Einen schönen guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren. Mein Name ist Stefan Kögelberger. Ich darf Sie ganz herzlich heute im Stifterhaus begrüßen zum Auftakt einer neuen Reihe mit dem Titel Denken, Leben, Schreiben, Positionen und Welthaltungen österreichischer Autorinnen. Im Rahmen der Begrüßung obliegt es mir, normalerweise biografische Eckdaten der Autorinnen und Autoren ihnen näher zu bringen, wenn der Autor aber, so wie heute, zu einer Zeit, als ich noch in die Schule gegangen bin, bereits den österreichischen Staatspreis für Übersetzung erhalten hatte und allen Kulturinteressierten in Österreich nicht bloß ein Name, sondern ein Begriff, der für eine Geisteshaltung steht, ist, dann scheint mir das Aufzählen von Büchern und Auszeichnungen etwas fehl am Platz. Denn welchen Mehrwert würde es denn bedeuten, wenn ich Ihnen sage, dass unser Gast 1944 in Bad Hall geboren worden ist und nur mein Beispiel zu geben, 2011 den Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung oder 2015 den Kulturpreis des Landes Oberösterreich für Literatur erhalten hat. Sie wissen es ohnehin. Was Sie vielleicht noch nicht wissen, ist, dass unser heutiger Gast dem Stifterhaus vor wenigen Jahren seinen Vorlass überreicht hat, wofür wir ihm sehr dankbar sind. das er zahlreiche Übersetzungen verfertigt hat, unter anderem von einem Freund und meiner Ansicht nach dem größten polnischen Journalisten, der bislang gelebt hat, von Richard Kapuczynski, etwa die Bücher König der Könige, der Fußballkrieg oder Schar in Schar und ich denke noch fünf weitere, wenn ich nicht irre. Diese Übersetzungen sind selbstredend neben seinem eigenen Werk ganz besondere und wunderbare Leseerlebnisse. Aber zurück zum Wesentlichen. Es freut mich ganz besonders, heute Martin Pollack im Stifterhaus begrüßen zu dürfen. Herzlich willkommen. Die Reihe, die wir heute eröffnen, mit dem Titel Lebendenken, Schreiben, Positionen und Welthaltungen österreichischer Autorinnen, soll dazu dienen, grundsätzliche Fragen, die sich aus dem Schreiben und der Beschäftigung mit der Sprache ergeben, zu diskutieren. Denn wer schreibt, bezieht Position, anders ist es nicht möglich. Diese Positionierung kann in vielerlei Hinsicht erfolgen, philosophisch, ästhetisch, kulturell oder politisch. Jeder Satz formt den Schreibenden und bewirkt, dass er oder sie in einer bestimmten Weise von anderen wahrgenommen wird. Martin Pollacks kontaminierte Landschaften sind beispielsweise zum landläufigen Topos geworden. Wie Schreibende mit dieser stetig fortschreitenden Entwicklung von Ansichten und Standpunkten umgehen und welche Auswirkungen die Beschäftigung mit dem eigenen Werk hat, das soll unser zentrales Thema sein. Die Reihe heute mit Martin Pollack eröffnen zu dürfen, kann demnach ganz bestimmt als Idealfall betrachtet werden. Als Moderator, der sich dieser zugegebenermaßen schwierigen Aufgabe heute stellen wird, darf ich Michael Kerbler ganz herzlich im Stifthaus willkommen heißen. Schön, dass du da bist, Michael. Michael Kerbler gehörte fast 40 Jahre lang dem ORF an. In den 80ern arbeitete er als Auslandskorrespondent, bis 1994 als Reporter in den Krisengebieten Ostafrikas, den Arabischen Staaten, im Iran und der DDR. Ab 2003 übernahm er die Ö1-Senderei Im Gespräch. er die Ö1-Senderei im Gespräch und unter seinen Gesprächspartnern fanden sich unter anderem Watzlaw Havel, Peter Handke, Olga Neuwirth, Günter Grass, Christoph Schlingensief, Martin Walser, Stefan Essel oder der Dale Lahn. Ich darf Sie noch darauf aufmerksam machen, dass wir hinten den Büchertisch mit Büchern von Martin Pollack haben, unter anderem eine ihm gewidmete Porträtrampe. Auch der Herausgeber ist heute anwesend. Freut mich sehr, Gerhard Zeilinger. Auf jeden Fall eine Empfehlung an Sie. Ich wünsche uns einen anregenden und interessanten Abend und übergebe das Wort an unseren Moderator Michael Pollack. Michael Kerbler. Vielen Dank. Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus Applaus ganz offiziell servus martin warum ich heute das ist eine der ganz wenigen ausnahmen meine damen und herren dass du wort verwende und nicht das professionelle unter Anführungszeichen Sie, so wie ich jedes Gespräch auch für eins mit Sie geführt habe, liegt einfach daran, dass Martin Pollack und ich uns, Stichwort Haltung, im Jahr 1977 oder 78 bei Amnesty International kennengelernt haben. Ich war für die Pressearbeit zuständig und hatte eine Reihe von österreichischen Journalistinnen und Journalisten eingeladen, der Amnesty-Gruppe beizutreten, der Journalistengruppe von Amnesty. Amnesty-Gruppe beizutreten, der Journalistengruppe von Amnesty. Und Martin Pollack, seit damals gibt es diesen Kontakt und seit damals gibt es dieses Du-Wort und das möchte ich für heute Abend einfach, weil sonst nicht stimmig wird das Gespräch, Bei dem Du-Wort möchte ich gerne bleiben. Es sind so viele Schriftsteller erwähnt worden. Ich möchte da gleich anknüpfen mit einer Frage. Was haben Franz Werfel, was haben Ingeborg Bachmann, was hat Elfriede Jelinek, Peter Handkeke, Kathrin Röckler, Martin Pollack gemeinsam? Sie haben etwas von einem Sisyphus. Sie rollen jeden Tag einen Stein auf den Berg hinauf. einen Stein auf den Berg hinauf. Allerdings im Gegensatz zu dem Sisyphus, den wir alle kennen, den Homer beschrieben hat, auch den Camus beschrieben hat, wollen Martin Pollack und die Erwähnten und die vielen, vielen anderen mehr, dass das Ziel erreicht wird, dass der Stein oben bleibt, dass die Botschaft der Bücher, die sie verfassen, ankommt. Der Sisyphus, der Historische, hat gewusst, der Stein rollt wieder runter. Und meine Frage, die mir bei der Vorbereitung dann sofort durch den Kopf gegangen ist, die mir bei der Vorbereitung dann sofort durch den Kopf gegangen ist. Was ist der Stein, den der Martin Pollack seit mehreren Jahrzehnten immer wieder auf den Berg hinaufrollt? Das Einfachste ist, man lese, was er geschrieben hat. Aus der Topografie der Erinnerung die ersten drei Zeilen. Die große Geschichte wird leichter begreifbar, wenn wir sie von unten betrachten, aus der Perspektive einzelner Erfahrungen, Erlebnisse und auch Tragödien. Aus diesem Grund sind Erinnerungen für die Beschäftigung mit der Vergangenheit so wichtig, und zwar sowohl die Erinnerungen der Opfer als auch der Täter, aber auch von Zuschauern, ob unbeteiligt oder nicht. Ist das halbwegs ein Versuch, dem, was dich antreibt, näher zu kommen? Ja, sicherlich. Das Wort Versuch ist schon sehr richtig und ist auch treffend leider. Es ist ein Versuch. Also ganz erreicht man das Ziel ja nie. Ebenso auch wie Sisyphus. Es ist der Versuch, sich der Vergangenheit zu stellen, eben einzelnen Personen nachzugehen, nachzuforschen, einzelne Ereignisse zu versuchen, zu begreifen, auch darzustellen. versuchen zu begreifen, auch darzustellen. Und wir wissen, also ich weiß das sehr, sehr gut, dass wir das nie vollständig erreichen können. Also wir arbeiten immer sozusagen mit Lücken, wir arbeiten immer mit Fragmenten, wir arbeiten immer mit Spekulationen, würde ich jetzt vielleicht nicht sagen, aber im Wissen, dass das nicht alles ist, was wir erzählen können. Ich komme von der Reportage und das führt auch dazu, dass ich mich immer mit Einzelschicksalen beschäftigt habe. Also die Reportage verlangt ja, dass wir ein Einzelschicksal, ein einzelnes Ereignis betrachten, ein einzelnes Ereignis betrachten, dem nachgehen, da irgendwo versuchen, in die Tiefe zu gehen, um dann doch das größere Ganze zu