Ein Text muss den Eindruck der Notwendigkeit vermitteln, als hätte er geschrieben werden müssen, als sei die Schöpfung nicht vollständig ohne diesen Text. Anna Mitkutsch, Ihnen erinnern und erfinden Grazer Poetikvorlesungen. Herzlich willkommen, sehr geehrte Damen und Herren, hier im Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich, im Hause Stifters, zu einem Abend mit Anna Mitgutsch, die uns etliche solcher notwendigen Werke geschenkt hat. Willkommen zu einem ungewöhnlichen Abend, den selten genug erhalten wir Einsicht in unveröffentlichte Texte, in etwas, das noch in Bewegung ist oder es jedenfalls sein könnte, weil es noch nicht in seiner letztgültigen Gestalt fixiert ist. Und das scheint einer weiteren Besonderheit des heutigen Abends sehr angemessen, denn Anlass für diese nicht alltägliche Lesung ist die Übergabe, Übernahme des literarischen Vorlasses von Anna Mitgutsch an und in das Oberösterreichische Literaturarchiv am Adalbert-Stifter-Institut. Wir begrüßen Anna Mitgutsch vielfach und nicht zuletzt mit dem Adalbert-Stifter-Preis des Landes Oberösterreich ausgezeichnete Autorin, international tätige Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin. Wir begrüßen Anna Mitkutsch sehr, sehr herzlich hier in diesem Haus, das ihr seit vielen Jahren vertraut ist und nun auf eine ganz andere Weise noch mehr zu dem ihren wird. Herzlich willkommen, Anna Mitkutsch, wie schön, dass du da bist. Mit Anna Mitkutsch ins Gespräch treten wird Hofratdirektor Dr. Christian Schacherreiter, auch er in enger Verbindung zu Stifter und dessen Institut, nicht zuletzt durch den Umstand, dass er ordentliches Mitglied desselben ist. Und das ist nur eine der zahlreichen Anerkennungen des Literaturkritikers, Schulmannes, Autors und so weiter und so weiter und so weiter. Herzlich willkommen, Christian Schacherreiter. Christian Schacher-Reitl. Anna Mitkutsch wird heute Abend also Einblick geben in ein noch unveröffentlichtes Werk. Ich habe es bereits erwähnt, dass unter dem Titel Unzustellbare Briefe im kommenden Frühling, also 2024, im Verlag Luchterhand erscheinen wird, eine Preview eben nicht ohne Hintergrund, denn dieser Einblick ist im weitesten Sinne auch einer ins Archiv, ist ein Blick auf einen Status, der im Archiv zumindest in Spuren abgebildet ist, als Teil eines Prozesses, nämlich dem einer Werkwerdung. nämlich dem einer Werkwerdung. Jeder Text ist eine Frage nach der Beschaffenheit und der Faktizität der Wirklichkeit. Die Glaubwürdigkeit eines Textes hängt davon ab, ob sich der Autor, die Autorin, der Forderung nach Wahrhaftigkeit stellt. Es ist keine biografische Wahrhaftigkeit, sondern eine Ehrlichkeit auf der Ebene der sprachlichen Umsetzung. Noch einmal an Amit Gurdjian erinnern und erfinden. Vor- und Nachlassmaterialien können etwas von dem angesprochenen Prozess in sich tragen und sichtbar werden lassen. Sie dokumentieren, wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise, den Umgang mit Wirklichkeit, die Arbeit in der Suche nach einer der wahrgenommenen Faktizität der Wirklichkeit angemessenen Sprache. Übrigens auch ein Stifterthema, die Abbildung der wirklichen Wirklichkeit. Das Material kann noch alle Möglichkeiten in sich tragen, auch jene, die später am Weg zur Veröffentlichung verworfen werden. Im Idealfall bewahrt ein literarischer Vor- oder Nachlass Voraussetzungen und Bedingungen des Schreibens, seiner Kontexte ja unter Umständen auch die Geschichte einer Werkrezeption. Manchmal umfassen die Materialien Lebensdokumente wie etwa Geburtsurkunden, Zeugnisse. Häufig ist Korrespondenz dabei mit Kolleginnen, Kollegen, mit Verlagen, aber auch Private und was sich darum herum anlagert. Die Welt des Archivs ist eine Welt der Schrift und dabei gleichermaßen eine beinahe gespenstisch lebendige, in vielerlei Hinsicht, es hängen am Papier auch allerlei Gefühle und Affekte. handschriftliche Notizen oder eben handschriftliche Korrekturen auf Typoskripten, die zunehmend als Ausdrucke von Dateien Gestalt angenommen haben und die Unikate noch des 20. und frühen 21. Jahrhunderts abzulösen beginnen. Langsam verschwindet das einzigartige, das physische Material und verlagert sich in den digitalen Bereich, dessen Aura uns noch nicht wirklich umweht. Im vorliegenden Fall können wir einen sorgfältig geordneten, geradezu klassischen Bestand übernehmen, der die literarische Arbeit von Anna Mitgutsch über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten in sich birgt. Dass wir diesen Bestand übernehmen können, ist gerade auch angesichts jener kurz erwähnten möglichen Einblicke hinter das veröffentlichte Werk und auch angesichts dessen, was dem Material darüber hinaus anhaften mag, ein Zeichen großen Vertrauens. Dafür möchten wir uns ganz, ganz herzlich bedanken. Ihnen allen einen schönen Abend mit Anna Mietkutsch. Das ist das Original der Züchtigung. Das ist das Original der Züchtigung. Ein großer Moment. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Vielen Dank. Ich nehme es an mich und Sie haben es gesehen, von Ferne, recht viel näher kommen Sie der Sache nur nach Anmeldung mit einem forschungsgeleiteten Interesse. Vielen Dank. Ja, einen schönen guten Abend, meine Damen und Herren. Ich freue mich sehr, dass ich diesen Abend heute moderieren darf. Es ist ja wirklich ein ganz besonderer Anlass. Aber Anna Mitkutsch und ich haben im Vorgespräch geklärt, wir werden nicht über den Vorlass jetzt reden und was da an geheimen Schätzen vielleicht alles und aufsehenerregenden Dingen drinnen sein könnte. Für Skandale sorgen eh andere. In Zeiten wie diesen, da brauchen wir nichts dazu beitragen. Wir reden über etwas, das insofern spannend ist und ungewöhnlich ist, als es das eigentlich schon gibt, aber noch nicht am Markt ist. Und was nicht am Markt ist, gibt es ja eigentlich noch nicht. Manchmal gibt es auch nichts, was am Markt ist, nicht. Ist auch das nichts, ja. Also ein Buch, liebe Anna, das aber bald erscheinen wird, also mit dem Frühjahrsprogramm des Luchter Hand Verlages. Dieser Titel, den Petra Maria Dallinger angeführt hat, ist der schon fixiert jetzt? Ja, ich wollte es eigentlich, ich habe es jahrelang, das ist ja kein unglaublich neues Manuskript, das habe ich schon länger in Händen. Erzählst du uns ein bisschen was über die Entstehungsgeschichte? Es ist nicht viel zu erzählen, ich meine, ich habe irgendwann einmal eine sehr große Wut auf verschiedene Menschen und Institutionen gehabt. Und das schon länger aus. Und dann habe ich mir diese Wut mit Abschiedsbriefen von der Seele geschrieben. Die waren nicht literarischisch aber das war die Idee und der Titel ist geblieben Abschiedsbriefe aber heutzutage ist es ja so der Titel muss sehr positiv sein der darf keine negativen Konnotationen haben ein Buchtitel wie Züchtigung, das ging ja heutzutage nicht mehr und dann, ja Briefe sind es Habe ich mich an Melville erinnert. Das Ende von Bartleby, wer es kennt, ich weiß nicht, die Geschichte von Bartleby