Wir kommen zum sechsten und letzten Beitrag. Guido Thaler ist Erziehungswissenschaftler an der Uni Innsbruck und statt der Tour de France startet er jetzt in die Tour de Data. Riesenapplaus für Kudo Tala! Bevor wir beginnen, muss ich ein paar Begriffe klären. Und da ich aus dem Tiroler Oberland komme und unter Stress kann es schon mal sein, dass mir ein paar Wörter im Dialekt über die Lippen kommen. Also beginnen wir. Radle-Fohre. Es ist das Radfahren. Egal ob schnell, langsam, bergauf, bergab. Egal mit welchem Fahrrad. Ja, ganz gemein. Ablezin. Das ist nicht gerade etwas Gescheites, eher das Gegenteil. Und dann das Begriffspaar Ja und Na. Das ist ganz wichtig. Also ich bin wie gesagt Erziehungswissenschaftler und habe untersucht, warum junge Menschen ihr Ausbildungsverhältnis zu einem Handwerksberuf, also ihre Lehre, vorzeitig auflösen. Und wie es mir dabei ergangen ist und wie es dazu kam, das möchte ich euch kurz besprechen beziehungsweise ich nehme euch auf diese Tortur mit. Die Erziehungswissenschaft, die ist jetzt nichts Handfestes. Ich kann euch nichts aufbauen, ich kann nichts zerlegen. Aber was wir gut können, wir können Dinge ganz gut zerreden. Und ich fahre gerne Rad. Also Radfahren, das habe ich schon vor dem Studium, während dem Studium, nach dem Studium. Ich fahre so gerne Rad, weil da kann man so gut nachdenken oder nicht nachdenken oder nicht mehr an das denken können, was man überhaupt nachdenken wollte. Also dafür eignet sich das Radfahren wunderbar. Aber mit dem ganzen Nachdenken und Radfahren wurde das Geld auch immer weniger und ich musste irgendwann in meinem Feld tätig werden. Jetzt haltet es euch fest. Ich habe dann mit jungen Menschen gearbeitet, dass die an sich arbeiten, dass sie besser arbeiten können. Das kann man als Erziehungswissenschaftler machen. Und eines Tages auf dem Fahrrad, weil ich vorher so gerne Radle, Rad natürlich, da ist mir der Gedanke in den Kopf gekommen, warum die jungen Menschen denn bei mir sind, also da, wo ich arbeite. Weil vielleicht würden die auch viel lieber Rad fahren. Und weil, wenn es bei mir so ist, dann muss es ja auch bei denen so sein, so rein hypothetisch. Und wenn das so wäre, dann könnte man da so richtig eine gesellschaftskritische Doktorarbeit drüber schreiben, habe ich mir so gedacht auf dem Fahrrad. Auf jeden Fall Bremse, Kurve, gleich zum Doktor, fahr da rein und der so im Büro dann. Ja, ja, aber was ist Ihre These? Diese These habe ich schon da in der Trikot-Tasche, kein Problem. Also gleich wieder auf das Fahrrad, diesmal im Sprint zu den Jugendlichen an der Stätte, wo ich arbeite. Und dann, man muss sich ja irgendwie so auf das gleiche Wellenlänge eingrooven und sollte authentisch wirken. Zum ersten Jugendlichen hin in der Lehre. Und, Achtung Dialekt, zipft die auch so en vieux mi. Und er entgegen meiner Hypothese. Na, super da. tippt die auch so an wie mich. Und er entgegen meiner Hypothese, nein, nein, nein, super da. Es war etwas ein Tiefschlag. Und ich brauchte eine lange Fahrradtour, um mir das durch den Kopf gehen zu lassen. Und oben auf dem dritten Gipfel, dann musste ich das als exploratives Interview zur Erkundung heuristischer Hypothesen identifizieren. Bei der Abfahrt hat es mich durchgeschüttelt. Ich habe verkrampft in den Armen, weil ich überhaupt keine Ahnung habe, wovon die Jugendlichen da, um was es denen geht. Und meine These ist nur Blödsinn. Wieder zurück, ich musste an die Literatur, ich musste mich mehr mit den Interviews auseinandersetzen und es musste dann wohl laut Literatur ein problemzentriertes Interview her, ein problemzentriertes Interview und ein Interviewleitfaden. Aber das Problem, das war dann eher so auf meiner Seite, weil die Antworten, die waren so, ja, na, na, ja, ja. Also die waren eher quantitativ als diskriptiv. Aber dafür kann ich heute cool bei den Lehrveranstaltungen sagen, bitte stellt ja keine geschlossenen Fragen, es sei denn, ihr wollt, dass das Interview nur zwei Minuten dauert. Ich sage, bitte stellt ja keine geschlossenen Fragen. Es sei denn, ihr wollt, dass das Interview nur zwei Minuten dauert. Zur Supervision zu meinem Doktorvater. Der war ja immer sehr hilfreich. Doktorvater wieder da. Ah, da schauen Sie mal, der Kollege. Der setzt sich in die Klassenzimmer und beobachtet. Kein Problem. Wieder aufs Radl schnell. In den nächsten Schlossereibetrieb meiner Wahl, wo die Lehrlinge, also die Opfer meiner Untersuchung da drinnen waren. Aber ihr könnt euch vorstellen, dass