Die Veranstaltung zu Christine Lavant des Robert-Musil-Instituts und Professor am Lehrstuhl für Theorie und Geschichte des literarischen Lebens an der Universität Klagenfurt, wird seine Ende 2023 im Wallstein Verlag Göttingen erschienene Biografie zu Christine Lavand vorstellen. Ich bin maßlos in allem. Das Buch ist mittlerweile bereits in die zweite Auflage gegangen. Privatdozentin Daniela Striegel, auch sie eine Biografin, nämlich die von Marlen Haushofer und Marie von Ebner-Eschenbach, wird mit Klaus Ammann das Gespräch führen. Wir freuen uns sehr über so besonderen Besuch und begrüßen Klaus Ammann und Daniela Striegl hier im Hause Adalbert Stifters, das auch das Haus der Amalia Stifter, geborene Mohaupt ist. Das soll aus gegebenem Anlass auch einmal gesagt sein. Sehr herzlich. Wie schön, dass ihr beide, Daniela und Klaus, da seid. Danke. Danke. lebensösterreichischer Autorinnen beleuchtet haben. Thema waren Werkausgaben, fehlende wie geglückte, wie auch edierte Briefwechsel, die tief ins Biografische hineinreichen, wenn sie auch gleichermaßen als Teil eines literarischen Werkes zu lesen sind. Sammlungen von Lebensgeschichten berühmter Menschen, um nicht zu sagen berühmter Männer, haben eine lange Tradition. Das Herausragende will bewahrt und gewürdigt die Heldentat nicht nur erinnert, sondern ihr Geheimnis, wenn möglich, ein wenig gelüftet werden. Biografien zeichnen einen Lebensweg nach, von der Geburt zum Tod bis hin zum Nachruhm. Sie stellen Leben in historische, soziokulturelle und alltagsgeschichtliche Zusammenhänge, betten einen Lebenslauf ein in begleitende Kommentare. Sie erzählen von einem Leben und versuchen es gleichzeitig auch zu erklären. Zur Autorisierung verweisen sie auf Dokumente, Gewehrspersonen, Selbstaussagen und ähnliches. In diesen unterschiedlichen Zeugnissen sind Momente an Wahrheit wie vielfältige Möglichkeiten des Missverständnisses aufgehoben. Es liegt in der Kunst der Deutung zu entscheiden, was ein Eingefangener einem Dokument eingefrorener Augenblick über das größere Ganze auszusagen vermag. Während die sozusagen klassische Biografie sich etwa in der Romanbiografie einlebt ins andere Leben, ihm besonders nahe kommen möchte in einer Art von Einfühlung, die sich als bestens recherchierte Zeugenschaft, wenn nicht Innensicht, präsentiert, so gibt es auch andere Zugänge, die bewusst das Fragmentarische, das Lückenhafte stehen lassen, die versuchen möglichst oft, die oder den Besprochenen selbst zu Wort kommen zu lassen. Um einen solchen Zugang handelt es sich bei der Biografie von Christine Lavand von Klaus Amann. Sie bietet biografisches, sorgsam ausgewählte und umfassend kommentierte Materialien, die vielfach Lavand eben selbst sprechen lassen. In Auszügen aus ihren Briefen an unterschiedliche Empfängerinnen und Empfänger zeigt sich Identität in einem jeweils konkreten Moment, nicht als etwas Stabiles, als etwas in sich Einheitliches, wie wir es vielleicht erhoffen, auch für uns, und als Fiktion aufrechterhalten. Schwankungen innerhalb von Beziehungen bilden sich auf diese Weise ebenso ab, wie sich auch das jeweils andere Gesicht zeigt auf den unterschiedlichen Feldern, in denen ein Ich sich bewegt. Leben wird in seiner Gesamtheit als brüchiges und als doch etwas, das sich zu einem in sich Zusammengehörigen fügt, spürbar. Vielleicht wird das anschließende Gespräch ein wenig auch theoretischen Fragen zur Theorie und Geschichte der Biografie nachgehen. In jedem Fall werden wir Christine Lavant begegnen, in unterschiedlichen Zeiten ihres Lebens und in wenigen Jahren ihres Schreibens. Ihnen allen einen schönen Abend mit zwei Damen und Herren. Ich freue mich sehr, dass ich hier an der Seite von Klaus Amann sozusagen auch die Stimme von Christine Lavant spielen darf. Ich habe dieses Buch mit Faszination und Begeisterung gelesen. Begeisterung gelesen. Es ist ein, wir werden sicher darüber sprechen und Peter Maria Dalinger hat es ja schon skizziert, es ist ein biografisches Mosaik oder biografisches Porträt und eben keine konventionell erzählte Lebensgeschichte. und das Buch verrät einerseits eine profunde Kenntnis des Werks, die Klaus Amann als Mitherausgeber der Ausgabe, der Lavant-Ausgabe natürlich hat, aber andererseits auch ein Gespür für Dramaturgie und das schlägt sich auch in der Auswahl der Textstellen nieder, Und das schlägt sich auch in der Auswahl der Textstellen nieder, die Klaus Amann für heute vorgenommen hat. Und die werden den roten Faden für unser Gespräch bilden. Wir werden dann unterbrechen und Klaus Amann wird die nötigen Zusatz- und Hintergrundinformationen zur Verfügung stellen. Sie haben sicher einiges von Christine Laband gelesen. Sie werden einiges von ihrem Bild kennen und das eine oder andere aus ihrer Lebensgeschichte schon gehört haben. Aber in diesem Buch gibt es wieder ganz neue Facetten und ganz neue Seiten zu entdecken und ich freue mich schon, dass das hier auch zu hören sein wird im O-Ton. Bevor wir in die Lesung einsteigen, möchte ich gerne das anknüpfen, was Petra Maria Dallinger gesagt hat und einfach dich direkt noch fragen, waren deine Beweggründe für dieses Modell ähnliche wie angedeutet? Also eine bewusste Abkehr von dieser Erzählung von der Wiege bis zur Bahre, weil das besser zu dem Gegenstand, zu der Dichterin Christine Lavand passt oder aus prinzipiellen Überlegungen einer begründeten Skepsis gegenüber der Biografie? Dazu gleich, davor zwei andere Sätze. Ich fühle mich sehr geehrt und freue mich sehr, am Internationalen Frauentag oder am Vorabend diese Veranstaltung mit Christine Lawand und Daniela Striegel machen zu dürfen. Auch deshalb, weil ich mit Daniela Striegel viele Jahre im Beirat der Christine-Lawand-Gesellschaft gesessen bin, im Literarischen Beirat und wir gemeinsam viele Jahre über die Christine-Lawand-Preisträger und Preisträgerinnen entschieden haben oder die Vorschläge gemacht haben, die dann eben auch akzeptiert wurden. Vorschläge gemacht haben, die dann eben auch akzeptiert wurden. Und das heißt, es verbindet uns sozusagen auf dem Gebiet Lawand schon eine lange Geschichte. Und ich freue mich, dass gerade du, Daniela, heute mit mir hier sitzt in Linz, wo ich übrigens besonders gerne bin, auch als Mitglied des Stifterinstituts. Zur Frage der Biografie. Beides spielt eine Rolle, die Skepsis gegenüber einer geschriebenen, einer erzählten Biografie, weil sie letztlich doch immer die unterschiedlichen biografischen Materialien und die literarischen Texte, die von einem Menschen übrig bleiben, dann sozusagen unter einen Blickwinkel stellt. Unter den Blickwinkel des Biografen, der natürlich in den meisten und in den idealen Fällen auch der ist, der am meisten weiß von dieser Person. Aber letztlich ist es doch eine Perspektivierung durch jemanden, der diese ganzen Materialien und Texte und Dokumente, die es gibt, dann sozusagen in ein Bild hineinpasst, das sein Bild ist. Und es ist ja sehr bekannt, dass bei vielen bedeutenden Autorinnen und Autoren es nicht die eine Biografie gibt, sondern schauen Sie sich das an, bei Goethe oder bei Kafka oder bei vielen anderen. In vielen Fällen gibt es zehn verschiedene Biografien und man kann als Leser eine Lieblingsbiografie haben, aber keine wird sozusagen die Wahrheit als Ganze enthalten. Der zweite Punkt ist, dass es bei Christine Lavant eine besondere Situation gibt, dass sie im Grunde genommen alles Persönliche, alle persönlichen Schriftstücke mehr oder minder vernichtet hat. Sie hat sehr, sehr viele Briefpartner gehabt, sie hat schon als Jugendliche geschrieben mit ihrem Augenarzt, der das Augenlicht gerettet hat, hat sie sofort einen Briefwechsel begonnen und gleich auch noch mit der Frau des Augenarztes. Und das zieht sich dann durch das ganze Leben hin, es gibt relativ viele Briefpartner und Briefpartnerinnen, auch Leute, die ihr geschrieben haben und wo sie dann antwortet. Und das Interessante ist, sie hat, aus welchen Gründen auch immer, ein Grund war sicher Platznot, denn sie hat ihr ganzes Leben lang in einer Dachkammer mit 18 oder 20 Quadratmetern gelebt, mit ihrem Mann gemeinsam. Und sie hatte einfach keinen Platz. Es wird auch von Besuchern erzählt, die immer gesagt haben, wenn man sie besucht hat, vor der Wohnungstür, es war eine Dachkammer mit Dachschräge, standen immer Schachteln und Koffer und Dinge, die sie in ihrem Wohnraum, es war im Grunde genommen ein großer Wohnraum, Sie in Ihrem Wohnraum, es war im Grunde genommen ein großer Wohnraum, ohne fließend Wasser, ohne Heizung, ohne WC, da musste es ins Nebenhaus hinübergehen. Man konnte in dieser Wohnung alle diese Dinge nicht aufbewahren und deshalb ist sehr wenig übrig geblieben, sie hat viel vernichtet. Interessanterweise