Meine sehr geehrten Damen und Herren, ich möchte Sie sehr herzlich zur heutigen Veranstaltung begrüßen. Vergangenes Jahr wurde Mitsprache, das Netzwerk von zehn österreichischen Häusern der Literatur, vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport eingeladen, sich an einer Ausschreibung zum Thema Fair Pay oder weitergefasst soziale Gerechtigkeit zu beteiligen. Nach dem Festlegen einer gemeinsamen Grundidee hat seither jedes der zehn Häuser gemeinsam mit einem Autor oder einer Autorin oder mehreren ein eigenes Projekt zum Thema entwickelt. Und dabei ist eine große Vielfalt an Formen und Formaten entstanden. Es reicht vom Abhalten von Schreibwerkstätten mit Straßen, Zeitungsverkäuferinnen und Verkäufern, und Verkäufern, sowie Schreibworkshops mit Jugendlichen über Plakataktionen mit Kindern und Flyeraktionen mit Autorinnen und Autoren bis hin zu Medienkooperationen mit Tageszeitungen wie etwa der Standard, um nur einige zu nennen. Wir vom Stifterhaus haben den in Schlierbach geborenen und in Wien lebenden Autor Thomas Arst gebeten, sich mit dem Thema soziale Gerechtigkeit, wenn möglich mit Bezug zu Oberösterreich, auseinanderzusetzen und einen Text zu verfassen. Welche Art von Text und in welchem Umfang haben wir ganz ihm überlassen? Wir haben uns sehr gefreut, dass Thomas Arzt, obwohl sehr viel beschäftigt, uns zugesagt hat und ich begrüße ihn sehr herzlich. Herzlich willkommen. Thomas Arzt ist einer der bedeutendsten und meist beachteten österreichischen Dramatiker der Gegenwart. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet und was mich sehr freut, auch mit dem Adelbert-Stifter-Stipendium. Seine Theaterstücke wurden nicht nur an renommierten Bühnen des In- und Auslands uraufgeführt, übrigens auch am Linzer Landestheater und erst vergangenes Jahr am Theater Phoenix, sondern die Stücke wurden auch bei internationalen Festivals von New York bis Buenos Aires gezeigt. Aber Thomas Arzt arbeitet nicht nur als Dramatiker und Hörspielautor, er hat auch immer wieder Prosa-Texte verfasst und veröffentlicht. Sein Debütroman Die Gegenstimme, der letztes Jahr im Residenzverlag erschienen ist, hat großes Aufsehen erregt und in dem Roman greift Thomas Arzt die Geschichte des Bruders seiner Großmutter auf, der als einziger in seinem Dorf 1938 bei der Volksabstimmung über den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland mit Nein gestimmt hat. den Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland mit Nein gestimmt hat. 2011 schrieb Thomas Arzt in der Monatskolumne Diagnosen der Gegenwart des Schauspielhauses Wien, an dem er in der Spielzeit 2010, 2011 Hausautor war, unter dem Titel Zur Verantwortung des Schreibens, Zitat Ende. Und das ist ein wunderbarer Ausgangspunkt für unser Projekt. Wir freuen uns, wie gesagt, sehr, dass Thomas Arzt sich darauf eingelassen hat. und eben erst fertig gewordenen Texten lesen und zuvor wird eine kurze Hinführung geben. Wir werden im Anschluss an die Lesung auch noch ein kurzes Gespräch führen, an dem Sie sich gerne beteiligen können, wenn Sie möchten. Ich wünsche uns einen anregenden Abend und übergebe das Wort an Thomas Arzt. Schönen guten Abend, schön, dass Sie hier sind. Wir haben harte Konkurrenz im Phoenix, das ist eine Veranstaltung der Grazer Autorinnenversammlung mit großartigen Kolleginnen. Ja, so ist es in einer Kunststadt, dass viel gleichzeitig passiert. Das hier heute ist eine Premiere, vor allem für mich. Das, was entstanden ist, war nicht das, was ich im Kopf hatte anfangs. Die Regina Pinter hat mich vor einem Jahr eigentlich angerufen, ob ich Teil dieses Projekts sein möchte. Und das ist natürlich eine großartige Gelegenheit, wenn man gefragt wird, arbeitest du etwas aus zum Thema Fairness und Gerechtigkeit? Nach dem Ja kam das erste Wo beginnen? Und ich glaube, die erste Skizze, die ich Frau Pinter schickte, beinhaltete drei Säulen. Und ich habe nur eine der Säule jetzt angegangen. Ich wollte eigentlich sehr diskursiv über das schreiben, wie über Gerechtigkeit in der aktuellen Politik geredet wird, dann eher journalistisch dem nachgehen, ob es in Oberösterreich, es war immer der Auftrag, es soll vor allem um Oberösterreich gehen, ob es da Orte gibt, wo Menschen es anders machen wollen, ferner es anders leben wollen. Da gäbe es einiges, dem wollte ich nachgehen. Und dann gab es noch die Geschichte, also den ganzen Untergrund. Und der ist dann immer größer geworden und hat mich so reingezogen, dass ich letztlich bei einer historischen Recherche gelandet bin und versucht habe, Momentaufnahmen zu beschreiben, aber auf eine Art und Weise, dass sie mir auch heute noch etwas sagen. Ich habe einen Zyklus geplant, der tatsächlich stattfinden wird, auf Holz geklopft, dass der Verlag mitspielt, dass bald ein Buch da ist. Drei Erzählungen sind halbwegs fertig. Das ist das, was ich heute hier vorlese. Und es ist ein Ritt durch die Geschichte, beginnend bei den sogenannten oberösterreichischen Bauernkriegen, kriegen, führt uns in den Nachmerz, nach der 1848er Revolution ins Salzkammergut und dann ins Enstaler Hintergebirge zu einer Besetzung eines Kraftwerkbaus. Im Nachhinein werden wir versuchen, das ein bisschen aufzubröseln, warum das so ist, wie es ist und ob das literarisch etwas erzählt. Ich habe immer die Hoffnung, dass Literatur etwas kann. Ich habe vorhin diese zitierten Sätze gehört, die man so schreibt. Das sieht auch schon zehn Jahre aus. Es ist immer wieder ein Kraftakt, dass man wieder neu beginnt. Auch die Verlorenheit ist mir wieder neu, weil so viel dafür spricht, dass es nichts ändert, was man so tut. Aber ich habe so meinen Weg und das ist ja über die Sprache. Und jetzt liegen da die Erzählungen vor, Spuren von Gerechtigkeit ist jetzt der Übertitel. Und ich lese auszugshaft aus den drei Erzählungen, die etwas länger sind als das, was Sie heute hier hören. Aber das ist der Zeit geschuldet. 1627. Der Vater steht in Entfernung, hat den Jungen machen lassen, wie es zu machen ist, hat es ihm über die Jahre hinweg gelehrt, und der Sohn sagt sich's vor, als müssten sie ihm die Kraft nun geben, die Vaterwort. In einem einzigen mächtigen Hieb ist der Schädel eines Menschen abzutrennen. Die Wucht geht von Handgelenk zu Klinge, von Klinge zu Ader, die sichtbar im Wulst der Angst unter der Haut bebt. Zwei Daumen weit entfernt vom Halsansatz, da ist zu schlagen Sohn, das Aug ist das Entscheidende. So hört er die Vaterstimme, hat es in hundertfach schon tun sehen, hör her, dein Blick ist Instrument des Willens, der Macht des Rechts, das Vollzogen. Willens der Macht des Rechts das vollzogen. Doch nicht heute. Der Sohn ist gescheitert. In Scham steht er jetzt, gesenkt sein eigenes Haupt. Jenes des Mannes, das er abschlagen hätte sollen, hängt noch am Aderlauf, baumelt. Der Mann ächzt, höllisch das Jammern. Mach's weg, mach's zu Ende. Die Menge ringsum am Marktplatz, die sich versammelt hat, giert nach dem Tod, besessen vom grausamen Spektakel. Sie ist in Aufruhr. Hiyole verschmäht den Gescheiterten. Er, der Sohn des Schafrichters, der heute auf die Probe gestellt, um dem Vater, dem Meister in seinem Handwerk nachfolgen zu können, erstarrt. Der Vater eilt zu Hilfe, fasst die Klinge und in einem Schlag tut er, was zu tun ist. Tage vergehen und stumm ist das Geschäft verlaufen. Gewagt hat er nicht, darüber zu sprechen. Gedacht hat er oft, der Scharfrichtersohn, ans Versagen und ob er der Falsche. Wer sind all die Leute? Wollte er lang schon den Vater fragen, wie er wieder einmal an seiner Seite den Strick für den Galgenbaum geschnürt. Warum müssen sie sterben? Der Vater geht ihm dazwischen, prüft den Knoten. Ist wichtig, Sohn, dass er sitzt. Viel an Unheil wird angerichtet, wenn unser Werk nicht gut und unbedacht. Er bewundert den Vater, der Sohn, und doch wächst Ekel. Wie kann's das? Wie können wir? Hat schon mein Vater vor mir gemacht, erzählt der Scharfrichter in solchen Momenten. Und dessen Vater vor ihm, so wirst auch du. Und ohne Zorn und Hass vollführt der in die Jahre gekommene Meister die Tat. Krieg ist der gewohnte Zustand dieser Tage. Ein Augenblick im Feld, unbeobachtet, wenn das Zirpen der Grillen und die Abendsonne Ruhe verschaffen, kostbar flüchtiger Traum. Der Vater hat dem Kutscher gedeutet, er soll erhalten. Ist aus dem Wagen und hat dem Sohn befohlen zu bleiben. Zwischen Vorhängen der Fenster sieht der Sohn den Vater, der einige Meter rein ins Schilf gewartet ist am Ufer eines Weihers ausharrend allerhand Vögel am rötlichen Himmel, ein friedlicher Anblick etwas trägt er auf den Lippen was redet der Vater in den anbrechenden Abend rein ein Gebet nun winkt er ihn doch noch zu sich der Sohn springt aus der Kutsche, eilt durch die Halme versinkt fast im Sumpf. Der Vater legt den Arm, liebevoll, beginnt von der Natur zu berichten. Belesen ist er, das weiß kaum jemand, dass sich der Henker zwischen den Taten gebildet. Gegen alle Widerstände. Unser Stand versagt uns viel. Ein ordentliches Dasein, Sohn. In der Gemeinde eine Ehe. Eine Arbeit mit Ehre. Stehen abseits, aber stehen besser als andere. Vergiss das nicht. Dann stapft er zur Kutsche. Die Mutter wartet. Kein Wort über die drei Jämmerlichen, denen sie heute das Genick. Nun aber kommt ein Tag, an dem ist es anders. Da geht dem alten Meister der Mund auf. Und der Scharfrichtersohn vernimmt, was er so lange sehnt. Und hier beginnt die Geschichte. Denn erst wenn Erzählen wirklich eintritt, wenn Worte zu beschreiben beginnen, was er ist, der Mensch, und wo er steht in der Welt, so denkt sich der Sohn, der zu weiche, der tagsüber den Menschen beim Sterben zusieht und abends sich die Erde als Schauermärchen ausmalt. So kannst auch erhaschen einen Funken vielleicht von Antwort. Eben hat er noch in seiner Kammer das Nachtgebet gesprochen. Da hetzt der Vater rein, zieh dich an. Sie besteigen die Kutsche, die bringt sie aus der Stadt. Dann schaut der Sohn aus dem Fenster, die Nacht bricht herein, bald schläft er ein. Er erwacht im Morgengrauen. Draußen sind Hügel, Wä bricht herein, bald schläft er ein. Er