möchte ich jetzt nicht im Detail, also die Geschichte Bartleby, das ist eine Kurzgeschichte, eine Novelle von Herman Melville. eine Kurzgeschichte, eine Novelle von Herman Melville. Was Bartlby charakterisiert, ist, dass er zunehmend, er ist eine Art Hungerkünstler. Er lehnt alles ab, was ihm zugemutet wird und letztlich ist es das Leben, das er ablehnt, dass ihm zugemutet wurde. Und sein irgendwie Mentor und der Arbeitgeber, der es sehr gut mit ihm meint, aber ein bisschen zu geradlinig ist und abweichendes Verhalten oder Psychen, die nicht genauso geradlinig sind wie er, nicht wirklich versteht, überlegt, wie kann sie der nur so entwickelt haben und meint dann, der Grund war der, dass Melville, bevor er sein Angestellter wurde, nicht Melville, Badlby, hat er in einem Büro für nichtzustellbare Briefe gearbeitet und das hat ihm dermaßen den Lebensmut genommen, dass er nicht mehr leben wollte. Unzustellbare Briefe im Sinn, dass die Empfänger entweder gestorben sind oder nicht auffindbar waren. Und das hat mich auf die Idee der unzustellbaren Briefe gebracht. Denn meine Briefe sind auch unzustellbar. Denn einerseits entweder die Adressaten sind verstorben oder sie sind wirklich unauffindbar. Vielleicht kommen die dann zum Vorschein, wenn das Buch herauskommt. Aber es sind auch sehr viele, es zeichnet schon irgendwie mein Leben nach. Denn alle diese Figuren, es ist nicht meine Autobiografie, aber alle diese Figuren hat es gegeben. Und die waren natürlich auch bedeutsam, in irgendeiner Weise bedeutsam. Manchmal in einer ganz negativen, aber nicht nur. Nicht nur, manchmal sind es auch Liebesbriefe. Also es kommt alles vor. Es beginnt mit meiner Großmutter, die es wirklich gegeben hat. und endet mit einer nicht stattgefundenen Beziehung, die sich ein Mann eingebildet hat, dass die stattfinden muss. Was es gibt. Und alles dazwischen, auch alle Länder, in denen ich gelebt habe, mit Ausnahme von Korea, also das geht von Österreich über die Städte, in denen ich gelebt habe, Israel, USA, aber es geht einfach nicht, literarisch zu schreiben und wirklich bei der faktischen Wahrheit zu bleiben. Ich meine, das passt nicht mit Literatur zusammen. Schon alleine die Auswahl verfälscht die Realität. Und dann muss man raffen, muss man gewisse Dinge dazwischenstellen, die nicht wirklich der faktischen Wahrheit entsprechen. Und so wird es halt doch Literatur. Ja, und so ist es ja auch gedacht, aber das bringt wieder einmal von der von dir ja öfter etwas verärgert angesprochenen Frage zurück, also war das wirklich so oder soll ich sagen, oder ist das jetzt doch ein bisschen Fiktion und so weiter und so, es ist immer grundsätzlich davon auszugehen, dass es Fiktion ist, würde ich mal sagen. Aber es gibt Autoren, die arbeiten sehr sozusagen aus dem Fantastischen heraus und es gibt Autoren, die ihr Material natürlich, woher soll man es sonst beziehen, aus dem, was man halt so wahrnimmt und erlebt in der Welt und so ist es dann. Was mich natürlich jetzt ein bisschen reizt, wir werden das nicht überstrapazieren, aber dass wir zwei ein bisschen in den germanistischen Diskurs auch gehen. Wir sind ja beide studierte Germanisten und wenn man sagt Brief als literarische Form, dann gibt es natürlich eine sehr lange, lange, würdige, spannende, widersprüchliche, vielfältige Tradition an Briefliteratur. Und der Brief sozusagen, dass der nicht nur jetzt an einen Empfänger, an eine Empfängerin geschrieben worden ist und dass man automatisch davon ausgegangen ist, das bleibt jetzt sehr im intimen, privaten, persönlichen Rahmen, sondern dass Schreibkräftige Menschen immer schon Briefe auch so angelegt haben, dass es da mehr Leser geben sollte und Leserinnen, dass das eine Öffentlichkeit bekommen sollte, auch wenn es einen bestimmten Adressaten hat. Das gibt es jetzt in der philosophischen Literatur der Antike, wo also der Brief gerne als Medium genommen worden ist, wo sehr gesprächige Herren wie Seneca der Welt mitgeteilt hat, wie sie diese zu sehen hat. dann bis zu der Briefliteratur, die wahrscheinlich am meisten im Bewusstsein unserer Kultur drinnen ist, diese eher empfindsame Tradition aus dem 18. bis ins 19. Jahrhundert weit hinein. War das für dich irgendwie im Kopf auch drinnen, als du das geschrieben hast, also der Brief, diese literarische, diese wichtige literarische Tradition zwischen Intimität und Öffentlichkeit. Hast du das mitgedacht oder war das für dich überhaupt kein Thema? Natürlich, ich meine, wenn man Germanistik studiert, kommt man dann irgendwann mit zumindest der empfindsamen Briefliteratur in Kontakt. Aber ich habe eigentlich nicht daran gedacht und mir wird immer gesagt, dass es so etwas noch nicht gibt. Nämlich, mir ging es nicht um das Dialogische in diesem Sinn. Die Empfänger können nicht mehr in einen Dialog eintreten. Es sind Psychogramme, es sind Porträts, es geht dabei auch, ich meine, die klassische, also die Briefliteratur, die ich kenne, da geht es ja auch immer um Selbstmitteilung. Und das habe ich so sehr wie irgendwie möglich reduziert. Da ist von der Briefschreiberin nichts dabei, kein nichts biografisches, keine Herzensergissungen, nichts. Es geht rein um den Adressaten und den Versuch, diesen Menschen, diese Person, das ist nicht in jedem Brief so, aber in den meisten, zu erfassen, wer war diese Person. Denn wenn wir mitten in einer Beziehung stehen, dann sind wir ziemlich kurzsichtig, weil wir bringen uns ja ständig selber ein, unsere Erwartungen. Aber wenn jemand weg ist, also für immer weg ist, dann können wir diese Person als Ganzes sehen. dann können wir sie betrachten dann können wir auch verstehen, wie die funktioniert hat dann können wir auch sehr viel verständnisvoller sein dann verstehen wir die Zusammenhänge und warum der oder die so war, wie er war es sind Porträts aber natürlich muss man dann wenn man doch eine Ich-Figur hat, eine Briefschreiberin und ein Du, und es sind alles in der Du-Form, dann muss von der Briefschreiberin noch ein bisschen was da sein. Ich hatte ja die Möglichkeit, drei dieser Briefe schon zu lesen, obwohl es das offiziell noch nicht gibt. Und du sagst ja diesen Adressaten und Adressatinnen auch, so habe ich dich gesehen und das warst du für mich in einer bestimmten Situation. Sei es als Problem oder als Hilfe oder einfach als Befremdung nur. Und das ist schon ein sehr spannender Zugang. Und ich kenne tatsächlich in der Briefliteratur, ich bin kein Experte dafür, aber die Briefliteratur, die ich kenne, kenne ich so etwas eigentlich auch nicht. Ja, das hat man mir gesagt, das ist natürlich dann der Vorschein, dann Verlage ein bisschen zurück, weil es nicht etwas ist. Weil das wäre was Neues sozusagen. Genau. Gut, wir wollen jetzt nicht polemisch werden, natürlich noch nicht. Wir setzen unser Gespräch nachher noch ein bisschen fort. Du liest uns jetzt einen dieser Briefe vor. Ich werde dir während der Lesung die Bühne überlassen und komme dann aber zu dir zurück. Die Briefe sind