Guten Abend im Stifterhaus, meine sehr geehrten Damen und Herren. Mein Name ist Stefan Kögelberger. Es freut mich, Sie zur heutigen Buchpräsentation begrüßen zu dürfen. Eines der wohl berühmtesten Filmzitate stammt aus dem mittlerweile zum Hollywood-Klassiker aufgestiegenen Film Forrest Gump und lautet Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt. Sie ahnen vermutlich bereits, worauf ich hinaus will, wenn es um literarische Debüts geht, so wie heute Abend, dann weiß man als Leserin, als Leser üblicherweise auch nicht, was man denn bekommt. Man liest ein Buch vielleicht an, es wird einem von Bekannten empfohlen, man wird durch einen Medienbeitrag, eine wohlwollende Rezension darauf aufmerksam gemacht. Letzten Endes hat man jedoch in den allermeisten Fällen nicht viel mehr als einen vagen Eindruck, kennt ein paar lose Enden eines Handlungsstranges, weiß um einige Themenbereiche, in die das Buch eintaucht. Für gewöhnlich weiß man jedoch weder über einzelnen Figuren Bescheid, noch hat man eine Ahnung von der sprachlichen Ausgestaltung eines Textes. Man weiß eben nicht, was man bekommt. Wir haben den heutigen Abend mit dem Titel Debütabend überschrieben. Es ist der erste von zweien in diesem Monat und wenn wir ihn beschließen, dann werden Sie, liebes Publikum, wissen, was Sie bekommen, wenn Sie in den Regalen der Buchhandlungen nach neuen Büchern unserer heutigen Gäste greifen. Ich darf beide Autorinnen, die heute ihre Debüts bei uns präsentieren, ganz herzlich im Stifterhaus begrüßen. Herzlich willkommen Verena Dolova und Johanna Grillme. Schön, dass Sie da sind. meinen. Schön, dass Sie da sind. Verena Dolovae wurde in Gmunden geboren. Sie studierte zuerst Rechtswissenschaften, worin sie 2001 promovierte und später Dolmetsch- und Übersetzerwissenschaften Englisch und Italienisch in Wien. Heute lebt die Lyrik- und Prosa verfassende Autorin in Klosterneuburg. Verena Dolowei ist Mitglied der Grazer Autorinnen-Autoren-Versammlung, der IG Autorinnen-Autoren und des Literaturkreises Schloss Neulengbach. Ihr Debütroman, Dorf ohne Franz, der im Februar diesen Jahres im Verlag Septime erschienen ist, erzählt aus der Perspektive der Bauerstochter Maria von patriarchal geprägten dörflichen Strukturen und der Schwierigkeit, aus solchen auszubrechen. Unser zweiter Gast heute Abend ist Johanna Grillmeier. Sie wurde in Wien geboren, wo sie auch Geschichte studierte und wo sie heute mit ihrer Familie lebt und für den ORF als Redakteurin tätig ist. Ihr Dürroman, den sie heute vorstellen wird, trägt den Titel That's Life in Dystopia und ist im Oktober des Vorjahres im Verlag Mürri Salzmann erschienen. Das im Titel bereits genannte Roman-Suchet, nämlich die Dystopie, hatte und hat im Übrigen seit einiger Zeit regelrecht Hochkonjunktur bei literarischen Neuerscheinungen. Ich denke, das sollte uns allesamt durchaus etwas nachdenklich stimmen. In Johanna Grillmeiers Roman setzt die Handlung nach der Auslöschung eines großen Teils der Menschheit ein. Das Debüt erforscht jedoch nicht die Ursachen dieser Auslöschung, sondern wendet sich ganz grundlegenden Fragestellungen zu. Wie würden wir uns zusammenleben organisieren, wenn wir plötzlich noch einmal bei Null beginnen müssten? Nach welchen Regeln würden wir zusammenleben? Wie würden wir angesichts einer sehr begrenzten Anzahl von Menschen unsere Kinder erziehen? Das sind zweifellos spannende und besprechenswerte Fragen. Zu guter Letzt schulde ich Ihnen noch die Moderatoren des heutigen Abends. Es freut mich sehr, dass Sie unserer Einladung gefolgt ist. Ich darf Sie auch im Stifterhaus ganz herzlich begrüßen. Herzlich willkommen, Mathilde Schwabeneder. Schön, dass du da bist. Mathilde Schwabeneder wurde in Linz geboren. Sie studierte Romanistik in Rom, wo sie als Korrespondentin für die Berichterstattung aus Italien, dem Vatikan und Malta zuständig war und die ORF-Außenstelle über viele Jahre leitete. Zudem ist sie als Sachbuchautorin sehr erfolgreich in Erscheinung getreten. Zu nennen wären hier beispielsweise ihr Buch »Sie packen aus! Frauen im Kampf gegen die Mafia«, das 2020 erschienen ist, oder das Sachbuch »Auf der Flucht«, Reportagen von beiden Seiten des Mittelmeers, das sie gemeinsam mit ihrem Kollegen Karim El Ghori 2015 herausgebracht hat. Das war es auch schon von meiner Seite. Ich wünsche uns einen anregenden und interessanten Abend mit spannenden Debüttexten und übergebe das Wort an Mathilde Schwabeneder. Danke. die Schwabe nieder. Danke. Ja, vielen Dank und einen schönen guten Abend auch von meiner Seite. Ich freue mich sehr, dass ich heute eben zwei, darf ich sagen, junge Autorinnen vorstellen und präsentieren darf. Wie läuft der Abend heute sozusagen ab? Ich würde sagen, ich bitte eine Autorin zu mir und dann die nächste und wir werden ein paar Textstellen lesen, das heißt die Autorinnen werden ein paar kleinere repräsentative Textstellen lesen. Und ich nehme an, das gibt uns dann auch noch die Zeit für Fragen, um eben die beiden Schriftstellerinnen Ihnen ein wenig näher zu bringen und gleichzeitig natürlich auch Ihre Werke. Ja, wie erfolgt die Auswahl nach einem ganz banalen Kriterium, nämlich nach dem Alphabet? Das heißt in diesem Fall D vor G. Und in diesem Sinne dürfte ich zuerst einmal Verena Tollerwey zu mir bitten. Bitte sehr. Ja, Frau Tollerwey, wir halten den Roman noch einmal sichtbar in die Kamera. Wir haben uns ja im Vorfeld auch ein wenig besprochen, also wir drei und wie wir eben den Abend gestalten und auch Sie haben wie gesagt drei Stücke ausgewählt aus Ihrem Roman, beginnen aber nicht ganz mit dem Anfang, so dass ich ein bisschen, ich würde sagen, eine kleine Einordnung gebe, nennen wir es mal so. Für mich ganz interessant, der Roman beginnt, und da kommt bei mir jetzt die TV-Journalistin durch, mit etwas, was wir im Fernsehbereich eine Klammer nach Dvorak nennen. Dvorak war ein Kulturkritiker und einer, der seine Fähigkeiten in der Gestaltung auch dem ORF zur Verfügung stellte und hat das immer sehr propagiert und daher eben der Name Dworak'sche Klammer. Klammer warum? Weil diese Klammer eben etwas sozusagen beginnt und dann auch abschließt. Was heißt das konkret in Ihrem Roman, weil Sie eben nicht ganz mit dem Anfang beginnen? Wir haben eine Ich-Erzählerin, mit der Sie Ihren Roman beginnen, eine Frau, den Namen bekommt man nicht sofort mit. Wir haben einen Ort, nämlich eine Kirche, in der sie sich befindet und in dieser Kirche lässt sie ein bisschen auch ihre Gedanken Revue passieren, also ihr Leben Revue passieren. Sie verlässt dann die Kirche und geht durch das Dorf, wie gesagt, das heißt Dorf ohne Franz, geht durch das Dorf zurück, ja, zu ihrem Haus, zu ihrer Wohnung, wissen wir noch nicht genau, und dort sieht sie etwas, was sie regelrecht in die Flucht schlägt. Und hier bricht dieser erste kurze Teil ab, wir würden sagen im Fernsehbereich, da gibt es einen Schnitt, einen Umschnitt, und dann, sie greift natürlich am Ende die Situation wieder auf, und dann springt die Ich-Erzählerin zurück. Und zwar, wir verfolgen sie eigentlich entlang ihres Lebens. Sie beginnt mit ihrer Kindheit und in dieser Kindheit verliert sie ihre Großmutter. Und diese Großmutter wird begraben an einem Sonntag, wie sie schreiben. Und ja, und da setzt jetzt unser erster Teil ein. Schönen guten Abend, vielen Dank für die einleitenden Worte. Ich freue mich sehr, dass ich in Linz bin, übrigens die Stadt meiner Jugend. Hier bin ich acht Jahre in die Schule gegangen, darum freut es mich besonders. Der Sarg wird an Seilen in das offene Grab hinabgelassen. Die Sargträger stöhnen. Franz beginnt zu weinen. Mama tänzelt herum, streicht sein Köpfchen. Sie macht Sch, Sch, Sch. Papa stellt sich vor das Grab, seine eisblauen Augen leuchten. Feine Äderchen durchziehen seine rauen Wangen. Eine Schnittwunde vom Rasieren klafft auf seinem Kinn auseinander. Das Haar hat er streng zur Seite gescheitelt. Feine Schuppen sammeln sich in seinem Nacken. Papa nimmt die Schaufel aus dem Kübel, lädt Erde darauf und lässt sie ins Grab rieseln. Er macht das Kreuzzeichen und tritt zur Seite. Mama und wir Kinder sind nun an der Reihe. Josef tut es Papa gleich. Er drückt mir die Schaufel in die Hand und nickt mir zu. Die Erde ist härter, als ich vermutet habe. Nur ein paar kerkliche Erdklümpchen kann ich davon lösen und lasse sie auf den Sarg bröseln. Unter angestrengtem Ächzen sticht Mama mit der rechten Hand in die Erde, ihr linker Arm umklammert Franz. Sie seufzt, als die Erde auf den Sarg fällt und tritt einen Schritt zur Seite. Nach und nach verabschiedet sich das ganze Dorf von meiner Großmutter Hannelore, macht Kreuzzeichen oder Knicks oder beides und lässt Erde herabgleiten. Dann schütten die Totengräber das Grab zu. Der Trauerzug trottet durch das Friedhofstor hindurch Richtung Gasthof, während Papa, Mama, Josef, Franz und ich noch eine Weile stehen bleiben. Jetzt ist es Zeit, meint der Pfarrer zu Papa und legt die Hand auf seine Schultern. Papa nickt und kehrt dem Grab den Rücken zu. Er geht mit dem Pfarrer hinaus, Mama folgt den beiden. Als sie draußen sind, stellt sich Josef breitbeinig vor das Grab und spuckt hinein. Ich reiße die Augen auf und frage, wieso machst du das? Sie war eine Hexe, erwidert er mit kalter Miene, schiebt mit dem Fuß Kieselsteine ins Grab und geht pfeifend durch das Friedhofstor nach draußen. Mama will den kleinen Franz nicht aus der Hand geben, keiner außer ihr darf ihn halten. Er sei zu zart, zu zerbrechlich, meint Mama abwehrend, als sich im Gasthof die Frauen um sie drängen und ihre Hände nach meinem kleinen Bruder strecken. Das Leben geht weiter, sagen die Stimmen, oder Geburt und Tod so nah beieinander, oder