von all den Briefwechseln, die sie gehabt hat, auch mit bedeutenden Leuten wie Martin Buber oder Nelly Sachs oder so, sie hat alles vernichtet. Nur von einem einzigen Menschen hat sie die Briefe aufbewahrt und das war Werner Berg, der Maler, mit dem sie zwischen 1950 und 1951 eine Liebesbeziehung hatte. Das wird heute eine große Rolle spielen. Das heißt, wir haben sehr viele, wir haben ihre Briefe, sind mittlerweile auch im Zuge unserer Gesamtausgabe oder unserer Werkausgabe, die wir gemacht haben, sind viele, viele Briefe aufgefunden worden, wahrscheinlich an die 50, 60 Briefpartner und Briefpartnerinnen hat es gegeben, darunter natürlich auch weniger bedeutende. Die Briefe sind, soweit sie bekannt sind, in den österreichischen Literaturarchiven und dort habe ich sie angeschaut. und die Briefe mit Werner Berg, also der einzige vollständig erhaltene Briefwechsel, ist dem Musil-Institut, gehört dem Land Kärnten und ist dem Musil-Institut, das ich eine lange Zeit geleitet habe und wo auch die Werkausgabe dann gemacht wurde. Das heißt, die einzigen authentischen Dokumente über ihr Leben, die wir haben, sind die Briefe, die sie selber geschrieben hat. Und ich habe lange darüber nachgedacht, wie man eine Biografie schreiben könnte über sie. Und ich bin letztlich zu dem Schluss gekommen, am ehrlichsten ist es, die Lücken, die es gibt, bestehen zu lassen, aber das, was wir authentisch von ihr wissen, und das sind ihre eigenen Aussagen über ihr eigenes Leben, das sind ihre Briefe, ihre Lebensdokumente, das sind Berichte von Freunden und Freundinnen, das sind Rezensionen. Wenn man das alles zusammenträgt und es chronologisch ordnet, dann hat man zwar Lücken, aber was in diesen Lücken passiert ist, können wir vielleicht rekonstruieren, ausfüllen. Das habe ich dann in meinen Kommentaren getan. Also es gibt in diesem Text, in diesem Buch eigentlich, es gibt zu einem hohen Prozentsatz Ihre eigene Stimme. Das sind Ihre Briefe an verschiedenste Briefpartner. Das Zentrum bildet der Liebesbriefwechsel mit Werner Berg. Dann gibt es Äußerungen von anderen über Sie, aus der Familie, aus Bekannten. Dann gibt es die Rezensionen. Dann gibt es Äußerungen von Kollegen, Thomas Bernhard zum Beispiel, mit dem sie, ich weiß nicht, ob man mit Thomas Bernhard befreundet sein konnte, aber mit dem sie eine enge Beziehung hatte und der sie mochte und sie mochte ihn auch. Und das wird, wenn es ihnen zu lang wird, dann können Sie auf diesen letzten Text von Thomas Bernhard warten, der kommt ganz am Schluss. Aber das ist ungefähr die kurze Antwort. Die lange Antwort ist da drin. Jetzt fangen wir mit der mittleren Antwort an. Christine Lawand an Maria Westkrone, 14.05.1957 Meine Eltern stammen beide von sehr alten Familien, bäurischen Familien ab. sehr kurzer Zeit noch ein vollständig von aller Welt abgeschlossener Talkessel, was zu sehr vielen Familien heiraten und daher in Zucht führte. Dies ergibt ein sehr sonderbares Schicksalgefüge, das für mein Empfinden sehr an nordische Sargas erinnert. Jedenfalls lieferte das Lavantal bis vor kurzem wohl noch den größten Prozentsatz an irrsinnigen Idioten und Selbstmördern. Meine Kindheit bestand aus lauter Einblicke in solch abgründig, abgründiger, zumeist aber mit einem Wirbel von Humor umgebene Schicksale. Mein Vater, Georg Thonhauser, angeblich von einem sehr alten Geschlecht, Dannhäuser abstammend, war hier in St. Stephan Bergerbeiter. Damals verdienten die Bergerbeiter noch nahezu nichts und galten unter den Bauern als etwas Minderwertiges. Hier waren neun Kinder, das heißt sieben, weil zwei früh gestorben sind. Mutter, auch von einem alten und ganz überzüchteten und verarmten Bauerngeschlecht stammend, musste für die Bauern nähen und stricken. Da wir nur eine einzige Stube hatten und ich immer krank und zu Bett war, wickelten sich alle Gespräche vor meinen Ohren ab. wickelten sich alle Gespräche vor meinen Ohren ab. Mutter war nämlich für alle anderen eine Art Beichtiger. Das Elend des ganzen Dorfes ran bei ihr zusammen. Aber es wurde, sobald es in unserer Stube sich auslegte, irgendwie verwandelt. Ich kann dies schwer erklären. Vielleicht stand Mutter unbewusst immerfort auf zwei Ebenen zugleich. Man musste nur ihr Gesicht sehen, wenn sich die Kundschaften ihrer Tragikomödien entledigten. Manchmal war ich nämlich neben Mutters Nähmaschine auf das Fensterbrett gebettet, weil ich ja skropholos war und viel Sonne bekommen sollte. Waren wir allein, dann sang Mutter meist Kirchenlieder, ganz alte, ganz seltsame. Dann war ihr zartes, abgezehrtes Gesicht in sich verschlossen unter der überhohen Stirne. Ich habe Mutter nie wirklich Essen sehen. Sie hat immer nur das für sich behalten, was sie von dem Boden der Hefe noch abschaben konnte. Wenn es klopfte, ging meist schon eine schnelle Veränderung in ihrem Gesicht vor. Ihre Augen kamen von innen zurück und wurden wach und tapfer. Mit diesen Augen konnte sie dann alles überstehen. Ehebruch, Totschlag, Kindsmord, Brandstiftung, Grenzsteinverschiebungen, Gespenstererscheinungen, Unglücksfälle, Klarkendel, Irrsinnsausbrüche, Todfeindschaften. Dies alles wurde immer mit dem Einsatz des ganzen Herzens und der ganzen Fantasie und zumeist unter Verwendung vieler verstümmelter Fremdworte vorgebracht und es wurde immer wieder in allen Abarten geweint und geflucht und geschworen. Mutter nahm das alles hin, ohne je mitzuweinen, Mutter nahm das alles hin, ohne je mitzuweinen, mitzufluchen oder auch nur mitzuschimpfen. In ihren Augen stand dann das innerste Gefüge des Dorfschicksales, aber verwandelt von einer strahlenden, fast übermütigen Demut. Manchmal rückte sie alle Verzweiflung oder Verwirrung für sich und für die anderen mit dem einfachen Satz zurecht, der liebe Gott ist kein Hausstock. Idiot. Fast in jeder Familie gab es einen oder mehrere davon. Und er wird schon wissen, was er tut. Viele von den Kundschaften fielen der Mutter beim Abschied jedes Mal unter den Hals und versprachen ihr Gotteslohn, was sehr oft auch das Einzige blieb, was sie für die Arbeit bekam. Am geizigsten waren aber die großen Bauern, mit denen wir zum großen Teil auch noch verwandt waren. Als ich im Kriegsjahr 1915 auf die Welt kam, mussten meine größeren Geschwister täglich stundenlang zu den Bergkeuschlern gehen, um für mich etwas Milch zu bekommen. Am Anfang haben wir zwei längere Stücke. Das eine ist sozusagen die Schilderung der Familiensituation. Und die Situation ist nicht nur durch Armut geprägt. Der Vater war im Krieg, als sie auf die Welt kam. Sie ist 1915 geboren und die Mutter musste diese große Familie durchbringen. Das Prägende ihrer Kindheit sind ihre Krankheiten. Sie hatte die sogenannte Skropholose, wie man das damals nannte, eine Art Haut- und Haut-Tuberkulose, die sich auf die Lunge schlägt, auf die inneren Organe, die Narben hinterlässt etc. Und ich glaube, sie war durch diese sehr schwache körperliche Konstitution dazu kam, dass sie immer Ausschläge hatte. Und in der Schule, die Mitschülerinnen riefen ihr nach, blinde, krezige Krott. Also die Ausschläge hatten sich auch auf die Augen übertragen und sie sah praktisch vom Kind auf sehr, sehr schlecht. auf sehr, sehr schlecht. Und das Ganze hat für dieses Mädchen eigentlich, glaube ich, ich würde mal sagen bis zu ihrem 20. Lebensjahr und vielleicht sogar darüber hinaus, einerseits zu einer großen Instabilität geführt, zu einer psychischen Instabilität, auch zu einem Gefühl sozusagen unglücklich ausgestattet zu sein, anders zu sein als die anderen Kinder. Der große Vorzug war, dass sie sehr begabt war und dass sie in der Schule, der dreiklassigen Volksschule, dass sie dort sofort aufgefallen ist und einen Lehrer hatte, der zwar ein Batzen Nazi war, aber der auf sie geschaut hat und der sie sogar irgendwie in die Hauptschule dann bringen wollte nach Wolfsberg, was aber auch aus gesundheitlichen Gründen nicht gegangen ist. Und daraus resultiert, dass sie, wir sind jetzt, wenn sie 1915 geboren ist, also Mitte der 20er Jahre, Ende der 20er Jahre, in der größten Wirtschaftskrise. Das heißt, sie konnte aufgrund ihrer körperlichen Konstitution und aufgrund der wirtschaftlichen Verhältnisse, sie konnte keine Lehre machen, sie konnte keinen Beruf lernen. Sie ist im Grunde genommen daheim gesessen und hat ihrer Mutter geholfen und hat mit Stricken angefangen. Und das Ganze hat sich irgendwie zugespitzt auch. Sie war sehr unglücklich, hat schon irgendwie als 14-, 15-Jährige einmal versucht, Gift zu nehmen. Und sie hat dann tatsächlich 1935, wo sich das alles, unglückliche Liebe, Unzufriedenheit und so weiter, alles zusammengeschoben hat, hat sie einen Suizidversuch gemacht mit Schlaftabletten. Und der behandelnde Arzt hat ihr