Applaus Mit Stolz und Verachtung gingen die Töne klar vor der Seite nieder, sie war mit ihnen allein und nie mehr werde ich den Eindruck vergessen, wie ruhig das einsame Auge in dem Haupte stand und eine namenlose Unglückseligkeit sich aussprach, gerade wie sie am schwarzen Steine gesessen war, ein schönes, eingeknickstes, verkommenes Wesen, das auf mich nicht achtend mir den Weg gezeigt hatte. Der Adler ober ihr war das Sinnbild der Öde, Einsamkeit und Kraft. Ich weiß es nun, warum sie in ihrem Spiele der Teresa Milanolo nicht ähnlich ist, der sie doch so ähnlich ist. Herzlich willkommen, sehr geehrte Damen und Herren, hier in der Literaturgalerie im Stifterhaus zu Adalbert Stifters 218. Geburtstag, den wir mit einer allerprominentesten besetzten Lesung aus seinem Werk feiern, denn zu feiern haben auch wir bereits das gesamte Jahr 2023 lang, nämlich 30 Jahre Stifterhaus neu und das tun wir mit einem Programm aus unterschiedlichen Richtungen unter dem Motto Mitstifter, Beistifter. Wir freuen uns sehr, dass Karl Markovitsch die Einladung Stifter zu lesen angenommen hat und heute hier in Linz ist. Ganz, ganz herzlich willkommen Karl Markovitsch bei uns, bei Stifter, mit Stifter, mit seinem Stifter. Es ist uns eine große, große Freude, dass Sie da sind. Zum heutigen Festtag, also die Lesung einer Erzählung Adalbert Stifters, eine Erzählung, die nicht zu den ganz Bekannten des Dichters gehört und die vielleicht häufiger in der sogenannten Buchfassung, in der sie den Titel Zwei Schwestern trägt, gelesen wird. Sie werden gleich anschließend die Schwestern hören, die sanft, aber deutlich gekürzte Journalfassung, also den ersten Wurf, den Stifter 1845 in einem Alma nach, in der Iris auf das Jahr 1846 veröffentlicht hat. Für die Aufnahme in das Sammelwerk Studien, in der sie fünf Jahre später erschien, hat Stifter sie nicht nur tiefgreifend überarbeitet, sondern auch erweitert. Warum die erste Fassung? Die Erstdrucke von Stifters Erzählungen zeigen sich vielfach anders als jene, die für eine Wiederveröffentlichung in den insgesamt sechs Bänden der Studien oder in den bunten Steinen noch einmal durch Stifters Pfeile, die bei nahe legendären Korrektur- und Überschreibungsprozesse gegangen sind. Die Texte der Erstdrucke sind unter anderen Bedingungen entstanden, wurden für Anthologien und Kalender, für Periodika mit fixem Abgabetermin geschrieben, das zwang Stifter, das Manuskript gewissermaßen frühzeitig loszulassen. Und so zeigen sich die Erstdrucke generell als weniger geschlossen, weniger geglättet. Drittel an Textvolumen erweitert, erweitert auch um das, was die zeitgenössische Kritik Dekorationsmalerei nennt, also die Beschreibung der Dinge. Nicht zuletzt wird die Erzählung entromantisiert, so wird etwa das Unheimliche, das Verkommene in der Journalfassung noch explizit so benannt, Sie haben es gehört, in der Überarbeitung wird manches zurückgenommen. Aus dem schreienden Herzen wird ein sozusagen schreiendes Herz. Inhaltliche Akzente verschieben sich. Worum geht es? Im Jahr 1843 treten Therese und Marie Milanolo als Wunderkinder gefeierte Geigerinnen aus dem Piemont mehrmals in Wien im Theater an der Josefstadt auf, wo Stifter sie hört. Die Begegnung gibt den Anstoß zur Erzählung die Schwestern. Sie fügt sich in einen Themenkreis, der den Dichter zeitlebens beschäftigt. Die Frage danach, was die Existenz als Künstler, im konkreten Fall Virtuosentum, mit dem Menschen macht. Wie sich die Hingabe an die Kunst auf Identität, Psyche und Physis und nicht zuletzt auf das familiäre Umfeld auswirkt. Eingebettet wird das Thema in den Schwestern in eine Reisenovelle oder eigentlich in zwei. Der in der ersten Fassung namenlose Protagonist, der uns seine Geschichte erzählt, lernt während einer Reise einen Gefährten kennen, den er später zufällig in einer Gastwirtschaft wieder trifft. Beide Männer haben offenbar Rechtsgeschäfte abzuwickeln und besuchen zusammen, absichtsvoll lassen sie sich vom Zufall leiten, ein Konzert zweier junger Geigerinnen. Nach einem längeren gemeinsamen Aufenthalt in Wien trennen sich die Wege. Einige Zeit später macht sich der Ich-Erzähler während einer Italienreise auf die Suche nach dem Bekannten und findet ihn, nach einigem Aufwand, in einem Haus in einer Öde oberhalb des Gardasees, in gänzlich anderen Umständen als angenommen, mit Frau und zwei sehr unterschiedlichen Töchtern. Fast könnte man an die doppelte Ausfahrt des Ritterromans denken, ja an Parzival, denn die Reise wird dem Erzähler zur Bildungsreise im Sinne einer Herzensbildung. Er lernt, Fragen zu stellen, lernt sein Urteilsvermögen durch das unvoreingenommene Beobachten von Entwicklung zu schulen. Vor dem Hintergrund der Verhandlung von Fragen nach einem dem Menschen gemäßen Leben und nach den Wechselwirkungen von verschiedenen Lebensmodellen auf die Gemeinschaft, auf die Familie, ist in den Schwestern manches aus der Stifterlektüre vertraute Motiv anzutreffen. Die Figur des Wanderers, die im Nachsommer wieder begegnen wird, mit dem zögerlichen Eintreten bzw. Aufgenommenwerden ins Haus, die Gastfreundschaft, das Kultivieren von Land, die Anlage von Mustergütern und der Anbau von Früchten, hier wie auch in Brigitta oder in der Fromme Spruch, auch durch Frauen, die zufälligen Erbschaften, die ein Leben in solchen Verhältnissen ermöglichen, die Erhabenheit von Landschaft, gerade auch in ihrer Kargheit und vieles andere mehr. Ungewöhnlich ist wohl, dass die Landschaft, die Stifter beschreibt, Sie werden es gleich hören, wie eindrücklich, eine erlesene, eine erfühlte ist. Stifter selbst ist in Richtung Süden nicht weiter als bis Triest gekommen. Er malt seine Öde mit Licht und einfallenden Schatten, die die Farbe des Steines der Felsen verändern. Diese Landschaft steht uns deutlich vor Augen, wenn wir mit dem Erzähler den Weg vom See hinaufgehen. Und das wollen wir nun tun. Mehr möchte ich nicht mehr verraten. Eine schöne Geburtstagsfeier für Adalbert Stifter mit Karl Makovitsch. Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Wir fuhren einmal unser mehrere in einem Postwagen. Im Kasten saß ein Vater mit zwei Töchtern, von denen die ältere ungefähr ein Mädchen von 13, 14 Jahren durch ihr ernstes, ruhiges Wesen unsere Aufmerksamkeit erregte. Die Jüngere war noch fast ein Kind und schaute mit ihren Augen kindlich in die Welt. In dem Hinterngelasse des Wagens saßen ich und ein eltlicher Mann, den wir seines blassen Aussehens und seiner schwarzen Kleidung halber scherzweise Paganini nannten. Er lächelte einmal bei diesem Spottnamen trübsinnig und sagte, wer weiß, ob es nicht ein sehr großes Unglück für mich wäre, wenn ich wirklich Paganini wäre. Die Fahrt war durch ganz und gar nichts ausgezeichnet, weder durch schlechtes noch durch sehr schönes Wetter, weder durch ein Glück noch durch ein Unglück, weder durch besonders langweiliges noch durch ungemein anziehendes Gespräch. Als wir uns erst ein wenig ineinander hineingelebt hätten und die Sache in den Gang gekommen wäre, hatten wir unser Ziel erreicht und wir gingen auseinander. Ich hätte das Ding längst vergessen, wenn nicht der Zufall eine Fortsetzung daran gestückt hätte, wie er es oft mit den unzusammengehörigsten Sachen tut, dass man gereizt wird, in dem Gemängsel nach einer Art Vernunft zu suchen, als wäre es eigens zu einem Zwecke gemacht worden. Als ich, ich weiß nicht nach welch langer Zeit, einmal in Wien in dem Gasthofe zur Dreifaltigkeit die hintere Wendeltreppe in den Hof hinabstieg, welche Stiege gewiss jeder Reisende kennt, der einmal in diesem Gasthof gewohnt hat, weil sie so enge ist, dass sich ihre zwei kaum ausweichen können, begegnete mir hinaufsteigend dieser falsche Paganini. Er hatte wieder, wie damals im Postwagen, den schwarzen Frack an. Wir begrüßten uns, freuten uns, fragten gegenseitig ums Befinden und erkundigten uns, wie lange wir schon in Wien wären, wo wir wohnten und wie lange wir uns aufzuhalten gedächten. Da erfuhren wir nicht nur, dass wir schon zwei Tage