beschreiben. Und das war immer mein Versuch, also auch mit meiner Familiengeschichte, die habe ich ja nicht beschrieben, weil ich glaube, dass meine Familie so wahnsinnig spannend ist. Es ist, ja, sicherlich gibt es da einige singuläre Momente, aber im Großen und Ganzen ist es eine sehr österreichische Familie. Nicht alles Nazi, bekennende Nazi bis zu ihrem Ende bekennende Nazi bis zu ihrem Ende, bekennende Nazi. Ich komme aus dem Journalismus. Das zwingt mich fast nachzufragen, gab es einen Punkt, wo du als Journalist zu der Erkenntnis gekommen bist, dass du mit den Mitteln, die dir in diesem Genre, in diesem Beruf zur Verfügung stehen, das Ziel, dass der Stein oben liegen bleibt, dass die Botschaft ankommt, dass, ich glaube, da Tucholsky ist einmal gefragt worden, sie haben so viel Erfolg, haben sie auch Wirkung, dass du mit deiner journalistischen Arbeit hinter deiner Erwartung Wirkung zu erzeugen zurückbleibst und deshalb gewechselt hast, nämlich in die Schriftsteller zu werden. Das hat sicherlich damit zu tun, aber es war einfach auch so, dass ich gemerkt habe, dass gewisse Geschichten für mich, nach meinem Dafürhalten, so groß sind, dass sie sich nicht in eine Reportage packen lassen. Das war zum Beispiel die Geschichte meines Vaters, meines biologischen Vaters, backen lassen. Das war zum Beispiel die Geschichte meines Vaters, meines biologischen Vaters, die Geschichte meiner Familie, die ich von verschiedenen Perspektiven her versucht habe zu beleuchten. Und da schien es mir einfach angemessen, das durchaus in einem Buch zu verarbeiten. Also da war auch so viel Material da und es erschien mir doch wichtig, da sehr früh zu beginnen, 19. Jahrhundert bis herauf, sodass ich das in einer Reportage wahrscheinlich nicht geschafft hätte. Also das wäre wirklich Stückwerk geblieben. Andererseits bin ich mir natürlich im Klaren, dass eine Reportage immer Stückwerk ist, weil sie ja nur einen Ausschnitt behandelt. Sei es jetzt ein Charakter, sei es ein Ereignis, es ist immer ein Ausschnitt. Und das wissen wir, die wir uns hinsetzen, eine Reportage zu schreiben. Wir haben ein Thema für uns, dann recherchieren wir. Ich habe jahrelang mit Christoph Franzmeier zusammen Reportagen geschrieben. Das war ein unglaublich fruchtbarer Prozess, weil der Christoph ein Traumrechercheur ist. Ich bin ziemlich pingelig, das gebe ich zu. Der Christoph schlägt mich bei Weitem. Also wenn ich gesagt habe, ja okay, jetzt haben wir glaube ich genug Material, hat er gesagt, was, genug Material? Genug haben wir nie. Und okay, haben wir uns noch einmal hingesetzt, haben weiteres Material zusammengetragen. Also wir wussten immer, dass das unvollständig bleiben wird. Und ich glaube, es ist auch das Wesen, zumindest meines Schreibens ist, dass es immer mehr Fragen geben wird als Antworten. Es ist eine ganz zentrale Frage zum Beispiel, war für mich und ist es bis heute, wenn ich jetzt bei dieser Familie bleiben darf, ganz kurz, die Frage, wie kann es passieren, dass eine Familie, meine Familie, diesen Weg wählt und nicht wie andere Familien, ja, da Bystander oder was immer, Mitläufer, nein, sondern sie begeben sich wirklich hinein und nehmen teil und beteiligen sich daran. Mein Vater war immer Chef der Gestapo in Linz. Das war nicht ein Beiständer. Also das wusste ich und darum habe ich auch das Gefühl gehabt, da muss einfach sozusagen der Rahmen etwas größer genommen werden. Die Reihe heißt Leben, Denken, Schreiben. Fangen wir beim Leben an. Du hast gerade erzählt oder einen Einblick gegeben, dass das eigene Leben das Rohmaterial fürs Schreiben war. Ja, natürlich ist es. Das war sozusagen die erste Stufe, wenn das jetzt zu pathetisch klingt, korrigiere mich mal, die erste Stufe der Metamorphose. Also du greifst zum Rohmaterial und erzählst über das Leben der Familie und die Absurdität, die da drinnen steckt, weil du ja erst viel, viel später draufgekommen bist, wer ist der leibliche Vater. Also das Leben als Rohstoff zum Schreiben? Ja, in gewissem Sinne auf jeden Fall. Das gilt aber für den Journalismus auch. Das gilt für den Journalismus genauso. Vielleicht ein bisschen ist doch ein Unterschied. Ich habe ja dann auch als Journalist gearbeitet für ein Magazin, also für den Spiegel. und schreibt eine Reportage, 1992 glaube ich, eine größere Reportage über die Ukraine, die damals sozusagen die Unabhängigkeit erlangte. Also das sind Auftragsarbeiten, das ist dann etwas anderes. Aber beim eigenen Schreiben ist auf jeden Fall das Leben. Für mich steht immer dahinter und ich betrachte mich immer selber, was kann ich erzählen, was weiß ich, was will ich erzählen. Und ich habe immer versucht, möglichst alles zu erzählen. Auf jeden Fall zu vermeiden, dass ich etwas beschönige, dass ich etwas aus Bequemlichkeit, aus Angst, Ängstlichkeit, Rücksichtnahme, dass ich da Dinge entweder auslasse oder beschönige oder verschweige. Das habe ich immer versucht. Wie weit mir das gelungen ist, weiß ich nicht. Es sind immer, bei diesen Geschichten spielt die Zeit auch eine große Rolle. Und es spielt eine große Rolle, und das habe ich in letzter Zeit immer wieder mit Leuten besprochen, dass wir eigentlich viel zu wenig gefragt haben. Also ich komme aus einer Generation, Jahrgang 44, also noch Krieg, komme aus einer Generation, die Jahrgang 44, also noch Krieg, kommen aus einer Generation, die wir jahrelang nicht gefragt haben. Aber wirklich die einfachsten, sich aufdrängenden Fragen nicht gestellt haben. Ist es nicht so, und das glaube ich, haben auch wieder Journalist und Schriftsteller, Schriftstellerin gemeinsam, dass manchmal die Fragen wichtiger sind als die Antworten? Natürlich. Ja klar, das habe ich auch schon gesagt. Bei mir spielen immer die Fragen eine wichtige Rolle und stehen auch im Vordergrund. Wir haben ja alle, wir sind Teil einer, so wie wir hier sitzen, Österreich, wir haben eine kollektive Erinnerung, sage ich jetzt mal. Und in der kollektiven Erinnerung ist das drinnen, was immer wieder erzählt wird. Und ich habe, egal ob ich den Journalisten Martin Krollack vor mir sitzen hatte oder den Schriftsteller, den Eindruck, so ein Aspekt dieses Steins ist, ich möchte eine Gegenerzählung schreiben. Ich möchte ergänzen. Ich möchte bis zu einem gewissen Grad auch korrigieren, aufklären, im guten Wortsinn. Ja, das ist ein bisschen ein hochgegriffener Begriff, aber im Endeffekt ist es genau das. Ich habe diese Geschichte erzählt, um jetzt dabei zu bleiben, aber auch viele andere Geschichten, Reportagen, dabei zu bleiben, aber auch viele andere Geschichten, Reportagen, um im besten Sinne des Wortes aufzuklären. Um eine Geschichte zu erzählen, um etwas darzustellen, was sonst drohte, in Vergessenheit zu geraten. Und das ist, glaube ich, ganz, ganz wichtig. Das ist ja nicht Österreich, das ist vielleicht ein besonderes Beispiel, weil man in Österreich besonders gern vergisst, verdrängt. Aber das ist natürlich überall nicht. Und meines Erachtens ist das bei vielen, vielen Ereignissen nicht möglich. Also das ist nicht stadthaft. Ich war vor kurzem, also vor kurzem, zwei, drei Monaten, ich kann mich jetzt nicht mehr so genau erinnern, hat man mich eingeladen in Jennersdorf, das ist im Südburgenland so ein Dreiländereck, Slowenien, Ungarn, Österreich, eine Kleinstadt. Da hat man mich eingeladen, dort eine Rede zu halten anlässlich der Enthüllung eines Denkmals für 39 ermordete Juden. Ungarische Juden, die da, Sie kennen wahrscheinlich diese Geschichte der Todesmärsche, die wurden von