der Herrgott gibt, der Herrgott nimmt. Und dass Franz die Augen von Hannelore habe, die zuvor achtsam eingesteckten Hemden und Blusen der Trauergäste hängen mittlerweile schlampig aus Hosenbünden und Röcken, als wäre die Anspannung auch von den Kleidungsstücken gefallen. Die Kinder wieseln zwischen den Beinen der Erwachsenen und den Tischen umher, während die Frauen Teller mit Rindfleisch und Semmelcreme über ihre Köpfe hinweg servieren. Auch unsere Magd hilft aus. Ich muss dringend aufs Klo und laufe auf den Gang hinaus. Als ich ums Eck biege, sehe ich sie, unsere Magd. Ihre halboffene Bluse, die üppigen weißen Brüste hervorquellen und Papa, der die Magd mit der einen Hand an die Wand drückt, mit der anderen unter die Bluse der Magd fährt. Ich bleibe stehen, kann den Blick nicht von den beiden Wänden höre, Papa schnaufen, etwas in ihr Ohr flüstern. Sie kichert, ich trete zurück. Sie sind so miteinander beschäftigt, dass sie mich nicht bemerken. Langsam gehe ich in die Gaststube zurück. Ein Rauchschleier hat sich mittlerweile über die Tische gelegt. Ich kneife die Augen zusammen, sie brennen. Ich spüre Tränen aufsteigen, Suche nach Mama, suche nach Josef. Aufs Klo muss ich auch noch immer. Ich presse die Beine zusammen. Jemand tippt mir auf die Schulter. Ich erschrecke, drehe mich um. Blicke in die frechen Augen von Toni. Eine riesige Zahnlücke offenbart sich. Tausend Sommersprossen bedecken seine Nase. Wir spielen Verstecken. Ich kenne das beste Versteck hier. Soll ich es dir zeigen? fragt er. Ich spüre, wie es warm zwischen meinen Beinen wird. Bestürzt schüttle ich den Kopf und laufe davon. Als ich wieder zurückkomme, trage ich das Alltagskleid. Mama fragt verärgert, was ist denn mit dem schönen Kleid passiert? Warum hast du eine andere Strumpfhose an? Du weißt doch, dass erst am nächsten Samstag wieder gewaschen wird. Es war schmutzig, antworte ich. Sie grummelt irgendetwas. Dann ist sie wieder mit Franz beschäftigt. Mittlerweile sitzt die Trauergemeinschaft bei Kaffee und Kuchen. Jeder Mann hat zusätzlich ein Glas Bier vor sich stehen. Voll, halbvoll, leer. Neues Bier wird gebracht. Der Bierkreislauf wiederholt sich immer und immer wieder. Schaum in Bärten, Schaum auf Lippen, Schaum auf dem Handrücken. Der Wirt hat sich an den Stammtisch gesetzt. Dorthin, wo jeder seinen festen Platz hat nach der Messe am Sonntag. Am Kopf des Tisches der Wirt, rechts von ihm der Pfarrer, links von ihm der Bürgermeister, daneben Papa. Wirt, rechts von ihm der Pfarrer, links von ihm der Bürgermeister, daneben Papa. Ich suche nach Josef und sehe ihn mit den anderen Buben auf dem Gang stehen. Sie bilden einen Kreis, wie eine eingeschworene Gesellschaft, in der niemand anderer etwas verloren hat. Wenn die Buben da sind, bin ich für Josef Luft. Toni zeigt auf mich, während ich mich langsam nähere. Ich höre ihr unterdrücktes Lachen wie einen Traktor stottern und bleibe stehen. Josef sieht mich an. Dann Richtung Boden. Sie hat sich in die Hose gemacht, schreit Toni. Und dann brechen sie in lautes Gelächter aus. Josef verschränkt die Arme und wendet sich von mir ab. Am liebsten würde ich mich in Luft auflösen. Stattdessen klebe ich am Boden fest, scheine Wurzeln zu schlagen wie ein Baum, bis mir einer das Kleid hochreißt und schreit, eh nicht mehr nass. Eine Träne löst sich und bahnt sich den Weg über mein Gesicht, ich wische sie mit dem Handrücken weg, so schnell ich kann. Dann drehe ich mich um und gehe mit zusammengebissenen Zähnen in die Gaststube zurück. Ich setze mich artig neben Mama, bis sich die Gaststube leert. Abends, als Josef und ich allein sind, erzähle ich ihm, dass ich Papa mit der Magd gesehen habe. Ich bin sicher, Josef wird es Mama weitererzählen, doch es ist nicht nötig. Mama scheint es bereits zu wissen. Ihr Gesicht sieht aus, als hätte es einen langen Kampf gegen die Tränen ausgefochten und schließlich verloren. Ergeben ihre Augen, die sich wie kleine schwarze Knöpfe hinter den aufgequollenen Wangen verstecken und erholen. An diesem Abend legt sie sich früher als sonst mit Franz ins Bett. Papa ist noch immer nicht zu Hause, die magt auch nicht. Danke sehr. Ich glaube, wir haben hier somit schon einen recht guten Einblick bekommen in eine Kindheit, die alles andere als einfach zu sein scheint. Bevor wir jetzt aber im Text weitergehen, hätte ich doch ein paar Fragen. Und zwar, ich muss gestehen, mich interessiert immer, warum sich jemand speziell, wenn es sich um ein erstes Werk, um einen Roman handelt, ein bestimmtes Sujet und kein anderes Sujet auswählt. Also ich habe Erfahrungen mit Sachbüchern, da ist es ein bisschen einfacher vielleicht, weil da gibt es auch ein wenig den, wenn man so will, den Zwang, also der Aktualität. Da scheinen manchmal die Themen schon etwas eingeschränkter, aber beim Roman hat man doch eigentlich ein ganzes Universum. Wieso haben Sie sich dafür entschieden, ein Dorf mit seinen Protagonisten zu beschreiben? Ja, es ist tatsächlich nicht bewusst geschehen, muss ich sagen, aber ich glaube, es ist so ein großer Teil meines Seins, meiner Identität, die mich das bis heute eigentlich schon noch so beschäftigt, auch wie die Menschen dort aufgewachsen sind. Ich glaube, dass man in der Kindheit einfach viele Dinge sehr intensiv wahrnimmt. Also eine Art frühe Prägung auch. Lange mit sich trägt und das dann irgendwann raussprudelt und Früchte trägt und es gehört zu meiner Identität dazu. Und darum habe ich es wahrscheinlich geschrieben. Aber das Dorf, das Sie beschreiben, ist ja ein fiktives Dorf. Trotzdem, wenn ich das richtig verstanden habe, wie ich das gelesen habe, ist das irgendwo im Salzkammergut angesiedelt. Also das wird nicht ausgesprochen direkt, aber man kann sich das aus verschiedenen Koordinaten zusammenschreiben. Und das Ganze spielt sich zumindest, wenn wir in die Kindheit zurückgehen, des Mädchens in dem Fall, Maria, in den späten 50ern, frühen 60ern ab. 60er, ja. 60er, ja. Jetzt muss ich sagen, die 60er, zumindest die späten 60er, aber auch die 70er Jahre, sind ja von großen gesellschaftspolitischen Veränderungen gekennzeichnet gewesen in Österreich, aber natürlich nicht nur in Österreich. Und ich denke dabei jetzt zum Beispiel an das Familienrecht, das bis zu jenen Jahren eigentlich weit zurückging in das 19. Jahrhundert, also schlicht völlig veraltet war. war ich oft ganz entsetzt, in welcher Steinzeit eigentlich unsere Mütter- oder Großmüttergeneration aufgewachsen ist. Ich meine rechtlicher Natur, weil da war Frauen wahnsinnig vieles verwehrt. Und mit den 1968ern, aber vor allen Dingen mit den 1970ern, wo eben diese Familienrechtsreform angegangen wurde, hat sich da wahnsinnig viel verändert. Die väterliche Gewalt gab es auf einmal nicht mehr. Frauen waren gleichberechtigt in der Ehe. Früher konnten sie weder entscheiden, wo sie wohnten, noch wie sie hießen, sprich also den Nachnamen nicht wählen. Die Kinder waren im Pass des Vaters und so weiter und so fort. Also da gab es ganz wesentliche Weichenstellungen. In diesem Dorf, das Sie da jetzt beschreiben, da habe ich aber das Gefühl, diese Veränderungen gesellschaftspolitischer Art greifen dort nicht. Die gehen irgendwie daran vorbei. Der Eindruck ist richtig, genau. So als wenn Entwicklung sich nicht in diesem Dorf zeigen würde, also dass das vorbeizieht. Es scheint fast wie ein Stillstand. Mir war es auch wichtig, hier eben nicht einen ausdefinierten oder tatsächlichen Ort zu beschreiben, sondern auch vielleicht das gefühl zu geben es könnte überall sein wo es einfach ein bisschen abgelegen ist und es ist erschreckend dass es jetzt sagen bis zum heutigen tag aber bis noch nicht so lange zurück gewisse strukturen oder auch familien umstände sehr ähnlich sind wie es in meinem meinem Buch vorkommt. Und dass es auch kein Einzelfall ist. Also diese Protagonistin ist auch fiktiv, aber im Laufe meines Lebens bin ich auf sehr viele Frauen gestoßen, die ein sehr ähnliches Schicksal erlebt haben. Und man kann es dann fast nicht verwalten. Und irgendwie nimmt man das dann so mit, dass einen das beschäftigt und so entsteht das Ganze. Aber es stimmt, es hat sich da all das, was Sie geschildert haben, nicht wirklich gezeigt oder es war noch nicht so weit. Also es gibt halt immer auch wieder Nischen und Orte, wo es ein bisschen länger dauert, bis etwas weitergeht. Etwas greift. Genau, und das ist hier der Fall. Also diese Maria, von der wir eben jetzt sprechen, die ist ja ein durchaus selbstständiges Kind, wie sie beschrieben wird. Sehr aktiv eigentlich auch mit selbstständigen Ideen, aber ihr Leben entwickelt sich dann ganz anders. Also sie wird eigentlich in der Familie auch immerhin angestellt. Was zählt, das sind die Brüder. Sie wird auch selbst beim Erben übergangen und zwar ganz selbstverständlich übergangen und so weiter. Sie kann sich nicht so entwickeln, wie sie möchte, auch bildungsmäßig nicht. Nicht einmal eigentlich in der Liebe, weil der Mann, in den sie sich ursprünglich verliebt, Ferdinand, der wird es dann auch nicht, sondern sie heiratet seinen Bruder, der schon vorkam, auch in der ersten Stelle als Kind, also ein richtiger Hallodreh, nicht unsympathisch ursprünglich, aber in letzter Konsequenz eigentlich dem Alkohol verfallen, was dann sehr viel natürlich an Negativen mit sich bringt. Und damit wären wir beim zweiten Teil, bitte. Am Tag unserer Hochzeit wache ich früher als sonst auf. Ich bin aufgeregt und es sind noch so viele Dinge zu erledigen. Der Friseur, das Schminken und Fotos machen wir auch noch vor der Trauung. Toni hat seinen Junggesellenabend ausgiebig gefeiert. Entsprechend verkatert schaut er aus, als ich mit geschminktem Gesicht und hochgesteckten