erwacht im Morgengrauen, draußen sind Hügel, Wälder, alles in einem dunstigen Blau, Nebel kriecht übers Land, frisch die Luft. Prächtig stehen bald Berge am Horizont, schroff der Fels, wie Riesen, die sich aus der Erde erheben, so spinnt er sich's zusammen, der Sohn. Die Kutsche hält, die Pferde werden gedrängt, bis eine Scharreiter eintrifft. Der Vater scheint sie erwartet zu haben. Vier Bewaffnete. Der Wagen mit dem Scharfrichter und dessen Sohn, seinem Gehilfen, wird nun geleitet durch dichten Forst. Im Wald rupprecht, erklärt der Vater, haben die Leute oft nichts mehr zu verlieren. Wenn alles ein Hab und Gut dahin, wirst zum Plünderer. Der Sohn, der Ruprecht, wachsame 17 Jahre, schön herangewachsen, aber zu mager für den Beruf. Spät zwischen die Stämmen, sorgt sich hier diesen Plünderern zu begegnen. Der helle Tag verschwunden und je mehr er da hinein lugt ins dichte Holz, desto schwerer wird ihm der Blick. Irgendwann fallen dem Rupprecht erneut die Augen zu. Stunden später rüttelt ihn der Vater, schnallt die Tür der Kutsche auf, los. Der Sohn folgt, umgeben noch von Traumbildern. Hol die Kiste und stör nicht die Totenruh. Es reißt in Rupprecht. Er versucht zu erkennen, wohin sie gebracht worden sind. Stockfinster. Eine Kerze stellt der Vater in die Laterne, stapft voran ein Friedhof. Ein Pfaff steht am eisernen Gitter. In einer der untersten Reihen, wo die frischen Gräber sind, sollen sie fündig werden. Der Sohn holt Schaufeln aus der Truhe, die er in den Friedhof geschleift, eine Hacke. Die Kiste stinkt noch nach den Kadavern von neulich, da haben sie einige kranke Kälber fortgeschafft außerhalb der Stadtmauer ins Loch. Er versucht, am Holzkreuz zu erkennen, wessen letzte Stätte es hier ist. der städte es hier ist mach raunt der vater schlägt mit der hacke die feste erde auf was ist der auftrag der sohn starten vater an geht ums auslöschen einer geschichte antwortet der scharfrichter haut rein der ruprecht schlägt von der anderen seite bald heben sie die erde mit den schaufeln ein holzsack kommt zum Vorschein, der Vater trischt mit der Hacke rein, reißt ihn aus seiner Einbettung, stemmt ihn hoch, hetzt Hilf, das nächste Grab. heraushebt, aus dem Inneren dampft, die beiden Leichen noch nicht verwest. Kein Jahr wird's her sein, dass sie bestattet. Der Vater kippt den einen Sarg um, der halb verfaulte rollt heraus. Soll's eine Exhumierung? Was bringen wir sie nicht samt dem Sarg von hier fort? Da kippt der Vater auch den zweiten Verstorbenen heraus, zieht den aufgewühlten Sohn zu sich. Die zwei da, Beginner, die zwei. Schau rein, Sohn, sollst nicht vergessen. Und flüstert ins Ohr, der Fadinger ist's. Der Fadinger und der Zeller haben fürs Bessere gekämpft. Ein Aufschrei plötzlich, der Vater brüllt in die kalte Nacht, nie hat der Sohn ihn so und auf den Boden gestampft, sollst nicht vergessen, musst erinnern, ich hol's Schwert. Dreht sich, stapft Richtung Kutsche, die einige hundert Meter entfernt vor dem Friedhofstor abgestellt wurde, verschwindet im Finstern der Ruprecht bei den beiden ausgehobenen Toten was holt der Vater jetzt? Das Richtschwert wem soll hier der Kopf? der Fadinger, der Zeller als käme es ihm aus alten Gesängen wieder in den Sinn in ihm setzt sich ein Bild zusammen dessen Einzelteile er aufgeklaubt, dessen Farbverlauf er in Nachtstunden neben anderen Schauermärchen ausgeschmückt, umgemalt, fortgepinselt. Der Fadinger, der Zeller fürs Bessere gekämpft. Dem Ruprecht entsteht ein Gemälde vor Augen, er hätte es nun im Kirchenschiff postieren können und sagen, da, schaut's her, das waren's. vor Augen, er hätte es nun im Kirchenschiff postieren können und sagen, da, schaut's her, das war es. Über Monate gab es Gerüchte, Nachricht von vielen Ortschaften, blutrünstig die Bande, Mörderisches geht um, wenn das Bauernvolk sich erhebt, ganze Städte in Bauernhand, so hat es geheißen. Hat der Ruprecht in sich was gespürt, im Innern der Landeshauptstadt? War es ein Herannahen, eine Gefahr vor, der er in Angst oder doch Neugierde? Was tut sich außerhalb der Mauern, wenn dort der Aufstand tobt? Der Vater muss damals vermehrt an die Orte im Umland ziehen, das Handwerk zu verrichten. Und er hat den Sohn oft gar nicht mitgenommen. Wollte er ihn fernhalten. War es nicht erlaubt. Länger waren die Reisen als früher. Häufiger. Wenn es aufbegehren wächst, fallen die Richtersprüche schrecklicher aus. Hat der Vater einmal am Esstisch in die Suppe reingeschwafelt. Und über die viele Arbeit geklagt. Bald wird es ein Schafrichter für den Landkreis allein nimmer richten. Mehr an Anstellung muss geschafft werden. Der Stadthalter ließ dann tatsächlich aufstocken, verlangte nach mehr Geld aus München. München, schnaubte die Mutter, die dem Vater die Last ansah. Seit die Brut im Land, so hat sie es genannt. Das heißt kein Wunder, dass überall die Zündelei. Der Herr Rupprecht war noch zu jung, um die Tragweite zu begreifen, aber er hat gespürt, dass was vorgeht. Verkauft hat man uns, haben Weiber am Stadtplatz gerufen. Eine wollte was anschlagen auf einer Tafel gegen die neuen Machthaber. Weggezerrt ist sie worden von Wachen, aber geschrien hat, für den Krieg verkauft, was ist ein Landstrich wert? Das alte Weib hat nicht aufgehört zu brüllen. Für den Krieg verkauft, für den Krieg, dann hat man sie fort. Ist sie darauf an Vaters Strick? Der Ruprecht versucht sich an die Gesichter zu erinnern, die Stimmen. Nicht allem kann er Sinn zuschreiben. Sein Gemälde, von dem er hoffte, es sei vollkommen, es ist durchlöchert. Welcher Krieg? Krieg war überall. Da fährt ihm die nächste Erinnerung herein. Als würde ein Schlund sich geöffnet haben in diesem Friedhof. Er sieht die Nacht vor zwei Jahren, als der Vater noch zu später Stunde heimgekehrt war. Der Ruprecht ist wach geworden, hat sich aus der Kammer geschlichen, den Vater zu sehen, weil er in schlimmer Sorge um ihn war. In dieser Nacht hat es begonnen, dass sich der Ruprecht gefragt hat, ob es denn stimmt, dass er ein anderer, ein roher Mensch, wie es im Tag davor jenes Mädchen ins Gesicht fast gespuckt hat, die Wort, auf der Straße ist er diesem Mädchen aus einem Zufall heraus begegnet. Und er wollte nur aufheben, was ihr runtergefallen. Einige feine Tücher, damit diese nicht im Dreck am Pflasterstein liegen bleiben. Mit der Hand wollte er ran. Verschwind. Fährt sie ihn scharf an. Tu deine Tricksfinger weg. Sie hat ihn fest in den Blick genommen, ein Spruch auf den Lippen. Wenn der Freimann umgeht, geh ihm aus dem Weg, hat sie es fast gesungen. Wenn der Freimann dir naht, lauf davon. Wenn der Freimann dich berührt, ist's aus. Ein dummer Singsang dieses schönen, sanften Mädchens, aber niederschmetternd die Einsicht. Ab diesem Tag war ein Riss im Leben des Rupprecht. Er in auswegloser Entfernung von diesem wunderschönen Antlitz. Nie würde er sie berühren imstande sein. Sie, das Mädchen, kniete nieder, hob selbst das Feine auf, das auf der schmutzigen Straße lag, panisch und lief davon, als verfolgte sie der Teufel. Bin ich der Teufel? Hat er daheim gefragt. Die Mutter hat gelacht, fuhr ihm durchs Haar. Ihm war, als würde sie was verbergen. Sie hat ihm das Essen zubereitet. Traurig, die Züge, als er sie von der Seite nun betrachtete, in einem Moment, dass sie nicht ahnte, dass der Bub sie ansah, und gezittert hat sie, als würde ihr vieles nur mehr schwer von der Hand. Vielleicht sind wir wirklich verflucht. In dieser Nacht also, nachdem der Ruprecht erkannt hatte, dass die einen über die anderen lachen, ihnen davon gehen oder sie manchmal erschlagen und er weniger bei den einen ist, vielleicht mehr bei den anderen, da ist er lange wachgelegen, hat die Kutsche des Vaters vernommen, ist zur Tür und hat gespäht, ob im Vater, der eben wieder von einer Hinrichtung zurückkam, dieses Teuflische, ob man es ihm ansieht, das Töten. Und tatsächlich, er kam in jener Nacht vor zwei Jahren verändert nach Haus. Nicht aber als Teufel, als weinender Mensch. Sie haben gesungen, Bub, so heißt's. Die zusammengerotteten, in wilden Gesängen, sich in einen Kampfesrausch gebracht, in den Wäldern gesessen, Hunderte, Tausende, das größte Heer. erst erwachsen frauen fest entschlossen die mitgezogen alles was händ gehabt hat und einen willen der vater sagt es mit stolz er ist endlich zurück steht mit dem schwert berichtet noch nie hat er derartiges erzählt der fahrlinge der zeller sie sind bald gefallen Nach ihnen kamen andere. Sie predigten, fachten an, stießen Hass und Zorn heraus, versammelten die Entrechteten, die Soldaten des Stadthalters aus Bayern und aus Wien in Furcht vor diesen wilden Gesängen, zutage getreten aus der Bitterkeit und weil alte Rechte beschnitten, weil immer weniger gegeben und immer mehr genommen und als überall im Land dann die Soldaten durchzufuttern waren, am Weg in den Krieg, in immer neue Kriege, da hat es dann gereicht. Ein Funken und alles hat gelodert. Hervorgeschossen aus dem Untergrund über die Böschungen, die Heeresführer überrumpelt, unterschätzt die Kraft der vermeintlich Kraftlosen. Denn wer nichts zu verlieren, Plünderer kommt dem Sohn über die Lippen. Plünderer der Freiheit, sagt rafft der Vater. Über Jahre hinweg die Erhebungen, aber dieses eine Jahr war das blutigste und heute soll es ausgelöscht. Der Schafrichter zieht mit der Spitze der Klinge einen Kreis in der Erde um die beiden Leichen, die vor ihnen in der Wiese, dann rahmt er Fackeln, die er mitgebracht, entlang der Einkerbung in den Boden, die Toten nun hell erleuchtet. Die Machthaber zitterten, Pferde fort, die Pferde der Reiter in die Enge getrieben, die Streitkräfte aus dem Hinterhalt erschlagen. Ihr Ruf ist ihnen voraus, die Wut einer Armee, die Bauern, nicht nur Bauern, waren Handwerker dabei, Hüter, Fleischer, Wirte, Jäger, Studenten, Schreiber, Stadtrichter, Landadel. Und mit jeder Schlacht mehr, da die Machthaber sich in feines Gewand kleideten und unser eins vom Hungerlohn den Soll sich abzuschuften hatte, die eigenen Kinder zum Zwangsdienst geschickt. Ist der Hass gestiegen in einem Ausmaß, hat kein