unterschiedlich lang. Manche sind, ich weiß nicht, den einen, den ich dir gegeben habe, glaube ich, der ist 40 Seiten lang. Und das wollte ich Ihnen nicht zumuten. Der ist nur eine halbe Stunde lang. Nicht einmal. Und er heißt American Gigolo. Wenn ich von ganz hinten nicht verstanden werde, bitte sich melden. Das ist leise. Ist es zu le sich melden. Es ist zu leise. Es ist zu leise. Ja, da muss ich schielen. Ja, ja, ja, danke. An einem dieser unwirklichen Oktobertage in Boston, in denen das kalte Licht des nahenden Winters die letzten Blätter wie goldene Sprit in den tiefblauen Himmel taucht, trafen wir uns in Cambridge. Seitenstraße. Du hattest es billig gekauft und nun war es fertig und ich wusste nicht, wolltest du es mir verkaufen, zur Miete anbieten oder schenken? Als ich die wenigen Stufen hinaufstieg, standst du in der Tür, bereit mich einzulassen in diese heitere weiße Leere. An jedes Detail hattest du gedacht. weiße Leere. An jedes Detail hattest du gedacht. Das glatte, matt glänzende Geländer aus dunklem Holz mit runden geträxelten Knäufen, das vom Flur ins Obergeschoss führte, rechter Hand ein großer heller Raum, eigentlich ein kleiner Saal mit einem Kamin, die Simse und Dekorationen, die Leisten und Kapitelle, alle streng weiß auf weiß. Die zarten Blätter aus weißem Stuck entfalteten sich an der Decke zu Ornamenten und oben hing ein Kronleuchter aus der Mitte einer Rosette wie ein umgedrehtes Diadem. Dem großen Bay-Window gegenüber lag ein strenges, hohes Fenster, umrahmt von weißen Paneelen, als gäbe es einen Blick frei auf etwas Erhabenes, fast Jenseitiges. Es schien mehr als ein bloßes Fenster, eher wie ein Versprechen, eine Offenbarung. du dir erst noch vorstellen, sagtest du. Doch jetzt schon gab die von einer alten Ziegelmauer umgebene Wildnis mit einer Zwergtrauerweide und Kletterrosen der Fantasie genug Spielraum. Die Küche mit grau-grünen Terrakotta-Fliesen getefelt war schmal, die Küchentür führte ebenerdig ins Freie und neben der Küchentür gab ein hohes Fenster den Blick auf einen Ahornbaum in seiner letzten Prachtentfaltung frei. Eine goldene Wand spiel in der Schatten, ein unruhiges Flirren aus rot- und gelbglühenden Fäden und Flecken, während unentwegt einzelne Blätter zu Boden schwebten. Ich drehte mich verwundert zu dir um. Wie konntest du meine alten Träume erraten, fragte ich. Wir sind noch nicht fertig, erwidertest du, und führtest mich ins Badezimmer, mit nachgedunkelten Spiegeln in schweren Rahmen, Luxus in jedem Detail, die Holztreppe hinauf in den ersten Stock, wo zwei leere, weiße Zimmer einluden, längst abgelegte Wünsche zu neuem Leben zu erwecken. Würdest du meinen Antrag annehmen, wenn ich unverheiratet wäre, fragtest du. Ich beantworte keine hypothetischen Fragen, entgegnete ich. Mit diesem Haus als Morgengabe, dachte ich, ja, gewiss. Aber du warst verheiratet. Und ohne deine Frau hättest du dir dein luxuriöses Hobby, alte Häuser zu kaufen und sie in kleine Palais zu verwandeln, niemals leisten können. Du warst nicht nur verheiratet, wie andere Männer und Frauen es sind. Du warst der Butler deiner Frau, ihr Diener, ihr Chauffeur, ihr Ciccolo. ihr Chauffeur, ihr Ciccolo. Sie verachtete dich, quälte dich, behandelte dich wie Abschaum. Und du machtest dir keine Illusionen über eure Beziehung. Du hingst an einem alten Schreibtisch, so wie nur du an schönen Dingen hängen konntest, mit einer inprünstigen Leidenschaft, als wären sie geliebte Wesen. Sie verkaufte ihn ohne Not unter deinen Händen, einfach weil er zu gut für dich war. Du widersetztest dich nie. Du sprachst davon, als würdest du von einer Gesetzmäßigkeit berichten, gegen die es keinen Einspruch geben konnte. Sie war die einzige Erbin einer nationalen Fluggesellschaft, doppelte Staatsbürgerin. Ihr Vermögen ging in die Milliarden. Lucy hat hohe Prinzipien, erklärtest du. Nein, nein, sie hat immer recht. Sie ist intelligent, prinzipientreu, politisch weit links. Sie unterhält Suppenküchen für die Armen und ist Vorsitzende einiger Charity-Organisationen. Zur Zeit, als du mir das Haus in Cambridge zeigtest, warst du in eurer Villa in Summerville nicht erwünscht. Du hattest temporär deine Hälfte des Ehebettes räumen müssen, denn Lucys lesbische Freundin Lynn war zu Besuch. Zur Entschädigung würde Lynn dir zum anstehenden 60. Geburtstag ein neues Auto kaufen. Auch deine erste Frau sei bisexuell gewesen und Lucy war ihre Freundin. Dann zogst du mit Lucy aus und lebtest mit ihr zusammen und nun überließ sie dir ihrerseits ihre abgelegten Bettgefährtinnen. Wenn Lucy anderweitig beschäftigt war und deine Dienste gerade nicht benötigte, ludst du gern Freunde in eure Villa in Summerville. Das Grundstück war so groß, dass man den Eindruck gewann, man lebe auf dem Land und nicht mitten in einem dicht besiedelten Stadtteil. Selbst der Wintergarten, ein Glaspavillon mit tropischen Pflanzen war größer als die meisten Häuser. Das Interieur war eine geschmackvolle Symbiose aus chinesischen und viktorianischen Kunstgegenständen, das Haus eines Ästheten, in dem kein Möbelstück, kein einziger Gegenstand dem Zufall überlassen blieben. Die Vorspeise war auf einem tischgroßen silbernen Tablett angerichtet. Du hast es aus dem besten Deli von Boston kommen lassen. Diesmal hattest du Kollegen aus dem College eingeladen, in denen du ein paar Kurse kreatives Schreiben unterrichtetest. So hatten wir dich kennengelernt, als mein Mann Vorsitzender des Einstellungskomitees gewesen war. Neben den vielen jungen Bewerbern mit einigen Kurzgeschichten in Zeitschriften oder Prose-Poems in Anthologien in ihren Curricula Vitae, fiel dein Resümee auf, nicht nur durch den Alter, sondern auch durch die Nonchalance, mit der du dich vorstelltest. Mit einem Studium an der Yale School of Drama, Assistent von Edward Orby, Regie am Yale Repertorisierter, ein Theaterstück in einem Off-Broadway-Theater, das alles sehr früh in deinem Leben, bevor für die meisten die Karriere erst anfängt. Höhenflugs, gave it all up to write. Das beeindruckte uns. War das nicht die Zusammenfassung eines jeden kreativen Wunschtraums, alles aufzugeben, um zu schreiben? Aber du warst nicht der Gigant der Literatur, den wir erwartet hatten. Du warst ein Spieler, ein Genießer, ein Ästhet, ein Verächter kleinbürgerlicher Werte, ein Gentleman der Halbwelt, der das Leben nicht ernst genug nimmt, um in eine Karriere zu investieren. Es war nicht das erste Mal, dass du uns in dein Haus in Summerville einlutzt, aber das einzige Mal, dass wir Lucy zu Gesicht bekamen. Wir waren eine kuriose Versammlung von Gästen, darunter joviale Psychologe Jeffrey und seine Frau Jill, die an einer Fatiallähmung litt, stets bemüht, uns ihre gesunde Gesichtshälfte zuzuwenden, unser alter Freund George mit seiner übergewichtigen Braut, der CEO eines Südstaatenkonzerns und an deiner Seite eine knabenhafte junge Frau mit einem makellos schönen Körper, dessen erotische Ausstrahlung sie unter den schlichten Kleidern nackt