Haaren mich über ihn beuge, um ihn zu wecken. Er ist mürrisch und vergräbt sein Gesicht im Polster. Ich soll ihn in Ruhe lassen. Ich schaue auf die Uhr und sage, wir sind schon spät dran, komm jetzt bitte. Er grunzt irgendetwas und steht schließlich auf. Lange braucht er im Bad. Das Hemd ist falsch zugeknöpft, sehe ich, als er endlich fertig ist und lege gleich Hand an. Er ist einfach zu langsam. Ich fahre ihm noch einmal mit dem Kamm durchs Haar. Eine Strähne ist widerspenstig und springt immer wieder nach oben. Schließlich klatsche ich ihm eine Menge Haargel auf den Kopf und dann sage ich, du siehst aus wie einer vom Film. Findest du? fragt er und mustert sich noch einmal im Spiegel. Ja, antworte ich und umarme ihn von hinten. Du schaust aber auch nicht schlecht aus heute, meint er, dreht sich zu mir und kneift mich in den Hintern. Wir öffnen die Tanzfläche mit einem Walzer. Das Sakko hat Toni gleich über den Stuhl geworfen, weil es heute so heiß ist. Seine Schweißflecken breiten sich bereits bis zu den Ärmeln aus. Sein Gesicht ist rot und ein bisschen aufgequollen, vielleicht auch wegen der Aufregung. Eine Band spielt auf einer kleinen erhöhten Bühne, die für das Fest aufgebaut wurde. Der Wirt lässt sich die Hochzeit etwas kosten. Die Leute sind lustig, Mama ist bereits gegangen, Franz auch. Josef sitzt mit Mathilde am Tisch, neben ihnen Teresa und Klaus, die beide nicht in Tracht gekommen sind. Dauernd werde ich auf ein Getränk eingeladen, ich kann gar nicht ablehnen, weil ich ja die Braut bin. Zu Mitternacht werde ich entführt. Ich bin etwas betrunken und daher sehr willig, überall mit hinzugehen. In einem schummrigen Lokal, das mir fremd ist, finde ich mich wieder. Getränke werden bestellt, Lieder gesungen. Toni wird mich sicher bald finden, denke ich. Anna kichert neben mir und sagt, der Toni ist so betrunken, der findet dich nie. Er ist zu blau zum Suchen. Warum habt ihr ihn so abgefüllt, beschwere ich mich. Und dann sagt sie selbst Schuld, wenn du den größten Säufer vom Dorf heiratest und übrigens, der Ferdinand kriegt den Gasthof. Mein Magen krümmt sich zusammen und ich spüre, wie es mir alles, was ich gegessen, was ich getrunken habe, heraufdrückt. Ich sage zu Anna, wo ist das Klo? Und sie läuft mit mir dorthin, ich übergebe mich. Na, da passen ja zwei gut zusammen, lacht Anna und hält mir die Haarsträhnen, die sich aus meiner Frisur gelöst haben, aus dem Gesicht. Ich huste und merke, wie in mir die Tränen aufsteigen. Das stimmt nicht, schreie ich, das stimmt nicht. Der Toni ist der ältere, er wird der neue Wirt. Er säuft zu viel, frag seinen Vater, der wird dir das schon sagen, schreit Anna zurück. Lass mich allein, fauche ich und stoße sie weg. Wie du willst, wie du willst, du hysterische Kuh, du. Anna verschwindet. Ich sinke auf den Boden des Klos. Es ist schmutzig. Am Boden sind ekelhafte, eingetrocknete Flecken. Mein Unterkiefer zittert, meine Zähne klappern aufeinander. Ich sitze und sitze, doch kein Toni kommt, um mich auszulösen. Ja, man kann sich schon vorstellen, dass die Ehe von Toni und Maria natürlich keine gute ist und dass die junge Frau mit ihren Sehnsüchten, die sie natürlich, sie wird nämlich von einer Freundin sozusagen angestiftet, nach Italien zu fahren, beziehungsweise Italien ist etwas, von der, genauer gesagt Venedig, von dem die Freundin mit so großer Begeisterungen, sie fahren dann tatsächlich dorthin, aber weil natürlich die Schönheit und die Wahrheit wahrscheinlich auch im Auge des Betrachters oder der Betrachterin liegt, es wird dann ganz anders. Und Venedig wird für sie beide eigentlich so etwas wie ein Flop. Ist das ein Bild sozusagen, haben sie da diese Stadt gewählt, die ja an sich schon einen ganzen Kosmos einschließt, als Bild für gescheiterte Hoffnung? Ja, also für mich war es wichtig, ich habe deswegen Venedig gewählt, weil es Sehnsuchtsort einerseits ist, aber auch zugleich den Verfall. Sehr morbid. weil das in vielen Köpfen immer war und auch heute noch so ist, dass es eine Anziehungskraft hat und sie wollte auch diese Romantik, die man ja auch mit Benedikt verbindet, mit Toni erleben. Sie versucht es ja immer wieder und das ist halt auch das Traurige wahrscheinlich, dass man hier auch im Buch spürt, dass sie immer wieder versucht, es schön zu machen oder es schön zu gestalten, es allen recht zu machen, wieder versucht, es schön zu machen oder es schön zu gestalten, es allen recht zu machen, auch Tone bei Laune zu halten und er ist halt dann immer der, der das Ganze runterzieht und sie wird dann ernüchtert, leider, auch in Venedig, das sich dann eher von der morbiden, traurigen Seite zeigt letztlich. Wir haben ja im Titel nicht nur das Dorf, von dem wir schon gesprochen haben, sondern vor allen Dingen auch Franz. Franz haben wir zuerst gerade kennengelernt als Baby in der allerersten Stelle. Er ist der Liebling der Mutter. Das heißt, er nimmt eigentlich ihre gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch. Er ist ein Kind, das offensichtlich ganz anders ist als die beiden Älteren, so wird er beschrieben, in seiner Art, aber auch in seinem Aussehen, also viel feiner, viel feinsinniger, sodass ich persönlich den Eindruck dann auch hatte, er ist vielleicht sogar von einem anderen Vater, keine Ahnung, ist vielleicht auch nicht so wichtig, aber er fällt auf, weil er eben heraussticht als anders in dieser Dorfgemeinschaft. Welche Rolle spielt denn dieser Franz in Ihrem Roman? Eigentlich ist er der Faden, auch für Maria, der sich durch das Buch zieht und darum wollte ich ihn auch unbedingt am Titel haben. Er drückt zugleich die Sehnsucht und die erfüllte Sehnsucht auch aus. Also Maria kann dem nicht folgen, was Franz gelingt, was genau erzähle ich jetzt nicht, das bitte nachlesen. nicht, das bitte nachlesen, aber er soll eigentlich schon dafür stehen, auch für das, worauf man auch neidisch ist, nämlich auch Liebe, die einem zuteil wird, die man selber vielleicht nicht erfährt, aufgrund sei es des Geschlechts oder einfach Referenzen, die man halt hat manchmal gegenüber Kindern, das kann man nicht wegleugnen. Ich wollte es auch nicht wegleugnen oder auch zeigen. man nicht wegleugnen. Ich wollte es auch nicht wegleugnen oder auch zeigen. Und Franz ist einerseits präsent, aber nur in den Köpfen die meiste Zeit. Also den Großteil des Buches ist er abwesend. Aber Maria denkt immer an ihn, immer wieder und er taucht auch wieder um. Sie haben gerade von Gefühlen und auch Emotionen gesprochen. Gefühle, die der kleinen oder auch der größeren Maria sicherlich zu wenig entgegengebracht werden. Und ich glaube, sie leidet auch darunter unter dieser teils mangelnden Zuneigung und auch mangelnden Anerkennung. mangelnden Zuneigung und auch mangelnden Anerkennung. Und das betrifft vor allen Dingen die Mutter, die eigentlich zur eigenen Tochter ziemlich ruppig und wenig einfühlsam ist. Und die Mutter lebt aber auch ihr eigenes Unglück, dem sie sich dann fast ein wenig entzieht, würde ich sagen, indem sie in eine beginnende Demenz verfällt und sich immer mehr zurückzieht. Also das ist fast wie eine logische Weiterentwicklung. Und Franz ist inzwischen nicht mehr im Dorf, aber als es der Mutter besonders schlecht geht, kommt er zurück. Bitte sehr. Mama schreit oben. Sie irrt in ihrem Hirn herum und findet keinen Ausgang. Ich merke, wie mir der Rücken wehtut, weil ich Mama so oft heben muss. Seit jüngster Zeit muss ich sie auch nachts betreuen, muss sie öfter drehen, damit sie sich nicht bunt legt. Ich muss auf meine Bandscheiben aufpassen, meint der Hausarzt. Im Befund steht, dass die Abnutzung über die Altersgemäße hinausgeht. Ich fühle mich alt. Josef schaut Franz an. Der hat sich schon aufgerichtet. Er nimmt die Zeitung, die er mitgebracht hat und nun am Tisch liegt und geht hinauf. Ich frage mich, was er Mama daraus vorlesen will. Die Zeitung ist in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Einer Sprache, die auch Mama nicht versteht. Sie versteht ja nicht einmal unsere Sprache mehr. Wir hören, wie Franz den Stuhl ans Bett von Mama rückt. Dann ist es still. Mama scheint sich beruhigt zu haben. Josef trinkt sein Bier aus und sagt, ich muss dann, gute Nacht. Gute Nacht, sage ich und räume die Gläser weg. Papa ist noch nicht heimgekommen. Auch heute muss ich wieder hier übernachten. Ich schaue durch den Spalt. steige. Jedes Mal, wenn es knackst, halte ich kurz inne. Bald habe ich die Tür zu Mamas Schlafzimmer erreicht. Sie steht halb offen. Ich schaue durch den Spalt. Franz hat mir den Rücken zugedreht. Sein Gesicht steckt hinter seiner Zeitung. Aber er liest Mama nicht aus der Zeitung vor. Er blättert darin herum und liest still nur für sich. Mama brabbelt unverständliches Zeug. Ich höre nur, dann hat mir der liebe Gott den Franz geschenkt und alles war gut. Nichts hat es genutzt, dass ich zehn Jahre jünger war. Der Alte hat immer den anderen Weibern nachgeschaut, aber mit dem Franz ist alles gut geworden. Sie wimmert. Ich sehe, dass Franz kurz von der Zeitung aufschaut und ihre Hand tätschelt. Langsam schleiche ich wieder hinunter. Papa ist aus dem Wald gekommen und Franz sagt, dass er über Nacht bleiben werde. Ich richte das Abendessen her. Depreziner, Schwarzbrot, frischen Creme und scharfen Senf für Papa. Frankfurter, Schwarzbrot und süßen Senf für mich. Franz mag die Würstel nicht und fragt, ob er stattdessen einfach Schwarzbrot mit einer pflanzlichen Margarine haben dürfe. Eine Margarine ist immer im Kühlschrank. Ich hole sie heraus und drehe die Verpackung in alle Richtungen, um zu lesen, welche Zutaten drin sind. 100% pflanzlich steht auf dem Deckel. Ich frage Franz nicht, warum er denn keine Würstel mehr