Ungarn herübergetrieben und in Österreich, wer nicht mehr weiter konnte, wurde ermordet, wurde erschossen, erschlagen, was auch immer. Und dort in diesem Jenersdorf wurden 39 erschossen, teilweise auch erschlagen und wurden ausgerechnet am Aasplatz des Ortes verscharrt. Und mich hat es schon sehr gewundert, wie man mich eingeladen hat. Das ist passiert im Jahr 1945. Also das ist vor 77 Jahren passiert. Also das ist vor 77 Jahren passiert. Und ich habe dann mit einem Freund, der auch dort war, geredet und der hat gesagt, du, die Geschichte ist wahnsinnig kompliziert, weil der Ort sich jahrelang, jahrzehntelang hartnäckig geweigert hat, diese Geschichte zu behandeln. Dort ein Denkmal aufzustellen oder irgendwie eine Tafel oder was weiß ich. Und es war auch, wie ich dort gesprochen habe, war der Bürgermeister dort, der musste dort sein, weil er sozusagen die Gäste begrüßen musste und überhaupt. Aber es war kein einziger von den Gemeinderäten dort. Es war kein einziger Offizieller aus Jenersdorf zugegeben. Das wusste ich nicht, ich kenne Jenersdorf nicht so genau. Aber der, der kennt das alles, der hat mir gesagt, es war kein einziger von den oberen Jenersdorfern da. Es war kein einziger Gemeinderat da. Bis heute verweigern die die Erinnerung. Und das ist dann schon die Aufgabe von uns, von Autoren, von Intellektuellen, diese Erinnerung aufzugreifen und zu verhindern oder versuchen zu verhindern, dass diese Dinge, diese Ereignisse, diese Namen, so wie wir imstande sind, die Namen zu rekonstruieren. Vielleicht auch die Gesichter in Erinnerung zu rufen und einfach dem Vergessen zu entreißen. Das klingt jetzt wahnsinnig pathetisch, aber das ist schon sehr wichtig. Das ist unglaublich wichtig. Das ist für Betroffene, für die Nachkommen dieser Menschen wichtig, aber es ist genauso wichtig, meines Erachtens, für die Leute in Jennersdorf, die sich bisher wirklich bei nahe Pauschaliter geweigert haben, da den Tatsachen ins Gesicht zu schauen. Da gibt es dazu einen Erklärsatz, das ist der Streit, wer erinnert richtig. Einen Erklärsatz, das ist der Streit, wer erinnert richtig. Klar. Wenn man 75 Jahre lang verdrängt, dann müssen die, die 75 Jahre lang eine Auslegung der Ereignisse perpetuiert weitererzählt haben, irgendwann von den Enkelkindern dann erstaunt sich die Frage gefallen lassen, dann erstaunt sich die Frage gefallen lassen, wieso habt ihr uns darüber nicht erzählt? Oder vielleicht doch Jaspers, der nach dem Eindruck der Kriegsjahre des Naziregimes gesagt hat, woran wir uns erinnern, wird entscheiden, was wir werden. Und das ist auch so ein Merksatz im wahrsten Sinne des Wortes, den wir den Jennerstorfern und nicht nur Ihnen. Nein, den Rechnitzern ganz genauso. Wir alle kennen Rechnitz, das Beispiel vom Rechnitz. Das ist in die Literatur gelangt. Aber ich will jetzt nicht auf die Rechnitz, auch nicht auf die Jennerstorfer hinschauen. Die Namen dieser Orte, wo so etwas passiert, bis heute passiert, sind Legion. Ich habe einmal eine Reportage genommen über die mangelnde Erinnerung, die fehlende Erinnerung an die Roma, ermordeten Roma im Südburgenland. Da bin ich zum Bürgermeister von Stegersbach gegangen, das ist der nächste Ort, ich wohne in Boxdorf, und habe mit dem geredet drüber und so ein junger, so ein smarter Mann mit drei Tagebart und Fäsch, Jeans, und habe ihn gefragt, sagen Sie mal, wie ist das eigentlich da in Stegersbach? Da war eine große Roma-Community, das waren 200 Roma mindestens. Gibt es da eine Erinnerungstafel? Gibt es da irgendeinen Stein oder was der Teufel war? Ich habe mich so ganz erstaunt angeschaut und habe gesagt, nein. Das müssten die Betroffenen sind ermordet worden. Die können das nicht fordern. Und wenn es da Nachkommen gibt, dann sind die auch nicht imstande und haben keine Lust, sich mit euch herumzustreiten. Da gibt es endlose Streitereien. Da hat man dann gesagt, von der Warte aus habe ich das noch nie betrachtet. Und noch einmal, auch Stegersbach ist keine Ausnahme. Das finden Sie bei uns und das finden Sie auch in Deutschland, das finden wir in Polen, das finden wir in Slowenien, finden wir überall in Europa. Die Weigerung, sich zu erinnern, die Weigerung, über diese Dinge zu sprechen, diese Dinge auszusprechen, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. zu sprechen, diese Dinge auszusprechen, diesen Dingen auf den Grund zu gehen. Ich sage jetzt nicht, wir sollen uns ständig nur in die Vergangenheit begeben, im Gegenteil. Aber wie du schon gesagt hast, die Vergangenheit ist es, das uns formt. Die macht uns. Ohne Vergangenheit sind wir nicht. Herr Kügelberger erinnert daran, dass ich einmal in der DDR Korrespondent war, solange es sie gegeben hat. Und der Christoph Hein, der Schriftsteller, der dort aufgewachsen ist, den ich ein einziges Mal in meinem Leben getroffen habe, den ich ein einziges Mal in meinem Leben getroffen habe, hat immer gesagt, auch in anderen Interviews, nicht nur in meinem, die Freiheit stirbt nicht von heute auf morgen. Die geht stückchenweise verloren, millimeterweise, das ist jetzt das Zitat. Und wir müssen aufpassen, er hat damit auch die Schriftstellerinnen und Schriftsteller gemeint, dass das nicht passiert, dass wir ein Sensorium entwickeln. Jetzt bin ich beim Schreiben. Was kann ein Schriftsteller wie Martin Pollack, was können Schriftstellerinnen wie Kathrin Röckler, die in einem Monat bei uns zu Gast sein wird, hier im Stifterhaus, das tun, um aufzupassen, dass dieses Verlorengehen von Freiheit, darum geht es ja, dass das nicht lautlos und widerstandslos hingenommen wird. Ja, ich glaube, wir müssen uns einfach allen Problemen stellen. Also wir dürfen nicht zulassen, dass solche Dinge aus Bequemlichkeit, aus Angst, aus Scham, was auch immer, dass solche Dinge verdrängt werden und mit dem Mantel des Schweigens bedeckt werden. Also das geht nicht. Ich schaue ja nicht nur zurück in die Vergangenheit, ich beschäftige mich sehr wohl auch mit aktuellen Problemen, wie zum Beispiel mit der Ukraine. Das ist ja etwas Ähnliches. Man kann ja auch diese Haltung beziehen, ja okay, das ist weit weg, das geht uns eigentlich nichts an, unangenehm, weil es steigt jetzt der Energie, Preise steigen und was der Teufel, was ist weit weg, das geht uns eigentlich nichts an, unangenehm, weil steigt jetzt der Energie, Preise steigen und was der Teufel, was für Preise, nicht, Inflation, hängt alles mit diesem Krieg zusammen. Ja, das ist ganz klar, aber wir können deswegen nicht wegschauen. Wir müssen uns anschauen, wir müssen eine Haltung einnehmen, wir müssen Haltung beziehen, also eine Position beziehen zu diesem Ereignis. Und allgemein als Schreibende muss ich einfach, ich bin dokumentarischer Schriftsteller, ich bin ja kein Lyriker, aber auch die Lyrik ist ja heute sehr oft politisch. Das ist ja auch nicht unpolitisch. Das schreiben ja nicht die Leute so wie Rilke irgendein Sonett, das man vor 50 Jahren genauso lesen kann wie heute, das ist ja auch sehr oft eminent politisch. Also ich glaube einfach, dass Autoren wie ich, die auch so eine Vergangenheit haben, und ich denke jetzt nicht daran, dass ich schuldig bin. Natürlich bin ich nicht schuldig. Da kommen uns die Worte von Herrn Kohl, Gnade der späten Geburt, zu pass. Ich sage, ja, 1944, ich war es nicht. Ich war ja nicht dabei. Das stimmt schon. Aber ich trage Verantwortung. Als Österreicher, als Mitglied dieser Familie, als Zeitgenosse bin ich in meinen Augen verpflichtet, mich dem zu stellen und ich muss auch jetzt zum