erscheinen ließ. Im Laufe des Abends wurde klar, dass sie deine Geliebte war. Für mich hattest du als Tischpartner einen steifen älteren Herrn namens Gordy, mit auffallend niederer Stirn unter der weißen Haarbürste eingeladen, dessen anfängliches Interesse rasch erlosch und in ablehnende Einsilbigkeit umschlug. Wir saßen an der langen Tafel in dem prächtigen Esszimmer, dessen kunstvolle Stuckornamente Möbel überflüssig machten, aßen zur Perfektion gebratenes Rostbief mit Pasta und tranken schweren Mürbenburg unter. Die vegane Freundin unseres Sohnes hatte gleich zu Beginn verkündet, sie wolle sofort essen und zwar nur Salat, doch nun metzelte sie an einem besonders zarten Stück Grosbief herum und ließ es anschließend stehen. Während des Essens huschte eine 16-jährige Nichte, eine Eurasierin, mit der Schönheit eines frühreifen, verdorbenen Kindes bei der Tür herein und unsere Veganerin fragte, ob sie denn viel Chinesisch esse, was die betretene Tischrunde in einem politisch korrekten Schock erstarren ließ. seiner rätseligen Frau am Tisch, die dafür bekannt war, dass sie jedes öffentliche Erscheinen dazu benutzte, durch ihre Borniertheit zu glänzen und sich ihrer Vorurteile zu brüsten. Um die Wahrscheinlichkeit eines Eklats zu erhöhen, hattest du sie neben den Spötter Joe gesetzt, dem sie sich mit einer lehrhaften Predigt über Optimismus zuwandte. Er hatte jedoch wenig Lust, sich mit ihr zu duellieren und verzog sich in die Küche. So wandte sie sich anschließend an dich, um dich vor dem verderblichen Einfluss des Sozialismus zu warnen. Gesellig wie sie war, wollte sie auch die junge Frau an deiner Seite einbeziehen. Wie sollte sie sie nennen? Donna? Sie war wohl deine Nichte? Nein, sagtest du, sie ist meine Geliebte. Und ihre Frau? Fragte sie entgeistert. Ihr Minenspiel, ein Kriegsschauplatz zwischen Horror und dem Versuch, Kontinents zu wahren? Die ist bei ihrer Geliebten und kommt erst später nach Hause, erklärtest du unbefangen. Und während sie nach Atem und Worten rang, fügtest du hinzu, nach vier Ehen habe ich beschlossen, nur noch reiche Frauen zu heiraten. Die Frau des Philosophen hielt sich tapfer, verbarg ihr Entsetzen und belehrte dich verständnisvoll über all diese Gräuel hinweg, über wahre Liebe und Treue und vor allem to always look on the bright side of life. Das Mal zog sich hin, erlesen und schleppend, bis Lucy die Szene betrat. Bereits an der Tür war klar, sie hatte nicht mit Gästen gerechnet. Die Begrüßung war eisig. Während du vor Scham und Angst unfähig warst, deine Rolle als Gastgeber zu Ende zu spielen und uns hinaus scheuchtest wie ein Pack ungeladener Schnorrer. Auch Donner musste gehen. In den nächsten Tagen musstest du deine Frau zu buddhistischen Exerzitien auf Cape Cod fahren. Und auf dem Weg zurück kamst du zum Mittagessen bei uns vorbei. Du redetest viel von deinen reichen Freunden, Menschen mit berühmten Namen, Edward Albee, Paul Mendes Flohr, Jeffrey Hartmann. Du sprachst von ihnen wie von deinesgleichen, aber im Grund warst du nichts als der Lakai deiner Frau und deines reichen Schwiegervaters, die dich verachteten. Du sprachst von den Millionen, die zu einem standesgemäßen Leben nicht auslangten, von der Armut der Reichen und merktest bei all deiner Intelligenz nicht, dass du von nackter Obszönergie redetest. Du weißt, dass du dir keine Kiste Wein leisten kannst, wenn deine Frau es nicht erlaubt, sagte ich. Du übergingst meinen Einwand, wie du es immer tust und erklärtest, wenn Lucy dich verließe, dann würdest du nur noch zu Prostituierten gehen, die seien genügsamer. Bildung ist für dich kein Wert, fragte ich. Dein Begehren ginge allein von den Augen aus, sagtest du. Sie mögen ungebildet sein, schon möglich, aber sie sind die einzige Spezies Frau, bei der ich mich entspannen kann. Ich weiß bis heute nicht, ob diese abgebrühte Frauenverachtung eine Maske ist, eine deiner vielen Rollen, die dich zu nichts verpflichten. Deine Angst, Lucy könnte dich verlassen und du sehst mit dem mickrigen Gehalt eines Teilzeitlektors ohne ihre Millionen auf dem Trockenen, ist dir doch nicht gespielt. Die sitzt dir als echte Bedrohung im Nacken. Aber du bist auch intelligent und klug. Du verstehst menschliche Niedertracht und Scheinheiligkeit und machst dir keine Illusionen darüber, dass es nichts gibt, wozu Menschen nicht imstande wären. Trotzdem hast du immer wieder bewiesen, dass du zu Mitgefühl und Hilfsbereitschaft fähig bist. Du unterstützt heimlich eine frühere Freundin mit einer chronischen Behinderung, die ohne dich längst tot wäre. Du machst mittellosen Menschen, von denen du nichts zu erwarten hast, aufmerksame Geschenke und fährst regelmäßig nach New York, um einen sterbenden Freund aus Kindheitstagen zu besuchen, Louis, einen Auftragskiller der italienischen Mafia, den alle außer dir verlassen haben. Selten hat mich ein Mensch so sehr fasziniert wie du, ja auch angezogen, sodass ich versucht war, dir zu gefallen, was wahrscheinlich am schnellsten dazu führte, dir ein Interesse zu verspielen. Deshalb traf ich mich mit dir, wann immer du mich sehen wolltest. Der sicherste Weg, deinen Unmut zu erregen oder dich zumindest zutiefst zu langweilen, war die Zursaustellung jeden Anflugs von weiblichem Intellekt oder gar beruflichem Erfolg. Ein einziges Mal machte ich den Fehler, dich zu einer meiner Vorlesungen einzuladen. Ich dachte, du schätztest Kafka, aber eine Frau, die über Kafka doziert, war dir eindeutig zuwider. Du setztest dich direkt vor mich hin in die erste Reihe und nach zehn Minuten warst du eingeschlafen. Ein alter, glatzköpfiger, unproportionierter Mann, dachte ich. Und dann begannst du auch noch leise zu schnarchen und das Kinn fiel dir auf die Brust. Nach der Vorlesung lotst du mich zum Essen ein, doch vorher wolltest du mir ein neues Apartment zeigen, das du renoviert hattest. In unserer Begeisterung für Schönheit und Harmonie kamen wir uns nach jeder Unstimmigkeit wieder näher. Du parktest an der Massachusetts Avenue, Bostons Champs-Élysées, unweit des Eingangs zum Public Garden. Es war ein warmer Vorfrühlingstag, die Magnolien in den Vorgärten hatten schon pralle Knospen angesetzt, kurz vor dem Aufspringen, und an manchen Eingängen der aristokratischen Brownstone-Häuser mit den schmiedeeisernen Geländern, den Säulen und Portalen, den Bay-Windows und efeuüberwucherten Erkern, stand das Schild Luxury Apartments Toilette. Mit nichts Geringerem warst du bereit, dich abzugeben. Unterwegs redest du davon, dass Lucy sich von dir trennen wolle, dass sie in ein Apartment ziehen wolle, eines von diesen an der Mass Avenue. Es ist eine sehr unabhängige Frau, sagtest du bewundernd, aber deiner bekümmerten Miene war anzusehen, dass du um deine Apennage bangtest. Wir gingen sehr schnell und du hängtest dich bei mir ein um pfiffst leise alte schmachtende Schlager, was mich verwirrte. Wir aßen im Beefsteak Charlies, das heißt, ich aß, während du einen Manhattan nach dem anderen trankst, danach