mag, wo er sie doch als Kind ohne alles hinunter gewürgt hat, bis er sich einmal sogar davon übergeben musste. Eins der wenigen Lebensmittel, die er damals gegessen hat. Für Mama schneide ich die Frankfurter in mundgerechte Stücke wie für ein Kind. Franz sagt, er übernehme es heute, Mama zu füttern. Mamas Portion ist klein wie für ein Kind. Sie trägt Windeln wie ein Kind. Mama ist ein kleines, runzliges, altes Kind geworden. Die Natur hat alles umgedreht. Franz kehrt mit dem halbvollen Teller aus Mamas Zimmer zurück. Auch der Teller, von dem gegessen wurde, sieht aus wie von einem Kind. Angekaute Reste sind übrig. Ein kleines Schlachtfeld, auf dem gegen Essen gekämpft wurde. Franz stellt den Teller auf das Spülbecken und meint, sie schlafe jetzt. Ich gehe noch in den Gasthof hinüber. Hallo sagen. Ich denke mir, wieso und zu wem will er dort Hallo sagen? So viele Jahre sind vergangen, alle haben ihn vergessen. Irre ich? Nachdem ich den Tisch abgeräumt und das Geschirr gespült habe, sage ich zu Papa, der vor dem Fernseher sitzt, dass ich noch einmal zum Gasthof muss, dass ich etwas dort vergessen hätte, aber bald zurück sein werde. Papa schaut nicht auf. was dort vergessen hätte, aber bald zurück sein werde. Papa schaut nicht auf. Es hat ganz plötzlich zu regnen begonnen. Das Wasser stürzt wie ein Kübeln aus den Wolken auf die Erde nieder. Ein schmaler Sturzbach fließt am Straßenrand hinunter. Mein Kleid ist nach wenigen Schritten mit Wasser vollgesogen. Es ist unangenehm. Das Gewand fühlt sich schwer an und ich merke, dass ich nicht so schnell laufen kann, wie ich möchte. Regen schlägt mir auf die Brille, ich sehe nichts und renne beinahe blind den mir vertrauten Weg zum Gasthof hinauf. Völlig außer Atem biege ich um die letzte Ecke. Mit einem Mal bleibe ich stehen und weil ich so außer Atem bin, stolpere ich beinahe über meine Füße. Ich nehme die Brille ab und kneife die Augen zusammen, um besser sehen zu können. Es offenbart sich etwas, das ich nicht für wahr halte. Ich gehe ein paar Schritte zurück hinter die Ecke der Mauer des Nachbarhauses, vorsichtig und leise wie eine Katze auf der Lauer. etwas, was sie nicht für wahrhalten möchte und was sie offensichtlich aber doch sehr mitnimmt, sehr erschüttert. Was sieht sie, was passiert da? Eigentlich passiert nicht wirklich etwas Großartiges, aber sie sieht ihre eigentliche, ihre ursprüngliche Liebe, nämlich Ferdinand, gemeinsam mit ihrem Bruder Franz. Und beide stehen sehr nahe beieinander, also etwas ungewöhnlich, und sie berühren sich an den Händen. Mehr ist da nicht, denn dann hört man eine Stimme. Ferdinand wird gerufen, er muss zurück ins Gasthaus. Aber Maria ist erschüttert von diesem Anblick und läuft dann zurück und stellt sich unter eine heiße Dusche, eine ganz heiße Dusche, als würde sie diese ganzen negativen Gedanken, also den ganzen Schmutz, den sie vielleicht empfindet, abwaschen wollen. Gesprochen wird aber darüber nicht. Sie teilt sich auch niemanden mit. Und diese Sprachlosigkeit ist für mich auch etwas, nämlich dann, wenn es um wirklich etwas geht, was sich durch diesen Roman zieht. Ist dem so? Ja, ich glaube, das ist genau so. Also vieles ist nicht direkt ausgesprochen, es sind zwar klare Worte grundsätzlich, aber wenn es wirklich wichtig wird, wird es ausgesprochen ist, es sind zwar klare Worte grundsätzlich, aber wenn es wirklich wichtig wird, wird es ausgespart und so ist es auch im echten Leben. Also man spricht oft nicht über die Dinge, die die Menschen wirklich bewegen oder die den Menschen wichtig sind. Es wird schnell der Teppich drüber gelegt, es wird drunter gekehrt, man schweigt sich durch und manche leben gut damit, manche werden beschwert damit, auch wie Maria, die hat auch einige Geheimnisse mit sich tragen muss, die sich aber hier auch durchs Leben schlägt und sich nicht mitteilen kann und auch niemandem vertrauen kann. Es gibt dafür umso mehr Gerüchte. Man weiß im Grunde genommen eigentlich, wie so typisch oft in kleineren Gemeinschaften, alles über den anderen. Man weiß, dass der Vater die Mutter immer betrügt, auch ihr Mann betrügt sie immer wieder. Das ist durchaus Gespräch, auch an den Stammtischen. Aber zum Beispiel die Neigung von Franz, das ist ein Tabu. Ja, Verena, ich habe Sie eingangs gefragt, warum Sie dieses Thema gewählt haben, also vom Sujet her. Aber haben Sie auch irgendeine literarische Gattung im Blick gehabt? Ich habe ehrlich gesagt ein bisschen an einen Art neuen Entwicklungsroman gedacht, oder liegt das ganz weit weg? Auch hier war eigentlich nichts wirklich geplant oder beabsichtigt begonnen hat, der Text oder das Buch, bis jetzt eins ist, mit einer Kurzgeschichte. Also wo mir eigentlich ganz viele Dinge gekommen sind, die ich alle da reinpacken wollte, die mich bewegt haben. Und dann habe ich mir gedacht, da ist eigentlich mehr und dann habe ich überlegt, in welcher Form baue ich das auf. Und das ist dann die Klammer, die Sie eingangs erwähnt haben, glaube ich. Und von der Gattung, wie gesagt, gesteuert war das nicht. Ich glaube, die Frage, die von Anfang an bei diesem Buch mitschwingt, ist natürlich, wir sprechen von dieser Enge dieser dörflichen Strukturen, auch durchaus von dem Leid dieser jungen Frau, wenn es auch nicht so ausgesprochen wird oder von ihr selbst gar nicht so ausgesprochen wird. Aber gelingt es ihr letztlich aus dieser Enge auszubrechen. Das verraten wir jetzt natürlich nicht, weil sonst ging es uns, ich weiß nicht, ob Sie das auch gelesen haben, so wie ich, so ging es uns wie Brigitte Macron, der Gattin des französischen Präsidenten, die vor kurzem bei einer Buchpräsentation ihrer Tochter dabei war, ich glaube, es war eine Fernsehgeschichte noch dazu, und in ihrem Übereifer und in ihrer Begeisterung hat die Mutter das Ende verraten. Und die Tochter war völlig entsetzt und hat gesagt, Mama, das tut man doch nicht, das kann man doch nicht machen. Also das werden wir hier nicht machen, Sie sollen das bitte lesen. Aber eine Frage habe ich noch, haben Sie persönlich literarische Vorbilder, Männer, Frauen, wie auch immer? Ja, zahlreiche, um ehrlich zu sein, ich bin eine richtige Leseratte, immer schon gewesen, aber einschlägige Vorbilder würde ich sagen, Schuscher Bank, Karl-Hurri Knossgat, ganz großes Vorbild eigentlich, Agutha Christoph. Können Sie da ein paar Sätze auch dazu sagen, für den Fall, dass nicht alle alle kennen? Also was eigentlich alle eint, glaube ich, ist, dass sie sehr exponiert schreiben, also sehr den Leser, die Leserin an sich heranlassen, so dass man mitgenommen wird, dass man es spürt. Und das ist das, was ich auch hoffe, in irgendeiner Form erreichen zu können, Leser, Leserinnen zu erreichen, was zu fühlen, sich auch unterhalten zu fühlen. Das ist auch ganz wichtig, Spannung aufzubauen, aber unverblümt auch Direktheit zu vermitteln. Das eint alle, glaube ich, und gibt noch ganz viel mehr. Ja, ich glaube, wir kommen jetzt zu unserem Ende im Moment. Aber eine Frage habe ich noch. Es ist ja schon bei der Präsentation angeklungen, Sie haben, Sie sind erstens Juristin, zweitens haben Sie Dolmetsch- bzw. Übersetzungswissenschaften studiert, das heißt, Sie haben auch Brotberufe oder wahrscheinlich mehr als Brotberufe, ich nehme an, wahrscheinlich auch eine gewisse Leidenschaft. Wie kam es denn dann dazu, dass Sie sagen, okay, jetzt will ich mich auch schreibend verwirklichen? Eigentlich wollte ich es immer. Die Nähe zur Sprache ist eigentlich immer gegeben gewesen und die Form des Rechts hat mir eine Möglichkeit gegeben oder gibt es immer bis heute, damit das Brot zu verdienen. Das stimmt nicht, dass ich das ausschließen möchte. Natürlich auch in anderer Form machen zu können, aber die Literatur hat mich immer begleitet. Ich habe auch immer geschrieben, ich habe es mir aber auch nie zugetraut, also auch hier ein Buch zu schaffen. Aber geschrieben habe ich eigentlich immer, auch viel Tagebuch und dann ist mehr draus geworden und dann war es vielleicht schon noch so ein gewisses Alter, wo ich mir gedacht habe, so, was kommt jetzt noch, was mache ich und jetzt gebe ich dem schon nach und will das eigentlich schon noch mal probieren und ein sehr schönes Ergebnis jetzt. Sehr gut. Ja, das mit der Hemmung zu schreiben, das verstehe ich sehr gut, so ist es mir selber auch gegangen, obwohl wenn man Radio und Fernsehen macht, schreibt man ja auch, nur ist das eine andere Form von Text. Die verliest man dann bzw. bespricht man dann in einem Beitrag, aber ich bin sehr oft schon vor vielen Jahren gefragt worden, ob ich nicht etwas schreiben möchte, immer natürlich im Rahmen meiner journalistischen Tätigkeit. im Rahmen meiner journalistischen Tätigkeit. Und ich habe immer einen wahnsinnigen Respekt gehabt vor diesem sogenannten geschriebenen Wort, was dann schwarz auf weiß aufliegt. Das ist irgendwie so das Erbe, glaube ich, einer Erziehung. Ja, dann erstmals ganz herzlichen Dank. Wir sehen uns dann nachher noch. Wir machen jetzt einen fliegenden Wechsel. Bitte schön. Danke sehr. Danke. Und darf ich nun hier Johanna Kittmeier begrüßen. Danke. Freut mich sehr. Ja, gibt es irgendetwas, was die beiden Bücher verbindet? Ich meine, man muss auch nicht gewaltsam eine Verbindung herstellen, aber vielleicht gibt es ein bisschen etwas im Sinne von, dass wir eigentlich, wenn auch in einem anderen ländlichen Milieu bleiben, wenn Sie wollen, im landwirtschaftlichen Bereich bleiben, vielleicht gibt es sogar am Anfang auch ein bisschen, das werden wir nachher noch sehen, noch ein Ereignis, was man vielleicht auch noch sagen könnte, ja, da gibt es eine gewisse Parallele, aber damit ist es eigentlich auch schon getan. Wir haben uns ja auch abgesprochen