Schreiben, muss mir überlegen, wie kann ich das erzählen, diese Geschichten. Du hast schon das Stichwort gegeben, die Verpflichtung zu haben, hinzuschauen. Du hast schon das Stichwort gegeben, die Verpflichtung zu haben, hinzuschauen. Du hast ein Stück ausgewählt für die Lesung, wo es ein exemplarisches Beispiel ist, was entsteht, wenn Martin Pollack hinschaut. Gut, ich lese nur ein kurzes Stück aus dem Buch Die Frau ohne Grab. Ich glaube, wir haben das schon mal in Linz gehabt. Das ist wieder über meine Familie und zwar geht es da um eine Tante, beziehungsweise eine Großtante, Schwester meines Großvaters, die in Laschko Tüffer in der Nähe von Zellje Zilli gelebt hat und 1945 von den jugoslawischen Partisanen abgeführt wurde in ein provisorisches Konzentrationslager, ziemlich grauslich gebracht wurde und dort auch verstorben ist. Es ist eine Entkräftung oder Krankheit, was auch immer. Sie war damals 70 Jahre alt, also viel zu früh. Und ich habe diese Geschichte recherchiert, sehr spät, weil ich sehr spät an das Material gekommen bin und habe dann noch einmal die Familiengeschichte aufgegriffen. Da lese ich Ihnen ein ganz kurzes Stück. Ich habe vor 15 Jahren ein Buch über meine Familie geschrieben, in dessen Mittelpunkt mein Vater steht, Gerhard Bast, SS-Offizier und Leitender Beamter der Gestapo. Darin äußere ich die Vermutung, dass Pauline, das ist diese Tante oder Großtante, ins Bast-Grab gelegt wurde, das sie auf dem Friedhof von Tüffer vergeblich gesucht hatte. Das Grab ist verschwunden. Wahrscheinlich, vielleicht wurde es bei einem Bombenangriff zerstört oder, wahrscheinlicher, die Partisanen haben im ersten antideutschen Furor den Stein zerschlagen und entfernt. Ein Universitätsprofessor aus Graz wies mich Jahre nach Erscheinung des Buches darauf hin, dass meine Darstellung wahrscheinlich falsch sei. Jahre nach Erscheinen des Buches darauf hin, dass meine Darstellung wahrscheinlich falsch sei. Es scheine viel dafür zu sprechen, dass meine Großtante einen gewaltsamen Tod fern ihres Wohnortes erlitten habe und irgendwo im Umkreis von Hrastovets verscharrt worden sei. Er nannte mir den Artikel eines slowenischen Historikers, der sich mit der düsteren Geschichte von Hrastovets beschäftigt. Hrastovets, Schloss Hrastovets, zu Deutsch Guten Haag oder Guten Haag, also einmal mit zwei A, einmal mit einem, ein Besitz der Familie Herberstein in den Slowenskij Gorice, dem windischen Bücheln, in der Nähe von Lennart im Bezirk Mariburg. Das Schloss hat eine weit zurückreichende, düstere Geschichte, denn im 17. Jahrhundert waren hier über 40 Frauen des Hexen gefoltert und anschließend auf dem Scheitaufen verbrannt worden. Ein Massaker an unschuldigen Frauen in der frühen Neuzeit. Im Mai 1945 wurde das Schloss, dessen Besitzer Gundiger Herberstein kurz zuvor mit seiner Familie nach Österreich geflüchtet war, von jugoslawischen Partisanen besetzt. Nur im selben Monat wurde auf der malerisch auf einem Hügel über dem gleichnamigen Weiler gelegenen Burg von der kommunistischen Osner Abteilung für Volksschutz ein provisorisches Konzentrationslager errichtet. ein provisorisches Konzentrationslager errichtet. Einer der Verantwortlichen für das Lager war ein gewisser Bogdan Chrovat, genannt Buklaszty Micha, Bukliger Micha, bekannt für seine Grausamkeit. Vom Bukligen Micha sagte ein führender Osnermann später in seinen Erinnerungen, dass er eher Patient einer psychiatrischen Anstalt als Leiter eines Lagers sein sollte. Nach Rastovets wurden Menschen aus verschiedenen Regionen Sloweniens gebracht, Gottschäher und andere Angehörige der deutschen Minderheit, etwas Laschko, und dem Prekmurje, dem Übermurgebiet, aber auch Angehörige der ungarischen Minderheit, von dort sowie Serben und Kroaten, nicht zu vergessen Einheimische aus dem nahegelegenen Lennart. Zahlreiche Internierte, vor allem Slowener, die man in der Kollaboration mit den Deutschen und anderen Verbrechen gegen die slowenische Nation bezichtigte, wurden gleich im Mai 1945 von Hinrichtungskommandos in der Umgebung von Hrastovets liquidiert. Im Tscherniles, im Schwarzen Wald, der sich zwischen Hrastovets und der drei Kilometer entfernten Ortschaft Vulicina streckt. Ein schöner Mischwald, Eichen und Heimbuchen. Doch auch in Hrastovets selbst gab es Erschießungen. Dort dienten unter anderem die unterhalb des Schlosses liegenden Fischteiche als Grabstätten. Man leerte einen Teich und verscharrte die Leichen im Schlamm, dann wurde das Wasser wieder eingelassen. Die provisorische Totengrube war verschwunden. Die Erschießungen erfolgten in der Regel ohne Gerichtsverfahren und ordentliches Urteil. Oft genügte ein Verdacht eine willkürliche Denunziation. In der Literatur wird manchmal reichlich euphemistisch, um nicht zu sagen zynisch, von außergerichtlichen Tötungen gesprochen. Einheimische berichtet noch Jahre später, dass das Wasser in den Teichen, dort wo die Leichen lagen, im Umkreis von ein paar Metern nicht gefroren, obwohl die Winter sehr kalt waren. Gläubige Menschen sahen darin einen Fingerzeig Gottes und entzündeten jahrelang bei den Teichen Kerzen. Ein gewisser Edu Kurnik, dessen Bruder Slavko in Krasnovetz ums Leben gekommen war, berichtete, dass Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts die Überreste der Hingerichteten aus den Schlossteichen geborgen und mit Lastwagen in die Gießerei von Maribor gebracht wurden. Warum in die Gießerei? Ich vermute, man wollte im Schmelzofen die Spuren der sogenannten außergerichtlichen Tötungen beseitigen und damit die Opfer für immer spurlos verschwinden lassen. Nicht gedacht soll ihre werden. Meiner Großtante Pauline blieb dieses Schicksal erspart. Sie starb in Hrastovitz an den Folgen der unmenschlichen Bedingungen, an Hunger und Erschöpfung, vielleicht an einer der im Lager grassierenden Krankheiten. Aufgrund der verehrten hygienischen Zustände breiteten sich unter den Gefangenen Diarrhoe und Paratyphos aus. Im Schloss gab es keinen elektrischen Strom und kein Wasser. Dieses mussten die Gefangenen unter strenger Bewachung von einer zwei Kilometer entfernten Quelle holen. Im Hof des Schlosses stand zu erbrummen, da aus dem durften nur die Verwacher Wasser schöpfen. Die Hauptnahrung der Häftlinge bestand laut Berichten von Überlebenden aus alten, madigen Bohnen oder Erbsen und einem kleinen Stück Brot. Es gab zweimal am Tag etwas zu essen, in der Früh eine wässrige Suppe und ein kleines Stück Brot und am Nachmittag gekochte Bohnen oder Erbsen, die kaum genießbar waren. Das Brot wurde auf demselben Wagen gebracht, mit dem man die Toten wegschaffte. Eine Überlebende aus der kleinen deutschsprachigen Ortschaft Füchselsdorf, Fixinzi, in Brekmurje, damals 40 Jahre alt, erinnert sich Jahre später an den Aufenthalt im Lager. Dort war es furchtbar. Die hygienischen Verhältnisse waren schrecklich. Eine Unmenge Läuse und Flöhe. Man wühlte im Abfallhaufen und fand manchmal noch etwas Essbares. Die Toten wurden an den Füßen über die lange Stiege heruntergezogen, sodass der Kopf jedes Mal laut aufschlug. Das ist eine Schilderung, wie wir sie dutzende Male gelesen haben. Das ist ganz egal, ob das jetzt ein Lager der jugoslawischen Partisanen ist oder ob das ein Lager der Deutschen war, der SS, ganz egal. Die Behandlung war sehr, sehr ähnlich leider. Und dieses Unrecht hat sich auch fortgesetzt, denn nicht alle Deutschen, natürlich waren die Deutschen, wenn man so will, selber schuld an ihrem Schicksal, aber meine Großtante zum Beispiel, die Pauline, war