Herrscher im Land je erlebt. Und als endlich doch die Befriedung, nach Monaten, als zum zweiten Mal die Hauptstadt umstellt und den Belagerern ihre alten Rechte von Wien aus zugesagt wurden, samt Verhandlung, da wurde von München her nach Vergeltung gedürstet. Die Armee der Armen bereits aufgelöst, heimgekehrt Da ritten neue Feinde über die Grenz Ein nächstes Mal schlimmstes Blutvergießen Einmal noch ein Gemetzel im Wald Bis der Truppenführer aus Wien über jene, die ohne ordentliches Kriegsgerät kämpften, drübergefahren Da waren es schon 12.000 Leichen im Land Welcher Staat erlaubt schon den Untersten das Sagen? Und du, ruft der Sohn endlich, der den Worten gefolgt, dem nun sein eigenes Geschichtsgemälde in rasendem Zorn auseinandergebrochen, Oder hast du sie alle erhängt für den Staat? Ich bin doch nicht der einzige Scharfrichter im Land, brüllt der Vater plötzlich. Bin nicht der einzige, wie viele, Vater, wie viele. Stumm steht der Meister. Da hetzen die Reiter heran, die Wachen, die die Kutsche geleitet, sie hatten bisweilen ausgeharrt, nun aber umzingeln sie die Stelle, wo der Fadinger und der Zeller ausgehoben liegen. sich nicht. Start, Start, leer, völlig entrückt. Schafrichter. Vater, der Sohn geht an den Meister ran. Der Meister lässt das Schwert fallen. Haut er jetzt die Schädel ab? Ist Bericht zu erstatten nach Linz? Der Meister wird's vollstrecken, ruft der Sohn dem einen auf dem Pferd entgegen. Sagt dem Meister, ist auch ein Schafrichterkopf schnell ab. Blass schluckt der Sohn, runterhauen würde sie gern die da oben, die mit Gewehren die Schändung der Leichname verlangen. 1853 Auf ihrem Schoß ein Buch, neben ihr ein Heft, ein Schreibstift. Wenn sie der Vater so sehen würde. Drum sitzt sie im Geheimen, nachts, greift zum Stift aufgewühlt, probiert einen Satz rasend über dem Papier. Steck's ein, hat der Däubler gesagt. Fürs eigene, steck's ein. Und immer, wenn dir was in den Sinn, schreib's auf. Der Vater wird fluchen, die Mutter sich bekreuzigen, wenn sie derartiges bei ihr vorfänden. Ihr war selbst nicht bewusst, was es ausmacht. Was soll ich denn schreiben, hat sie gefragt. In der Schule haben wir nur Stiktat. Ist was drin in dir, sagt der Däubler, wird schon was raus? Sie sitzt vor einer Lampe, als hätte sie hier ihr intimes Studierzimmer eingerichtet. Der Schreibstift fällt aus ihrer Hand, rollt übers Holz. Sie hascht nach dem Grafit. Hocht, war da wer? Wie spät wird's sein? Ludwig Feuerbach liegt auf ihrem Schoß. Und eigentlich wäre sie ja verabredet, aber solange sie noch allein, blättert sie weiter. Manchmal ringelt sie ein Wort im Buch ein. Ist gut, sagt der Däubler, wenn du dir es unterstreichst, was dich anspringt. Springend, die Wort, hat sie geschockt gefragt. Er hat gelacht, verschmitzt, der Backenbart ist lustig in die Höhe, feurigt die Augen des Absonderlichen. Komischer Kauz, der Täubler, so sagen es die Leute im Ort, Sündler und Unruhestifter. Der Pfarrer hat nur Verächtliches für ihn übrig, was verständlich, immerhin hat der Täubler ein Wirtshaus gleich neben der Kirche. Und wenn die Runde dort größer ist als beim Pfarrer unter der Kanzel, dann macht sich die Kirche ihre Gedanken. Eine Glaubensunruh drin. Sie schreibt einen Absatz. Doch immer ist sie ungeübt im Notat. Aber der Däubler nimmt sie zur Seite, sagt, sie solle sich hinhocken zum Schreiben üben. Sie müsse doch arbeiten, widerspricht sie. Ist wichtiger das hier, das Schaffen des Körpers und das des Geistes. Es bedingt einander. Er hat wieder viele Sätze von sich gegeben, denen sie nur schwer folgen konnte. Kaum 21 geworden, die Martha. Bestimmt, redet der Täubler vor der Martha. Nicht streng, aber mit Nachdruck. Du übst das Schreiben und ich mache die Arbeit für dich. Also wischt der Chef den Boden und sie, die Neue, die anzulernen wäre und gegen den Widerstand des Vaters hier begonnen, sie weiß gar nicht, wie er geschieht. Die Mutter dagegen fand es eine gute Idee. Zum einen, weil es Dirndl in der Nähe, weil das Elternhaus keine 300 Meter entfernt und zum anderen, weil dem Däubler seine Eleonore eine wirklich fleißige sei. Von der lernst was, Madl. Von der lernst was, Madl. Also hat sie nach längerem Elterngerede beim Däubler anfangen können, in der Wartburg, wie der Chef die Gaststuben nennt. Eine Burg ist's nicht, keineswegs sauber und herausgeputzt. Gäusern ist halt nicht Ischl, schnauzt der Däubler. Aber dass ihr hier eine zweite Bildung passiert, das hat sie überrumpelt. Auch das, was geredet wird. Alle Hand Zeugs, oft erschreckend unverhohlen, oft hinter Türen in seltsamer Gesellschaft, bunte Vögel sind, wie die Mutter das nennen wird, die gerade raus politisch, dann liest der Wirt was vor, sitzt er da, der Däubler, auf seinem Sessel und liest aus einem seiner Bücher vor, vor der versammelten Runde. Der Däubler hat hunderte Bücher, manche meinen über tausend. Aber, unterzuckt es in der Marta, das hat ihr die Chefin eingetrichtert, in der Kuchel, ist zu ihr hin, gell, Marta, nix sagst vor anderen über die Bücher. Erst hat sie gedacht, sie sollten gehen, wortlos, nimmer wiederkommen. Dann ist sie doch zurück. Ihr war, wortlos, nimmer wiederkommen. Dann ist sie doch zurück. Ihr war, als wäre im Däublerhaus eine andere Welt im Gang. Solange sie denken kann, waren geistige Angelegenheiten nur für die besseren Leute. Eine Lektüre, einen Gedanken zu fassen, das war nicht die Rolle, die für sie bestimmt. Was meinen Sie mit Rolle? fragt die Martha den Däubler. Ist wie ein Schauspiel, Martha, in das du gesteckst, als würdest ausfüllen, was andere vorgezeichnet, kannst aber gegen den Strich. Das widerspenstige Rollenfach, das sei ihm das Liebste. Ein Schlitzohr, dieser Däubler, hat sie bald erkannt, das einfache Ding, das er nur für die Ausschank, die Gläser servieren, die Reste vom Suff wegwischen soll, Boden kehren, beäugt von der Frau des Hauses, ob die Hilfskraft es auch ordentlich. So hat es angefangen. Und während am Tisch von den Bedingungen der Welt die Rede war, ist in ihr ein unverschämter Wunsch entfacht. Sie wollte jetzt auch. Wunsch entfacht, sie wollte jetzt auch. Sehnsüchtig hat sie gewartet, um dem Däubler endlich zu fragen, ob sie mal hochgehen darf in die Bibliothek. Das ist an einem Abend gewesen, fast wie an dem heutigen. Sie war schon am Abstreifen vom Schmutz im Gesicht, die Haare aus der Stirn, da ist er her, hat einen Schlüssel hingelegt, geht die Stufen rauf, da steht der Schrank mit der großen Vitrine. Du kannst von außen reinschauen, was drin ist. Wenn dir einer der Titel gefällt, sperr auf, fang einfach an. Wenn du nicht mehr aufhören kannst, wie ich mit dem Robinson als junger Mensch, dann reden wir weiter. So ist es dann einige Zeit gegangen. Die Martha durfte, wenn die Arbeit gut verrichtet war, wieder lesen gehen. Der Däubler hat manchmal Vorschläge gemacht, welche Lektüre zu empfehlen oder aus seinem Leben berichtet, noch bevor die Gesellschaft eingedrudelt ist. Die Worte in der Runde hinter der Versammlungstür sind schärfer geworden, weil es auch politisch schärfer, wie es die Zeitungen nannten. Da waren Leute darunter, die sind polizeilich gesucht worden, weil es doch das Jahr der Revolution. Nach einem Vorfall, da hat einer ihr einen Spruch nachgerufen, über ihr wenig weibisches Gestell und einen obszönen Lacher nachgejagt. Da hat sie gesagt, was sie sich denkt. Dass oft sich einer das Hirn wegsauft, dass nur mit Dummheit rauskommt solch einem. So hat sie es dem Herrn hingerufen, der verdutzt mit seinem Lodenjanker breitbeinig auf der Bank. Der Brandwein sei im Übrigen auch für alles Sonstige, womit ein Mann sich gern brüste von bedauerlichem Nachteil. Das merkt er sich, wenn er mal eine, die er lieb hat, mit ihm in die Kammer, dann will er ja nicht versagen. Was redet sie denn? Es lachen die Leute um ihn. Was redet's die Dirn? Es lachen die Leute um ihn. Die Martha hochrot, merkt, wie sehr sie sich rausgelassen da war, sie schon dabei, sich zu entschuldigen, unertienlich den Kopf gesenkt. Fährt der grobe Tourist hoch, die Wiener Partie in der Wirtsstube verstummt, jeder lugt dem anderen ins Auge. Es bräuchte einen Funken vom Falschen, die Lage würde explodieren. Da geht er hin, der Täubler, und meint, ob er denn noch was zu melden hätte, der Tourist. Und weil der Täubler ein stämmiger Bär, da verstummt der Städter, versinkt dem schicken Janker. Nach diesem Vorfall war es anders zwischen ihr und dem Täubler. Er hat sie immer tiefer eingeführt in die Bibliothek. Eines Tages dann draußen hat es wild geregnet, in der Stube hat es gedampft, einige Wanderer sind gestrandet, aber sonst war niemand im Wirtshaus. Da ist der Däubler zu ihr hin, sie hat gerade die Hühner gefüttert und er hat ihr gesteckt, wo die Kiste ist mit den Schriften, die keiner je im Öffentlichen zu Gesicht bekommen darf. Sie ist in den Dachboden, unter Decken und präparierten Schädeln von Hirschen, Wildschweinen, ein mächtiger Adler, verstaubte Trophäen da, waren die Latten unvernagelt, drunter ein zweiter Boden, drin, nach hinten geschoben, die Truhe. Sie erinnert's bis heute ganz lebendig. Sie schiebt die Kiste ins Licht, das schwach durch die Dachluke schimmert, hebt den Deckel, schaut auf die gestapelten Schätze. Sie liegen ruhig und beschaulich. Ein Buch weiß nicht um seine Gefahr. Erster Start macht sie zum Gift. Jetzt stockt sie, ein Knarren hinter ihr, die Wirtin, die Eleonore. Die Mater fährt herum. Ihr wär's erlaubt worden, sagt sie rasch, von ihrem Mann. Mein Mann, schnauft die Wirtin. Zwei Frauen und unausgesprochen die Verbitterung. Sie sind wie seine Kinder, die Bücher. Hat die Martha eine Grenze überschritten? Nachwuchs hat die Eleonoria nie gekriegt. Eine treue Frau, der noch immer gewesen, seine Gefährtin, sagt der Däubler in großer Lieb, so kommt es der Mater jedenfalls vor. Ganz innig stehen sie manchmal Hand in Hand, schauen ins Trauntal rein. Die Wanderschuhe an, weil es eine romantische Runde gegangen. Der Däubler ja auch ein Sammler von Halmen, Gräsern, Schmetterlingen. Hier stehen die Wiesen, während die Eleonore