und haben gesagt, also wie fangen wir an, also welches Kapitel, Kapitel ist es ja nicht, welche Stelle wählen wir. Also ich habe vorher das Buch gezeigt, das zeige ich natürlich jetzt auch sehr gerne. Also That's Life in Dystopia, der Titel wurde ja vorher auch schon genannt. Johanna Grillmeier hat sich dann dafür entschlossen, mit dem Anfang, mit dem echten Anfang des Buches zu beginnen. Also brauche ich keine Hinführung zu machen, sondern darf Sie gleich bitten zu lesen. Sehr gerne. April Jahr 7. Die Ruhe war betörend, bevor er kam. Regentropfen tickten ans Fenster und verschleierten die Geräusche von draußen. Doch etwas ging davor sich und es gelang ihr nicht länger, das zu ignorieren. Jola hob den Blick von ihrem Buch und lauschte. Es war später Vormittag und noch immer düster, der Himmel abgesenkt durch eine Decke tiefhängender Wolken. Die Männer waren unterwegs, die Kinder in ihrem Zimmer und Jola rechnete mit einer halben Stunde Ruhe. Im Haus war es warm und still, im Ofen, an dessen gemauerte Wand sie sich lehnte, knackte das Feuer. Laute Stimmen drangen aus dem Vorgarten herein. Widerwillig ging sie ans Fenster. Was sie sah, ließ sie rasch zurück hinter den Vorhang treten. Ein Mann in Motorradkleidung stand auf der Wiese vor dem Haus und redete auf Ali ein. Sie hielt den Kopf gesenkt und drehte sich von ihm weg, als wollte sie einen Fluchtversuch wagen. Ihren Gesichtsausdruck konnte Jola nicht erkennen, aber den des Mannes. Er lächelte. Er spuckte aus und zog seine Hose hinauf. Dann schoss seine Hand vor, er packte Ali bei den Haaren und das machte Jola endlich Beine. Das Jagdgewehr hing im Schrank im angrenzenden Raum. Sie tastete nach dem Schlüssel. Die Waffe war geladen, Anlass endloser Diskussionen in der Hausgemeinschaft, aber oh, wie kam es ihr jetzt entgegen. Während sie den Weg zurück durch die Küche rannte, bemerkte sie im Augenwinkel die kleinen Umrisse der Kinder. Sie standen alle am Geländer im ersten Stock und starrten zu ihr herunter. Jola versuchte ihnen wortlos zu verstehen zu geben, dass sie leise sein mussten. Die Kinder in ihr Zimmer zurückzuschicken würde nicht funktionieren und sie konnte jetzt auch nicht auf sie einreden. Sie durfte keinen Lärm machen. Aber sie begriffen von selbst. Die Größeren nahmen die Kleineren um die Schultern. Sie nickten und traten einen Schritt zurück. Ihre Augen waren weit, weit aufgerissen. Doch keines der Kinder gab ein Geräusch von sich. Die Eingangstür war geschlossen. Jola atmete noch einmal tief ein, entsicherte das Gewehr und öffnete die Tür. Sie standen nicht weit entfernt. Der Mann war mittelgroß und gedrungen, nicht mehr ganz jung, aber mit seinen Reflexen war alles in Ordnung. Er packte Ali sofort am Nacken, als er die Bewegung an der Tür wahrnahm, drückte sie zu Boden und tastete nach etwas an seinem Gürtel. Immer noch lächelnd rief er Jola etwas zu, aber sie gab sich keine Mühe, ihn zu verstehen. Sie riss das Gewehr an die Schulter, zielte und traf ihn in den Hals, ein wenig rechts von der Mitte. Er stürzte auf die Knie, riss den Mund weit auf, seine Hände flatterten auf Hüfthöhe, als schafften sie es nicht mehr hinauf bis zum Hals. Dann kippte er vornüber ins Gras. Ali schluchzte auf, fing sich aber gleich wieder und schaute zu dem Mann hinunter. Die Waffe, die er für sie gehabt hätte, war ein langes Messer, das jetzt neben seiner Hand in der Wiese lag. Ali kickte es weit weg und achtete darauf, sich von seinen um sich tretenden Füßen in den schweren Motorradstiefeln fernzuhalten. Einen wie ihn nannten sie Lederjacke. Ali sah auf ihn hinunter und machte ein Gesicht, als wollte sie auf ihn spucken. Die Kinder, sagte Jola und Ali sah von dem Mann zu ihr, nickte und ging langsam mit nachgebenden Knien in Richtung Haus. Jola bat sie, die Tür zu versperren und schaute hinunter die Straße entlang, wo eine zweite Lederjacke, und sie hoffte sehr, dass es nur diese zweite gab, gerade das Motorrad anließ und davonraste. Der Regen ließ nach und wich einem bleigrauen Dunst. Sie musste sich sehr zusammenreißen, um eine Sicherheitsrunde ums Haus zu machen. Das Gewehr in ihren Händen wurde in jeder Sekunde schwerer. Die Kraft, die sie so schnell mobilisiert hatte, ging ihr nun genauso rasch wieder verloren und das Zittern begann. Niemand war zu sehen. Jola setzte sich auf die Bank neben der Eingangstür und seufzte. Ihre nackten Füße waren eiskalt und nass von der Wiese. Kurze Grashalme klebten daran. Sie sah dem fremden Mann, der ein paar Meter entfernt in der Wiese lag, beim Sterben zu. Das Gewehr auf seinen Kopf gerichtet, dachte sie an ihre Mutter, daran, wie diese wohl ihren Schuss beurteilt hätte. Trägerschuss, reichlich verrutschter Haltepunkt, aber unter den gegebenen Umständen. Um die Nerven der Kinder zu schonen, verzichtete sie auf einen weiteren Schuss. Um die Reifen der Kinder zu schonen, verzichtete sie auf einen weiteren Schuss. Es dauerte nicht mehr lange, der Großmutter mit einem natürlichen Tod zu tun, sondern mit einem Mord oder zumindest mit Notwehr, würde man wahrscheinlich sagen, wenn wir vor Gericht landen müssen. Oder Totschlag, genau. Da haben wir die Juristin vor uns, die kann so flieren. Wir haben es mit einem, würde ich sagen, relativ düsteren Bild zu tun. Es wird uns unsere Hauptdarstellerin, unsere Protagonistin vorgestellt. Es ist nämlich diejenige, die schießt. Das ist Jola und wir kennen dann relativ bald ihre Freunde. Eine Gruppe, die wir dann auch begleiten. Und zwar ungefähr, glaube ich, zehn Jahre lang oder so. Ja, knapp zehn Jahre. Knapp zehn Jahre erstreckt sich dieses Buch. Bleibt natürlich oder stellt sich sofort die Frage, woher kommt diese Gewalt? Woher kommt diese Gewaltbereitschaft? Denn der Kontext erschließt sich ja logischerweise noch nicht ganz am Anfang. Bereitschaft, denn der Kontext erschließt sich ja logischerweise noch nicht ganz am Anfang und wir erfahren jedoch, dass diese Gruppe von Menschen ja nicht irgendwo zufällig am Land ist, in der Sommerfrische oder in Urlaub. Wir haben esreignis, eine Auslöschung, wie es immer wieder einmal heißt, die aber nicht definiert, die nichtionen, Dörfer und Städte sind zerstört worden und diese Gruppe von jungen Menschen hat es geschafft, sich auf das Land zu retten. Sie haben dann auch ein Haus gefunden, das sie mehr oder minder zu ihrer neuen Heimat dann umgestalten und müssen aber erst lernen, überhaupt zu überleben. Sie kennen das ja nicht und können das ja nicht. Sie müssen landwirtschaftliche Fähigkeiten erwerben, damit sie sich überhaupt ernähren können und gleichzeitig versuchen sie, so normal wie möglich zu leben, falls das geht. zu leben, falls das geht. Und in dieser sogenannten Normalität werden eben auch Kinder geboren, die in diese neue Welt hineinwachsen müssen. Und da würde ich Sie bitten, dass Sie gleich zum Teil 2 Ihrer ausgewählten Stellen kommen. Eine der kleinen Ziegen hatte es nicht durch den Winter geschafft. Sie lag eines Tages reglos in einer Ecke des Auslaufs. Woran sie gestorben war, ließ sich nicht herausfinden. Es wurde aus diesem Grund beschlossen, auf ihr Fleisch lieber zu verzichten. Die Kinder waren traurig und verunsichert. Dass Tiere starben, wussten sie natürlich und sie hatten sogar schon bei der Schlachtung von einigen ihrer eigenen Hühner zugeschaut und deren Fleisch gegessen. Aber die hübschen, lebendigen Ziegen waren für sie eher Spielkameraden und Haustiere. Jede hatte einen Namen und die Kinder verfolgten und kommentierten ihre Entwicklung genau. Sie fassten den Beschluss, dass das Tier begraben werden solle. Es war noch kalt, die Böden waren hart und schwer umzugraben, aber Boris und Jakob taten ihr Bestes. Und alle Kinder halfen beim Graben einer Grube, tief genug, um die kleine Ziege aufzunehmen. Die Kinder machten eine große Sache daraus. Sie bastelten kleine Grabbeigaben für die Ziege aufzunehmen. Die Kinder machten eine große Sache daraus. Sie bastelten kleine Grabbeigaben für die Ziege und rupften Zweige von den Nadelbäumen, um sie damit zuzudecken. Als die Erde auf den Körper des Tieres fiel, weinten sie. Die Beerdigung markierte den Auftakt zu einem Frühling und Sommer der Begräbnisse. Jeder kleine Vogel, der aus dem Nest gefallen oder von einem missgünstigen Geschwister hinausgekippt worden war, jeder tote Schmetterling und jeder auf der Straße verschmachtete Blindschleiche wurde würdevoll zu Grabe getragen. Ali und Jula beäugten diese Entwicklung mit Unbehagen. Es war so morbid, wie sich die Kinder mit dem Zimmern winziger Särge und Holzkreuze beschäftigten, wie sie Gebinde aus Tannenzweigen und den allerersten Frühlingsblumen wandten und Trauergesänge anstimmten. In Ermangelung einer wie immer gearteten religiösen Erziehung und Anschauung gerieten ihre Rituale obendrein recht archaisch. Sie tanzten mit den Orfinstrumenten, lärmend und klagend über die kleinen Gräber. Das sei, versuchte es Lennart zu erklären, eben ihre Art mit dem Tod umzugehen. Sie seien schließlich von Geburt an davon umgeben, von den vielen Toten ihrer Eltern, die sie aus Andeutungen und Geschichten kannten und auch von ein paar Neueren. Verbieten konnten sie es ihnen jedenfalls nicht. Ostern, dessen Datum ihnen schleierhaft war, feierten sie nicht. Obwohl sie wussten, dass es sich dabei um einen beweglichen Feiertag handelte, dessen Termin mit einer komplizierten Methode berechnet wurde, hatten sie von dieser Methode keine Ahnung. Einfach einen Termin festzusetzen, kam ihnen ebenfalls falsch vor. Im Bewusstsein, dass mit ihrer Generation wahrscheinlich Jahrtausende alte Bräuche und Riten verschwinden würden, fanden sie es doch besser, einen klaren Strich zu ziehen. Letztlich, sagte