Zimmernachbarn wären, sondern auch, dass wir es noch ziemlich lange bleiben würden. Einmal, da wieder ein recht schlechtes Wetter im Himmel war, kein fröhlicher Regen, der alles Rauschen und Strömen macht, nein, ein dicker, unbeweglicher Nebel, der wie Fließpapier an den Fenstern liegt, oben Sonne, Mond und Turm und Häuserspitzen wegfrisst, unten jedes Ding nass und schmutzig und tropfend macht. Und da wir schon den besten Teil des Nachmittags stochern und in Zeitungen blätternd versessen hatten, schlug ich vor, in das nächstbeste Theater zu gehen, auf gar keinen Spielplan zu schauen, den wir ohnehin geschäftehalber keines Tages wussten, sondern es dem Zufalle anheimzustellen, was man uns aufführen würde. Ich machte fünf Zettel, schrieb auf jeden derselben den Namen eines der fünf Theater Wiens, rollte sie zusammen, ließ den Lohnbedienten einen ziehen, befahl, dass er zu dem Theater, dessen Name auf dem Zettel habe, Sperrsitze in den Parterre hole, uns die Karten in einem Papiere eingeschlagen gebe und einen Fjacker bestelle, der uns um halb sieben Uhr dahin führe, wohin die Karten lauten, ohne dass wir eher wussten, wohin wir kämen, bis wir an dem Tore ausstiegen. Als wir die Wagenschläge aufr sehr voll. Mit Mühe kamen wir zu unseren Sitzen, sie wurden uns aufgesperrt und wir setzten uns nieder. Rechts und links klappten noch Sperrsitze, die Logen füllten sich, immer drängten Menschen herein. Endlich, da es schon bedeutend über sieben war, begann die Musik. Sie dauerte kurz. Der von so vielen Augen sehnlichst angeschaute Vorhang ging auf, aber statt eines Spieles blieb die Bühne einige Augenblicke leer. Atemlose Stille. Dann kam ein schlichter junger Mann im schwarzen Fracke und führte ein weiß gekleidetes Kind an der Hand. Nein, kein Kind, sondern ein Mädchen von ungefähr 14 Jahren in san sanftem, weißem Kleide, gescheiterten Haaren und zwei bis auf den Rücken niedergehenden Zöpfen. Ich und mein Nachbar sahen uns betroffen an, denn es war dasselbe ernste Mädchen, das mit uns auf dem Postwagen gefahren war und das uns eben seines ernsten Wesenswillen so gefallen hatte. Ein ganz ungewöhnlicher und unglaublicher Sturm des Beifalles empfing das Kind. Allein, es verbeugte sich nur ganz einfach gegen die Zuschauer, ungefähr wie jemand, dessen Sinn schon auf ganz andere Dinge gerichtet ist und der die vorliegenden Beifallszeichen eher als eine Unterbrechung, als etwas anderes ansieht. Endlich hörte das Lärmen auf und das Kind ging von der Mitte der Bretter, wo es bisher gestanden war, bis gegen die Lampen vorwärts, verbeugte sich abermals und nahm die Violine, die auf einem der zwei Pulte lag, die ganz vorne gegen den Rand der Bühne standen. Oder hat es die Violine schon mit hereingebracht? Ich weiß es nicht. Ich habe das Mädchen später noch manchmal gehört und weiß doch diesen Punkt nicht anzugeben. Aber genug. Ich wusste, dass mein Ernstes mir damals liebgewordenes Postwagenmädchen spielen werde und dass es die Geschwister Milanollo sind, die wir heute im Josefstädter Theater hören würden. Nur eine andere Art Furcht bemächtigte sich jetzt meiner, nämlich, dass das Mädchen, welches mir auf der Reise meine Zuneigung abgenommen hatte, nicht so gut spielen würde, als ich es wünschte und als es mir Freude machte, wenn es doch wäre. Denn ich hasse jedes sogenannte Virtuosentum und Wunderkinder, welche jetzt schon überwinden, was anderen nach 20-jährigen Bemühungen noch nicht gelang, machten mir immer einen tiefen Schmerz, weil man die arme, kleine, gelehrige Psyche in eine Maschine umgewandelt hat. Darum wollte mich auch ein Gefühl fast wie Mitleiden beschleichen, als ich das schöne, blasse Mädchen vorwärts gehen sah mit dem ruhigen Augenbogen und mit dem verständigen Angesichte, das mir den Eindruck machte, als könnte man es in weißen Marmor hauen. Dass sie nicht auf das achte, was um sie vorgeht, sondern mit ihrer Seele schon gleichsam in ihrem künftigen Spiele sei, glaubte ich zu erkennen. Aber es konnte ebenso gut Befangenheit und Angst als Kunsteingenommenheit und Fülle sein. Ich sah auf sie, als das Spiel im Orchester begann. Sie stand ruhig und sah mit ihren ernsthaften Augen vor sich. Als der Augenblick gekommen war, wo sie einfallen musste, lag die Geige mit einem leichten Ruck an ihrer Schulter. Und im Moment ging auch der schön gehaltene Ton durch das Orchester und durch die Seelen. Das glaubte ich auf der Stelle zu erkennen, dass der Ton aus dem Herzen komme und dass alle die Folgenden aus dem Herzen kamen. Ich habe das Mädchen nie mehr sprechen, sondern nur spielen gehört. Ich weiß es also nicht. Ist es so oder ist es nicht so? Allein, es ist mir eine Unmöglichkeit, das Gegenteil zu denken. Damals musste ich mit Befremden in das Antlitz eines noch so jungen Kindes schauen, das schon so tief zu fühlen verstand und wie ihre Seiten durch die andere Musik fortredeten, wie ihre Entschiedenheit durchragte, wie die eines Mannes, war mir es, als höre ich ein inniges, starkes, erzählendes Herz. die, ich möchte sagen, nur bei Kindern möglich ist, welche noch an kein Ich denken und so spielen, als sei es die Sache und als sei die heilig genug, dass sie selber rede. Einst einmischung war da nur der geist der musik welcher sprach mit einer tiefen reinen schönen sittlichen gewalt war ich erfüllt als sie redete aber ich vermochte nicht zu klatschen wie die anderen stürmisch und mit gepoltert taten sie sen ihre Geige, verbeugte sich jetzt auch kurz und derselbe junge Mann, der sie eingeführt hatte, führte sie auch wieder fort. So endete das erste Stück. Zum zweiten führte sie, gleichsam wie eine Beschützerin, ihre Schwester an der Hand heraus, dasselbe Kind, das mit den Augen so kindlich um sich geschaut hatte. Sie war ebenfalls weiß gekleidet, aber wenn ich nicht irre, hatte sie statt der Zöpfe ein rundes, drolliges Köpfchen voller Locken. Rührend war es, wie die ältere Schwester eine Achtsamkeit und einen Schutz, eine Hilfe und eine Schonung ausübte. Sie stimmte ihr die kleine Geige und reichte sie ihr da. Während des Spieles begleitete sie nur bescheiden und half gelegentlich durch einen schnellen Strich aus. nicht mit dem Ernste und, ich möchte sagen, mit der Düsternheit da, welche weiß, welch tief schwankendes Ding jetzt beginnen werde, sondern wie ein zuversichtliches Kind, welches seine schwere Aufgabe herzusagen hat, welches aber auch weiß, dass es dieselbe kann. Sie spielte ihr Spiel mit Freudigkeit und mit Sicherheit aus und da es vorüber war und ein rauschender, stürmender, tobender Beifall ausbrach, verbeugte sie sich freudig wie eben ein Kind, das froh ist, dass es seine Sache gut gemacht hat. Im dritten Stücke, da abermals Therese ihre starken, goldenen Töne um die Häupter wand, fiel mir mein Nachbar ein, den ich über all die Dinge ganz vergessen hatte. Ich wusste eigentlich nicht, ob er ein Freund oder Kenner von Musik sei oder nicht und wandte mich deshalb zu ihm hin, weil es mich wunderte, dass er die ganze Zeit über so stille gesessen war und weder ein Wort geredet, noch mich sonst mit dem Ellenbogen oder dergleichen angestoßen hatte. Er regte sich gar nicht. Und da die Töne vor ihm fortgingen, da alle um ihn, die geputzt in den Logen saßen, in den Bänken und den Gängen waren, gespannt hinhorchten, wurden die Tränen immer reichlicher und arteten zuletzt in ein deutlich hörbares Schluchzen aus. Ich meinte schon, dass ich ihn werde aus dem Theater fortbringen müssen, weil auch die Nachbarn auf ihn aufmerksam wurden und ihre Augen gegen ihn hinwendeten, aber er hielt sich fest bis an das Ende, sah nicht nach rechts und links, ließ das Weinen nicht heftiger und lauter werden. Und da alles aus war und ich mit ihm wieder in unserem Wagen saß, sagte er nichts als die Worte, welch ein unglücklicher Vater muss das sein, welch ein unglücklicher Vater muss das sein? Ein paar Wochen später sagte er eines Tages zu mir, dass er um sechs Uhr abends mit dem Postwagen abreisen werde und fragte, ob er mich vorher