dann empfohlen, also sie hat das überlebt, und der behandelnde Arzt hat ihr dann empfohlen, sich freiwillig in psychiatrische Behandlung in der, wie es damals geheißen hat, Landesirrenanstalt zu begeben. Und das Aufnahmeprotokoll dieses Aufenthaltes, dieses sechswöchigen Aufenthaltes, hat sich erhalten. Ich habe das in der Klagenfurt der Psychiatrie. Die Akten sind mittlerweile im Landesarchiv. Ich habe das dort eingesehen. Und der jetzige Primarius der Psychiatrie hat gesagt, er wäre froh, wenn es für alle Patienten ein so ausführliches Aufnahmegespräch gegeben hat. In diesem Aufnahmegespräch erzählt sie Folgendes. Also erzählt sie Folgendes und der behandelnde Arzt notiert es. Patientin kommt allein zur Aufnahme, bittet aufgrund beiliegender ärztlicher Zeugnisse hierbleiben zu dürfen. Sei zur Einsicht gekommen, dass sie nicht leben solle. Habe schon seit dem 13. Lebensjahr Selbstmord gedanken. Habe sich kürzlich aus Verzweiflung mit Pulvern vergiften wollen, aber es sei ihr nicht gelungen. Habe das ganze Leben lang nur Elend gesehen und Not gelitten. Daheim leben neun Personen in einem kleinen Raum. Der Vater bekomme nur 50 Schilling monatlich. Vor Hunger sei die ganze Familie mit den Nerven kaputt. Weiter am nächsten Tag. Eltern am Leben. Mutter in Folge Sorgen, sehr nervös. Sechs ältere Geschwister. Schwester der Mutter litt an Epilepsie. Zu Hause aufgewachsen, in der Schule sehr gut gelernt, bis zur vierten Hauptschulklasse dann versagt, weil sie todunglücklich war. Habe alle Lehrerinnen angeschwärmt, war ein Jahr daheim, ohne sich irgendwie zu beschäftigen. Dann Haushaltungsschule, war froh, von dem Häuslichen einerlei wegzukommen. Zuerst sehr glücklich, dann wieder todunglücklich gewesen. Kam in Zweifel, ob sie Unrecht tue, wenn sie nicht gläubig war. Wie sie sah, wie die studierten Schwestern im Glauben glücklich waren. Schon mit 15 Jahren einmal im Beichtstuhl mit dem Pater gestritten, weil sie nichts glaubte, wurde daher nicht losgesprochen, war dann einige Zeit daheim, suchte dann in Wien einen Posten, ging dann in ihrer Not wieder ins Kloster, wo die Haushaltungsschule war und bat um Aufnahme, war dort ein Zwischending zwischen einem Zögling und einem Dienstboten, versuchte es dann auf einem Posten, war aber zu ungeschickt zur Arbeit, sei wegen ihrer Kurzsichtigkeit und weil sie daheim immer verhätschelt worden war, zu einer Arbeit nicht fähig gewesen. Von einer Bekannten wurde ihr dann der Floh in Sorge gesetzt, sich schriftstellerisch zu betätigen, fing an zu dichten, zu Vergnügungen hatte sie nie Gelegenheit. Ihre Gedichte kamen in eine Zeitung, wurden aber schlecht kritisiert. Trat dann mit dem Kritiker in briefliche Verbindung, der sei auch so ein unglücklicher Mensch wie sie, verliebte sich in dessen Gedichte und in seine Person, ohne ihn persönlich zu kennen. Mai 1934 kam er zu ihr zu Besuch. Sie fühlte sich gleich wesensverwandt, doch dürfte er von ihrem Äußeren enttäuscht gewesen sein, denn nach seinem Fortgang ließ er nie mehr von sich hören. Sie schrieb auch einen Roman, der ihr Leben dem Inhalte nach darstellte, der aber irgendwo verkam. Ein zweiter Versuch fiel deutlich besser aus. Sie schrieb oft bis ein, zwei Uhr nachts, rieb sich dadurch ganz auf. Manchmal schrieb sie leicht, andermal schwer. Das Ende war ein direkter Kitsch. War bis zu ihrem 13. Lebensjahr viel krank, litt an Skropholose am Hals und am rechten Arme, musste die Augen viel verbunden tragen, wurde durch Bestrahlungen geheilt. Dann fing das Seelische an. Sei körperlich nie mehr krank, im Gegenteil recht zäh gewesen, seit dem 15. Lebensjahr Periode, unregelmäßig, mit Krämpfen verbunden. Sie sehe immer trüb, habe viel an Kopfschmerzen zu leiden, früher stärker einseitig, aber ohne Erbrechen. Nie schwindel, seit längerer Zeit in Mondnächten schlecht geschlafen, überhaupt vom Monde sehr abhängig. Mit 14 Jahren wollte sie sich in der Schule mit Kupfervitriol vergiften, ließ es aber wegen des schlechten Geschmacks stehen. ließ es aber wegen des schlechten Geschmacks stehen. Mit 16 Jahren im Lebensüberdruss 20 Aspirin-Tabletten genommen, wurde immer mehr nervös, nach außen hin blieb sie aber ruhig. Am 13. des Monats war sie allein daheim, dachte immer an das Ende, hatte kein Buch zur Hand, war ganz verzweifelt, hatte für die Mutter vom Arzt verordnete Schlafpulver geholt, die sie am Abend nahm. Den Namen und die Menge kann sie nicht angeben. Habe sich dann gelegt, alles sei herumgegangen, dann wisse sie nichts mehr. Am 14. wurde sie geweckt, schlief aber bald wieder ein. Am 15. stand sie vormittags auf, war noch taumelig, einmal erbrochen, daraufhin schrieb ihr der Arzt das Zeugnis, also die Überweisung. Weil sie nicht sterben konnte, sei sie sehr verzagt gewesen, sei schon bald gewohnt, dass ihr alles schief geht. Die Möglichkeit eines Selbstmordes sei noch ihr einziger Halt am Leben gewesen. Sie verkehre wenig mit den Leuten, die sie aber kenne, habe sie gern. Früher oft das Gefühl gehabt, dass die Leute über sie lachen. Jetzt sei ihr alles gleich, was man über sie denke. Habe sich in letzter Zeit mit der Geisteswissenschaften befasst, mit Astrologie, Magie, Spiritismus, darüber viele Bücher gelesen. Solange sie las, sei es ihr besser gegangen. Zukunft, darüber wolle sie lieber nicht reden. Keine Pläne, der einzige Plan sei, sich das Leben zu nehmen. Noch in letzter Zeit gedichtet, auch den Roman ihres Lebens umgeändert. Körperbefund klein, geändert. Körperbefund klein, grazil gebaut, sehr mager, schwächlicher Muskulatur, Kopf leicht hydrocephal mit leicht abstehenden Ohren, um den oberen Halspartien leicht pigmentierte Narben nach Scrofuloderma. Eingezogene Narben am rechten Vorderarme, zum Teil mit dem Knochen verwachsen, Hornhauttrübungen, sehr stark myopisch, sehr schadhaftes Gebiss, Zunge belegt, trocken, gute Pupillenreaktion, interner Befund ohne Reflexe, normal, kein Romberg, Lewis-Proben im Blute, negativ. Prot negativ. 30.10. ist sehr zufrieden, gegen alle gefällig, beschäftigt sich gerne, bekommt Arsen, Körpergewicht 49,5. 4.11. ist mitunter verstimmt, weil ihr die Zukunftssorgen macht, dann wieder zutraulich und heiter. 6.11. versteckt sich in einer Ecke, will mit niemandem sprechen, auch nicht angesprochen werden, habe vor den Menschen manchmal furchtbare Angst. Zehnter Elfter wieder gut gelaunt, habe öfter solche Zustände, wo sie sich am liebsten verkrieche, will dann auch nicht essen. Neunzehnter Elfter Arsenkur beendet, hat zwei Kilogramm zugenommen, ist viel gedrückt, muss aufgeheitert werden, liest viel, unterhält sich mit den anderen, erzählt Geschichten, macht sich wegen der Zukunft Sorgen, will nach Hause, hofft beim Arbeitsdienst unterzukommen. 27.11. liegt viel im Bett, da fühle sie sich am glücklichsten, weint viel, stellt sich hinter die Türe, ist wenig, sonst freundlich und zutraulich. 30.11. wird heute entlassen, will zuerst heim, dann nach St. Pölten zum Arbeitsdienst, wenn sie aufgenommen wird, ist dankbar, hat die besten Vorsätze. Ja, ein Arzt, der offenbar ein richtiges Interesse an Literatur hatte. Und auch ganz gut formuliert hat. Ja, und wir begegnen ja dieser Szenerie in Ihrem Prosa-Text, wie in Ihrem Prosa-Text, der das Leben dort durchaus auch in dieser tragischen und komischen Zwiespältigkeit darstellt. Meine Theorie ist, dass Christine Lawand, die ja freiwillig in dieses Ehrenhaus gegangen ist und sich dort fünf Wochen aufgehalten hat, dass für sie das einerseits die Rettung war, andererseits auch der Punkt, an dem sie vielleicht ohne es zu wissen zur Schriftstellerin geworden ist, obwohl sie schon davor geschrieben hat, aber natürlich ohne Aussicht auf Veröffentlichung. Denn wenn man diesen Bericht kennt und wenn man dann die Aufzeichnung aus dem Irrenhaus liest, eine der berühmtesten Erzählungen von ihr, die 1950 geschrieben wurde, aber nicht veröffentlicht worden ist, die wurde erst nach ihrem Tod veröffentlicht, dann muss man feststellen, dass es ein Wunder ist, ein Wunder ist, wie jemand, der 1935 in die Psychiatrie geht, zehn Jahre später nach all den Erfahrungen des Krieges, einen Text schreibt, der sich liest, als wäre man dabei, als würde man jede einzelne Person, die dort beschrieben ist, sozusagen selber sehen und kennen. Ich vermute, sie hat in diesem freiwilligen Aufenthalt unter denen, die auch irre waren, wie sie sich als irre gefühlt hat, ist sie zur Schriftstellerin geworden, indem sie sozusagen das Verhalten, die Physiognomie, die Mimik dieser Leute angeschaut hat. Zehn Jahre später schreibt sie es nieder und zwar innerhalb von vier oder fünf Tagen, wie die meisten ihrer Erzählungen, schreibt sie in einem Zug nieder. Und wenn es ihr nicht gelingt, sie niederzuschreiben, dann