Ali, während einer Diskussion darüber, sei ihnen ja wohl etwas zugestoßen, das mit Religion ein für allemal abschließe. Sie jedenfalls habe während des Ereignisses keinen einzigen Engel gesehen, Teufel ebenso wenig und auch sonst kein übernatürliches Wesen, weder strafend noch rettend, sei in Erscheinung getreten. Jola war sich da nicht sicher. Im Gegenteil könne man gut und gern neue Kulte aufbauen rund um das Ereignis, was immer es gewesen war, sagte sie. Es sei aber, ließ sich Gabriel vernehmen, recht schwierig, etwas so Abstraktes wie das Ereignis oder die Auslöschung anzubieten oder zu fürchten. Er würde sich wundern, wandte Jola ein, was die Menschen alles zu verehren imstande seien. Sie habe das für ihre Familie jedenfalls nicht vor. Hier wird niemand verehrt oder gefürchtet, mit Ausnahme der großen Mutter, scherzte Gabriel. Boris klingte sich ein. Er rieb seine Hände mit einem Geschirrtuch trocken und näherte sich dem Tisch. Worüber ich immer nachdenken muss seither. Ali winkte ihm, damit er sich neben sie setzte. Glaubt ihr, sagte er langsam, es ist seine Strafe gewesen. Das, antwortete Jola mit einem Kopfschütteln, ergibt überhaupt keinen Sinn. Waren wir denn so perfekt, dass ausgerechnet wir dem entgangen sind? Warum meine Mutter und nicht ich? Ali pflichtete ihr bei. Es war wohl kaum ein Zufall, dass alle diese Leute im Keller überlebt haben. Irgendwas dort hat uns geschützt. Keine Ahnung was oder warum. Und bei M. und den anderen Leuten muss es was ähnliches gewesen sein. Gabriel nickte. Jetzt warfen sie alle ihre Überlegungen zum Thema Ereignis ein. Alles, was sie seit Jahren nur in Andeutungen gestreift und selten laut ausgesprochen hatten. Ein extrem rasch wirkendes, zersetzendes Gift oder ein Virus? Außerirdische, kosmische Strahlung? Ein chemisches Element oder Metall in der Erde, das entgegenwirkte, sodass sie ausgerechnet überleben konnten? Aber Boris sah verzweifelt rein. Das ergibt doch alles überhaupt keinen Sinn. Ja, Ali tätschelte seine Hand. Natürlich nicht. Ja, Ali tätschelt aus seiner Hand natürlich nicht. Johanna, Sie beschreiben, muss ich sagen, sehr genau und sehr detailreich den Alltag dieser Gruppe, den täglichen Kampf des Überlebens, aber Sie beschreiben auch sehr genau die zwischenmenschlichen Probleme, die sich auch dabei auftun. Denn es ist eine etwas nicht ganz homogene Gruppe, im Sinne, es gibt viel mehr Männer als Frauen. Das heißt, normale herkömmliche Beziehungen sind da überhaupt nicht möglich. sind da überhaupt nicht möglich. Was aber nicht heißt, dass es Eifersucht und Ängste, Liebe und all das gibt. Die Gruppe lebt jahrelang eigentlich irgendwie isoliert. Sie gehen davon aus, dass es niemanden gibt, der es auch noch geschafft hat zu überleben. Aber dann kommt der Punkt, in dem andere Menschen in ihr Leben treten. Das sind aber Gruppen, die einerseits ihnen freundschaftlich gesehen sind und vielleicht andere Menschen, die ihnen zur Gefahr werden könnten. Zumindest nehmen sie das an. Und angesichts dieser Neuigkeiten und dieser möglichen Gefahren entsteht eine ganz neue Idee in der Gruppe und damit sind wir schon beim dritten Teil unserer kleinen Lesung. Ja, also es gibt ein Treffen mit der Anführerin einer anderen Gruppe und man bespricht, wie es weitergehen soll mit der Gesellschaft. Und man bespricht, wie es weitergehen soll mit der Gesellschaft. Wir brauchen auch etwas Grundlegendes, Schriftliches, wie einen Staatsvertrag. M. schüttelte den Kopf. Eine Art Verfassung, sagte sie. So etwas gibt es ja schon. Man muss nichts neu erfinden und darüber streiten und verhandeln, das ist das Gute. Es ist schon alles da und quasi... Sie suchte nach dem richtigen Ausdruck und ihr Blick richtete sich zur Zimmerdecke. Neutral, unparteiisch, du weißt schon, was ich meine. Jakob nickte. M. stellte ihr Glas ab, um mit den Händen weiter ausholen zu können. Und die Erklärung der Menschenrechte der UNO, Bücher über Grundrechte, das, fand sie, sollte eigentlich fürs Erste reichen und könne als Grundlage dienen. Sie sagte nicht wofür genau, aber er begriff, worum es ihr ging. Eine Generation, vielleicht zwei. Und es war alles nur schimmelndes Papier. An einem fernen Ort. Mit unbegreiflichen Worten darauf. Und alles verloren. Demokratie, Gleichberechtigung, Menschenrechte. das Recht des Stärkeren. Wir sind es den Kindern schuldig, sagte M. Wir sind schon die Letzten, die von so etwas wissen. Danke sehr. Ja, Johanna, Sie wagen einen Blick in eine Zeit oder in eine Zukunft, von der ich ehrlich gesagt persönlich hoffe, dass sie nie eintritt. Ich auch. Nämlich eine Zeit, in der ja alles eigentlich aufhört zu existieren und es nur mehr um das nackte Überleben geht. Jetzt habe ich Sie persönlich als sehr, darf ich glaube ich schon sagen, positive Person kennengelernt. Daher auch an Sie jetzt die Frage, wie kommen Sie gerade bei einem Erstlingswerk auch auf dieses ja doch ziemlich düstere Thema? Ja, zum einen ist es das sicher, zum anderen finde ich, dass es kein düsteres Buch ist. Also ich finde das... Thema, sagte ich, Thema. Ja, stimmt. Aber es gibt das vorangestellte Motto der Margaret Atwood, in jeder Dystopie gibt es auch eine kleine Utopie und ich glaube, dass da auch Chancen drinnen liegen, wenn man sich neu aufstellen und neu organisieren muss. Menschen oder wir alle mit Themen konfrontiert sind, die uns sehr viel darüber nachdenken lassen, wie können wir neu anfangen, wie können wir Dinge verbessern, mit unserer Umwelt, miteinander in Konflikten. Und das ist so ein bisschen eine kleine, die Idee war, so eine kleine Keimzelle zu haben, wo man experimentieren kann. Und dafür musste ich halt leider die meisten, einen Großteil der Menschheit verschwinden lassen. Aber davon abgesehen, finde ich, ereignen sich auch viele gute Dinge oder spannende hoffentlich. Es sind also verschiedene Dinge eingefallen und unter anderem habe ich mich auch erinnert an einen Film, der ist 1983 herausgekommen. Ich weiß nicht, ob vielleicht einige oder etliche von Ihnen den auch kennen. The Day After hat er damals geheißen und da ging es explizit um eine atomare Katastrophe, aber eben auch sozusagen eine komplette Endzeitstimmung. Haben Sie, wie gesagt, bei Ihrem Schreiben sich auch an Vergangenes angehalten oder hat es gereicht, dass man die Welt, so wie sie heute sich darstellt, mit ihren vielen Problemen und mit ihren düsteren Aussichten, hat es gereicht, dass sie davon ausgeht? Naja, es gibt natürlich immer viele Vorbilder, es ist jetzt nicht die erste Dystopie. Ich habe einige gelesen. The Day After habe ich allerdings nicht gesehen. Ich wollte, aber meine Eltern haben es nicht erlaubt. Verstehe ich, es war auch sehr verschreckend. War zu schier, schon der Anfang war irgendwie das Na, Na, Na. Aber ich habe recht viele solche Bücher gelesen. Ja, ich finde, dass Themen in der Art offensichtlich in der Luft liegen. Man sieht es ja in vielen Neuerscheinungen. Es ist einfach auch entspannend. Es ist eigentlich, es wird manchmal Science Fiction gesagt. Ich finde, dass es ganz und gar keine Science Fiction ist, aber Speculative Fiction trifft es vielleicht schon eher, das sagen die Erdwut über ihre Bücher. Dieses Was wäre wenn hat mich interessiert, dieses Neuwürfeln der Voraussetzungen. Wir haben noch einmal auf den Film zurückzukommen, also besonders erschreckend habe ich damals auch gefunden, wie gesagt 1983 kam dieser Film heraus und 1986 gab es ja die große Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, wo auf einmal vieles irgendwie sehr real erschien, wenn Gott sei Dank auch nicht in diesem Ausmaß. nicht in diesem Ausmaß. Ja, wie gesagt, da sind wir bei der Katastrophe in Ihrem Buch, die wie gesagt ja nicht genau beschrieben wird, aber Faktum ist, dass die Zeichen in dieser Welt, die Sie beschreiben, einfach auf Null, auf Anfang gestellt werden und die jungen Menschen, also wir sprechen hier von einer Gruppe von, ich glaube, 20 bis 30-Jährigen oder so, also relativ junge Menschen, die müssen lernen, wie sie aus unserer doch sehr technikaffinen Zeit dann zurückgeworfen werden auf ganz, ganz rudimentäre Dinge. Du musst dich einmal fragen, auch das ist heute schon angeklungen, wie überlege ich überhaupt, wie geht es ohne Strom, wie geht es ohne Treibstoff, wie geht es ohne Straßen, weil alles ist irgendwann mal kaputt, wie bestelle ich die Felder, wie bekomme ich Samen, denn es geht ja nicht darum, dass ich eine Saison überlebe, sondern ich muss ja weiter denken, also wie kann man Hitze, wie kann man Kälte trotzen, eigentlich alles Dinge, ich glaube, ich hätte überhaupt keine Antwort darauf, ich lebe mir wahnsinnig schwer, allerdings, weil Sie sagten positive Dinge, Ihre Gruppe schafft das ganz gut, also ich war da immer wieder überrascht, wie die eigentlich das relativ positiv handeln, trotz allem. glaube, wir sind auch in unserer Gesellschaft hier sehr weit weg von diesen Dingen. Also viele von uns wissen eigentlich gar nicht mehr, wie man Essen anbaut, wie man Pflanzen behandeln muss. Das ist nur noch eine kleine Gruppe, die das übernimmt, die auch stark marginalisiert wird zum Teil. Ich glaube aber auch, dass Menschen, die müssen, die keine Wahl haben, ganz schön viel können und schaffen. Und diese Leute haben ja auch ziemlich bald Kinder, das aufgrund der Umstände in der Gruppe ergibt sich das so. Und für diese Kinder möchten sie eine Zukunft schaffen. Also es geht jetzt nicht darum, irgendwie zu überleben, sondern wirklich vorauszudenken. Und ich glaube, das gibt einem ganz schön viel Energie. Trial and Error ist sehr viel dabei. Sie sind auch nicht ganz zurückgeworfen, Sie haben schon Strom, Sie haben auch noch einen Traktor usw. Eine Zeit lang