Kultur kann man sich nicht reinziehen und runterladen. Sie bedarf eines Weges, dem man gehen muss. Kulturvermittlung ist letztendlich Gesellschaftskritik und Analyse der Gesellschaft. Also er ist hochpolitisch, wenn man so will. Nur ist der Geschmack oder die Ästhetik ein vergleichsweise offenes Feld gegenüber den ideologisch oder nicht ideologisch besetzten Terroirs der Politik und der Auseinandersetzungen. Der Herbert ist sehr bemüht in seinem Denken. Er beschäftigt sich sicher sehr mit Kategorien oder mit Disziplinen oder mit Konventionen oder Ritualen, aber er beschäftigt sich auch deswegen damit, um einerseits vielleicht sogar ganz neue Kategorien zu entwickeln und natürlich eben vorhandene Kategorien in Frage zu stellen. Also für mich war der nicht herkömmliche Weg derjenige, dass die Vielfalt der Möglichkeiten, die geboten wurden, auch ausgenutzt wurde. Also im Wesentlichen war es für mich ein Spiel des Selbstexperiments. Selbstexperiments. Es war für mich ein Spiel mit den gesellschaftlichen Grundformen, die damals zu Diskurs standen. Look out for the following run-up. I'm sorry. Und das Chaos sei willkommen, denn die Ordnung hat versagt. willkommen, denn die Ordnung hat versagt. Ausstellungen machen heißt Geschichten erzählen, Geschichte und Geschichten. Er ist dem Experiment verpflichtet, das ist glaube ich der Beweger, der Beweger in der Stadt Wien. Das ist das, was für mich wichtig war. Und man braucht auch sozusagen für die Tätigkeit, die ich ausführe oder ausgeführt habe, braucht man sozusagen einen inneren Gesprächspartner. Und das war Herbert Lachmeyer. Ich glaube, was Herbert Lachmeyer auszeichnet, und ich kenne keinen zweiten, der ihm hier an die Seite zu stellen wäre, ist sein weiter Horizont, seine unglaubliche Kreativität, die Möglichkeit weit entferntes Miteinander zu verknüpfen. Das macht seine Ausstellungen immer letzten Endes zu Ausstellungen unserer Gegenwart, zu Ausstellungen zeitgenössischer Kunst und Kultur, auch wenn sie das 18. Jahrhundert zum Gegenstand haben. Die eine Ausstellung, die mir wie bestimmt vielen anderen als erstes einfällt, das ist das Experiment Aufklärung, die große Mozart-Ausstellung in der Albertina. Die war einfach fantastisch, wie Herbert Lachmeier, der die Albertina besetzt hat mit seinem Thema, seiner Ausstellung, seinen Objekten, das hat es vorher und nachher nicht gegeben. Die Mozart-Ausstellung 2006 war quasi der Einstieg in die Vermittlung durch Ausstellungen. Ich habe vorher in Mailand eine gemacht über Salieri mit Zaha Hadid, das Architektin. Das war noch 2004, glaube ich. Und dann kam der Mozart, der mit dem Teppich von Franz West, natürlich outstanding, alle drei Ebenen der Albertina 2500 Quadratmeter belegt hatte. In die Wände mit den Tapeten waren Monitore flach eingelassen. Das heißt, die Tapeten hatten den Effekt, dass sie alle 20 Sekunden Bild folgen, wieder fünf Sekunden die Tapete zeigten am Monitor. Dadurch wurde die Tapete in zwei Qualitäten von Visualisierung gezeigt. Einmal als Monitor, der Ausschnitt, und einmal als Tapete, der Rest. Das ist sozusagen das Neue an dem, wenn man sich darauf festlegen will. Die Mozart-Ausstellung hat die Epoche Mozarts nicht als ein Viertesjahr, sondern als ein Debüt des Jahrhunderts, den Anfang eines Jahrhunderts, einen Aufbruch interpretiert, die viele Parallelen zu unserer Gegenwart, zu unserem 20. und 21. Jahrhundert aufweist. Dove sarai, compagna e donoio? Dove sarai, dove ti unioia? Io morirò, io morirò. Lachmeier hat, ich glaube, jeden Tag bis zu fünf Führungen gemacht. Er hat ein Vergnügen dabei, das, was er auf die Bühne gebracht hat, auch selber zu erläutern und zu interpretieren. Staging Knowledge ist entstanden aus meiner Praxis Ausstellungen zu machen. Ich habe sieben große Ausstellungen gemacht und 15 kleine. Also ich habe wirklich eine respektable Menge an Ausstellungen gemacht, dass man sagen kann, ich habe diese Praxis erlernt und ausgebildet. Im Grunde ist Staging Knowledge eine Technik, wo man die Ausstellung mit dem Material herbeiredet und wenn man die Ausstellung herbeigeredet hat, redet man weiter. In Wirklichkeit sind die Ausstellungen ein Werk des Redens, rhetorische Veranstaltungen. Es ist eine Fortsetzung des Redens mit anderen Mitteln, sozusagen die Steigerung dessen, was man, indem man spricht, mitteilen