noch sehen könnte, denn es war um zwei Uhr bei dem Mittagsmahle, wo er mir dies gesagt hatte. Ich erwiderte ihm, dass ich wie gewöhnlich den Nachmittag zu Hause zubringe und erst gegen sieben Uhr ausgehen würde. Ich wollte ihn daher, wenn er nichts dagegen habe, zu dem Postwagen begleiten, was er bereitwillig annahm. Auf dem Wege erzählte er mir, dass er jetzt nach Meran gehe, wo er schon zwei Jahre wohne, und wenn ich einmal in der Nähe jener Gegenden käme, so möge ich ihn besuchen. Verschiedene und seltsame Schicksale folgten sich in den nächsten Zeiten bei mir. Ich hatte Prozesse zu führen. Ich hatte eine Erbschaft gemacht. Ich hatte ein Besitztum. Ich hatte mit Amtsleuten und Verwaltern zu tun. Ich war sogar mit Heiratsgedanken umgegangen und hatte schöne Geräte in meinen Stuben und Kammern herbeigeschafft. Aber als ich einen Korb bekommen hatte, schlug ich mir diese Dinge aus dem Sinne und baute meinen Kohl. So kam es, dass ich eine Reise nach Italien beschloss. So kam es, dass ich eine Reise nach Italien beschloss. Und eines Tages fuhr ich durch die Mauern des Städtchens Meran und wollte nun doch auch noch um meinen einstigen blassen, schwarz gekleideten Reisegenossen fragen, den ich damals Paganini II. geheißen hatte. Keiner der Anwesenden wusste mir von meinem Reisenden etwas zu sagen, bis endlich der Wirt die Auskunft gab, der Mann, um den ich frage, sei gar nicht mehr hier und lebe jetzt nicht weit vom Gardasee. und lebe jetzt nicht weit vom Gardasee. Ich war mit dieser Auskunft unterdessen zufrieden und hatte ich vorher nur obenhin gefragt, ohne eben zu wissen, ob ich den Mann besuchen werde oder nicht, so nahm ich mir jetzt gerade vor, ihn auszuforschen, ihn zu besuchen und wenn er in einer üblen Lage wäre, ihn mit mir auf mein Anwesen zu nehmen und dort leben zu lassen, solange er wolle. Wie leicht ernährt sich der zweite Mann auf einem Gehöfte, wo der erste, der Besitzer, ein Hagel stolz ist und mit Freuden den Bissen gönnt, den einer zu sich nimmt und es sich zu einem Gefallen rechnet, wenn einer die Zeit mit ihm teilt und manches Zwiegespräch veranlasst und manchen Umgang, der, wie dürftig er auch sei, doch zu Zeiten Erquickung werden könne. Wir fuhren gleich am nächsten Morgen nach meiner Ankunft in Riva auf unsere Entdeckungen aus. war auf unsere Entdeckungen aus. Nie hätte ich geglaubt, dass der Gardasee so merkwürdige und eigentümliche Ufer habe. Es war eine so reizende Fahrt, dass ich meinen Zweck fast vergessen hätte und für Freunde landschaftlicher Natur ist eine solche langsame, von häufigem Anhalten unterbrochene Fahrt an den Ufern bei weitem vorzüglicher als eine längs der Mitte des Sees, wo alles, was schön ist, nur in allgemeinen Bildern unentfaltet vorüberrückt. rückt. Bald war es ein großer, ganz unermesslich scheinender Fels, den wir umschifften und der wie ein Stück Alpe in das seichte Fahrwasser des Sees geworfen schien. Die wunderbarsten grauen Lichter spielten auf seinem Körper, die violetten oder blauen Schatten hinter sich hinabstreifend und an seinem Fuße plauderten oder flüsterten vielmehr die Wellen, die leise und unablässig an seinen Kronen wuschen. Ein andermal war es wieder eine blendende Sandbank, die gegen das Dunkelblau des Wassers herausgehend sich von dem reinsten Grün wegschnitt, das gegen Felsen emporklomm, die dann blaulich hineindämmerten in die noch blauere, fast funkelnde Luft. Oft stach eine solche Zunge gleichlaufend mit dem Ufer weit in den See hinvor, und jenseits derselben lag das ruhigste, dunkelblaueste Wasser wie ein geborgenes Band an dem felsigen Gürtel des Gestades dahin. Wenn wir dann in die Langbucht einfuhren, so entwickelte sich eine Hütte, ein Häuschen, ein Landsitz, wo wir früher nur einen grauen, matten oder weißen glänzenden Punkt gesehen hatten. Oft wurde das Wasser ganz schwarzblau, unendlich dunkler als die Luft und längs seinem ganzen fernen Schnitte hin, wie eine weiße Kalkwand, glänzte das Zieratenwerk von Felsen und warf sein Gitter zauberhaft in die Fläche des schwarzen Spiegels. Wenn wir eine schweigende Wand, die in wohltuendem Schattenstand entlangfuhren und wähnten, wir sehen weithin die glatte, ritzenloseste Mauer, so tat sie sich auf einmal auf und trug in ihrer Faltung eine niedersteigende, von dichtem Buschwerk bewucherte Furche, in der das klareste, glasdurchsichtigste Alpenwasser niederströmte. Und wenn wir dann in die Bucht einfuhren, die sich bildete, und um die Sandhaufen herum, die sich herausschoben, so sahen wir, dass der Schauplatz sehr groß sei und an seinem Rande statt des grünen Wucherwerks, welches wir erblickt hatten, riesengroße, schöne Bäume trug und in mancher Ecke noch ein aus rohen Steinen zusammengelegtes Fischerhäuschen hatte. Männer, welche in dem seichten Wasser des Sees standen und den Schmutz und das schwarze Gras aus den Netzen wuschen, den Schmutz und das schwarze Gras aus den Netzen wuschen, die sie aus Schiffen herauswickelten, ließen von ihrer Arbeit ab und starrten uns an, da wir gegen sie hinfuhren. Wir taten unsere Frage, ob nicht in dieser Gegend ein Mann wohne, der Riccardi hieße. Sie fuhren fort, uns anzusehen und sagten, dass sie keinen solchen kennten. Ah, das ist der Geigenmann, rief plötzlich ein Knabe, die auf einem hervorragenden, trockenen Steine gestanden war und den Fischern zugeschaut hatte und an dessen Kleidern und dem an einer Schnur um die Schulter hängenden Hornemann leicht erkannte, dass er keiner von ihnen, sondern wahrscheinlich ein Hirte war. Das ist der Geigenmann, rief er. Man hört ihn oft wunderbar spielen, aber da müsst ihr noch um das Bergwässerlein herumfahren, bis ihr zur Spalte kommt und den Hieronymus fragen. Ich musste eigentlich bei mir selber lachen, dass ich mir so viel Mühe gäbe, meinen armen Zimmernachbar zu finden und zu fangen, als wäre ich ein Zollsoldat, der auf einem berüchtigten Schmuggler aus ist. Was mir am seltsamsten deuchte und mir noch immer in den Ohren lag, war, seltsamsten deuchte und mir noch immer in den Ohren lag, war, dass in der Hirtenknabe den Geigenmann geheißen und von einem wunderbaren Spiele desselben gesprochen habe, was am Ende wahrscheinlich darauf hinauslaufen wird, dass, wenn ich an Ort und Stelle angekommen sein werde, der gefundene Mann mein Zimmernachbar nicht sein wird, denn nie, auch mit dem leisesten Worten nicht, hat er, solange wir zusammen gelebt haben, von dem Violinspielen gesprochen, auch sich nie verraten, dass er das Ding verstehe. Und Geiger sind doch wie Jäger, die, wenn sie auch nicht geradezu von ihrem Fache sprechen, sich doch mannigfaltig durch ihre gebrauchten Redensarten und hergeholten Bilder verraten. Indem ich mir diese Gedanken im Kopfe zurechtrichtete und meine Pläne machte, stieg ich immer in der Talvertiefung aufwärts und achtete der Sonne, die je weiter ich mich von dem Wasser entfernte, desto heißer auf mich niederbrannte, nicht. Weil ich viel zu beschäftigt war, teils Vermutungen zu machen, teils auf die Zeichen auf dem Boden zu achten, damit ich nicht etwa plötzlich auf einem in die Schlucht hineinspringenden Felsen ankomme und den ganzen Weg aufwärts umsonst gemacht habe. Meine vielen Gebirgswanderungen, die ich in früheren Zeiten gemacht hatte, kamen mir zu statten und ließen mir alle Anzeichen würdigen, dass, wenn überhaupt ein Weg in dieser Mulde hinaufginge, ich ihn gewiss finden würde. Das Tal wurde immer enger. Gebüsche begannen. Einzelne Kuppen zeigten sich, um welche und zwischen welche sich der immer karger werdende Rasen wand. Und in diesen Herumwindungen, wie ich es gleich geahnt hatte, war auch ein Pfad. Und zwar ein so kenntlich getretener Pfad, dass es mir unbegreiflich war, dass ich ihn nicht so gleich habe finden müssen. Zwar war er ja nicht so ausgetreten, dass er ein lichter Streifen in dem dunkleren Grase war, aber es war das ohnehin kurze Gras auf ihm so kurz getreten, dass er einer der anmutigsten Graspfade war, die je im Gebirge laufen können und von Hirten, Jägern und