so ein Schlossereibetrieb von der Lärmkulisse und von den geschrienen Unterhaltungen dort klein wenig sich von dem Klassenzimmer der Oberstufe unterscheiden. Völlig frustriert. Ich war sehr ausweglos. Ich brauche den Tapetenwechsel. Zwei Wochen Gran Canaria mit dem Rennrad sollten helfen. Und etwas Literatur habe ich auch mitgenommen. Zu Hause angekommen, habe ich sie ausgepackt. Meine Geheimwaffe. Das Gruppeninterview. Falls ihr noch nie ein Gruppeninterview geführt habt und ihr eine zu polarisierende Frage in eine zu heterogene Gruppe werft. Das war ein Chaos, also Sondersgleichen. Den Zustand, der sich danach bei mir einstellte, das würde ich heute als körperliches und geistiges Übertraining identifizieren. Was hilft bei Übertraining? Bei Übertraining hilft nur eine Pause, eine Sportpause. Ohne Sport kann man Radl fahren, ohne Radl fahren kein Nachdenken. Ohne Nachdenken fehlt mir der rationale Zugang. Es hilft nur noch die Anbetung an eine spirituelle höhere Kraft. Ja, Herrgott, Zeit, da kann man endlich einer sagen, wie es zu dem Lehrerbruch gekommen ist. Sagt der andere Lehrling da, ja klar, sitz dich her, ich erzähle dir meine Geschichte. Und genau diese Geschichten waren die Grundlage für die Entwicklung einer gegenstandsbasierten Theorie, die gänzlich auf den Aussagen und Erzählungen von jungen Menschen beruhte. Danke. Was für eine Tour de Force durch die Interviewtechnik von explorativ bis zum Gruppeninterview. Kann man jetzt sagen, also hast du auf dieser Reise die ideale Interviewform für deine Forschung gefunden? Oder gibt es einfach für jede Situation, für jede Problemstellung, auch für jedes Individuum eine jeweils optimale Interviewform? Für meinen Zugang, ich wollte ja wirklich wissen, was das Hauptanliegen von den jungen Menschen ist. Und da musste man so wie auf der psychoanalytischen Bank einen erzählgenerierenden Impuls geben und dass die wirklich von sich aus erzählen, weil jede und jeder hat ein anderes primäres Anliegen. Und das kann man nur sagen, erzähl mal deine Geschichte, wie ist es dazu gekommen? Erzählgenerierender Impuls, wunderschönes Wort. Das ist das Um und Auf. Jetzt könnte ich mir vorstellen, weil nur eine reine These, selbst wenn man die optimale Interviewform hat, hängt es ganz stark von der Persönlichkeit und von der Zugangsweise des Interviewenden ab. Also kann man das lernen? Kann man das weitergeben? geben? Ich versuche es in den Lehrveranstaltungen. Ihr könnt euch sicher vorstellen, das macht schon was aus, wenn man mitschreibt oder wenn ein Audio-Rekorder da steht. Aber zum Schluss war es dann wirklich so, dass ich in die Interviews gegangen bin, so wie wir uns hier sehen und dass ich dann auf dem Nachhauseweg das transkribiert habe, was mir wirklich hängen geblieben ist, weil um das geht es ja schließlich. Das muss ja das sein, um was es den Personen wirklich geht. Das heißt, das Aufnahmegerät am Tisch ist ein Hemmschuh für das zellgenerierende Impulsquantum. Und du verzichtest auf das Aufnahmegerät, obwohl dann wahrscheinlich Details verloren gehen. Aber du vertraust nur auf deine Merkfähigkeit. Ja. Passt? Es war eine geschlossene Frage. Stellen Sie niemals in einer erzählgenerierenden Interviewsituation eine geschlossene Frage. Schätzung. Welchen Prozentsatz an wesentlichen Informationen kannst du nach der Fahrradfahrt noch reproduzieren? Oder nicht mehr daran denken können? Das ist eine komplizierte Frage. Andere Frage. Hast du wirklich was gelernt über die Motivation der Jugendlichen, warum sie ihre Lehre abbrechen? Oder anders gesagt, kann man aus diesem Wissen sie sogar motivieren, vielleicht doch noch einmal weiterzumachen? Geht es auch um eine Verhaltensänderung in deiner Forschung? Die Erkenntnis war eigentlich, dass im Zuge einer Lehrausbildung die Ausbildenden sehr wohl Einfluss haben, weil das sind ja junge Leute mit 15 und die haben alle die gleichen Anliegen. Und das Anliegen war Orientierungssuche. Und ich habe durch meine Beziehungsfähigkeit sehr wohl Chancen, jemanden zu motivieren oder anzuregen und wenn man das Gebrauchtwerden vermitteln kann, dann stehen die Chancen einfach höher, dass der bei mir in dem Umfeld oder in meinem Betrieb vielleicht etwas länger bleibt, als wie nur bis zur Lehre. Beziehungsfähigkeit ist offensichtlich der springende Punkt und offensichtlich verfügst du über eine große Beziehungsfähigkeit, Deswegen gelingen die Interviews. Gürtel Thaler, super gemacht. Vielen, vielen Dank. Applaus nochmal. Danke.