kann, durch den Reiz oder die Effektivität, die Bilder haben, die vor allem die Serien von Bildern haben, die Möglichkeiten, was zu vermitteln, indem man jemanden durchgehen lässt oder begleitet beim Durchgehen durch eine Ausstellung. Er hat den anderen Blick. Der Blick ist auch die Verantwortung des spontanen Bl essen. Das wird alles mit modischen Dingen unterworfen und da ist der Lachmeyer einer der wenigen, die noch nicht manipuliert sind. Also der Geschmack ist erkenntnisrelevant, indem ich über das Beurteilen eines Menschen, einer sozialen Einrichtung sehr wohl Rückschlüsse ziehen kann. Und zwar sofort, innerhalb von Sekunden, auf die Deutbarkeit dieser Umstände, die unbedingt sozusagen eine Voraussetzung sind, damit ich Urteile fällen kann. Und er hat überhaupt keine Grenzen akzeptiert. Und ich glaube, in der Kunst ist das das einzig Mögliche. Also es ist einer der wenigen, die so eine Kunsttheorie betreiben, aber gleichzeitig sich selber oder das, was sie im Sinn haben, überprüfen. Die meisten Leute, die ihn kennen, kennen ihn als Ausstellungsmacher. Der springende Punkt ist der, dass man das in einer Kontinuität sehen muss mit seiner Lehrtätigkeit als Philosoph. Das war für mich ein Spiel mit den gesellschaftlichen Grundformen, die damals zur Diskurs standen. Und es war ein Zaubern mit den Dingen, die scheinbar als nicht verzauberbar galten. Herbert Lachmeier und Linz, das ist eine lange Geschichte, eine fruchtbare Geschichte, aber meines Wissens keine ganz konfliktfreie Geschichte. Er kam als Philosoph ins Haus, er musste sich das total erkämpfen, dass er hier als Professor anerkannt war, weil es war eher ungewöhnlich, dass ein Philosoph die angehenden Künstler unterrichtet. Das war ein ziemlicher Streitfall auch. Und er hat, es hieß glaube ich zuerst visuelle Gestaltung, und er hat das dann als experimentelle Gestaltung neu aufgebaut, diese Klasse. Also eine sehr breite, sehr breit aufgesetzte Klasse mit sehr vielen Medien, von Fotografie über Film über bildende Kunst und so weiter. Und das ist das große Verdienst von Herbert. Aber dann, wenn es ums Operative ging, um den Umgang mit Geld und konkreten Organisationen, das war dann nicht unbedingt seine Stärke, würde ich sagen. Ich glaube auch, dass der Herbert Lachmeier sehr gerne in Linz war und dass er dort auch vor allem im studentischen Bereich sehr viel weitergebracht hat. Und es waren vielleicht zu wenig, die versucht haben, mit dem, was dort entwickelt wurde, ein bisschen in die Stadt zu dringen. Also der Herbert und ich haben uns in Wien kennengelernt und zwar in den 80er Jahren, also wenn ich mich nicht irre, aber ich glaube nicht, dass ich mich irre und das war im Zuge dieses Bundespräsidentschaftswahlkampfes mit Waldheim, Waldheim-Steirer und das war ja eigentlich wirklich 1986. Ich bin einer, der sehr, sehr spät sogenannte Beziehungen begonnen habe und habe ein Einzelgängerleben auch lange geführt. Und dann habe ich eben die Brigitte Felderer, mit der ich heute noch verheiratet bin, geheiratet. Sie war der Typ aber der älteren Schwester und ich bin der Typ des jüngeren Bruders. Daher habe ich nie, wie man eben sagt, ein Leiberl gehabt. Wir haben uns kennengelernt sozusagen in politisch heißen Zeiten, aber romantisch warismus in dem verbalerotischen geführt. Also Herbert und ich sind nach wie vor verheiratet, aber leben nicht zusammen. Ja. Obwohl er immer wieder an verschiedenen Orten gelebt hat und auch längere Zeit gelebt hat, glaube ich doch, dass der Herbert jemand ist, der wirklich sehr verbunden ist mit der Skoda-Gasse, mit der Wohnung in der Skoda-Gasse und all seinen Literarisierungen und seiner Wahrnehmung, seiner Familiengeschichte und das insofern ist er letztlich jemand, der, wenn man so will, auch nicht ungern zu Hause ist. Meine Mutter kam aus Oberösterreich, also nicht sie selbst, sie ist in Wien aufgewachsen, ging bei den Ursulinen in eine Klosterschule und aber ihre Mutter ist noch in Oberösterreich aufgewachsen am Lahn und ich war auch immer zwei Monate am Lahn, im Innviertel. Und das hat mich auch tiefgreifend geprägt. Mein Vater war eben dann Buchhalter nach dem Krieg, aber mein Vater war ein Weltmann. Er war Jazzmusiker in den 20er und 30er Jahren, vor allem fünf Jahre in Bombay und hat dadurch eine Internationalität als Flair reingebracht, die eben etwas