geht es noch, aber man muss eben immer nach diesem, wenn unsere Vorräte aufgebraucht sind, denken, wenn alles kaputt geht, wie können wir ältere Kulturtechniken wiederbeleben und sie unseren Kindern beibringen. Überhaupt, wie können wir unseren Kindern was beibringen ohne Schule und so weiter. Das sind ganz praktische Fragen. Ein bisschen philosophische auch, hat man ja gesehen und so politische, wenn ich es so sagen kann. Aber ich glaube, der Großteil des Lebens der meisten Menschen dreht sich nicht um Philosophie und Politik, sondern um was gibt es zum Essen, was lernen die Kinder in der Schule, was werden sie anziehen, wenn die ganze Kleidung, die wir haben, auseinanderfällt und so weiter. Ganz elementare Dinge. Aber auch, wie gestalten wir unsere Beziehungen? Es ist ein ziemlich, kann man auch sagen, feministisches Buch. Meine Heldinnen sind ja, die nehmen das Heft in die Hand in der Gruppe. Und das ist auch so ein bisschen die Idee. Wir können vielleicht eine neue Art Familie zu leben auch ausprobieren und kann das gelingen. Ja, weil wir haben ja zwei Frauen in dieser Gruppe und sechs Männer. Ja, in der ersten Gruppe, aber in dieser Urgruppe sozusagen und wie gesagt, ein normales, klassisches Familienleben ist da nicht möglich. Es sind so Patchwork-Strukturen oder vielleicht wie das Leben in einer Kommune, wenn man das so, dass sie eigentlich alle, Sie nennen sie Mamas und Papas, also so werden dann die Erwachsenen definiert. Ist das diese Art, also der Beziehungslandschaft, ist das etwas, was Ihrer Meinung nach einfach eine situationsbedingte Notlösung ist? Oder sehen Sie das auch irgendwie als zukunftsweisendes Modell, als Überwindung althergebrachter Modelle? Teils, teils. Es wird ja schon gelebt. Es gibt ja viele Menschen, die heute ganz anders leben. Es fängt ja schon daran, dass nicht mehr alle Menschen heiraten, obwohl sie zusammenleben, Kinder haben. Das war ja vor einigen Generationen noch völlig undenkbar. Oder dass Frauen ihre Wege gehen, wenn sie dann möchten. Oder Patchwork-Familien. Ich selbst bin in einer Patchwork-Familie. Die Mutter, die Stiefmutter. Zugleich, ich habe mir das überlegt, wie würde so eine Gruppe so junger Menschen damit umgehen, dass zu wenig zur Verfügung steht an einem Gegenüber. Ich bin so geendet, dass sie damit relativ offen umgehen. Es ist sehr sicher auch ganz anders vorstellbar gewesen. Was mir auch sehr wichtig ist in der Geschichte ist, im Punkt des Familienlebens noch, dass es auch eben Kinder gibt, die auch wirklich eine Rolle spielen dürfen, also die nicht nur kurz hergezeigt werden, so wie ein Kind, wie das oft in Filmen und Serien ist und dann gehen sie weg und sind still. Das wollte ich nicht. Ich wollte auch genau beschreiben oder mir überlegen, wie wachsen die vielleicht anders auf? Was haben die für andere Sorgen, Probleme und welche haben sie auch nicht? Sorgenprobleme und welche haben Sie auch nicht? Wir haben zuerst von den elementaren Dingen gesprochen, die natürlich in erster Linie prägend sind, aber in Ihrer dritten Lesestelle haben Sie dann auch von etwas anderem erzählt, nämlich von einer Art neuen Verfassung, von einem möglichen Staatsvertrag. Das klingt jetzt ein bisschen hochtrabelt, aber bedeutet nichts anderes, als dass es offensichtlich nach einer gewissen Zeit, vor allem dann, wenn andere Menschen noch einmal auf die Bühne treten, dass es doch so etwas braucht wie eine Ordnung, wie eine Regel, eine neue Gesellschaftsordnung. Wie könnte die aussehen? Oder wenn Sie jetzt unsere derzeitige, wenn man so will, Gesellschaftsordnung anschauen, ist die befriedigend? Müsste sich da was ändern? Also ich, grundsätzlich finde ich Demokratie schon eine sehr gute Sache. Es ist nicht perfekt, sie hat ihre Schwächen, aber ich glaube, dass wir bisher noch keine Regierungsgesellschaftsform gefunden haben, die besser funktioniert. Also, denke ich, also suchen meine Protagonistinnen, vor allem diese eine Figur, die zum Schluss vorkam, M., die sehr danach strebt, eine neue Gesellschaft oder überhaupt wieder Gesellschaft ins Leben zu rufen, damit es eben Regeln gibt. Denn es gibt Menschen, die halten sich an keine, dieser anfängliche Überfall zeigt das ja, also Menschen, die da versuchen in der Lage halt alles rauszuholen und einfach nur plündern, aber es gibt auch andere, zumindest hoffe ich das, dass es die meisten wären, die versuchen sich zusammenzuraufen, einander zu helfen, was Neues zu schaffen, indem man aber auch das Alte nicht ganz aufgibt und vergisst. Deswegen sagt sie ja, wir brauchen ja nichts Neuerfinden. Wir müssen, was unsere Aufgabe, die Aufgabe unserer Generation ist, das herüberzuretten, was wir schon geschafft haben, damit die Kinder nicht von vorn anfangen müssen. Möglichst viel, auch technologisch gesehen. Also vielleicht landen wir ja nicht gleich wieder in der Steinzeit oder im Mittelalter mit Pflügen und Pferden, sondern vielleicht schaffen wir ja die Neuzeit mit der Dampfmaschine usw. Also das geht schon sehr ins Detail, aber das sind Details, die mich halt sehr interessiert haben. Eine Frage noch, bevor ich an Sie weitergeben möchte. In Ihrer zweiten Stelle geht es auch um Ostern, beziehungsweise eigentlich um Nicht-Ostern. Und dass dieses Fest nicht gefeiert wird, liegt nicht nur daran, dass sozusagen der Zeitbegriff verloren geht in so einer neuen Welt, sondern man hat sich auch irgendwie von etwas verabschiedet. sondern man hat sich auch irgendwie von etwas verabschiedet. Sie arbeiten ja für die Religionsabteilung im Online-Bereich, also haben ja beruflich auch viel mit Religion zu tun. Welche Rolle kann und soll denn die Religion oder die Religionen, welche sollen die spielen, Ihrer Meinung nach? Ja, man sieht es auch an der Stelle vor Ostern recht gut, wie die Kinder dann mit Themen wie Tod und Sterben umgehen und dass sie da ihre eigenen Rituale entwickeln oder nicht ganz eigen wahrscheinlich, weil die Eltern geben ihnen sicher etwas weiter. Und dahinter steht natürlich schon die Idee, dass den Menschen eine gewisse Spiritualität vielleicht mitgegeben ist oder innewohnt und dass sich das immer wieder Bahn bricht, auch wenn es keine regulierte Religionsausübung mehr gibt. Aber ich habe es nicht ganz unplausibel gefunden, dass diese Gruppe, die sind alle mehr oder weniger unreligiös, dass sie das aufgeben. Und bei Ostern ist es halt extrem. Jeder weiß, wann Weihnachten ist, das feiern sie auch, weil es nett ist. Aber Ostern ist total schwierig zu berechnen. Also ich habe irgendwann mal gelernt, wie es geht, aber ich könnte das nicht. Und das ist dann auch wieder ein gewisser Respekt davor zu sagen, na ja, wir können es nicht mehr richtig machen, also lassen wir es einmal. Das finde ich auch eine mögliche Haltung. Wenn es also keine Religionen mehr gibt, was sollte denn dann im Sinne der Sinnstiftung an den Platz von Religionen treten oder ist dann in solchen Situationen für Transzendenz eh überhaupt kein Platz mehr? sondern für Transzendenz E überhaupt keinen Platz mehr. Was sollte? Ich möchte die Welt erklären oder sagen, was sie zu tun haben. Die sollen sich unterhalten, wenn sie das Buch lesen. Das ist mein erstes Ziel. Vielleicht können sie ja das eine oder andere mitnehmen, worüber man nachdenken kann. Ja, was soll denn die Stelle von Religion treten? Ich sehe nicht, dass Religion sobal bald verschwindet, sie verändert sich. In Österreich ist sie am Rückzug, woanders ist sie das nicht. Wenn irgendwas an die Stelle treten kann und soll, dann ist es ganz sicher Humanismus, aus meiner Sicht. Wie gehen wir mit den Menschen um, die uns umgeben, mit den Freunden, Familie, aber auch mit Fremden? Wie können wir gut miteinander leben? Das Ethik mit einem Wort. Das sind unsere zentralen Fragen derzeit. Ja, Johanna, erstmals vielen herzlichen Dank. Gerne. Ja, wir haben, ich habe ja zeitliche Vorgaben natürlich auch einzuhalten. Wir haben noch ein bisschen Zeit und ich würde mich freuen, wenn Sie, Sie haben jetzt Einblick bekommen in beide Bücher, die beide sehr interessant sind. Ja, ich denke, da sind einige Fragen aufgekommen. Vielleicht hat auch jemand den Mut, diese Fragen zu formulieren. Ah, bitte, Verena. Die beiden Autorinnen sind bereit, Rede und Antwort zu stellen. Ja, bitte. Warum war das Buch ein englisches Titel, der mir eingefallen wäre, nur einen Teil davon vertreten hat. Und That's Life in Dystopia ist tatsächlich ein Zitat, das eine Hauptfigur ganz am Anfang ausspricht, also einen Satz, den sie sagt, so ironisch sagt, was ziemlich Eigenartiges passiert. Eins der ganz kleinen Kinder hat sich so verhalten, wie man sich halt vielleicht in so einer Situation verhält. Ein Fremder kam nach Hause und das kleine zweijährige Kind sagt zur Mutter, hol das Gewehr, erschieß den. Und dann sagt die andere, that's life in Dystopia. Also es ist aus dem Text heraus geboren. Ich weiß, es ist ungewöhnlich, dass ein deutschsprachiges Wort einen englischen Titel hat, aber es schien meiner Lektorin und mir sehr gut zu passen. Hat noch jemand Mut? Bitte? Ja. Ich wollte die Recherche noch einmal umzunehmen. Bitte? Die Recherche zu den Ideen. War das viel Arbeit? Ja. Hast du da auch selber geschaut, wie bewirtschaftet man einen Garten? Ja, ich habe einen Minigarten. Also ich weiß schon ein bisschen, wie man Tomaten pflanzt. Ich kann aber kein Feld bestellen, ich kann keinen Traktor fahren. Würde ich gerne mal ausprobieren, aber nein, gewisse Dinge muss man sich immer anlesen. Man kann nicht alles ausprobieren. Hast du Diskussionen mit Freunden? Das weniger. Nein, ich habe viel gelesen. Viele, viele Bücher gelesen, auch viel im Internet nachgeschaut. Zum Beispiel Jagd, das spielt eine große Rolle