamer, bis es nur mehr auf den Wellen schaukelte. Und dann kam wie aus dem Nichts ein anderes, viel größeres Boot auf sie zu. Scheinwerfer erfassten das Schlauchboot. Der Mann, der den Motor bedient und gesteuert hatte, schrie etwas und sprang über Bord. Dann krachte es. Das Boot, in dem sie saßen, wurde hin und her geschleudert, die Menschen wurden durch und übereinander geworfen. Einige fielen sofort beim Zusammenprall mit dem großen Boot ins Wasser. Es war ein fürchterliches Durcheinander und dann spürten die, die sich auf dem Außenwulst festklammerten, dass dort die Luft begann weniger zu werden. Nach und nach sprangen immer mehr Leute ins Wasser und schwammen in verschiedene Richtungen davon. Niemand wusste, wo das Ufer, das Strand der Insel, zu der sie gebracht hätten werden sollen, war. Instinktiv schwammen die meisten aber weiter in die Richtung, in die das Schlauchboot gerade noch gefahren war. In der Dunkelheit waren sie bald nicht mehr zu sehen. Jetzt waren nur mehr fünf Frauen im Boot. Sie schöpften das eingelaufene Wasser mit den Händen zurück ins Meer. Als sie merkten, dass das Wasser trotzdem immer höher stieg im Boot, wurden sie panisch. Sie nahmen die Plastiksäcke mit ihren Habseligkeiten auf die Köpfe, hielten sie mit einer Hand dort fest und schöpften mit der anderen weiter Wasser aus dem Boot. Und plötzlich sank das Boot mit einem Seufzer unter ihnen weg. Sie ließen die Plastiksäcke los und strampelten mit den Beinen und schlugen mit den Armen um sich und schrien und kreischten. Es dauerte nicht lange. Dann war es wieder still.