mit einer Zigarre auf der Bank auf ihn wartet. Ihm ein Kopfschütteln nachjagt. Dem Däubler, dem die Bestimmung von Natur und Mensch die einzig wirkliche Regung. Wirst ihm halt gefallen, Kind, dass er dich hier reinlässt. Die Chefin mustert die Martha, gampiger Hund. Sie findet, er vertraut zu sehr. Naulich hätte er einem Journalisten aus Wien seine gesamte Lebensgeschichte vorgelegt. Die war dann abgedruckt. Groß, im Journal aufgeblasen und voll Lügen. Hat das jetzt sein müssen, Konrad? Hat sie ihn geschimpft. Die Frau, die die Abrechnung macht. Tut mir leid. Die Frau, die die Abrechnung macht und mit der Finanzpolizei konversiert. Damit läuft das Geschäft, während der Herr im Haus weltmännisch sudert und die Zeit übersieht. Mach dir nichts vor, Kind, hat die Eleonore sich der Marta zugewendet. Bist auch nur eine, die vorübergeht. Er kennt nur sich. Auf Reisen ist er allein. Briefe hat er immer geschrieben, aber lass er mich mal mit. Und unter den Büchern keine einzige Frau. Männerwerke, Männerrunden, Männerfreiheit. Der spinnt doch, mault daheim der Patenonkel. In seinem Gefolge der Ignaz, der Älteste des Onkels. Fesch ist er geworden, der Ignaz. Groß und wie der Onkel soll er ein Gendarm werden. Ist was zu tun im Land. Nicht getraut hat er sich, die Mater anzureden. Sie hat es dann selbst gemacht. Geh her da, wir tragen das Bier zum Bach, wird kühlgestellt. Bei einer Tauffeier war das und die Männerrunde hat übers Dorf debattiert, über Ischel geschimpft, die Wiener ausgerichtet und über den Däubler freiwillig. Immer wenn der kommt, vergeht einem der Spaß, hat immer was zu schimpfen und provokant, dass dem niemand sein Maul. Dass die Martha dort im Däublerhaus arbeitet, ist dem Onkel nicht recht, sollt aufpassen, das Dirndl. Was meinst, faucht die Mutter. Der Onkel drauf, fast hämisch, soll heißen vom Badeinspektor aus Ischl her, sei ein Komplott. Das Salzkammergut unter Aufsicht. Seit dem Attentat auf den Kaiser. Was hat der Däubler mit dem Attentat? Hat alles was zu tun. Widerspricht der Onkel und berichtet mit bedachten Worten nun weiter vom Badeinspektor, der seit Monaten ein anderes Regiment anführe gegen die radikale Stimmung. Das ist im Februar gewesen, das Attentat. Hat schnell die Runde gemacht. Auf den Franz Josef wurde eingestochen. Nationalistische Schweine, nennt es der Onkel. Der Ignaz daneben nickt den Arm des Vaters, der ein Rejonsinspektor auf der Schulter spürend kann nicht anders als zu nicken, denkt die Mater. Wenn der Fleischermeister Ettenreich nicht gewesen wäre, dem wird jetzt der Ritterstand. Solcher Leute braucht es, die sich dem Attentäter dagegenwerfen, nicht den Schlag von Aufstacheln wie den Däubler. Was, Bub? Wieder drückt die Vaterhand. Kräftig. Wieder nickt der Ignaz, der einen Postenanwärter und regelmäßig die Sicherheitsrunde zu machen hat, damit der Sommer in Ischel nicht in Gefahr gerät, soll doch ein Geschäft bleiben, der Tourismus. Die Unruhe dennoch groß. Mit einem Mal schaut die Martha anders in die Familienrunde, als Laura hinter jedem Kopf ein gespenstischer Schatten, der bald den Mund einem zudrücken könnte, so fest wie diese Patenonkelhand. Red nicht zu viel, Dirndl, der Staat schaut auf seine Kinder. Und da ist er endlich, der Ignaz. Die Martha legt das Buch zur Seite, ganz durcheinander noch vom Inhalt und von den Erinnerungen, die ihr eingefahren sind, ausgelöst vom Feuerbach, der Eigentümliches formuliert. So etwas hat noch selten wer vernommen. So kann sie sich fast nicht auf die Ankunft des Verehres einlassen. Sie steckt noch zu sehr in den Zeilen. Das merkt der Ignaz freilich. Freust dich nicht? Freu mich doch. Sie steckt noch zu sehr in den Zeilen. Das merkt der Ignaz freilich. Freust dich nicht? Freu mich doch. Sie fällt ihm um den Hals. Den Feuerbach rasch unter eine Decke geschoben. Heft und Schreibstift im dunklen Eck platziert. Er, der Ignaz, geht sofort mit der Hand an ihre Brust. Sie zuckt. Willst nicht? Doch, klar will ich. Drückt sie dann fest daran, die Ignaz-Hand. An ihre warme Haut, ganz nah. Jetzt zuckt aber der Ignaz. Vielleicht war sie zu schnell, vehement. Hat sie ihm die Kontrolle genommen? Er steht in Uniform. Kommst vom Dienst. Er nimmt die Kappe ab. Hockt sich abseits. Hat Schnaps dabei. Hat noch zu tun in der Runden. Und er meint damit die Burschen, mit denen er neuerdings oft unterwegs ist. Da wird ebenfalls politisiert, aber anders wie beim Däubler. Ihr habt es gesoffen. Was verstehst, torkelt der Ignaz, der noch nie außerhalb des Tals, aber so tut, als könnte er das Wesen des Menschen erfassen, jedenfalls jenes von ihr, der jungen Frau, der Martha, die nun plötzlich über den Ignaz hinwegblickt und erschrickt, dass sie derartiges überhaupt zum Denken imstand. Es ist ihr in den letzten Jahren gewachsen, so ein Denken, ähnlich wie auch ein Gang aufrechter werden kann oder der Blick frecher oder sie den Busen offener zeigt, wenn sie es will. Heute will sie es. Also setzt sie sich frech, posiert. Da fällt das Heft, in das sie eben noch ihre Welt notiert hat, vom Holzvorsprung auf die Latten am Stadelboden. Der Ignaz schnellt hoch, geht hin. Was ist das? Papier, lacht sie kühl. Noch nie gesehen? Das ist ihm nicht recht, dass die Martha so mit ihm redet. Er bückt sich, dreht den Einband, schlägt die Heftseiten auf. Kann der überhaupt lesen? Fragt sich die Marta. Fast geschockt, zugleich erleichtert. Ist nur Frauenzeugs, lügt sie. Hofft, dass er es dabei belässt, dass er nicht weiter bohrt und dass der Feuerbach in seinem Versteck bleibt. Sie geht drum zu ihm hin, küsst ihn aus Vorsicht, und merkt, er hat die Waffe dabei. Ist die geladen? Brauchst du die Bereitschaft? Wofür willst du denn bereit? Sie mustert ihn von der Seite, das schöne Profil eines schönen Menschen, der unschöne Gedanken in sich trägt. Eine Hochzeit am Berg wird der Ignaz wohl vorziehen, eine Flucht über die Felder, zu zweit barfuß, das hätte sie am liebsten. Da leuchtet ein Feuer durchs Tadelfenster rein. Der Ignaz dreht sich, zieht den Gürtel eng, stiefelt los. Was geht da vor? Ruft sie ihm nach, zerrt ihn zurück, er stößt sie weg. Sie wehrt sich, reißt dem Ignaz ihr Heft wieder aus der Hand. Habt dacht, wir reden heute über die Lie nächstliegenden Hof runterzieht, von Fackeln herkommt. Lass den Däubler, schreit sie, halt dich raus aus dem Politischen. Ist mein Radmatter, den Heiß haben wir schon, auch den Muss aus Mittendorf, den Gamsjäger aus Obertraun, den Gassen aus Ischl, den Loidl und den Elmer aus Laufen, liberales Gesindel. Sie wartet nicht lang, schaut, wie der Ignaz aus dem Stadel rennt sich den Trupp anschließt, der Richtung Däublerhaus zieht dann löscht sie das Licht huscht im Finstern übers Feld abschüssig, stolpert fast, unterhalb der Wiese liegt's die Wartburg Wild pocht nun wer aufs Holztor rausgeschrien wird der Wirt Däubler! Eine Handvoll Gendarmen, der Patenonkel voran, mit Gewehr, die Jugend vom Ort, im Gefolge nicht alle in Uniform, auch Zivile, die fanatisch mitgezogen sind. Sie umstellen das Grundstück. Nun hört die Martha auch die Berittenen, schnaufend ziehen die Rössernen Polizeiwagen. Eine enorme Aktion. Die Martha hetzt am Bachlauf entlang, duckt sich. Im Rücken der Horde, die da vor dem Däubler seinem Haus. Jetzt hört sie seine Stimme. Diese fragende, milde, doch stets provozierende, wieder jetzt weggezerrt. Sie richtet sich auf, spät hinter einem Holzstoß hervor. Der Däubler am Türpfosten hält sich. Einer drängt ihn zur Seite, er wehrt sich, was wollt's, liegt ein Haftbefehl vor, von Graz her, zeigt's mir den Wisch, der drückt ihm, wer den Mund zu, einige stürzen nun rein ins Haus, in der Wartburg gehen die Lichter an, Schritte auf den Treppen, sie läuft weiter, kämpft sich zum hinteren Gattern, springt über die Umzäunung, sie hört die Chefin, die Magd, den alten Knecht. Wieder der Ruf vom Täubler. Ein Schuss schnallt. Die Mata ist ins Haus geschlichen. Über einen Vorsprung wurde das Fenster offen. Steht an die Wand gedrückt. Dann die Stiefel eines Inspektors. Sie klacken am Steinboden. Die Mata macht keinen Mucks, im Schatten ausharrend. Lebt er? Bringt's ihn her da, ruft der Stiefelträger. Es ist nicht die Stimme vom Onkel. Wo ist der Ignaz? Jetzt schleift einer den Täubler heran, der wimmert. Sie hört ihn schnaufen. Gott sei Dank. Wo sind's, die Bücher? Wo liegt der Schund? Nix, Täubler? Es vergeht ein Moment. Die Anklage lautet auf Hochverrat, erklärt im Stakkato der Wortführer. Brauchst nicht glauben, kommst davon. 1.800 Gulden, lauter Rechnung vom Fink in Linz, ein Vermögen für Schund. Wo hast's versteckt? Oder hast alles unter die Leut gebracht, sozialistisches Gewäsch? Da ist ein Glasschrank, ruft eine Stimme aus dem oberen Stock. Das ist der Ignaz. Der Schlüssel fehlt. Die Mata könnte nur aufhängen. Oder mit seiner Pistole. Aufschlagen. Es klirrt. Ist das alles da oben? Noch immer kein Wort vom Däubler. Jetzt hört die Marta die Patenonkelstimme. Seltsam leis, so redet der Onkel nie. Fast eingeschüchtert. Der braucht was zu trinken. Aufrichten sollte man ihn. Der kollabiert. Eine Sorg im Rayonsinspektor. Aber gut, meinetwegen. Der Stiefelträger tritt nun ein paar Meter weiter. Die Marta hält die Luft an. Sie sieht seinen Nacken, könnte dessen Schweiß riechen. Du da, befehlt der Wortführer, zerrt jetzt die Annal, die Magd heran. Hol Wasser. Die Annal verschüttet fast den Krug. Dann kracht wieder was im ersten Stock. Schlagen die den Boden auf. Solltest kooperieren an deiner Stelle. Was ist es für eine Stelle? Fragt er endlich der Täubler. Eine schlechte Täubler. Schau her. Anschauen sollst mich. Willst sehen, wie es ausschaut. So eine, was sagt der Pfarrer Fritz? Ultraradikale Gesinnung, räuspert sich der Onkel. Ja, genau. Ultraradikale Gesinnung. Würd mich nicht spielen, Däubler. Wie war das? Christus, ein gewöhnlicher Mensch, niemals vom Tode auferstanden? Gerüchte sind's, Herr Badeinspektor. Die Däubler stimmen rau und gebrochen. Einen Esel, geht das Gebrüll weiter, einen Esel ans Kruzifix genagelt, zufroren Leichnam als Witzfigur