im Buch, das ist gar nicht vorgekommen. Da musste ich mir sehr viel anlesen. Mein Vater ist zwar Hobbyjäger und wir haben einen riesen Sauschädel im Vorzimmer hängen, aber ich wusste nicht viel über Waffen und Kaliber und so. Und da war ich sehr vorsichtig, dass ich das nicht... Also ich finde, man muss, wenn man so was macht, dann schon auch investieren in Recherche. Aber das macht Spaß, das hat auch Spaß gemacht. Man lernt ja auch selber sehr viel dabei. Es tun sich ganz neue Universen auf, wenn man so recherchiert. Ja, bitte, es geht doch. Nur keine Angst. Super. recherchiert. Ja, bitte, es geht doch, nur keine Angst. Super. Ja, bitte, bitte, bitte. An dem habe ich ziemlich genau zehn Monate geschrieben. Dann gibt es aber natürlich noch Korrekturschleifen, wie ich das nenne. Also meine Lektorin sagt dann, nein, das nicht. Und dann sage ich, was, doch, und so weiter. Und so spricht man sich dann zusammen. Und das würde ich sagen, dauert auch noch mal vier, fünf Monate, alles in allem. Und haben Sie den Verlag schon am Anfang gehabt? Nein, ich habe ehrlich gesagt nicht einmal gewusst, dass es ein Roman wird am Anfang, dann habe ich mir gedacht, ja, das gebe ich jetzt meinem Mann und meiner Freundin, allen, die sich nicht wehren können, und die fanden es gut, und dann habe ich mir gedacht, ich schicke es ein paar Verlagen, und das hat auch ganz schön lang gedauert, es ist nicht einfach, einen zu finden. Ich habe über ein Jahr gesucht, und dann bin ich zum Glück bei Möhrer Salzmann gelandet. Jetzt stelle ich an dieser Stelle die Frage auch an Sie, wie war das bei Ihnen? Wie lange hat dieser, ich bin das auch immer gefragt worden, aber noch einmal, Sachbücher sind eine ganz andere Geschichte. Wie war dieser Entstehungsprozess bei Ihnen für diesen ersten Roman? Relativ kurz, muss ich sagen. Also vieles ist im Kopf und man weiß jetzt gar nicht, dass das da ist. Und wenn man die Zeit dann hat, das niederzuschreiben, braucht man gar nicht so viel Zeit dafür, weil es eben da ist. Man muss sich nur die Zeit freischaufeln, dem auch Raum zu geben. Und ein paar Monate, würde ich auch sagen, aber ein, zwei intensive Monate, die habe ich auch über ein Stipendium verbringen dürfen, ein literarisches, weil dieses Projekt gefördert wurde vom Landtuch Österreich, vielen Dank. Und da ist auch das meiste entstanden, also wirklich die ganze Grundstruktur und dann war nur mehr Feinarbeit und die Schleifen genau, die Johanna erwähnt hat, die dann halt kommen mit dem Verlag und Lektorat. Also jenseits des Schreibprozesses dann eigentlich noch, klar, das dauert auch. Wir haben auch eine Frage, vielleicht an beide, ob man empfindet man denn so gut als Erfolg? vielleicht dann beide, ob man empfindet man denn so gut als Erfolg? Also ist es, wenn man es dann für lang untergebracht hat, das ist aber gedruckt, müssen wir auch ein Stück verkauft sein? Eine wirtschaftliche Frage. Magst du zuerst vielleicht, Verena? Ja, dann fange ich an. Ich finde, es ist schon mal ein Wahnsinns-Erfolgserlebnis, wenn man es selber fertig empfindet, also das Manuskript abgeschlossen ist. Das ist schon mal ein Wahnsinns-Erfolgserlebnis, wenn man es selber fertig empfindet, also das Manuskript abgeschlossen ist. Das ist schon mal der erste Meinstand. Und dann der nächste sicher der Verlag, dass es einen Verlag nimmt. Verkaufszahlen, klar, aber nicht an erster Stelle. Also das Buch in den Händen zu halten, ist eigentlich das größte Gefühl. Wenn man Bücher liebt, dann ist das einfach wunderschön. Ja, dem kann ich mich anschließen. Also es ist aber, es ist schon schön, wenn es sich verkauft, so ist das nicht. Also viele, übrigens, sie können Bücher erwerben. Nein, es ist einfach faszinierend, die Vorstellung, dass da irgendwas in meinem Gehirn gewuchert ist und gewachsen ist und ich habe das irgendwann hingeschrieben in einem Rausch, mitten in der Nacht, wenn ich halt Zeit habe nach Jobkindern und so. Und dann gibt es so viele Leute, die das aufschlagen und dann wahrscheinlich ganz was anderes lesen oder es auf ihre Art lesen und das ist dann eine Geschichte in ihrem Gehirn und das finde ich total faszinierend. Und wenn ich Rückmeldungen bekomme und jemand mir sagt, so und so habe ich das aufgefasst, das finde ich spannend. Genau, wenn es ankommt bei Lesenden, das ist spitze. Also wenn man einfach merkt, jemand hat es was gegeben, was mir oft ein Buch gibt, dann ist das großartig. Jetzt habe ich noch eine Frage, oder hat jemand aus dem Publikum noch eine Frage? Ich will niemanden übergehen. Bitte, fragen Sie. Sonst habe ich noch eine Frage, und zwar, wir haben im Titel von Johanna Grillmeiers Roman die Dystopie, und wir haben am Anfang gehört, es gibt ja jetzt gerade, es ist vielleicht eine Art kleine Gattung, die da entstanden ist. Und das entsteht ja nicht aus dem Nichts. Und ich frage mich immer oder relativ häufig, gerade in einem Land wie Österreich, Dystopien, ja, die drängen sich auf angesichts der Weltsituation, aber manchmal habe ich auch das Gefühl, als würde in einem Land wie Österreich sozusagen die Realität und die eigene Wahrnehmung etwas auseinander driften. Denn wenn man die Geschichte unseres Landes hier ansieht, muss man sagen, ist es in den letzten Jahrzehnten in jedem Fall eine Erfolgsgeschichte, wenn man es auch ökonomisch betrachten will. Und trotzdem gibt es wahnsinnig viel Unzufriedenheit, viel Nörgeln, etwas, das der Realität ja gar nicht entspricht. Und dann frage ich mich, ich meine, ich bin ja auch Journalistin, woher kommt auch oft so viel Negativität? Jenseits aller Fakten, die natürlich gegeben sind. Und ich habe schon ein bisschen auch das Gefühl, dass der Journalismus, wie er heute gepflegt wird, auch extrem dazu beitragt. Wir wissen natürlich, es gibt diese Aussage, only bad news is good news. Das heißt, es kommen eigentlich nur negative Sachen in die Schlagzeilen, aber ich finde, ganz ehrlich gesagt, es wird oft wirklich übertrieben. Und jetzt frage ich mich natürlich auch, es ist ja in Ihrem Motto sogar schon angeklungen, bräuchte es neben so viel Dystopie nicht vielleicht auch wieder etwas mehr Utopie? Und diese Frage stelle ich jetzt an Sie beide. eine harte Frage, also eine große Frage. Ja, sicher. Natürlich würden wir viel mehr Utopie brauchen. Wir bräuchten Visionen. Ich weiß nicht, sehe das zurzeit in der Politik bei uns wenig. Das war sicher auch schon mal anders. Aber auch über das Land hinausgehende Entwürfe, wie können wir die Klimakatastrophe beenden oder abschwächen? Ich sehe keine Visionen. Dass uns alles so dystopisch vorkommt, ist kein Wunder. Und ja, die Medien haben sicher einen Anteil daran. Ich möchte das jetzt gar nicht schönreden. Andererseits gibt es die Dinge. Und wenn Krieg ist in Europa oder auch in der Nähe, in Nahost, darüber zu schweigen geht auch nicht. Also das sind die Dinge, die wir den Leuten halt auch oder die Medien den Leuten halt auch mitgeben müssen. Aber gleichzeitig muss man, finde ich, auch versuchen, dem Negativen sozusagen zuzugesellen, weil man sonst wirklich verzweifelt. Aber es gibt schon auch noch ein paar gute Nachrichten, auch im ORF. So soll es bleiben. Ja, also der Nährboden ist sicher gegeben für Dystopien, mehrfach. Das glaube ich auch, also nicht nur aufgrund der medialen Berichterstattung, sondern sicher auch aufgrund der Digitalisierung, aber ich will das jetzt nicht verteufeln, sonst komme ich mir wirklich auch alt vor, zu sagen, dass es früher besser war, weil es war nicht früher besser, wie man auch im Dorf ohne Fragen sieht, aber Träume zu eröffnen und die sich zu behalten und auch weg von dem Negativen zu kommen, ist sicher eine Aufgabe, wenn wir uns die Informationsflut anschauen, die auf uns täglich einbricht und da irgendwie das Gute zu sehen in einem Land, in dem es eigentlich wirklich sehr gut zu leben ist, ist sehr schwierig. Also auch die einfachen Dinge wieder zu schätzen, sich den Raum zu nehmen und auch das Wert zu schätzen, was man hat, ist sicher gefordert, aber grundsätzlich glaube ich schon, dass jeder, der schreibt, auch immer aus der Situation heraus schreibt, weil er mit gewissen Umständen nicht zurechtkommt, oder auch, man kann nicht nur vom Glück und von den guten Zuständen schreiben, es ist halt immer etwas, mit dem man auch kämpft, und dadurch entstehen halt auch Romane, die teilweise vielleicht düster rüberkommen, aber einfach das Ergebnis auch dieser Kopfarbeit sind und das, was man eigentlich mitteilen möchte und ein bisschen anprangern möchte oder zeigen möchte. Ja, dann bedanke ich mich einstweilen ganz herzlich, gebe das Wort wieder weiter an, oder zurück an Stefan Gögelberg. zurück an Stefan Gögelberg. Vielen Dank an die drei Damen. Ich denke, es war ein sehr aufschlussreicher und interessanter Abend. Danke, Johanna Grillmeier, danke, Verena Tolloway, danke auch unserer Moderatorin Mathilde Schwabeneder. Ganz hinten ist der Büchertisch von der Buchhandlung Alex aus Linz betreut. Die Autorinnen sind gerne bereit zu signieren. Das Literaturcafé steht Ihnen offen für ein Getränk. Und in eigener Sache, wir haben nicht nur das Brucknerjahr, es gibt auch noch andere Jubiläen zu feiern. Zu feiern ist gut beim Todesjubiläum, oder? Aber zum 100. Mal jährt sich das Todesjahr von Franz Kafka, wie Sie vielleicht wissen. Und am Montag gibt es hier im Stifterhaus einen Vortrag von dem Kafka-Spezialisten, nämlich von Rainer Stach, ein Kafka-Biograph. Der Vortrag trägt den Titel Kafkas Begabungen. Und der Abend wird moderiert von Johannes Jetschko. Vielleicht weckt das Ihr Interesse. Ansonsten bedanke ich mich für Ihr Kommen. Bleiben Sie uns gewogen und kommen Sie wieder. Vielen herzlichen Dank. Danke.