nicht schuld. Die war kein Nazi, im Gegensatz zu ihren Brü Beispiel, die Pauline, war nicht schuld. Die war kein Nazi. Im Gegensatz zu ihren Brüdern, die waren alle Nazi, die waren alle bekennende Nazi, die waren Antisemiten, Antislowenen, Antislaven, was immer. Sie nicht. Sie hat einen Slowenen geheiratet, die zweite Schwester hat einen Juden geheiratet, die dritte Schwester hat einen Kroaten geheiratet. Die Mädchen waren anders. Die Frauen waren anders. Das ist etwas, was wir in der Geschichte immer wieder vergessen, dass es auch eine andere Seite gegeben hat. Dass es Menschen gegeben hat, die sich nicht daran beteiligt haben. Schreiben heißt erinnern. Ja. Bist du mal konfrontiert worden mit Leuten, denen du auf den, wie soll ich sagen, auf den Nerven gegangen bist, unbequem warst, weil du manchmal genau diese Stelle, er hat mich so erinnert an einen Freund der Archäologe war und immer mit dem Pinsel ganz vorsichtig Schicht um Schicht etwas freizulegen ohne vielleicht Entscheidendes jetzt fällt mir der Ranz ein, der sagt, da muss man noch einmal genau hinschauen etwas zu zerstören weil das ist so nachvollziehbar Nein, da muss man noch einmal genau hinschauen, etwas zu zerstören. Weil das ist so nachvollziehbar und so in sich konkludent stimmig, dass es schwer ist, dagegen anzuargumentieren. Gab es da... Ja, das gab es immer wieder. Also ich wurde immer wieder auch mit Kritik konfrontiert. Ich muss ehrlich sagen, in Österreich hat sich das in Grenzen gehalten. Also in Österreich ist vielleicht, da darf ich die Rechten nicht so wahnsinnig viel lesen, oder ich weiß jetzt nicht was. Ich war als Spiegelkorrespondent hier in Österreich, war ich ziemlich gut bekannt mit dem Jörg Haider, der in allen ein Begriff ist, einfach beruflich. Für den Spiegel war der Haider immer eine Story. Und das war er auch, er war ein unheimlich guter Medienmensch, er hat in Medien gedacht. Und der Haider, der aus einer ähnlichen Familie stammt, ich glaube in Gäusern, Und der Heidaugner, der aus einer ähnlichen Familie stammt, ich glaube in Gäusern, man hat die zu Hause, hat mir einmal gesagt, Herr Pollack, ich habe das Buch gelesen, aber ich meine, das Buch finde ich wahnsinnig interessant, aber warum bestehen Sie so drauf auf diesen Geschichten? Warum machen Sie nicht irgendwann einmal einen Schluss, einen Schlussstrich? Und das ist ja etwas, was immer wieder verlangt wird. Dass man sagt, ja, aber endlich einmal muss damit Schluss sein. Ich kann mich erinnern an Gespräche mit meinem Stiefvater hier in Linz, dem Hans Bollack. Um einen Bauernberg haben wir gewohnt. Ich habe meiner Frau zum siebten Mal gezeigt, wo wir da gewohnt haben. Bauernberg, Stockbahnstraße, Stifterstraße, Bischöfliches Lehrersimular, meine Volksschule. Meine Frau kann das alles schon singen. Und der Hans Bollack hat auch immer wieder gesagt, der war eigentlich im Alter meines Großvaters, der war Jahrgang 1991, 1891, war im Ersten Weltkrieg eingezogen, hat immer gesagt, ja, aber irgendwann einmal muss Schluss sein. Wir müssen aufhören, darüber zu reden, darüber zu diskutieren. Machen wir doch endlich einen Schluss. Das kann nicht so weitergehen. Das vergiftet die Atmosphäre, das vergiftet alles. Und dem begegne ich immer wieder, ganz klar. Wobei ich ehrlich sagen muss, die Kritik ist nicht so rabiat. Also ich habe noch nie wirklich Angst gehabt, auch nicht bei mir im Dorf, also im Boxdorf, im Südburgenland, wobei die Südburgenländer genau solche Nazi waren und heute teilweise noch sind. Wenn Sie heute jemanden fragen, im Südburgenland 60 plus, wie geht es dir? Dann wird das mit einiger Sicherheit sagen, alles in deutscher Hand. Heute. Und ein bisschen das Redner, Stinaz ist ein kroatischer Ort, da gibt es ungarische Orte, also Unterwart zum Beispiel. Wir leben wirklich in einem gemischtsprachigen Gebiet und die Grenzen sind sehr, sehr nah. Mein Gärtner oder Gärtner, Gehilfe. Was immer kommt aus Slowenien, unsere Putzfrau kommt aus Ungarn. Ich darf das nicht laut sagen, weil beide Schwarzarbeiten. Also schneiden wir. Aber so ist es. Und trotzdem kommt aus Ungarn. Ich darf das nicht laut sagen, weil beide Schwarzarbeiter sind. Aber so ist es. Und trotzdem, alles in deutscher Hand. Jetzt muss ich dir auch noch auf die Nerven gehen. Ich habe mir die, weil es mich interessiert hat. Also es gibt vom 30-jährigen Krieg, Edikt von Nantes, 1598, französische Religionskrieg, Ende. Oder der Friedensvertrag, wichtig, Münster-Osnabrück, zwischen den Religionen. wo nicht drinnen steht Abolicio, also die Aufhebung, Olivio, das Vergessen, die Remissio, das Vergeben. Also der Schlussstrich, um mit Heider zu sprechen. Und wie soll sich denn das Erinnern und das Vergessen mit Versöhnen und Vergeben vertragen, wenn man nicht aufhört, ständig stolpert man. Jetzt haben wir überall diese Stolpersteine. Dann schreiben auch Menschen wie du so Stolperbücher. Also wie wollen wir denn, jetzt rede ich gar nicht von der Ukraine, man kann den Gegner nicht völlig vernichten. Das müssen beide Seiten wissen. Der Herr, der im Kreml sitzt und auch der Herr, der in Kiew. Also man muss an den Verhandlungstisch, um einen Friedensvertrag zu machen. Aber wie will man denn, wenn man dauernd auf die Vergangenheit Bezug nimmt, Frieden erreichen? Oder zumindest am Waffenstich dann. Das ist schon klar. Aber ich glaube, solange es eben solche Fälle gibt, und die gibt es bei uns zur Genüge, und nicht nur bei uns, wie ich zuerst genannt habe das Beispiel von Jennersdorf, wo es 77 Jahre braucht, bis man sich endlich aufrafft, am Dorfrand, oder ich glaube Jennersdorf ist eine Stadt, keine Ahnung, ein Denkmal für 39 ermordete Juden aufzustellen. Also da kann man ja nicht davon sagen, nicht davon sprechen. Natürlich ist es bequemer für die Leute dort, wo vielleicht auch jemand bei diesem Massaker beteiligt war, irgendein Großonkel oder Hurwa. Natürlich ist es bequemer zu sagen, da redet man nicht mehr drüber, jetzt schwamm drüber, wir müssen in die Zukunft schauen. Ja, das klingt ja wunderbar. Punkte ausgeredet hat und ausgeschrieben hat, wie zum Beispiel den Holodomor, wie die Knechtung der Ukraine, der Versuch, die ukrainische Sprache zu verbieten, die ukrainische Schrift zu verbieten, was auch immer. Wir kennen das Beispiel von Jugoslawien. Ich habe auch für den Spiegel damals teilweise diese Kriege in Jugoslawien, im zerfallenen Jugoslawien gemacht. Und da wissen wir ganz genau, was der Grund dafür war. Tito hat den Deckel drauf gehalten und hat gesagt, es gibt keine Serben, es gibt keine Kroaten mehr, es gibt kein Serbo-Kroatisch mehr, wir sind alles Jugoslawen. Und diese gesamten Konflikte, die blutig genug waren, wir wissen das, die vergessen wir, darüber schreiben wir nicht, das wurde tabuisiert. Influisiert. Das funktioniert nicht. Das funktioniert nicht. So wie zwischen Polen und der Ukraine die Massaker von Wallinien, wo Ukrainer Massen auf Polen ermordet haben, umgekehrt auch Polen Ukraine ermordet haben, das muss man zuerst auf den Tisch legen, darüber muss man sprechen, da müssen ein paar Bücher geschrieben werden, da müssen die Leute sich zusammensetzen, sonst wird das nicht funktionieren, sonst wird das irgendwann explodieren. Und das ist heute auch in der Ukraine der Fall, weil ja auch die Erinnerung hier eine unglaublich wichtige Rolle spielt. Eben dieses Verbot an den Holodomor zu erinnern, das Verbot Russland... Also den Hungertod. Ja, den Hung Holodomor zu erinnern, das Verbot Russlands. Also den Hungertod. Ja, den