den teuersten Brandy, den er das Lokal führte, darauf ein Glas alten Jahrgangs Burgunder und schließlich leertest du auch noch den Rest meines Trinks in dein Glas. Dazwischen schlangst du geräuschvoll Grünzeug in dich hinein, bestelltest danach Spargel und liest ihn stehen, bestelltest eine Käseplatte und rührtest sie nicht an und erklärtest mir, du seist bloß Vegetarier, um dich bei Frauen interessant zu machen. Die Kellnerin hatte die Manieren einer Dame, räumte auf deinen Winken den vollen Teller ab und brachte das neue Gericht. Das Lokal hatte das Ambiente einer eleganten Bostoner Downtown Bar, prätentiös, verkromt und sehr britisch. Genau das, was du bewunderst, weil es dir immer fremd geblieben ist und dich einschüchtert, obwohl du es dir leisten kannst, in ausgeleierten Strickjacken und einer Wollmütze auf deinem kahlen Schädel einen Trink zu bestellen und protzige Trinkgelder zu verteilen. Ich kann nicht so viel trinken, sagte ich, als du mir den zweiten Trink aufnötigtest. Ich werde schnell beschwipst. Das ist doch gut, meintest du. Nein, sagte ich, ich werde bloß müde und langweilig und stolper über die Wörter. Ausgezeichnet riefst du. Ich will zur Abwechslung eine langweilige Frau. Ich bin immer nur mit hochintelligenten Frauen zusammen. Du erzähltest von Pamela, einer Luxusfrau aus der Theaterwelt, für die du dabei seist, ein Apartment einzurichten. Und wie die meisten Männer, wenn sie getrunken haben, begannst du mir von den Frauen zu erzählen, die du geliebt und die dich verlassen hatten, angefangen bei deiner Mutter. Sie hatte dich allerdings nicht freiwillig verlassen. Sie war gestorben in demselben Elend, in dem du aufgewachsen bist und das du seither nicht aufhören kannst, hinter dir zu lassen. Aber wenn du von Frauen redest, erfuhr man weder ihre Berufe noch was sie geleistet hatten, sondern nur, was sie an finanziellem und emotionalem Aufwand gekostet hatten. Du sagtest, einen Monat lang gibst du in einer neuen Affäre alles, dann begehst du Angst und deine Unabhängigkeit und zögst dich zurück. Was du sagtest, war voller Widersprüche, als wolltest du mich mit Absicht verwirren oder abschrecken. Aber vor allem eines wolltest du mir klar machen. Ich bin einer, auf den kannst du nicht zählen. Ich bin völlig amoralisch und stolz darauf. Ich will eine Frau, die ganz für mich da ist, erklärtest du mir. An mich gekettet und mir bedingungslos, willenlos zu diensten. Nur eine Stunde am Tag bekommt sie frei. Eine Sklavin, sagte ich. Ich sagte nicht, und wie vereinbarst du das mit deiner Ehe? Mit deiner Frau, die ihre Liebhaberinnen in dein Bett bringt und du musst gehen, die dich hält wie einen furchtsamen Haushund und dir den Geldhahn zutritt, wann immer es ihr beliebt? Ich sagte stattdessen, du bist frauenfeindlich und redete Unsinn von geistig-seelischer Intimität. Das fandst du echt zum Kotzen. Eine Frau ist für mich ihr äußeres, visuelles Ergötzen, Klima, sonst nichts. Was sie sonst noch darstellt und erreicht, interessiert mich nicht. Wenn Lucy tot ist, gehe ich nur mehr zu Huren, erklärtest du. Damals erzähltest du mir auch, dass du deinen Geliebten Geld gabst, um sich vor dir zu entkleiden. Sonst wolltest du nichts, nur dich an ihrer Schönheit ergötzen. Anschließend führst du deine schönen Stripperinnen aus, nimmst sie zu Armani mit, kaufst ihnen sexy Kleider und lädst sie zum Roulette nach Atlantic City ein. Vielleicht zeigte meine Miene mehr, als ich sagen wollte. Ich spürte, du wolltest mir wehtun. Ich spürte auch, dass du dich gedemütigt fühltest und wusste nicht, wodurch. Wir saßen einander quälend lang in dem Restaurant gegenüber. Der Tisch war abgeräumt, wir waren die letzten Gäste. Die Klimaanlage war unerträglich kalt und wehte in unsere Richtung, sie wurde von Minute zu Minute kälter. So bedeutete man uns, dass es Zeit war zu gehen. Die Kellnerin reagierte nicht mehr auf deine Bestellungen weiterer Cognacs, sie hielt sich im Hintergrund. Du warst nun vollends betrunken und erklärtest mir wortreich deine sexuellen Interessen. Schließlich, nachdem ich mich von dir abgewandt hatte und beharrlich schwieg, warst du bereit aufzubrechen. Du fuhrst mich nach Hause, so konzentriert und sicher, als wärst du nüchtern. Unterwegs auf dem Highway entlud sich ein Wolkenbruch, der noch andauerte, als ich aus dem Auto stieg. Du hattest Rachmaninoffs zweites Klavierkonzert eingelegt. Es war die Musik, die du zum ersten Mal auf einem Parkplatz in Noten gespielt hattest, während du mir von deiner Kindheit in der Bronx erzähltest, vom lauten, ungehobelten Lumpenproletariat und wie du dir schon als Kind eine Gegenwelt erträumt hattest, großzügig, glamourös, eine Theaterwelt voll schöner, faszinierender Frauen. Danach hatten wir uns einen Schwarz-Weiß-Film angesehen, in dem es um eine Leidenschaft ging, der nicht mehr Raum gegönnt ist als der Wartesaal einer Bahnstation in der Provinz und nicht mehr Zeit als die halbe Stunde, bevor der Zug abfährt. Ich legte zum Abschied kurz meine Hand auf deine und bereute es. Jedes Mal, wenn Lucy von Unzufriedenheit ergriffen wurde, schlugst du ihr vor, ein Haus für sie einzurichten. Und manchmal ließ sie sich von einem neuen Projekt begeistern, wenn es nur ausgefallen genug war. Das brachte dich auf die Idee mit der Kirche mitten in einer heruntergekommenen Gegend von Summerville. Sie war groß wie eine Kathedrale, seit Jahren ungenutzt und begann zu verfallen. Erst wolltest du sie in mehrere Stockwerke mit Mietwohnungen parzellieren. Aber die Vorstellung kommunalen Wohnens behagte deiner prinzipientreuen, ultralinken Ehefrau nicht. Also bautest du ihr ein Schloss, einen Palazzo, wie ihn Isabella Stuart Gardner aus Venedig importiert hatte, Stein für Stein. So weit musstest du nicht gehen, die Steine waren vorhanden. Schöner Backstein aus dem 19. Jahrhundert und die Außenmauern waren solid. Du brauchtest nur zwei Jahre, um dein Projekt zu verwirklichen. Einen Monumentalbau mit breiten Auffahrten und den alten eisenbeschlagenen Kirchentoren. Auch die Türme hattest du belassen, wenn auch abgeflacht. Das Innere muss eine Herausforderung gewesen sein. Eine Wohnung riesigen Ausmaßes, ohne Zwischendecken, das, was üblicherweise als Wohnraum gilt, kuschelte sich wie Nester an die Wände und war durch Wendeltreppen, manchmal auch breite Marmortreppen, durch Altane und und Plattformen zu einem komplizierten Gebilde einzelner, nach einer oder zwei Seiten offener Räume verbunden und durch verschiedene starke Lichtquellen unterteilt. Manches war ausgeleuchtet wie ein Konzertsaal, manches erschien wie von Kerzenlicht erhellt. Manches erschien wie von Kerzenlicht erhellt, so stieg man von einer angedeuteten Etage zur nächsten, überquerte Brücken und betrat schließlich die Turmgemächer. Klausen äußerster Einsamkeit und Askese. Ein Schreibtisch aus einem Kloster des 16. Jahrhunderts, ein mit rotem Samt bezogener, aus Akazienholz geschnitzter Stuhl mit steifer, hoher Lehne. Ein