verkleidet, unterm Regenschirm die Prozession gestört. Jetzt wird er getreten von den Stiefeln des Badeinspektors. Die Bücher haben nichts zu verbergen. Jetzt poltert es. Der Ignaz hat mit Gehilfen begonnen, einige Bücher in Säcken über die Treppen nach unten zu werfen. Gern wird sie ihn nun sehen, ihn aufrichten und mit ihm fort, weit. Utopie, Martha. Utopie. so gestrahlt hat er. Wie er einmal ganz bald in der Früh los wollte, auf den Dachstein, hat zur Martha rübergeschaut, die bereits den Morgendienst in der Küche begonnen. Willst hoch? Wenig später ist sie hinter ihm hinangestiegen, die Route vom Simoni. Oben am Berg konnte sie nun durchatmen. Niemandem war sie was schuldig, hat übermütig den Kopf in einen eisigen Bach gesteckt, gejohlt, wollte rufen. Was willst rausrufen, Martha? Keine Ahnung. Was ist die Botschaft, Martha, die die Welt hören sollt? Lasst meinen Mann, ruft jetzt die Chefin. Sie ist oben aus der Kammer getreten, wo sie festgehalten wurde, schreitet am Ignaz vorbei, die Wirtin steht groß, redet mit fester Stimme. Und lass das Haus, steigt die Stiegen runter, den Nachtmantel übergeworfen. Hört's auf mit der Misshandlung, ich zeig's an. Hat alles seine Richtigkeit, Knie, Frau, raunt der Badeinspektor. Sind angehalten, dem Recht Genüge zu tun? Sind angehalten, dem Recht Genüge zu tun? Und ist denn rechtens die Zerstörung unseres Eigentums auf einen Verdacht hin? Es gibt Zeugen. Wer will hier was bezeugen, als ob hier einer frei sprechen könnte? Lore, wirft der Däuber seiner Frau ein flehendes Wort durch den dampfigen Gang, erhitzt von den vielen Gerufe der Furcht und den Ansagen des Badeinspektors. Die Lore schreitet an den Inspektor ran, dann setzt sie sich auf den Sessel, wo sonst der Täubler hockt. Sie greift zum Tabakschrank, krabbt sich eine der Zigarren, als wollte sie alles an Aufmerksamkeit nun umlenken. Auf sie stellt sich vor den Badeinspektor, sie haben doch Feuer. sein Aufmerksamkeit nun umlenken. Auf sie stellt sich vor den Badeinspektor. Sie haben doch Feuer. Er irritiert, doch in seiner Rolle sucht die Streichhölzer. Sie pafft, bläst Rauch auf den Inspektor. Verzeihen Sie, wie mein Mann schon sagte. Wir haben hier nichts zu verbergen. Die Bücher sind untadelig, wie es ebenfalls jeder bezeugen kann So hat es ja selbst die Erzherzogin neulich bezeugt Als sie uns extra eine Visite abgestattet Hat sich denn der Wiener Hof beschwert Dass der einfache Mann in Goissen einen Shakespeare liest Lass gut sein, Lore Konrad geht sie jetzt an ihren Mann heran Die Martha erkennt im Schattenwurf flüchtig die Berührung der beiden. Versprich's, du kommst heim. Er sagt kein Wort. Der Badeinspektor geht dazwischen, führt ihn raus. Schwer das Geräusch der Ketten. Verzweifelt bleibt die Frau zurück. Versprich's. die frau zurück versprichs zu frontleichnam war der täuber losgezogen geschminkt schwarz und weiß sein gesicht ausladen das kleid in das er geschlüpft die schuhe mit glocken dran dass man den schritt von weitem kommen hört grotesk die kopfbedeckung der sich übergezogen eine maskerade zum feiertag recht gegrinst aber husten hat er müssen. Schwer lag ihm was auf der Lunge. Ist der Bajazzo? Hörst, Marta, der Gaukla und Narr, der an der Seite steht und jämmerlich lacht. Aus Italien hat er es mitgebracht. Die Verkleidung. Im Karneval ist es ein Taumeln, ein Springen in farbenprächtiges Wasser, Eintauchen in fremdes Kostüm. Wir könnten so viel mehr. Unrechtliches Wasser, Eintauchen in fremdes Kostüm, wir könnten so viel mehr. Die Haut war ihm ausgetrocknet, die Farbe ging kaum ab, nachdem er am Ende der Prozession ins Haus geschlichen kam, schnell ab mit der Farbe, bevor sie mich dran kriegen, hat er gescherzt. Die Martha hat ihm geholfen, ist mit den Händen übers Gesicht, getropft das Schwarz, die Augenpartie entlang, über die sch schroffen Lippen. Alt hat er dreingeschaut. Der Bayard so macht, lacht über den Tod hinaus. 1984. 1984 Der sechste Tag. Sechs Tage im Wald, im Zelt mit Schlafsack und nicht nur Sonnenschein gab's. Auch im Nass gelegen und ungemütlich erwacht. Auch die Sorge, wie es der Kleinen damit geht. Ob das der Kleinen noch gut und ob das ihr selbst. Der sechste Tag der Besetzung und Karin erstmals im Zweifeln. Was wenn alles umsonst? Nora stapft vor ihr durch Zweige, eben hat sie sie noch gewickelt. Jetzt wird das Kind rumgereicht, die jüngste hoffnungsfrohe Zeitgenossin im Protestcamp, wie Gudi sie nennt. Und mit großen Augen bestaunt Nora alles um sie. Die Bäume, die vielen Gesichter, das Lachen, das Herumstachsen im Laub. Oft will sie die Böschung runter an der Hand und hin zum Bach, zum kalten, frisch und klar Plätscherts. Über einen Felsvorsprung tropft's herab, wild wuchern Farne. Manchmal dampft's, wenn die Mittagssonne alles erhitzt. Hier sprießt sonderbarer Urwald. Selten hat sie die Landschaft bewusst betrachtet. Hat sie sie überhaupt schon einmal so gesehen? Das kannst nicht durchziehen, Karinin hört sie die Mutterstimme noch im Ohr das ist Schwachsinn was Mama das Wegsehen, das Abnicken irgendwelcher Interessen von Bauunternehmen und Wirtschaftstreibenden die einen Flecken Natur einfach mal so kaputt machen ist der Fortschritt redet die Mutter nach was in den Nachrichten steht Karin hat sich weggedreht in die dreckige Küchenfensterscheibe reingesagt. Was ist denn für dich dieser Fortschritt? Du kennst doch das Tal, glaubst so ein Kraftwerk bringt jetzt ein Wunder. Das sind Lügen. Du bist jung und in der Mutterstimme wieder die eingeübte Abfälligkeit, als könnte man nicht auf Augenhöhe. Ja, ich bin jung und... Gepudel dich nicht auf! Sie haben immer viel gestritten, so auch am Tag von Karins Aufbruch. Sie ist forsch geworden, auch provokant. Manchmal wollte sie der Mutter an die Gurgel. Auch wenn sie gewusst hat, es gäbe keinen anderen Platz, den sie sich leisten könnte, derzeit mit der Kleinen, dennoch, oder... Gerade deshalb hat sie sich's vorgestellt, wie eine Eskalation aussehen wird, ob sie in sich was trägt, was keiner sonst sehen will, das plötzlich herausbricht, eine Unerhörtheit, die ihr niemand zugesteht, auch nicht Hannes, mein Gott, Hannes. Der Hannes hat ohne dies nichts mehr dazu gesagt, ist zur Arbeit gestapft, an jenem Morgen vor sechs Tagen, gemurrt vor sich hin, der Dunst seines Atems in aller Herrgottsfrüh im Auto, das nicht anspringt und draufgetroschen auf die Armaturen. Sie hat's ihm mehr und mehr angesehen, wie ihr Hannes, der mal eine Fröhlichkeit in sich trug, nun ein unausweichlich Unglücklicher. War sie schuld? Die Dinge, wie sie waren, es hätte Offenheit gebraucht. Tun wir doch nicht so, als passt alles, Hannes. Aber ändern wollte er nichts. Will ja keiner wirklich, ruft sie, haut aufs Geschirr. Das scheppert. Jetzt reiß dich! Die Mutter fasst sie, Karin stößt sich los. Nicht mit mir! Dann ist sie fort. Nora in der Bergsteigertrage, die festen Schuhe, zehn Kilometer rüber zum Protestcamp in den Wald gestapft. Sie steht jetzt eng unter den Ihrigen, wie sie es mehr und mehr zu erzählen gewohnt ist. Nora hat sie nun im Tragetuch vor ihre Brust gebunden. Langsam wird sie schwer, die Kleine, bald gar nicht mehr klein. Der erste Geburtstag kommt, wird wohl im Wald gefeiert werden. Und kann sie es der Familie zumuten? Hannes, gestern ist er plötzlich dagestanden. Sie hat ihn hereinstapfen sehen, ins enge Tal in der Arbeitsmontur. Sie am Hang oberhalb hat runtergerufen, Hey, Hannes, er zu ihr hoch. Hey, wollt sehen, wie es euch, ich meine, passt's? Ja, passt, gut. Kommst heim. Schaut nicht so aus. Er hat geschwiegen, ist auf der Stelle getreten. Ich komme hoch. Wart. Sie ist runter, fast über Wurzeln gefallen. Er hat sie gefangen. Hey, schön, dass du... Ich soll wegen der Arbeit, also du bist zum Spionieren da, hat sie gescherzt. War aber ein trauriger Scherz. Sie hat gehofft, auch wenn es was Unmögliches gehabt hätte, dass ihr Hannes... Vielleicht ist in ihm doch was anderes. Wo ist Nora? Ihr geht's gut, spielt hinten am Bach. Du lässt sie bei Fremden? Alles gut, ist wie Familie hier. Ja, gut, stottert er, dann gehe ich wieder. Hat ihr eine Tasche hingehalten mit Essen, frischen Babysachen, einen Brief, sie hat ihn noch nicht geöffnet. Und Noras Geburtstag? Schauen wir mal. Sie hat ihm über die Wange gestrichen, er ist abgezogen, hat mit dem Fuß gestampft, sicher geweint, umgedreht. Pass auf, ist kein Freibrief hier. Sie krallt sich nun fest rein in die Hände um sie, die Reihe, die sich gebildet, von der sie zusammen mit Nora nun ein Teil. Sie steht inmitten ihrer neuen, spontan entstandenen, doch wild entschlossenen Familie, Leute, die sie oft wirklich erst seit sechs Tagen kennt, die aber eine seltsame Vertrautheit, als hätte man sich gefunden unter Gleichgesinnten, so sehr hätte sie sich gewünscht, dass auch der Hannes so einen Sinn, sag doch was, Hannes, hat sie ihm innerlich zugeflüstert, es rausgerufen in Gedanken, manchmal gebrüllt und zunehmend auch am Esstisch direkt. Willst nicht mal was sagen, Hannes? Wenn in der Firma, ich meine, jetzt drohen sie euch mit Kündigung, nur weil sich wer positiv über den Kraftwerksgegner... Geh, tu das ab. Der Kindsvater will die Nora halten, zu fahrig aber in seinem Tun. Der Nora ist nicht recht, die Fahrigkeit des Vaters. Sie stemmt sich ab, er drückt sie fester, will es richtig machen, aber steht auf der falschen Seite. Die zerstören nicht nur den Bach, wo wir uns verliebt haben, wo ich dir ein Versprechen, wo die Nora mal spielen, aufwachsen soll. Das ist die Zukunft der Kleinen. Die Mutter findet es überzogen. Solltet euch nicht reinziehen lassen, sind doch kriminell, kommt in Teufels Küche. Dass die Mutter für Aktivismus nichts übrig hat, war zu erwarten. Auch ihr erzkatholisches Thron. Hochrot ist sie in der Kuchel gestanden, den Brei von Nora am Sturz. Wir nehmen ja da die Gendarmerie ins Haus. Wir kämpfen schon seit zwei Jahren. Eben. Und viel war nicht mehr zu sagen. Die Mutter hat noch geflucht, dass das Neumodische jetzt auch zu uns gekommen wäre, dieses Emanzen- Getue. Das hätte auch der Hannes übrigens neulich