ist, was für meine Denke und meine Entwicklung essentiell war, zumal mein Vater sehr früh für mich gestorben ist, da er. Das glaube ich schon. Und natürlich ist es gern. Jeder Dandy ist auch stolz darauf, in solcher zu sein. Auf jeden Fall ein Dandy. Und ich glaube, Romantik ist eine sehr vielseitige Sache. In irgendeiner Weise ganz bestimmt der romantische Dandy, den ich kenne. Ein Dandy ist ein bisschen ein Schnösel, aber beim Herbert war es kein Schnöseltum, weil er war nicht eitel, finde ich. Es war lustvoll für ihn. Herbert Lachner zu beschreiben, ist eigentlich gar nicht einfach. Obwohl er so ein one-of-a-kind Mensch ist, so ein Unikat, ein Original. Wir haben einfach auch viel miteinander unternommen. Das ging also von Besuchen von Ausstellungen bis hin zu auch ziemlich wilden Partys. Das nehme ich mir heraus, die Welt entstehen zu lassen für die Dauer der Ausschrift, wenn ich in mir rede. Der Zusammenhang von Déjà-vu und Geschmacksintelligenz. Geschmacksintelligenz entwickelt sich früh. Das heißt, ein Kind entwickelt Vorlieben für eine bestimmte Farbe, für einen Geschmack, also im Sinne von Taste und Ess und so weiter und so weiter. Und nach vielen Jahren werden plötzlich Kindheitserinnerungen gegenwärtig, als wären sie jetzt. Aus dieser Vergegenwärtigung von Vergangenheit hat Marcel Proust den umfassenden Roman aller Recherche, die Temps perdu, geschrieben, wo ich ihm vor allem den letzten Band empfehle, Temps retrouvé, die wiedergefundene Zeit, wo er reflektiert über den Zusammenhang von Kunst und Leben. Den hat er früher geschrieben, aber dort reingesetzt. Er wartet im Salon der Germaude, bis er zum Konzert hineingelassen wird, kriegt ein Stück Madeleine und der Butler reicht ihm sozusagen das Gepäck und lässt ihn warten. Und in dieser Wartezeit reflektiert Proust eben ausgiebig über den Zusammenhalt, wie gesagt, von Kunst und Leben. Nachdem ein Diener, der seit langem im Dienst des Fürsten von Guermantes stand, mich erkannt und mir in die Bibliothek, in der ich mich befand, eine Auswahl an kleinem Gebäck und ein Glas Orangade gebracht hatte, damit ich nicht erst an das Buffet gehen müsste, mit der Serviette ab, die er mir gleichzeitig reichte. Sogleich aber, wie es jener Person aus tausend und einer Nacht erging, die ohne es zu wissen genau den Ritus ausführte, der für sie allein sichtbar einen gefügigen Geist erscheinen ließ, der bereit war, sie in die Ferne zu führen, schwebte eine neue, azur umwogte Vision an meinen Augen vorbei. Wie in dem Augenblick, in dem ich die Madeleine gekostet hatte, waren alle Sorgen um meine Zukunft, alle Zweifel meines Verstandes zerstreut. Die Bedenken, die mich eben noch wegen der Realität meiner literarischen Begabung, ja der Literatur selbst, befallen hatten, waren wie durch Zauberschlag behoben. Bruce spannt diesen Bogen über solche Eindrücke wie die ungleichen Stufen des Markusdoms, dann den berühmten Geschmack der Madeleine und so weiter. Das sind sozusagen prägende Glücksgefühle der Kindheit, die plötzlich nach vielen Jahrzehnten auftauchen und durchschlagend eintreffen. Er reflektiert über diesen Weg zum Schreiben eigentlich den ganzen Lebensweg im Sinne dieser Erinnerbarkeit von Vergangenheit. Es war Venedig, über das mir die Bemühungen, es zu beschreiben und die sogenannten Momentaufnahmen meines Gedächtnisses nie irgendetwas hatten sagen können. Dass mir nun durch eine Empfindung, wie ich sie einst auf zwei ungleichen Bodenplatten im Baptisterium von San Marco gehabt hatte, wieder geschenkt wurde, samt allen anderen an jenem Tag mit dieser Empfindung verbundenen Empfindungen jenen, die seither in Wartestellung an ihrem Platz geblieben waren, worauf ein plötzlicher Zufall sie herausbefohlen hatte in der Reihe der vergessenen Tage. In der gleichen Weise hatte der Geschmack der kleinen Madeleine Combré in mein Gedächtnis zurückgeführt. Das ist das eigentliche Faszinosum des Romans von Proust und das, was in dieser unglaublich langen und verwickelten Geschichte die Spannung ausmacht. Dass man weiß, man wird, wenn man aufpasst und sich vertieft in die Sache und auch in sich selber dabei vertieft, sich vertieft in die Sache und auch in sich selber dabei vertieft, sich selber beim Lesen zuschaut, etwas lernen, etwas verstehen, lernen, einen kognitiven Gewinn haben. © transcript Emily Beynon