Alpenwanderern besucht sind. Kaum nach einer Viertelstunde Steigens tat sich die Verengung wieder so auseinander, dass man es unten nicht so geahnt hätte. Ein weiter Wiesenplatz wurde sichtbar, ein Garten, dichtes Weinwerk, an der Felswand gezogen, Spalierobst, eine hervorsprudelnde Quelle und mitten in all diesem das weiße Häuschen, das wir von dem See aus gesehen hatten. Ich ging auf die verschlossene Türe zu und klopfte mit dem daran hängenden eisernen Klöppel auf die unter seinem Kopf befindliche Platte. Nach einer Weile ward aufgetan und ein Mann, der den alten Tiroler Bart noch auf seinem ganzen Kinn trug, welcher Bart aber schon ganz weiß gebleicht war, trat heraus. Ich bin zu euch heraufgestiegen, um euch um einen Freundschaftsdienst anzusprechen, denn man hat mir unten gesagt, dass ihr mir über einen Mann Auskunft geben könntet, an welchem mir recht viel liegt, dass ich ihn finde, denn ich habe etwas gegen ihn im Sinne, was ich glaube, dass es ihm gut sein könne. Der Mann antwortete mir, wenn mein Hausmeier nicht fort wäre, so würde ich ihn dir mitgeben, dass er dich hinführte, Wort wäre, so würde ich ihn dir mitgeben, dass er dich hinführte, aber so kann ich dir den Weg nur erzählen und du wirst ihn schon finden. Er war bei dieser ganzen Erklärung mit mir vor das Haus hinausgegangen und hatte mit der Hand nach den Richtungen gewiesen, die ich gehen sollte, selbst wenn sie von unserem Standpunkt aus ganz und gar nicht sichtbar waren. Ich schlug in seine Rechte, die er mir dargereicht hatte, ein und er sagte, reise recht glücklich. Darauf ging er wieder von der heißen Gasse in sein schattiges Haus hinein. Ich Ich aber begann den Weg, den er mir gewiesen hatte, weiter empor zu steigen. Anfangs war er gerade so oberhalb des Hauses, wie er unterhalb desselben gewesen war, nämlich er führte in der Schlucht aufwärts, aber je höher ich kam, desto enger und wilder wurde die Spalte, desto steiler stieg der Pfad, aber auch desto üppiger und märchenhafter wurde das Pflanzentum und die schlanken, beweglichen Bäume. Ein kleines Wässerlein hörte man aus der grünen Nacht heraufrascheln und oft in pfeilrechten Fällen schießen, aber man sah es nicht anders als in den glänzenden Blättern und üppigen Ruten, die es aus den nassen Felsen empor schießen machte. Endlich, da das Steigen schier schon unerträglich war, begannen steinerne Stufen. Und hier sah ich auch, dass die Schlucht durch eine seltsame, quer überliegende Wulst geschlossen war, wie ich früher angegeben hatte, und dass man über die sehr herüberhängende Rundung derselben gar nicht hinausgekommen wäre, wenn nicht das Stieglein in mannigfaltigen Windungen und Richtungen unter den Überhängen weg und hinaufgeführt hätte, sodass man nach Beendigung des Steigens plötzlich hoch oben auf einer Erdwalze stand, unter deren Breite das Hinablaufen der Schlucht sich versteckte, dass nur ihr unterster Ausgang ersichtlich war, der gegen die Mulde und den See lief. Aber wie ganz anders war es hier oben. Der Pflanzenreichtum der Spalte hatte gänzlich aufgehört und der Bühel, wie der Greis die Wulst genannt hatte, auf der ich eben stand, war nur von demselben grau-grünen Filze bedeckt, nur noch ärmer als unten in der Mulde und neben dem Geröllstrome. Der arme Steingrund sah überall aus dem Boden hervor und bekundete sich noch durch die unzähligen Blöcke und Trümmer und Steinchen, die in Wirrnis herum und dahin lagen. Jedoch entzückend schön war die Felsenlandschaft und die unermessliche Aussicht, die sich hier auftat. Kein Landschaftsmaler hat noch diese Dinge gemalt. Da war kein Baum, kein Gesträuchlein, kein Haus, keine Hütte, keine Wiese, kein Feld, nur das sehr dürftige Gras und die Felsen. für die Aufgabe eines Meisters gehalten, wenn nicht etwa die ganz neuere Kunst und in ihr ein gewaltiger Mann gezeigt hätten, wie die düstere Schönheit solcher Öden auf die Seele des Menschen zu wirken vermag. In allen Stufen des Matten Grün und Grau und Blau lag es hinaus, Stufen des Matten grün und grau und blau lag es hinaus. Schwermütig dämmernde, schwebende, webende Tafeln von Farben legten sich hin und die Felsen rissen weiße, mattgelbliche oder andere Zuckungen hinein. Und wo das Land bloß da lag und etwa nur Grieß und Sand und Gerölle hatte, drangen flächenfahlen Glanzes oder andere gebrochene Farben in allen schwachen Abstufungen sanften Reizes hervor, und draußen über all dem duftete ruhig, matt, rötlich ein Berg. Die roten Steine, von welchen der Greis zu mir gesprochen hatte, neben ihm waren zwei langgestreckte, ruhige und feurige Wolkenbänke, von der bereits fast untergehenden Sonne angezündet und das schwache Grün des südlichen Himmels, der oben in ein flammendes Violett überlief. Alles das hätte schon genügt zu der Größe des Bildes. Aber weit links von mir, zwischen den Felsen, lag noch ein grauer Pinselstrich durch den Himmel, die Ebenen der Lombardei. Ich stand wie erschüttert auf dem grauen Grasboden und blickte das Schauspiel vor mir an. Gewohnt an die lieblichen Höhen meines Vaterlandes, wo Obstbaum an Obstbaum steht, in Höhen meines Vaterlandes, wo Obstbaum an Obstbaum steht, Wäldchen sich mit Wäldchen ablöset, grüne Wiesen dazwischen ansteigen und das Gold der Weizenfelder leuchtet, wo kein Plätzchen unbenützt ist, ohne dass ein Kräutlein oder Baum steht, wo Quellen und Bäche in Menge rieseln, manche klare Flüsse und Ströme ziehen und hinter allem das sanfte Blau der Berge streicht, hatte ich keinen anderen Begriff von Schönheit, als dass sie so sein müsse. Ja, in schönen Landen lebend, achtete ich nicht einmal besonders auf Reize der Landschaften. besonders auf Reize der Landschaften. Und hier stand ich nun in einer epischen Einsamkeit, wo alles dieses fehlte, in einer unfruchtbaren Größe, wo die Natur mit gar keinen Mitteln dichtet und eine ruhige Gewalt der Schönheit darlegt, davor die Seele schauert, weil alle ihre Mittel nichts sind gegen den einfachen Ton, den die Natur in ihrer Wildnis hinlegt. Ich wanderte sehr schnell fort. Der Grasboden zog sich unter mir und rechts und links zurück, die Felsen gingen ebenfalls und zeigten mir bald schöne farbige Lichte, Seiten zu bald schattige, blaue und kühle. Den Dunststreifen der Lombardei, der durch die feurige Sonne, deren Ball über ihr schwebte und die gelben Strahlen auf sie ausgoss, noch dunstiger und flimmeriger wurde, hatte ich bald in kleinen Stücken zwischen Felskuppen, bald war er mir ganz verschwunden. Ich schaute oft auf meinen Berg, dessen Steine wahrhaftig immer näher rückten und in der Tat röter und schöner wurden. Ich verdoppelte endlich trotz meinem ohnehin schnellen Gehen noch meine Schritte, weil bereits statt der nachmittäglichen sanften grauen und blauen Töne verdächtige rote Düfte um die Züge woben und die fahlen Lichter der Kuppen nicht nur an andere Flächen gerückt waren, sondern ebenfalls eine sich immer mehr rötende Färbung annahmen. Die Sonne spielte eben in ihrem Erlöschen auf seiner Wölbung in schwachen, matten Strahlen und Farben, während die tiefere, herwärtsgehende Stücke schon in blaue Schatten waren und in kühlen Dämmerungen standen. Der rote Berg mit seinen Steinen rückte hart an meine Hand und ich ging bereits an seinen leuchtenden Wänden, die ich rechts hatte, hin. Und ihre natürliche rote Farbe schien mir durch die unermüdlich hinab eilende Sonne nur noch röter gemacht. Ich ging lustig vorwärts, die rote Wand war bald hinter mich gebracht und es lagen wieder Steine vor mir, durch die ich wandelte. Das heißt, es war ein weiteres Tal, als das neben dem roten Berge und seine vielfach gestaltete Hochebene war mit den Steinen belegt, die zum Teile freilagen und den ewigen grauen Rasen zwischen sich hatten oder selber zum Teile aus diesem Rasen herausschauten, zum Teil unter ihm versteckt waren. Welch ein Gewimmel von Blöcken muss da erst unter der Erde liegen, über das sich der Rasen in den Jahrhunderten mühsam hinüberlegte und sich da fristete. überlegte und sich da fristete. Und