Hungertod, den massenhaften durch Stalin mehr oder weniger fast angeordneten Hungertod von Millionen von Ukrainern, in den frühen 30er Jahren, das kann man nicht einfach wegwischen. Da kann man nicht sagen, jetzt machen wir einen Strich, okay, da reden wir nicht mehr drüber, Pech gehabt, shit happens. Das war halt so. Das geht nicht. Martin, kann man sich, keine Ahnung, warum mein Kopf jetzt sagt Günter Grass beim Halten der Zwiebel, ich war bei Ihnen in Mölln, wie das Buch erschienen ist. Kann man sich zu spät erinnern? Er, der sich zu spät erinnert hat, dass er bei einer SS, also als Jugendlicher eingezogen und dort hingekommen ist. Ich will das nicht beschönigen, aber die Kernfrage ist, kann man sich zu spät erinnern? Kann man so wie du das mit Jenersdorf beschrieben hast, ist das so ein Fall von zu spät erinnern? Da hat man eine Chance vergeben, weil sonst ist es quasi so subkutan, es schwelt dahin, so wie du es jetzt beschrieben hast, mit der Ukraine und irgendwann knallt es. Ja, natürlich kann man sich zu spät erinnern, nicht? wie du sie jetzt beschrieben hast, mit der Ukraine. Und irgendwann knallt es. Natürlich kann man sich zu spät erinnern. Nicht krass ist ein eklatantes Beispiel dafür. Es war ja nicht so, dass er von sich aus da hervorgetreten ist und gesagt hat, das ist eine Neuzerrinne mit Rangna, blöd, vergessen. Aber ich war doch in meiner Jugend in der SS, nicht in seiner SS-Gruppe. Nein, die Leute warten ja darauf, dass sie daran erinnert werden. Wir kennen alle das Beispiel von Heinrich Harrer, der endlos lang bestritten hat, dass er da überhaupt beteiligt war. Ich bin zufällig mit dem Buben von Harrer, mit dem Bietz Harrer, in die Schule gegangen. Und wir haben auch den alten Harra dort immer wieder in der Schule erlebt. Wir haben ihn sehr bewundert, kannten alle seine Bücher. Aber später, sehr spät, ist man draufgekommen, oh oh, da gibt es noch etwas. Und das ist, glaube ich, schon eine späte, vielleicht zu späte, verspätete Erinnerung. Das ist eine zu späte, verspätete Erinnerung. Mir kann man auch den Vorwurf machen, ich habe das Buch über meine Familie, über meinen Vater geschrieben, da war ich 60. Ich war ja nicht ein Spring Chicken. Alles andere. Ich habe gewartet, bis meine Mutter gestorben ist. Das gibt, ob das legitim ist, darüber kann man jetzt diskutieren und man kann sagen, nein, aber das gilt nicht, du sagst ja, man muss ohne Rücksicht und so weiter. Natürlich habe ich Rücksicht, natürlich habe ich Rücksicht genommen, ganz klar. Aber es war sehr spät, es war sehr spät. Ich muss eines für mich sagen, ich habe schon lange vorher darüber geredet. Ich habe auch in Polen darüber geredet, meine Freunde, auch jüdische Freunde haben davon gewusst. Und wir haben darüber diskutiert, die hat das sehr interessiert, weil sie eigentlich noch nie ein Täterkind, ein lebendes Täterkind gesehen haben. Und haben mich dann genau befragt, wie war das bei dir zu Hause, bei den Großeltern? Das hat sie unglaublich interessiert. Ich habe zuerst das Wort Aufklärung erwähnt. Ist Literatur ein Vehikel zur politischen Aufklärung oder muss man trennen zwischen dem, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet, als Fiction zum Beispiel und der politischen Haltung, die in anderer Form eine Schriftstellerin, einen Schriftsteller in der Öffentlichkeit bezieht. Darf man das nicht? Meine Erinnerung jetzt, Kehlmann, der gesagt hat, das wird nichts. Sobald da politische Haltung in irgendein Buch, in ein Thema einfließt, das wird nicht gut. Ist das eine Erfahrung, die du auch gemacht hast? Nein, weil ich, gut, und da muss ich jetzt für mich sagen, ich bin kein großartiger Autor wie zum Beispiel mein Freund Christoph der Ransmeier. Also ich habe mich immer eigentlich mit dokumentarischer Literatur begnügt. Ich schreibe auch literarische Texte, kürzere Texte, aber keine großen literarischen. Du hast nie Gedichte geschrieben? Natürlich habe ich Gedichte geschrieben. Die sind, glaube ich, auch in der Rampe der Zeile gemacht. Da sind Gedichte, die ich in der Schule geschrieben habe. Natürlich, also entschuldige. Klar, bin ich ins Felberthal gegangen, war da in den Bergen, in Pinzgau, da haben wir viel Zeit gehabt. Der Winter war immer, wir waren oft tagelang abgeschnitten von Mittersil. Und Mittersil war auch nicht wirklich der Mittelpunkt der Welt. Man muss vorsichtig sein. Zumindest damals nicht, bis heute weiß ich nicht. Da hast du wahnsinnig viel Zeit gehabt. Wenn du irgendwie einen Stift halten konntest, bist du auch irgendwann zu Arman Lürek gekommen. Ob die Gedichte, ihr habt wahrscheinlich gut daran getan. Aber ich kann mich erinnern, das hat jetzt nichts mit unserem Thema zu tun, es gab damals auch Autoren, da gab es den Hubert Fabian Kulterer. Der ist eigentlich heute in Vergessenheit geraten, der Kulterer. Das war ein Kärntner. Ich glaube, er war nicht so ein wirklich großartiger Autor, dass man sich den unbedingt wieder vornehmen müsste. Aber ich habe damals als Schüler ein paar Gedichte an einen Hubert Fabian Kulterer geschickt. Der hat irgendeine Zeitschrift herausgegeben, die ich abonniert hatte. Und der Kulterer hat sich wirklich hingesetzt und hat die durchgearbeitet. Ich habe das leider dann verloren oder verschmissen. Mit Rotstift hat er da wirklich hart daran gearbeitet. Das ist auch die Aufgabe von Autoren. Wenn ich heute so etwas bekomme, ich kriege Gott sei Dank keine Lyrik zu Gesicht, aber dann bemühe ich mich auch, jetzt im Sinn der Aufregung, jungen Kollegen zu helfen. Das gehört auch zu unseren Aufgaben, klar. Noch einmal zurück, Leben, Denken, Schreiben. Und jetzt setze ich noch einmal fort den Titel, nämlich Leben, Denken, Schreiben, Leben. Welche Stütze oder welche Hilfe, welches Vorbild kann denn das Schreiben für die Leserin oder den Leser, so du dir das erhoffst, sein, das ins eigene Leben einfließt. Ja, da habe ich schon ein Beispiel, das ich jedes Mal verfuhr, vielleicht habe ich es in Linz schon dreimal erzählt, ich hoffe nicht, aber okay, es ist ja ein viertes Mal. Als das Buch über meinen Vater erschien, dieser Tote im Bunker, da war meine Erfahrung, ich hatte damals sehr, sehr viele Lesungen in ganz Österreich, wurde überall eingeladen, auch in Schulen und so weiter. Und meine Erfahrung war, dass nach der Lesung sind Leute auf mich zugekommen oder sind aufgestanden, da Fragen gestellt wurden und haben gesagt, ja, Herr Pollack, das ist sehr interessant, was Sie da schreiben, ich habe das mit Interesse gelesen, danke, wissen Sie, in meiner Familie war das so. Und dann kam Doppelpunkt und dann kam eine Geschichte, der Großvater bei der Gestapo, der Vater bei der SS, irgendwo war es unklar, war nicht ein Onkel bei der SS. Irgendwo war es unklar. War nicht ein Onkel bei der SS? Weiß man noch nicht. Und da haben die Leute das Gefühl gehabt, weil ich das Buch doch mit sehr großer Distanz geschrieben habe. Es war nicht ohne Emotion geschrieben. Das kann man nicht über seine eigene Familie. Aber es war mit Distanz geschrieben. Also es trieft nicht vor Emotionen. Und es werden auch keine Urteile drinnen gefällt. Dass die Menschen das Gefühl hatten, aha, man kann sich dieser Geschichte zuwenden, ohne dass man selber daran zerbricht. Ich kenne Leute, habe auch mit Leuten geredet, die buchstäblich an ihrer Familiengeschichte zerbrochen sind. Die buchstäblich daran zugrund gegangen sind. Das hat mir immer wahnsinnig leid getan und die Leute haben mich gefragt, wie haben Sie das gemacht? Ich habe