bleibt sie liegen. Im Nachlass gibt es ungefähr 30 oder 35 angefangene und nicht vollendete Veröffentlichungen. Man kann auch davon ausgehen, die christine lavand natürlich man muss ja wissen 35 fünf jahre später beginnt die euthanasie die in kärnten verhältnismäßig noch brutaler und furchtbarer war als in allen anderen bundesl. Es sind im Landeskrankenhaus selber, und man kann davon ausgehen, das waren ihre ehemaligen Kolleginnen, die fünf Jahre später noch dort waren, im Landeskrankenhaus allein sind 400 oder 500 umgebracht worden und der Rest ist nach Hartheim deportiert worden, also fast 1.000, also 1.700 etwa sind allein inkirchen umgebracht wurden. Und sie hat das natürlich mitgekriegt und sie hat das gewusst und sie hat sozusagen, das konnte ich nachweisen, sie hat mit dem Schreiben dieser Erzählung im Jahre 1950 begonnen, als in der Zeitung über diesen Euthanasieprozess, er hatte seinen Euthanasieprozess in Klagenfurt gegeben, wo der Primarius dieser Abteilung als einziger in Österreich, einziger Primarius einer österreichischen Abteilung, der in die Euthanasie verwickelt war, dann auch zum Tod verurteilt wurde. Sie hat das geschrieben in dem Moment, wo man in der Zeitung nachlesen konnte, was diesen Leuten passiert ist, die sie gekannt hat. Also das ist ein, finde ich, sehr berührender, aber sehr bezeichnender Vorfall. Und lesen Sie mal diese Aufzeichnung aus dem Irrenhaus. Es stellenweise bleibt Ihnen der Atem stehen. Dazwischen liegt eine sehr frühe Eheschließung mit einem sehr viel älteren Mann. 36 Jahre älter, ein Maler, der nicht erfolgreich war, der schlecht und recht sich selber vielleicht durchgebracht hat, aber eine Frau konnte er nicht ernähren. Und er hat sie geheiratet, oder sie hat ihn geheiratet. Ich denke auch, dass das ein Akt des Selbstschutzes war. Es war schon nach dem Anschluss, also Hitler war schon in Deutschland, in Österreich, und da hat sie mit diesem 36 Jahre älteren Mann geheiratet. Ich denke, dass sie einem Schutzbedürfnis nachgegangen ist und ich glaube jetzt nicht, dass das die große Liebe war, aber er hat einen gewissen, durch seinen Status und als Mann und er hat dann auch einen Parteiaufnahmeantrag gestellt, hat er für sie einen gewissen Schutz dargestellt, wie auch Mitglied ihrer Familie. Ihr Bruder war Illegaler, der beim Putsch der Nationalsozialisten 34 in Wolfsberg sehr aktiv war. Ihr Onkel war, glaube ich, NSDAP-Obmann von St. Stephan. von St. Stephan, ihr Quartiergeber war Gestapo-Chef, nicht in Wolfsberg, sondern in St. Stephan. Also im engsten Umkreis waren Nazis, Parteimitglieder, Funktionäre, die sicherlich einen Schutz für sie dargestellt haben. Wenn sie allein gewesen wäre, hätte sie es nicht geschafft. An einer Stelle schreibst du, dass sie aus dem Elternhaus von der Verwandtschaft vertrieben wurde. Hatte sie da kein Recht, in die ihren Lebensunterhalt eh nicht bestreiten kann und die Miete nicht zahlen kann. Also das war eigentlich eine sehr brutale Sache. Dann kommen wir jetzt zu der Beschreibung. Wie es weitergeht, langsam mit, nach dem Jahre 1945, ein Rückblick. des verehrten Dr. Putscher, der das Augenlicht gerettet hat, der Primarius am Klagenfurter Krankenhaus damals, der sie als Achtjährige, wie gesagt, von ihrem Augenleiden, also ihrer Blindung verhindert hat und den sie dann 20 Jahre lang verehrt und angehimmelt hat. und angehimmelt hat und mit seiner Frau dann nach 1945 einen sehr, sehr intensiven und sehr aufschlussreichen Briefverkehr hatte. Und da schreibt sie eben, wie es ihr ergangen ist in der Kriegszeit. Es ist ein Auszug. Ich muss Ihnen leider, um zum Kern zu kommen, einiges aus den letzten Jahren meines Lebens vorlegen. Als wir heirateten, waren wir so arm, dass ich am ersten Tag nach unserer Hochzeit in die Lavandaun ging, Wurzelgraben für eine Frühlingssuppe. Natürlich erwischte ich Giftige und wir wurden beide schwindlig. Die Wohnung war schon ohne den Umweg über das Dorotheum zu bezahlen. Die einzige meiner Verwandten, der Allernächsten, die leicht hätte helfen können, hatte mich, um die Ehe zu verhindern, ins Irrenhaus bringen wollen, wenn nicht alle anderen energisch für mich eingetreten wären. Trotzdem, diese Art Not haben wir beide tatsächlich mit Humor getragen. Aber das andere, unsere Bude ist so, dass ein Aufräumen auch im bescheidensten Sinne nicht zu denken ist. Dazu kam noch ein Hausherr, dem, das zur Charakteristik, seine eigenen Kinder täglich den Tod wünschen. Nur einige Beispiele. Ab 8 Uhr abends darf man weder aus noch in das Haus. noch in das Haus. In der Zeit, wenn er Nachtschicht hat, darf während des Tages kaum ein normal lautes Wort gesprochen werden. Wehe, wenn sich eine Türe hörbar schließt. Aber noch viel mehr wehe, wenn ein Besuch oder eine Kundschaft kommt, wodurch der Kettenhund zu lauten Bällen herausgefordert wird und ihn weckt. Dann setzt es nicht selten für Frau und Kinder Hiebe. Was haben wir Wohnung gesucht die ersten Jahre? Jetzt tun wir es schon lange nimmer. Jede Nacht hat es mir geträumt, dass wir siedeln und eine große Stube hätten. Mit buchstäblicher Gier habe ich aufgeräumt und Boden gerieben und wusste doch im Traum schon, dass es bloß ein Traum ist. Also nicht einmal diese Freude blieb mir ganz. Dann gab es einen Winter, es war allerdings der schlimmste. Da ist alles zusammengekommen. Der Kamin so kaputt, dass wir nicht heizen konnten. Wenn unterhalb, wir wohnen in Mansarde, geheizt wurde, hatten wir so Rauch, dass wir stundenlang Fenster und Türe offen lassen mussten. Gekocht habe ich auf einem Petroleumkocher und wenn wir gegessen hatten, mussten wir uns niederlegen oder fortgehen, um nicht zu sehr zu frieren. Am schlimmsten war es gerade zu Weihnachten und Neujahr. Dann kam noch dazu, dass der Brunnen kaputt war und wir starke zehn Minuten um Wasser gehen mussten. In der Nacht ließen uns die Ratten nicht schlafen. Wie eine Irrsinnige bin ich oft stundenlang im Bett gesessen und habe mir den Kopf gehalten. Mein Mann stand dank seiner bitteren Notjahre, die er als harte Schule hinter sich hatte, und nicht zuletzt dank seiner Kunst, die ihn zum großen Teil alles vergessen ließ, hoch über allem und trug das Ganze geradezu mit einer Würde, um die ihn jeder russische Ölgroßfürst hätte beneiden können. Ich war weit von diesem Standpunkt entfernt und griff zu ganz erbärmlichen Mitteln, um mir Halt zu geben. Konnte ich doch zum Beispiel nach irgendeinem widerlichen Vorfall, während mir die Tränen nur so herunterliefen, irgendein blödes, lautes Lied singen, nur um den Quälern die Freude zu nehmen, mir wehgetan zu haben. war ich innerlich schon gesunken. Meine einzige Freude waren damals die acht bis vierzehn Tage im Jahr, die ich in Klagenfurt bei meinen Schwestern zubringen konnte, während mein Mann bei seinen Töchtern in Italien war. Oben war ich geradezu kindlich glücklich, obwohl ja auch alles primitiv fast ärmlich war. Beim Heimfahren allerdings hatte ich stets nur den Wunsch, der Zug möge entgleisen. Der Trost aller Troste, nein, viel, viel mehr, ein ganz großes, ein schönes, ein unverdientes Glück seid ihr. Und ich bete, bete, es möge mir eure Geduld, eure Nachsicht noch möglichst lange erhalten bleiben. Wenigstens so lange, bis ich innerlich ganz auf eigenen Füßen stehe. Vorläufig gleiche ich noch verzweifelt stark einer leeren Hülse, die auf Füllung von außen wartet. Meine Gedichte behelfe und versuche ein Versprechen vielleicht, aber es wird schon werden. Ja, nach dem Krieg, also unmittelbar nach dem Krieg, wobei die Lektüre, die Entdeckung von Rilke eine große Rolle spielt. Während des Krieges hat sie viel gelesen neben dem Stricken und sie hat auch eine Technik entwickelt, dass sie während des Strickens lesen kann oder während des Lesens stricken kann. Dazu ist sie im Schneidersitz auf dem Bett gesessen und hat das Buch halt so hingestellt und dann gestrickt. Und das war das Haupteinkommen des Ehepaars. Und durch Zufall hat sie, weil ihr eine Bibliothekarin in der Leihbücherei in Wolfsberg sie auf Rilke aufmerksam gemacht hat, hat sie irgendwie diesen Rilke entdeckt. Davor hat sie auch sehr viel Schund und alles Mögliche gelesen. Aber der Rilke, der hat irgendwie eine Quelle in ihr geschlagen und sie beginnt dann, wie sie selber sagt, wie wahnsinnig zu schreiben. Und ich kann jetzt und will auch nicht alles erzählen, sie sollen ja das Buch lesen. Es kommt dann relativ schnell auch über Vermittlung ihres Augenarztes, der sie als Kind behandelt hat, der mit der Paula Grocker, dieser sehr bekannten der die ostdeutsche Verlagsanstalt in Breslau geführt hatte und im Zweiten Weltkrieg verloren hat. Und er ist dann zu Paula Grocker geflüchtet. Und das sieht dann so aus, was ihre