hier sah ich auch zwei Dinge, welche ich den ganzen Nachmittag nicht gesehen habe. Einen Menschen und ein Tier. In dem blassgelben Abendhimmel, denn die Sonne war schon untergegangen, hing ein Adler. Ich sah ihn wie eine sehr dunkle Fliege in dem goldenen Grunde schweben und unten an dem Steine saß ein Mädchen. Sie hatte weiße Kleider an und so viel ich damals bemerken konnte, dunkle Haare. Ich getraute mich fast nicht, mich ihr zu nähern, so seltsam war es mir, dass sie hier sitze. Aber dann ging ich doch hinzu und fragte sie, ob sie mir nicht zeigen könne, wo ich am nächsten zu der Wohnung des Herrn Francesco Riccardi gehe. Ich wusste ohne dem, dass ich nicht mehr irren könne. Aber dennoch dachte ich vielleicht, vermöchte sie mir einen näheren Weg anzugeben, der mich noch in der Tageslichte an mein Ziel brächte. Sie hob ihr Haupt empor und sagte, wenn ihr da rechts in das Tal hineingeht, so werdet ihr bald Bäume sehen und das Haus, wo ihr wohnet. Die Farben hatten fast schon alle aufgehört. Die Felsen standen grau und kalt. Der Rasen hatte unbestimmte dunkle Töne und die Fernen wurden schwärzlich und flach. Nur die einzige Farbe, die geblieben, das schöne, flüssige Gold des Abendhimmels, schwamm ober allem dem dahin. Ich ging gar nicht lange, so fand ich mich auf einem gut getretenen Pfade, der gerade so schien, als liefe er von dem schwarzen Steine in das Tal hinein, obwohl ich ihn dort nicht bemerkt hatte. Ich verfolgte den Pfad und sah in der Tat auch sogleich die doppelt vorausgesagten Bäume. Mit dem dunkelsten Abendgrün standen sie gegen die lichteren Steine. Es schienen ihrer viele zu sein, schienen absichtlich mit gemessenen Abständen gesetzt worden zu sein und unregelmäßig wie ein sehr dünnes Wäldchen oder vielmehr wie ein Obstgarten in dem Tale nacheinander hinunterzugehen. vielmehr wie ein Obstgarten in dem Tale nacheinander hinunterzugehen. Zwischen dem Grün sah ich in der schon sehr stark eintretenden Dämmerung Flächen von demselben hellen Weiß schimmern, wie das Häuschen des alten Hieronymus war. Der Pfad führte auf diese durch die Bäume schimmernden Flächen zu. Und als ich näher gekommen war, entwickelte sich in der Tat ein Haus, das ebenso blendend weiß zwischen die grauen Felsen hingebaut war, wie das in der Schlucht, nur dass es bedeutend größer schien und während das andere ein recht nettes, liebes, deutsches Häuschen ist, ganz in italienischem Geschmack gebaut war. Die Bäume, welche ich gesehen hatte, erschienen mir jetzt als Obstbäume, obwohl ich eigentlich wenig mehr als ihren allgemeinen Bau unterscheiden konnte, so stark brach schon die Nacht herein. Vor dem Hause war ein Gemüsegarten oder vielmehr rings um das Haus zogen sich Flecken dunklerer Farben, welche lauter Gartenanlagen schienen. Rechts und links waren noch Bauten in geringerer Entfernung, die von Holz- und Wirtschaftsgebäude zu sein schienen, hinter dem Dache, welches so flach war, dass man darauf herumgehen konnte und durch ein nettes Geländer, das sich hier und da durchbrochen in den Nachthimmel zeichnete, vor dem Herabfallen geschützt war, ragten wieder Baumkronen vor. Und ich konnte damals gar nicht ermessen, wie weit dieses alles noch fortgehe. Aber das erkannte ich gleich, wie wohltätig der Anleger dieses Besitztumes durch die gesetzten Bäume in dieser unfruchtbaren Gegend gesorgt hatte. In einiger Entfernung war ein ungeheurer schwarzer Klumpen, der ein Kastanienwäldchen zur Kühlung schien und das ganze Anwesen stand südlich von einer Felsmauer, das auch empfindlichere Früchte besorgt reifen konnten. Ich ging durch einen weißen Mauerbogen in den Garten ein und zwischen Hecken und Buchsbaum hindurch, aber so nahe das Haus in seiner hellen Farbe, durch die es sich aus der Dämmerung hob, schien, so war es doch weit genug hinten und ich hatte, da mich die Gänge auch noch dazu narrten und durch Windungen führten, Musse genug, diese Anlage von Galerien und Spaliersträuchen zu erkennen, obwohl ich keine Einzelheiten mehr unterscheiden konnte. Eben dieses Letztere mochte Ursache sein, Eben dieses Letztere mochte Ursache sein, dass mir alles größer vorkam, als es eigentlich sein mochte. Ich ging durch zwei Quergänge vor dem Hause hin und her, deren jeder zu dem anderen durch einige Stufen emporführte. Endlich kletterte ich auf einer Stiege, die flach um dahin liegende Steine hinaufging, zu dem Tore des Gebäudes hinan, das, wie ich jetzt merkte, kein Haupttor, sondern ein weiter Bogen war, dessen eisernes Gitter eine geräumige Halle von dem Grün des Gartens sonderte. Nachdem ich hier von einem alten Mütterlein, das eine Hängelampe in der Halle anzündete und hierbei eines der echtesten italienischen Matronengesichter, das in der Jugend sehr schön gewesen sein mochte, von oben beleuchtete, eingelassen worden war, nachdem ich sie gefragt hatte, ob hier der Herr Francesco Riccardi wohne, zu dem ich ein sehr guter Freund sei, nachdem ich Ja zur Antwort erhalten hatte und nachdem ich angewiesen worden war, ich solle nur ein wenig warten, sie werde ihn holen, kam in der Tat nach wenigen Minuten mein alter Zimmernachbar in demselben schwarzen Kleide, in dem ich ihn immer vor Augen hatte und mit demselben hinfälligen Gange eine Treppe hinunter und ging auf mich zu, gerade wie ich ihn in der Dreifaltigkeit oft auf unseren Speisetisch hatte zugehen sehen. Er kannte mich nicht ebenso schnell, als ich ihn erkannt hatte, und nachdem er mich erst beim Lichte der hängenden Lampe betrachtet hatte, gab er einige Zeichen von Freude und fragte, wie es in dirleilagen gewöhnlich ist, um mein bisheriges Befinden. Ich war minder zurückhaltend als er dazu mal in Wien und erzählte ihm alle meine Schicksale, wobei ich bemerkte, dass ich jetzt ganz allein auf meinem Gute lebe, meinen Ackerbau einförmig forttreibe und recht empfindlich fühle, dass mir ein Umgang abgehe wie etwa der eines gebildeten Mannes wäre, namentlich eines Älteren, der mir oft mit Rat und Tat an die Hand ginge, wenn ich dessen bedürfte. antwortete mir auf diese Rede, Angehörige sind ein großes Glück und ein großes Unglück. Ich habe eben nicht von Angehörigen gesprochen, entgegnete ich, und weiß es auch nicht, wie es mit denen beschaffen sei, denn ich habe beinahe keine Angehörigen gehabt, weil Vater und Mutter gestorben sind, da ich noch ein Kind war. Ich dann in einer Lehranstalt nur gesehen habe, wie es ist, wenn mehrere Buben auf einmal abgerichtet und zugeschnitten werden und dann mir mein Brot mühsam selber verdienen musste, bis eine Tante, die mir im Leben nur Feindschaft und Ermahnungen zukommen ließ, in ihrem Tode so sehr für mich sorgte, dass ich ihr Erbe und Besitzer eines erträglichen Anwesens geworden bin. Ich habe nicht im Sinne zu heiraten, weil ich durchaus keinen Antrieb dazu in mir verspüre und werde also von dieser Seite aus keine Angehörigen bekommen. Ja, so weit geht es mit mir, dass ich eigentlich nicht einmal weiß, ob ich jemals verliebt gewesen bin. Für Mathilde, die ich habe heiraten wollen, habe ich etwas empfunden, das sehr angenehm war. Und so sehr mich der Korb schmerzte, den sie mir gegeben hat, so weiß ich doch nicht, ob es das gewesen sei, was man Liebe nennt, was ich gegen sie gefühlt habe. Oder ob es anders sei. Es ereignete sich, dass sie mir gefiel, dass sie mir wieder gefiel, dass sie mir immer mehr gefiel, dass ich anfragen ließ, dass ich eine abschlägige Antwort erhielt, dass ich einen anderen nahm, dass ich meine Äcker und Gärten anbaute und dass ich endlich eine Reise nach Italien unternahm. Wenn ich nach Hause komme, werde ich wieder meine Felder bauen, werde Aussichten anlegen und so fortleben. Da wäre es in der Tat sehr gut, wenn noch ein Zweiter neben mir wäre, das heißt bei mir wohnte, der Ähnliches täte, dass wir uns aneiferten und eine gewisse Frische bekämen. Der Mann schien auf diese ganze Rede nicht gehört zu haben und hatte unbegreiflicherweise immer etwas an der Lampe zu nesteln und zu richten, deren Docht er bald höher, bald