Was mich interessiert ist natürlich diese Wechselbeziehung und die Tendenz der Menschen, Natur zu idealisieren. Natur kann ja auch sehr wild und grausam sein und gar nicht dem Menschen zugewandt und die Menschen wollen das aber immer zähmen und beschneiden. Es gibt natürlich eine Vielzahl von sehr begabten österreichischen Künstlerinnen und Künstlern, denen man eine Retrospektive geben könnte. Iris Andraschek ist für mich deshalb interessant, weil sie auf der einen Seite eine sehr hohe künstlerische Qualität hat, auf der anderen Seite aber ganz aktuelle gesellschaftspolitische Themen anspricht. Und das hat mich eigentlich fasziniert, dass man auf der einen Seite sich ganz verletzlich und zart zeigt, auf der anderen Seite aber den Finger auf die Wunde legen kann. Wenn man sich jetzt ihre ganze Arbeit anschaut über diese 35 Jahre, da sind bestimmte Bereiche, wo sie immer wieder gearbeitet hat. Weiblichkeit, Sexualität, dann geht es um ihre ganz starke Beziehung zur Natur, die sie immer wieder aufsucht. Also eines meiner wichtigen Themen, an denen ich wirklich seit Jahrzehnten arbeite, ist die Beschäftigung mit Boden, mit Ernährung, mit der Produktion von Lebensmitteln, mit der Produktion von Pflanzen, von Pflanzen, die den Menschen auch das Überleben sichern, das heißt Saatgut. Ich nenne es Getreideautomat. Das Automat spuckt alle paar Sekunden ein paar Maiskörner aus und sie fallen dann mit einem ziemlich starken Geräusch in eine Tonne rein. Das ist eine Arbeit, die ich schon lange so im Kopf habe, weil ich in den letzten Jahren herausgestellt habe, dass unsere Versorgung, unsere Grundversorgung, gar nicht so sicher ist, wie es erscheint, also dass das sehr ins Wanken geraten ist. Und dann ist natürlich ein Thema die Gemeinschaft und das zeigt sich in ihren Arbeiten, wo sie mit Gruppen arbeitet, oft mit Gruppen, die landläufig als ausgeschlossen gelten. Das ist eigentlich der Hauptpunkt ihrer Arbeit, dieses gemeinsame Arbeiten. arbeiten. Sapunga ist eine Arbeit, die es seit 2015 gibt und der Ursprung hat in der Türkei stattgefunden, in Istanbul am Bazar, wo ich ein Stück von der Aleppo-Seife gesehen habe und den Händler gefragt habe, was das ist. Und er hat gesagt, das ist Aleppo Seife und er hat noch 100 Stück. Es war Bürgerkrieg gerade am Höhepunkt zu der Zeit in Syrien. Nachdem die Aleppo Seife ja tausende alt ist und eigentlich ein Kulturgut ist, hat mich das dann auch sehr beschäftigt. Also was passiert mit den Menschen, die Aleppo-Seife produzieren? Das wird hauptsächlich auch von Generation zu Generation weitergegeben. Also das ist dann ein Cut. Ich habe dann beschlossen, zu den Produktionsstätten zu fahren, die in der Zwischenzeit hauptsächlich an der türkisch-syrischen Grenze stattgefunden haben, in leerstehenden türkischen Fabriken. Was hier zu sehen ist, ist eine große Installation mit so an die 2000 Stück Aleppo-Seife, wo ich Teile des zerstörten Passats von Aleppo nachbaue. Das möchte ich schon betonen, dass meine Arbeiten zwar oft so einen dokumentarischen oder fast recherchebasierten Charakter haben, aber dass das auch oft Basismaterialien sind für künstlerische Arbeiten, die dann ganz frei sind, wo es Einflüsse gibt, aber die sich dann sehr frei entwickeln können. Hier in About Care ist es so eine Mischung aus Badezimmer, es gibt eine Badewanne, es gibt eine Bank und es gibt so eine Art Hammam. Und ich kombiniere das mit dieser sehr aktuellen Thematik Pflege. Es ist auch ein Thema in meiner Biografie, ich werde auch älter, es ist immer auch zu hören. Das Pflegethema wird unsere Gesellschaft ziemlich hart treffen in den nächsten zehn Jahren. Meine Idee war, mit Menschen Gespräche zu führen und diese Gespräche in so eine Art Schrift schlingen, in Zeichnungen zu integrieren. Es sind Grafiken, es sind Originalzeichnungen entstanden. Man kann in der Installation auch ein Interview hören, zum Beispiel von einer Ausbildnerin, die junge Menschen zum Pflegeberuf ausbildet. Für mich war das eben eine sehr spannende Thematik. Wie setzt man das künstlerisch um? Was löst es bei den Menschen aus, wenn sie mit diesem Thema in einer Ausstellung befasst sind. Die Ausstellung I love you von Iris Andraschek sollte man nicht versäumen. Der Titel der Ausstellung ist sicher jetzt sehr gut gewählt. Gegen den Krieg, gegen die Zerstörung. I love you, das ist schon an und für sich ein Statement. Es ist ein sehr, sehr fein gewobenes Gesamtensemble, das hier entstanden ist. Und ich bin sehr stolz und dankbar, dass es uns gelungen ist, hier die erste Museumsretrospektive der Künstlerin auszurichten.