gesagt, dass sie, die Karin, so sehr jetzt in die Stadt sich orientiert, nach Steyr, Linz. Sagt er das, der Hannes? Fein, hat die Karin gedacht. So viel ist auch anzunehmen gewesen, dass hinterm Rücken der gute Hannes auch nur ein Mann, der wettert, wenn sich mal wer auf die Füße stellt, noch dazu die eigene Verlobte, der kündigt ja noch die Hochzeit. Soll er, sagt sie drauf. Wenn er hier schon nicht mit kann, wie soll da ein Leben? Ums Leben geht's also und die Karin meint's ernst. So in Ernst meinen, da wird's körperlich, das gräbt sich rein, da hat ihr wirklich alles gezittert, wie sie sich nicht mehr umgeblickt hat, vor sechs Tagen dem Hannes noch einen Brief aufs Bett geknallt, dann doch sanft hingelegt, sich kurz gesetzt und letztlich gegangen, hat ihm geschrieben, dass das hier kein persönliches Ding, jedenfalls nichts, was er per se ausgelöst hätte, dass er jetzt nicht denken müsste, sie hätte einen Anfall, hysterischen Auszug, eine Phase, wie er es vor ein paar Monaten noch genannt hatte, als sie Ende Februar nach Linz aufgebrochen ist, um in Nora zum Landhaus. Die Karin habe ja früher nie rebelliert, muss sie wohl was nachholen. Das ist kein Nachholen, Hannes. Wir trommeln den Landeshauptmann aus der Sitzung, hat sie feurig erklärt. Als der Hannes neben ihr mit den Blumen, die er extra besorgt hat, weil er gedacht hat, er sei jetzt schuld, dass sie nach Linz zum Protestieren aufbricht. Geht nicht um dich. Er hat es nicht verstanden und bringt die Karin zum Zug, wortlos. Die Margariten lassen die Köpfe hängen. Ja, er hat sich Mühe gegeben, immer. Aber dass er mal übers eigene Tal raus, weißt, hat sie ihm weiters erklärt. Was im Wirtshaus neulich passiert ist, bei der Versammlung der Kraftwerksgegner mit den Vertretern der Betonbonzen. Der Hannes kurbelt das Lenkrad, reagiert nicht. Sie fährt fort, berichtet entrüstet von den abgeschleckten Typen bei dieser Versammlung, die das ganze Land am liebsten versiegeln. Hast du die schon mal gehört, wenn die am Reden? Ehe klar, die Gemeinde hat für reichlich Freibier gesorgt. Sachlich konnte sowieso keiner mehr was sagen. Und wie dann der Professor Jung, der ja extra gekommen ist, der hat über die Wichtigkeit des Moments, den historischen Akt, Hannes, dass der Planet bald kippt, wenn es sowas mal aus dem Mund von einem, der was davon versteht. Der Professor Jung hat das wirklich gut erklärt, wo wir jetzt sind und wo überall auf der Welt alles brennt. Es brennt ja alles, Hannes. Und was war die Reaktion? Glaubst du, wie reagiert die Gemeinde, wenn ein Professor von auswärts über die Vernichtung unserer Welt, was sagt er, so ein Fuzzi aus dem hintersten Winkel des Tals darauf? Der Hannes hat mit den Achseln gezuckt, lenkt den Wagen zum Bahnhofsvorplatz. Ihr Stieärm. Ist da der Karin aus dem Mund gefallen, der stirbt dem Hannes der Wagen ab. Er fährt hoch, was? Das ist gerufen worden, das Hannes. Ihr Stichärm. Das alles hat die Karin im Auto am Weg zum Zug nach Linz dem Hannes berichtet. Um ihm zu erklären, wogegen sich der ganze Protest richtet. Nicht nur, dass da ein Staudamm-Projekt in unberührter Natur passiert, nein, dass sie die Mächtigen sich wieder nehmen, wovon sie glauben, sich nehmen zu dürfen, in Selbstverständlichkeit. Der Chef von den Bonzen, das ist ja der Altlandeshauptmann. Was denkst, sagt da der neue Landeshauptmann, der mal sein Sekretär gewesen ist, sagt er ihm dann, du, das mit dem Hintergebirg, da sollten wir uns nochmal also wegen der Umwelt und so, den Scheiß sagt der, das ist eine abgemachte Sache, Arschlöcher, dein Zug, meinte der Hannes. Und schweigen. Und dann doch ein Ja, eh, aber. Und so ein Ja, eh, aber vom Hannes ist das Zermürbendste. Da hätte er lieber gleich ganz den Mund. Echt, Hannes. Sie hasst es, wenn ihr Mann, und er sollte doch ihr Mann sein, so antriebslos und so erschöpft, als sei das Leben eine einzige Niedergeschlagenheit. Und klar, sie versteht, dass er es nicht leicht hat. Gerade so eine Arbeit in der Schottergrube, und das ist dreckig und staubig und männlich, und dass mit ihm auch kein Gespräch zum Beispiel über die Feministinnen in Berlin zu führen ist. Über die neulich, was in der Zeitung stand, die als emanzipatorische Kolonne richtig für Randale sorgen und den Männern, die zuvor großspurig geprotzt haben, so richtig kontern, die zerdreschen denen in den Piepschoß das Mobiliar, Hannes. Das hat sie ihm am Sofa erzählen wollen, ihm den Bericht unter die Nase, aber er wollte das Hahnenkamm rennen. So ist der Hannes also im Tal geblieben, wie immer, und sie im Februar zum Landhaus. Großer Aktionstag, der Kraftwerksgegner, mit anderen Müttern aus der Gegend, die sie alle in Steyr kennengelernt hat, um die Sitzung in Linz zu sprengen. Sprichst, hat die Mutter entsetzt davor noch gerufen, in schlimmster Sorge eine radikale großgesogen zu haben. Und sie ist über die Jugend hergezogen, die nicht mehr richtig arbeitet und nur Rauschgift im Kopf. Da hat sich die Karin vor ihr einen Joint gedreht. Mach was, Hannes, mach was. Lässt du das zu, wenn der der Vater noch am Leben hat sie gekreischt, dann hat sie die Tochter schlagen wollen. Die Karin hat zurück, endlich hat der Hannes gebrüllt, Ruhe! So laut war er nie. Der Höflena fährt! das erste Mal das Gefühl, dass ihr der Boden wankt. Die Protestaktion mit den umgeschnallten Kindern in den Baby tragen um den Bauch hat sich seltsam illegal angefühlt, obwohl es das Legalste überhaupt sein sollte. Das Äußern von Kritik auf öffentlicher Stufe. So ähnlich muss das bei den Griechen gewesen sein, auch wenn sie gewusst hat, dass das sicher nur ein blödes Bild ist. Aber die Mütter mit ihren Kindern klagen an, rufen den Herrscher im Stadtstaat vor die Tore und auf den Stufen des Rechts wird debattiert. Sie erzählen, weswegen sie hier sind. Sie reden erst durcheinander, dann kehrt Ordnung ein und die Sitzung drinnen, in der es um die Geschäfte des Landes ging, unterbrochen, weil die Frauen einen Wirbel, ja was wollen's denn, sagt er endlich. Der Landeshauptmann steht nun direkt vor Karin und Nora, schläft an ihrer Brust, sie sind mitten im Gemenge, ein Fotograf drückt ab. Den Landeshauptmann hatte sie sich jedenfalls größer vorgestellt, mächtiger irgendwie. Wenn man ihm jetzt so direkt gegenüber, hat sie sich am Aktionstag gedacht, er sieht fast mickriger, verloren. Wild fuchtelt er, stellt die Brust heraus und will Freundlichkeit im Lächeln ausstrahlen. Ist er nicht eigentlich uralt? So viele Falten in diesem Gesicht. Der Landeshauptmann hat sich zwar eingelassen auf die Anliegen, die Beschwerden, hat dabei aber diese Art gehabt, die Karin auch vom Chef von Hannes kennt. Wenn dem mal was an Kritik zu Ohren, das wischt er weg. Gar nicht unscharmant, dafür umso hinterfotziger. Der Landeshauptmann hat Dinge gesagt, die er sagen hat müssen, meinte Gudi damals. Darum hat der Landeshauptmann ja auch gesagt, dass er selbst ein ökologischer Mensch sei, dass er ja vom Bauernhof, dass er darum wisse, was Naturschutz und Umweltschutz, dass aber auch die Chemie ihre Notwendigkeit, Vernunft und Augenmaß. Das waren die Lieblingsworte vom Landeshauptmann. Dann hat er genickt, zur schlafenden Nora in Karins Brüste reingelächelt. Karin hat nur gehofft, dass er jetzt nicht die Hand wie ein Opa ausstreckt. Sie hat sich zurückgezogen, ihm gesagt, das Kind sei das Zeichen, dass wir nicht für uns allein kämpfen. Wir tun es für die Kinder. Politik und gerade seine eigene sei immer auch für die Kinder, bestätigt der Landeshauptmann. Und fügt hinzu, wäre ich noch so jung wie ihr, ich würde auch auf der Seite der Kraftwerksgegner stehen. Aber, da ist es wieder gewesen, dieses Hannes Jai, aber scheiß was. Sie hat jetzt an eine andere Geschichte denken müssen, die sie im Steirer Tagebuch gelesen hat. Aber scheiß was. Politik, Alter, Macht, geiler Männer, die frivol abgeschleckte Opergefühle an den Tag legen. Und sie hat sich harsch abgewandt, ist fast die Stufen runtergepurzelt, hat sich gehalten, der Landeshauptmann ist nachgegangen, junge Frau, sagt die Stimme des Landeshauptmanns. So passen sie doch, Karin hat sich gefangen. Nun, ich rechne es Ihnen hoch an, dass Sie hier, dass Sie eine Überzeugung hat. Es ist natürlich wichtig, dass auch die Politik den jungen Stimmen Gehör schenkt. Nur sind wir aber auch für viele andere da. Für ihre Freunde in der E-Wirtschaft wollte sie kontern. Nur schluckt sie es runter. Sie mag es nicht, wenn ihr jemand an den Oberarm, wenn ihr überhaupt jemand, unaufgefordert. Die ganze Zugfahrt zurück in ihr Tal hat sie den Druck der Landeshauptmannhand gespürt, ein Druck, der ihr bis heute folgt. Wieder krampft der Bauch. Der sechste Tag. Heute wankt erneut ihr Boden. Bis hierher. Vielen Dank. Danke für die Aufmerksamkeit. Vielen Dank für die Lesung. Es haben sich viele Fragen aufgetan. Vielleicht, wir haben ja gesagt, wir dröseln das noch ein bisschen auf. Gehen wir zunächst ganz an den Anfang. Thema und da gibt es viele Abhandlungen und es ist ein weites Feld, theoretische Ansätze. Wie hast denn du dich angenähert an unsere Bitte, dich damit auseinanderzusetzen? Ich glaube, ich bin größtmöglichst entfernt von dem, was ihr vorgeschlagen hattet. Der Vorschlag ging in die Richtung, höchst spannend, über Erntehelferinnen zu erzählen. Genau, das war einmal unsere Idee. Aktuell in Oberösterreich immer wieder. Ich habe überlegt, wie schafft man es, etwas Prinzipielles zu sagen, was doch konkret genug ist, um spannend zu sein, aber über den Augenblick hinweg weist. über den Augenblick hinweg weist. Und ich sah mich damals nicht in der Lage, das über einen gegenwärtigen Vorfall zu machen und bin deswegen in die Geschichte gegangen. Habe aber jetzt auch beim Durchlesen das Gefühl, es muss unbedingt dann irgendwo im Heute weitergeführt werden. Oder eine der Erzählungen wäre sogar vielleicht eine zukünftige. Oder eine der Erzählungen wäre sogar vielleicht eine zukünftige. Ja, wie etwas Prinzipielles erzählen. Mir ist ein Buch in die Hände gefallen vor ein paar Jahren von Eric Vouillard, wenn ich ihn