niederer schraubte, ohne die Flamme zu bekommen, die ihm eben recht war, obwohl er dann doch eine ließ, die er schon zehnmal gehabt hatte. Ich zöge eigentlich die Uhrwerklampen vor, sagte er, aber es ist auch so eine Sache, wenn sie brechen und wenn man immer etwas daran zu verbessern hat, diese da ist im Grunde auch gar nicht übel. Er saß bei diesen Worten, wie ich ihn oft hatte da sitzen sehen, wenn wir abends bei schlechtem Wetter in einem unserer Zimmer blieben und die Zeit hinbrachten, bis das Nachtmahl erschien. Als wir fertig waren, stand er auf und trug mir an, wenn ich müde sei und schlafen gehen wolle, werde er mir mein Zimmer zeigen. Ehe ich mich entkleidete, ging ich noch, wie es ebenfalls meine fast stetige Gewohnheit ist, an alle Fenster, um zu sehen, welche Aussicht ich hätte. Aber von einer Aussicht konnte in einer Nacht wie diese keine Rede sein. Millionen dichter Sterne standen an dem fast schwarzen Himmel und funkelten nicht in weißem, sondern fast buchstäblich goldenem Licht hernieder. Aber ohnmächtig in diesen Massen etwas zu beleuchten, zeigten sie nur die schwarzen Schlacken, die sich von dem Himmel wegschnitten, unten. Dicht vor meinen Augen waren die noch schwärzeren, schweigenden Ballen der Bäume und hie und da ein fahles Ding, als wie es ein Stein, der in den Garten herein lag. ein Stein, der in den Garten herein lag. Weil die Nacht so mild war, so ließ ich in dem äußeren Zimmer ein Fenster offen, begab mich wieder in mein Innerstes und fing an, mich auszuziehen. Der Empfang bei meinem Reisefreunde hatte mich nicht besonders vergnügt gemacht. Ich nahm mir daher vor, morgen die Sache zur Entscheidung zu bringen, ob ich in meinem Zwecke geirrt habe oder ob ich ihn ausführen könne und dann sogleich abzureisen und meinen Weg in der ursprünglich vorgehabten Richtung fortzusetzen. Es muss sich ja doch morgen zeigen, in welchen Verhältnissen der Mann hier lebe. zeigen, in welchen Verhältnissen der Mann hier lebe. Weil man bei tiefem Schlafe, dessen ich regelmäßig, namentlich nach Ermüdungen teilhaftig werde, niemals ermessen kann, wie lange man bereits geschlafen habe, so konnte ich ebenfalls auch keine Weise ermitteln, wie es an der Zeit stehe, als ich aus diesem Schlafe, ich kann nicht sagen erwachte, sondern gewaltsam erweckt wurde. Ich wusste anfangs nicht gleich, was es sei. Aber bald war es, als durchschnitten das sich sammelnde Gehirn Aber bald war es, als durchschnitten das sich sammelnde Gehirn lange, klare, reine, entschiedene und scharf gezogene Töne. Ich wusste nicht sogleich, von welchem Instrument sie kämen und setzte mich im Bett auf. Aber da war es aus. Nach einer Weile begann es wieder mit dem zartesten Piano und wuchs naturgemäß zu der Stärke, die das Spiel erforderte und kein Haar darüber und darunter und prägte sich klar, bestimmt und gegenständlich aus. Ich erkannte nun, dass ich so lange zugehört hatte, bis das vorgetragene Stück aus war, dass es Teresa Miliano gespielt habe damals. Es begann wieder und trug seine Dinge mit männlicher Entschiedenheit vor. Ich stand auf und schlich mich auf den Zehen in mein zweites Zimmer an das offene Fenster, um zu sehen, woher das Spiel etwa käme. An dem ganz heitern Himmel stand jetzt ein schmaler, silberner Mondsichel, so dünne wie ein in die Luft geschnittener Viertelzirkel und erleuchtete doch so viel, dass ich sah, dass unter meinen Fenstern eine Terrasse sei, auf welcher Bäume standen und sich ganz schwach das Licht hinlaufender Staketten zeigte. Und auch war es wie Dämmern auf den fernen Felsen. Die Töne waren in der Luft und schnitten herüber. Ich wusste oft nicht, sind sie rechts oder links vor mir, im Garten oder neben mir im Hause? Wie wird denn das alles nur zusammenhängen, welche Tiefe des Verhängnisses war es, die den alten Mann damals so fürchterlich weinen machte, als er dich hörte, oder spielt er in diesem Augenblick selber, der seltsame, unheimliche Mensch, wie es ja der Hirtenbube gesagt hat, aber nein, das sind ja die Töne der Jugend, der glückseligen, der jauchzenden, der gluterfüllten, jubelnden Jugend, der klagenden, der weinenden, der trostlosesten, hilflosesten, jammervollsten Jugend. Das Alter ist nicht selig und nicht so elend. Und in dem Mannevollenz ist kein Funke, der so ist. Nein, nein, das ist nicht möglich. Das schwärmt hinaus mit einer Inbrunst, als müsste es das ganze Weltall an die Seele reißen oder es in Stücke zertrümmern. Ich horchte immerhin. Die Zwischenräume wurden stets kleiner und die Töne wurden oft stark wie der Unwille eines Zirnenden oder klangvoll wie der höchste Adel einer höchsten Seele. Endlich hörte alles auf. Der letzte Riss der Seiten, wie ein goldener Blitz der Ohren, war über die Berge hinaus und die silberne Luft und die starre weiße Lavasichel standen unbeweglich da und die Felsenden zackten in sie und die schwarzen Bäume hielten ihre Blätter an sich, dass keines wankte. Ich muss sehr gut und ziemlich lange geschlafen haben, denn als ich erwachte, war es heller Morgen und die schimmernde Sonne warf ihre Strahlen durch meine Fenster herein. Ich war recht ruhig, war gestärkt, war kühl und musste mich ordentlich auf mein Abenteuer in der Nacht besinnen. Es kam mir jetzt bei weitem nicht so reizend vor, als es mir in der Nacht geschienen hatte. weitem nicht so reizend vor, als es mir in der Nacht geschienen hatte. Und auch das Spiel, soweit ich es mir zurückrufen konnte, war nicht so ganz außerordentlich, als es sich damals vorgespiegelt hatte. Ich war eben ein anderer. Die gereizten Sinne, durch die Majestät der Nacht erst noch gehoben, Die letzten Sinne, durch die Majestät der Nacht erst noch gehoben, waren ausgeruht und abgespannt und brachten die Dinge nach ihrem jetzigen Zustande nicht wie sie waren, als sie dieselben mit durstender Freude eingesogen hatten. Ich sprang mit einem aus dem Bette, wusch mir Gesicht und Haupt, begann mich anzukleiden und mitunter zu den Fenstern zu gehen, wie ich es gewohnt war, um zu sehen, wo ich sei. Eine Terrasse lag gerade unter meinen Füßen. Richtig, enthielt Bänke, Kübel mit Orangenbäumen, Weingeländer, Blumen, Zwergobstbäume, Sandgänge, einige große Kastanienbäume, silbergraue Staketten und außerhalb derselben wieder eine Fortsetzung eines Gartens, in dem Obstbäume standen, Blumen nach Gattungen geordnet leuchteten, Buchsbaumeinfassungen liefen und alle Gemüse beherbergt waren. Dieser Garten war durch eine Mauer gelegter Steine von dem äußeren Lande gesondert, aber jenseits der Mauer standen wieder Bäume, dünner und manchmal dichter beisammen, wie es eben der Grund zuließ, denn zwischen den Obstbäumen lagen schon oft in ziemlicher Menge die grauen Steine der Gegend, ja selbst, wie es mir bereits in der Nacht erschienen hatte, in den inneren Gärten, oft mitten in Blumen oder Gemüsen, starrten größere Stücke derselben, die man nicht hatte wegbringen können, was dem Ganzen ein seltsames, aber ich muss gestehen, sehr malerisches Ansehen gab, da es die Einförmigkeit, womit uns unsere Gärten trotz ihrer Überlast quälen, äußerst fantastisch unterbrach. Weiter draußen waren wieder die Anhöhen, hierhin und dorthin in sonderbaren Wulsten gelegt, wie es überhaupt das Kennzeichen der Gegend war, und mit gezackten oder breit hinausliegenden Steinen bedeckt. Ich kannte keine einzige der Formen, erinnerte mich aber gleich, dass ich nicht in dem Hochtale, das ich gestern durchwandert, sondern in einem Seitenzweige desselben sei, durch den ich schon bei tiefer Dämmerung gegangen, wo die Gegenstände bereits unkenntlich gewesen sind und sich mir also nichts eingeprägt haben kann. Als ich schon völlig angekleidet war und einige Male im Zimmer auf- und abgegangen war, glaubte ich, ein feines Pochen an der Tür des äußeren Zimmers gehört zu haben. Ich ging hinaus, blieb mitten in demselben stehen, um zu horchen, ob sich das Pochen erneuere, und da dies der Fall war, schritt ich zu der Tür, schob den Riegel zurück und öffnete einen Flügel. Ist es schon erlaubt