weitere Karriere betrifft. was ihre weitere Karriere betrifft. Die Paula Grocker schreibt in ihren Erinnerungen, einmal empfahl mir ein Augenarzt der Klagenfurter Primarius Dr. Purcher, seine Patientin Frau Habernick, das war der Name des Malers, von Beruf Strickerin, die ihren Mann, einen alternden Landschaftsmaler, miternährte. Sie kam und der erste Anblick rechtfertigte zunächst den Befund. Die junge Frauensperson war erbarmungswürdig. Und was sie in der Tonart ihrer Herkunft erzählte, erschütterte mich. Sie machte ihre Seele ganz weit auf. Sie saß in einem blumigen Waschkleid da, klein und zerbrechlich wie ein zerrupfter Schmetterling und fragte, darf ich rachen? Sie rauchte und ich öffnete ihre Mappen. Nachdem ich darin blätternd erst nur flüchtig gelesen hatte, stand ich auf und sagte, bitte entschuldigen Sie mich einen Augenblick. Im Nebenzimmer, wo das Ehepaar Kupczak, das ist der Verleger, wohnte, sagte ich vor Begeisterung heiser, schaut euch das an. Mein Verleger in Kunstbelangen sehr impulsiv überflog ein paar Blätter und klappte mit einem Jubelschrei die Mappe zu. Er eilte zu meinem jüngsten Schützling, um sich als Verleger anzubieten, sobald er, der Heimkehrer ohne Heim, in Deutschland einen neuen Verlag gegründet haben werde. Vor der Hand schrieb sie ihren Namen in mein Gästebuch. Eingedenk ihrer dichterischen Persönlichkeit berieten wir über ein Pseudonym, das so wundervoll in literarische Ohren fließen sollte wie ihre Gedichte. Wir wählten den Fluss, an dem ihr kärntnerischer Wohnort liegt und das Taufwasser kann stolz darauf sein. Aus ihm ist der arme, leidensversenkte Falter zum strahlenden Flügelwesen Christine Lawand. Emporgewachsen heißt es hier ganz unpathetisch. Christine Lawand an Paula Purtscher. Bin ich anspruchsvoll? Doch, das bin ich. Und bin es bewusst, wenn ich in gewöhnlichen Dingen des Lebens auch maßlos bescheiden bin. Sie werden mir das gerne glauben. In Außergewöhnlichen, in solchen, die ich einfach haben muss, kenne ich keine Grenzen. Wo ich Ganzes gebe, will ich Ganzes haben oder nichts. gebe, will ich Ganzes haben oder nichts. Ich ziehe mich gern und in voller Bescheidenheit zurück, wo ich sehe, dass man nicht in meinem Maß mitkann und mitwill. Sie wissen gut, was Sie mir sind, doch egoistisch, nur auf sich selbst bedacht. Oh, ihr werdet mich in meiner ganzen fragwürdigen Selbstlosigkeit schon noch kennenlernen. Aber nun bin ich ja sozusagen eine amtlich beglaubigte Dichterin von Gottes Gnaden und kann mir schon allerhand leisten. Entbehren Sie sehr meine Demut? Ach, die kommt schon wieder zum Vorschein. Nur keine Bange nicht. Das ist vielleicht auch eine gute Überleitung zu dem großen Erlebnis, das Christine Lawand und Werner Berg verbunden hat. Denn da geht es auch darum, alles auf eine Karte zu setzen und nichts Halbes, sich nicht mit halben Dingen zufriedenzugeben, so wie in der Dichtung auch. Vielleicht noch ein Satz zu diesem Zusammenhang. Mir ist es sehr daran gelegen, dieses traditionelle Bild von dem dichtenden Bauernweiblein aufzubrechen und man tut das am besten mit ihren eigenen Texten, denn sozusagen der Anspruch, ich bin maßlos, den hätte man vor diesem Buch wahrscheinlich am wenigsten mit ihr in Zusammenhang gebracht, aber das ist es. In dieser Frau stecken so viele verschiedene Temperamente und Empfindungswelten, dass man, je länger man sich damit beschäftigt, ich weiß nicht, ob es die Steigerung gibt, so baffer wird man. Und deshalb habe ich auch diesen Titel gewählt. Ich bin maßlos in allem, der von ihr selber stammt. Also der Ausdruck stammt von ihr selber aus diesem Brief. Und es gibt noch einen zweiten Brief, wo sie den auch verwendet. Und dieser Anspruch betrifft auch und in erster Linie und ganz besonders diese Liebe zu Werner Berg. Also das war wirklich eine maßlose Geschichte von beiden Seiten. Aber, ich meine, das kommt aus den Stellen auch hervor, die Sie gleich hören werden von uns, es war auch eine zutiefst ernste Künstlergemeinschaft, denn Werner Berg hat, bevor er Christine Lawand 1950 kennengelernt hat bei einer Veranstaltung, fast zwei Jahre lang nichts gemalt. Er war schwer depressiv, humanisch depressiv, so wie auch sie, sie weniger, aber er besonders schwer und er hat immer wieder Schaffenskrisen gehabt und dann lernt er diese Frau, dieses Weibchen da kennen. Und innerhalb eines Jahres malt er 20, also 8 Ölgemälde, Holzschnitte, Zeichnungen, also fast 20 Porträts von ihr. Und er beginnt auch sonst wieder zu malen. Also sie hat ihm als Maler sehr, sehr gut getan. Und er äußert das auch, er weiß das auch. Und umgekehrt hat natürlich er sie inspiriert zu ihren schönsten Gedichten, vor allen Dingen zu den Liebesgedichten und zu den sozusagen auch Trennungsgedichten. Aber jetzt fangen wir mal mit diesem kleinen Kapitel, oder mit diesem, sagen wir, eigentlich ist es das Hauptkapitel, oder? Sagen wir, es ist das Hauptkapitel. Ja, vielleicht sei noch vorausgeschickt, dass nicht nur sie, sondern auch er verheiratet war. Ja, es waren beide verheiratet. Was die Sache nicht erleichtert hat. Was die Sache nicht erleichtert hat. Wer ist dran? Ich. Du beginnst. Christine Lawand an Werner Berg, wie soll denn das werden? Nein, nein, so nicht. Ich will mir die Zunge ausreißen und die Hände verstümmeln, ja, auch die Hände, damit ich nicht einmal die Gebärden des Taubstummen besitze. Ein Bild, das er ihr geschenkt hat. Überhaupt mit den Händen hat es angefangen, aber ich darf es ja nicht sagen. Es ist ohnehin alles so überdeutlich, mit jedem Atemzug rinnt es wie Feuer durch mich. Wie soll denn das werden? Mein Schicksal ist ein Scheiterhaufen worden, den man von allen Enden her entzündet hat. Aber ich habe vor, darin aufzusingen, bis meine Lippen verdorren. Das Gestrickte ist für Sie. Ich begann es in der Zeit, wo ich dachte, dass Sie mir nimmer schreiben würden, dass wir uns nie mehr sehen sollten. Es war ein simpler, aber der einzige Ausweg meines Herzens. Zehn Tage später, da sind Sie dann schon per du. Von Werner Berg an Sie, und zwar am Weihnachtstag 1950, 24.12. Ob dieser Gruß noch in deine schönen Hände kommt, das weiß ich nicht. Auch weiß ich nicht, wie ich dich mir erklären soll. mir erklären soll. Dein Halbbrieflein vom 20., das ein früheres Datum trug, als das innig schlichte Liebe vom 21. schreckt. Doch hoffe ich, dass ein anderer ihn zunichte macht. Aber in aller Freude auf dein Kommen bin ich doch sehr gefasst, dass es auch nicht sein könnte. Natürlich stehe ich auf alle Fälle am Autobahnhof. Für dich werde ich immer da sein. Ja, Christine, ich bin da für dich. Und damit Schluss. Anrufen, beschwören, versichern lassen, ich verstehe deine Angst, nützen gar nichts. Das Herz tut unberufen das Seine und meines schlägt für dich. Also ohne Räuscherl, ohne Affen, ganz gehorsam und ganz brav, kannst lauser, lieber oder Latrine zu mir sagen, wenn du mir endlich so sagst, das ist mein Ohr, nicht das poetische Geisterohr, sondern das diesige, dasige Ohrwaschel hört. Und immer will ich zart und zärtlich zu dir sein, nur dann aber ist's um die deinigen Bahner, Nur dann aber ist's um die deinigen Bahner, Gebeine deine, geschehen, wenn du noch je die Reizlosigkeitsphrasen daherbringst. Du Schöne, du die Erhabenheit. Aber ich bleibe im Lackeleienton. Übrigens wollte ich ja nur nochmals frohe Weihnachten wünschen, Glück auf die Reise wünschen und das Unglück andeuten, dass euer hochwohlgeboren Nichtreise, seit wann bin ich wohlgeboren, Juzi, Je und Hehe bedeuten würde. Frohe Weihnachten zu Deutsch. Ich hab dich so, so gern, schreibt ein 50-jähriger Familienvater. Christine Lawand an Werner Berg, 30.12.1950. Herr Habernick begann am Morgen wieder und ich erklärte ihm, dass ich so lange nichts essen würde, keinen Bissen, bis er über dich kein Wort mehr sagen würde. Er weiß, dass ich dies halte, denn ich habe, seit ich hier bin, noch keinen Bissen gegessen. Dann wollte er deine Briefe haben, für den Preis, dass er dich dann öffentlich nicht angreift. Ich verweigerte es ihm und schwor ihm, dass ich, wenn er etwas gegen dich unternimmt, mich erhänge oder ins Wasser gehe. Er weiß, dass ich auch dies halte. Ich glaube nun, er wird nichts gegen dich unternehmen. Auch sagte er mir, dass er dir noch nicht geschrieben hätte. Dass Schuld vorliegt, und zwar bei mir, und nur bei mir, das ist mir bewusst. Deshalb bleibe ich auch noch und schaue auf ihn wie bisher. Er tut mir auch sehr leid. Ich habe ihm sein Alter total verbittert. Aber damit muss und werde ich zurechtkommen. Sorgt euch bitte nicht um mich. Ich halte durch. Ich habe noch nie Hunger verspürt oder auch nur Schwäche. Und wenn ich noch weiter eine Woche nichts zu mir nehme, so wird das gleich bleiben. Ich kann nicht mit Hass und Gemeinheit kämpfen. Diese Waffen stehen mir nicht zur Verfügung. Also bleibt mir nur diese passive und zähe Methode. Ich glaube, es war nicht nur die reine Liebe, die den Ehemann von Christine Lawand angetrieben hat. Sie war natürlich im Grunde genommen seine Haushälterin und seine Magd und hat den Großteil zum Unterhalt beigetragen. Das ist das eine. Er hat natürlich gefürchtet, wenn er sie verliert, dass er dann auch sozusagen in Existenznöte kommt. Und das Zweite ist, dass natürlich Werner Berg der sehr, sehr, sehr viel berühmtere Maler war als er. Das heißt, es gab natürlich auch diese Konkurrenz auf der Ebene ihrer künstlerischen Tätigkeit. Josef B. Habernick an Werner Berg, 4.1.1951 eingeschrieben. 