Halbkreis von Bücherregalen bis zur fernen Decke. Das rötliche Licht aus einer tropfenförmigen Ampel erhellte gerade den Umkreis des Tisches und ließ den Rest der Klause im Zwielicht. Das war keine Studierstube, auch wenn ich mir weder dich noch Lucy in mönchischer Gelehrsamkeit versunken vorstellen konnte. Diese unheimliche Kammer war eher dem Ort nachempfunden, an dem Torquemada Todesurteile unterschrieben haben mochte. Doch dieser Teil war erst der freundliche Wohnbereich. Es gab auch einen rückwärtigen Teil der Kathedrale, über dessen Verwendung und Beschaffenheit du noch unschlüssig warst. Nach der Besichtigung nannten wir ihn Bluebeards Castle. Auch hier gab es keine Fußböden und keine Decken, aber es gab auch keinen Ort in diesem piranesischen Labyrinth, an dem man verweilen konnte. Nur schmale, oft schräg verlaufene Gänge entlang der Mauern, Stufen und Bögen, kurze Tunnelgänge und gewölbte Brücken. Immer stieg man aufwärts oder abwärts und kam nicht an. Und fast immer blickte man in den Abgrund der steinernen Absis, auf deren Boden man bei jedem falschen Tritt zerschellen konnte. Hier gab es keinen Platz für Möbel. Es gab auch keine Farben, nur Backstein und grauen Mörtel. Vielleicht vermieten wir diesen Teil, sagtest du. Möchtest du denn hier wohnen, fragte ich. Vielleicht als Filmset schlug mein Mann vor für einen Horror-Krimi Ich sehe schon, ihr seid nicht begeistert, sagtest du verstimmt Wir waren froh, als wir festen Boden unter den Füßen hatten und ins Freie traten Auch dich und Lucy hielt es nicht lange im Blaubartschloss Die Heizkosten, klagtest du, seien unerschwinglich Die Beleuchtung, die Wasserleitung funktionierten schlecht. Es sei eben schwierig, eine Kathedrale bewohnbar zu machen. Vielleicht war deine Idee mit dem Theaterstück ein letzter Versuch, dich aus dem Sumpf deiner Abhängigkeit vom Reichtum des Millionärclans zu befreien, etwas zu leisten, wofür die Welt dich respektieren würde. Ich habe es nie gelesen, aber ich nahm an, es müsse gut sein. Du hattest die Erfahrung, du konntest dann deine Glanzzeit an der Yale University anknüpfen und du stellest tatsächlich in kurzer Zeit ein Ensemble mit ein paar bekannten Schauspielern zusammen, die angeblich alle von ihren Rollen begeistert waren. Die schöne Pamela hattest du als Produzentin angeworben. Es musste ein großer Erfolg werden. Zunächst hattest du an die Off-Broadway-Bühne im Village gedacht, wo vor Jahrzehnten dein erstes Stück aufgeführt worden war. Doch dann erschien es dir zu klein. Du wolltest dein Theater für 400 Zuschauer mieten, statt für 190. Wenn das Stück ein Jahr lang liefe, rechnetest du mir vor, dann habe er sich amortisiert. Gleichzeitig wolltest du einen Film draus machen, auch da hattest du noch Beziehungen von früher. Du redestest von den Menschen, die dir behilflich sein sollten, allen, die zur Verwirklichung deines Traums von Rom und Gleimer von Nutzen waren, den Schauspielern, den Laien und Statisten, den Bühnenarbeitern, die es als Ehre betrachten mussten, dabei zu sein. Du redetest von ihnen wie von Schachfiguren, die du auswechseln konntest. Auch ich sollte eine Nebenrolle bekommen zu deinen Bedingungen. Ich sollte fro Zeit, das ist nie die falsche Zeit für den großen Wurf. Du müsstest dein Kind im Stich lassen, dann gib ihn in ein Internat, wo liegt das Problem? Es gab kein Halten und keine Grenzen für die Verwirklichung deiner wahren Vorstellungen, deines Vergnügens, deiner schrankenlosen Freiheit, die du dir anmaßtest, sinnlos, um Rücksicht zu bieten, sinnlos einzulenken. Das große Broadway-Stück, das dich berühmt machen würde, blieb ein Traum. Ein letzter Rundumschlag, der dich aus der Knechtschaft befreien sollte. Zu viele Hindernisse waren aufgetaucht. Es gab Gewerkschaftsregeln, wer als Schauspieler auftreten durfte. Und die vielen Zwangsrekrutierten sprangen ab, einer nach dem anderen. waren aufgetaucht. Es gab Gewerkschaftsregeln, wer als Schauspieler auftreten durfte und die vielen Zwangsrekrutierten sprangen ab, einer nach dem anderen. Einmal noch haben wir uns getroffen, nach dem Tod meines Mannes. Du hattest immer davon geredet, dass du mir einen Antrag machen würdest, sobald ich frei sei und ich hatte darüber gelacht. Du ludst mich zum Brunch in ein rustikales Vorstadtlokal, in dem Handwerker und Arbeiter ein schnelles Frühstück nach der ersten Schicht zu sich nehmen, Speck und Toast, Hashfries und eine graue Brühe sogenannten Cafés in dickwandigen Mugs, weit entfernt von den Nobelrestaurants früherer Zeiten, dem Parkerhaus im alten Stadtkern, dem Harvard Club oder Lockovers mitten im Business District. Du warst kurz angebunden und unnahbar wie nie zuvor und gabst mir Ratschläge für die Zukunft als alleinstehende Witwe. Du musst dich bewegen, wenn eine Frau die Luxus wert ist, sagtest du. Und nun, da mich der Tod meines Besitzers entwertet hatte, sei es an der Zeit, mich nach einem neuen Beschützer umzusehen. Keinen, der nach einer Gleimerfrau sucht, rietst du mir, das bringst du nicht mehr. Wer viel Geld einsetzt, fordert auch viel. Besser einen aus der Mittelschicht, einen Lehrer oder einen Ingenieur. Leg einen knalligen roten Lippenstift auf und sei ein bisschen weiblicher, nachgiebiger. Streich nicht die Emanze heraus, das verschreckt jeden Mann. Du brauchtest mich zum Flughafen, aber du stelltest den Motor nicht ab und du fuhrst an, bevor ich noch beide Füße auf den Gehsteig gesetzt hatte. Und du fuhrst an, bevor ich noch beide Füße auf den Gehsteig gesetzt hatte. Ich höre, du hast einen Gnadenhof für alte Tiere gegründet. Haustiere, die von ihren Besitzern weggegeben werden, weil sie alt und krank sind. Greyhounds, die für die Hunderennen nicht mehr taugen. Rennpferde auf dem alten Teil. Das ist die andere, deine weiche Seite, das Mitleid mit der verwundbaren, hilflosen Kreatur, das immer wieder durchbrach, dass du vor Stohlen fast hinter deinem Rücken lebtest und vor dem du solche Angst hattest, es könnte dich mit sich hinunterziehen in die Armut und ihre Hässlichkeit, aus der du hast vorhin gesagt, durch diese Art der Auseinandersetzung, die du in deinen Briefen hier machst, entstehen Porträts. Ich glaube, das ist ein sehr typischer Text dafür. Es entsteht wirklich ein Porträt eines Menschen, eines Individuums, aber er hat auch ein bisschen was Typisches, glaube ich. Kennst du solche Männer? Ich wollte sagen, ich kenne Amerika nicht so gut, aber ich stelle mir das dort so vor. Ach so! nicht so gut, aber ich stelle mir das dort so vor. Also ich kenne die tatsächlich, also auch aus unserem Kulturkreis, zwar mit etwas anderen Umständen sozusagen, weil eben das Leben in einer amerikanischen Großstadt etwas ganz anderes ist als zum Beispiel in Linz. Aber das heißt nicht, dass in Linz auch manch einer versucht, als Dandy sozusagen eine Rolle zu spielen. Ja, wer ist ein armer Hund? Und das ist jetzt das Interessante an der Figur. Oder was du gesagt hast eben, aus der Distanz jetzt, kann man auch