einzutreten, fragte eine weibliche Stimme. Allerdings, antwortete ich und trat einige Schritte zurück, aber wie erstaunte ich, als ich in der Lichtung des Türfutters, die ich früher mit meiner Gestalt verdunkelt hatte, zwei Frauengestalten stehen sah, die sofort auch zu mir hereingingen. Eine, und zwar die vorderste, war ein altes Mütterchen, in der ich ohne weiteres dieselbe erkannte, die gestern die Lampe angezündet hatte und die von meinem Reisefreunde mit dem Namen die alte Cornelia bezeichnet worden war. Die andere aber war ein Mädchen von höchstens 20 Jahren mit blühenden, nur fast ein wenig zu braunen Wangen, dunklen, mit einer goldenen Quernadel aufgehefteten Haaren und großen italienischen Augen. Sie führte mich in das erste Geschoss hinunter, tat von einer Tür den einen Flügel auf, führte mich durch einen Vorsaal und stellte mich in die offene Tür des Frühstückszimmers. Ich war fast erstaunt. des Frühstückszimmers. Ich war fast erstaunt. Auf einem Sofa hinter dem Frühstückstische saß eine eltliche Frau, deren Züge einstige vielleicht sehr große Schönheit verrieten. Sie war in nettes Weiß gekleidet und die Matronenhaube lief um die sehr feinen Züge des Antlitzes. Ihre noch schönen Hände, an denen der einzige einfache Goldreif der Ehe sichtbar war, gingen lieblich aus dem Weiß der Ärmel heraus. Neben ihr auf einem Sessel, ebenfalls in einfaches Weiß gekleidet, nur nicht so deutsch wie die Frau, sondern mit dem italienischen Mieder versehen, saß das Mädchen, über welchem gestern der Adler geschwebt hatte und welches ich an dem schwarzen Steine um den Weg gefragt hatte. Sie hielt ihre sehr großen und sehr dunklen Augen auf mich gerichtet, als ich in der Türschwelle erschien, gerade so, wie sie dieselben auf mich gerichtet hatte, als ich sie fragte. Ich hatte sie an den Augen sogleich wiedererkannt. Diese Gruppe von Frauen saß auf einem Stuhl im schwarzen Fracke meinem Reisefreund gegenüber und war mit seinem ganzen Körper eingebückt. Als ich in das Zimmer getreten war, stand er auf, ging auf mich zu und sagte, genehmigen Sie, dass ich Ihnen meine Familie vorstelle. Diese ist meine Gattin Vittoria, mit der ich seit 26 Jahren vermählt bin. Diese ist meine ältere Tochter Camilla und auf meine Begleiterin weisen, diese meine jüngere Maria. Als das Frühstück vorüber war, kamen die Bitten, dass ich nur recht lange bei ihnen in ihrer Einsamkeit verweilen möchte. Ich sagte dagegen, dass ich auf einen längeren Besuch nicht gefasst gewesen bin, dass ich eigentlich heute schon wieder fortgewollt, dass ich mit nichts versehen sei, als was ich auf dem Körper habe. Aber all diese Gründe wurden nicht angenommen und mit Gegengründen überwogen, dass ich als auf einer Lustreise begriffen mit der Zeit nicht so sehr zu kargen habe, dass man mir alles, was ich wolle, auf meiner Station holen lassen könne und dass ich doch unmöglich den Weg hierher gemacht haben könne, um nur über Nacht da zu bleiben. Den eigentlichen Grund, weshalb ich gekommen, konnten sie freilich nicht ahnen. konnten sie freilich nicht ahnen. Ich ordnete in der Tat nur ein wenig die Sachen, die ich eilfertig aus dem Ränzchen herausgerissen hatte und nahm mir vor, so dann einen Spaziergang zu machen, weil ich wirklich nicht wusste, was ich in dieser Familie tun sollte. Ich wollte wenigstens das Äußere dieses Sitzes ein wenig kennenlernen. Nachdem ich fertig geworden war, begab ich mich in die Halle hinunter und sagte bei der angezeigten blauen Tür hinein, dass ich jetzt fortgehe und dass man in meinen Zimmern tun könne, was man wolle. Hierauf ging ich auf einem breiten Wege durch den Garten und gelangte durch denselben weißen Bogen in das Freie, durch den ich gestern abends hereingetreten war. In kurzer Zeit befand ich mich außerhalb der grünen Anlagen und stand wieder zwischen den Steinen und auf dem grauen Rasen, welcher Charakter der Gegend eigen ist und über welchem jetzt ein tiefblauer Himmel und eine funkelnde Morgensonne schwebte. Der Tau war schon von den kurzen Gräsern gewichen und man ging auf ihnen wie auf einem elastischen Boden fort. Ich wendete mich von dem Wege, auf dem ich gestern gekommen war, rechts und ging geradezu in die Gründe und Steine hinein, damit ich eine Anhöhe gewinne und auf das ganze Anwesen niederblicken könne. Meine Mühe vergalt sich. Wie auch die Steine immer dahin liegen mochten, so fand sich jederzeit ein Streifchen Rasen, das zwischen ihnen fortging und auf dem ich hinaufsteigen konnte. Ich sah endlich über das ganze Herrn nieder. Welche Einsamkeit! Wie eine Insel lag das weiß übertünchte Haus mit dem Grün seiner Bäume und dem Gemüse in dem allgemeinen Grau und Blau und Violett duftenden Grunde, der hier so war, wie ich ihn gestern den ganzen Nachmittag durchwandert hatte. Die Schindeldächer des Hauses hoben sich nicht einmal von der Allgemeinheit des Ganzen heraus, sondern in ihrem Grau waren sie wie über dem Haus schwebende Steine, ihrem Grau waren sie wie über dem Haus schwebende Steine, deren mannigfaltige und größere auf den hinteren Höhen gleichsam wie neben den Dächern zu liegen schienen. Hölzerne Wirtschaftsgebäude und Schuppen waren auch wie Steine im Grün, deren, wie ich schon bemerkt hatte, einige tatsächlich im Garten lagen und immer mehrere wurden, je weiter die Anlagen gegen den Naturgrund hinausgingen. Und so war es wie ein grün und weiß gestickter Rosengarten auf grauem Grunde. Die weißen Mauern des Hauses waren auch weitläufiger, als ich gedacht hatte und stießen in rechten Winkeln gestellt gegen das Grün des Gartens und der Terrassen. Ich stieg noch höher hinan, bis ich einen Kamm erreichte, von dem ich auch jenseits in Gegenden hinüberblicken konnte, welche in der Richtung meines gestrigen Pfades hinaus ins Weitere liefen. Ich sah Spitze an Spitze in demselben Grau wie alle bisherigen, nur weit draußen, zwischen matten Zacken, lag blaues Emaille ferner Berge an dem einsamen, verlassenen Himmel dahin. Den Dunststreifen der Lombardei sah ich nirgends mehr, wusste auch gar nicht, in welcher Richtung er sein sollte. Ich wandte mich nach rechts und links und in verschiedenen Windungen hin und her. An Gesträuchen und Bäumchen hatte ich mit dem ganzen felsigen Rücken nichts entdeckt als gestern das gestorbene Fichtenstämmchen, das auf dem schwarzen Steine gestanden war. Als ich glaubte, dass die Sonne schon durch die Mittagslinie gegangen sei, kehrte ich von meinen Wanderungen um, damit ich wieder das Haus gewinne, weil ich nicht wusste, wann man in demselben zu Mittag zu speisen gewohnt sei. In der ganzen Zeit meines Aufenthaltes war war dieser Spaziergang mein angenehmstes gewesen. Der nächste Tag war wie sein Vorgänger und der dritte wie die beiden. Nur dass ich einmal Marias Wangen, die ohne dies sehr bräunlich waren, hochrot vom Kochen fand, dem sie sich unterzog. Die Unermesslichkeit dieser Melancholie begann mir ordentlich lieb zu werden. Ich hörte von nun an Camilla öfter spielen, weil jetzt kein Rückhalt mehr war, von dem ich überhaupt nicht weiß, warum sie sich ihn früher angelegt hatte. Bald war es in den Zimmern der Mutter, wohin sie mich einluden und ich nun öfter kam, bald war es in der Nacht und die Töne in den weiten Flimmer hinaus des Gartens, denn der Mond war endlich voll geworden und stand mit einer wahren, prangenden Herrlichkeit über der Öde. Ich ging jedes Mal an meine Fenster, öffnete sie, lehnte mich hinaus und hörte zu, solange ein Ton zu hören war. Neben ihrem Piano stehend, das ich aber noch nie von ihr geöffnet sah, spielte sie auf der geliebten Violine oft stundenlang, oft länger, und wir horchten zu, nämlich die Mutter und ich. Aber auch etwas anderes begab sich, wovon ich noch vor nicht gar vielen Tagen keine leiseste Ahnung gehabt hatte und was, wenn es meiner Fantasie ein Traum vorgegaukelt hätte, mir nur lächerlich gewesen wäre. Ich fasste nämlich eine äußerst heftige Neigung zu dem Mädchen. Ich begriff mich selber nicht mehr. Oft war es mir, als müsse ich mich an diese