gesagt, wissen Sie, ich kann Ihnen kein Rezept geben. Ich meine, Sie recherchieren, das kann man ungefähr denen sagen, wo können sie anfangen zu suchen und so weiter. Aber sie müssen von vornherein wissen, wollen sie das? Wollen sie sich das antun? Und ich habe immer gesagt, wenn wir uns in diese Geschichte begeben, in die jüngere österreichische Geschichte, dann ist die Chance groß, außer sie kommen aus einer jüdischen Familie, außer sie kommen aus einer Familie von Widerstandskämpfern, dann heimsen sie Ruhm ein und Ehre, aber das war nicht die Mehrheit. Aber da ist immer die Gefahr groß, dass sie auf irgendwas Grausliches stoßen. Also müssen sie sich überlegen, wollen Sie das? Auch wollen Sie das an Ihre Kinder und Kindeskinder weitergeben? Wir wissen ja, dass Vergangenheitsbewältigung der Begriff so nicht statthaft ist. Also nicht stadthaft. hergefahren bin nach Linz, habe ich mir gedacht, was kann es sein, dass du auch als Motivation diese Arbeit, diese Bücher, diese Recherchen auch deshalb gemacht hast, um deine Arbeit in eine Waagschale zu legen, auf einer Waage, auf der anderen Seite das, was dein leiblicher Vater begangen hat, liegt, um diese Waage auszugleichen und sogar mehr als auszugleichen, nämlich das Gegengewicht, die Gegengeschichte, die Gegendarstellung zu zeigen. Seid nicht gleichgültig, schaut hin. Es ist wahnsinnig schwer, ich glaube nicht, dass ich irgendwie etwas kompensieren kann. Das ist unmöglich. Das geht nicht. Das steht mir auch nicht zu. Da bin ich viel zu schwach, viel zu klein. Ich kann nur versuchen, wirklich diese Geschichte ohne Beschönigung, ohne etwas zu verschweigen, ohne etwas zu verdecken, zu erzählen. Ich kann sicherlich nicht versuchen, die Taten meines Vaters ungeschehen, geht sowieso nicht. Die sind so. Es gibt diese Toten, die liegen im Grab, teilweise wurden die auch noch nicht gefunden, die wurden verscharrt. Also das habe ich auch nie versucht, also das würde ich mir nie anmaßen. Das habe ich auch nie versucht, also das würde ich mir nie anmaßen. Aber ich kann schon versuchen, eben diese Geschichten zu erzählen. Und ich habe nicht nur die Geschichte meines Vaters erzählt, ich habe vor dem zum Beispiel eine Geschichte erzählt, die in Tirol spielt, so ein früherer Antisemitismus, das habe ich auch sozusagen als Anlass genommen, um das zu erzählen, den frühen Antisemitismus in Österreich, dieser Konflikt, schwarzes Tirol, rotes Wien, das war mir alles auch geläufig. Das war mir aus meiner Familiengeschichte geläufig. Ich kann mich nur erinnern, wie der Hans Bollack es gehasst hat, nach Wien zu fahren, er war Kunstmaler, und dann ist er einmal im Jahr nach Wien gefahren, zu Albertina, das war glaube ich damals der Krejci, war der Direktor der Albertina, um dort Werke vorzulegen und die haben dann das angekauft oder auch nicht, aber sie haben immer irgendwelche. Und er hat eine tiefe Verachtung, einen geradezu atavistischen Hass gegen Wien gehabt. Warum, weiß ich nicht vielen Menschen getroffen. Diese Konflikte. Das finde ich schon auch erzählenswert. Weil das viel auch über die Gegenwart erzählt. Und das sind ja nicht unbedeutende Geschichten. Das kann man ja bis heute erleben. In Tirol sind die Wiener nicht wahnsinnig gut angeschrieben. Ich bin froh, dass ich ein Güssinger Kennzeichen habe. GS. In Tirol fragt mich der UGS, interessant, wo ist denn das? Was ist denn das? Wofür steht das? Aber diese Konflikte, die es da in Österreich gegeben hat und die bis heute weiter schwelen, so wirklich wie ein Schwelbrand, die zu erzählen, die irgendwie auf den Tisch zu legen, das finde ich schon sehr, sehr interessant und auch für einen Autor ein lohnenswertes Thema. Ein lohnenswertes Thema, nicht? Welche Rolle spielt denn für dich bei der Annäherung, gerade bei solchen schwierigen Themen, der Humor? Also ich bin ein Mensch, der gerne lacht, das sage ich einmal so. Ich bin auch ein Mensch, der solche Veranstaltungen ganz gerne ein bisschen auflockert. Also nicht so tierisch, ernst. Ich setze mich nicht her, schlage das Buch auf, schaue Strafe in den Saal hinein. Bitte aber jetzt totale Ruhe, wirklich. Da gibt es keinen Spaß. Nein, überhaupt nicht. Also ich glaube, dass man auch mit Ironie immer viel erreichen kann. Man kann auch versuchen, sozusagen tragische Ereignisse ein bisschen ironisch vielleicht leichter zu erzählen. Also ohne, dass man das jetzt lächerlich ins Lächerliche zieht. Gibt es da kulturelle, ein Beispiel, kulturelle Unterschiede, wenn du in Polen bist oder egal, in einem Nachfolgestadt Jugoslawien? Nicht wirklich, nein. Auch die Polen lieben zum Beispiel die Ironie und sind auch Meister der Ironie. Nicht umsonst gibt es großartige Autoren wie Jerzy Lec, Brozek, die mit Ironie gearbeitet haben, die mit absurdem Humor gearbeitet haben. Also da ist gerade Polen ein sehr, sehr gutes Beispiel. Wir brauchen nur an die Dscherslowakei zu denken. Detto, angefangen von Schwäk und so weiter. Ich glaube, das hat schon in der Literatur einen Platz, einen ganz, ganz wichtigen Platz. Man muss halt schauen, ob das passt. Man darf sicherlich nicht ein schwieriges Thema jetzt versuchen, ins Lächerliche zu ziehen. Das ist absolut nicht statthaft. Das sollten wir nicht versuchen. Die Frage wir biegen sozusagen in die Schlussrunde ein, an dich ist, wenn eines deiner Bücher, wenn du einen Tipp geben willst, womit man anfangen, deines, verfall jetzt nicht in Ironie, aber der Zugang zu dem Anfang des Ariadne-Fadens sozusagen, zu Geschichten, die dich bewegt haben, die dir selber in Erinnerung wie am ersten Tag geblieben sind, zum Beispiel wegen einer schwierigen Recherche oder einer interessanten, einer liebenswerten Begegnung, wie auch immer. Wo ist die Topografie der Erinnerung, die kontaminierten Landschaften? Welches Buch würdest du für jemanden, der hier nicht, weil wir kennen alle deine Bücher, aber was ist der Einstieg? Mich interessiert immer, welches ihrer Bücher würden Sie selber noch einmal lesen? Ja, also ich gehöre zu den Autoren, die ihre Bücher nicht noch einmal lesen. Also ich habe sicherlich Bücher zwei, dreimal gelesen, aber jetzt nicht. Also ich würde fast die Anklage Fatemann empfehlen. Anklage Fatemann ist dieses Buch, von dem ich gerade zuerst erzählt habe, das spielt in Tirol, der Fall Halsmann. Eine jüdische Familie aus Riga, Lettland, damals russisch. Also die Familie sprach auch russisch. Und die sind dann nach Österreich gekommen, haben Urlaub gemacht, war eine wohlhabende Familie, der Vater war Zahnarzt. Und der Vater kam zu Tod und der Sohn wurde angeklagt des Mordes, nicht Vatermord. Und das war für mich, allein schon wie ich darauf gestoßen bin, ich habe in einer jüdischen Zeitschrift, ich glaube es war die, ich weiß nicht mehr, David oder irgendeine dieser Zeitschriften, eine kleine Notiz gelesen, dass in Innsbruck, an der jüdischen Abteilung des Friedhofs, dass in Innsbruck, an der jüdischen Abteilung des Friedhofs, wurde der Schädel eines Mordopfers dem restlichen Leib oder dem Beige gegeben. Da habe ich mir gedacht, das klingt irgendwie spannend. Da war ich noch beim Spiegel, da habe ich mir gedacht, vielleicht ist das eine Geschichte für den Spiegel. Dann haben wir aber irgendwelche anderen Geschichten, aktuelle Geschichten, da wurde ich auch ziemlich zugeschüttet und dann blieb das liegen. Aber dieses kleine Papier habe ich immer gehabt und dann war ich weg vom Spiegel und dann habe ich schon über das Buch, über meine Familie nachgedacht und da habe ich dann ein bisschen recherchiert und da bin ich draufgekommen, ja, das ist auch so eine Geschichte. Früher Nationalsozialismus, nicht? Wie begibt sich Österreich da hinein? Wie reagieren die Menschen darauf? Und dann habe ich dieses Buch, und das war eine sehr mühsame, aber unglaublich für mich fruchtbare Recherche. Für mich ist immer die Recherche eigentlich das Wichtigste. Und dann habe ich das recherchiert, dann habe ich die Geschichte geschrieben, ich war wahnsinnig überrascht, das war damals eine Sensation. 