richtig ausspreche, Der Krieg der Armen. Ein ganz schmales Buch, das fragmentarisch eigentlich wie ein Staffellauf funktioniert, wie die Flamme des Aufbegehrens und Widerstands weitergereicht wird. Da geht es um die Glaubenskämpfe, Protestantismus im 16. und 17. Jahrhundert, Frankreich, Deutschland. Das sprachlich verknappt, systemische Zusammenhänge erzählt hat, aber literarisch. Und das hat mich inspiriert und ich habe einfach begonnen, dann eher vom Bauchgefühl heraus an einer Stelle einfach mal anzufangen. Und da ist immer eine Welt aufgegangen, das ist das Problem natürlich beim Schreiben, dass man dann zu viel findet und dann ins Große wieder denkt und dann wieder reduziert, reduziert. Und in der Zeit jetzt letztlich, wo ich zehn Erzählungen schaffen wollte, nur drei geschafft habe und jetzt heute erstmals die so nebeneinander in den Raum gestellt habe, wo ich selbst auch dann merke, was mir jetzt weiterhilft und wo es zum Weiterverdichten wäre. Ich habe mich eigentlich von verschiedensten wissenschaftlichen Aufsätzen dann bald in die konkrete historische Recherche begeben, was immer heißt, dass ich versuche, O-Ton zu lesen, möglichst Zeitzeugnisse, um der Sprache von damals nachzuspüren. Und dann mich, die zentrale Frage war dann, von welcher Perspektive gehst du ran? Und ich wollte dann die neugierige, unwissende Perspektive, darum bin ich bei diesem Scharfrichtersohn plötzlich gelandet, zum Beispiel. Oder bei dieser jungen Frau, die in das Haus stolpert. Da habe ich mich dann wiedergefunden und versucht, diesen Ereignissen zu folgen und sie zu schildern. Genau an dem Punkt stehe ich, glaube ich, jetzt. Bleiben wir einmal vielleicht bei der historischen Recherche. Deinen Texten liegen ja reale historische Gegebenheiten zugrunde und du recherchierst sehr viel. Du versiehst die Erzählungen auch mit Jahreszahlen, sodass man sie vor praktisch einem historischen Hintergrund auch aufnehmen kann oder sieht. Wie weit praktisch ist in deinen Erzählungen, etwa in der ersten Erzählung, etwas historischer Fakt und was ist Fiktion? Zum Beispiel sind Stefan Fadinger und Christoph Zeller wirklich exhumiert worden? Ja, die Eckpunkte sind immer Fakt. Also großes Feld, diese Erhebungen des Volkes in dem 16. 17. Jahrhundert in ganz Europa, in Oberösterreich, die sogenannten Oberösterreichischen Bauernkriege, die ein Krieg vieler war, nicht nur von Bauern, oder weil viele bäuerlichen Hintergrund hatten, waren eigentlich alle betroffen. Etliches, was ich nicht wusste, was mir wieder in Erinnerung kam. Und ja, Fadinger und Zeller waren nur einen Monat lang Bestandteil der Erhebungen, der Kämpfe. Die sind dann gefallen, wurden bestattet und dann ein Jahr später exhumiert und geköpft und dann die Leichname in einem Sumpf irgendwo abgeworfen, damit niemand die Grabestätte findet, um die Erinnerung auszulöschen, um den Keim wieder zu ersticken. Also 1626 war, was die Bauernkriege betrifft, in Oberösterreich das blutigste Jahr, mit scheinbar den 12.000 Gefallenen und später kam es immer wieder zu neuen Aufständen. Und das war ein Weg, glaube ich, der Mächtigen, um zu zeigen, wir schlagen auch den Toten die Köpfe ab. Skurrile Situation, da wollte ich dann nachgehen und herausfinden, wer waren die Scharfrichter. Da gibt es noch viel zu tun. Ich habe dann Erhebungen aus dem Tiroler Raum und aus dem Kärntner Raum herangezogen, wie die Praxis des Scharfrichtertums vonstatten ging. Und da ist diese sonderbare Figur entstanden, dieser Sohn, der viel zu viele Fragen stellt für einen Scharfrichter. Du sagst in deinem Video, dass du projektbegleitend auf die Mitsprache Homepage gestellt hast oder auf deine eigene Webseite, und man konnte es verlinken, dass dich die Frage interessiert, wie viel Unrecht braucht es, dass Veränderung passiert, dass Revolution passiert oder radikale Politik und dass du diesen Punkt herausarbeiten möchtest. Politik und dass du diesen Punkt herausarbeiten möchtest. Du hast jetzt drei Erzählungen in unterschiedlichen Zeiten angesiedelt. Hast du da wiederkehrende Momente gefunden? Hast du da Parallelen entdeckt? Gibt es ein System des Unrechts, Armut, Fremdbestimmung? Es sind natürlich alles Arbeitshypothesen, diese Fragestellungen. Frau Pant war eigentlich die Feststellung, dass immer dann etwas passiert, wenn Unrecht benannt wurde, das Gegenüber im Gespräch zu sicher, das verstanden zu haben, das System wöhnlich verspricht zu ändern, schleichend aber die Änderung nicht eintritt und dann wieder quasi die Reaktion ist, also erst immer die Debatten geführt wurden an den Stellen, die ich jetzt da beschrieben habe. Und dann das Unrechtgefühl dann groß ist, wenn das Reden aufgehört hat und wenn eine Gewalttat stattfand. Das bricht etwas vom Zaun. Dann ist die Eskalationsphase, die ganz verschieden, je nach Epoche ausfällt, mit verschiedenen Härte und natürlich technischen Mitteln und auch das Lauffeuer schneller oder langsamer verläuft, weil die Kommunikation anders verläuft, aber dann immer auch die Reaktion des Herrschaftssystems war jedenfalls in den drei Ereignissen, dass man sagt, um die Gewalt jetzt zu stoppen, müssen wir doch wieder die Verhandlungen aufnehmen. Dann wurde wieder versprochen, auch den Bauern wurde was versprochen, zugesichert, der studentischen und bürgerlichen Revolution, Revolutionsteilnehmer 1848 ebenfalls, ein Jahr lang sollte eine Verfassung ausgearbeitet werden und bei der Besetzung ebenfalls, dass ein Gutachten eingeholt wird und dann öffentlich verlautbart wird, dass das nicht genügt und dass der Staat dann doch eine andere Lösung vorschlägt, über die Köpfe hinweg, was dann die Zermürbung des Aufstands dann immer ist, weil mittlerweile so viel Zeit vergangen ist, dass alle Redelsführer oder Proponenten mundtot im Gefängnis oder hingerichtet wurden, auch in allen drei Phasen kann man das durchaus sehen, dass quasi der Widerstand dann bröckelt, weil einfach die Angst groß ist. Jetzt im letzten Fall, da geht es um die Umweltbewegung und die war erfolgreich und das ist auch etwas, was mir ganz unbekannt war, aber wir leben alle davon, dass das der Nationalpark Kalkalpen ist und das geht zurück auf ein Grüppchen von Menschen, die ein halbes Jahr bevor Hainburg stattfand, im Enstal eine Besetzung durchzogen und medial Oberhand erlangten, soweit ich das aus heutiger Sicht, bis zu meinem heutigen Recherchestand verfolgen kann. Und dann erst, weil es nicht mehr das 17. Jahrhundert war, sondern Gott sei Dank, dass etwas Vernunft manchmal in der Politik eingekehrt war. Wenn die Wählerstimmen schwinden und Menschen aus der Partei austreten, wurde die Landespolitik einsichtiger. Aber es gibt so einen langen Atem des Unrechts und das ist das Zermürbende, weil die Wege zu den Institutionen, die das vermeintliche Recht in Gesetze gießen, der ist kürzer für das herrschende System immer. Also ist es letztlich eine Frage des Geldes, der Zeit, der Durchsetzungskraft. Diese systemischen Ähnlichkeiten sind da, das zu beschreiben ist ganz schwer und ich glaube, diese Erzählungen machen auch wahrscheinlich letztlich was anderes. Sie erzählen alle von einer Dringlichkeit, glaube ich, und die dagegen rennt. Und ich hoffe, dass die Leserinnen und Leser diesen Drang mitnehmen und selbst weiterlaufen würden, aber die Erzählung dann aufhört. Widerstand ist ja ein Thema, das sich durch deine Arbeiten zieht, also was dich sehr interessiert, Widerstand gegen unverrückbare Ordnungen und dich interessieren Persönlichkeiten, die das Gegebene nicht einfach hinnehmen und die eine Ordnung oder so auch als veränderbar entlarven. Und siehst du diese Personen irgendwie als mutmachend, als Vorbilder? Ja, manchmal hat man Scheu zu sagen, Literatur soll Mut machen, aber absolut soll sie Mut machen und ja, viel weiß ich nicht und gehe dem als Neugierde nach und habe dann tatsächlich das Gefühl, viel war schon da oder durfte gesagt werden, war Debatte, ist quasi jetzt wieder ein neuer Tabubruch, obwohl vor 200 Jahren dasselbe schon am Tableau war. Und sowas wie die emanzipatorische Bewegungen im 19. Jahrhundert, ausgeliehen im 19. Jahrhundert, Frauenbewegung mit radikalen, großen Ansichten, auch politischen Erfolgen, dann wieder mundtot gemacht und durch eine Geschichte des 20. Jahrhunderts dann wieder fast von vorne beginnen müssen. Also es lohnt sich, für mich selbst dem nachzugehen, deswegen mache ich es. Ob es sich dann in weiterer Folge lohnt, daraus einen Text zu zimmern, der für andere interessant ist, das ist immer der Prüfstand. Bei dem ersten Roman hat es ganz gut geklappt in der Geschlossenheit der Form. Das ist jetzt eine, die mal so aufmacht. Das muss man nur schauen. Darum steht da jetzt Werkstattlesung. Mir ist auf der einen Seite aufgefallen, dass das Jahr, das du angibst, eigentlich nicht, also nicht das Jahr 1626 ist, das Jahr der Bauernkriege, sondern 1627, da ist praktisch der Aufstand schon niedergeschlagen. Und es ist das Jahr 1853 und nicht das Jahr 1848, sodass da auch schon wieder der Neo-Absolutismus herrscht. Aber 1984 ist 1984. Also sagt das das aus, dass praktisch da etwas geglückt ist, 1984? Nein, ich glaube, es ging um die Suche nach der Perspektive, der Hebel, wo ich ansetze. Und das war zweimal der nachträgliche, weil ich auf den Scharfrichter kommen wollte, um nicht dem Fadinger wieder eine Glorifizierung nachjagen zu müssen, sondern ganz anders heranzugehen. Und Konrad Abel wurde verhaftet, 1953, war in Haft, Untersuchungshaft, einige Monate dann in Justizanstalt, also in einem Gefangenenlager muss man sagen, zwei Jahre lang, bis er zurückkommen konnte und über zehn Jahre lang nicht mündig für die Gesellschaft dann rehabilitiert und hat weiterhin, sagen wir, volksaufklärerisch gehandelt und sehr viel in der Region für Menschen, glaube ich, versucht. Und gleichzeitig habe ich das versucht auch so zu beschreiben, es ist natürlich immer eine gewisse Freiheit, die da gelebt wird. Also er ist jetzt der Bauernphilosoph, ist natürlich ein männlicher Philosoph, der sich selbst so nennt, aber höchst spannend. Und