sonderbaren Lippen pressen und mich zu Tode weinen. Sie war aber auch ganz eigentümlich. Kaum um ein Jahr von ihrer Schwester verschieden, wie ich einmal aus einer Rede des Vaters vernommen zu haben glaube, schien sie doch viel älter. Ja, sie schien sogar verwelkt zu sein. Und die großen Augen standen schwermütig in dem verblühenden Angesichte. Ihre Bewegungen waren klagend, und doch ging durch ihr Wesen eine solche Unschuld, ja oft Hoheit, als sei sie an einer inneren, unermesslichen Schönheit verschmachtet, der man sie überliefert hat. Ich sagte nichts. Nicht eine Miene verriet mich. Nur oft, wenn sie in der Nähe des Hauses, wie sie gerne tat, an einsamen Steinen hinging, sollte längst Abschied genommen haben, aber ich blieb noch immer. Das Mädchen spielte von Tag zu Tag mehr. Zu vielen Stunden hielt sie in ihren Zimmern eingeschlossene Übungen. Und oft kam sie nicht einmal zum Speisen. Eine etwas größere Strecke von dem Hause war eine Gruppe Felsen, wie zumet und spielte auf der Heide vor uns. Dann war es meistens freundlich, rein, ruhig, wie an einstiges vergangenes Glück erinnernd. Sie behandelten mich alle äußerst zart, aber doch war immer irgendeine Unheimlichkeit in der Familie. Die Mutter war noch am weichsten und vertraulichsten. Einmal erzählte sie mir, wie einst so schöne Zeiten waren, wie Camilla ein gar so schönes, frohes Kind gewesen sei, wie sie das Entzücken aller war, die sie sahen, wie sie lebendig, feurig, jauchzend, rosenwangig war, wie sie damals immer in Mailand lebten, wie das Kind zum ersten Mal in der Kirche eine Violine hörte, wie das fast erschrockene, trunkene Auge den unermesslichen Reiz verriet, den diese Töne auf sie übten, wie ein aufgegangenes Wunderwerk, wie sie dann überall nach Violinen fragte, verlangte, wenn sie eine sah, wie sie darauf zu spielen versuchte, wie sie endlich eine bekam und einen Lehrer dazu und sie von nun an ganz unermüdliche, tagelange, nachtelange Übungen machte. Der Vater sei immer dagegen gewesen. Sie, die Mutter aber, habe mit unzerstörlicher Ausdauer das Talent gebildet und entwickelt, bis das Kind das geworden ist, was es ist. Sie hänge mit ganzer Seele an ihrer himmlischen Kunst. Ja, dass es oft sogar ihren Gesundheitszustand schädlich ist. In dem Weibe sprach der jubelndste Mutter stolz über die Gaben der Tochter und in mir ein wundes, blutendes Herz. blutendes Herz. Maria, sagte sie, habe kein Gefühl, die sei gar nicht wie ihre andere Tochter. Maria verstehe nur das Äußerste Äußere des Stoffes. So standen die Dinge. Kein Tag rückte sie um ein Haar vorwärts oder um ein Haar rückwärts. Ich versank Camilla gegenüber in Traurigkeit und sagte kaum mehr ein Wort zu ihr. Eines Mittags, da ich eben in meinen Zimmern war, hörte ich gehen und rufen unter mir und begab mich hinab und erfuhr, dass ein längst ersehnter Gastfreund gekommen sei, der auf einer Reise gewesen, in seine Heimat zurückgekehrt sei und die Familie nun besucht habe. Er kam nach zwei Tagen wieder und nach zweien wieder. Er kam nach zwei Tagen wieder und nach zweien wieder. Ich war endlich eben mit Vorbereitungen zu meiner Abreise beschäftigt, als er bei seinem dritten Hiersein auf mein Zimmer kam, mich zu besuchen. Er bat mich, ich solle noch ein klein wenig bleiben. Ich werde bald sehen, warum. Er blieb längere Zeit. Bei dieser Gelegenheit erzählte er mir auch zufällig einiges von der Familie. Der Vater trug seit dem Tode seines Sohnes, des Erstgeborenen, der im 13. Jahre starb, schwarze Kleider und wird sie wahrscheinlich nicht mehr ablegen, solange er lebt. Sie waren einmal in Mailand, dann in verschiedenen deutschen Städten, zuletzt in Meran, wo ihn niemand recht kannte, noch weniger wusste, wie er sei. Da er den großen Prozess in Wien verloren hatte, bei dem es sich um all sein Gut handelte, wollte die Mutter, dass Camilla öffentlich spielen solle. Aber das Mädchen weigerte sich hartnäckig und der Vater gab ihr nach. Er zog hierher, wo ihm ein alter Sitz geblieben, der aber sehr verfallen war. Da fing auf einmal Maria den Pflanzenbau und die hiesige Wirtschaft an, die die Familie sofort nährte und jetzt durch größere Ausbreitung immer besseren Nährstand und Wohlhabenheit bringt. Er selber habe etwas Weniges dazu beigetragen und gehe dem Mädchen noch immer an die Hand. Ich nahm mir bei diesen Worten vor, sobald ich nach Hause gekommen sein würde, bedeutende und wertvolle Gegenstände der Bewirtschaftung als Geschenk und Aufmerksamkeit für den langen, hiesigen Aufenthalt an die Familie zu senden. Ich wollte auch noch eines anderen Umstandes wegen, desto schneller gehen, den ich bemerkt zu haben glaubte und der mich weit, weit von dannen trieb. Nämlich, dass Camilla den fremden Mann liebe. Sie musste ihn tief, innig, feurig und verschwiegen Leben. Ihr welkes loderndes Auge war auf ihn gerichtet, wenn er da war. Und wenn er fort war, war nach ihrer verschlossenen Weise ein wehmütiges, nachschmachtendes Wesen in ihr. Es wäre an der Zeit gewesen zu reisen, allein mein ihm gegebenes Versprechen noch ein wenig zu verweilen, band mich. Wirklich kam er nach zwei Tagen, diesmal in schwarzen Kleidern, und verlangte zu dem Vater. Nachdem er einige Minuten bei ihm gewesen war, verfügte er sich zur Mutter. Durch das Haus ging eine Aufregung und ein Gemurmel. Und es hieß, er habe um Maria geworden. Ich sah nur noch, wie nach jenen Minuten der alte Mann in seinem schwarzen Fracke mit gerungenen Händen und herabstürzenden Tränen in ein Gartengebüsch hineinging. Ich war sehr in seiner Nähe, wich aber aus und ging in das entgegengesetzte Ende des Gartens. In kurzem war alles entschieden. Maria hat ihn ausgeschlagen. Alfred, so hieß der Mann, war bei mir und hat mir die ganze Sache selber gesagt. Bis zu Tische war alles mit sich selber beschäftigt. Bei der Mittagstafel aber, die heute erst um drei Uhr war, ging es genauso zu wie an anderen Tagen, als wäre nicht das Geringste vorgefallen. Einige Zeit nach derselben nahm er Abschied und sagte zu Maria, weil Sie mich ausschlugen, so erlauben Sie, dass ich nicht mehr in dieses Anwesen heraufkomme. Ich werde mit ihnen im Geschäftsverkehr bleiben und wir werden uns gegenseitig Gutes tun, wo wir nur können. Nicht wahr? So ist es. Sie nickte. Da dies vorüber war, ging er fort, um seinen jenseits des Hochtales harrenden Wagen zu erreichen. Wir zerstreuten uns nach verschiedenen Richtungen. Später habe ich Maria mit verweinten Augen gesehen. Augen gesehen. Aber erst ganz am Abend war es, dass ihr Camilla fast öffentlich um den Hals fiel und sie unter strömenden Tränen küsste. Die Abendtafel war, wie gewöhnlich, auf dem Zimmer eines jeden. Wenigstens zu mir kam immer kalte Speise herauf. Es schien mir nun unanständig, so gleich vorzugehen und gleichsam die Flucht zu nehmen. Ich blieb tiefschweigend noch einen Tag und einen zweiten. Sie waren genauso wie die, welche vor dem Ereignisse mit Alfred gewesen sind. Am dritten nahm ich Abschied. Eine lange Zeit später, da die Bilder bleichten, da ich in Rom gewesen war, Italien gesehen hatte, das einst so reiche Sizilien, Malta und nun auf Ischia wohnte, da alles, alles anders war. Stand oft ein braunes, gesundes, heiteres, großmütiges Mädchen fuhr mir auf und ich dachte, wenn ich je eine Gattin wähle, so ist es Maria, wenn sie mich will oder keine andere auf der Welt. Applaus Applaus Applaus Vielen, vielen herzlichen Dank, Karl Markowitsch, für diese wunderbare, diese großartige, unüberbietbare Lesung. Zwei Schwestern, die Schwestern in dem Fall. So, glaube ich, kann man Stifters Geburtstag feiern. Wir laden Sie ein, bleiben Sie hier, feiern Sie weiter, kaufen Sie zum Beispiel das Buch und lesen Sie nach, auch wenn Sie es nicht so gut können. Karl Markovitsch wird Sie im Geiste begleiten, Sie werden seine Stimme hören. Karl Markovitsch ist auch bereit zu signieren, das heißt, Sie hätten noch mehr als nur ein Buch und dann könnten Sie auch noch anstoßen auf den Geburtstag Adalbert Stifters. Vielen Dank für Ihr Kommen.