1928, da haben sich alle beteiligt, der Jakob Wassermann, der Sigmund Freud wurde da hineingezogen, wenn man den Sohn verdächtigt hat, dass er wegen dem Oedipus-Komplex, weil er die Mutter liebte, den Vater umgebracht hätte. Der Freund hat sich verwahrt und gesagt, bitte, bei aller Freundschaft, lasst meinen Oedipus in Ruhe. Tut es denn dann nicht eine schleppen? Also wirklich große Geister haben sich mit dieser Frage auseinandergesetzt. Erich Fromm und so weiter und so fort. Und dann geriet die Geschichte, und das ist sehr österreichisch, total in Vergessenheit. Die wurde verdrängt. In Tirol hat sich kein Mensch mehr daran erinnert. Ich bin da ins Landesarchiv in Innsbruck gekommen, ein junger Archivar, der Lukas Morscher, doppelter Doktor, wahnsinnig nett, wir sind bis heute befreundet, und hat mich gefragt, Herr Pollack, was suchen Sie da bei uns? Und ich habe gesagt, naja, ich suche alte Zeitungen, 28er, 29, ja warum, was gibt es da? Er hat gesagt, die Affäre Halsmann. Ich habe gesagt, was für Affäre Halsmann. Da habe ich gesagt, was für eine Affäre Halsmann? Herr zum ersten Mal. Da war ich schon etwas überrascht. Und dann habe ich auch das Buch geschrieben. Und da war das eigentlich eine kleine Sensation. Also eine kleine Sensation. Wenn man so meint, spannend war es ja dann auch wieder nicht. Aber es hat wirklich gezeigt, es gibt solche Geschichten, die total untergehen. Die zweifellos verdrängt werden. Es gab dann auch Tiroler, die mich angegriffen haben, weil ich da irgendwie dem Tourismus schade, nicht das Image von Tirol. Ich kann mich nur erinnern, ein ganz bekannter Bergsteiger, ich will seinen Namen jetzt nicht nennen, der mit dem Messner zusammen beim Himalaya unterwegs war, der hat mich sehr scharf angegriffen, während seine Frau mich verteidigt hat, was mich auf Wahnsinn gefreut hat. Ich habe im Innsbrucker Lesung, da ist sie aufgestanden, hat gesagt, endlich kommt jemand und erzählt diese Geschichte. Noch dazu war sie sehr hübsch doppelt gefreut nicht aber das hat mir gezeigt und also insofern ist es auch ein bisschen es war eine für mich sozusagen eine schulung für das nächste Buch. Auch wie man die Recherche angeht, wie man die Geschichte erzählt und so weiter. Und ein Buch einer Autorin oder eines Autors, das dir wichtig war, weil es dir Stütze war oder weil es einfach toll geschrieben war, das du doch ein zweites Mal gelesen hast? Ja, diese Bücher sind Legion, muss ich sagen. Da gehe ich jetzt nach Polen, weil ich Polonist bin. Und da gibt es für mich ein großes Vorbild. Erst einmal Kapuszczynski, den ich übersetzt habe. Also wirklich fast alles, was er geschrieben hat. Und dann gibt es eine ganz, ganz großartige oder mehrere Frauen, unglaubliche Reporterinnen, die für mich ein großes Vorbild waren. Das ist einmal Hannah Krall, die auch in deutschen Sprachen bekannt ist, und Margot Schatter-Scheinert, die auch übersetzt wurde, aber weniger bekannt ist. Und die sind für mich einfach wirklich Vorbilder gewesen und sind heute noch Vorbilder. Beide leben noch, Gott sei Dank. Und von denen habe ich unglaublich viel gelernt, auch von ihrer Haltung, dass man eben über Dinge redet. Und dann gibt es noch eine, Teresa Turanska, die schrieb ein Buch, Stalinisten zum Reden gebracht. Das ist in den 70er Jahren erschienen, wenn ich mich jetzt richtig erinnere. Ich habe es auch übersetzt. Und da hat sie damals bereits, und das zeigt auch, dass der Ostblock ja nicht da eine homogene Masse war, sondern jedes Land unterschiedlich, die hat sich wirklich hingesetzt und hat mit alten Stalinisten geredet. Und die haben ihr Rede und Antwort gestanden. Und das ist unglaublich spannend, auch wie sie das macht, die Interviewtechnik, also ganz, ganz hervorragend. Aber da würde ich vom Hundertsten ins Tausendste kommen. Aber ich bin jemand, der immer Bücher liest, der viel liest. Und auch versuche zu lernen. Also jetzt nicht, dass ich da Plagiate schreibe, das ist mir fern. Aber auch die Technik. Oder eben wie mit Christoph zusammen. Wir haben dann so eine gemeinsame Technik, oder eben wie mit Christoph zusammen. Wir haben dann so eine gemeinsame Technik entwickelt, dass wir zum Beispiel immer Bilder gesammelt haben. Die haben wir uns dann aufgeschrieben, also irgendwelche Bilder, die uns bei der Recherche aufgefallen sind, sei das ein Landschaftsbild oder sei das irgendeine Person in irgendeiner bestimmten Situation. Die haben wir uns dann aufgeschrieben. Und dann haben wir die Bilder abgehakt. Das haben wir jetzt schon verwendet. Okay, können wir nicht noch einmal verwendet. Hin und wieder ist uns dann sehr zu unserem Ärger ein Bild übrig geblieben. Das war ein schönes Bild. Und das haben wir nicht da hineinpressen können. Das hat uns ewig leid getan. Woran arbeitest du jetzt? da hineinpressen können. Das hat uns ewig leid getan. Woran arbeitest du jetzt? Man sieht es mir an, ich bin nicht mehr der Gesündeste. Das letzte Mal in Linz habe ich keinen Stock mitgehabt. Den habe ich damals auch noch nicht gehabt. Ich weiß noch, wenn meine Haare mehr waren. Sozusagen der große Atem fehlt mir ein bisschen, momentan zumindest nicht. Ich bin guten Mutes, dass das wieder kommt. Ich weiß es nicht, ich weiß es nicht, aber ich mache genug kurze Sachen. Ich mache auch gern so Diskussionsveranstaltungen, relativ viel, wahrscheinlich mehr, als mir gut tut. Also es ist nicht so, dass ich nichts mache. Da gibt es ein Projekt, Ganymed, das gibt es seit Jahren, eine wunderbare Regisseurin, Jacqueline Korn-Müller, die mich seit Jahren einlädt, da mitzuarbeiten und das ist für mich sehr lustvoll. Das sind literarische Texte, die man dafür schreibt. Da geht es um Bilder und man schreibt sozusagen einen Text zu einem Bild im Kunsthistorischen Museum und der wird dann von einer Schauspielerin oder Schauspieler mehr oder weniger aufgeführt oder deklamiert oder was auch immer. Da habe ich jetzt gerade einen Text abgeschlossen. Ja, bin auch zufrieden damit. Aber ich versuche, ja, und es kommen auch, was mich einerseits ehrt, andererseits tut es mir auch leid, weil ich einfach wirklich aus gesundheitlichen Gründen oft absagen muss. Ich muss sagen, ja, im Prinzip danke für die Einladung, aber. Umso mehr danke, Martin Pollack. Nein, nein, ich wollte jetzt nicht um mich reden. Nein, nein, für diese Zeit mit dir heute im Literaturhaus. Danke für das Gespräch, sage ich, und danke für Ihre spürbare Aufmerksamkeit. Es war sehr angenehm, Sie sind alle bei uns auf der Bühne gesessen. Danke, dass Sie gekommen sind dankeschön Ja, dann danke ich und wiederhole noch einmal, 15. Dezember, Stifterhaus, same time, 19.30 Uhr. Katrin Röckler wird meine Gesprächspartnerin sein. Ganz spannend, weil nicht nur ein Buch zu der in dieser Woche oder in diesen Wochen von ihr erscheinen wird, sondern auch im Staatsschauspiel Dresden ein Stück von ihr aufgeführt werden wird. Zwischen diesen zwei Polen klammern wir das Grundsätzliche ein. Ich freue mich, Sie wiederzusehen. Danke. Danke.