dass es dann 1953 ist, macht dann die Möglichkeit, dass man ein bisschen nachträglich auf die Revolutionsjahre schaut. Anderes erzählen wie bei der Karin-Erzählung. Bildung und Bücher und Literatur, sind das für dich so hoffnungsträger Aufklärung? entdecken oder zu erzählen oder auch ganz basal, was es heißt, etwas entziffern zu können, eine Anschlagtafel zu lesen und auch eine Gegenbotschaft zu formulieren, wie wichtig das ist. Das sind die Waffen, die man hat, wenn andere andere Waffen haben. Deswegen ist es da drin. Und das Zweite, was mir unterlaufen ist, aber das habe ich dann schön gefunden, dass da und dort das Theater eine Rolle spielt. Der Scharfrichtersohn hat irgendwie da so fahrende Theaterleute vor der Stadt gesehen, die anders reden und tanzen und sprechen und singen. Und auch Däubler hat scheinbar Irritationsmomente geschaffen, indem er als Harlequin verkleidet da rumgesprungen ist in Gäusern. Genau, also das ist auch für mich immer die Frage, was sind die Orte, wo man etwas die Welt anders begreifen kann und dann aber auch das andere mit rausnehmen kann, nachdem man das Theater verlassen hat, dass das auch irgendwie ein Restbestand da ist, wenn man das Buch zuschlägt. Das ist immer das Schwere, weil man konsumiert ja gerne Kunst, aber dass daraus was entsteht, das lässt sich ja nicht erzwingen. Das ist immer das Schwere, weil man konsumiert ja gerne Kunst, aber dass daraus was entsteht, das lässt sich ja nicht erzwingen. Das muss dann sowas wie ein Nachhall von etwas sein. Ich habe das bei Däubler vorgefunden, dass das sein Mittel war und habe dann plötzlich bei dem Scharfrichtersohn auch diese Theaterleute vor mir gesehen. Bevor wir noch zu Literatur und Schreiben kommen, vielleicht noch Adelbert Stifter hat ja die Revolution, war für ihn auch ein einschneidendes Erlebnis 1848 und der hat als Ausweg in die Bildung gesehen. Also wenn die Bildung für alle, gerade auch in den Landschulen, also je gebildeter die Bevölkerung ist, desto weniger Gewalt ist notwendig, Persönlichkeitsbildung und so weiter. Du hast aber jetzt den Täubler oder die Martha eher, oder die Literatur, die Bücher, die sie lesen, die Martha eher, oder die Literatur, die Bücher, die Sie lesen, eher als auffordernd und aufstachelnd gesehen, nicht wie Stifter irgendwie, was Gewalt verhindert oder beruhigen kann? Also, das würde ich jetzt nicht als Gegensatz begreifen. Es kommt auf die Spicher an? wie Stifter die Bildung definiert, nicht das ist, was jetzt der Täubler definiert hat und die Mater in meiner Erzählung mitnimmt und auf was ich hinaus will. Also es ist sicher nicht das sanfte Gesetz, was hier propagiert wird. Und es ist auch fraglich, ob die Vorstellung, wenn alle gebildet sind, dass Unrecht verschwindet, weil es ist eine Frage des Geldes, dann letztlich, wer Zugriff zu den Waffen hat und auch in einem vermeintlich gebildeten Europa und in vermeintlich gebildeten Politsystemen, vermeintlich gebildeten Politsystemen, ist es keine Lösung oder keine Antwort darauf zu sagen, der eine ist einfach Psychopath oder dumm, darum greift er wieder zu den Waffen. Scheinbar ist es das System immanent, dass Bildung nicht Gier ausschließt und nicht Selbstherrlichkeit oder andere auch davon abhält. Es gibt ja immer auch sehr kluge Gründe, scheinbar kluge Gründe jetzt mitzuziehen. Manipulation zu betreiben muss man höchst gebildet sein. Ich glaube, dass die Geschichte uns lehrte, dass Diktatorinnen oder die Diktatoren, muss man jetzt männlich sagen, nicht die ungebildetsten Menschen gewesen sind. Aber Stifter hat es im Sinne von Persönlichkeitsbildung gemeint, wo natürlich praktisch ein gewisses Maß an Ausbildung auch dazugehört, aber mehr, nämlich die Persönlichkeitsbildung. Aber bevor ich noch frage, wollte ich Sie fragen, möchten Sie sich am Gespräch beteiligen? Zwei Fragen hätte ich noch. Weil das war jetzt der Punkt, wo man sagt, da denke ich ganz anders. Vielleicht kurz nochmal, mir ist aufgefallen, dass zwei von den, aber das mag Zufall sein, von deinen drei Hauptfiguren Frauen sind. Ja, das finde ich zunehmend wichtiger. zunehmend wichtiger, dass man, also es ist immer eine bewusste Setzung, es ist immer eine bewusste Setzung, wie Figuren entstehen und seit ich zwei Töchter habe, noch mehr, also ich habe das Gefühl, das muss dann drunter stehen, das ist für meine Töchter und das ist, weil ich, aber es ist keine Doktrin, aber irgendwie tut es mir auch gerade gut, die Perspektive bewusst zu wählen. Es kommen eh so viele Männer in die Literatur vor. Ja. Nein, also in der Recherche stellt sich immer raus, über die Männer findet man immer was. Also die Biografien von Frauen sind so schlecht dokumentiert. Und jetzt findest du was über Däubler, aber über die Eulonore Däubler viel weniger. Und das ist eine Frage der Geschichtsschreibung. Und ich bin auch Geschichtsschreiber und Chronist. Also ist es jetzt dann der Zeit, dass man auch genauer die Frauengeschichten erzählt. Du hast ja in deiner, ich habe anfangs diese Monatskolumne für das Wiener Schauspielhaus erwähnt und in dieser Kolumne zur Verantwortung des Schreibens hast du die Frage aufgeworfen, was kann ich tun angesichts einer katastrophalen Wirklichkeit und gleich darauf gefragt, verändert Schreiben die Wirklichkeit? Du findest, dass die Frauen unterrepräsentiert sind. Und wie siehst du das überhaupt verändert, schreiben die Wirklichkeit? Also das konkrete Zitat kann ich mir nur ganz genau erinnern. Das war ein paar Tage nach Fukushima. Und das sind so Momente in unserer westlich aufgeklärten Welt, dieses Wiens, wo ich damals gesessen bin, Theaterleute und keiner weiß so richtig, wie das jetzt einordnen. So ging es uns vor drei Monaten, also mir und noch immer. Und dann hat man immer das Gefühl, alles, was man sagt, ist das Falsche, es genügt nicht, es ist an der Zeit, dass man was sagt, zu schweigen ist auch das Falsche, andere reden eh so viel oder gerade wieder das Falsche und dann ist deine Arbeit Sätze zu schreiben und dann stehst du vor historischen Ereignissen, vermeintlich historischen. Bei Fukushima war das dann so, das sind immer so diese Sätze, die eigentlich ich mir selbst dann schreibe, um dann in eine Routine wiederzukommen. Weil was eigentlich das Wichtigste ist, so wie bei allen Arbeiten, zu tun. Und ich merke, wenn Flüchtlingskrise 2015, es dauert eine Woche, bis ich mich hingesetzt habe und erstmals, egal, ich habe dann quasi nichts geschrieben die Woche. Und das ist selten, dass ich nichts, nichts schreibe. Und dann überlegt man, an was liegt das jetzt? Und dann, Jahre später, klingt der Satz fast so als Programm. Ich glaube, das ist es nicht. Es ist immer wieder neu, die Aufforderung zu schauen, wo bin ich jetzt und was ist das, was ich tun kann? ist das, was ich tun kann. Und gerade da denke ich, diese Erhebungen aus der Geschichte, sie verstaubt sie sind und so komplex sie vielleicht sind und so undurchschaubar, das runterzubrechen und als Erzählung oder Chronik eines Landes von unten oder von der Seite, vielleicht hilft das, weil man die von oben herab kennt man und viel hat man wieder vergessen. Und es könnten auch Vorbilder und mutmachende Figuren vorkommen. Etwas, was nicht die Nachrichten können oder nicht die wissenschaftliche Abhandlung, die absolut notwendig ist. Aber genau, das ist der Punkt jetzt gerade, an dem ich bei dem stehe. Meine abschließende Frage wäre zu deiner Sprache, weil du hast eine sehr, meines Erachtens, unverkennbare Sprache und der sprachliche Ausdruck ist dir enorm wichtig, auch in deinen Stellungnahmen, die du in deinen Kolumnen, die du geschrieben hast. Du nennst sie einmal eine verbale Klinge und du schreibst auch, was es braucht, ist eine Sprache des Widerständigen. Und also die Sprache, wie hat sich die bei dir entwickelt? wie hat sich das bei dir entwickelt? Weil es ist schon auffällig, dass sie verkürzt ist, teilweise elliptisch und so weiter. Darüber müssen sich andere den Kopf zerbrechen, wie das genau, also es ist etwas Intuitives und dann ist es etwas Rhythmisches, was ich hier mache. Und was vielleicht als Zugang für mich wichtig war, ich hatte in einer Phase im Studium, wo ich nicht dachte, dass ich mit dem Schreiben Geld verdiene, das Gefühl, ich kann öffentlich den Mund nicht aufmachen, Das Gefühl, ich kann öffentlich den Mund nicht aufmachen in einem Hörsaal mit lauter sehr gut sprechenden Studierenden aus dem schönen Nachbarland Deutschland, die tatsächlich rhetorisch gewieft waren und ich mein Oberösterreichisch irgendwie nicht unter Kontrolle brachte und im Schreiben merkte, dass das produktiv sein kann, dieser Widerspruch. Ich glaube, da habe ich erst mal bewusst dann darüber nachgedacht. Und seither ist was entstanden, hat viel mit Theater zu tun, mit dem Wort, das gesprochen wird. Es drängt, gesprochen zu werden. Es ist ein Sprechtext. Sonst wäre es ein stummes Stück, was auch schön ist. Aber diese Sprache als Klinge, Es ist ein Sprechtext, sonst wäre es ein stummes Stück, was auch schön ist. Aber diese Sprache als Klinge, du sezierst, schreibst du einmal? Ja, das hat mit meinem Namen zu tun. Als Arzt habe ich dann überlegt, was ist mein Zugang dazu. Es ist natürlich ein Zitat, also viele schärfen die Sprache oder graben in Schichten. Es sind immer wieder Bilder, die einem aber, glaube ich, wieder vor Augen führen, was es sein kann. Also was ich meinte mit das ist meine Waffe, das ist kein Gewaltaufruf, sondern ein sich nicht zu verstecken, ist der Aufruf. Man hat was. Das ist ein wunderbares Schlusswort. Wir haben alle die Sprache. Ja, danke, Thomas Arzt, für diesen Einblick in die Werkstatt und wir hoffen sehr, dass daraus vielleicht wirklich ein Buch wird und das Buch, das schon erschienen ist, die Gegenstimme, wir haben einen Büchertisch, die können Sie heute bei uns erwerben und Thomas Arzt ist hoffentlich bereit zu signieren. Ich lade Sie ein, dass Sie noch ein bisschen im Stifterhaus bleiben, vielleicht das Gespräch suchen. Und sonst wünsche ich Ihnen noch einen schönen Abend. Danke. Vielen Dank. Vielen Dank.