1. 1951 eingeschrieben. Ich bin genötigt, Ihnen die Mitteilung zu machen, dass jedes nochmalige Zusammentreffen und jede weitere Korrespondenz auch indirekt mit meiner Frau von Ihrer Seite zu unterbleiben hat. Anderen Falles haben Sie die Verantwortung zu tragen. Sie verstehen mich? Ja, dazu muss man auch noch wissen, was man leicht vergisst, dass Ehebruch ja damals ein strafrechtliches Delikt war. Also es ging nicht nur um die Schuldfrage im Falle einer eventuellen Scheidung, sondern es konnte also auch wirklich strafrechtlich bestraft werden. Mit Häfen. Ja. Und es war natürlich oft so, dass die damit einhergehende Schande das verhindert hat, aber in seiner Existenzangst war dem Mann offenbar alles zumindest zuzutrauen. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Frau von Werner Berg, die Mauki genannt wurde von allen, auch offiziell, Mauki genannt wurde von allen, auch offiziell, das Verhältnis dessen Dimension, die sie vielleicht nicht in der ganzen Dimension erkannt hat, aber sie, Lavant hat doch öfters dort übernachtet auf dem Hof und sie wird wohl auch gewusst haben, dass die beiden sich außerhalb treffen. Die Frau Werner-Bergs hat diese Beziehung nicht nur geduldet, sondern gefördert, weil sie gesehen hat, dass die beiden einander gut tun und dass Werner Berg wieder zum Malen anfängt. Und es gibt auch, wir lesen heute jetzt zufällig keinen Vorwurf, es gibt im Buch auch Briefe von ihr, die das eindeutig belegen, dass sie eben bis zu einem Zeitpunkt, wo es dann zu schwierig war und sie auch einen Nervenzusammenbruch erlitten hat, aber das hat immerhin zwei, drei Jahre gedauert, hat sie das gefördert und hat immer wieder auch die Christine Lavand eingeladen. Und die Christine Lavand war natürlich schon auch ein bisschen durchtrieben, wie sie selber sagt. Sie hat gleich einmal die fünf Kinder von Werner Berg mit Pullovern und Socken und Hauben bestickt und bestrickt. Das war sicherlich kein unwesentlicher Faktor. Es gibt viele ganz reizende Fotos, sie mit den Kindern und die Kinder haben sie auch mögen. Ganz reizende Fotos, sie mit den Kindern und die Kinder haben sie auch mögen. Und sie ist auch einmal auf Urlaub gefahren mit einer Tochter, die ein bisschen Schwierigkeiten hatte. Ich bin vom Mikrofon weg, Entschuldigung. Nein, sie hat sich auch um die Kinder gekümmert. Und Werner Berg hatte eine Tochter, die auch psychisch ein bisschen belastet war. Und mit ihr ist Christine Lavant nach Rijeka gefahren und ein Badeurlaub dort mit ihr gemacht. Also sie war integriert in die Familie, aber es geht aus dem Briefwechsel dann auch hervor. Es ging nicht, es ging nicht. Es hat halt fünf Jahre gedauert und dann kommt das, was wir auch noch vorlesen werden. Jetzt kommt noch einmal Werner Berg zu Wort. Wo bin ich? 174. 174, genau. 174. Beziehungsweise 75. 75. Ja. werden uns auf eine höhere Ebene unseres Lebens führen. Und wenn ich dich so unsäglich liebe, was der Wind jeder Himmelsrichtung dir ins Ohr trüge, auch wenn ich mir die Zunge abgehackt hätte, das wollte ich ursprünglich wirklich lieber, als es auszusprechen, auszusprechen, so möchte doch auch ich nur, dass es gut, dass es wirklich gut mit uns werden möge. In dieser Nacht ist, wie seit unserem ersten Begegnen, nicht Zuversicht mit Macht über mich gekommen, keine Berete, nein, echte, feste Zuversicht. Und die muss sich dir übertragen. Wir werden es überstehen. Wir werden zusammenbleiben. Wir werden den Raum innen zur Seligkeit weiten, der jetzt starr, drohend außen uns engt. Er war auch ein guter Schreiber, dieser Maler. Christine Lauand an Werner Berg, 17.01.1951 Ich danke euch beiden ganz innig. Du überhaupt hast mir das Leben neu geschenkt. Aber bitte hört auf, euch um mich zu sorgen. Durchgestanden muss es ja irgendwie werden, nicht wahr? Gut ist nur, dass du mir verblieben bist. Ohne diesen herrlichen Halt wäre ich langsam von innen her verdorben. wäre ich langsam von innen her verdorben. Bitte bleibe mir, bitte habe Geduld mit meiner Angst und meiner Hoffnung. Es freut mich so, dass du als Künstler wieder einen Lichtblick bekommen hast. Und ich habe ja immerfort noch mitten in meiner Verzweiflung so für dich und die Deinen, vor allem aber für dich als Künstler gebetet. Ja, male wieder, bald. Ich bin ja so stolz auf dich. Das habe ich dir noch gar nicht gestanden, gell? Und weiß, dass es mich so freut, dass du so stark und tüchtig bist und alle harte Arbeit tun kannst. Und sie schreibt ihm am gleichen Tag, und dann, ja dann möchte ich nach der tiefsten Zäsur, sie sollte und musste einschneiden, wie keine zuvor, keine danach, wieder den so entwöhnten Griff zu meiner Arbeit tun. Es wird schwer genug werden und mir das Letzte abfordern. Du, Christel, die ich dann mehr denn je brauche, um im Tiefsten nicht zu versagen. Du, bleib mir dann bitte nah zur Seite und wähne dann nie mich dir Fremder, wenn ich auch herrisch mein Selbst aufzurichten erscheinen sollte. Also die haben sich schon gegenseitig gebraucht, auch für ihre Kunst. Christine Lawand an Werner Berg, 24.04.1951 Ich weiß nur, dass eine bestimmt, dass wir wieder zusammen und ineinander kommen und vergehen müssen. Nicht bloß in der Vorstellung, sondern so, dass eines die Wärme des anderen spürt, Haut zu Haut und Herlein zu Herlein. Ich habe dich noch nicht überall gekost, ich weiß an dir noch viele Plätzlein, die darauf warten. Ich werde diesmal nicht von dir lassen, bevor du nicht von meinen Händen und Lippen so überliebkost bist, dass es wie ein dichtes Gewand über dir liegt. Und kein Lindenblatt darf zwischen dich und mich fallen. Kindlein, Büblein, freust du dich auf das neue Gewand? Warm und seiden wird es sein. Freut sich dein Knössblein auf meinen Mund? Deine Herrlein werde ich zählen. Mit den Lippen, mit den Augenlidern. Es müssen gerade so viele sein, als bei mir sind. Denn jedes der Deinen muss ein meiniges bekommen. Hochzeit werden wir halten, wie noch keine war. Hochzeit, lieber, lieber Mann, Knabe, Bräutigam, dein Mädchen, deine Braut, ist unangerührt, wie auch du es bist. Wir lernen das Süße erst aneinander. Wir haben es noch nie gehabt. Und immer wird das so sein, neu, erst und einmalig. Das sind meistens nur Auszüge und die Liebesbriefe sind sehr viel länger und teilweise auch deutlicher. Noch deutlicher. Noch deutlicher. Berner Berg am 8. Mai 1951. So gut, so schön, so gut war der gestrige, doch nie vergangene Tag. Hab Dank für alles von Herzen, wobei mich nur wundert, dass es so viel Glück aushält. Mir ist, als sei ich selbst ganz ausgeronnen und hab doch eine neue Festigkeit, weil ich dich köstlicher denn je in mir habe. Wahrhaftig, du bist zu mir, in mich gekommen, mir war's, mir ist's ein einziges Wunder. Christine Lawand, Neujahrsliternei. Das Gedicht hat sie offenbar mitgeschickt. Ja, das ist eine Beilage zu einem Brief. Am 01.01.1952. Lieber Gott, lass mir die Liebe, die mutige Liebe, zu der Stirne meines Geliebten, zu den Brauen meines Geliebten, zu den Braun meines Geliebten, zu den süßen Äpfeln seiner Augen, zu den beiden Wangenhügeln, zu den Flügeln seiner Nase, zu seinem Lippenpaar, zu dem zu wenig geküssten Kinn, zu Hals und Schultern, die vor Lachen hüpfen konnten, wenn man sie streichelte. Zu dem zärtlichen Wäldchen auf seiner Brust und den beiden Bären darin. Zu allen seinen Rippen und jedem Schlag seines Herzens. Und dreimal mutige Liebe zu den Gegenden seiner Lenden und den Baume des Lebens darin, zu den kindlichen Kehlen seiner Knie, zu allen seinen Zehen und noch einmal zurück hinauf, bis in die niemals vergessenen Haare. Und dann die reinliche Liebe, oh Gott, gib mir zu allem diesen und die wachhabende Liebe, die einsame Nächte überdauernde Liebe, die leidtragende Liebe, die Liebe zu seinen Ängsten, seinem bitterlichen Misstrauen, dem hohen Schwert in seinen Augen, der unwahren Rede seines Mundes und den Feigheiten seines Herzens. Aber wo sie jetzt jauchzend wird, lasse sie bei der Herrlichkeit seiner Seele, dieser verborgenen