mal schauen, ist der nicht auch ein armer Hund eigentlich? Und das ist er ja tatsächlich, denn diese Rolle, ich habe ein bisschen an die ästhetische Existenz nach Kierkegaard auch gedacht, also diese Dandy-Figur mit ihrer Leichtigkeit, auch mit einem gewissen Zynismus, wie er sich durchs Leben bewegt. Das ist für den, hat man den Eindruck, auch wirklich anstrengend, das zu leben, weil er ja im Grunde genommen in nüchternen Augenblicken weiß, dass dahinter der Abgrund lauert. Ja, und dermaßen abhängig zu sein und verachtet zu sein. Ich meine, ich kenne Frauen. Das Umgekehrte, wo Frauen total abhängig sind von einem Mann. Ich meine, genau so, aber spiegelverkehrt. Das geht nicht. Aber so einen habe ich nur einmal erlebt. Ah ja, na ja, sagen wir mal, wahrscheinlich hättest du auch gar nicht das Bedürfnis, solchen öfter zu begegnen, nicht? So wahnsinnig angenehme Zeitgenossen, an denen kann einem ja schon ordentlich viel auf die Nerven gehen, muss man sagen. Ja, aber... Aber es geht auch, und das kommt aus dem Text gut raus, irgendwas Faszinierendes geht trotzdem von ihm aus, oder? Ja und auch wenn man dann weiß seinen Hintergrund. Diese extreme Armut, das ist ja nicht nur Armut, wie diese Menschen, wie solche Menschen aufwachsen, sondern das ist ja auch Hässlichkeit. Das ist ja sich gehen lassen, das ist ja Alkoholismus und Verbrechen und jeder versucht ja sich aus sowas herauszuwurschteln. Und das ist eben seine Art. er kriegt es aber nicht heraus aus sich. Ich glaube, es wird furchtbar enden für den, aber das wissen wir nicht. Das wissen wir alle nicht. Weil ja dann nicht nur ständig diese Gefahr da ist, dass sich diese Frau von ihm trennt und er tatsächlich vor einer finanziellen Problemsituation steht dann, sondern denn, dass die alt werden. Da muss ich ein bisschen aufpassen. Die sagen, die erwecken mein Mitleid. Aber da könnte man, das wird schwierig. Wir kommen aber noch vielleicht auf einen Aspekt, der mir nicht unwesentlich erscheint. Das ist nicht nur das Porträt eines Menschen, der ist ja auch in einem sozialen Feld drin, dieser Mensch. Und du lieferst eigentlich, besonders in dieser einen Sequenz, wo es um diese Einladung geht, wo es um diese Einladung geht, lieferst du auch so ein kleines satirisches Bild eines bestimmten sozialen Milieus mit, würde ich sagen. Das habe ich sehr spannend gefunden, ist so reingekommen im Laufe des Schreibens. Und hast du genossen auch ein bisschen diesen satirischen Blick? Ja, das weißt du doch. Du bist einer der wenigen Leute, der meinen Humor hat. Es gibt wenig Leute, mit denen ich so gut lachen kann wie mit dir. Das ist aber schön. Das macht mich glücklich jetzt. Ja, Satire. Diese Gesellschaft Satire ist es auch. Ja, ja, und das würde mir auch liegen. Aber mein von mir sehr verehrter Lektor war Norddeutscher und hatte keinen Humor. Er hat nur gute Qualitäten, aber Humor hat er wenig. Ich möchte über den Eder noch kurz reden mit dir. Und der hat immer, wenn ich satirisch geworden bin, gesagt, ja, aber das ist doch nicht schön, die Menschen können doch nichts dafür, dass sie so sind. Und dann hat er mir das wegstrichen und dann habe ich mir gedacht, wenn alle finden, ich bin jetzt nur bösartig, dann geht das nicht auf. nur bösartig, dann geht das nicht auf. Naja, also in Österreich schon. Also ich will jetzt nicht auf Thomas Bernhard hier zu sprechen kommen. Aber natürlich diese, also ich finde es ja eine sehr feine satirische Arbeit, die du hier machst, dieses Milieu, dass also wir sind ja alle so liberal und so offen und so tolerant und da ist es sich was. Und dann merkt man aber, dass es dahinter also ordentlich für Kränkungen, Enttäuschungen, Desillusionierungen gibt und eigentlich immer die menschliche Misere lauert. Diese Doppelbödigkeit kommt auf diesen ein, zwei Seiten Seiten sind das ja nur, also für mich sehr gut rüber. Also ich bin nicht so gut wie der Lektor, über den wir da noch reden werden, aber mit diesen Dingen hättest du bei mir mehr Chancen natürlich gehabt. Das ist ganz klar. Also ja, mit dem Humor, Konrad Paulismann hat kürzlich einmal gesagt, also er hat damit auch immer ein bisschen Schwierigkeiten, wenn er in Deutschland irgendwo einen Vortrag hält, er hat den Eindruck, das Phänomen Ironie, das ist irgendwas Süddeutsches offensichtlich. und er hat gesagt, im mitteldeutschen Raum versickert es dann so langsam und ab Hannover wird es ganz schwierig dann mit solchen Dingen. Gut, ich möchte mit dir noch auf diesen, du hast jetzt den Lektor schon erwähnt, und du hast einen dieser Briefe, und zwar wirklich einen sehr umfangreichen Brief, der für alle, die sich auch ein bisschen für Literaturbetrieb interessieren, sehr interessant ist natürlich. An den hast du einen sehr langen Brief geschrieben. Ich glaube, es ist ganz ungewöhnlich, dass ein Lektor, du sprichst glaube ich von 27 Jahren, Du sprichst, glaube ich, von 27 Jahren. Also 27 Jahre lang sind deine Bücher von einem und demselben Lektor betreut worden. Naja, ganz so ist es nicht. Er hat, ja, ich meine, um das kurz zu skizzieren, es war ein Zufall, dass ich überhaupt da sitze. Die Züchtigung habe ich eben zuerst geschrieben, das hat die Petra jetzt in der Hand, dann war es für mich abgeschlossen, weil ich habe schon fünf andere Manuskripte herumgeschickt in der Welt und niemand wollte sie. Ich weiß es nicht, das führt zu weit, ist egal. Dann habe ich es eben getippt, dann wurde es durch einen guten Freund von mir an die Lippmann AG geschickt, sonst hätte ich überhaupt keine Chance gehabt, ich bin ja in Amerika gesessen. Die hat das mit Interesse gelesen und da hat gerade eben dieser Lektor, der vor 13 Jahren verstorben ist, leider, jetzt bin ich verwaist, und er hat ihm das Manuskript mitgegeben und er hat sich gedacht, nein, nicht schon wieder ein Manuskript von ihren alten Freundinnen aus den 20er Jahren, die dann ihr Leben runterschreiben, aber das ist nicht Literatur, weil es ging ihm um Sprache. Und hat es in das Fach einer Praktikantin gelegt, um es einfach einmal anzuschauen. Und die hat mit so einer Wut darauf reagiert. Die hat sich so empört über dieses Manuskript. Der hat sich überschlagen vor Wut, dass er sich gedacht hat, da muss was dran sein, wenn jemand sich so erzürnt und hat es gelesen. Also ich habe eigentlich, da war die Chance, dass das Manuskript also wieder zurückgeschickt wird, sehr viel größer, als dass das Buch herauskommt. Und er war damals Cheflektor bei Klassen. Und dann hat er mich mitgenommen, als er zu Luchterhand gegangen ist, als Verlagsleiter. Und dann ist er gegangen worden bei Luchterhand. Und von da weg war er freischaffend. Er war auch Übersetzer, er war auch Journalist. Und von da weg war er freischaffend. Er war auch Übersetzer, er war auch Journalist. Und etwas gibt wie berufliche Lebensmenschen, dann war er das. Er hat wirklich vom ersten Augenblick an, wenn ich, ich habe ja immer, wenn ein Buch fertig war und es wurde nicht so rezipiert, wie ich es wollte oder wie ich es mir vorgestellt habe, habe ich gesagt, schreib nie wieder aus. Und dann hat er mich langsam wieder überred gesagt, schreib nie wieder. Aus. Und dann hat er mich langsam wieder überredet, schreib für mich, tu es trotzdem, ja, aus der Idee. Und wenn ich dann eine Idee hatte, hat er mich von dem ersten Anruf weg begleitet. Und für ihn, ich habe immer den Eindruck gehabt, für ihn war es auch spannend. Und er hat mich wirklich durch die vielen Durchgänge begleitet und er war ein fantastischer Lektor. Ich habe ihm vollkommen vertraut, weil das ist notwendig in einem Lektorat. Wenn man ein Manuskript zurückbekommt und das ist alles Mögliche an den Rand geschrieben oder durchgestrichen, das ist mir zuerst einmal wütend, weil man glaubt, man ist unfehlbar. Und wenn man dann einem Lektor nicht vertraut, dann weiß man nicht, soll man das jetzt ändern? Hat der recht? Habe ich recht? Aber mit den Jahren habe ich gewusst, er hat fast immer recht gehabt. Ja, das ist wirklich etwas sehr, sehr Schwieriges. Und ich kenne, also aus meiner Tätigkeit habe ich es ja mit Autoren, Autorinnen zu tun, aber ich habe es auch mit Lektoren und Lektorinnen zu tun. Und die klagen immer wechselseitig übereinander, natürlich die einen über die anderen und die anderen über die einen. Und es ist ja objektiv eine schwierige Beziehung. Auf der einen Seite will man natürlich, dass das Manuskript vom Lektor gemacht wird, verstanden wird und so weiter. Auf der anderen Seite ist Lektor oder Lektorin dazu da, auch tatsächlich korrigierend einzugreifen, ist Lektor oder Lektorin dazu da, auch tatsächlich korrigierend einzugreifen, weil, das wirst du bestätigen, man verliert im Laufe der Arbeit die Distanz zu seinem eigenen Manuskript. Natürlich, ja. Aber was für mich so wichtig war, ist, normalerweise ziehen sich ja die Lektoren, sie sind wahnsinnig nett, wenn sie das Manuskript wollen. Sie sind wahnsinnig nett, wenn sie das Manuskript wollen. Es geht ja meistens über das Lektorat. Und ja, da ist man die größte Autorin der deutschsprachigen Welt. Und dann sind sie, es ist immer noch nett und freundlich, bis das Lektorat kommt, dann wird es ein bisschen haarig. Mit manchen kann man überhaupt nicht, das ist mir auch passiert, aber dann ziehen sie sich, wenn das Buch da ist, wenn es fertig lektoriert ist, wenn es in den Fahnen ist, wenn dann der Vertrieb und alle möglichen anderen Instanzen kommen, ziehen sie sich zurück. das war eine wirkliche Freundschaft. Wir haben uns besucht, er hat mich in Boston besucht, er hat ja in New York gelebt. Wir hatten dann fast unsere eigene Mythologie aufgebaut. Zum Beispiel war für uns ein Target, die Insel, die Cape Cod vorgelagert wurde. Das ist so ein mythischer Ort für uns geworden. Cape Cod vorgelagert wurde. Das ist so ein mythischer Ort für uns geworden. Das heißt, er hat, das war eine Freundschaft, wie ich sie eigentlich mit niemandem sonst je gehabt habe. Und ein Vertrauen und auch eine Konstanz. Und ich habe immer gewusst, dass er mich schätzt. Ich habe immer gewusst, dass er mich wirklich für gut hält. Und dann ist auch Kritik leichter auszuhalten. Genau, ja. Und das hat er auch immer wieder gesagt. Er ist manchmal schon sehr stur gewesen. Und es gibt ein, zwei Sachen in meinen Büchern, wo ich mir gedacht habe nachher, da hätte ich ihm nicht folgen sollen. Das habe ich dann später an der Reaktion von Lesern und Kritikern gemerkt. Er hat mir zu viel gestrichen. Er hat gesagt, das ist selbstverständlich, das muss man ja nicht sagen, aber man hätte es sagen müssen, weil die Leute haben es sonst nicht verstanden. Aber es war wirklich, ich muss sagen, er fehlt mir wahnsinnig. Ja, es ist ja, glaube ich, auch wirklich einzigartig, du schreibst das in diesem Brief, dass eine deiner Romanfiguren die Gestalt des Lektors bekommen hat im Laufe des Schreibprozesses. Also wir sind ja daran gewöhnt, dass die literarische Gestalt, die mit dem Autor Ähnlichkeit hat, mit der Autorin eine Ähnlichkeit bekommen kann. Ich kenne einen Autor, da sieht man immer schon auf die ersten zwei Seiten, aha, er ist es selbst, was immer der beruflich auch ist und so weiter. Aber bei dir ist das so, du schreibst ihm das sozusagen in diesem leider mittlerweile unzustellbaren Brief. Diese Figur hat deine Züge angenommen, also die Züge des Lektors. Aber im Laufe der Zeit, da hat es eine Krise gegeben, weil er hat den Protagonisten am Anfang nicht zu mögen. So entstehen Bücher. Unglaublich. Und er hat dann schon sehr vorsichtig und ohne mir etwas aufzudrängen, bei der Korrektur immer, das ist Max in Haus der Kindheit, immer der, das ist Max im Haus der Kindheit, ist der verständnisvoller, menschenfreundlicher geworden, was ihm gar nicht getaugt hat. Ich bin ja manchmal etwas abrupt und unfreundlich und kratzbürstig. Diese Seite von mir hat ihm nicht gefallen. Und die hat er immer so sachte wegretuschiert. Und eigentlich war für mich Max ja mein alter Ego. Und diese alte Ego-Seite, die musste weg. Weil schließlich ist Max ein Mann und nicht mein alter Ego. Und dann langsam, das habe ich gar nicht mitbekommen, aber wie das Buch fertig war, habe ich gedacht, naja, aber wie ich da, wie das Buch fertig war, habe ich gedacht, naja, eigentlich ist er dem, ich will jetzt den Namen nicht nennen, sehr, relativ ähnlich geworden. Aber es hat ihm gut getan. Ja, das glaube ich, dass er das gut getan hat. Ja, mit Blick auf die Uhr, liebe Anna Mitgutsch, ich glaube, wir haben den Eindruck bekommen, dass uns da ein sehr spannendes Buch bevorsteht, das von dir im Frühjahrsprogramm von Luchter Hand erscheinen wird. Ich habe es zwar nicht lektoriert, aber ich hoffe sehr, dass ich dein Rezensent sein werde. Ich werde mich freuen darauf. Also, weil ich bin sehr, sehr neugierig darauf, was ich bisher gelesen habe. Es war sehr beeindruckend für mich. Und ich kann angesichts deiner vielen Leistungen für die Literatur abschließend nur dem Stifterhaus gratulieren, dass ihr den Vorlass bekommen habt. Oder als ordentliches Institutsmitglied darf ich ja sagen, dass wir den Vorlass von Anna Mitgutsch bekommen haben. Meine Damen und Herren, ich hoffe, Sie haben auch ähnlich spannende Eindrücke mitgenommen heute Abend, wie ich sie mitnehme jetzt. Danke für Ihr Kommen. Auf Wiederschauen. Gracias. Vielen herzlichen Dank für die privilegierte Lesung, für das schöne Gespräch. Sie haben es gehört, Sie müssen noch ein bisschen Geduld haben, aber der Büchertisch ist reich bestückt. Sie müssen noch ein bisschen Geduld haben, aber der Büchertisch ist reich bestückt. Bitte greifen Sie zu. Anna Mitgutsch wird die Freundlichkeit haben, auch zu signieren, glaube ich. Sie wundern sich vielleicht, wir tauschen üblicherweise nicht Vorlässe gegen Blumen, aber Sie werden es gelesen haben, es gibt etwas zu feiern. Gestern war Geburtstag, darum lassen Sie Anna Mitkutsch noch hochleben, das Literaturcafé ist geöffnet, vielleicht möchten Sie auch anstoßen mit ihr. Danke fürs Kommen.