Seele, dieser wie in Bernstein eingeschlossenen Seele, bei ihrer Erkenntnis, bei ihrer Barmherzigkeit, bei ihrem Anschauen des Lichtes, bei der Kraft ihrer Wirkung, beim Tun der von ihr geleiteten Hände, wenn sie Tageswerk tun, wenn sie Samen säen und Unkraut reißen, wenn sie Nachtwerk tun, wenn sie die Lampe anzünden, wenn sie Nachtwerk tun, wenn sie die Lampe anzünden, wenn sie ein Buch vor sich hinlegen, wenn sie auf einmal von allen Kräften durchleuchtet Bildnisse schaffen, ernst und einfach gehorchend. Bilder der Erde und all ihrer Kreaturen, Bilder darin seine und deine Kraft verborgen sind, wie Eingesponnenes in Bernstein. Lass mir die Liebe, o Herr, die von alledem nichts will, als Teil haben von Bernstein zu Bernstein. Der Otto-Müller-Verlag, der dann die erfolgreicheren Lyrikbände von Christine Lawand ab 1955 veröffentlicht hat, bis Anfang der 60er Jahre, hat sie ganz bewusst als katholische Autorin propagiert. Es ist ein katholischer Verlag immer gewesen. Und das hat dazu geführt, dass ein beträchtlicher Teil ihrer Gedichte, die sie angeboten hat, dem Verlag zur Publikation in den einzelnen Lyrikbänden vom Verlag, nicht genommen wurde, weil es zu ausdrücklich sozusagen nicht nur die göttliche, sondern auch die irdische Liebe dort dargestellt wird. Und ein solches Gedicht hat natürlich keine Chance gehabt. Das ist erst nach ihrem Tod veröffentlicht worden in unserer Ausgabe. Und das ist vielleicht doch auch eine Erkenntnis, dass wie stark sozusagen Verlagspolitik dann das Bild eines Autors, einer Autorin bestimmen kann. Und wenn man die Gedichte liest, die wir im dritten Band, im Nachlassband veröffentlicht haben, da kommt sie als eine wirklich vitale, liebende, sinnliche Frau daher und nicht wie ein katholisches Weiblein mit dem Kopftuch. Und das finde ich schon interessant. Und ich denke, dass auch die Texte in dem Buch ein bisschen dazu beitragen, sie als diese Frau, internationaler Frauentag, als diese Frau gelten zu lassen und zu zeigen, die sie war, sehr vital, sinnlich, frech, witzig, gescheit. Es gäbe noch ein paar Dinge, aber jetzt machen wir weiter. Ja, ich wollte nur sagen, dass man auch die Gedichte, die veröffentlicht sind, dann anders liest. Ich wollte nur sagen, dass man auch die Gedichte, die veröffentlicht sind, dann anders liest. Wenn man die Werner-Berg-Geschichte im Hinterkopf hat, liest man die Gedichte, die man immer nur auf Gott bezogen hat, denn katholisch war sie ja schon auch. Aber dann liest man sie mit diesem Subtext noch einmal ganz anders und in einer faszinierenden Doppeldeutigkeit. Ja, die ganz bewusst gemacht ist. Rainer Berg war halt ihr Gott. Und dieser Gott kommt auch in den Gedichten vor, aber sie hat es dann auch ein bisschen verkleidet, dass es nicht zu direkt und auch zu banal ist. Und darin liegt, denke ich, auch ihre große poetische Kunst, das so in der schwebe zu halten ohne dass es irgendwie schlüpfrig wird oder so und das finde ich bin ich sehr schön jetzt letztes nächste beispiel lasse ich aus und wir gehen vielleicht gleich aber wir können doch nicht den selbstmordversuch aus dass man nur das nächste beispiel den selbstmordversuch auslassen? Nein, das ist nur das nächste Beispiel. Den Selbstmordversuch, das machen wir. Also er macht dann Anfang 1955 einen Selbstmordversuch, der wirklich nur, weil er großes Glück und schnelle Hilfe hatte, den er überlebt hat. Und er war dann fast ein Jahr lang im Landeskrankenhaus, weil Komplikationen dazu gekommen sind. Aber darauf bin ich erst an der Arbeit, an dem Buch gekommen, dass sie am Tag, zehn Tage vor diesem Selbstmordversuch schreibt sie. Zehn Tage vorher, am 14.01.1955. Ach du, du, ein Weltenraum aus Lieb ist über uns zwei. Das geht nie vorüber. Das schreibt sie zehn Tage vorher. Und am Tag, am Tag seines Suizidversuches schreibt sie. Morgen wird der Himmel und die Luft und das alles wieder ganz anders sein. Und in der Nacht kann man darauf warten und hoffen, dass es schön sein wird, schön, weißt, zum Spüren. Also die Frau von Werner Berg hat dann sie auch gebeten, den Brief ist hier auch abgedruckt, dass sie den Kontakt abbricht und was sie fast umgebracht hat und was dazu führte, dass sie im Grunde genommen mit 1955 das Schreiben einstellt. Es entstehen danach bis zu ihrem Tod ja eigentlich nur noch schätzungsweise ein paar, ich würde sagen zwei Dutzend Gedichte, Prosa überhaupt keine mehr. Und diese Gedichte sind auch eigentlich belanglos. Die meisten davon sind Ottos Grindzi, ihrem Hausarzt dann in den letzten Jahren ihres Lebens gewidmet und die haben also keine Bedeutung. Der Selbstmordversuch oder Suizidversuch von Werner Berg ist gleichsam das Ende ihrer literarischen Karriere und es gibt also wirklich sehr berührende Briefe auch an den Innsbrucker Philosophen Ludwig von Ficker, mit dem sie einen engen Briefkontakt hatte, wo sie wirklich in einer Weise, man kann das schwer lesen, über ihre eigenen Zustände als lebende Tote oder als tote Lebende schreibt. Also das ist wirklich tragisch. Aber das können Sie dann selber nachverfolgen. Und du sagst, immer mit der Ruhe, weil du sagst auch an deiner Stelle, das betonst du, dass sie praktisch ihr gesamtes Werk, fast das Ganze, innerhalb von zehn Jahren geschrieben hat, zwischen ihrem 30. und 40. Lebensjahr. Ja, und da kommen 2000 Druckseiten Prosa dazu und eben etwa 2000 Gedichte, von denen wir schätzungsweise 1400, 1500 veröffentlicht haben. 1400, 1500 veröffentlicht haben. Und sie hat ihr gesamtes Werk, wir haben vielleicht, ich würde sagen, zwei Drittel veröffentlicht und das sind vier starke Bände zu je 700 Seiten, also fast 3000 Seiten. Das sind zwei Drittel ihres Werks. Und sie hat aber das ganze Werk innerhalb von zehn Jahren geschrieben. Aber sie führt manchmal Buch und Erzählungen, die im Druck 150 Druckseiten sind, hat sie in 14 Tagen hingeschrieben. Und in der Lyrik hat sie mehrere Fassungen hergestellt und auch korrigiert. Aber wenn man die Prosa-Manuskripte anschaut, die sind von Anfang bis Ende wie in Trance durchgeschrieben. Kaum Korrekturen, kaum Ergänzungen. Ich glaube, sie hat es teilweise nicht einmal mehr durchgelesen. Das heißt, das ist das, was ich bis heute sozusagen mir das Unbegreiflichste ist, das ist ihr Schreibprozess, ihr Schreiben. Sie spricht immer davon, es gibt ein berühmtes Zitat, das immer wieder verwendet wird. Sie hat einmal einer Studentin, die eine Arbeit über sie geschrieben hat, hat sie versucht, diesen Schreibprozess zu beschreiben. Und sie sagt, sie muss in den Zustand hineingeraten, in dem sie schreiben kann. Das ist häufig ein Zustand, der sich einstellt sozusagen nach dem Schlaf, also quasi noch in einem fast traumartigen Zustand und dann beginnt sie zu schreiben und wenn sie aus diesem Zustand herausfällt, kann sie nicht mehr weiterschreiben, also zumindest in der Prosa. In der Lyrik ist es anders, wie gesagt, da gibt es manchmal verschiedene Fassungen, da setzt sie sich dann wieder hin, aber in der Prosa setzt sie sich nie mehr dazu und auch die langen Erzählungen sind praktisch ohne Korrektur, Da setzt sie sich dann wieder hin, aber in der Prosa setzt sie sich nie mehr dazu. Und auch die langen Erzählungen sind praktisch ohne Korrekturen. Natürlich vertiept sie sich manchmal oder schreibt über den Seitenrang hinaus oder wiederholt einmal etwas. Aber man sieht kaum Korrekturen. Das ist wirklich wie im Traum herausgeschrieben. Und das führt dazu, das habe ich vorhin schon erwähnt, dass es sehr, sehr viele Fragmente gibt, also wo sie angefangen hat, Erzählungen zu schreiben und dann offenbar aus dem Zustand herausgefallen ist und dann nicht mehr weiterschreiben konnte. Wir haben dann im Band aus dem Nachlass haben wir auch ein paar dieser Stücke abgedruckt, die dann plötzlich abbrechen. Jetzt kommt Thomas Bernhard. Ja, kurzer Übergang. Also sie war, auch das ist ein Punkt, das sieht man auch an den 100 Fotos, die da in dem Bild drin sind, sie war sehr gesellig, war sehr gerne in Gesellschaft, war sehr frech, war sehr lustig, war sehr oft und viel auf dem Tonhof, wobei man sagen muss, Meier und Gerhard Lampersberg, diese beiden, die bei Thomas Bernhard irgendwie so schlecht wegkommen, in Holzfällen völlig zu Unrecht, denn die beiden haben ihn fast drei Jahre lang durchgefüttert auf dem Tonhof. Die erste Sizilienreise, die Thomas Bernhard gemacht hat, haben die Lampersbergs finanziert. Von dort gibt es übrigens eine Postkarte von Thomas Bernhardt an Christine Lawand. Also die haben sich dort kennengelernt und mögen gelernt. Und dieser Tonhof hat dann in der zweiten Lebenshälfte, im zweiten Lebensabschnitt von Christine Lau eine große Rolle gespielt, weil sie nach diesem Zusammenbruch, es hat Jahre gedauert, diese Trennung von Werner Berg, hat die Meier Lampersberg und auch der Beppo, also ihr Mann, die haben sie unter die Fittiche genommen und haben sie praktisch durch die Gegend geführt mit ihrem VW. Sie ist sehr gerne Auto gefahren, schreibt sie überall. Wenn jemand ein Auto hatte, hat der Bär schon gewonnen, weil sie dann auf die Saualm und überall sind sie hingefahren. Und dort hat sie Thomas Bernhard kennengelernt und hat ihn auch hin und wieder getroffen. Und Thomas Bernhard hat sie sehr mögen. Ich glaube auch, wenn man die frühen Gedichte anschaut von Thomas Bernhard, die ein Jahr nach dem ersten Gedichtwand von Christine Lawand bei Otto Müller erschienen sind, dann sieht man, die stehen schon ziemlich nahe beieinander, diese Form von Lyrik. Und ich habe so ein bisschen eine Vermutung, wenn ich das ein bisschen spitz sagen darf, Thomas Bernhard hätte gern die Gedichte geschrieben, die sie geschrieben hat. Und das sieht man, er ist dann eingeladen worden, Ende der 80er Jahre vom Sürkamp Verlag eine Auswahl ihrer Gedichte zu machen. Und er hat interessanterweise aus dem doch damals schon vier oder fünf Bände Gedichtwerk von Christine Lavandt hat er eigentlich nur diese, oder schwerpunktmäßig diese frühen, mit Gotthardern Gedichte genommen, also die, die er selber vielleicht gern geschrieben hätte. Und interessant ist, dass dieser Gedichtband bei Otto Müller, der dieses berühmte Nachwort aus fünf Zeilen hat über sie. Dieser Gedichtband ist interessanterweise das erfolgreichste Buch von Christine Lavant gewesen bis in die Neuzeit herauf. Dieser Gedichtband von Thomas Bernhard ist, glaube ich, 10.000 oder 12.000 Mal verkauft worden, was für ein Gedichtband sensationell ist. Und der hat natürlich ihr Bild auch geprägt. Und dadurch, dass er aber, es gibt dort kein Liebesgedicht, es gibt nur diese sozusagen mit Gott hadernden Gedichte, der hat natürlich auch für die deutsche Leserschaft ihr Bild geprägt, als eine mit Gott hadernde, eigentlich katholische Autorin, was sie absolut nicht ist. Thomas Bernhard hat das aber auch gewusst. Thomas Bernhard hat das auch gewusst und im Briefwechsel mit Unseld, dem Sigfried Unseld, dem Verleger des Surkamp Verlages, im Zusammenhang mit der Entstehung dieses Gedichtbandes, schreibt er, wie er sie gesehen hat. Das ist Seite 397. Schreibt er über die Christine Law. Und das finde ich für sich genommen auch schon wieder gut, weil es so viele Seiten an der Lawand zeigt. Thomas Bernhard, 13. April 1987 an die Lektorin des Zukunftsverlages. Unsere Dichterin, also Christine Lawand, Unsere Dichterin ist eine der wichtigsten und sie verdient, in der ganzen Welt bekannt gemacht zu werden. Einen solchen Satz hat Thomas Bernhardt über keinen seiner Kollegen geschrieben. Da können Sie Gift drauf nehmen. Unsere Dichterin ist eine der wichtigsten und sie verdient, in der ganzen Welt bekannt gemacht zu werden. Das melancholisch machende, geistlose und weltferne und fremde Kärnten hat auf die beiden lyrischen Geschwister Bachmann und Lawand einen unseligen Andalusien-E menschen vernichtenden natur hat auf die spanische literatur genauso gewirkt wie das ebenso geisttötende dumpf machende menschen vernichtende kärnten auf die deutsche aus diesem fürchterlichen geistlosen kärnten sind die sehnsuchtsgedichte unserer beiden Lyrikerinnen entstanden. Was die Lavant betrifft, so liegt zwischen absoluten Höhepunkten ihrer Erfindungen und also Höhepunkten der deutschen Lyrik unglaublich viel Kitschmüll, Leerlaufgott und Massenmohn überschwemmen die Seiten der im Otto Müller Verlag veröffentlichten Bücher. Die Gedichte in Kunst wie meine, also ein Nachlassbuch, sind fast alle abstoßend. Die katholisch verlogene Strickweise ist kaum auszuhalten, nachdem ich die scheußlichen Briefe, ist kaum auszuhalten, nachdem ich die scheußlichen Briefe, die schauerlich infantile, sentimentale Prosa, die mehr Heuchelei als Notwendigkeit sind, vergessen habe, das volkstümelnde und das kindisch-religiös Verlogene, entstand in diesen Tagen bei Schneetreiben und Regen am Ende doch das Buch einer ganz und gar bedeutenden, wie gesagt wird, großen Dichterin. Der liebe Gott möge mir verzeihen, dass ich ihn so viel als möglich aus den vier Büchern verjagt habe. Immerhin treibt er auch in meiner Auswahl noch sein Unwesen. auch in meiner Auswahl noch sein Unwesen. Die Lavant war eine völlig ungeistige, sehr gescheite, durchtriebene. Sie wohnte auf der Betondecke eines Supermarktes an einer Straßenkreuzung in Wolfsberg mit einer Riesentankstelle und tippte ihre Gedichte gleich in die Maschine. Das ist für mich großartiger als das verlogene Weltfremdmärchen mit katholischer Talschlussromantik, das gottbefohlene, das um sie bis heute immer wieder verbreitet worden ist. Ludwig von Ficker, dieser Philosoph aus Innsbruck, der die horrende Wittgensteinsumme an Trakl, der die horrende Wittgenstein-Summe an Trakl, Rilke und Konsorten verteilt hat, verbreitete vor allem dieses lyrische Schauermärchen bis zu seinem Tod mit größter sentimental-katholischer Vehemenz. Das ist doch was, oder? Das letzte Zitat kommt von einer Frau, Autorin Sibylle Levitscharow. Ein kurzes Zitat, eine Interviewfrage. Frau Levitscharow, teilen Sie die Meinung von Thomas Kling, dem Lyriker, der Christine Lawand als Lyrikerin höher schätzte als Ingeborg Bachmann. Und Levitscharow, die auch ein großer Bernhard-Fan war, das würde ich mit einem dicken Rotstift gleich zehnfach unterstreichen. Für mich ist die Lawand die größte Dichterin überhaupt im 20. Jahrhundert unter den Frauen. Die Lawand ist einfach unglaublich, schon allein auch die Person, aus welcher Not und aus welchem Druck heraus eine so irrwitzige Dichtung entstanden ist. Hemmungslos begeistert mich diese kleine knochige Faust, die man sie im Porrecken sieht gegen Gott, wiewohl die Dichterin zugleich vollkommen im katholischen Gehäuse eingesperrt ist. Das ist die wahre Wut, eine ungeheuer kraftvolle Lyrik, aber gleichzeitig eine von einer großen Melancholie. Die liebe ich heiß und innig. Und jetzt zum Schluss kann ich mich nicht verkneifen zu fragen, du hast ja eine enge Beziehung zu manchen Kärntner Autorinnen und Autoren berufsbedingt entwickelt. Du hast dich nicht nur mit Handke beschäftigt, mit Winkler, sondern vor allem auch mit Bachmann und Robert Musil. Aber ich habe doch den Eindruck, die Lawand ist dir am engsten ans Herz gewachsen. Das kann man bei den Frauen nicht sagen. Das würde ich schon sagen. Das ist ja jetzt, ich würde sagen, es gibt ja auch eine platonische Liebe, oder? Also so weit wollte ich es nicht treiben. Nein, das ist schwer zu sagen. Ich würde das nicht sagen. Also das ehrt mich. Vielleicht auch irgendwie eine gewisse Sympathie ist auch die Voraussetzung, dass man so ein dickes Buch macht und eine vierbändige Werkhausgabe. Aber ich würde nicht sagen, dass sie die Lieblingsautorin ist. Sie beeindruckt mich am meisten sozusagen in ihren extremen Formen. Man darf nicht vergessen, dass sie mit dieser Verbindung von himmlischer und irdischer Liebe auch an die Tradition der Mystik anknüpft. Das ist ja auch wichtig. Aber das vergleife ich mir jetzt auch nicht. Wenn man das Buch liest, und du hast es ja auch immer wieder betont, du wolltest andere Seiten zeigen, dann kann man auch nicht abstreiten, dass auch der Nicht-Biograph natürlich ein Bild mitzeichnet. Oder der, wie soll ich sagen, der etwas verschämte Biograph natürlich auch ein Bild anders konturiert, als er es vorgefunden hat. Das war eine Absicht. Es war eine Absicht, dieses katholische Kopftuchweiblein irgendwie als Frau zu zeigen. Auch als liebende Frau und als freche Frau und also mit all ihren Facetten. Und die Arbeit haben eh die anderen für mich geleistet, so wie auch der Thomas Bernhard. Aber ich glaube, es ist auch eine ganz schöne Arbeit, das sozusagen so etwas zum Scheinen zu bringen und das zu konfrontieren und dieses Mosaik an unterschiedlichen Emotionen auf dieses Mosaik irgendwie herzustellen. Also es hat schon auch Freude gemacht, aber es ist schon, also dieser Briefwechsel zwischen Lawand und Werner Berg ist über tausend Druckseiten und das ist noch viel öder als das von Bachmann und Frisch. Also wir haben ja hier nur ein paar schöne Stellen ausgewählt, aber der Alltag der Liebe ist manchmal mühsam, das wissen Sie auch. Auch das ist ein gutes Schlusswort. Wir bedanken uns für deine Mühe. Ich bedanke mich bei Ihnen fürs Zuhören. Entschuldige mich für meine ramponierte Stimme. Das Buch gibt es hier natürlich. Sie können es kaufen, Sie können es signieren lassen und Sie können damit eintauchen in diese Biografie der Christine Lawand. Im Frauentag damit beginnen, wenn Sie heute nichts Besseres vorhaben. Guten Abend. Gute Nacht.